Ausgabe 
12.7.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 161 Erstes Blatt

182. Jahrgang

Dienstag, 12. Juli 1952

GietzeimAnMger

General-Anzeiger für Oberheffen

Dnirf und Verlag: vrühl'fche llniver^atr-vuch- und ZteindruSerei H. Lange in Eiehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschei.t und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen.

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Randnoten.

Ein Jahr ist seit dem Tag vergangen, an dem im vorigen Sommer d i e neue Krise sichtbar für alle hereinbrach. A m Montug, dem 13. Juli 19 3 1, wurde bekannt, daß die Danatbank ihre Schaltervorübergehend" ge­schlossen hätte. Das Reich garantierte die Sicher­heit ihrer Einlagen: Trotzdem setzte ein starker An­sturm auf die Kassenschalter aller Geldinstitute ein, die daher am gleichen Tage, amschwarzen Mon­tag" zur vorübergehenden Schließung ihrer Schalter als Abwehr gegen den Run gezwungen waren. Die Reichsregierung erklärte für die folgenden Wochen Bankfeiertage, während derer nur sehr be­schränkte und dann auch nur die allerdringlichsten Auszahlungen geleistet wurden. Dies brachte manche allerdings kaum vermeidbare Härten mit sich, hatte doch aber den Erfolg, daß sich in der Zwischen­zeit Ruhe und Einsicht fast überall durchsetzen konn­ten, so daß im August der volle Zahlungsverkehr wieder ausgenommen wurde.

Es sind keine schöne Erinnerungen, die jene Zeit wachruft aber sie gehörte zweifellos zu jenen Perioden der Wirtschaftsgeschichte, die besonders lehrreich sind. Wohl hatte zu der schwierigen Ent­wicklung im vorigen Jahr das Ausland überragend beigetragen dadurch, daß es in unvernünftiger und überstürzter Weise versuchte, die seit mehreren Jah­ren zu hohen Zinsen nach Deutschland geliehenen Kredite in kürzester Frist zurückzuziehen. Aber diese unsinnige und schließlich auch gescheiterte Handlungs­weise hätte allein noch nicht zu jener Krise geführt, wenn nicht ein Teil des deutschen Publikums gehörig die Nerven verloren hätte. Die große Mehrheit unseres Volkes ließ sich zwar nicht mitreißen durch sie; aber so mancher Bankkunde, so mancher Sparer hob doch im Nahmen des Möglichen Geld ab, ob­wohl er es gar nicht brauchte. Natürlich sorgen die Geldinstitute von jeher für unerwartete Abhebungen dadurch vor, daß sie sich einen größeren Kassen­bestand halten. Im vorigen Sommer konnte aber angesichts der Plötzlichkeit der Abhebungen dieser Vorrat nicht ausreichen. Das meiste den Geldinsti­tuten, insbesondere den Sparkassen anvertraute Geld leiten diese in Form von Krediten weiter an Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, wo sie Ha«- del und Erwerb schaffen. Diejenigen aber, die da­mals die Schalter stürmten, taten gerade so, als ob ein Geldinstitut nichts weiter tue, als das bei ihm eingezahlte Geld in den Tresor zu stecken.

Viele von den damals ängstlich gewordenen Kun­den haben inzwischen das Nachteilige ihres Ver- haltens eingesehen und erkannt, daß^ ihre Befürch­tungen unberechtigt waren. Allzusehr ließ und läßt man sich z. T. noch heute von den vielen falschen Gerüchten über Inflation, Geldbeschlagnahme und ähnliche Torheiten verwirren. Wie immer schon in schweren Zeiten, so sind auch im vorigen Sommer und Herbst vielfach falsche Gerüchte und Alarm­nachrichten in die Welt gesetzt worden. Die Erfah­rung zeigt, daß kein Grund vorliegt, sich beunruhi­gen zu lassen. Die deutsche Mark ist allen Gerüchten zum Trotz stabil geblieben. Sicherer als alle Worte zeigen die zwölf Monate des feit dem 13. Juli ver­gangenen Jahres, daß kein Grund besteht, von den bisherigen Gewohnheiten im Zahlungs- und Spar­verkehr nämlich alles im Moment entbehrliche Geld elnzuzahlen und nur abzuheben, was wirklich gebraucht wird abzugehen.

*

Die Beurteilung des Abkommens von Lausanne fallt naturgemäß ganz verschieden aus, je nach­dem, ob man die Erleichterungen ins Auge faßt, die es gegenüber dem TZoungplan für Deutschland bringt, oder ob man nur die neue n Lasten betrachtet, die es uns auferlegt. Als die Konferenzverhandlungen begannen, war der Voung- Plan läng st tot, und niemand dachte im Emst daran, daß Deutschland jemals imstande sein werde, die Zahlungen des Voung- Plans wiederaufzunehmen. Aber rechtlich bestan­den seine Verpflichtungen natürlich noch, und erst der Vertrag von Lausanne hat uns endgültig und für immer von dieser ungeheuren Last befreit. Verglichen mit der bisherigen deutschen Repara- tionsschuld wird sich also immer eine sehr bedeutende Entlastun^ergeben. Ganz anders aber sieht das Bild aus, wenn man d i e Lasten ins Auge faßt, die Deutschland auch nachdem Abkommen von Lausanne noch zu tragen hat.

Da sind zunächst die Zinszahlungen für dieDawes - und dieVoung-Anleihe so­wie die übrigen damit zusammenhängenden Ver­pflichtungen (belgische Markzahlungen usw.), von denen Deutschland nicht befreit worden ist. Sie werden auf ungefähr 240 Millionen Mark jähr­lich zu beziffern sein. Hierzu kommen dann noch die auf jährlich etwa 600 Millionen Mark veran­schlagten Zinsen für die privaten deutschen Auslandschulden, die ja ebenfalls aufs engste mit den deutschen Reparationsleistungen zu­sammenhängen. Diese Zinsen sind zwar schon er­heblich gesenkt worden, und man wird zweifel­los versuchen, noch weitere Zinsermähigungen durchzusehen. Aber die Schuldverpflichtung selbst ist zunächst vorhanden, und kann von der kapital­entblößten deutschen Wirtschaft auch nicht oder je­denfalls nur in sehr langsamem Tempo abgedeckt werden. Seit Mitte 1931 sind schätzungs­weise etwa fünf Milliarden Mark deutsche Privat schulden zurückge­zahlt worden. Dafür kommt jetzt wieder eine neue Staatsschuld von drei Milli­arden Mark hinzu, die zwar nicht sofort und nur unter bestimmten Voraussetzungen bezahlt zu werden braucht, die aber doch eine neue Ver­pflichtung Deutschlands gegenüber dem Ausland darstellt. Werden die drei Milliarden deutsche Bonds aufgelegt, so ergeben sich dadurch bei fünf-

Gegen den latenten Bürgerkrieg.

Wird die Reichsregierung zu Gegenmaßnahmen schreiten?

Berlin, 12.Juli. (Prio.-Tel.) Der vergangene Sonntag hat dem deutschen Volk neunToteund über 50 Schwerverletzte gekostet. Zum erstenmal seit 1923 muhte die Reichswehr eingreifen, um die Ruhe auf den Straßen wiederherzustellen. Es ist anzunehmen, daß dieser Blutsonntag nur der Auftakt z u weiteren Straßen­kämpfen zwischen den radikalen Parteien ist. Eine gewisse Presse hat bereits die Tonart direkter Hetze angeschlagen, wie man sie in den vergangenen Jahren kaum jemals in den letzten Tagen vor der Wahl erlebt hat. Als eine Woche nach der Ein­setzung der Regierung Paoen das Uniform- und Demonstrationsoerbot aufgehoben wurde, hat der Reichspräsident in seinem Schreiben an den Reichsinnenminister s ch ä r f st e Maßnahmen angekündigt, falls die Verbotsmilderung m i ß- braucht werden sollte. Unter dem Eindruck der letzten blutigen Vorkommnisse scheint sich die Regie­rung auf ihre Aufgabe, Hüterin von Ruhe und Ordnung zu sein, besonnen zu haben. Eine Beschränkung des bisher allzu weitherzig ge­währten Demonstrationsverbotes steht unmittelbar bevor.

Das Reichsinnenministerium beabsichtigt aller- dinas auch jetzt noch nicht, die kommu­nistische Partei zu verbieten, welche ein­wandfrei die meisten Angreifer gestellt hat. Die Beratungen im Reichsinnenministerium erstreckten sich darauf, den provinziellen und örtlichen Verwal- tungs- und Polizeibehörden anzuempfehlen, von dem Rechte der Aufmarsch - und Demon- strationsoerweigerung Gebrauch zu machen, wenn ihnen die öffentliche Sicherheit bedroht erscheint. Sollte diese Maßnahme kein Ab­flauen des latenten Bürgerkrieges zur Folge haben, so ist beabsichtigt, innerhalb der besonders unruhigen Gebiete dieantifaschistischen Kampf­blocks" aufzuheben und zeitlich befristete Uniformverbote auszusprechen. Tritt auch dann noch keine Beruhigung ein, so plant der Reichsinnenminister d i e erneute Verhängung eines Reichsuniformoerbote s. Allerdings sind die Meinungen der verschiedenen Kabinettsmit­glieder über die Durchführung eines solchen Reichs­verbotes noch geteilt. Von einer Verhängung des Ausnahmezustandes glaubt die Regierung auch jetzt noch Abstand nehmen zu können.

Schwere Zusammenstöße in Hagenow.

Hagenow (Mecklenburg), 11. Juli. (TA.) Am Sonntagabend kam es hier zu schweren Zusam­menstößen zwischen der RSDAP., die eine Kriegergefallcnenehrung abhalten wollte und Eiserner Front. Aach polizeilicher Dar­stellung gab ein Schuß von einem Auto der Eisernen-Front-Anhänger den Auftakt zu einer gewaltigen Schlägerei, in deren Verlauf es fünf­zehn Leichtverletzte gab und der Eiserne-Front- Mann Heinke einen Bauchschuß erhielt. Es wur­den 30 bis 40 Sozialdemokraten verhaftet, die durchweg aus Bergedorf gekommen waren. Von den Rationalsozialisten wurde der Gauleiter Hildebrandt verhaftet, weil er mit einem Re­volver angetroffen wurde, aber nach dem Verhör wieder entlassen. Hildebrandt erklärte, die SPD. wollte nicht nur eine Demonstration, denn

sonst hätte man nicht bewaffnetes Ham­burger und Lübecker Reichsbanner geholt. Die Hamburger haben schon auf der Fahrt nach Hagenow Terrorakte verübt. Mit dem Reichsbanner tarnen Terrorgruppen der Kommunisten. Die grüne Polizei benahm sich hervorragend. Die vier Mann waren aber zu schwach. Ein Telegramm des Gau­leiters an den Reichswehrminister v. Schleicher und den Reichsinnenminister v. Gayl besagt, daß ein wohlvorbereiteter Aeberfall des mecklen­burger Reichsbanners etwa 25 zum Teil schwer­verletzte nationalsozialistische Opfer gefordert habe. Die Rationalsozialisten seien zur Selbst­hilfe entschlossen, wenn nicht die Mord­tätigkeit des Reichsbanners verhindert werde. Es wird sofort Einsatz der bewaffneten Macht zum Schuhe der wehrlosen Bevölkerung erwartet.

politischer Terror in Hagen.

Hagen, 12. 3uli. (TA.) Anläßlich einer Kundgebung der NSDAP, auf der Kuhweide, bei der der nationalsozialistische Reichstagsabge­ordnete Dr. Goebbels sprach, wurden Teilnehmer der /Kundgebung auf den Anmarsch straften von Anhängern der KPD. mehrfach mit Steinen beworfen und verprügelt. Der kommu­nistische Stadtverordnete Auffenberg wurde we­gen Widerstandes und Waffenbesitzes in Haft ge­nommen. Die Kundgebung auf der Kuhweide selbst verlief ohne größere Störungen, obwohl un­bekannte Brandstifter den in der Rähe befind­lichen Wald in Brand st eckten. Der Feuer­wehr gelang es bis Mitternacht noch nicht, den Brand zu löschen. Mehrere Morgen Waldbestand sind bereits vernichtet. Rach der Kundgebung wurden die heimkehrenden Dersammlungsbesucher und auch die sie begleitenden Polizeibeamten be-

Eine Erklärung Or. Schachts

Der Kampf mit politischem Druckmittel ist beendet.

Berlin, 12. Juli. (ERB.) Der frühere Reichs­bankpräsident Dr. Hjalmar Schacht setzt sich in der DAZ." mit dem Lausanner Ergebnis auseinander Selbstverständlich entspreche es nicht unseren Wün­schen, dennoch könne kaum jemanddem Reichskanzler v. Papen die Anerken­nung versagen, sehr viel erreichtzu h a b-e n. Zu einer wirklichen Gesundung der Welt fei aber erforderlich, daft in absehbarer Zeit auch der Verzicht aus die Begebung der Obligationen ausgesprochen werde. Eine Er­holung des deutschen Kredites sei anders nicht denkbar. Die Reichsbank werde auch in Zukunft, angesichts des Problems der privaten Schulden­rückzahlungen. vor den schwierigsten Ausgaben stehen. Ein wesentliches aber sei in Lausanne er­reicht: die Ausmerzung des politi-

schossen. Zu besonders heftigen Zusammenstößen und Schieftereien kam es in der Iägerstrahe und an der Schwenke. Hier wurde aus den Häusern geschossen, so daft die Polizei gezwungen war, das Feuer zu erwidern. Bisher wurden etwa 20 Verletzte, darunter einige Schwerverletzte, fest- gestellt. Festgenommen wurden insgesamt 13 Personen, die zum größten Teil der KPD. an­gehören.

Auch in Schlesien politische Unruhen.

Breslau, 11. Juli. (TU.) In Gnaden frei kam es zu schweren politischen Zusammenstößen. Nationalsozialisten veranstalteten einen Deutschen Tag, während die Reichsbannerleute einen Pro­pagandazug durch das Dorf abhielten. Vor dem GasthausNorddeutscher Hof" und auf der Fest­wiese kam es dabei zu blutigen Auseinanderset­zungen. Auch von mehreren Dächern aus wurde geschossen. Zahlreiche Personen wurden schwer ver- letzt. Ein Motorradfahrer wurde von der Maschine gerissen und mit Messern bearbeitet. Die Maschine war in den Straßengraben geworfen worden, um einen Unfall vorzutäuschen. Ein Molkereilehrling aus Gnadenfrei wurde von Kommunisten übel zu­gerichtet und mußte in lebensgefährlichem Zustand in das Krankenhaus eingeliefcrt werden. Einer der Täter, der Kommunist Hentschel, der von einem Nationalsozialisten in einer Stube eingeschlossen wurde, verübte dort, ehe die Polizei ihn in Ge­wahrsam nehmen konnte, Selbstmord, indem er sich an einem Selbstbinder erhängte. Auch in Rei­chenbach kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen SA.-Leuten und Angehörigen der Eiser­nen Front. Ein Nationalsozialist wurde schwer ver­letzt; ferner wurde der nach Langenbielau ein­rückende Sturm vor Langenbielau beschossen, wobei es 14 Verletzte gab.

scheu Druckes auf die Wirtschaft und dieWährung. Dies und das Fallen der Sank­tionsklausel habe den Kampf mit politi­schen Druckmitteln beendet. Während auf dem wirtschaftlichen Gebiet der Kampf der wirtschaftlichen Vernunft beginne, gehe der po­litische Kampf um die Gleichberechti­gung auf anderem Gebiete weiter. Ganz einerlei, welches Schicksal Lausanne im Reichstag erfahren werde, keine zukünftige Verhandlung könne hinter Lausanne zurückbleiben, es könne nur vorwärts gehen.

Der Mgdeutsche Orden lehnt ad

Scharfe Entschließung siegen Papen.

Wie man uns mitteilt, fand in Gießen in An­wesenheit des Ordenskanzlers Ridder eine Füh­rerbesprechung des Jungdeutschen Ordens aus beiden Hessen und Waldeck statt, die sich mit dem immer dringender werdenden Ausbau des FAD als Vorstufe der vom Jung-

AeurStimmen zumErgebnisvonLausanne

prozentiger Verzinsung und einem Emissionskurs von 90 Prozent jährliche Zinszahlungen von etwa 180 MillionenMark. Zusam­men mit der Verzinsung der privaten Schuld und den nicht aufgehobenen staatlichen Zahlungen für Reparationszwecke ergibt sich dann eine jähr­liche G e s a rn t z a h l u n g von rund 1020 MillionenMark, was sicherlich e i n e s e h r beträchtlicheDelastungist und keineswegs die Behauptung rechtfertigt, daß Deutschland künf­tig verhältnismäßig schuldenfrei sei.

Bemißt man auf Grund dieser laufenden Zah­lungsverpflichtungen die deutsche Gesamt- schuld, so wird sie noch immer auf min­destens 20 Milliarden Mark zu be­messen sein, wovon die größere. Hälfte freilich auf die Privatschulden entfällt, die die deutsche Wirtschaft im Zusammenhänge mit den Repara­tionen im Auslande eingehen mußte. Ver­glichen mit den 39 Milliarden Mark der frühe­ren Reparationsschuld ist natürlich eine wesent­liche Lastenerleichterung eingetreten. Aber im Hinblick auf die außerordentlich stark geschwächte Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird man auch diese Last für untragbar und revisionsbedürftig erklären müssen. Es kommt noch hinzu, daß Deutschland im Jahre 1935 im Zusammenhänge mA dem Rückkauf der Saarkohlengruben vielleicht noch neue Verpflichtungen wird eingehen müssen. Bis zum Jahre 1935 ist Deutschland andererseits von allen Zahlungen aus der neuen Dreimilliarden-Schuld befreit. Bis dahin er­fordert also der deutsche Schuldendienst an das Ausland rund 840 Millionen Mark jährlich. Man wird versuchen, unter Hinweis auf die heute weit niedrigeren Zinssätze am internatio­nalen Geldmarkt, auch diese Zahlungen weiter herabzudrücken. Könnte man einen nur 3prozen- tigen Zinsfuß zugrundelegen wie er der heutigen Lage entspricht und für die Schulden­liquidation eines zahlungsunfähig gewordenen Schuldners angemessen wäre, so würde man mit einer 3ahressumme von noch rund 500 Mil­lionen Mark zu rechnen brauchen.

Die Reichsregierung wird sich also keineswegs

mit dem begnügen, was in Lausenne unter dem Druck der deutschen Zahlungsunfähigkeit erreicht worden ist. Sie wird vielmehr versuchen müssen, auch die deutschen Privatschulden und die noch übrig gebliebenen staatlichen Leistungen Deutschlands aus dem Versailler Vertrage der deutschen Zahlungsfähigkeit an« zupassen. Diese Bemühungen werden aber vor allem von der zinspolitischen Seite her ein­zusehen haben, denn jede Verbilligung der Zinsen bedeutet mittelbar auch eine Herabsetzung der Schuldsumme. Der deutsche Kampf gegen Kriegs­schulden und Reparationen wird mit dem Lau­sanner Abkommen ganz gehnh nicht beendet sein.

Stiefel Bier!" Wer kennt nicht dieses Gemäß, das in allen Berliner Kutscherkneipen auf dem Schrank hinter der Theke steht, das meist ein bis drei Liter Bier faßt und das der Wirt herunterholt, wenn eine Runde Gäste einen aus trudelt" ? Das Spießertum einer ge­wissen Menschenschicht erblickt in diesem so komisch geformten Bierkrug gleichsam sein Wappen, sein 3dol. And jetzt spielt in einem Mordprozeh, der gegenwärtig im Moabiter Gerichtsgebäude abrollt, ein solches Gemäß die Hauptrolle. 3m Frühjahr dieses Jahres ist ein fünfzehn­jähriger Junge an einem Sonntagmorgen den Messern von politischen Row- dies zum Opfer gefallen. Don sechs Stichen durchbohrt, hauchte er sein junges Leben in dem dunklen Stiegenhaus einer Mietskaserne aus. Der Grund? Eigentliche Gründe dafür gibt es gar nicht! Der Junge gehörte der Hitlerjugend an und beteiligte sich an einer Zettelverteilung. Davon hatten Anhänger des Hauptmanns S t e n n e s gehört, die selt­samerweise gute Verbindung zu Kommunisten unterhielten- 'Sen Stennesleuten war der Leiter des Hitlerjugendtrupps, ein gewisser Mondt, nicht genehm und so traf man sich am Biertisch, um die Sache zu besprechen. Mondt solltefertig gemacht" werden. Der Preis, jawohl das ganze wickelte sich wie ein Geschäftchen ab, be­trug 10 Stiefel Bier! Dafür haben diese entmenschten Kommunisten gemo.rdet, und als

sie statt des Mondt einen falschen erwischten, haben sie den totgeschlagen. Einer mußte eben für 10 Stiefel Bier auf der Strecke bleiben.

Hier ist einmal klar erwiesen, daft die ständigen Bluttaten nicht sämtlich aus politischer Leiden­schaft begangen werden. Kein Kommunist war von den jungen Zettelverteilerngereizt" oder angegriffen worden, keineProvokation" war boraufgegangen: telephonisch wurde von den Stennesleuten Rachricht in die rote Kneipe ge­geben, daß sich die Razis dort und dort be­fänden und wenige Minuten später blinkten die Messer im ersten Morgenlicht. Hier erhält man einen Blick in bie politische Anter- Welt, der einem erschrecken macht. Welche Zu­sammenhänge überhaupt. Da stehen Stennesleute mit Kommunisten in ständiger Verbindung und einer von ihnen hält engste Freundschaft mit einer enragierten Kommunistin, die in seinem Kreise unter dem RamenRevolver-Minna" be­kannt ist. Da hält einer den andern für einen Spitzel. Eine dumpfe penetrante Atmosphäre steigt aus diesem mit Alkohol geschwängerten Sumpf auf. Aus ihm aber gebiert sich täglich frecher der politische Mord.

Wir sind uns klar darüber, daft mit rein polizeilichen Maßnahmen und Verhütungsvor­schriften hier nichts getan ist. Die seelische Grund­haltung dieser Menschen zwingt sie gleichsam zu ihren Lebensäußerungen. Hier politische Maße anlegen zu wollen, wäre verfehlt. Mit Politik hat das alles nichts mehr zu tun, wohl aber lebt dieses Gesindel in engster Gemeinschaft mit dem Verbrechen. Zehn Sttefel Bier für einen Mord! Man muh eine Weile die ganze Be­deutung dieses Satzes auf sich wirken lassen. Zehn Stiefel Bier für ein Menschenleben! Das ist restlose Verwahrlosung, das ist Dertierung, und diejenigen, die diesen Grundsätzen huldigen, sind Feinde jeglicher staatlicher Ordnung. Man spricht oft wegwerfend vom australischen oder afrikanischen Dusch. Gibt es nicht auch einen Busch" deutscher Dorstadtkneipen, wo man mit zynischer Eindeutigkeit einen Mord für eine Lage Bier ausknobeln kann? Das Moabiter Beisviel beweist, daß es so ist.