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Vornan von 3- Echneider-Koerstl.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag 0. Meister, Werdau.
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Er sah Lenores Schwesternhaube in der Sonne leuchten. Daneben tauchte, von einem weißen Strohhut beschattet, Suses Gesichtchen auf. Der Mann, welcher den Rücksitz einnahm, beugte sich etwas zu den Schwestern vor und schickte, von diesen aufmerksam gemacht, den Blick in die Runde.
Malnow verspürte etwas wie einen leichten Schwindel und trat bis dicht an den Graben, der Weg und Wiese trennte. Da trafen ihn Suses Augen. Kühl! Fremd! Er hatte den Hut bis znm Boden gezogen und sie sand kaum ein Ricken für ihn. Sic will unsere Liebe nicht verraten, dachte er, vor sich selbst beschämt und schalt sich einen 'Toren, daß ihm das Blut so ungestüm vom Herzen nach den Schläfen rannte.
Da war der Wagen auch schon vorüber? Rur das Gesicht des Herrn aus dem Rücksitz war noch eine Weile deutlich zu erkennen. Als er um Mittag in die Stallungen trat, fand er Suse mit dem Fremden bei ihrem Lieblingspferd stehen. Ein schwaches Rot überzog ihr Gesicht, und er glaubte eine leise Verlegenheit zu bemerken. „Wie alt ist die „Fledermaus" eigentlich, Herr Verwalter?" wandte sie sich an ihn und mied es dabei, ihm in die Augen zu sehen.
„Dreieinhalb Jahre, gnädiges Fräulein!"
Doktor Wander bog den Kopf etwas Lurück, zögerte einen Augenblick, und da Suse keine Anstalten machte, die Herren einander vorzustellen, besorgte er dies selbst, indem er sich leicht gegen Dieter verneigte. Gleich darauf hotten die beiden die Stallungen wieder verlassen. Malnow sah sie draußen in der Sonne stehen und den Weg nach dem Obstgarten hinüber nehmen, wo die letzten Spätäpfel noch an den Bäumen prangten.
Es ist nicht möglich! dachte er beklommen. So grundverdorben kann sie doch nicht sein. Sie will mich sicher nur quälen und eifersüchtig machen. Er mußte jetzt unbedingt eine Aussprache mit ihr erzwingen. So durfte das nicht wcitergehen. Er ging sonst zugrunde dabei.
Als er sich später anschickte, auf den Feldern Rachschau zu halten, nahm er mit Absicht den Weg durch den Garten. Er hörte Suses Lachen schon von weitem und wie sie vor dem Manne herlicf, der sic in raschen Sprüngen einzuholen suchte. Ihn erblickend, stutzte sie und wollte mit raschem Sprung an ihm vorüber.
Aber er hatte trotzdem so viel Zeit, ihr zuzuraunen: „Ich habe mit dir zu reden. Wenn du heute abend nicht bei den Erlen am Flusse bist, hole ich dich oder--“ Er erschrak vor seiner
eigenen Stimme. Vielleicht hatte sie nun Furcht
vor ihm. Er bereute beinahe, so heftig gewesen zu sein. Möglicherweise war sie nun so über die Maßen eingeschüchtert, daß sie nicht zu kommen wagte.
Früher als sonst begab er sich nach Hause. Schoil um sieben ilfjr stand er unten am Flusse und wartete auf sie. Als gegen zehn Ahr ein starker Wind einsetzte und das Crlengcäst wie schwankendes Schilf hin und her fegte, tappte er todmüde nach dem Hause zurück. Die Fenster im Erdgeschoß des Hauptbaucs waren hell erleuchtet. Richt einmal die Vorhänge waren zugezogen. Wie ein Dieb schlich er sich herbei und hob sich in die Zehen.
Das Gezweig des wilden Weines war zum größten Teil entlaubt und gab den Blick in das geräumige Gesellschaftszimmer frei. Frau von Rccklinhausen saß mit den Töchtern an_i)cm damastgedeckten Rundtisch und über Suses Stuhl geneigt, erblickte er Doktor Wander, der den Damen etwas zu erzählen schien.
Suses Augen ruhten auf dem Gesicht des Arztes, der seine Hand leicht auf ihre Schulter gestützt hielt. Sie schien von dem, was er sagte, vollkommen gefesselt zu sein.
Trotz des rasenden Schmerzes, der ihn durchzuckte. suchte Malnow doch 'nach einer Entschul- 'digung für die Geliebte. Sic konnte nicht abkommen diesen Abend, dachte er, empfand, daß er sich selbst belog und klammerte die kalten Finger um das Gestänge, welches den wilden Wein trug. Was berechtigte ihn, daß er von ihr verlangte, sie sollte nur mehr Interesse für ihn allein haben? Doktor Wander war ohne Zweifel ein glänzender Gefellschafter. Das bißchen Abwechslung, das fein Besuch auf Recklinhausen brachte, war ihr wahrhaftig zu gönnen.
Trotzdem schlich er sich mit einem Gefühl tiefster Niedergeschlagenheit nach seiner Wohnung zurück. Morgen nach München zu fahren und nach Klein- Dorli zu sehen, war endgültig von seinem Sonntagsplan gestrichen.
In der folgenden Nacht schlief er denkbar unruhig und warf sich unter seiner rauhen Decke hin und her. Am Sonntagmorgen war er der erste, der den Rain der Felder cntlangging. Es glückte ihm den ganzen Vormittag nicht, auch nur einen Zipfel von Suses Kleid zu erspähen. Gegen Mittag sah et sie in Begleitung des Doktors mit Mutter und Schwester von einem Spaziergang zurückkommen. Als sie ihn bemerkte, wandte sie rasch das Gesicht von ihm ab und hakte ihren Arm in den Lenores.
Sie hat ein schlechtes Gewissen, erregte er sich. Sollte ihr Verhältnis zu Doktor Wander doch nicht so hannlos fein, wie er vermutete? — Er folgte den beiden mit den Blicken, konnte aber nicht das Geringste bemerken, das ihm Gewißheit gegeben hätte.
Endlich, nach dem Mittagstisch, als er schon jede Hoffnung, sie heute noch sprechen zu können,
aufgegeben hatte, sah er, wie sie nach dem Flusse hinunterlies.
Fünf Minuten später stand er vor ihr.
Sie erschrak sehr. „Ich finde es ungezogen von dir, mich so zu überraschen. Du siehst doch, daß ich allein sein will."
„Allerdings!" Der Ton, in welchem sie zu ihm sprach, trieb ihm das Blut in Stößen gegen die Wangen. „Ich hätte sicher diese Angczogen- heit nicht begangen, wenn ich dich anders sprechen könnte. — Du weichst mir aus! — Du hast mich gestern abend bis zehn Ahr vergeblich auf dich warten lassen!"
„Das ist deine Sache, wenn es dir Vergnügen macht, dir kalte Füße zu holen", unterbrach sie ihn verärgert. „Ich habe dir kein Versprechen gegeben, daß ich komme!"
„Allerdings nicht! — Aber ich will jetzt endlich eine Erklärung für dein 'Benehmen haben! Wenn ich dich ohne Absicht gekränkt haben sollte, dann sage es. Ich leiste gerne Abbitte, wenn ich mich schuldig fühle, ©elfte es aber nur eine Laune von dir sein, mich zu quälen--dann warne ich
dich, Suse! Ich lasse nicht mit mir spielen!"
„Du hast auch mit mir gespielt!" warf sie hin.
„Suse!" Sie trat verängstigt einen Schritt gegen das Wasser hin, wurde von seiner Hand zurück- gerisfen und nach der Wiese zu geschoben.
Ihr Blick irrte über die gelbgrünen Flächen hin. aber es zeigte sich niemand, der ihr zu Hilfe hätte kommen können. Sie mußte den Kampf mit ihm allein ausfechten. Den Kopf trotzig zurückgeworfen, stand sie ihm gegenüber.
„Suse!" sagte er gütig, „du mutzt mich jetzt nicht fürchten oder mir zu trotzen suchen. Ich will nichts, als datz du mir endlich Klarheit gibst, was zwischen uns steht!"
„Deine Vergangenheit!" schrie sie unbeherrscht.
„Meine Vergangenheit?" Er tat einen Schritt zurück und starrte sie fassungslos an. „Ich konnte nicht wissen--daß--" Er dachte an sein
jahrelanges Zerwürfnis mit der Mutter und alles, was er ihr damit an Leid und Sorgen zugefügt hatte. ..Das, was ich fehlte, habe ich längst ge- bützt, Suse!"
„Das kannst du mit dir selbst abmachen", sagte sie kühl. „Aber ich habe mich in dir getäuscht. Erst hast du mir verschwiegen, datz du noch eine Mutter hast! Ich habe es erst durch ihren Tod erfahren. And auherdem verheimlichtest du mir das Kind!"
„Das Kind", sagte er tonlos. „Suse--ich
dachte — ich hoffte", er suchte nach Worten und war so völlig zerschlagen, daß sein Gehirn ein wirbelndes Chaos darstellte. „Ich wollte dir davon noch vor unserer Verlobung sprechen und dich bitten, daß du es an dein Herz nimmst. Suse —!"
Er sprang ihr nach, als sie mit einem Satz den Hong zum Gute hinauf nehmen wollte. Mit harter Hand hielt er sie zurück.
„Suse! Am unserer Liebe willen! — Daß ich bis heule davon schwieg, mutzt du mir nicht als übergroße Schuld anrcdjnen. Ich hatte Sorg^ daß du auf das Dorli eifersüchtig sein könntest. Aber es schmälert dir meine Liebe nicht. Glaub mir doch, Suse!" Er wollte sie in die Arme nehmen, fühlte ihr heftiges Widerstreben und ließ die Hände mutlos sinken. „Ich habe mich mit der Hoffnung getragen, daß es auf Recklinhausen einmal eine Heimat finden würde. Wenn du das Kind nicht um dich haben willst--dann Suse
---- einen größeren Beweis meiner Liebe kann ich dir nicht geben, als datz ich es von mir fern» holte. Es wird in der Pension bleiben, in der ich es jetzt untergebracht habe. — Ist dir das nicht .Opfer genug, mein Mädchen?"
Sie hielt die Arme eng an den Körper gedrückt und bog das Gesicht zur Seite, als er seine Lippen den ihren zu nähern suchte. „Du hast mir versichert, du hättest keinen Menschen mehr und ich würde deine Liebe mit niemand zu teilen brauchen. Du hast also bewuht gelogen. Das war zum mindesten feige von dir. Vielleicht hätte ich verziehen, wenn du vom ersten Augenblick an ehrlich gegen mich gewesen wärest! Ich hätte sogar über das Kind hinweggcsehen, denn cs kann ja schlietzlich nichts dafür, datz es am Leben ist. Meinetwegen hättest du cs sogar nach Recklin- hausen bringen können, obwohl mir das gerade nicht angenehm gewesen wäre.--Aber so, wie
du gehandelt hast, war es ehrlos. Ich war noch nicht siebzehn Jahre, cfts du mich das erstemal kütztest. Ich habe dir bedingungslos vertraut. And dafür hast du mich betrogen!“
„Betrogen, Suse?" Er starrte sie völlig entgeistert an. „Ich habe noch nie —
„ 2lch laß doch!" unterbrach sie ihn gereizt. „Was hat das für einen Sinn, wenn du jetzt viel Worte darum machst. Es wird kein bißchen anders mehr deswegen. Von einer Werbung um mich mußt du natürlich absehen!"
„Suse!" schrie er auf.
„Das kannst du nicht anders erwarten!" sagte sie doch etwas gerührt über den verzweifelten Ausdruck, der aus seinem Gesicht sprach. „Wenn ich Lenore wäre, würdest du nur auf die Knie zu. fallen brauchen und alles wäre wieder gut. Bei. mir würde dir das nicht im geringsten nützen. Ich hoffe, daß du wenigstens so viel Ehre im Leibe hast, datz du aus dem. was einmal zwischen uns gewesen ist, keinen Vorteil für dich zu schlagen suchst. Das wäre gemein, Dieter! Ich brauche mich ja keineswegs zu schämen, wenn du sagst, daß ich dich einmal über alles geliebt habe. Du weißt, datz ich nichts fürchten mutz. Wenn ich dich küßte, und du mich in die Arme -nahmst, so ist das gewiß nichts Verwerfliches. Trotzdem erwarte ich von dir, datz du mich nicht ins Gerede der Leute bringst."
(Fortsetzung folgt.)
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