Samstag, 10. September 1952
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Nr. 215 Zweites Blatt
Hessischer Grenadiertag in Gießen
ver-
denn
„Die
3m Kasinosaal findet eine Bilderoersteigerung statt. Jedermann kommt, fünf Minuten vor Beginn der Versteigerung, setzt sich in einen Klubsessel, zieht ein Paket aus der Tasche und wickelt ein Butterbrot und ein hartgekochtes Ei aus.
„Verzeihung", sagt der Auktionar, „Sie können hier aber wirklich nicht frühstücken!"
„Frühstücken?" fragt Federmann. „Wieso? Ich habe gehört, man kann hier zwei Meter große Oel- gemälde für ein Ei und ein Butterbrot kaufen."
eingesetzt. Und wenn die amerikanische Ernte von 1932 im Großen und Ganzen auch eine Rekordernte sein wird, so wird sie aus den erwähnten Gründen glichzeitig mit den geringsten Gestehungskosten hereingebracht werden.
Wie weit, im Gegensatz zu dieser natürlichen Entwicklung, die künstlichen Maßnahmen'wie landwirtschaftliche Streiks absichtliche Ernteoernichtung, Zurückhaltung der Ernte ulw. die Preisbildung und damit die Rentabilität der Betriebe beeinflussen, hängt von dem Ausmaß ab, das diese Bewegungen schließlich annehmen werden. Die Streikführer behaupten, daß sie die Unterstützung einzelner amtlicher Stellen, sowie einiger Handelskammern und Handelsorganisationen haben, und daß sich ihnen die landwirtschaftlichen Verbände von Nord- und
Jedermann fährt mit der Kleinbahn. Plötzlich, mitten auf der Strecke, hält der Zug. Eine zweite Lokomotive wird vorgespannt, und dann geht es weiter.
„Warum denn das?- fragt rzedermann. „Ist etwas passiert?"
„Nein", schüttelt der Schaffner den Kopf, „d,e Strecke nach Krant hat eine,, starke Steigung, da 'genügt eine Lokomotive nicht."
sernenhos bringen, zu dem auch die Zivilbevölkerung Zutritt hat. Um 11 Uhr wird sich eine
I Sud-Dakota, Montana, Minnesota. Washington, Oregon, Kansas, Idaho, Texas, Oklahoma und Nebraska, also praktisch aller landwirtschaftlichen Staaten des mittleren Westens angeschlossen haben. Sie behaupten ferner, an einigen Orten bereits Preissteigerungen erzielt zu haben. Selbst wenn dem so ist, können diese künstlichen Beeinslussungen der Preisbildung nur örtlichen und vorübergehenden Charakter haben und werden früher oder später Reaktionen in irgendeiner Form auslösen. Ent- wicklungsmäßig stellen die tiesgreisenden Umwälzungen in der amerikanischen Landwirtschast nichts wei- ter dar als das Suchen nach einer lebensfähigen Mittellinie und den natürlichen Ausgleich zwischen Produktionsmöglichkeit und Ueberindustrialisierung.
brachen?"
„Ich soll gegen die Devisenbestimmungen stoßen haben , sagt Federmann.
„Ja, und —?", fragt Mücke, „hast du es wirklich getan?"
„Weiß ich —?" zuckt Jedermann die Achsel. Gerichtsverhandlung ist ja erst am Montag."
Jedermann.
Don Hans 2Riebau.
Jedermann ist kurzsichtig. Jedermann geht zum Augenarzt. „Lesen Sie das, so weit sie körnten , sagt der Augenarzt und hält chm — in zwer Meter Entfernung — eine weiße Tafel vor, auf der. Zunächst in großen, dann in immer kleiner und schließlich winzig werdenden Buchstaben, ein paar Gedichtszeilen stehen. Jedermann liest: ,Dte Trommel gerühret — das Pfeifchen gespielt — mein Liebst er gewaffnet — dem Haufen befiehlt — die Lanze hoch führet — die Leute regieret. — Wie klopft mir das Herze — wie wallt mir das Blut — o hätt' ich
„Halt", unterbricht der Augenarzt, „das ist ja phantastisch. So weit hat das Gedicht noch keiner meiner Patienten lesen können."
„Kein Wunder", sagt Jedermann, „ich kann es auch auswendig."
Gestern sind zwei Kriminalbeamte gekommen und haben Jedermann verhaftet. Mücke besucht ihn im Untersuchungsgefängnis. „Um Gottes Willen", ringt er die Hönde, „was ist denn los? Waft haft du ver-
tiger Hecht mit bösem, dreieckigen Kopf wütend um sich schlägt, — sind alle Strapazen belohnt.
Mit dem Netz fischen, wenn man selbst ins Wasser muh und fast ersäuft, ist doch etwas ganz anderes, als das harmlose Angeln!
Streik der Landtvirtschast in USA
Oie Ursachen der amerikanischen Agrarkrisis.
Don unserem H. v. v.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Neuyork, September 1932.
Die heftigen Zusammenstöße, die in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal in den landwirtschaftlichen Staaten des mittleren Westens statt- gesunden haben, lenken erneut die Aufmerksamkeit auf die augenblicklich trostlose Lage der amerikanl- schen Landwirtschaft. Diesmal sind es besonders die Staaten Iowa und Nord-Dakota, deren Farmer einen allgemeinen, vierwöchentlichen „Landwirtschafts - Streik" propagieren, um durch Zurückhalten der landwirtschaftlichen Produkte höhere Preise und dadurch lohnendere Bewirtschaftung zu erzielen. In den Bezirken um die größeren Städte wie Des Moines, Sioux City, Bismarck, Le Mars usw. haben sie zur Selb st Hilfe gegriffen und die in di^Städte führenden Land- ftragen mit Streikposten besetzt, die rücksichtslos jeden Getreide- oder Viehtransport entweder zur Umkehr zwingen oder gar vernichten. In kleineren Städten höben die Farmer den Getreide- und Produktenhändlern das Ultimatum gestellt, sich entweder 'freiwillig dem vierwöchigen Streik zu unter« wersen oder eine Sabotage ihrer Betriebe und Transporte zu gewärtigen. Obwohl die Behörden alle erdenklichen Schutzmaßnahmen zum Schutz „streikbrechender" Landwirte getroffen haben, ist die Beschickung der landwirtschaftlichen Märkte allein in der letzten Woche auf etwa die Hälfte zurück- gegangcn. Die Furcht der Produzenten vor der Streikbewegung ist somit beträchtlich größer als das Zutrauen zum staatlichen Schutz.
Diese Verzweislungspolitik der Landwirte wird durch die ungeheuren Belastungen verständlich, ine der amerikanische Farmer teils verschuldet, teils unverschuldet zu tragen hat. Außer dem durch die Weltdepression verursachten Preissturz und den untragbaren Steuerlasten tragen in Amerika Uebermechanisierung mit daraus folgender Ueberproduktion und eine vernichtende Entwertung des Grundbesitzes die Hauptschuld an der katastrophalen landwirtschaftlichen Lage. Die in Amerika vielerwähnte „Ent- Wertung des Grundbesitzes" ist auch für die Landwirtschaft nur bedingt richtig, weil es sich weniger um die Entwertung eines Standardwertes, als vielmehr um die Rückentwicklung eines bisher übertrieben hohen Wertes auf ein normales Niveau handelt, denn noch immer ist der Amerikaner geneigt, die außergewöhnliche „Prosperitätsperiode" von 1928/29 als normal anzusehen und die äugen» blicklichen Verhältnisse an ihr zu messen. Amerika verfolgt bekanntlich nicht das Prinzip, das Preis- Niveau den Lohnverhältnissen und damit der Kaufkraft anzupassen, sondern umgekehrt durch Hebung des Preisniveaus größere Gewinne für den Unternehmer, erhöhte Beschäftigungsmöglichkeit und dadurch wiederum bessere Verdienstmöglichkeiten für den Arbeitnehmer und erhöhte Kaufkraft zu schaffen.
Nun hat die Rückentwicklung der Produktenpreise und der Bodenwerte den amerikanischen Farmer
„Aha", nickt Jedermann, „und von Krant aus genügt wieder eine Lokomotive?"
„Jawohl", lagt der Schaffner.
„Unb die Züge, die von Krant wieder zuruck- fahren —?" „
.Haben natürlich auch nur eine Lokomotive , wird der Schaffner ungeduldig.
„Donnerwetter", sagt Jedermann, „und was machen die Leute in Krant mit oll den Lokomo- tiben?" *
Jedermann geht mit Peter spazieren. Peter ist zehn Jahre alt und stark erkaltet.
„Wenn doch nur endlich mein Schnupfen auf- ^Das^st tein Schnupfen", schüttest Jedermann den Kopf, „das was du hast, ift ein Katarrh
„Katarrh?" fragt Peter. „Kenne ich nicht. W,e schreibt man denn das?"
Jedermann überlegt einen Augenblick. „Du hast recht", sagt er dann, „es ist doch em Schnupfen.
Angeln, Zischen, Krebsen.
Don Siegfried von Vegesack.
Bun bin ich wieder heimgekehrt zu dem Fluß, an dem meine Wiege stand und der merkwurd aerweisc auch die ..Wiege' heißt. Und ganz o still und beruhigend, wie sein Rame. 'st dies r dunkle, moorige in vielen ‘Biegungen zwischenCr- len- und Weidengebüsch. Schilf ustd weiten Wiesen langsam dahingleitende Fluß, m besten fthwar- »en kaum bewegten Duchten weiße Aasstrrosen blühen, und an dessen Ufern weiße Storche spn-
wi-d-r wie lamatä ati 3unge. »«te die Angelschnur aus. halte die lange Aute mit beiden Händen und starre entrückt auf den Korken, ilnt» ganz wie damals habe ich die Regenwunner hinter dZ alten Holzscheune inder.schwarzen^Erde auSaegraben. sie in eine Schachtel getan m gebettet, und das Moos mit em we- nin MUch getränkt: dann werden die Würmer t^ife unb besonders schmackhaft für die Fische, ^natürlich habe ich nicht vergesstn, sie vor dein Einwurf ins Wasser nach alter Angler- noMPr Hicbtia zu bespucken: das bringt Gluck:
Aber trotzdem: das Glück bleibt aus. und die Sa^ wUl mir nicht mehr recht behagen. Das Aufipießen der Würmer, d<» Gezappel und Ge- strampel der festgebissenen Fische geht mir doch etwasauf die Aerven. Wie unbedenklich, wie un> bekümmert war man als Kindl Man dachte sich
Die Reichswehrgarnison in Hessen (I.Datl. 15. Ins.-Regt.) und die Bereinigung ehemaliger Hes- sischer Grenadiere veranstalten, mit Unterstützung des Verkehrs- und Derschönerungsvereins am 1 und 2. Oktober in Gießen den I.Hcs- si schen ©renaMertag. Die Veranstaltung dient dem Gedanken, unsere Reichswehr mit allen Vevölkerungskreisen in engster Weise zusammenzuführen und den
Gedanken der Wehrhaftigkeit unseres Volkes noch mehr als bisher in den breitesten Be- völkerungsschichten ju vertiefen.
Gleichzeitig soll bei diesem militärischen Feste das Zusammengehörigkeitsgefühl aller alten Soldaten mit der Reichswehr immer stärker wachgerufen werden.
Der l.Hessische Grenadiertag wird als Auftakt am 3 0. September die Heberfüh- rungderaltenhessischenRegiments- sahnen von Darmstadt nach Gießen zur Verschönerung dieses Militärfestes bringen. Die ehrwürdigen Feldzeichen unserer alten Hessin schen Regimenter werden abends am Gießener Bahnhof mit militärischer Feierlichkeit von der Fahnenkompanie des l. Datl. 15. Inf.-Regt, abgeholt und nach der Kaserne übergeführt. Die Gießener Stadtverwaltung und die Bürgerschaft der oberhessischen Provinzialhauptstadt werden die ruhmreichen Fahnen unserer hessischen Truppenteile durch Flaggenschmuck der Stadt in gebührender, würdiger Weise empfangen.
Am Samstag, 1. Oktober wird derGre- nadiertag vormittags mit einem Preisschie - ß en des I.Batl. 15. Inf.-Regt, und der Vereinigung ehemaliger Hessischer Grenadiere eröffnet werden. Weiter sind für diesen Tag vorgesehen eine Reitjagd des Bataillons und der ländlichen Reitervereine, ein Preisschießen von Interessenten aus der Zivilbevölkerung und am Abend ein
großes Biwak des Bataillons mit anschließendem Großen Zapfenstreich.
Das Diwak wird von allen Kompanien des Gießener Bataillons ausgeführt, der Große Zapfenstreich wird von den Musikkorps des Gießener Bataillons und des Ausbildungsbataillons Marburg gespielt werden. Mit dem Biwak wird ein Z e 11 - bauwettbewerb der Kompanien des Gieße- ner Bataillons verbunden, bei dem die siegende Kompanie durch einen Ehrenpreis des Gießener Verkehrs- und Derschönerungsvereins ausgezeichnet werden soll. Das Biwak und der Große Zapfenstreich werden sicherlich für weiteste Devölke- rungskreise in Stadt und Land eine besondere Sehenswürdigkeit und ein einzigartiges Erlebnis darstellen. .
Der Sonntag, 2. Oktober, wird nach militärischem Wecken am frühen Vormittag zunächst einen Feldgottesdienst auf dem Ka-
grohe Parade des Gießener Bataillon» auf dem Trieb, dicht bei der Kaserne, anschließen, die ebenso wie das Biwak für viele Volksgenossen ein seltenes Ereignis sein wird. Rachmittags sollen militärsportliche Vorführungen stattfinden, in deren Rahmen u. a. auch ein moderner Infanterie-Kam ps auf dem Trieb gezeigt werden wird. Den Ausklang des Festes wird am Sonntagabend ein großer F e st - ball in der Gießener Volkshalle bilden.
Am 1. und 2. Oktober wird ferner in der Reuen Kaserne eine militärische Ausstellung veranstaltet, in der die Ausbildungsmittel und das Hnterrichtsmaterial der Reichswehr in vielfältiger Weise den Besuchern zugänglich gemacht werden. Für die alten Soldaten, aber auch für die übrigen Besucher wird das Gießener Bataillon außerdem Gelegenheit bieten, an der Feldküche einen „Zug" zu fassen, um dadurch alte Erinnerungen an die „Gulaschkanone der Kriegsjahre aufzusrischen und gleichzeitig die vortreffliche Qualität der Speisung aus der «Hungerabwehrkanone" selbst sestzustellen.
Sämtliche Veranstaltungen werden den Besuchern gegen ein einmaliges Eintrittsgeld von 50 Pf. als Gesamtpreis sür beide Tage zugänglich sein. Das Gießener Bataillon und die übrigen Mitträger der Veranstaltung hoffen auf starken Besuch, insbesondere auf die Beteiligung der Militärvereine und aller alten Soldaten an diesem einzigartigen und militärsportlichen Ereignis in der einzigen hessischen Garnisonstadt Gießen.
Verleger Werner Rudolf Wittich t-
WER. Darmstadt, 9. Sept. Rach jahrelangem Leiden ist heute im Alter von nur 43 Jahren der Mitinhaber der L. C. Wittichschen Hofbuchdruckerei und Verleger des „Darmstädter Tagblatts". Werner Rudolf Wittich, gestorben. Wittich erfreute sich insbesondere als Autosportsmann eines ausgezeichneten Rufs. Die Beisetzung findet am Montag 11 Hhr Quf dem alten Friedhof in Darmstadt statt.
Daten für Montag, 12. September.
1819: Feldmarschall Leberecht v. Blücher in Krieblowih gestorben. — 1829: der Maler Anselm Feuerbach in Speyer geboren. — 1836: der Dramatiker Christian Grabbe in Detmold gestorben. — 1852: der englische Staatsmann H. H. Asquith in Morley geboren.
Frankfurter Theater.
Irn Frankfurter Schauspielhaus gelangt täglich bis einschließlich 21. September, jeweils 20 Uhr, die große Operette „Frauen haben das gern!" zur Auf- führung. Das Opernhaus bleibt bis Sonntag, den 9. Oktober, geschlossen.
QTber am schönsten ist doch das Krebsen!
Rach Sonnenuntergang wandern wir mit Käscher und Stangen beladen, zur Wiege. Krebse speisen nämlich nur in der Rächt. Eine merkwürdige Leidenschaft: nachts Frösche zu verzehren. Wir befestigen die Tiere in der Witte der runden Käscher und versenken sie im Fluß. Dann machen wir am Ufer ein Feuer und lagern uns.
Wie hell und grün die Rächte hier sind! Grüne Wiesen, grüne Haferfelder, grüner Flachs, grüne Dämmerung, grüner Himmel. Heber dem schwarzen Waldrande blutet der Horizont. Jahn hat sich die langen Riemen der „Pasteln", der lettischen Sandalen, abgewickelt, die Hosen bis zu den Knien ausgekrempelt und wärmt die nackten Füße am Feuer. Ich folge seinem Beispiel. So hocken wir nebeneinander, rauchen und legen dann und wann einen neuen Ast auf die Glut. Aber sprechen können wir nicht viel: zur Rot kann ich ihn wohl verstehen, aber mir sehlen fast alle lettischen Worte, ich muß mich mit einigen Brocken behelfen. Beim Krebsen soll man auch nicht viel reden.
Run ist der große Augenblick gekommen: tmr waten durch das Schilf und ziehen den ersten Käscher aus dem Wasser: nein, kein Krebs. Aber im zweiten hängen gleich zwei schwarze Kerle. Wir bringen sie ans Feuer, fassen sich vorsichtig um die harte Taille, -- die Scheren können tüchtig kneifen, — und stopfen sie in den Sack. Dann werden die Käscher wieder im Fluß versenkt. Die kleinen Krebse legen wir aber ans Ufer, mit dem Schwanz ins Wasser: man darf sie nur nicht in Öen Fluß werfen, sie müssen selbst rückwärts hm- einkriechen. Sonst ertrinken sie. Das ist so ihre Eigenart. Jedenfalls behauptet das Jahn.
Bald knistert es schon im Sack von den vielen Krebsen, — ein sonderbares, unheimliches Geräusch, und eine uralte Kindheits-Erinnerung taucht aus der Versenkung auf: ich hocke auf dem mit weißen Sand bestreuten Küchenboden, über einen Bastkorb gebeugt, in dem die schwarzen Hn- geheuer knistern und krabbeln...
Vieles ist in diesen zwanzig Jahren anders geworden, aber die Wiege, der alte Indrik und Bte Krebse haben sich nicht verändert.
wohl nichts dabei, man war noch selbst ein kleines Tier, naiv und grausam wie alle Kreatur. Hnd nun ist man alt und gefühlvoll geworden. Vielleicht hat man auch nicht mehr die richtige Geduld. Oder sind es nur die Stechbremsen, und man will die eigene Wehleidigkeit mit Mitleid für Wurm und Fisch beschönigen? Vielleicht — alles zusammen. Jedenfalls macht das Angeln nicht mehr den Spaß wie damals.
Hnd so will ich es mit dem Fischen probieren. Das ist eine ernstere, viel großartigere, aber auch viel schwierigere Beschäftigung. Der alte (Sraben- stecher Indrik. der so alt ist, daß er sich in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert hat, der noch den Großvater kannte und mir die erste Weidenflöte schnitzte, besitzt ein wunderbares Retz. Er selbst kann allerdings nur noch am Ufer mit dem Stock klopfen und die Fische ins Reh treiben, — aber sein Enkel, der Jahn, mit dem ich früher die Pferde von der Koppel heimritt, geht mit mir ins Wasser und hilft mir beim Fischen.
Das ist nicht so einfach: der eine muh mit dein Strick ans andere,Hfer hinüberschwimmen, dann wird das Retz über den ganzen Fluß gespannt, und nun geht man gleichzeitig an beiden Hferfeiten so schnell wie möglich im moorigen Wasser vorwärts und zieht das schwere Retz. Oft versinkt man dabei bis zu den Hüften im moorigen Hintergrund. verliert völlig den Boden unter den Füßen und muß schwimmen, — darf aber das Retz natürlich nicht Ipslassen. Wenn aber der Strick abgetönt ist. das schwere Retz zu ziehen anfängt, man nicht vom Fleck kommt und nirgends Grund findet, wird die Sache schon recht ungemütlich.
Am schlimmsten ist es aber, wenn man in das vom Hf er weit über das Wasser geneigte Buschwerk gerät: die Aeste geben nach, und man kann sich nicht an ihnen halten, aber sie sind doch so dicht und so stark, daß man nicht »um feften Hfer Vordringen kann. Hnd das Retz zieht, der Stnck wickelt sich einem um die Beine, man strampelt selbst verzweifelt wie ein gefangener Fisch Schlimm ist es auch, wenn das Retz sich irgendwo am Grunde an einem fauligen Baumstamm verfängt. und man es vorsichtig lösen muh.
Aber bann kommt der aufregende Augenblick: ich schwimm über den Fluh, die beiden Retzende werden schnell vereinigt, und nun wird das Retz mit Schwung, so hurtig es geht, — auch der alte Indrik greift zu, — aufs Hser hinaufgezogen. Hnd wenn bann zwischen grünem Schlamm die silbernen Schuppen der Weißfische glänzen, ein fetter Barsch in den Maschen zappelt, oder ein rnäch-
Während sich die Schuld der Ueberproduktion an der gegenwärtigen Notlage statistisch leicht erfassen läßt, ist dies mit der Uebermechanisierung schon schwieriger. Aber trotz der noch immer zunehmenden Mechanisierung unseres Zeitalters ist eine ihrer Reaktionserscheinungen, wenigstens soweit die amerikanische Landwirtschaft betroffen ist, die R ü ck k e h r d e s — P f e r d e s. Der Traktor ist nämlich nahezu von der Bildflache ver- scywunden. Während anhaltend guter Jahre hat er sich bezahlt gemacht: jetzt, während der mageren Jahre, stellt er eine beträchtliche und sehr vergängliche Investierung dar, die man nicht wieder zu Gelbe machen kann und deren Betrieb sich nicht lohnt. (Benzin muß man kaufen: das Pferd frißt vorhandenen Hafer und hilft konsumieren!) Wenn dies auch die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte bedingt, so bedeutet das bei dem Ueberangebot billiger landwirtschaftlicher Kräfte noch immer eine Verbilligung der Produktionskosten. Farm- löhne sind für amerikanische Verhältnisse unglaublich tief gesunken. In Wisconsin werden 15 Dollar bei freier Wohnung und Verpflegung bezahlt: in Nord-Dakota 1,10 Dollar je Erntetag. Die Söhne und Töchter der Farmer, die dem Zug der Zeit gefolgt waren und ihr Glück in den Großstädten oer- suchten, kehren infolge der Erwerbslosigkeit reumütig ins Elternhaus und aufs Land zurück und stellen weitere billige Arbeitskräfte dar. Der Drang „zurück aufs Land" hat auf der ganzen Linie
Hypothek belastet mar, so hat sie heute melleicht noch einen Derkaufswert von 3000 Dollar. Folglich hat in der Zwischenzeit die Hypothekenbank ihre Hypothek entweder ganz gekündigt oder doch wenig- tens wesentlich reduziert. Woher bei den aus ein Fünftel gesunkenen Produktenpreisen und erdrückenden Steuern das Kapital zur Rückzahlung der Hypothek nehmen? Trotz des Federal Farm Board, der verzweifelt versucht, die Produktenpreise einigermaßen über Wasser zu halten, und trotz der Finanze Reconstructions Corporation, die dem Farmer Mittel zur Abdeckung gekündigter Hypotheken zur Der- ügung stellen will, um Zwangsversteigerungen zu rerhiiten, sind nicht nur Tausende von Genossen- chafts- und Hypothekenlandbanken mit ungeheuren Werten zusammengebrochen, sondern be« inben sich Tausende unb aber Tausenbe von Farmern unter Zwangsverwaltung der noch bestehenden Landbanken, die natürlich unter den jetzigen Verhältnissen keine Käufer finden und sich in der Hoffnung auf die nach amerikanischer Ansicht unausbleibliche Rückkehr ihrer geliebten „Prosperität" scheuen, auch nur buchtechnisch die erforderlichen Abschreibungen vorzunehmen.
Ein anderer Grund für die katastrophale Lage liegt'in der Einseitigkeit der amerikanischen Landwirtschaft. Ganze Staaten sind als „Weizen- Staaten" ober „Viehzucht-Staaten" bekannt. Nord- Dakoto z. B. war bisher „Getreide-Staat", Montana „Schaf-Staat", Minnesota ist ber „Butter-Staat", Iowa hat Weltruf durch seine Schweinezucht und Wisconsins Farmer leben zu 85 v. H. von Viehzucht und Milchproduktion (hauptsächlich Käse) usw. Erst in jüngster Zeit Ist man, dem Zwange der Zeit folgend, in verschiedenen Staaten zu einer ge- mischten Wirtschaft übergegangen, um sich dadurch gegen bas Risiko einer anhaltenb schlechten Konjunktur eines einzelnen Produktionszweiges zu schützen. Schon heute haben sich z. B. die beiben Dakotas den oeränberten Verhältnissen durch vermehrten Anbau von Futtermitteln (Alsalfa unb Mais) soweit angepaßt, daß sie einen lohnenden Verdienst gefunden haben und zwar burch bas Mästen bes auf bem Durchtransport befindlichen Montana-Viehs, das anschließend nach den großen Schlachthäusern des mittleren Westens roeitergeleitet wird.
vor eine fast unüberwindliche Aufgabe gestellt. Ein Beispiel: während ein mittlerer Farmer mit einer 160-acre-Farm im Jahre 1928, als ein Bushel Weizen etwa 1,65 Dollar wert mar, seine bprozentige 5000-Dollar-Hypothek mit etwa 185 Bushels, d. h. dem Ertrag von 10 acres gleich 300 Dollar, jährlich bezahlen konnte, muß er heute bei einem Wei- zenpreis von nur 35 Cents den (Ertrag von 43 acres opfern, um seine hypothekarischen Veroflichtungen erfüllen zu können. Ein weiterer beträchtlicher Teil feines Bodens arbeitet wie in Deutschland fürs Finanzamt. Dazu kommt nun aber noch eine viel größere Sorge, nämlich die in den USA. ungleich größere Entwertung des Grundbesitzes. Wenn in dem genannten Beispiel die 160-acres-Farm 10 000 Dollar wert und mit einer 5000-Dollar-


