Ausgabe 
10.11.1932 Frühausgabe
 
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Heute früh Eisenbahnunglück bei Saasen

Auf dem Bahnhof Saasen (Kreis Gießen) der Strecke Gieße n$ ulda ereignete sich heute früh gegen *8 Uhr ein Eisenbahnunglück. 3n dem Bahnhof hielt ein von Gießen gekommener G ü t e r z u g, gegen den der Zrühzug aus Fulda in ziemlich flotter Fahr, auf. fuhr. Durch den heftigen Zusammenprall wurden, soweit wir bis zur Stunde durch Augenzeugen er- fuhren, beide Lokomotiven stark be.schä- digt und eine Anzahl Güterwagen in.

einandergeschoben. Mehrere Personen in dem Frühzug nach Gießen wurden verletzt, jedoch soll es sich zum Glück nicht um schwere verletzun- gen handeln. Aerztliche Hilfe war aus Grünberg rasch zur Steile, ebenso wurde der Sanität«- und Hilfszug vom Bahnhof Gießen schleunigst alarmiert und traf in kurzer Zeil an der Anfallskelle ein. Zur Zeit ist man mit den Aufräumungsorbeiten beschäf­tigt, jedoch sind beide Gleise noch gesperrt.

Aus -er Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 10.November 1932.

Winterbildungsarbeit der Angestettten-Berbände.

Dix Ortsgruppen der in unserer Stadt vertrete­nen Angestellten-Berbände traten auch für den be­vorstehenden Winter wieder mit ihren Arbeits­plänen vor ihre Mitglieder, denn trotz der Un­gunst der wirtschaftlichen Verhältnisse will man weiter bemüht sein, die erworbenen Kenntnisse auszubauen, dem Nachwuchs fachliche theoretische und praktische Kenntnisse zu vermitteln und ihm das zu geben, was der junge Kaufmann braucht, um im Existenzkampf bestehen zu können.

Der Deutschnationale Handlungs- g e h i l f e n » B e r b a n d hat für das Winterhalb­jahr ein umfangreiches Arbeitsprogramm vorge­sehen. Die Scheinfirmenarbeit. die der DHV. als erste Angestellten-Organijation einsührte, wird fort­gesetzt. Eine Anzahl von Grundlehrgängen (Kaus- männisches Rechnen, Deutscher Handelsbrief, Buch­führung, Maschinenschreiben Reichskurzschrist, Pla­katschrist, Englisch für Anfänger und Fortgeschrit­tene) werden abgehalten. Man wird sich ferner mit kaufmännischer Betriebswirtschaftslehre befajsen: Fachlchrgang und Arbeitsgemeinschaften geben den Mitgliedern 'Gelegenheit, sich fortzubilden.. Neben diesen rein beruflichen Zielen soll auch die Allge­meinbildung durch Vorträge aus den verschieden­sten Wissensgebieten (Heimatkunde, Gesetzeskunde, Grenzlandarbeit, Deutsches Heldentum ufw.) geför­dert werden. Gesellige Veranstaltungen, Haus­frauennachmittage und derql. sind vorgesehen. Der Bund der Kaufmannsjugend im DHV. pflegt regel­mäßige Zusammenkünfte, dieFahrenden Gesellen" unternehmen Wanderungen, um die Heimat fern nenzulernen, die Turnergilde pflegt Handballspiel, Gymnastik, Turnen usw. DerMänner- und Frauenchor Deutscher Sang im DHV." hat Ucbui'.gsabende vorgesehen. Im Laufe des Win­ters soll außerdem "ein Schulungskursus fürErste Hilfe bei Unglücksfällen" abgehalten werden.

Im Gewerkfchaftsbund der A nge- st e l l t e n wird das Winterhalbjahr ebenfalls durch allerlei fortbildende Arbeit ausgefüllt wer­den. Zwar hat man diesmal von der Abhaltung von Kursen abgesehen, in verschiedenen Versamm­lungen sollen aber Borträge mit Lichtbildern allge­meinbildenden Charakters gehalten werden. Dem­nächst wird die Demonstration einer Sitzung der Spruäzausschußkammer stattfinden, die wohl leb­haftem Interesse begegnen wird. Die Iugendgruppe des GdA. hat für ihre Heimabende mancherlei Unterhaltsames und Wissenswertes vorge-sehen.

"Der Zentralverband der Angestell- t e n wartet mit Kursen in Englisch, Französisch und Spanisch für Anfänger auf. Es soll ferner Gelegen­heit gegeben sein, sich im Plakat- und Inserat- Entwurf auszubilden; Stenographie und Maschi­nenschreiben werden gelehrt; Vorträge über die ThemenWie lieft man den Handels- und Wirt- fchaststeil einer Tages-Zeitung?",Was muß der Angestellte vom Absatz und der Kundschaft wissen?" sollen das Verständnis für größere Zusammenhänge

wecken. Im Rahmen der Uebungefirma werden Deutscher Handelsbries, Kaufmännisches Rechnen, Handelsrecht, Steuerwesen, Buchführung, Kalku- lation, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsgeographie und Warenkunde behandelt werden. Reben diesen Kursen und den Arbeitsgemeinschaften werden in besonderen Veranstaltungen Vorträge allgemein­bildender Art abgehalten. Lichtbilder und Filme wurden zu diesem Zweck herangezogen. Die Iu­gendgruppe des ZdA. wird ihre Mitglieder mit Leseabenden, Musik- und Liederabend, mit Vor­trägen, teils ernsten, teils heiteren Charakters zu unterhalten und gleichzeitig fortzubilden bestrebt sein.

Die Erziehungs- und Fortbildungsarbeit, die hier im Stillen geleistet wird und schon in Gang ge­bracht wurde, ist nicht gering zu bewerten. Wird doch durch diese Bildungsarbeit ein kaufmännischer Nachwuchs h.rangezogen, der den Zusammen­hängen im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben viel verständnisvoller gegenüberstehen wird, als früher.

Bornotizcn.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschriebene Morgen als 6. Vorstel­lung im Freitag-Abonnement zum ersten Male der lustige SchwankRaub der ©abinerinnen" von Schönthan. Spielleitung hat Karl (Bold. Spieldauer von 20 bis 22.15 tlhr. Gewöhnliche Preise. Zum letzten Male gelangt am Sonn­tag. 13. November, als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen das jüngste Werk des Un­garn Ladislaus Fodor;Roulette" unter der Spielleitung von Karl Hehler zur Aufführung.

D i e Co median Harmonists im Gießener Stadttheater. Man schreibt uns: Mit einem in seiner Buntheit seltenen und abwechslungsreichen Programm treten J>ie Sänger in einem einmaligen Gastspiel im Stadt­theater am Samstag. 12. November, erstmalig in Gießen auf und werden sich auch hier den Beifall eines ausverlauften Hauses erringen. Ein Abend, den niemand missen möchte, der die sechs Sänger je gehört hat. Cs wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß vorbestellte Karten bis Freitag abgeholt sein müssen, da infolge der starken Nachfrage ab Samstag über öie'e Karten sonst verfügt werden muß; vor­bestellte Karten auswärtiger Theaterbesu­cher bleiben bis 15 Minuten vor Beginn der Veranstaltung rSserv'.ert.

Der Goethe-Bund schreibt uns: In un­mittelbarer Folge an den ersten Dichterabend schließt sich der zweite Dichterabend des Vortrags­winters an: Der bekannte Dichter Albrecht Schaeffer wird am kommenden Montag aus eigenen Werken lesen. Auch Albrecht Schaeffer ge­hört zu den bedeutendsten Vertretern der zeit­genössischen Dichtkunst. Er verfügt über ein reiches literarisches Schaffen, und die Zahl seiner An­hänger und Leser wächst ständig. Der Dichter ist ein sehr starker Interpret seiner Dichtungen, so daß der Vortragsabend für jeden Besucher ein Erlebnis sein wird. Näheres siehe gestrige Anzeige.)

Oie Ausgabe vonGteuerguifcheinen

Was der Steuerpflichtige zu beachten hat.

Don der Industrie- und Handelskammer Gießen wird uns geschrieben:

Da offenbar noch Unklarheiten über das Ver­fahren bei der Ausgabe von Steuer- gutscheinen bestehen, seien noch einmal die hierfür geltenden Bestimmungen kurz zusammen­gestellt:

Anspruch auf Steuernachlah in Form von Steuergutscheinen haben alle natürlichen und juristischen Personen des Privatrechts und des öffentlichen Recht».

die 1. Umsatzsteuer-, gewerbesteuer- oder grund­steuerpflichtig sind,

2. in der Zeit vom 1. Oktober 1932 bis 30. Sep­tember 1933 auf diese Steuern fällige Beträge entrichten,

3. im Inland ihren Wohnsitz, ihren gewöhn­lichen Aufenthalt, Sih oder Ort der Leitung haben, oder sonst unbeschränkt einkommensteuer- oder körperschaftssteuerpflichtig sind.

Zahlt ein Dritter im Auftrage, oder in Voll­macht des Steuerschuldners die Steuer ein, so ist natürlich der Steuerschuldner gutscheinberech­tigt.

Wenn der Steuerpflichtige umsahsteuerpflichtig ist, werden die Steue gutscheine für alle gut- schcinberechtigten Steuerzahlungen von der Fi­nanzkasse des Finanzamts ausgebändigt, das für die Besteuerung des Steuerpflichtigen nach dem Umsatzsteuergesetz zuständig ist.

Wenn der Steuerpflichtige nicht umsatzsteuer­pflichtig ist, werden die Steuergutscheine von der Finanzkasse des Wohnsihfinanzamts, oder des Finanzamts der Geschäftsleitung ausgegeben.

Wer Gewerbesteuer oder Grundsteuer bei einer Landes- oder Gemeindekasse entrichtet, hat dieser Kasse mitzuteilen, welches Finanzamt für die Ausgabe von Steuergutscheinen für ihn zuständig ist. Die Landes- oder Gemeindekasse hat die von den einzelnen Gutscheinberechtigten eingc- zahlten Beträge soweit sie für die Ausgabe von Steuergutscheinen in Frage kommen dem zuständigen Finanzamt nach dem Ende jedes zweiten Monats des Kalendervierteljahres, also Anfang Dezember 1932, Anfang März, Anfang Juni und Anfang September 1933, sowie An­fang Oktober 1933 mitzuteilen.

Der Gutscheinberechtigte kann beantragen, daß die Landes- oder Gemeindekasse die von ihm

eingezahlten, bei der Ausgabe von Steuergut- fdj einen zu berücksichtigenden Beträge schon früher mitteilt. Die Landes- ober Gemeindekasse muß einem solchen Antrag entsprechen, sobald der von dem Gutscheinbcrechtlgten eingezahlte und zu berücksichtigende Betrag 1250 RM. er­reicht hat oder übersteigt.

Die Aushändigung erfolgt aber nur auf aus­drücklichen Antrag des Steuerzahlers. Der An- tra>g muß spätestens bis zum 31. März 1934 bei dem zuständigen Finanzamt gestellt sein.

Für den Antrag bestehen keine besonderen Formvorschriften. Cs wird aber zweckmäßig sein, einen solchen Antrag schriftlich ein für allemal an die betreffenden Steilen zu richten. Der An­trag braucht also nur bei der erstmaligen An­forderung gestellt zu werden. Alle weiteren, dem Antragsteller zustehenden Steuergutscheine werden dann ohne neuen Antrag ausgegeben.

Die Steuergutscheine können entweder persön­lich an der Finanzkasse in Empfang genommen, oder durch die Poft (Einschreibesendung oder Wertbrief) übersandt werden. Da aber-ticr erste Weg mit Zeitverlust, der zweite mit beträchtlichen Linkosten (die durch Nachnahme erhoben wer- den) verbunden ist, ist es ratsam, die Geschäfts­verbindung mit Banken, Spar- und Girokassen, sowie Genossenschaften in Anspruch zu nehmen.

Zweckmäßig kann schon bei der Antragstellung darum nachgesucht werden, die Stücke dem bei der Bankverbindung des Steuerberechtigten ge= führten Depot zuzuführen.

Der Antrag auf Ausgabe von Sleuergul- fcheinen für Mehrbeschäftigung von Arbeit­nehmern muß schriftlich auf besonderem Vor­druck gestellt werden. Dieser Antrag ist inner­halb eines Monats nach Ablauf des kalender- vierkeljahres einzureichen, in das die Mehr­beschäftigung fällt,

das heißt also: der Antrag für Oktober Dezember 1932 ist im Januar 1933 zu stellen, der Antrag für Januar März 1933 ist im April zu stellen usw. Zuständig ist grundsätzlich das Finanzamt, das die Tlmsatzsteuer des Antragstellers bearbeitet. Ist jemand nicht umsahsteuerpflichtig, so werden die Gutscheine von dem Finanzamt au°p"geben, das das Einkommen veranlagt.

SpendefürdieGießenerWinternothilfe

Von der Geschäftsstelle der Winternothilfe wird uns mitgeteilt, daß das Konfektionshaus Carl Frensdorf 2 Herrenanzüge. 2 Herrenulster, 1 Gummimantel, 1 Lodenmantel, 3 Herrenhosen, 2 Sporthosen, 2 Windjacken und 3 Knabenhosen für das Gießener Winterhilfswerk gespendet hat.

Weitere Spenden werden jederzeit dankbar an­genommen.

** D i e Sprechstunde der Fürsorge« st eile für Lungenkranke in der Medizi­nischen Poliklinik findet für die Besucher aus den Landgemeinden des Kreises Gießen jeden Mon­tag von 16 bis 17 Uhr (nachmittags 4 bis 5 Uhr) statt. Lungenkranke und Krankheitsgefähr­dete, die in ärztlicher Behandlung sind bedürfen einer Uebermcijung ihres Arztes in die Lungenfür­sorgestelle. Unbemittelte werden unentgeltlich be­raten.

Srieffoften der Redaktion.

tRechlsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

F. Z. 150. Das Krümpersystem ist das System der von Scharnhorst 1809/13 durchgeführten Rekruten­ausbildung. Da Preußen nur 42 OOO Soldaten hal­ten durfte, wurden, um mehr auszubilden, die Re­kruten nach mehrmonatiger Ausbildung durch andere ersetzt. Die Entlassenen nannte man spottweise Stümper oder Kremper. In der Geaenwart tritt das Krümpersystem nicht auf militärischem Gebiet,

sondern im Arbeitswcsen in Erscheinung. Man oer steht darunter die schichtweise Auswechslung einer Belegschaft insofern, daß ein Teil der Belegschaft arbeitet, während der andere Teil einen gewissen Zeitraum feiert, um dann seinerseits die Arbeiten­den abzulösen.

Bücheriisch.

Pott und v. Boettichcr, Piraten und Perücken. 60 2. R. Voigtländcrs Verlag, Leip­zig. Festkartoniert 1,20 Mk. (225)

Für jeden Kaufmann ist es heute von unschätz­barem Wert, daß ihm die Möglichkeit gegeben ist, das Studienthema eines Diplom-Kaufmanns zu ab­solvieren In Form des bekannten Selbststudienwerkes Die Handelshochschul e", die der Frankfur­ter Universitä/sprofessor Dr. Schmidt zusammen mit 30 anderen bekannten Hochschul-Professoren ge­schaffen hat. Das eigentliche Hauptwerk hat nun eine Ergänzung erfahren durch einen sogenannten Ergänzungsband. Das ursprüngliche Studium wird dadurch keineswegs berührt, und es ist jedem, der das Hauptstudium durchführt, anheimgestellt, auch die im Ergänzungsband zusammengefaßten Themen durchzuarbeiten. (Industrieverlag Spaeth & Linde, Berlin W. 10, Genthlnerstraße 42.)

RinMidie Nachrichten

Israelitische Gemeinden.

Israelitische Religionsgesellschaft. Sabbatfeier den 12. November. Freitag abend 4.20 Uhr , Samstag vormittag 8.30; nachmittags 4.55; Sabbatausgang 5.35. Wochengottesdienst: morgens 6.45; abends 4.30 Uhr.

Oer elfte November.

Oer Tag des Waffenstillstandes 1918 in London, Paris und Berlin.

Don Bruno Brehm.

Bruno B r e h m, der begabte Dichter, erzählt in dem soeben bsi R. Piper & Co. n München erschienenen BuchDas war das Ende" mit packender Anschaulichkeit das Ende des Weltkrieges von Brest- Li towsk bis zur Unterzeichnung des Frie­dens von Versailles. Wir geben daraus e nige Abschnitte des Kapitels wieder, das die Aufnahme der Vachricht vom Waffen­stillstand am 11. Rovember in London, Paris und Berlin schildert.

Am elften Tage des elften Monats zur elften Stunde verkündete die Glocke des Big Ben im Glockenturm von Westminster zu London, daß der Krieg beendet sei Aus allen Häusern strömten die Menschen auf die Straßen, das ernste London des Krieges warf den Panzer von sich und streckte die Arme, jauchzte, als hätte der Jubel in der inneren Stadt keinen Baum, hinaus an den Kai zur Themse, zog brausend und tobend an dem langgestreckten Par­lament vorbei, immer neue Menschenströme flössen aus den Gassen zu, Fahnen entfalteten sich über den dunklen Zügen, die Menschen lachten, die Menschen weinten vor Freude, sie umarmten einander, und hinein in dieses Schreien und Jubeln begannen die Glocken von ganz London zu erdröhnen, als dächten sie allein der Toten in Flandern, an der Somme, in Palä­stina, am Euphrat, bei den Darda­nellen, und all derer, die auf des Meeres kühlem Grunde ruhten. Heberstanden waren die Jahre der Prüfung, gerettet war das meer- umspülte Eiland, Gott hatte das mit tausend Barben bedeckte England vor dem Untergang gerettet, sein auserwähltes Volk vor der Ver­nichtung bewahrt. All dies verkündeten die dröhnenden Glocken, all diese Freude spiegelt sich in den Tränen der Witwen und Mütter wider, in deren Arme nun die nicht mehr heim­kehren, die England gerettet haben.

Am elften Tage des elften Monats zur elften Stunde da dröhnten in Paris vom MarSfeld herüber die Salven der Geschütze nicht mehr das Krachen der fernherkommenden Schüsse der dicken Berta", nicht mehr die Salven der Flug­abwehrbatterien es sind nun die Ehrensalven für den kommenden Frieden. Auch hier läuteten die Glocken, auch hier erschienen überall Fahnen, immer wieder nach der Trikolore das Sternen­banner, Soldaten zogen durch die Straßen, unter Marschliedern marschierten Frauen und Mädchen mit, die Gesichter dem Himmel zugekehrt, mit halbgeschlossenen Augen sich der Wohltat deS großen Dahinflutens ergebend. Die ersten Takte der Marseillatse ertönen. Trommelwirbel unter­bricht sie, und nun erbraust der alte Marsch Sambre et Meuse, weinende Menschen fallen einander um den Hals; auf Gießkannen, Koch­töpfen, auf Trommeln, Kindertrompeten wird gelärmt, Signalhörner der Soldaten schrillen darein, als wären die Menschenkehlen nicht im­stande, all die Freude herauszubrüllen, die die Brust zersprengen will-

Die Beutegeschühe vom Place de la Concorde und aus den Champs-Elysees werden geholt, Mädchen setzen sich auf die verstummten Rohre, reiten auf den Lafetten, Soldaten spannen sich vor die Protzen und über die winkenden, wehen­den Boulevards geht die jauchzende, klirrende Fahrt. Alle Fenster stehen offen, alle Balkons sind schwarz von Menschen immer wieder Glocken, Musik, Rufe, Toben, als sei die Stadt toll geworden und auch hier im Gedränge die vielen verschleierten schwarzen Frauen. Don der Menge umringt, umschmeichelt von den Mädchen, ziehen b:e großen amerikanischen Sol­daten unter den kleinen Franzosen dahin, von Greisen bejubelt die ihre eigenen Söhne ver­loren haben so rast, so brüllt, so tobt die Stadt bis in den grauenden Morgen.

3n Berlin gab es weder Tag noch Stunde. Wie graue Bäche nach einem Hntoetter ström­ten die Feldgrauen aus allen Straßen Unter den Linden zusammen, zogen durch diese Sieges- straße Preußens zum Brandenburger Tor, rissen das Schwarz der Zivilkleidung mit und die ab­gehärmten Gestalten der blassen Frauen, um­tosten die Siegessäule, bildeten sturmbewegte, sich stauende Tümpel, überströmten und zeigten, was diese Stadt nun wirklich ist ein einziges großes meuterndes Militärlager, in dem nun überall die ehernen Könige, Kurfürsten, Generale auf den Brücken, Plätzen und in den Gärten da­standen wie verlassene Posten des Ruhmes, wie eherne und steinerne Wächter vor den Straßen, die nach den Siegen Preußens benannt sind.

Ruhelos trieb es die Menge wieder zurück und nun standen sie vor dem OH ar ft all, besahen die Geschoßeinschläge und die zertrümmerten Fen- ster, und vor dem Schloß herum lagen noch die Flugblätter von gestern und vorgestern, die Extra-Ausgaben, die den Ausbruch der Re - v o I u t i o n in Frankreich, England und Italien verkündet hatten.

In dieser klaren, scharfen, vom Meer her kom­menden Luft wurde nun gedacht: irgendeinen Lohn, für all die Leiden, die man ertragen hatte, mußte es doch geben; die oben waren, haben unS geprellt um den Lohn, wir werden ihn nun felbft uns nehmen. Und dieses auf Parolen ein- ge schwöre ne Volk wiederholte die Worte dieser Tage:Das deutsche Volk hat auf der gan­zen Linie gesiegt". Sieg muhte ja fein nach sol­chen Mühen wenn also nicht ein Sieg über die äußern, bann ein Sieg über die inneren Feinde. Die Offiziere wurden angehalten, die Achsel- stücke-wurden ihnen heruntergerissen ja, warum haben sie uns denn nicht den Sieg geschenkt fort mit der Vergangenheit, nun beginnt eine schönere Zukunft! Run ist Deutschland ein freies Land und Berlin eine freie Stadt!

Aber seltsam, auf einmal war alles verwan­delt. War es der scharfe, die Flugblätter vor sich her treibende Wind vom Meere, waren es die vielen lärmenden Matrosen und die Menge der verbissen dreinblickenden Arbeiter mit den Gewehren, waren es die Leute aus dem Rorden mit den breiten slawischen Duldergesichtern, deren Gehorsam sich nun in Haß verwandelt hatte mit einem Male sah alles so russisch aus. Run suchten die Menschen das Reue in den Straßen und auf den Plätzen, nun lauschten sie, gierig zu glauben, den überall aufflatternden Worten, nun fliegen, da die dünne kühle Oberschicht wie Eis gebrochen war, von unten her die grauen Fluten auf und warfen die zersplitternden Schol­len gegen bas Ufer. Fahlgrün leuchteten die Kup­peln des Reichstages und des Domes matt nur prunkte das Gold der Siegessäule und der hohen Laternen über den Kuppeln.

Dort, wo der neue Dom steht, dort hakte im alten, nüchternen, preußischen Dome Hinden­burg als junger Offizier am Sarge des ersten Kaisers aus dem Hause Hohenzollem Ehrenwache gehalten.

Wie spät war doch Berlin erst an die Reihe gekommen! Ist nicht dieser neue Dom dort die letzte unter den prunkenden Kuppelkirchen, die mit dem Petersdom in Rom beginnen und sich in der Karlskirche in Wien, dem Invalidendome in Paris, der Paulskirche in London, der Frauen­kirche In Dresden fortsehen? Mußte nicht der Berliner Dom als letzte dieser Kirchen mehr sein wollen als alle andern vor ihr? Und doch und doch! Ist es nicht rührend, daß zwischen all dem falschen Prunk unter jedem der Reliefs, die Szenen aus der Heiligen Schrift darstellen, eine Inschrift angebracht ist, welche angibt, welche Bibelstelle hier gezeigt wird? Welch seltsame Kreuzung von strenger Schule und einem maß­losen, stepvenhaft groß wirkenden Prunkzelt der Macht!

Aber ist nicht diese breite Menge mit den nach Gerechtigkeit dürstenden, mit den verhun­gerten Gesichtern führerlos wie die gleichen Menschen weiter nach Osten zu? Führen nicht drüben in Rußland auch andere nachdem man alles, was deutsch war. erschlagen oder vertrie­ben hatte?

An den Abenden aber, nachdem sich die Menge verlaufen hatte, und in den langen November­nächten, kam zum ersten Male jene trostlose Ein­samkeit über den weiten Raum um den Lust­garten und die Schloßbrücke, lagerte sich eine, nur hier und da von Schüssen burd)fnotierte läh­mende Stille in der Mitte dieser aus vielen Städten zusammengesetzten und dort sich vereini­genden Stadt.

Der graue Chor, der nun, da die Akteure ab­getreten waren die Bühne überflutete, verstellte jede Sicht. Was die Menschen sagten und was sie taten, wurde unklar und nicht überschaubar. Klar blieb nur, was sie gebaut hatten.

Rührte nicht noch immer Schloß Sanssouci, dieser Traum von Süden und Zärtlichkeit in einer kargen Landschaft, mit Wehmut an die Seele, ärgerte nicht immer noch der spießerhafte Charlottenhof nebenan auf dem gleichen Höhen­zug deshalb fo sehr, weil auch von den Königen keiner diesen Geist der Rebellion des Enkels gegen den Vorfahren überwinden konnte! Aus­rührer das Volk und Aufrührer die Herren-! Alles nut zusammengehalten durch jene- Ueber- maß von Zucht, das nun die Menge von sich wirft und das ihr durch nichts erseht werden kann.