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Aus Oer provinzialdauptstavt.
Gießen, den 13. August 1932.
Sin Siebzigjähriger. Seinen 70.Geburtstag feiert am 14. August in voller körper- lichec und geistiger Frische der Zolloberwacht, meister i. R. Wilh. Schuck, Kugelberg 61. Er war von 1889 bi« 1920 bei der hiesigen Garni- sonverwaltung tätig, muhte dann bei der Heeres- Verminderung ausscheiden und zur Zollverwaltung übertreten, wo er noch bi« 1925 in alter Pflichttreue seinen Dienst versah.
•• Fahrt zum Edersee. Der Omnibusbe'- trieb E. H o o s veranstaltet am morgigen Sonntag eine Fahrt zum Edersee, welche die Teilnehmer über Schloß Waldeck und Bad Wildungen nach dem Edersee sührt. Die AuSflugsfahrt verspricht einige genußreiche Stunden, da die Fahrtteilnehmer in ein landschaftlich bevorzugtes Gebiet ge- sührt werden und als Zielpunkt der Fahrt den großen Stausee kennenlernen. Näheres ist aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.
Schreibtischmarder an der Ar- beit. Der Polizeibericht meldet: Bei den Einbrüchen in die Büroräume der Provinzialdirektion, des Reichsbahnbetriebsamtes 1 und des Landwirtschaftlichen Instituts in der Nacht zum Freitag handelt es sich um die .Arbeit" der gleichen Täter. Don den Eindringlingen wurden in den Düroraumen sämtliche Echreibtischschub- laden soweit sie verschlossen waren, erbrochen und nach Geld durchsucht. An den vorhandenen Aktenstücken und sonstigen Papieren hatten die Täter dem Augenschein nach nicht das geringste Interesse, es lag ihnen lediglich an der Erlangung von Geldmitteln. Dabei kamen sie nur teilweise auf ihre Rechnung. In einem Schreibtisch des Landwirtschaftlichen Instituts fielen ihnen 200 Mk., in der Provinzialdirektion 2 Mk. in die Hände, im Reichsbahnbetriebsamt erbeuteten sie gar nichts. Insgesamt wurden von den Tätern etwa 25 bis 30 Schreibtische erbrochen. Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange.
*• Haftentlassungen. Die Untersuchung des großen ^leberfall« auf SA.-Leute bei Hom- berg, über den wir kürzlich berichteten, durch den älntersuchungsrichter beim oberhessischen Landgericht in Gießen hat dahin geführt, daß von den etwa 50 Verhafteten 40 Leute vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, da für die Fortführung der Untersuchung keine Verdunkelungsgefahr mehr besteht. Das Verfahren, auch gegen die aus der Haft entlassenen Leute, nimmt seinen Fortgang. Die Angeklagten werden sich wegen Landfriedensbruches voraussichtlich in einigen Wochen vor Gericht zu verantworten haben.
*• Ihren schweren Verletzungen erlegen ist die 25 Jahre alte Agnes Schuhmacher aus Siedlingshausen, Kreis Drilon, die am Donnerstagmittag während der Durchreise aus dem hiesigen Dahnhof von dem einfahrenden Schnellzug Frankfurt a. 1—Berlin überfahren wurde. Das bedauernswerte Mädchen, das bewußtlos in die Klinik eingeliefert worden war, verschied, ohne zum Tewuhtsein zurückgekehrt zu sein.
" Die Bezeichnung „Sparkasse" gesetzlich geschützt. In einer Verordnung vom Oktober 1931 hatte das Reich vorgeschrieben, daß die Länder Bestimmungen zum Schuh der De- zeichnu 3 .Sparkasse" treffen. Mit dieser den öffentlichen Sparkassen zukommenden Bezeichnung war früher von anderen Seiten vielfach Mißbrauch getrieben worden, und Einleger waren dabei zu Schaden gekommen. Die Schuhbestimmungen sind bisher erlassen in Württemberg und Bah- cm. Dort dürfen sich also als „Sparkasse" nur die öffentlichen Spar- unb Girokassen bezeichnen und solche Institute, denen dies Recht ausdrücklich von der zuständigen Landesbehörde verliehen wird. Auf Zuwiderhandlung gegen diese Vorschriften steht Geldstrafe. Auch für die übrigen Länder ist wohl mit einem baldigen Erlaß der entsprechenden Bestimmungen zu rechnen, die letzten Endes den Zweck verfolgen, die Bevölkerung bei der Anlegung von Geldern vor Verlusten zu bewahren.
Kriegc^eiwillige 1914.
— Söhne Gießens und Oberheffens. Oie ^Schnuffelruifcher."
Erinnerungen eines Kompan.eführerS.
Achtzehn Jahre, ein halbe« Menschenalter, sind seit dem Weltkrieg verflossen. Manchmal glaubt man, es handele sich um einen Traum, so unwirklich, so grundverschieden von der Gegenwart, so ungreifbar weit zurück liegen die Tage und Stunden dieser Weltkatastrophe. Nimmt man aber einmal — und wer tut dies nicht, wenn die Tage von 1914 sich wieder jähren — seine Briefe und Aufzeichnungen zur Hand, die damals hastig und stichwortartig niedergeschrieben wurden, und blättert in diesen vergilbten Blättern, die schon einen Hauch des historisch Gewordenen an sich haben, dann treten Menschen, Dinge und Ereignisse plötzlich lebenswahr und plastisch wieder vor unser Auge, wir stehen wieder mitten drin in dem gewaltigen Geschehen und erleben die Zeit wieder, als wenn sie erst wenige Wochen hinter un« läge.
So kam mir dieser Tage wieder einmal ein ganz unansehnliches Büchlein in die Hand. Die Aufschrift auf dem ganz verwaschenen und verblaßten, von Regen, Schnee, flandrischem Schützengrabendreck und russischem Etraßenschlannn durchdrängten Büchlein ist kaum noch zu lesen. Nur mit Mühe kann man die Worte entziffern „T a - schenstammrolle der 3. Komp. 1. Batl. R. I. R. 2 2 2". Mancher würde das Büchlein nur mit den Fingerspitzen anfassen, um sich nicht schmutzig zu machen. Mir aber ist dieses Büchlein ans Herz gewachsen, enthält es doch die Namen aller derer, die damals zum größten Teil als Kriegsfreiwillige mit mir hinauszvgen und die ich als „meine" Kompanie bezeichnen durfte. Trocken und eintönig reihen sich 232 Namen mit Geburtsort, -datum, Beruf, Eltern, Stand usw. aneinander. Bei weit über der Hälfte steht der Vermerk „freiwillig eingetreten".
von diesen 232 Unteroffizieren und Mannschaften waren 200 im Alter von 17 bis 23 Jahren.
Alle Berufe waren vertreten: 113 Schüler, Studenten, Lehrer, Kaufleute, Beamte, Mechaniker, Techniker, 66 Arbeiter, 30 Handwerker und 23 Landwirte. 171 stammten aus Gießen und Oberhessen, 28 aus Wetzlar und der Lahngegend, der Rest aus Westfalen, Thüringen und dem übrigen Deutschland.
Das sind die reinen statistischen Angaben, die man diesem kleinen Büchlein entnehmen kann, die nur ein Bild von der Zusammensetzung geben, nicht aber ein Bild von dem G e i st, der in diesen Reihen herrschte.
Man verspürt allerdings etwas von diesem Geist, wenn man unter den Bemerkungen die Worte „gefallen“, „vermißt", „erkrankt", „verwundet" lieft. Welche Summe von Schmerzen, Elend, Todesangst, Jammer, Trauer und — Heldenmut — deuten uns diese einfachen Worte an! Hat doch das ganze R.I.R. 222 im Krieg insgesamt 46 Offiziere, 214 Unteroffiziere "nd 2540 Mann durch den Tod verloren. Dazu kommt aber noch die Zahl der Verwundeten und an Krankheit nachträglich Gestorbenen oder in andern Verbänden Gefallenen, die man auf das Mei* bis dreifache annohmen kann.
Kriegsfreiwillige 1914 1 Wie Heldengestalten aus grauer Vorzeit, von denen uns die Geschichte berichtet, wie Die Reitergeschwader eines Schdlitz und eines Ziethen, wie die Kriegsfreiwilligen von 1813, wie die Düppelstürmer und die Helden von 1866 und 1870/71, so gehören auch die Kriegsfreiwilligen von 1914 der Geschichte an. Sie sind von unserm Fleisch und Blut, und ihre Begeisterung, ihr Pflichtgefühl, ihre Vaterlands- liebe, ihre Taten und ihr heldenmütiges Sterben fordern von denen, die mit ihnen zusammen gekämpft haben, ein ehrendes Gedenken, das noch in der Nachwelt leben soll, wie die Taten unserer Vorfahren, an denen wir uns in der eigenen Jugend begeistert haben und die in uns zu neuem Leben erwacht sind, als der Sturm in den August- tagen 1914 losbrach
Gerade in unserer Zeit der Zerrissenheit, des Kampfes Aller gegen Alle, der Not, des Elends und der Verzweiflung, deÄ sittlichen Niedergangs, in der der Sinn für menschliche Gröhe ver- wren zu gehen scheint, in der bewußt von manchen Seiten alles niedergerisfen wird, woran wir uns begeistert haben, in der das Wort .Vaterland" aus den Herzen der Jugend gerissen werden soll: rst es Pflicht eines jeden Fronttämpfers,
den herrlichen Geist wieder ausleben zu lassen, der in den schwülen Tagen des August 1914 unser Volk und besonders unsere kriegsfreiwillige Jugend durchglühle.
Den wahren Geist dieser Freiwilligen-Regi- menter kann aber nur der erkennen, der mit diesen Scharen hinausziehen und sie draußen führen durfte. Gerade in der ersten Zeit, in der die freiwilligen Verbände noch geschlossen zusammenstanden, hat sich ihr Geist besonders stark ausgeprägt. Im Mai/Iuni 1915 waren nahezu alle, die mit hinausgezogen waren, gefallen, verwundet, erkrankt, gefangen oder vermißt. Sie machten neuen Scharen Platz, die nicht mehr so gleichgestaltet waren. Die Wiedergenesenen wurden anderen Truppenteilen zugeteilt und verschwanden in der Masse der anderen Verbände.
Wir äleberlebenden müssen deshalb den fal. schen und verzerrten Schilderungen eines Remarque und den unwahren Darstellungen moderner Filmerzeugnisse entgegen treten und diesen Nachempfinde rn zurufen: »So, wie Ihr unsere Kriegsfreiwilligen in Wort unh Bild schildert, waren sie nicht, sie standen türm - hoch über den Gestalten, die Ihr der Nachwelt überliefern wollt, Ihr habt nicht unter ihnen gefochten und nicht mit ihnen gelebt, gefühlt und geduldet."
Es soll hier nicht geschildert werden, mit wel- chen Schwierigkeiten zu kämpfen war, bis die junge Truppe zusammengeschweiht und zu einer einigermaßen brauchbaren Feldtruppe erzogen war. Es fehlte an Ausbildungsmannschaften, an erfahrenen Offizieren, an Ausrüstungsgegenständen, an Waffen und Munition, an Fahrzeugen, Feld- küchen, an Zeit für die Zusammenarbeit mit anderen Waffen und vielen anderen Dingen. Da aber die Ausbildungszeit in eine Zeit höchster (Bereifte rung fiel, so fehlte es nicht an dem guten Willen, all dieser Schwierigkeiten Herr zu wer. den. Unmögliches wurde verlangt, um das Mögliche zu erreichen.
Wer es aber als Offizier ernst nahm mit feinem Beruf, und wer sich der hohen Verantwortung bewußt war, die ihm die Fühcking dieser Herr- lieben Jugend auferlegte, der muhte sich sagen, daß die Gesamtausbildung noch lange nicht auf der gewünschten und notwendigen Höhe stand, der muhte erkennen, daß sich auch die Führer, meist Männer über 40 Jahre, nur schwer in den Dienst hineinfinden konnten, und daß an ihre körperlich« Rüstigkeit Anforderungen gestellt wurden, denen sie nur zum Teil gewachsen waren. Man war sich klar darüber, daß die Truppe an ruhigen Kampffronten und in der Verteidigung Tüchtiges leisten würde. Ob sie aber schon jetzt im Bewegungskrieg und an den Hauptbrennpunkten der Schlachtfront ohne weiteres ihren Mann stellen würden, schien zweifelhaft.
Wenn man dann aber wieder die Begeisterung der Jugend auf sich wirken lieft, die in ihrem ganzen Verhalten, in ihren Taten und Worten zutage trat, schwanden die Bedenken, und man sagte sich, daft der stürmische Angriffsgeist und die ungeheure Schwungkraft, die in diesen Verbänden steckte, die Mängel der Ausbildung aus- gleichen würden, Und diese Hoffnung hat uns . nicht getäuscht,
auch nicht in einem Augenblick haben unsere Freiwilligen versagt.
Als unser R.I.R. 22 2 in Dischweiler im Regimentsverband zusammengestellt wurde, emp- fanden unsere Freiwilligen es peinlich und als eine gewisse Zurücksetzung gegenüber den aktiven Regimentern, daft wir keine Fahnen bekommen sollten. Es sah zwar jeder ein, daft namentlich im Schühengrabendienst die Fahnen ein Vallast sind, und daft ihre Bewachung der Front Gewehre entzieht, daft die Fahnenwache in der Feldschlacht mehr als andere dem Feuer aus- gesetzt ist, daß auch das „Sammeln um die Fahne" bei der Ausdehnung des heutigen Gefechtsfeldes und dem Durcheinanderwirbeln der Verbände nicht mehr, wie früher, möglich ist, aber es fehlte unser jungen Truppe das Symbol, der Mittel- punkt und alles, was sich um den Begriff der Fahne rankt, was gefühlt und nicht gesagt wer- den kann. Wie häufig erklärten mir meine Freiwilligen. daß sie unsere Fahne nicht minder tapf^ verteidigen würden, wie die alten Regi-
Geschichten ans aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Berühmte Nasen.
(ad) Rom.
Unter dem stimmungsvollen Titel „Berühmte Nasen — oder: Denaste und Nasenlose" veröffentlicht der italienische Historiker Ugo Viviani aus Arezzo ein Buch gelehrten Zeitvertreibs, das sich würdig seinen früheren Werken über berühmte Bucklige und Dickwänste anreiht. Wie andere Leute Bilder. Marken oder verrostete Nägel sammeln, so ist Diviani ein leidenschaftlicher Sammler von Buckeln, Wänsten und — Nasen. Heber Geschmäcker ... usw.
Als gründlicher Mann fängt der (Berfaffer mit der Mythologie an und beschäftigt sich mit der Nase Jupiters. Die meisten Nasen, die „in die Historie eingegangen“ sind, waren ansehnlich und kühn geschwungen. Die unumgänglichen Ausnahmen von der Regel bilden die Kartoffelnase des Sokrates, die Sattelnase des Boccaccio und die durch einen Faustschlag eingedrückte Nase Michelangelos. Ins ABC der Geschichte der Nasen verweist der Dersasser die Nase des Ovid und die Dantes — ist doch der 'Begriff der dantesken Nase ebenso Allgemeingut aller Gebildeten geworden, wie die kühn geschwungene Echillernase. Unsterblich ist auch die Riesennase des Cyrano de (Bcrgerac („ein maßloses Stück einer Nase", nennt sie ein Zeitgenosse) und die grofte und traurig zum Mund herabgebogene Nase des unglücklichen Tasso.
Wie wir erfahren, hat ein gelehrter Humanist eine Untersuchung geschrieben unter dem Titel: „Warum Petrarka es unterlassen hat, die Nase der Laura besonders zu loben, während er doch alle jene Körperteile derselben besungen hat, die man anständigerweise nennen kann." Don gefrönten Häuptern werden genannt König Numa, der seiner hervorstechenden Nase den Zunamen „Pompilius" verdankte, Karl der Große, „die kaiserliche Nase", Franz I., Je roi grand nez" und Ferdinand IV., von seinen Neapolitanern „il re Nasone“ genannt.
Die italienische Sprache verfügt über einen Reichtum von Abwandlungsformen: nasino oder nasetto heißt das Näschen, nasone — die große Nase, und nasaccio die mißgestaltete Nase. Dafür haben wir Deutschen aber den berühmten Ausspruch Onkel Bräsigs: „Daß du die Nase ins Gesicht behältst!", und die estnische Sprache verfügt über das weife Sprichwort: „Erst Nase haben, dann Drille aufsetzenl".
Wer kauft Mata Hans Haus?
- Paris.
In dem Grundstücksanzeiger von Neuilly steht eine kleine Anzeige zu lesen: »Mittelgroßes Haus, englischer Stil, gut erhalten, Buntglasfenster, interessante historische Dergangenheit sofort zu verkaufen. Das Grundamt Neuilly." Und wenn man sich nach diesem mittelgroßen Haus mit der historischen Dergangenheit erkundigt, erfährt man, daß es sich um das Wohnhaus einer der interessantesten Frauen des Krieges, um Mata Hari, handelt. Si ewurde als angebliche deutsche Spionin erschossen.
Don diesem ihrem Hause aus verfolgten sie an dem verhängnisvollen Tag die Detektive, als sie das verdächtige Geld an der Bank abholte, das man ihr aus Spanien überwiesen hatte. Sie ging also aus diesem Haus in den Tod.
Das Haus gehört niemandem, da sich keine Erben meldeten. Im Laufe der Jahre häuften sich die Grundgebühren derart, daß eines Tages das Haus dem Grundamt gehörte.
Jetzt will man es verkaufen. Es muß Wohl ein Engländer oder ein Amerikaner kommen, der hier das Gruseln lernen will. Man erzählt sich nämlich, daß man oft nachts hellen Lichtschein durch das Haus streichen sehe. Ein Geist? Ein Gespenst? Nein, ein alter Russe, ein hoher Offizier hat die Stelle als Hauswart übernommen und lebt hier allein seit Jahren. Man sagt, daß er Mata Hari früher gekannt habe und der letzte Liebhaber sei, der hier in ihren Räumen der Erinnerung an Mata Hari lebe.
Anwjpiegel ist Vorschrift!
(g) London.
Dor einem Londoner Gericht hatte sich ein Taxichauffeur zu verantworten. Nicht, weil er jemanden über- oder angefahren hatte, nicht, weil er einen Zusammenstoß mit einem anderen Fuhrwerk herbeigeführt hatte, nicht, weil er zu schnell oder auf der falschen Seite der Straße gefahren war, sondern einzig und allein deshalb, weil ein Polizeibeamter in Zivil, der feine Droschke zu einer privaten Fahrt benutzt hatte, festgestellt hatte, daß der Wagen keinen Chauffeurspiegel besaß. And ein solcher Spiegel ist in einer Lohndroschke, wie der Dichter in der Urteilsbegründung erklärte, eine nicht zu umgehende Notwendigkeit angesichts der Tatsache, daß in der letzten Zeit
auch in England (wie in Berlin) die Beraubung der Taxichauffeu re überhand genommen hat. Das Fehlen des Spiegels sei für unlautere und verbrecherische Elemente geradezu ein Anreiz zu einem Raubüberfall, der in den meisten Fällen den Behörden nur Mühen und Kosten verursache, ohne jemals aufgeklärt zu werden. Der Spiegel fei demnach eine Notwendigkeit auch im Älter esse des Staate«, dessen Geldmittel nicht so umsassend seien, daß er sich den Luxus kostspieliger vergeblicher Kriminaluntersuchungen leisten könne. Hnb so muhte der angeklagte Chauffeur eine Geldbuße von zehn Schilling entrichten.
Lie Langlebigen von Panama.
(a) Neuyork.
In der Republik Panama fand vor kurzem die erste Dolkszählung seit 1920 statt. Die Zahl der Bevölkerung flieg in zwölf Jahren von 401 428 auf 467 459 Seelen. Genau 38 Bürger haben ihr hundertstes Lebensjahr überschritten. Der Doyen der Republik ist Herr Luis Cortes mit rund 118 Jähren: dann kommt ein Mütterchen mit 115. Der Dritte im Bunde ist ein Großpapa mit 111; Hundertzehnjährige gibt eS 6, Hundert- achtjährige 5.
Die Zahl der Bürger an der Schwelle des 10. Jahrzehnt«, also zwischen 90 und 100, beträgt sogar 240.
Man kann den Präsidenten von Panama füglich beglückwünschen zu seinen Untertanen, die sich in einem Lande so gut .halten", von dem fünf Achtel noch gänzlich unkultiviert sich selbst überlassen sind.
Die verzauberte Lchauspielerin.
(avk) Budapest.
Schwarzkünstler sind eine gefährliche Menschenforte: sie verhexen alle«, was ihnen über den Weg läuft.
Einer der Zauberkönige der Darietöbühnen, Signor Ufertni, gab mit seiner Truppe ein Gastspiel in Ungarn. In Szegedin schwarzkünstelten die Uferinis im Stadttheater und die Bühnenkünstler wohnten den Ausführungen der Uferini« bei. Die Operettensoubrette wurde eines Abends al« „eine Dame aus dem Publikum" auf die Bühne geholt, um bei einigen Experimenten behilflich zu fein.
Die Dorführungen gelangen fo ausgezeichnet, daft nicht nur das kleine Fräulein, sondern auch S.»nor Alfredo Uferini jun., der Kronprinz der Schwarzkünstlerdynastie, „verzaubert" wurde. Er hatte sich in die kleine Ungarin verguckt und „experimentierte" mit ihr in den nächsten Tagen auch aufterhalb der Dorstellung. Mit dem überraschenden Ergebnis, daft sich die beiden verlobten. Was den jungen Leuten um so höher anzurechnen war, als beide ausschließlich ihre Muttersprache beherrscht hatten. Die Magyarin konnte nur ungarische Zärtlichkeitsworte stammeln und Uferini lief zu jedem Stelldichein zwangsläufig mit einem ungarischen Wörterbuch. Die Verständigung war trotz alledem ausgezeichnet. Allerdings legte Herr Uferini sen., das Oberhaupt der Zaubererfamilie, mit unverfälscht südlichem Temperament sein (Beto ein: „Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen, Fredil Was fällt dir bloft ein, Mensch, eine Ausländerin zu heiraten? Die nicht einmal — deutsch versteht! Ree, mein Junge, daS schlag dir nur aus dem Kopf!"
So leicht gab aber Alfred den Kampf nicht auf, er hatte feinen Dickschädel! Und erteilte feiner Auserwählten f eberhaft Unterricht. Einerseits in der ach fo schweren deutschen Sprache, und auf der anderen Seite in der schwarzen Magie. Rach zwei Wochen war die kleine Puhta- fee so weit, sie meldete sich beim alten Signor Uferini aus Pommern zur Audienz: „Dittschön, liebes Herr Direktor, ich können schon fließend Deutsch und sehr gut machen Zauberhexerei. Ick wollen auch fleißig weiterlernen und nicht mehr spielen Operette, nur noch machen changez passez hopp!"
„Ach nee“, meinte der alte Uferini, .so leicht wie Sie sich das vorstellen, mein liebe« Kind, geht'« nun doch nicht. Was haben Sie denn bis jetzt gelernt?“
„Dittäh, Herr Uferini, wieviel fein die Uhr?"
Der Oberzauberer griff zur Westentasche und — stierte das neueste Weltwunder an, die deutsch- sprechende Dollblutmagyarin, die so erfolgreich von einer Operettensoubrette zur Zauberin avancierte, daft sie dem alten Meister seine Taschenuhr unbemerkt entwenden konnte.
Das war allerhand. Der alte „italienische" Schwarzkünstler aus Pommern lieft sein Herz erweichen, und demnächst steigt die neueste deutschungarische Derbindung für ein Leben. Mutmaßlich wird der junge Uferini die ungarische Sprache bald einwandfrei beherrschen und feine kleine ?rau mit pommerschein Dialekt deutsch reden: hangez passez hopp!
mentet mit jahrhundertealter Tradition und daß sie unserem Regiment, wenn es dermaleinst im Frieden aufgelöst würde, auch eine Tradition schaffen wollten, die in der Fahne einen sichtbaren Ausdruck finden sollte. „Keinem aktiven Regiment dürfen wir den Dorrang lassen an Tapferkeit, Disziplin und Hingabe" hatte unser Oberst Rott einmal zu uns gesagt, und wir hätten auch für unsere Fahne das Gelöbnis gehalten. Er selbst hat fein Gelöbnis mit feinem Heldentod am 4. Februar 1915 in den Karpathen besiegelt.
Ferner wurde der Mangel einer Regi- mentskape Ile sehr schmerzlich empfunden. Gelder standen hierfür nicht zur Verfügung, aber wo ein Wille ist, gibt es auch einen Weg. Die 3. Kompanie schaffte sich in Dischweiler schon eine eigene Kompaniekapelle an. Sie bestand aus acht Mann, hatte allerdings keine Klarinette, Flügel- und Waldhorn, Trompete und Tuba, Piston und Trommel, sondern nur ein einziges Instrument. Sie hat uns aber nicht weniger Freude gemacht. Dieses Musikkorps entstand am 28. September 1914 in Bischweiler. Meine „langen Kerls" des ersten Zugs wurden mit dem Instrument ausgestattet, wir brauchten keine Regimentserlaubnis, keine Noten, keine Uebungszeit und nicht viel Geld. Auf Grund einer milden Stiftung wurden acht Mundharmonikas be- schafft und die Kapelle trat in Tätigkeit. Wie herrlich flaigen da die flotten Soldaten- u d Wandervogellieder in die frische Morgenluft, und tDckfte Freude und Begeisterung lösten die fröhlichen Klänge bei allen aus! Dadurch gelangte die 3. Kompanie zu einem gewissen Ruf. Durch dieses „Wusikkorps" kam unsere Kompanie auch zu einem Spitznamen, aus den wir alle stolz waren.
Auf Eifässer Ditsch heißt die Mundharmonika „Schnuffelrutsch", und
roenn die „Schnuffelrulscher" kamen, da gab e» fröhliche Gesichter und leuchtende Augen.
Es ist mir ein Herzensbedürfnis, dieser acht „Schnuffelrutscher", von denen vier der grüne Rasen deckt, in Treue zu gebenfen. Sie haben uns manche schöne und unvergeßliche Stunde bereitet, und wenn uns lleberlebenbe die liebgewordenen Klänge wieder zu Ohren kommen, dann tauchen vor unserem geistigen Auge die acht langen Feldgrauen der 3. Kompanie auf der staubigen Straße nach Oberhofen, im Schützengraben in Äordfrank- reich und auf den Landstraßen Polens wieder auf, da wird es hell in uns, und wir leben noch einmal die Stunden jugendlicher Begeisterung, die uns damals alle beseelten. Die .Schnuffelrutscher“ der 3. Kompanie werden niemals vergessen werden.
Dank einer Geldsammlung des Offizierkorps und einer Spende des Geh. Rat Heichelheim gelang es ohne Inanspruchnahme staatlicher Gelder, in Metz eine Regi men tsmusik von 20 Mann ins Leben zu rufen, die unter der tüchtigen und funftoerftänbigen Leitung des Gießener Wu- siklehrers Kasten am 20. Oktober zum ersten Male ihre Weisen ertönen ließ. Wieviel Freude hat uns „unsere" Regimentsmusik gemacht! Auch von diesen 20 Kameraden sind acht gefallen, vier wurden verwundet, einer vermißt und der Rest mußte erkrankt in die Heimat zurückkehren. Erst im Sommer 1915 gelang es dem tüchtigen Regi- mentsmufiker M a n k, eine neue Kapelle aufzustellen, die im Derlaus des Krieges auch einmal hier in Gießen ihr Können zeigte.
(Schluß folgt) L. G.


