Donnerstag, 10. November 1952
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Ur. 265 Zweites Blatt
Englands Kamps gegen den deuischen Sandel.
Schwere Gefahren für den deutschen Export auf den Märkten Skandinaviens und Hollands.
Die Doykottbewegung gegen deutsche Waren, die in Holland am schärfsten betrieben wird, aber auch in den drei skandinavischen Ländern planmäßig organisiert worden ist, hat der deutschen Exportwirtschaft schweren Schaden zugefügt. Ein großer Teil der praktischen Ergebnisse des Wirtschaftsbelebungsprogramms der Reichsregierung wird durch den Rückgang der deutschen Ausfuhr, der die Folge dieses Boykotts ist, wieder ausgeglichen. Man wird sich aber vor der rein äußerlichen Auffassung hüten müssen, als ob die Bewegung gegen die deutschen Waren, die einen Teil der deutschen Dezugsländer erfaßt hat, lediglich durch die deutschen Kontingentierungsmaßnahmen ausgelöst worden sei. Die LIrsachen dieser Entwicklung liegen vielmehr sehr viel tiefer, und man muh ihr ins Auge sehen, um ihren ganzen Ernst zu erkennen. Vielleicht ist ursprünglich sowohl in den nordischen Ländern, wie in Holland die Ankündigung der deutschen Kontingentierung der Ausgangspunkt der antideutschen Propagnada gewesen. Aber verbreitert und vertieft wurde sie erst dadurch, daß sie von England zu einer großzügigen und, wie man leider feststellen muh, sehr erfolgreichen Werbungsaktion aus Ko st en Deutschlands ausgenuht wurde. Erst dadurch hat sich die Lage für die deutsche Exportwirtschaft so verschlimmert, daß es heute in den genannten Ländern selbst alteingeführten deutschen Firmen nicht mehr möglich ist, Waren abzusetzen.
Der englische Feldzug zur Steigerung des Exports britischer Waren ist ein Teil des Kampfes, den die englische Regierung gegen die Arbeitslosigkeit im eigenen Lande führt. Er gehört in das gleiche Gebiet wie die Abwertung des englischen Pfundes und die Vereinbarungen in Ottawa. England versucht mit allen Mitteln, die Lasten der Weltkrise und der Arbeitslosigkeit von sich auf andere Länder abzuwälzen, und hierunter muh in erster Linie der Hauptkonkurrent der englischen Waren auf den umstrittenen Märkten, d. h. Deutschland, leiden. Die auswärtigen Märkte, die sich die Engländer zu erobern vorgenommen haben, sind vor allem (natürlich neben denen des britischen Imperiums) die nordischen. Aber auch in Holland versuchen sie, unter Ausnutzung der durch die deutschen Einfuhrbeschränkungen hervorgerusenen allgemeinen Mißstimmung die deutschen Waren durch britische zu verdrängen.
In Schweden. Dänemark und Rorwegen hat vor allem die englische Propaganda- Au s - stellung in Kopenhagen tiefgehende Wirkungen ausgeübt. Diese erstrecken sich nicht in erster Linie auf den Handel dieser Länder. Diele Geschäftsleute mö')ten vielmehr offensichtlich gern ihrem deutschen Lieferanten treu bleiben. Aber das durch die außerordentlich geschickten englischen Werbemethvden beeinflußte Käufer- Publikum verlangt überall ausdrücklich englische Waren und lehnt solche deutscher Herkunft ab. Dazu kommt freilich noch hinzu, daß auch die Behörden dieser Länder, namentlich die dänischen, die englische Wirtschaftswerbung in feder Hinsicht unterstützen und fördern. Das hängt, abgesehen von öen psychologischen Wirkungen der englischen Propaganda, auch damit zusammen, daß die Währung der nordischen Länder bekanntlich an das Pfund angehängt ist. Dadurch wird nicht nur der englischen Ausfuhrindustrie ein
wertvoller» Vorsprung vor der deutschen verschafft, sonDern die dänischen und schwedischen Behörden sinh infolgedessen auch in vielen Fällen geneigt, die englische Einfuhr durch entgegenkom- niende Devisenzuteilung zu begünstigen. In Dänemark sowohl wie in Schweden sind jedenfalls die deutschen Waren in den letzten Monaten f a st völlig durch englische ersetzt worden. Die Auheirhandelsstatistik dieser Länder zeigt daher eine starke Zunayme der englischen und eine entsprechende Abnahme der deutschen Warenimporte.
Richt sehr viel anders liegen die Dinge i n Holland', wo allerdings neben der englischen Absatzwerbirng die einheimische Doykottbe- w e g u n g , die sich unmittelbar gegen Deutschland richtetz, eine größere Rolle spielt. Ihr HauptträgeC ist die niederländsiche Landwirtschaft, die durch die deutsche Agrarpolitik schwer verärgert ist und namentlich den Bezug deutscher Maschinen und Werkzeuge zur Zeit grundsätzlich abletznt. Allerdings spielen hierbei auch holländische Autarkiebestrebungen eine wesentliche Rolle. Holland, das seine Ausfuhr landwirtschaftlicher Deredelungsprodukte bedroht sieht, will sich zum Ersah eigene Industrien neu aufziehen, soweLt diese noch fehlen oder nicht genü-
Als vor iwei Jahren die Rot unserer jugendlichen Erwerbslosen, ihre geistige und seelische Rot, zu umfassenderen Maßnahmen drängte, wie sie eine mehr betreuende und unterstützende Hilfs- tätigkeit geben konnte, da kam von den Trägern der Volksbildung im Zusammenwirken mit den Organisationen der Jugendpflege und mit den Bünden und Verbänden der Jugend der großzügige und weitgespannte Plan, dem Tätigkeitsdrang der unter dem Druck erzwungener Arbeitslosigkeit seelisch und auch moralisch leidenden jungen Menschen eine neue Rich tun g zu geben Es verband sich volksbildnerisches Wollen mit den in, keimhaften Ansätzen und in programmatischen Forderungen der neuen Jugendbewegungen bereite vorhandenen Bestrebungen,
Geist und LLrper zu ihrem Rechte kommen zu lassen.
Richt nur sollte die unfreiwillige Muhezeit aus- gefüllt werden mit geistiger Schulung, mit Weiterbildung in Berufswillen, es sollte darüber hinaus dem ganzen Menschen ein Weg gewiesen werden, die Rotzeit zu nützen mit Werken, die über den Einzelnen hinauswiesen, die ihn an ein Werk stellten, das ihm sichtbar und augenfällig war. Diesem Plane sollte dienen und diente bar freiwillige Arbeitsdienst.
* Diese Darlegungen waren der Kernpunkt der programmatischen Ansprache, die der Gründer und Vorsitzende des Hessischen Heimatwerks zur Betreuung der Arbeitsdienslwilligen, Oberschulrat Has- finger, am vorigen Samstag in der bereits gemeldeten MitarbejL«rtagung hielt.
gend entwickelt sind. Aber hinter diesen Destre- bungem steht zweifellos auch in Holland die englische Propaganda, die sie systematisch ausnüht, um englischen Erzeugnissen an Stelle der deutschen Eingang zu verschaffen.
Es ist heute noch nicht möglich, die Schädigungen, die die deutsche Wirtschaft durch diesen englischen Vorstoß auf bisher vorzugsweise von Deutschland belieferte Märkte erlitten hat, voll zu übersehen und ziffernmäßig zu veranschlagen. Sie gehen jedenfalls hoch in die Millionen. Was kann Deutschland, und was kann insbesondere die Reichsregierung hiergegen tun? Mit einer Abwehr der Boykottbestrebungen allein wird man wenig erreichen. Es wird vielmehr nötig fein, daß auch Deutschland für seine Waren eine s y - stematische Werbung im Ausland organisiert, also Ausstellungen deutscher Qualitätserzeugnisse veranstaltet, Messeschiffe aussendet, kurz in jeder Hinsicht die erfolgreichen englischen Werbungsmethoden nachahmt. Voraussetzung herfür ist allerdings, daß zunächst einmal die Stimmung der öffentlichen Meinung in den deutschen Absatz ländern gegenüber der deutschen Wirtschaftspolitik und Üyren Absichten besänftigt oder umgewandelt wird. Die Lösung dieser Aufgabe ist keineswegs so überaus schwierig, vorausgesetzt, daß man sich in Deutschland endlich dazu entschließt, unter Berücksichtigung der Psyche des Auslands systematisch deutsche Propaganda mit der gleichen Tatkraft und Rücksichtslosigkeit zu treiben, wie es England in den letzten Jahren mit so staunenswerten Erfolgen auf Kosten Deutschlands getan hat.
Wenn ich an seine ersten Anfänge erinnere, dann deswegen, weil unser Ziel das gleiche auch für die Zukunft bleiben muß. Arbeitsdienst ist nicht so sehr ein Dienst, den die sich freiwillig zu ihm Meldenden nach dem Willen irgendwelcher außerhalb ihrer Gedankenwelt stehenden Stellen zu leisten haben, sondern es ist ein Dienst, den wir, die hinter dem Werk stehenden Kräfte und Helfer, an denArbeits- dien st willigen leisten müssen. Eine solche Grundeinstellung wird bei dem Anwachsen des Freiwilligen Arbeitsdienstes immer wieder hervorzuheben sein. Der Arbeitsdienst ist nach dem Willen seiner Schöpfer nicht ein Mittel zu irgendwelchen in er st er Linie wirtschaftlichen Zwecken, er ist nicht dazu da, um billige Arbeitskräfte zu stellen für Arbeiten, die durch den freien Arbeitsmarkt ausgeführt werden könnten, er ist auch nicht dazu ausersehen, um solche Werke durchzuführen, für die bestimmte Stellen nicht die Mittel aufwenden möchten,
der Freiwillige Arbeitsdienst will sinnvolles Schassen fein im Dienste einer Idee und im
Dienste eines neuen Begriffes der Arbeit.
Wo diese Idee nicht hinter dem Werke steht, da wird er von seinen Gegnern als „Kuliarbeit" abgestempelt, wo nicht der neue Begriff der Arbeit ersteht, da ist der freiwillige Arbeitsdienst nur eine tote Ausfüllung der freien Zeit, wenn auch eine bessere Ausfüllung als nur ein Totschlägen der Muße. Aber dann ist der freitoülige Arbeitsdienst nur ein Schluß stein hinter den Röten der Zeit, ein Behelf, etwas durch Menschen Ausgeklügeltes, die aus den Schäden der Gegenwart und unseren wirtschaftlichen Verhält-
FreiwittigerArbeiisdienstundHeimatwerk
Don Oberschulrat Hassinger, Darmstadt*.
Seiner Hände Werk
Vornan von Klothilde von Stegmann-Elein.
Copyright by Martin Feuchtwangrr, Halle (Saale)
12 itortiefiung Nachdruck verboten
„Wie nett, daß ich dich hier treffe, Olaf“, meinte er und schob vertraulich seinen Arm unter den Olafs. „Ich bin hier in diesem Badeort noch ziemlich fremd: aber du kennst hier doch sicher die ganze Welt. Vielleicht führst du nach ein wenig ein? Dor allem würde es mich interessieren, die Gattin des berühmten Kommerzienrats Bremer von Bremerschloß kennenzulernen: sie ist mit ihrer Tochter hier. Dort drüben ist ihr Platz. Würdest du mich da wohl bekannt- machen?"
.Bedaure!" Olaf, machte ein steifes Gesicht. »Ich kenne selbst die Damen nur sehr flüchtig."
Ivarsens Lächeln schien etwas spöttisch. „Du hast wohl Angst, Olaf, daß sich jemand Fräulein von Stübben nähert? Ist ja auch eine verteufelt hübsche Kröte, die Kleine!"
„Ich muß dich bitten", fiel Olaf scharf ein, und eine Blutwelle färbte sein helles Gesicht, „von Fräulein von Stübben nicht in diesem -rwn zu sprechen, in dem du vielleicht in. Christiania auf der Kongensgarde von deinen kleinen Mädchen redest."
Axel Ivarsen biß die Lippen zusammen. Dieser hochnäsige Crikson, was unterfing er sich, ihn hier zu schulmeistern?
Don jedem anderen hätte er sich das ganz energisch verbeten. Aber hier muhte er sich zusammennehmen, denn er wollte um jeden Preis durch ihn dje Bekanntschaft mit diesem kleinen Mädel vom Tremeiwerk erzwingen. So sagte er denn, wie entschuldigend:
„Ra, beiß mich nicht gleich, Olaf! Ich habe doch nicht im geringsten etwas Llnehrerbietiges gegen Fräulein von Stübben sagen wollen. Ich habe mich, offen gestanden, im Augenblick geärgert, daß du so tatest, als wären die Damen vom Bremerwerk dir fremd. Dabei weiß ich doch, daß du im Frühjahr doch einige Zeit zu Gast auf Bremerschloß gewesen bist. Also komm, sei so nett, stelle mich den Damen vor, oder —", fügte er lauernd hinzu, als er Olafs Zögern bemerkte, „besteht vielleicht irgendein persönlicher Grund, thxr dich trotz der nahen Bekanntschaft hindert, dich den Damen zu nähern?"
Hastig schüttelle Olaf den Kopf. Das fehlte noch, daß sein Zerwürfnis mit Hiltrud irgendwie bekannt würde. Er kannte-Ivarsen als einen Menschen, der skrupellos Schlechtes über andere verbreitete. Für seine Person wäre ihm das gleichgültig gewesen. Aber an Hiltrud durfte auch nicht der leiseste Verdacht herankriechen.
„Also komm schon", entgegnete er ziemlich unfreundlich, „ich tue es nur, weil du sonst irgend
welche phantastische Kombinationen an meine I Weigerung knüpfen könntest. Ich habe keinerlei । Grund, mit den Damen vom Dremerwerk nicht zusammenzukommen. Es lag mir nur daran, hier nicht in einen großen Gesellschaftstrubel hereinzukommen, weil ich ziemlich erholungsbedürltig bin, auch außerdem, nur auf der Durchreise. Also komm schon." Er gfcng schroff vor Ivarsen quer durch den Saal auf die Balustrade zu.
Zehntes Kapitel.
Hiltrud sah schon von weitem die beiden jungen Männer auf sich zuLommen. Sie sah sehr bleich aus. Die Begegnung mit Olaf hatte sie in den tiefsten Tiefen ihres Herzens aufgewühlt. Einer ungeheuren Kraft hotte es bedurft, ihre Freude nicht zu zeigen, aber fie hatte sich und ihren Stolz fest in der Hand. Olaf sollte nur nicht glauben, daß sie ihm beim erstpn Wiedersehen gleich so entgegenkommen wurde, als wäre nichts gewesen.
Hätte er nach jener Abreise einmal etwas von sich hören lassen, sich entschuldigt, sie um Verzeihung gebeten für fein überhebliches Benehmen — aber nichts als ein knapper Dankbrief an den Kommerzienrat, dann Schweigen.
Das konnte nicht so ohne weiteres gutgemacht werden. Wenigstens wollte sie es ihm zeigen, daß sie nicht so leicht zu versöhnen war.
Als sie ihn jetzt an der Seite jenes interessanten Fremden auf sich zukormnen sah, glaubte sie, ihre abweisende Kälte von vorhin hätte schon einen Erfolg gezeitigt. Aber sie hatte sich geirrt. Olaf zog die Hand der überraschten Frau Melanie artig an die Lippen und begrüßte Hlltrud mit einer sehr tiefen, sehr höflichen Verbeugung. Aber seine Stimme verlor nichts von ihrer konventionellen Kühle, als er jetzt sagte:
„Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich mich nach Ihrem und Ihrer Fräulein Tochter Befinden erkundige? Zugleich erlaube ich mir. Ihnen einen Landsmann von mir, Baron Axel Ivarsen, vorzustellen, der lebhaft wünscht, Ihre Bekanntschaft zu machen."
Frau Melanie hatte einen erschreckten Blick auf ihre Tochter geworfen: aber die unterhielt sich mit ihrem Rachbarn weiter, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt, daß Olaf Erikson hier aus tauchte. Keine Regung in dem zarten, wunderschönen Mädchengesicht zeigte, daß sie um diesen Mann Rächte um Rächte verweint hatte. Frau Melanie war wieder einmal sehr stolz auf ihr Kind — bas war die Haltung, die sie erwartete. So stellte sie denn Olaf Erikfon ihren Bekannten vor und winkte ihn an ihre Seite. Axel Ivarsen aber hatte es verstanden, seinen Platz neben Hlltrud zu finden.
„Ich bin glücklich, mein gnädiges Fräulein", sagte er, „nun endlich Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Schon lange hatte ich den sehnlichen Wunsch, aber ich wagte es nicht, mich Ihnen zu nähern. Da muh ich. dem Zufall doppelt | dankbar sein, daß er mir meinen alten Schul
kameraden Crikson noch in den Weg geführt hat, denn morgen wäre es ja schon zu spät gewesen."
„Wieso zu spät? Reisen Sie schon ab, Baron Ivarsen?" fragte Hiltrud gleichgültig.
Wie fortgewischt war das flüchtige Interesse, das sie für den schönen, dunklen Ausländer zu spüren glaubte. Alles versank vor dem blonden, geliebten Antlitz, vor den stahlblauen Augen in dem fest gefügten klaren Männergesicht, die jetzt mit so brennendem Ausdruck zu ihr herüber» schauten.
Rur um diesen Augen zu entgehen, um sich selbst zu entgehen, beugte sie sich lebhafter zu dem dunklen, geschmeidigen Ivarsen, der jetzt auf ihre Frage antwortete:
„Ich hatte tatsächlich vor, in den nächsten Tagen abzureisen, mein gnädiges Fräulein: aber nun“ — er machte eine kleine, bedeutungsvolle Pause —, „nun habe ich meinen Entschluß selbstverständlich geändert. Ich werde doch nicht abreisen, nachdem ich das Ziel meiner Wünsche erreicht habe. Mit der Bemerkung, morgen togre es schon zu spät gewesen, meine ich unseren gemeinsamen Freund, Pardon, Bekannten", setzte er schnell hinzu, denn ein abweisender Ausdruck kam in Hiltruds Augen. „Olaf sagte nämlich, daß er bereits morgen abzufahren gedenke. Er scheint etwas menschenscheu geworden zu fein, denn er war durchaus nicht geneigt, mit mir zusammen an Ihren Tisch heranzukommen."
Dies setzte er wie von einer geheimen Eingebung erfaßt hinzu. Er spürte, irgend etwas hatte sich zwischen dieser Hlltrud und Olaf ab» gcspielt. Es bestand da offensichtlich eine Spannung, die ihm für feine Zwecke nur nützlich schien. Vielleicht hatte es während Olaf Criksons Anwesenheit auf Bremerschloß eine Liebelei zwischen den beiden gegeben? Run, um so mehr lag es in seinem eigenen Interesse, diese Spannung zu verstärken.
Das hätte ihm noch gefehlt, daß ihm Olaf Erikson auch hier dazwischengekommen wäre, wo von dem Erfolg seiner Bemühungen um dies blonde Gänschen viel, ja, alles abhing.
Mit Befriedigung konstatierte er, daß Hiltruds schönes Gesicht um einen Schein blasser geworden, als er von Olafs Abneigung, mit hier an diesen Tisch zu kommen, sprach. Als er nun einen heißen, brennenden Blick auffing, den Olaf während des Gesprächs mit einer Dame herüberschickte, da sah er Hiltruds Augen mit einer so eisigen Gleichgültigkeit über Olafs Gesicht gleiten, daß Axel spürte, der Pfeil hatte gesessen. Auch Olaf fühlte diefen Blick wie ein eisiges Wehen über sein sehnsüchtiges Herz schauem.
Unvermittelt erhob er sich. Frau Melanie, mit der er gerade plauderte, sah ihn erstaunt an. Was war denn das für eine Manier^ heute bei den jungen Leuten, mitten im Gespräch aufzuhören und nicht zu warten, bis die Dame das Zeichen zur Beendigung der Unterhaltung gab. Empört wandte sie sich an eine Rachbarin und
nissen keinen anderen Ausweg mehr wissen. Wir aber wollen, daß er etwas Aufbauende« ist, etwas, was nicht am Ende steht, sondern einen neuen Anfang bedeutet. Daher betonen wir, daß uns der freiwillige Arbeitsdienst wirllich ein Dienst ist, ein Dienst an Jugend und Doll und an der werdenden neuen Gesellschaft.
Zum Dienst an der Jugend gehört, dasz der freiwillige Arbeitsdienst die lebendige Fühlung nicht verliert, die er mit dem gesunden jugendlichen Wollen unserer Zeit hat. Deswegen ist das H e i m a t w e r k nicht als eine „Zentralbehörde" aufgebaut, deswegen will es keine Organisation, sondern einen Organismus darstel- kn. Ein Organismus verträgt keine schematische Reglementierung. Er bindet die einzelnen Organe, aber mit der Bindung gibt er den Teilen ihre Arbeitsfähigkeit. Er vergewaltigt nicht und verträgt keine Vergewaltigung. Deine Höchstleistung wird er dann vollbringen, wenn die einzelnen Teile im Miteinander und Füreinander ihre Aufgabe erfüllen können. So wie wir auf dem Gebiete der Jugendpflege und Volks- bildung in Hessen von unserer Mannigfaltigkeit leben, wie wir das Eigenleben der wertvollen Teile nicht zerstören, sondern zum Wohle des Ganzen fördern, so wollen wir es auch im Heimatwerk halten. Darum legen wir so großen Wert darauf, daß die Träger unseres Werkes jeder an seinem Platz wirken können. Jeder Schematismus würde hemmend wirken. Deswegen legen wir weiterhin so großen Wert auch daraus, daß die Träger des Dienstes jene Stellen sind, in denen lebendige Fühlung mit der Jugend besteht.
Das Merk soll bleiben ein Merk für die Jugend, aber auch mit der Jugend und durch die Jugend.
Wir wollen den Wetteifer zwischen den Bünden und Derbänden, wollen ihn im Interesse der Jugend selber. Jugendlichkeit soll aber auch herrschen in den einzelnen Lagern und den Arbeitsstellen selbst. Der "Begriff Autorität, der so wichtig ist zur erfolgreichen Durchführung unserer Aufgaben, soll etwas Gewachsenes und Gewordenes und nicht etwas Angeordnetes oder Befohlenes sein. Das scheint mir am besten gewährleistet bei dem jetzigen Aufbau des Heimatwerkes.
Eine solche Freiheit im einzelnen verträgt sich sehr wohl mit der Bindung, die dem Gesamten auf erlegt ist. Der freiwillige Arbeitsdienst ist Dienst an der Jugend, aber er ist zum anderen und gleichzetig D i e n st am "Volke. Das eine schließt das andere in sich. Die volkserzieherische Bedeutung des freiwilligen Arbeitsdienstes wird heute kaum mehr geleugnet werden. Aber es erscheint mir der Begriff zu eng gefaßt, wenn man diese Bedeutung nur darin sähe, daß jugendliche Menschen für eine Zeitlang aus dem Richtstun herausgerissen werden, daß in ihnen das Gefühl des Rhythmus zwischen Arbeit und Freizeit wieder geweckt wird und alle die Tugenden der Ordnung und Einordnung. Richt Bewahrung allein will der Freiwillige Arbeitsdienst, sondern er will zur Bewährung führen. Deswegen liegt uns so viel daran, daß der Freiwillige Arbeitsdienst nicht eine Summe von Einzel arbeiten darstellt, sondern aus allem, was durch ihn getan wird, ein einheitlicher Geist spricht:
Der Geist des Dienstes an einem Ganzen.
Er ist im Grunde schon lebendig bei dem, der sich zum Freiwilligen Arbeitsdienst meldet. Gerade weil die Betätigung in ihm kein Zwang ist, können wir damit rechnen, daß der Arbeitsdienstfreiwillige mit einer positiven Einstellung
sagte ziemlich laut, so daß es der ganze Kreis hören mußte:
„Eigentümliche UmgangSformen haben heutzutage die jungen Leute.""
Eine peinliche Stille folgte, in die hinein man nur ein lautes Lachen Hiltruds hörte, die sich seit der Mitteilung Axels in ein krampfhaft übermütiges Gespräch mit dem dunklen "Vorweger eingelassen hatte. Sollte doch Olaf sehen, daß sie sich auch nicht das geringste aus ihm machte, ilnb so kokettierte sie denn ganz gegen ihre Gewohnheit mit dem eleganten Manne, der ihr so deutlich sein Gefallen an ihr zu verstehen gab.
Olaf wurde dunkelrot.
„Gestatten Sie", sagte er und machte eine zeremonielle Verbeugung, die allen und jedem gelten konnte, „daß ich mich verabschiede, denn ich habe heute noch eine Verabredung."
Er wartete ab, ob Frau Melanie ihm die Hand entgegenstrecken würde, aber sie sah mit einem starren und hochmütigen Gesicht geradeaus. Roch nie war ihm die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter so ausgefallen wie eben.
Olaf hatte bereits den Saal durchquert. Un» willkürlich blieb er stehen und blickte noch einmal nach dem Tisch zurück. Hiltrud schritt gerade am Arme Axels lachend und plaudernd die Stufen zum Ballsaal hinunter. Hastig trat er hinter eine Säule — und bald glitt zum schmeichelnden Rhythmus eines englischen Walzers Hiltrud in dem Arme des Rorwegers vorüber.
Sie hatte den Kops leicht zurückgelehnt: ein rätselhaftes Lächeln lag um ihren zartfarbigen Mund, aus dem die Reihe der Zähne wie eine Perlenschnur schimmerte.
Am gleichen Abend noch kündigte Olaf fein Zimmer im Hotel und siedelte am nächsten Tage in ein kleines, nahe gelegenes Seebad über, das etwa eine Bahnstunde entfernt von dem eleganten Weltbade lag, in dem er Hlltrud mit ihrer Mutter wußte.
Hier würde er sicher fein, niemand von dieser Badegesellschaft zu finöen. Der Ort hier sagte ihm auch mehr zu als das mondäne Bad mit feinen Reihen parkender Autos, seinen ewigen Tanztees, Reunions, Turnieren und Belustigungen, die auch am Strande keine rechte Ruhe auf» kommen ließen.
Er nahm Wohnung in einem kleinen Hotel. Die Gäste hier waren gleich ihm Menschen, die toeniger die Vergnügungen der Großstadt suchten, als die wahre Einsamkeit der großen Ratur. Die einzigen Mitbewohner, die nicht hierher zu passen schienen, waren zwei sehr aufgeputzte laute Damen. Sie wurden wegen ihrer Art von der anderen Gesellschaft gemieden. Ihre übertriebene Eleganz, die geschminkten Gesichter dieser beiden Frauen stachen unerfreulich ab gegen die vornehme Zurückhaltung der anderen Gäste.
(Fortsetzung folgt.)


