Einzelbild herunterladen

den. Eine falsche Maßnahme fei die bereits vor­genommene Senkung der Löhne und Gehälter. 3ede Einkommenskürzung führe zu weiterer Schrumpfung der Massenkaufkraft und damit zu Noch stärkerer Arbeitslosigkeit. Eine weitere Her­absetzung der Bezüge kämer einer Katastrophen- absehung der Bezüge käme einer Katastrophen­wesen und auf die Derbindlichkeitserklärung könne keineswegs verzichtet werden. Die Regierungs­erklärung, baß die Sozialversicherungen vor dem Bankerott ständen, sei in dieser allgemeinen Behauptung falsch. Festzustellen sei, daß die Invalidenversicherung, die heute nicht in der Lage sei, Teile ihres Vermögens flüssig zu machen, gegenüber, der Vorkriegszeit Millionen von Ren­ten zu zahlen hätte, die gber mehr als bescheiden seien. Die Angestelltenversicherung sei völlig in­takt und in ihren finanziellen Grundlagen un­erschüttert. Auch die Ersatzkosten der Angestellten­versicherung und der Krankenversicherung seien finanziell in keiner Weise gefährdet. Gegen die Senkung der älnterstühungsfähe in der Arbeits­losenversicherung und Einführung der Bedürftig­keitsprüfung müsse schärfstcns protestiert werden. Schaffung eines gesunden Inlandmarktes und Stärkung der Kaufkraft seien das Gebot der Stunde. 3m Mittelpunkt der Sozialpolitik und alles Geschehens müsse wieder der lebendige Mensch stehen. Auch für die Wirtschaft müsse dieser Grundsatz uneingeschränkte Geltung haben. Für Millionen deutscher Arbeitnehmer sei natio­nale Gesinnung eine Selbstverständlichkeit. Die Arbeitnehmerschaft fordere aber mehr, sie ver­lange die innige Verschmelzung des nationalen mit dem sozialen Gedankengut. Die Vertreter der Arbeitnehmerschaft mühten mitverantwortlich an der nationalen und sozialen Zukunftsgestaltung Deutschlands herangezogen werden.

Der Vortrag fand die lebhafte Zustimmung aller Zuhörer. Eine Reihe von Entschlie­ßungen fand einmütige Billigung. Die erste Entschließung fordert, daß auch in Zukunft allen Tributanforderungen ein deutlichesRein" ent­gegengesetzt werde: in einer anderen wird vom Reichsarbeitsministerium die Ausdehnung des Bankentarifs auf die öffentlich-rechtlichen Kredit­institute gefordert: die dritte Entschließung ver­langte gesetzliche Bestimmungen zur Erweiterung dec Bankbeamten-Pensionskasse, während die letzte Entschließung schärfsten Einspruch gegen Lohn- und Sozialabbau erhob.

Oderheffen.

Giadivorstandssihung in Alsfeld.

v* * Alsfeld, 9. Juni. In der jüngsten Stadt- ratssitzung wurde zunächst über einen Ge- löndeaustausch zwischen der Firma Son­dermann & Bücking und der Stadt Alsfeld verhandelt, der durch die Feldbereini- gung notwendig geworden war. Die nach lang­wieriger Verhandlung abgeschlossene Vereinbarung wurde genehmigt. Die Festsetzung der B a d e - gebühren im städtischen Schwimmbad soll, entsprechend den allgemeinen Tarifherabsetzun- gen, eine Neuregelung erfahren, und zwar nach der Richtung hin, dah die Preise für die Dauerkarten ermäßigt werden. Nach dem Vorschläge Des Finanz­ausschusses soll auf die Dauer der Badezeit die Stammkarte 8 Mark, die erste Beikarte 6 Mark, die zweite Beikarte 5 Mark, jede dritte und jede weitere Karte je 4 Mark kosten. Der Preis für das Einzel­bad mit 20 Pf. bleibt infolge des geringen Preises unverändert. Die Neuregelung der Gebühren wurde genehmigt. Die von dem evangelischen Kirchen­vorstand angeregte Herstellung des Daches der Dreifaltigkeitskirche, die von dem Stadtbauamt mit 4300 Mark veranlagt ist, wurde im Hinblick auf die verhältnismäßig hohe Summe nochmals an den Bauausschuß zurückverlegt. Die Vergebung der Materiallieferung für die Kana­lisation der Hersfelder Straße, die durch die Wohlfahrtserwerbslosen im Wege der

Elisabeth

erobert sich das Glück

Roman von Margarete Anlelmann

Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.

6. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Sie. brauchte indes nur ihren alten Professor anzusehen, um zu wissen, welchen Weg sie zu gehen hatte. So wie er, wollte auch sie ihre Kunst Der Welt offenbaren, nur das Edle und das Schöne suchen, was diese Kunst mit sich brachte.

Sie würde mit allen Mitteln den Weg zur Höhe zu erreichen suchen.

Das Leben hatte ihr viel genommen in den letzten Tagen. Richt nur ihr Mütterchen war von ihr gegangen: sie hatte auch den Mann verloren, den sie liebte, den Glauben an die Menschen. Sie war erwacht aus einem schönen Traum, sie mußte der Wirklichkeit in die Augen sehen.

Äe Kunst mußte ihr Vergessenheit und die Möglichkeit geben, sich Genugtuung zu verschaffen bei jenen Menschen, die sie so tief verletzt hatten. Sie würde ihnen zeigen, was aus Elisabeth Pfi- lipp geworden war.

Aufseufzend richtete sie sich empor.

3ch will es versuchen, Herr Professor, will den Weg gehen, den Sie mir zeigen und von dem Sie sagen, daß er der rechte ist. Vielleicht, daß er mich zur Höhe führt..

Er wird Sie zur Höhe führen, Elisabeth, das weih ich. Sie tragen alle Möglichkeiten in sich. Sie werden sich die ganze Welt erobern. Ich werde mich sofort mit Professor Walter in Ver­bindung sehen: es wird nicht allzulange dauern, bis wir Antwort bekommen. Sie müssen sich bereit machen, bald nach Leipzig zu fahren."

»Das wird gut sein! llnb ich werde morgen gleich meinen Vormund aufsuchen, ihn um seine Einwilligung bitten. Ich bin überzeugt davon, er wird mir keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Er will auch nichts anderes als mein Gmck." >

Also, Kopf hoch, Elisabeth, es wird alles gut werden..."

Die Tage, die nun kamen, ließen Elisabeth keine Zeit zum Kopfhängen und zu trüben Gedanken. Mit ihrem Vormund war sie bald einig gewor­den. Zuerst hatte der alte Mann Einwände ge­habt, und seine Frau hatte ihn in seinen Vor­urteilen gegen die Künstlerlaufbahn seines Mün­dels noch bestärkt. Aber dann, als er mit Pro­fessor Landar gesprochen, hatte er sich langsam überzeugen lassen, dah Elisabeth auf dem richtigen Wege war.

Vier Wochen nach dem Tode ihrer Mutter verlieh Elisabeth Pfilipp die kleine Stadt, um

Veamienimn und Nationalsozialismus.

Die Rationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei hielt gestern abend im Cafö Leib eine öffentliche Versammlung ab, die sehr gut besucht war. Herr Reef, Frankfurt a. M., sprach in Verhinderung des angesagten Redners. Reichstagsabgeordneten Sprenger, Frankfurt, über das ThemaBeamtentum und Rationalsozialismus". In einer Zeit, in der es in Deutschland Länder gebe, in denen der Ra­tionalsozialismus als staatsfeindlich bezeichnet werde, sei es bedeutsam, wenn die RSDAP. eine Beamtenversammlung einberufe. Die Staatsfeind­lichkeit der RSDAP. werde von hohen Beamten der SPD. ausgesprochen, der gleichen SPD., die vor dem Kriege immer wieder betonte, daß der Staat aufgelöst werden müsse, wenn die SPD. ans Ruder kommen solle. Die Voraus­setzung dafür sei die Vernichtung der Staats- stühen, der Beamten gewesen. Dabei habe man aber beim Berufsbeamtentum wenig Gegenliebe gefunden. Wenn das Berufsbeamtentum im Jahre 1918 nicht auf dem Posten geblieben wäre und Ordnung gehalten hätte, wäre im entscheidenden Moment die Revolution in sich zusammengebro­chen. Erst allmählich habe dann die Durchsetzung des Beamtenkörpers mit Parteimännern begon­nen, und heute seien etwa 120 000 Parteibuch­beamte im Amt. Die RSDAP. werde hier Wan­del schaffen, sobald sie die Macht in der Hand habe. Mit der Aenderung des Zustandes werde schon ein wesentlicher Teil der Verwaltungs­reform durchgeführt sein. Heute seien die SPD.- Ministerien nur noch geschäftsführend und nicht mehr dem wahren Willen des Volkes entsprechend auf ihren Posten. Die Entwicklung werde sich nicht aufhalten lassen. Die RSDAP. sei in jedem Falle der Auffassung, dah der Beamte Diener des Staate ssein müsse. Man werfe der RSDAP. u. a. vor, dah sie verfassungsfeindlich sei. Das sei nicht richtig. Die RSDAP. habe sich stets dafür eingesetzt, dah z. B. jener Paragraph der Reichsverfassung, der den Staatsbürgern das Recht der freien politischen Meinungsäußerung garantiere, gesichert werde. Es sei schon von der Absicht gesprochen worden, von feiten der SPD. im Falle der Machtergreifung der Rationalsozialisten zum Streik aufzurufen. Das werde aber nicht möglich sein, denn die SPD. habe die Massen der Arbeiterschaft nicht mehr hinter sich. Anderseits werde die RSDAP. in jeder Form für Ruhe und Ordnung sorgen. Es werde dann kein Polizist mehr bestraft, der im Falle eines Krawalles zu früh geschossen habe, wohl aber der, der zu spät schoß. Die Beamten­schaft sei lange unpolitisch gewesen. Man habe sich auf wohlerworbene Rechte berufen, die nicht geschmälert werden könnten, auf Rechte, von denen man nicht. glaubte, dah sie zu erschüt­tern seien. Die Rotverordnungen hätten aber dos Gegenteil bewiesen. Wenn in der Umgebung des Beamten alles unterzugehen drohe, werde es nicht möglich sein, den Beamten allein über Wasser zu halten. Die RSDAP. habe deshalb den Gedanken, dah Gemeinnutz vor Eigennutz gehe, auch in die Beamtenschaft hineingetragen. Der Deutsche Deamtenbund habe durch seinen Vorstand immer wieder erklärt, dah der DBB. hinter Brüning stünde. Brüning habe aber das Vertrauen enttäuscht. Das deutsche Volk habe

sichtlich aufgeatmet, als das Kabinett Brüning zurücktra^ Der Kurs, wie er unter Brüning vor­herrschte, werde durch ein älebergangskabinett nicht herumzureihen sein. Der Kurs müsse durch eine andersgeartete, vollgültige Regierung be­stimmt werden. Dem Ausland werde vor allem mit Rachdruck gesagt werden müssen, dah ein Land mit 6 Millionen Arbeitslosen keine Repa­rationen bezahlen könne. Dem Beamten könne aber ebensowenig versprochen werden, dah sein Gehalt erhöht werde, wenn die RSDAP. ans Ruder trete. Man müsse sich klar darüber sein, dah man nicht geordnete Verhältnisse übernehme, sondern eine Konkursmasse. Im Hinblick auf die Beamtenschaft bereite die RSDAP. eine neue Deamtenbesoldungsordnung vor, in der eine un­tere und eine obere Desoldungsgrenze gezogen werde. Die untere Desoldungsgrenze werde den Lebensstandard einer fünfköpfigen Familie nicht unterschreiten dürfen, die obere Desoldungsgrenze liege aber bei einer Summe von 1000 Mark pro Monat, mit denen auch der höchste Deamte aus­kommen müsse, wenn der Rentner mit dem 20. Teil dessen sein Leben während eines solchen Zeit­raumes fristen müsse. Jedermann müsse mithelfen, die Rot zu tragen, und wer das nicht wolle, der stelle sich automatisch auherhalb der Volks­gemeinschaft. Die Rot dürfe nicht allein von den schaffenden Schichten getragen werden. Höhere Beamte sollen nicht mehr der finanziellen Position wegen in den Aemtern sitzen, vielmehr müsse die Bekleidung eines hohen Amtes wieder als eine Ehrensache aufzufassen sein. Diese Maßnahme durchzuführen, erweise sich als moralische Rot­wendigkeit, sofern man dem Arbeiter, der arbeits­los ist und hungert, sagen wolle, er solle sich ruhig verhalten! Der Rationalsozialismus trete nicht um des Beamten willen für den Beamten ein, sondern um des Vaterlandes willen, das nur durch eine verantwortungsbewußte Berufs­beamtenschaft in Ordnung gehalten und wieder aufwärtsgeführt werden könne. Der Beamte müsse wieder zu alter Achtung gelangen. Jedermann müsse Arbeiter im wahrsten Sinne des Wortes sein, Arbeiter im Interesse des Vaterlandes. Das WortArbeiter" müsse endlich Ehrentitel werden. D^ Lebenswille des deutschen Volkes müsse ohne Rücksicht auf allzu bürgerliche Wohlanständigkeit in jeder Hinsicht vertreten, ge­wahrt und gefördert werden. Im zukünftigen Staat könne es nicht mehr möglich sein, daß ein international denkender Mensch Beamter sei und nationale Interessen vertrete. Die deutsche Po­lizei werde in Zukunft nicht zu kleinlicher Arbeit aufgeboten werden, sondern nur dazu, das Volk vor Verbrechern zu schützen. Rachdem der Redner noch kurz über die mannigfachen Verleumdungen der RSDAP. im Bezug auf Landesverrat, über die Verleumdungen der SA., sowie über die Stel­lung der Rationalsozialisten zur Religion gespro­chen hatte, betonte er, dah bei den bevorstehen­den Wahlen nicht wieder eine Situation geschaffen werden dürfe, in der man das Zentrum zu fra­gen gezwungen sei, wenn etwas geschehen solle. Was geschehe, werde um der Zukunft unseres Vol­kes und unserer Kinder willen geschehen müssen. (Lebhafter anhaltender Beifall!) Da sich zur Aus­sprache kein Redner meldete, fand die Versamm­lung bald darauf ihr Ende.

Pflichtarbeit und die Fürsorgearbeiter ausgeführt werden soll, erfolgte gemäß den Vorschlägen des Bauausschusses an die Firmen: H. Herzog und Otto Leibner. Unter Mitteilungen gab der Vorsitzende den Bericht des Schularztes für bas I a h r 19 31 bekannt. Daraus ergibt sich, daß im Vergleich zum Jahre 1930 trotz der enormen Ver­schlechterung der Wirtschaftslage und der gestiegenen Arbeitslosigkeit eine Verschlechterung des allgemei­

nen Gesundheitszustandes der Kinder erfreulicher­weise nicht zu verzeichnen ist. Als auffallend wird bezeichnet, daß fast 61 v. H. aller Schulkinder schad­hafte Zähne hatten. Am Schluffe der Sitzung kam es zu einer sehr lebhaften Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der bürgerlichen Fraktion und der SPD.-Fraktion wegen eines von der letz­teren herausgegebenen Flugblattes, das eine Erklärung zur Bürger st euer enthielt.

nach Leipzig überzusiedeln. Professor Landar be­gleitete sie. Sie hatte sich von niemandem weiter verabschiedet, nur der Vormund und seine Frau gaben ihr das Geleit zum Bahnhof.

Das Häuschen sollte vorläufig nicht verkauft werden: es sollte Elisabeths Zufluchtsstätte wer­den, hier 'sollte sie immer eine Heimat haben...

*

Vor einem großen, vornehmen Hause, in einer ruhigen Leipziger Straße, hielt hie Autotare, mit der Elisabeth und der Professor vom Bahnhof aus zum Konservatorium gefahren waren.

Die Tür öffnete sich geräuschlos, man stieg in den ersten Stock und wurde in ein elegantes Empfangszimmer geführt. Elisabeths Herz schlug ängstlich, während sie auf Professor Walter war­teten. Auch Professor Landar sah stumm da und harrte der Dinge, die kommen sollten.

Jetzt öffnete sich die Tür zum Rebenzimmer, Professor Walter trat ein. Herzlich begrüßte et den alten Freund und hieß dann Elisabeth will­kommen.

Willkommen in Leipzig, Fräulein Pfilipp! Hoffentlich haben Sie es nie zu bereuen, daß Sie zu uns gekommen sind. Hoffentlich werden wir beide bald ebenso gute Freunde wie Sie und Landar."

Elisabeth fand keine Worte der Erwiderung. Professor Walter wartete auch keine Antwort ab, sondern fuhr fort:

Also, mein liebes Kind, wir müssen Sie natür­lich zuerst einmal prüfen, in welche Klasse unseres Konservatoriums wir Sie aufnehmen können. Das Wintersemester hat gerade begonnen. Sie haben noch kaum etwas versäumt. Ich nehme an, daß wir Sie in die Klasse des Kammersängers Perl­berg nehmen werden: Sie würden bei ihm Sprach- technik und Mimik lernen. Wie steht es mit der italienischen Sprache Fräulein Pfilipp?"

Ich beherrsche sie vollkommen, Herr Professor! Professor Landar lehrte mich die alte bologne- sische Gesangsschule, und im Anschluß daran er­teilte er mir italienischen Sprachunterricht."

Gut, sehr gut! Wir werden Ihnen bald nichts mehr beibringen müssen. 3a, Professor Landar ist ein ausgezeichneter Lehrer, und Sie scheinen mir eine außergewöhnliche Schülerin zu fein. Seitdem ich Sie damals in derRennten Sym­phonie" gehört hatte, war mein 3ntereffe für Sie wach. Aber ich hatte nicht gehofft, Sie so bald hier bei uns zu sehen."

Elisabeth war bei diesem Lob errötet und sah verlegen auf ihren alten Lehrer. Professor Walter fuhr fort:

Wieviel Opernpartien haben Sie schon stu­diert?"

Professor Landar antwortete anstatt Elisabeth.

Alle Sopranrollen der bekannteren Opern, die über die deutschen Bühnen gehen!"

Wollen Sie damit sagen, Herr Professor, daß Fräulein Pfilipp eigentlich, ein richtiges Studium hinter sich hat?"

Gewiß, verehrter Herr Professor Walter. Fräulein Pfilipp beherrscht gesanglich fast alle diese Rollen. Ob es sich nun um Elsa handelt oder um die Senta, Gilda, Martha, Micaela, filcichviel, Sie werden staunen über die gefang- iche Wiedergabe dieser Rollen durch meine Schü­lerin. 3d) zweifle indes auch nicht an der schau­spielerischen Begabung Fräulein Elisabeths, wenn diese erst unter richtiger Anleitung zur Entwick­lung gelangen kann."

3a, da scheinen wir ja ein wahrhaftes Talent entdeckt zu haben. Wie lange hatten Sie denn bei Professor Landar Unterricht, Fräulein Pfilipp?"

Es werden jetzt vier 3ahre nicht wahr, Herr Professor?"

3a, ja, ungefähr vier 3ahre", bestätigte der Professor.Das ist nicht sehr lange für all das, was Fräulein Elisabeth gelernt hat: aber dafür ist sie auch ein Talent."

Das glaub ich 3hnen schon, Professor. Und ich freue mich auch schon die ganze Zeit über diese neue Schülerin unseres 3nstituts. 3ch freue mich auch besonders, unseren großen Mäzen Herrn von Eckertsburg für Fräulein Pfilipp interessiert zu haben. Das ist ein prächtiger Mensch, der schon manchem Künstler den Weg geebnet hat. 3ch bin überzeugt davon, Fräulein Pfilipp, daß Sie sich gut mit ihm verstehen werden, wenn er auch ein wenig absonderlich und launisch ist. Aber Sie dürfen sich getrost seinen Anordnungen und Wün­schen fügen.

Für jetzt bitte ich Sie beide, meine Gäste zu fein. Meine Frau freut sich schon, Sie kennen­zulernen."

Gleich daraus wurden sie in den gemütlichen Wohnräumen Professor Walters von der rund­lichen, liebenswürdigen Hausfrau begrüßt. Frau Walter, ehemals als Klaviervirtuosin bekannt, nahm regen Anteil an Elisabeths Geschick und wußte sich schnell das Zutrauen des schüchternen Gastes zu erringen.

Man ah und trank vorzüglich: dann saß man gemütlich beisammen, und Elisabeth fing an, langsam aufzutauen. Bor allem, als Frau Walter sich an den Flügel setzte und mit ihrer virtuosen und trotzdem zu Herzen gehenden Kunst einige Piecen spielte, leuchteten ihre Augen auf vor Be­wunderung.

Sie war fast traurig, als das Klavierspiel un­terbrochen wurde. Das Mädchen hatte eine Visitenkarte hereingebracht. Die Hausfrau sprang auf, dem neuen Gast entgegenzugehen.

Ein seltsames Gefühl durchzuckte Elisabeth beim Eintritt des fremden Mannes, dem Frau Walter mit ausgestreckten Händen entgegenging.

Landkreis Gießen.

-j- Heuchelheim, 9.Juni. In der Zeit vom Freitag, 17., bis einschl. Dienstag, 21. Iunl, wird in der hiesigen Turnhalle die Wanderausstel- lungGesundheitspflege und soziale Fürsorge" gezeigt.

<£ Neiskirchen , 9. Juni. Gestern wurde für die Mittel- und Oberklassen der Volksschulen von Reiskirchen, Saasen, Lindenstruth, Hattenrod, Burk­hardsfelden, Oppenrod und Bersrod im Saale der Gastwirtschaft Gundrum in Reiskirchen der Kul­turfilmChang" gezeigt.

/ L i ch, 9. Juni. Am vorigen Sonntag waren 56 Jahre seit dem Konfirmationstag der 7 0 e r" unserer Gemeinde vergangen. Aus diesem Anlaß vereinigten sich die 70er Zum gemeinsamen Kirch- und Abendmahlsgang. Stiftsdechant Kahn gedachte anknüpfend an den Text der Konfirmations­ansprache an Pfingsten 1876 Kolosser Kap. 2, Vers 6 und 7 und an die altkirchliche Epistel des 2. Sonn­tags nach Trinitatis des Ehrentags und sprach von den Aufgaben eines Christen, die auch im hohen Alter noch zu erfüllen sind. Wegen des Ernstes der Zeit hatten die Jubilars von jeder -weiteren Feier abgesehen und spendeten aus Dankbarkeit eicke Gabe für den Kirchenerneuerungsfonds.

Kreis Buoingen.

-r- M i ch e l n a u, 9. Juni. Die große Geflügel- farm, die mit dem hiesigen Basaltlcwatuss-Stein- bruch verbunden war, ist eingegangen. Der Hühnerbestand von etwa 1500 Stück wurde ver­äußert. Infolge der niedrigen Eierpreise war keine Rentabilität mehr zu erzielen. Auch der Stein- bruch, der in normalen Zeiten über 30 Leute be­schäftigte, liegt gänzlich still, da trotz der an­gefangenen Bausaison keine Aufträge oorliegen. Der Ausfall an staatlichen und städtischen Neubauten, die der Bruch vorwiegend belieferte, macht sich hier bemerkbar.

Kreis Schotten.

Laubach 9. Juni. Die Vorbereitungen zum L a u b a ch e r A u 5 s ch u ß f e ft, das am kommen- den Sonntag bis Dienstag stattfindet sind in vollem Gange. Am Sonntagnachmittag wird der Ausschuß mit Volksbelustigung eröffnet. Der Hauptfesttag Montag sieht den traditionellen Festzug vor. An­schließend findet das Hammel, und Gabenschießen und abends die Preisoerteilung statt. Der Schweine- und Krämermarkt am Dienstag wird auch diesmal wieder gut beschickt werden. Nachmittags zum Ab­schluß findet ein Kinderfest statt. Auf den Aus- schußsonntag ist vormittags die Feuerwehr- VerbandstagungdesKreisesSchotten gelegt, wobei gleichzeitig die hiesige Freiwillige Feuerwehr ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

preuhen.

Kreis Wetzlär.

* Atzbach , 10. Juni. Im Laufe des gestrigen Tages ereignete sich in dem hiesigen Zimmergeschäft von I. Hoffmann ein schwerer Unglücks­fall. Der Arbeiter Friedrich Oesterreich von hier, der mit Holzschneiden beschäftigt war, wurde auf bisher noch nicht geklärte Weise während der Arbeit von einem Holzscheit s o s chw et an den Kops getroffen, daß er einen schweren Schädelbruch erlitt und in die Chirurgische Kli­nik zu Gießen eingeliefert werden mußte. Der Ver­unglückte ist noch jetzt ohne Bewußtsein. Der Zu­stand des bedauernswerten Mannes ist bedenklich. Der Unfall ist um so tragischer, als Oesterreich, der lange Zeit krank war, erst seit zwei Tagen wieder arbeitsfähig war, und nun erneut auf das Kranken­lager geworfen wird. Der Verunglückte ist etwa 50 Jahre all, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

# Aus dem Kleebachtal, 9. Juni. Durch den Regen in den letzten Tagen ist fast in allen Gemarkungen an dem R o.g g e n Lagerfrucht entstanden: manche Aecker sehen wie gewalzt aus. Hierdurch erleiden die Landwirte großen Schaden, denn der^Roggen hat noch nicht geblüht und ent­wickelt bei Lagerfrucht fast nur taube Aehren.

Wer war dieser große, schlanke Mann mit dem nachtschwarzen Haar und dem gebräunten Gesicht, mit den scharfen, durchdringenden Augen?

Auch Professor Walter war aufgesprungen und dem Fremden entgegengegangen.

Oh, das ist schön, Herr von Eckertsburg, -daß Sie noch kommen konnten. Da kann ich Ihnen wenigstens gleich Ihren Schützling vorstellen. Hier, das ist Elisabeth Pfilipp!"

Walter wandte sich zu Elisabeth:

Fräulein Pfilipp, darf ich Sie mit Herrn von Eckertsburg bekannt machen. Er will sich Ihrer annehmen: Sie dürfen volles Vertrauen zu ihm haben. Er wird von jetzt ab Ihren Weg behüten, wird Sie zur Höhe führen."

Elisabeth sah scheu zu dem großen Manne auf, wagte kaum, seine Fingerspitzen zu berühren. Ihr Herz schlug gewaltig.

Eckertsburg schien ihre Gefühle zu erkennen. Ob er sie nicht belästigen, ob er sie weiter nicht beachten wollte, jedenfalls wandte er sich gleich wieder von ihr ab,'sich in ein eifriges Gespräch mit den beiden Musikprofessoren vertiefend.

Bald saß man wieder im Kreise, hörte dem an­regenden Gespräch der drei musikverständigen Männer zu. Riemand schien es aufzufallen, daß Elisabeth sich an dem Gespräch überhaupt nicht beteiligte, daß sie ganz bleich geworden war.

Eine innere Angst schüttelte sie, eine Angst vor dem fremden Manne, dem sie sich ausgeliefert fühlte. Dieses Angstgefühl verstärkte sich, so oft sie ein Blick traf aus den dunklen Augen diefes Mannes.

Am liebsten wäre sie davongelaufen, hätte Aus­bildung und Karriere im Stich gelassen, wäre in das kleine Haus am Wassergraben zurückgekehrt.

Sie wußte nicht, was mit ihr los war. Herr von Eckertsburg war ein schöner Mensch, das stand fest: über einem regelmäßigen, scharfge­schnittenen Gesicht stand eine hohe, ausdrucksvolle Stirn: das schwarze, an den Schläfen ein wenig melierte Haar war glatt zurückgestrichen ein ganz kleiner Schnurrbart lag über schmalen, meist festgeschlossenen Lippen. Das strenge Gesicht wurde beherrscht von zwei dunkelgrauen, herb blickenden Augen. Eine feste, energische Stimme gab unbe­kümmert Eckertsburgs Meinung kund.

Und doch, Elisabeth wußte nicht, wie es kam: immer wieder mußte sie in dieses Gesicht sehen, in diese Augen, aus denen ein bezwingender Wille und eine bewußte Macht sprach. Das Herz schlug Elisabeth bis zum Halse: und doch blieb sie sitzen, ergeben in ihr Geschick.

Elisabeth erschrak, als Professor Walter sie an­sprach und sie aufforderte, mit hinüberzukommen ins Konservatorium. 3m Arbeitszimmer des Pro­fessors nahmen sie Platz.

(Fortsetzung folgt.)