Ausgabe 
13.10.1932 Erstes Blatt
 
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Roman von (5erf Rothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 10. Fortsetzung. Dachdruck verboten!

Jetzt lagen sie still und trostlos da. Dur in dem roten Gebäude, demjenigen, das dem Hause Fritz Lohgartens am nächsten lag, wurde noch gearbeitet. Aber es war doch nichts mehr im Vergleich zu dem. was die Lohgarten-Werke einst gewesen waren. , ,

Drüben in Fritz Lohgartens Hause brannte noch Licht. Vielleicht arbeitete der einsame Mann noch? Sie konnte es ihm nachfühlen, wie es an ihm reihen mochte, daß dieser Rückgang gekorn- men war.

Was hatte Väterchen vorhin unten gesagt r Die Zeiten sind miserabel: aber zugrunde gegangen wären die Werke nicht, wenn dieser Satan, dieser Altendorf nicht gewesen wäre. Der hat es sich was kosten lassen, unseren armen Ches zu ruinieren. Wenn man doch nur wüßte, was der damit für eine Absicht verbindet? Denn wenn die Lohgartens an den Vettelstab kommen, was er doch augenblicklich bezweckt, dann ist es um ihn doch auch mit geschehen!? Er lebt jetzt sehr bequem von dem Geld, das unser gnädiger Herr den beiden Damen, der Stiefmutter und Stiefschwester, zur Verfügung stellt."

Wie furchtbar das war. wenn der Vater recht hätte! Wie viele schwere Stunden mochten dann hinter Fritz Lohgarten liegen. Stunden die er mit sich allein durchkämpft haben würde, denn er besah ja niemanden.

Diemanden?

War das nicht schon wieder ein anmaßender Gedanke? Konnte er nicht zuweilen Trost und glückliche Minuten bei einer Frau finden, die er liebte? .

Traute schlang die zitternden Finger ineinan­der. Sie fühlte, wie diese Finger eiskalt wurden.

Das Mädchen dachte entsetzt:

Was ist mit mir? Was geht es mich an. wenn ihn eine andere Frau liebt?"

Traute stand da und starrte auf die erleuch­teten Fenster in Fritz Lohaartens Hause und große Tränen liefen über ihr Gesicht, And der Dachtwind strich lind um das kleine Haus.

Am fünften Tage nach ihrer Heimkehr sagte Vater Dolscher beim Mittagessen:

Da, Traute!, morgen früh antreten im Labo­ratorium. And sei brav und fleißig! Herr Loh­garten sagte mir, dah er nur noch ganz treue, erprobte Menschen um sich gebrauchen könnte. Er spielte damit auf die Gemeinheiten an. denen er in diesen letzten Zähren ausgesetzt war. Dun. wir wissen ja seit langem, von welcher Seite es kommt. Doch geholfen ist uns damit auch nicht. Zrn Gegenteil, gerade nach dieser Seite kann nichts unternommen werden. Das heiht, man könnte schon, aber Herr Lohgarten will es nicht. Er schont solche Leute auch noch. Also Trautel, nie einem Menschen Rede und Antwort stehen, wenn er dich nach dienstlichen Angelegenheiten fragt. Auch Herrn Lohgartens Verwandten gegenüber nicht. Auf keinen Fall. Du bist noch nicht erprobt, du mußt ja erst beweisen, dah du zuverlässig sein kannst. Halte dich für morgen

früh bereit? Zch komme« auf einen Sprung her­über und hole dich ab."

Trautes Gesicht war bläh, als sie leise sagte: Sei unbesorgt, Vater, ich werde treu und zu­verlässig sein." . _ _ . _.

Es klang so feierlich wie ein Schwur, und die gnxi alten Leute sahen sich ein bihchen ver- ^^Sie^freut sich eben doch sehr, dah es so schnell mit der Stellung geklappt hat", dachte Vater Dolscher befriedigt und tronf sein Gläschen Ma­genbitter, das er nach jedem Mittagessen zu sich nahm.

Am anderen Morgen stand Traute schon sehr zeitig angekleidet da und wartete. Sie hatte alle De Herr sch ung notig, um der Mutter nicht zu zeigen, wie aufgeregt sie war.

And dann stand sie im Büro vor Herrn Loh- garten.

Vater Dolscher blickte nun doch erschrocken.

Mein Gott, das Mädel, das dumme! Was hatte sie nur? And der Herr Lohgarten war doch solch ein gütiger, freundlicher Mensch vor dem brauchte sich doch wahrhaftig so ein junges Mädel nicht so zu fürchten, als sei er ein Zucht­meister. And wenn sie ihre Sache machte, dann würde die Stellung hier sicherlich sehr angenehm ^Frih Lohgarten blickte erstaunt auf das schöne, schlanke Mädchen.

Das war die kleine schmale Traute? Wie die sich zu ihrem Vorteil entwickelt hatte! Hm!» eigentlich war es schade, dah das schöne Geschöpf- chen seine Tage in dem immer ein wenig düsteren Laboratorium verbringen sollte: aber es lieh sich ja nicht ändern, und die Stellung würde immerhin angenehm sein, wenn die Kleine ge­wissenhaft und fleißig war.

Fritz Lohgarten, trotz der grauen Haare an den Schläfen jung und straff aussehend, reichte dem Mädchen die Hand.

Guten Tag, Fräulein Dolscher! Dun, Sie sind ja eine richtige junge Dame geworden. Wir wollen also einmal sehen, ob Sie sich hier ein­zuarbeiten vermögen. Vater Dolscher möchte es gern, daß Sie hierbleiben."

Herzlich und warm war der Druck seiner Rechten, fast ein wenig väterlich klang seine Stimme.

Traute sagte:

Guten Tag, Herr Lohgarten! Ich hoffe. Ihre Zufriedenheit zu erringen."

Es blitzte überrascht in seinen Augen auf die wenigen Worte gefielen ihm. Man sah dann in den tiefen Klubsesseln, und Lohgarten besprach kurz und sachlich, woraus Trautes Tagewerk zu­nächst bestehen würde. Einmal trafen sich die hellen blauen Männeraugen mit den schimmern­den Augen Trautes. Ein schweres Grübeln kam in die seinen, während dos Mädchen bis ins Herz hinein erschauerte.

And jetzt, gerade in diesem Augenblick, kam dem alten biederen Manne, dem Werkmeister Dolscher. ein seltsamer, trauriger Gedanke.

War es kein Glück für Traute, dah sie hierher kam? Wurde sie in irgendeinen Wirrwarr mit hineingerissen?

And jetzt, in diesem Augenblick sah wohl der alte Mann erst so recht die blühende, traumsühe Schönheit des Mädchens. Ein mohloser Schrecken sah ihm plötzlich in der Kehle. ___________

Ein solch schönes, junges Menschenkinö ver­traute man doch keinem Wanne an!?

Vater Dolscher zuckte zusammen.

War er verrückt? Am wen handelte es sich denn hier? Am den ehrenwertesten Wann, den er kannte. Am Fritz Lohgarten! Zeder häßliche Gedanke war Sünde, soweit es sich um Fritz Lohgarten handelte.

Vater Dolscher wußte, dah Herr Lohgarten noch einige freundliche Worte gesprochen: aber er hätte nicht zu sagen vermocht, was gesprochen worden war. Doch ganz benommen, lief er schwei­gend neben dem jungen Mädchen dahin.

Trautes Kopf war tief gesenkt. Ein paarmal streifte sie der Dlick des alten Mannes.

Fritz Lohgarten stand droben am Fenster und sah den beiden nach.

Die kleine, schüchterne Traute fiep einer an! Solch eine Schöicheit ist sie nun geworden. Dun. da wird sich gewiß bald genug einer finden, der sie an sein Herz nimmt."

Ganz in Gedanken, brannte er sich eine Zigarre an und rauchte in tiefen Zügen und mit viel Genuß. Schließlich wandte er sich vom Fenster fort und setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch.

Seine Erfindung! , .

Die Frucht jahrelanger Arbeit! Zetzt endlich sah er sich am Ziel. And wenn es gelang, wenn fein Traum, seine Wünsche sich nur annähernd verwirklichen ließen, dann konnte er binnen kur­zem seine Arbeiter alle wieder einstellen. Die Werke würden im neuen Glanz erstehen, der alte Dame Lohgarten würde den früheren Platz in der Zndustrie wieder einnehmen.

Heinz Altendvrf!

Wenn er davon erfuhr, würde er ein letztes Mal versuchen, ihm, Fritz Lohgarten, den Weg zur Höhe zu versperren mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln!

Er würde es tun. wenn er noch die Macht be­sähe. Aber er besah diese Macht nicht mehr. Er war arm geworden! Dettelarm. wenn ihn die Frauen in der Villa am Pfeilsring fallen liehen, den fchönen Heinz Altendorf-Lerhoff.

And auch das würde bald zu Ende sein, sein Dasein in der Villa, denn wie die Stiefmutter erzählt hatte, war Hilma jetzt so weit, sich von Altendorf zu trennen. Sie muhte viel erduldet haben, ehe es so weit gekommen war, denn Hilma hatte ihren Mann abgöttisch geliebt!

Fritz Lohgarten dachte noch eine Weile über all das nach, was dem Auftauchen Altendorfs gefolgt war.

And das Rätsel war geblieben!

Würde immer bleiben, wenn dieser Mann nicht selbst sprach. Selbst teuer bezahlte Aus­künfte über Heinz Altendorf-Lerhoff hatten nicht den Erfolg, brachten nicht das zutage, was zutage gebracht werden muhte, wenn das Dunkel um Heir« Altendvrf sich endlich lichten sollte, wenn er, Lohgarten, endlich wissen wollte, warum er sich diesen unbändigen Hah dieses ihm völlig fremden Mannes zugezogen hatte.

Wenn Hilma sich von ihrem Manne trennte, dann bekam die ganze Sache ein anderes Aus­sehen.

Man konnte gegen Altendorf irgend etwas unternehmen, was man jetzt nickt gekonnt hatte, solange er zur Familie gehörte:

Fritz Lohgarten sprang auf.

Was wollte er? Gegen Altendorf etwas unter­nehmen? Dein! Dichts würde er! Gar nichts

würde geschehen. Mochte et wieder von dannen ziehen, und es würde sein, als habe man ihn nie gekannt.

Die Stimme!

Diese wundervolle, tönende, bezaubernde Stimme! Die war noch da! Sie wurde nur nicht mehr ausgenutzt, weil ihr Besitzer es nicht wollte. Zhm schien dieses leichtsinnige, untätige Leben zu gefallen.

Stimmen rosten ein. Wenn man sie nicht pflegt, untergräbt man ihren Wert.

And Heinz Altendorf-Lerhoff hatte auch das Ricsenvermögen dieser Stimme leichtsinnig mit verpraßt, wie er alles verpraßt hatte. Sein Hah und vielleicht ein angeborenes Lotterleben hatten ihn ruiniert!

Es galt, in Ruhe abzuwarten.

Würde Hilma den Wut wirklich finden?

Er glaubte noch nicht so recht daran, denn er kannte die Macht solcher Männer über ihre be­dauernswerten Frauen. And wenn Altendorf ernstlich wollte, dann würde Hilma seine Sklavin bleiben, davon war er. Lohgarten, überzeugt.

Schwere Stunden. Zahre voll Sorgen und Demütigungen verdankte er Heinz Altendorf. Zetzt aber schimmerte es hell in der Zukunft. Wer das Vertrauen zu sich selbst nicht verlor, der wurde eben auch nicht untergehen.

Fritz Lohgarten fühlte dieses Letzte mit dank­barem Stolz in sich. «... . . .

And weiter gruben sich seine Gedanken in das Problem Heinz Altendorf. Kein einziger Ge^rnke traf das junge Mädchen, das von jetzt ab in seiner Dähe arbeiten würde.

Traute aber war an diesem ganzen Tage still und bläh. Sie wußte, daß sie Fritz Lohgarten lieben würde bis in den Tod. And sie wuhte, dah nichts, nichts auf dieser Welt hoffnungs­loser für sie sein konnte, als diese Liebe!

Sechstes Kapitel.

Wochen waren vergangen. Traute hatte sich vollkommen eingearbeitet. Zhre Arbeit war ihr sehr lieb geworden, und Herr Lohgarten ver­traute ihr sogar schon allerlei an, was er sonst nur selbst tat. Traute wäre sehr gescheckt und er fei sehr zufrieden, hatte der Ehef w Vater Dolscher gesagt, der es beim Abendbrot berichtete. Dabei war ein prüfender Dlick aus des alten Mannes Augen über das junge Mädchen hinweg­geglitten.

Dieser dumme dumme Argwohn!

Weim doch der endlich schwinden wollte!

Dabei war es eine Sünde, dem Chef so etwas auch nur zuzutrauen. Aber die Traute war so komisch. Hatte sich das Mädel am Ende doch in den Chef verliebt? Das wäre... Dicht auszu­denken wäre es! And es käme doch nur Leid aus der ganzen Geschichte für Traute heraus. Herr Lohgarten war dreiundvierzig Traute achtzehn Zahre alt!

Himmeldonnerwetter!

Vater Dolscher hätte sich selber ohrfeigen mögen, weil er solche Gedanken hatte: aber es ließ sich nicht ändern. Diese Gedanken kamen immer wieder. Machte es vielleicht, weil ihm sein Chef in letzter Zeit wieder so jung und frisch vorkam? Sah er aus diesem Grunde plötz­lich Gefahr für Traute, an der sein altes Herz mit väterlicher Liebe hing?

Das Mädel liebte den Chef so viel stand fest. And darum war doch eine grobe Gefahr.

(Fortsetzung folgt.)

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Die Wählerliste für die zur Reichstags­wahl in der Stadt Gießen mit Gemarkung Schiffenberg und Herrnwald stimmberech­tigten Personen liegt vom Sonntag, dem 16. Oktober 1932, bis einschließlich Sonn­tag, dem 23. Oktober 1932, im Wahlamt im Stadthaus, Bergstraße 20 Zimmer Nr. 13 werktags von 8 bis 13 Uhr und 15 bis 18% Uhr, Samstag, den 22. Oktober 1932, von 8 bis 13 Uhr, an den beiden Sonntagen von 9 bis 13 Uhr zu jeder­manns Einsicht offen. 7204C

Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerliste sind innerhalb der Offen- legungsfrift bei Meldung des Ausschlusses bei dem Wahlamt schriftlich oder mündlich zu erheben. Soweit die Richtigkeit einer Behauptung nicht offenkundig ist, sind Be­weismittel beizubringen. Wird ein Ein­spruch nicht sofort für begründet erachtet, o entscheidet über ihn der Kreisausschuß endgültig.

Gießen, den 13. September 1932. Bürgermeisterei Gießen. Z V.: Dr. Seid.

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Gießen, den 12. Oktober 1932.

Zwangsversteigerung 96/31 I

Am Donnerstag, dem 20. Oktober 1932, vormittag» 9 Uhr, werden im Amtsge- richtsgebaude zu Gießen, Zimmer 107, die nachstehenden im Grundbuche von Gießen dem (Emil Goetz und dessen Ehefrau Frieda Goetz, geb. Weber, in Gießen zugcschrie- denen Grundstücke 6644D

1. Flur 18, Nr. 63 - 927 qm Acker, unter den Alten Eichen, zwischen der mittel- sten und der Waldgaß, geschätzt 1112

Reichsmark:

2. Flur 18, Nr. 64 = 205 qm Grab gar­ten, daselbst, geschätzt 410 Reichsmark;

3. Flur 18, Nr. 66 = 819 qm Grabgar- ten, daselbst, geschätzt 1474 Reichsmark, versteigert.

Die amtsgerichtliche Dersiigung ist an der Ortstafel, Bergstraße 20, Stadthaus, zur Einsicht ausgehängt.

Gießen, den 19. September 1932.

3.21. des Hess. Amtsgerichts Gießen.

L. Leo, Ortsgerichtsvorsteher.

Zwangsversteigerung 69*321

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Flur 1, Jlr. 1271 = 170 qm hofreite, geschätzt 5950 Reichsmark, versteigert.

Die amtsgerichtliche Verfügung ist an der Ortstafel, Bergstraße 20, Stadthaus, zur Einsicht ausgehängt.

Gießen, den 10. Oktober 1932.

I. A. des Hessischen Amtsgerichts Gießen: _______Leo, Ortsgerichtsvorsteher._______ vßerrdeverkauf!

Samstag, den 15.CH., vorm. 10 Ubr, werden in der Neuen Kaserne drei aud- rangierte Dienstvferde öffentl. versteigert.

1 m»D I. (Hess.) BatL 15. Jnk.-Rgt.

Bürgermeisterei Gießen. Wohlfahrtsamt.

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Gießen, den 13. Oktober 1932. (7221C

Bürgermeisterei Gießen.

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