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11.11.1932 Erstes Blatt
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

m. 266 Zweites Blatt

Freitag, U. November 1952

Conrad von Hötzendors

3um 80. Geburtstag des österreichischen Feldmarschalls.

Von Alfons v Czibutta.

2lls Franz Conrad von Höhendorf im Herbste 1906 nach seiner Ernennung zum Chef des Generalstabs der gesamten bewaffneten Wacht Oesterreich-Ungarns durch das Ungewöhn­liche seiner Persönlichkeit in den Kreis der d.e Sch'.cksalsfäden Europas knüpfenden Gestalten trat, warteten schon, mit Ausnahme Deutsch, lands und der Schweiz, offen zum Endkampfe sich rüstend, alle Nachbarn des Habsburgerreichs auf dessen Zerfall und Erbe. Dazu kam, daß die Donaumonarchie vor der immer unabwendbarer | werdenden Notwendigkeit einer inneren Neu­ordnung stand, wollte es den sich schon ankündi- genden Stürmen widerstehen und die immer näher rückende Todesstunde Franz Josephs überdauern.

Liefe innere und äußere Lage muh man sich ins Gedächtnis zurückrufen, will man das wahr­haft titanische Ringen Conrads um die Erhal- tung und neue Machterhöhung Oesterreichs im Frieden und im Kriege begreifen und zugleich die erschütternde Tragik des letzten Drittels seines Lebens und österreichischen Schicksals überhaupt verstehen.

Am 11. November 1852 ist Conrad in dem Vororte Penzing bei Wien geboren worden. Die ganze Tradition einer stolzen Vergangenheit war um seine Jugend. Sein Vater, der Neiter- oberst Franz Freiherr von Conrad, hatte schon die Befreiungskriege mitgekämpft und war so spät zur Ehe gekommen, daß Conrads Mutter noch den Tag erleben durfte, an dem es 100 (!) Jahre her waren, daß ihr Gatte im Dragoner- regiment Fürst zu Windischgräh Nr. 14, das sich bei Kolin Ruhm und Schnurrbartlosigkeit erritten, bei Leipzig gefochten. Conrads Vater hatte noch Gneisenau und Blücher, Schwarzenberg und Ra­detzky gesehen. Er zählte es zeitlebens zu seinen stolzesten Erinnerungen, daß er mit seiner Schwa­dron einen Tag lang den gestürzten Napoleon auf dem Wege nach Elba eskortieren durfte: da­mals, als der Imperator, von Angst um sein Leben ergriffen, vor der Wut des südfrcmzö- sischen Volkes Schutz in einer österreichischen Offi­ziersuniform suchte.

Es ist diese Tradition, die durch Conrad die Befreiung so merkwürdig über ein Jahrhundert hinweg mit dem Weltkriege verbindet, auf den künftigen Feldherrn nicht ohne Einfluß geblieben. Es hat aber Conrad, dem noch die unmittelbare, mündliche Lleberlieferung über kommen war, auch schwer darunter gelitten, daß die Geschichtsschrei­bung die Verdienste Oesterreichs verdunkelte, das vor Leipzig durch fast 20 Jahre für die Freiheit Deutschlands geblutet und die Macht war, die Napoleon als erste den Lorbeer von der Stirne gerissen, die einzige, die ihn allein in offener Feldschlacht besiegt. In diesem Gefühle, seinem Lande die gebührende Geltung zu verschaffen, in seinem heißen österreichischen Herzen, in der Klar­heit seines Geistes, der die zukünftigen Knüpfun­gen europäischer Politik richtiger sah als- die Staatsmänner der Mittelmächte, wurzeln Ziele, Arbeit und Tragik seines Lebens.

Als der Innsbrucker Livisionär, erst 54 Jahre alt, Chef des Generalstabs wurde, war er längst kein Unbekannter mehr. Als junger Offizier hatte er sich in zwei blutigen Feldzügen in Bosnien und Süddalmatien Ruf und Auszeichnungen geholt. In dem Taktiklehrer der Kriegsschule sie entsprach der deutschen Kriegsakademie hat­ten Vorgesetzte und Schüler schon den Führer der

Zn der modernen Türkei.

Von unserem P. K.-Korrespondenten.

des Ghazi Mustapha Kemal, sich ausbreiten. Zwei mächtige, moderne Gebäude dominieren: Kriegs­ministerium und Generalstab. Gut! Man sagt, die Armee sei das Allerbeste an der neuen Türkei. Sie war auch vorher nicht schlecht. Die eigentliche Ver­teidigungskraft des Staates liegt allerdings in feiner geographischen Unangreifbarkeit. Wer soll es wagen, von einer entfernten, rückwärtigen Basis aus in das Innere von Anatolien vorzudringen, wo er nichts von vorrätigen Hilfsmitteln findet! Ich sah aber nicht nur militärische Gebäude, nicht nur Mi- nisteroillen und Gesandtschaften, sondern ich sah auch einen hohen Bau, der mir schon vorher a l s Lehrer-Hochschule gewiesen war. Pädago­gische Akademie, würde man jetzt in Deutschland dafür sagen. Eine Ausbildungsanstalt für 500 Lehrer und das ist es, was die Türkei des Ghazi (der Titel bedeutetder Sieger") von der Türkei der alten Sultane unterscheidet. Die 500 Lehrer werden Na­turkunde, Mathematik moderne Sprachen, türkische Geschichte, Erdkunde, Bürgerkunde unterrichten, und wenn diese Dinge ins Volk gedrungen sind, wird es keine Rückkehr mehr zum Alten geben wie sie von den Flugzeugen und Automobilen immer noch möglich ist.

Neu-Angora hat ein Hygienisches Institut, an das als Leiter ein Münchner Mediziner be­stimmt ist. Es hat ein großes, modernes Kranken­haus, und es sind deutsche Schwestern zur Ausbildung von türkischen in Angora tätig. Im Hygieneministerium macht eine deutsche, vom Reichsgesundheitsamt her gegebene Kraft die Ex­pertisen für die Regierung des Ghazi, und in einem noch in der Vollendung begriffenen großen Land­wirtschaftlichen Institut wirken an verschiedenen Ab­teilungen fünf deutsche Professoren. Auch den meteorologischen Dienst, der auf das Flug­wesen zugeschnitten ist, richtet ein Deutscher ein.

Man hat gefragt, und ich habe es selbst getan, ob denn der Fortbestand aller dieser Dinge über die Lebenszeit des Ghazi hinaus gesichert ist, zu­mal, wenn ihn ein plötzlicher Tod treffen sollte. Daß ein solcher in diesem Augenblick ein Schlag für die Türkei wäre, ist richtig. Unheilbar wäre er nicht mehr, und mit jedem Jahr wachsen aus der Generation der jüngeren Hilfskräfte Persönlichkeiten heran, die Führerqualität besitzen. Um ein Bild zu brauchen: Der Anker der Reformen hat in der neuen Türkei Grund gefaßt; er hält! Das Schiff wird nicht mehr ins Treiben geraten.

Bedenklich könnte nur eins stimmen: der neue türkische Staat ist nicht nur religionslos, sondern von der neuen Bildung muß man geradezu sagen, daß sie a t h e ist i s ch ist. Die Stelle der Re­ligion wird ersetzt durch einen scharf nationalistisch eingestellten Patriotismus. Ob das'der Dolksmasse, die nicht ewig bloß Objekt sein kann, in der auch schöpferische Kräfte entbunden werden müssen, auf die Dauer eine sittliche Lebensgrundlage geben kann, muß bezweifelt werden.

Angora, Ende Oktober 1932.

Was heißt moderner Orient? Wenn ich im dreiachsigen Luxusautobus in 24 Stunden durch die Wüste von Damaskus nach Bagdad brause, und unterwegs beim Brunnen in der Oase im Radio Budapester Zigeunermusik höre, oder wenn König Feisal von seiner Residenz Bagdad im Flugzeug aufsteigt, um der Erbohrung einer Petroleumquelle bei Mossul beizuwohnen oder um seinen Bruder Abdallah in Amman, im Ostjordanland, zu be­suchen ist das moderner Orient? Ja und nein: Ja, weil es eine Revolutionierung der Verkehrs­mittel ist; nein, weil man diese Flugzeuge und Auto­mobile nur fortzunehmen braucht, um wieder den alten Orient zu haben wenn nicht inzwischen noch etwas Anderes geschehen ist.

Um diesAndere" kennenzulernen, muß man nach Angora kommen. Hundert Kilometer vor Angora sieht man an der Bahnlinie eine Anlage, die an unsere Heldenfriedhöse erinnert. Es ist auch einer. Hier brachten die Türken 1921 den V o r - marsch der Griechen auf Angora zum Stehen und zwangen sie zum Rückzug. Der Krieg mit Grie­chenland war das entscheidende Ereignis für die Geburt der neuen Türkei, und Frankreich in der Person des Franklin Bouillon war Pate dabei. England hatte Griechenland in den Krieg gegen die Türkei gehetzt, um ihr ein Ende zu machen und über die Stücke nach seinem Bedürfnis zu dispo­nieren. Frankreich unterstützte die Türken, weil cs nicht wollte, daß England unumschränkter Konkurs- verwaller auch für den Rest der türkischen Masse wurde. Die Zeche mußten die Griechen be­zahlen. Sie ließen 100 000 Mann in Anatolien, ver­loren Smyrna mit dem großen Hinterland, das ihnen zugedacht war, wieder an die Türken, und Mustapha Kemal fügte zu der schon vorher besorgten Ausrottung der Armenier die Vertrei­bung von anderthalb Millionen Griechen aus Kleinasien und Thrazien. Nun waren die Türken unter s i ch", die Türkei war eintürkischer" Staat.

Was ist in dem Jahrzehnt seit dem griechischen Kriege geschehen, um wirklich aus der allen eine neue Türkei zu machen? Auf die Frage kann man nur antworten, wenn man das heutige Angora gesehen hat. Angora ist eine alte Stadt. Hethiter und Phrygier haben hier gesessen, Kelten sind im 3. Jahrhundert vor Christi bis hierher vorgedrungen und gaben dem Lande seinen Namen, Galatien. Der Apostel Paulus hat hier gepredigt und später feinen Brief an die Galater geschrieben, und neben einer kleinen Moschee ragt noch die hohe Ruine des Augustustempels, in deren Mauer Augustus einen langen Rechenschaftsbericht über seine Regierung graben ließ, das berühmte Monumentum Ancyra- nüm! Auch die Mauern der mittelalterlichen Zitadelle sind aus römischen Quadern, alten Säulentrommeln, zerschlagenen Allären und Friesen getürmt.

Auf dieser Burg vor Angora stand ich heute und sah gen Westen die Neustadt, die Schöpfung

Zukunft erkannt. Seine neuartigen Werke über Taktik ließen die Generalstäb'er aller Staaten auf. horchen. Als Divisionär Tirols schuf er, allen Heeren ein Muster, Technik und Gefechtsführung des modernen Hochgebirgskriegs. Ein durch seine klassisch klare, ideenreiche Befehlsgebung errun­gener großer Manöversieg hatte auch die aus­ländischen Fachleute verblüfft.

Nur er selber, der Ueberbescheidene, schien nicht zu wissen, wer er war. Verwundert, hart­näckig und mit seltenem Freimut lehnte er ab,

als Franz Ferdinand ihm im Belvedere, dem Schloß des Prinzen Eugen eröffnete, daß er ihn zum Chef des Generalstabs ausersehen. Erst als der Thronfolger diesen Wunsch in einen Befehl kleidete, nahm er an. Seine Bitte bei der Antrittsaudienz bei Franz Joseph lautete: Ich bitte, Eurer Majestät stets unumwunden meine Meinung sowie die Wahrheit offen sagen zu dürfen." Die Antwort des Monarchen war: Ich gestatte Ihnen das nicht nur, sondern mache es Ihnen zur Pflicht." Der alte Kaiser und

Seiner Hände Werk

Vornan von Klothilde von Stegmann-Stein.

Copyright by Martin Feuchtwcmger, Halle (Saale)

13 Fortietzung Nachdruck verboten.

Die Jüngere der beiden, eine trotz ihrer Un­feinheit sehr schone Frau, versuchte gleich am ersten Tage von ihrem Frühstücksplatz aus ein zündendes Blickspiel mit Olaf, als dem einzigen zungen Manne im Hotel, zu beginnen.

Olaf gab sich den Anschein, als sähe er die Bemühungen der Dame nicht. Auch als sie am Strande ziemlich absichtlich ihren Bademantel vor ihm herunterfallen ließ, hob er ihn zwar mit einer höflichen Verbeugung auf, ging aber weiter, ehe sie noch ihrem überschwenglichen Dank ein weiteres Wort hatte folgen lassen können.

Eines Abends, schon spät, ging Olaf noch einmal zum Strande. Es war schon dunkel, nur das Meer trug noch auf seinen Wellen die Helligkeit des Tages wie eine lichte Erinnerung daran. Mit vollen Zügen atmete Olaf die salzige Luft ein, fühlte den herben und doch warmen Seewind wie eine Kühlung um die Schläfen. Und schon kam ihm von der Düne her das tiefe, gleichmäßige Rauschen des Meeres entgegen. Im­mer war das tiefe Rauschen Beruhigung auch des Herzens, das ihm jetzt oft so schwer und trübe war.

In dem ersten Strandkorbe, der dem Seesteg zunächst stand, ließ er sich nieder.

Plötzlich hörte er aus einem der nebenstehenden Strandkörbe Stimmen.

Ich habe es h' r bald satt", klang die eine hellere Frauenstimme, die einen etwas schrillen und ungebildeten Tonfall hatte.Eine Kateridee von Axel, mich hier einzuquartieren, wo sich die Füchse gute Nacht fagen. Alles alte Onkels und Tanten in dem Kaff von Hotel, kein einziger ver­nünftigen Mann, mit dem man einen Flirt an­fangen könnte! Auch dieser junge Norweger scheint ein Eisheiliger, nicht zu erwärmen."

Die andere Frau lachte etwas spöttisch auf.

Das hat dein guter Axel schon absichtlich so eingerichtet, daß er dich hierher einquartiert hat, Lona. Hier ist er wenigstens sicher, daß du ihm nicht untreu wirst."

Unb er", fragte die mit Lona Angeredete heftig zurück,was macht er? Wie lebt er denn da drüben in dem Luxusbade?"

Na, nu mach mal einen Punkt!" sagte die eine der Frauen energisch.Daß dich der Axel nicht heiraten kann, das hast du doch von Anfang an gewußt. Hauptsache, er gibt dir immer genug Geld. Na, und wenn er den reichen Goldfisch da drüben nicht kriegt, was wird er dir dann geben können? Nichts, mein Kind. Tann ist es aus mit den schönen Kleidern, dem Bankkonto und den

Reisen und so. Also sei vernünftig! Wenn Axel sich erst die Kleine geangelt hat, dann wird er wieder flott sein. Jetzt mußt du ihn aber erst in Ruhe lassen, damit nicht irgend etwas von eurem Verhältnis durchsickert ich finde es schon unvorsichtig, daß er von dort herüber­kommt zu dir."

Na, er tut es ja auch kaum noch", versetzte die andere übellaunig,in den letzten acht Tagen hat man ihn überhaupt nicht zu Gesicht be­kommen. Vielleicht gondelt er mit dieser anderen jetzt 'rum. Mal sehen möchte ich die Gans schon, die sich da von dem guten Axel einwickeln läßt. Vielleicht fahr' ich noch mal heimlich 'rüber.

Aber Lona, bist du verrückt geworden? Wenn die Familie von deiner Existenz nur etwas ahnt, ist es mit der Verlobung Essig. Sei gescheit, Lona!"

Die greife Stimme der Jüngeren sagte noch etwas, und dann schwiegen die beiden.

Olaf sah regungslos in seinem Strandkorb. Er hatte die eine der beiden Stimmen erfarmt; sie gehörte jener aufdringlichen jungen Person, die ihm so deutliche Avancen gemacht. Unb dieser Axel, von dem sie sprach niemand anders konnte es sein als Axel Jvarsen. Zu deutlich waren alle Anspielungen auf ihn und ben Krms, in dem er sich drüben in dem Badeort G... be­wegte; zu deutlich auch die Anspielung auf den reichen deutschen Goldfisch, nach dem er angelte.

Olafs Herz schrie auf in Gram und Empörung. Kein Zweifel, niemand anders war gemeint als Hiltrud. Hiltrud war das Beuteobjekt dieses gewissenlosen Mannes, der hier frine Geliebte einquartiert hatte, indessen er das Herz ernes Mädchens zu gewinnen suchte, das trotz vieler Fehler rein und vertrauensvoll war.

Tas mußte verhindert werden. Er mußte Hil­trud die Augen öffnen, oder besser, er mußte diesen Schurken zur Rechenschaft ziehen, noch ehe es ihm gelungen war, Hiltrud in ferne Netze zu ziehen.

ElftesKaPitel.

Gleich am kommenden Tage fuhr Olaf mit dein ersten Zuge von seiner Sommerfrische ab und an den Ort, in dem er Hiltrud mit ihrer Mutter to'©r^offte, Axel zu sprechen, ohne daß Hiltrud etwas davon erfuhr.

Dom Bahnhof aus rtef er das Hotel Jvarsens an. Zu seinem Schrecken hörte er, dah Axel für ein paar Tage geschäftlich verreist wäre. Also blieb nichts anderes übrig, als Hiltrud selbst zu warnen. Es widerstrebte Olaf aufs äußerste, hinter Axels Rücken den Angeber zu spielen. Lieber hätte er ihm Auge in Auge feine ehrlose Handlungsweise auf den Kopf zugesagt. Loch nun konnte er nicht anders, wollte er nicht Mit­schuld an dem unglücklichen Geschick auf sich nehmen, das Hiltrud drohte.

In den Anlagen dem Hotel gegenüber pa­trouillierte Olaf vorsichtig auf und ab. Es war jetzt die Stunde, zu der die jungen Leute ge­wöhnlich zum Bade gingen, während die älteren Herrschaften noch zu Hause blieben. Es lag Olaf nichts daran, Frau Melanie zu begegnen. Was er zu sagen hatte, muhte Hiltrud allein gesagt toerben. Nach etwa einer halben Stunde sah er denn auch Hiltrud durch den Vorgarten des Hotels herunterkommen und den Promenadenweg zum Strande einschlagen.

Sie ging allein. Er sah nur von hinten die schmale und elegante Silhouette ihrer Gestalt, Das lichtblonde Haar, das weich unter dem weihen breitrandigen Strandhute hervorquoll. Schmerz und leidenschaftliche Sehnsucht stiegen wieder in ihm auf. Er bih die Zähne zusammen. Würde er denn nie und nimmer über diese Leidenschaft Hinwegkommen? Wo war sein Wille, mit dem er bisher immer sein Leben gelenkt, auch gegen sich und seine eigenen Wünsche, wenn es not tat? Hier durste er nicht versagen! Zu deutlich hatte Hiltrud ihm gezeigt, dah sie nichts vergeben und vergessen konnte.

Hiltrud schrak heftig zusammen, als aus dem Seitenwege des Parks Olaf auf sie zukam. Aber ehe sie, zitternd vor innerer Aufregung, noch etwas zu sagen vermochte, begann Olaf zu sprechen.

Mein gnädiges Fräulein", sagte er hastig, ich weiß, daß es kühn ist von mir, Sie nochmals zu behelligen. Ich habe wohl gefühlt, daß Sie nicht wünschen, von mir nochmals angesprochen zu werden, aber..."

Nun hatte Hiltrud sich mühsam gefaßt. Sie warf den Kops in den Nacken und sah Olaf mit jenem eisigen, unendlich hochmüttgen Blick an, der ihn schon so oft abgeschreckt hatte.

Es scheint, daß Sie es bod) noch nicht deutlich gemerkt haben, Baron Erikson, sonst würden Sie es nicht wagen..."

Ich muh es wagen es geht um Sie, Fräu­lein Hiltrud ich möchte Sie warnen!"

Wovor?"

Fräulein Hiltrud", stieß Olaf hervor,es droht Ihnen Gefahr von einem Menschen, dem Sie sich allzu vertrauensvoll gezeigt haben." t

Sie sprechen in Rätseln, Baron Errkfon , er­widerte Hiltrud kalt,und ich bin nicht gesonnen. Sie länger anzuhören."

Fräulein Hiltrud", Olaf trat ihr tn den Weg. ich bitte Sie ich muh es Ihnen sagen. . .

Wie ein Schwindel erfaßte es Hiltrud. Viel­leicht wollte er gutmachen, ihre Verzeihung erbit­ten für die Überheblichkeit, mit der er sie da­mals zurückgewiesen. Ach, schon längst war ja Dieser Stolz, dieser Hochmut in ihr wie eine Mauer, die zusammenstürzen würde, sowie er daran rüttelte; aber sie brachte kein Wort über die erblaßten Lippen, Und schon sprach auch Olaf weiter:

sein Marschall haben diesen Pakt getreulich ge­halten.

Erstaunt hörte Conrad den Jubel der Armee. Seit Radetzky hatte das Herr noch keinen mit so einstimmiger Begeisterung begrüßt. Dor allem den jüngeren Offizieren war der NameConrad" die Verheißung einer neuen glanzvollen Zeit und neuer Gröhe des uralten Reichs.

Wiewohl Conrad allen falschen Drill verwarf, wehte mit einem Male ein schärferer Wind durch alle Kasernenhöfe. Von den Manöver­feldern verschwand alles Paradieren, alle schö­nen Bilder. Die Batterien, die grauen Schwarm- linien der hart geschulten Infanterie versanken unsichtbar im Gelände. Cs gab, sehr zum Schmerze von uns jungen Offizieren von damals, keine brausenden Attacken kaiserlicher Reiterei mehr hinter schmetternden Signalen, dafür regelrechte Distanzritte geschlossener Divisionen. Conrads Manöver waren keine militärischen Ausstattungs­opern mehr. Er führte die dann überall nach- geahmten, von keiner Nachtruhe und örtlicher Begrenzung behinderten freizügigen Manöver ein. Er ließ Kriegsschüler und Generalstäbler auf Uebungsreisen in unbarmherzigen Märschen und Ritten sich erschöpfen, auf denen sie 'auch geistig nicht zur Ruhe kamen und stellte sie dann abends, in der Nacht vor große verantwortungsvolle Ent­schlüsse. Ein Jahr schon nach Conrads Ernennung schm de fremdländischen Offiziere bei den Kaiser- manövern in Kärnten, bei denen die Truppen damals abenteuerlich scheinende Leistungen voll­brachten zwischen Loibl und Katschberg erstaunt die so plötzlich verwandelte Armee.

Er entwarf die Aufmarschpläne. Er sorgte, rin­gend mit den engstirnigen Parlamenten, mit dem Unverstand mancher Generale, mit den immer Rückwärtsschauenden, für Ilmbewaffnung und ~ Neuordnung des Heeres. Zu seiner ganzen sol­datischen Größe aber trug ihn erst der Krieg.

Niemals ist ein Fe.dherr vor einer solchen Aus­gabe gestanden: einem an Zahl, Ausrüstung und Kriegserfahrung weit überlegenen Gegner gegen­über nicht nur das eigene Reich zu schützen, son­dern zugleich einem zweiten Deutschland den Rücken zu decken. Er hat diese Aufgabe gelöst, wiewohl sein Heer damals schon an zwei Fronten gegen Rußland und Serbien kämpfte; wie­wohl die von ihm erwartete deutsche Hilfe wegen der Marneschlacht nicht kam und drei Viertel des russischen Riesenheeres sich zornig auf die in kühner Offensive vorstürmenden k. und k. Armeen warfen. Er siegte bei Krasnik und Lublin und, in den Tagen von Tannenberg, in der großen fünftägigen Umfassungsschlacht bei Komarov. Niemals toaY seine ideenreiche Führung um Ein­fälle und Auswege verlegen. Mit äußerster Ge­wandtheit wirbelte er seine Armeen herum, die in der Russenflut zu versinken drohten. Es war die Klinge eines meisterlichen Fechters, die durch die Sommer- und Herbsttage 1914 in Polen und Galizien blitzte.

Er rettete das preußische Schlesien, indem er unerhört bis dahin in einem Koalitionskriege die eigene Front entblößte und eine Armee aus den Karpathen in Lastzügen, die er mit V-Zugsgeschwindigkeit durch Ungarn jagte, an die russisch-schlesische Grenze warf. Er beendete durch seinen Flankenstoß bei Limanova die feit Wochen zwischen Thorn und den Karpathen tobenden Kämpfe und brachte die russische Dampf­walze zum Stehen. Sein Oberbefehl führte die große Offensive von Gorlice, die seines Geistes war, allen kleinmütigen Einsprüchen zum Trotz, in ununterbrochenem Schwünge, während Italien schon gegen das Südtor des Reiches stürmte, bis tief ins feindliche Land.

Nicht einen Augenblick lang verlor er die Nerven, als mit dieser italienischen Kriegs­erklärung die österreichische Front sich um 1000 (!)

Der junge Mann, mein Schulkamerad ich mußte ihn Ihnen damals vorstellen, er drängt» mich; aber es ist keine Gesellschaft für Sie, Fräu­lein Hiltrud. . ."

,Cr ist kein Ehrenmann', wollte er noch weiter- fprechen, aber Hiltrud unterbrach ihn wieder. Mit wilden Augen sah sie Olaf an.

Also das war der Grund, der ihn hergetrieben? Sie hatte etwas anderes, Süßeres von ihm zu hören erwartet das Geständnis seines Unrechts, seiner Reue, seiner Liebe vielleicht. Und nun wollte er nichts anderes, als den einzigen Men­schen in ihren Augen herabzusetzen, der sie zeit­weilig ihren Kummer vergessen lieh. Wie ab­scheulich, wie niedrig, einen ehemaligen Jugend­freund in ihren Augen zu entwerten! Wie kam er überhaupt dazu, sich in diese Angelegenheit hineinzumischen, sich immer als ihr Schulmeister aufzuspielen? Vielleicht war sein Verhalten nichts anderes als niedrige Rachsucht? Nachdem sie ihn in Dremerschloh hatte abfallen lassen, gönnte er wohl dem Jugendfreunde die Freundschaft mit ihr und ihrer Familie nicht? Axel hatte ja gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft angedeutet, wie un­gern Olaf Erikson ihn ihr vorgestellt.

Eine Intrige war das Ganze. Eine häßliche Intrige, wie sie diese einem Olaf Erikson nie­mals zugettaut. Immer mehr entgötterte sich das Bild, das sie von ihm im Herzen getragen. Mit harter Stimme sagte sie:

Ditte, verschonen Sie mich ein für allemal mit Ihren Belehrungen, Baron Erikson. Im allgemei­nen habe ich eine gute Menschenkenntnis und weiß, wem ich vertrauen darf. Einmal habe ich mich getäuscht ich brauche nicht deutlicher zu werden. aber seien Sie versichert, es wird nicht wieder der Fall fein. Und nun darf ich Sie wohl bitten, mich meiner Wege gehen zu lassen. Ich hoffe, Ihnen weder hier noch anderswo noch ein­mal zu begegnen.

Olaf stand noch lange da und sah auf den sonnen glänzenden Weg, hinter dessen Biegung Hiltrud verschwunden war. Armes, irregeleitetes Kind!, dachte er bei sich. Heißer Schmerz erfüllte ihn. Aber der Schmerz war säst noch größer um ihretwillen als um seinetwillen. Er würde Hil­trud nicht mit blinden Augen in ihr Unglück hineinrennen lassen. Wenn sie ihm auch ver­loren war, einem Menschen wie Jvarsen sollte sie nicht zur leichten Beute fallen. Wollte Hiltrud ihn nicht anhoren. so mußte man sich an Hiltruds Stiefvater wenden. Kommerzienrat Bremer kannte ihn, Olaf, genügen!*, um zu wissen, aus was für Gründen er ihm Aufklärung und Warnung brin­gen wollte. Er war fest entschlossen, in den nächsten Tagen direkt zu Kommerzienrat Bremer zu reifen, um ihn vor der Gefahr zu warnen, die Hiltrud bedrohte.

(Fortsetzung folgt.)