Nr. 83 Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für tvderhessen,^amsrag, 9. April 1932
Der Weg ins Leben.
Ein Mahnwort an die Abiturienten 1932.
Don Geb. Hofrat Or. £. Heffter, o. ö. Professor an der Universität Freiburg, weiter der Freiburger Studentenhilfe, e. D.
Als w i r vor 51 Jahren das Abituricnten- examen hinter uns hatten, da wurde uns von vielen Seiten gesagt: „'21 u n steht euch d ie ganze Welt offen!" Ungefähr war es ja auch so, und daher rührte das überschwengliche Glüctsgefühl, das uns erfüllte. Leider sind d i e heutigen Abiturienten nicht in dieser glüctlichenLage. Fast müssen sie sagen: „Die ganze Welt ist uns verschlossen!" Wenn sie aber gegen diesen Wall von Hindernissen kräftig angehen und sich durchsetzen, so oder so, dann ist ihre Leistung auch erheblich größer, als die unsere seinerzeit war. Dann haben sie sich schon früher als Leute bewiesen, die auch später im Leben ihren Mann stehen werden.
Freilich, das erste, was not tut, gerade jetzt in den Tagen der inneren Entlastung nach Erreichung des Schulzieles, ist eine st r e n g e Selbst- Prüfung: „Bin ich denn wirklich zum Studium geboren, zum Studium, mit seinen ganz überwiegend theoretischen Anforderungen? Din ich nicht vielmehr praktisch veran- langt? Würde ich mich nicht in einem mehr praktischen Beruf Wohler fühlen und damit zu besseren Leistungen fähig sein?"
Sollte die Antwort in letzterem Sinne ausfallen, dann heißt es aber, die ^Folgerungen sofort zu ziehen. Denn wie schon auf einer Wanderung beim Einschlagen eines falschen Weges der Fehler mit um so geringerem Verlust an Zeit und Kraft wieder gut gemacht wird, je früher man ihn erkennt und berichtigt, so gilt das natürlich in tausendfach höherem Maße von dem Weg ins Leben.
„Gibt es denn ober", — so höre ich einwenden. — „heute überhaupt noch Berufe, die nicht überfüllt sind, die mir offen stehen?" Vein, weit offen stehen diese Türen gewiß nicht. Aber, wenn man bei vielen anklopft, so wird man wohl auch eine finden, die sich öffnet. Jeder Industriebetrieb braucht für die höheren und leitenden Stellen Leute, die doppelt ausgebildet sind. Technisch, in der betreffenden Branche, und allgemein kaufmännisch. Wenr es gelingt, als Lehrling in einem wenn auch kleinen Betrieb anzukommen, um dann nach etwa zweijähriger technischer Ausbildung diese durch eine Fachbildung zu vertiefen und gleichzeitig oder danach sich kaufmännische Ausbildung anzueignen, auch wieder in praktischer Lehrzeit, der Handelsschule oder sogar Höhere Handelsschule folgen mag, der kann auch heute n o ch zu einer guten und nützlichen Stellung auf- steigen. Vicht das Reifezeugnis, aber die Höhere Schule, die er durchgemocht hat, wird dem Abiturienten auf diesem Wege helfen, durch die all
gemeine Bildung, durch die Eprachkenntnisse. die er leicht erweitern kann, durch gewandte 51m- gaugssormen und Redegewandtheit, die sie ihm geschenkt hat. Die neun Jahre von Scrta bis Prima waren also nicht u m s o n st.
Vergleichen wir daher die beiden Wege, die der Abiturient gehen kann, so ist bei dem einen der Eingang schwer zu finden und die Anfangstätigkeit bescheiden, dann aber der Aufstieg wahrscheinlich. Bei dem zweiten vollzieht sich der Eintritt in die Hochschule mit dem Reifezeugnis mühelos, und es folgen vielleicht glückliche Jahre, aber das Ende ist traurig: denn von den Allertüchtigsten abgesehen, winkt selbst nach gutem Abschluß- exomen eine unabsehbare Wartezeit, ja vielleicht die Rotwendigkeit, um nicht zu verhungern. eine Arbeit anzunehmen, für die man weder studieren, noch 13 Jahre in der Schule hätte sitzen müssen. Zu einer Umkehr ist es aber dann fast immer zu spät.
Und warum sagt das alles nun gerade der Leiter der Studentenhilfe ? 51m aus feiner Tätigkeit heraus diejenigen, die ohne inne- r-e n Beruf dennoch den zweiten Weg einschlagen. eindringlich zu warnen vor einer Unterschätzung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Studiums, vor einer Ueberschötzung der mannigfachen Hilfseinrichtungen.
Gewiß, die Studentenhilfe gewährt mannigfache Erleichterungen durch Freitische und andere Vergünstigungen, durch die Darlehnskasse in den letzten Semestern, durch Stud^enförderung für sehr tüchtige, durch die Studienstiftung für die Aller- tüchtigsten. Die Dozenten gewähren Honarar- erlaß für fleißige und bedürftige Studenten, ein großes, und heute vielfach schwer empfundenes persönliches Opfer. Es gibt in beschränkter Zahl auch staatliche und städtische Stipendien. Aber alle diese Vergünstigungen werden säst ausnahmslos frühestens vom dritten Semester ab bewilligt, wenn der Gesuchsteller sich als begabt, fleißig und auch dem Charakter nach tüchtig erwiesen hat. Und diele Auswahl wird immer schärfer und schärfer ausgeübt und muß so gehandhabt werden im Interesse des Vaterlandes und im Interesse der w i r k l i ch Tü ch t i g e n. Auch die sog. Werkarbeit (Privatstunden. Gartenarbeit usw.) kann nur in bescheidenem Maße die Mittel zum Studium liefern. Denn: Je mehr Werkarbeit, desto toeniger Zeit für das Studium, desto geringer die Leistungen, desto geringer die Unterstützung!
Darum. 3f)r Abiturienten, die Ihr jetzt am Scheidewege steht, rufe ich euch zu: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!
verstanden. Es würde recht gern eine Kolonie aus Deutschland machen, aber das französische Heer be- kommt, sowie es einmal außerhalb Frankreichs ist. diese Aufgabe satt. Sie geht über seine Kraft.
Außerdem ist es wahrscheinlich, daß das französische Volk als Ganzes mit einer Wiederbesetzung Deutschlands nicht einverstanden wäre. Der kleine Mann in Frankreich, der Durchschnittsfranzose, hat nur noch eines von der Ruhrinvaiion im Gedächtnis. Er weiß, daß als Folge davon die Frankeninflation kam. und er oier Fünftel feiner Ersparnisse verlor Das bereitete ihm keine Freude, und es ist sehr unwahrscheinlich, daß er die Möglichkeit einer Wiederholung dulden wird.
Für Sie", betonte der Professor, „ist es wichtig, daran zu denken, daß die Bereinigten Staaten und alle anderen Auslandgläubiger mit Gewißheit alles verlieren würden, was sie hier investiert haben, wenn Frankreich Deutschland besetzen sollte. Die un- vermeidliche Folge der Besetzung Deutschlands durch Frankreich wäre nicht nur die Franken-, sondern auch die Mark-Inflation. Und dabei spielt es gar keine Rolle, daß Ihre Kredite in Dollars gegeben wurden. Der Zusammenbruch der deutschen Mihrung würde es uns technisch unmöglich machen, unsere Privat- verpflichtungen zu erfüllen.
Unterdessen setzt das Abendland seinen bruder mordenden Wirtsd;astskrieg fort, und die Front geaen die Bereinigten Staaten beginnt Gestalt^anzu- nehmen. Mussolini unternahm den erften Schritt, indem er eine allgemeine Zahlungsverweigerung forderte. Diese Front bietet viele Gesichtspunkte. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß Frankreich, als es Japan im Bölkerbund unterstützte, dabei das Endziel im Auge hatte, Südchina von der Basis Französisch Jndochina ans zu erobern und so das Gebiet der chinesischen Nation in zwei Zonen zu teilen: die nördliche für die Japaner, die füblidje für Frankreich. Damit würde den Bereinigten Staaten einer ihrer wichtigsten Märkte entzogen werden.
Heute haben die Bereinigten Staaten noch die Möglichkeit, einem sonst unvermeidlich werbend-n Geschick zu entrinnen. Heute könnte die amerikanische Regierung noch eine Konferenz in Washington einberufen, um eine endgültige Regelung der Schulden, der Rüstungsfrage, des Problems der industriellen Produktion und des Welthabels zu erreichen und den Sturz in die Autarkie zu vereiteln. Wenn die Bereinigten Staaten eine solche Konferenz einberiefen, würden sie augenblicklich die Führerschaft in der Welt
Begeisterte Kundgebungen
Auf Einladung des Kriegervereins Bingen war das Musikkorps des I. Bataillons In f.- Regts. 15 unter Leitung seines Obermufikmeifters K r ä u ß e kürzlich in Bingen zu Gast, um der Bevölkerung dieser alten Rheinstadt, die viele Jahre lang den Anblick deutschen Militärs und den Genuß deutscher Militärmusik entbehren mußte, wieder einmal mit diesen Darbietungen zu erfreuen. Dos Musikkorps unternahm mit Genehmigung des Reichswehrministeriums feine Konzertfahrt an den beut- scheu Rhein in Uniform, um baburch bie Freube der hessischen Landsleute in Bingen noch zu erhöhen. Der Besud) der Kapelle gestaltete sich zu einem einzigartigen Erlebnis für die Binger Bevölkerung, wie aüd) für die Soldaten aus Gießen-, die Binger Bürger widmeten sich mit großer Freude ihren Gästen aus der oberhessischen Garnison, während die Miiitärmusiker die überaus herzliche Gastfreundschaft in reicher Weise durch ihre künstlerischen Darbietungen zu erwidern versuchten. Wie aus der Presse der Stadt Bingen zu ersehen ist, gestaltete sich der Besuch des Gießener Musikkorps zu einer spontanen vaterlänbisck)en Feier voller gegenfeitger Herzlichkeit, die alle Teilnehmer in ihren Bann schlug.
Die Giehener Militärkapelle unter der Leitung von Obermusikmeister Kr a u ß e gab zunächst am Nachmittag in der ausverkauften Binger Festhatte vor etwa 3000 Personen — der weitere Zutritt zu dem Konzert muhte, wie die „Mittelrhein. Volksztg." in Bingen hervorhebt, wegen des großen Andranges polizeilich geschloffen werden — ein Konzert, nach dem die Kapelle von einer ungeheuren Menschenmenge auf dem Marktplatz in Empfang genommen und unter herzlichsten Kundgebungen zur Festhalle geleitet worden war. Bürgermeister Dr. Sieglitz brachte der Kapelle und ihrem Leiter zunächst in herzlichen Worten den Willkommengruß der Stadt Bingen bar unb betonte dabei besonders, wie sehr man sich in Bingen auf diesen erften Besuch
inne haben und könnten praktisch die von ihnen ge- wünschte Lösung diktieren. Wenn sie diese Gelegenheit nicht wahrnehmen, wenn sie daraus beharren, die Initiative Europa zu überlassen, wird (Europa bie Initiative auch ergreifen, unb bann wird dos Ergebnis für Amerika nicht erfreulich fein. Alle Nationen, die bei den Bereinigten Staaten verschuldet sind, werden sich zusammentun und die Zahlung ihrer Schulden verweigern. Amerika wird nichts erreichen.
Mir drängt sich mit unwiderstehlicher Gewalt bie (Erinnerung an die Situation des Jahres 1878 auf, in dem Bismarck den Berliner Kongreß einberief. Rußland führte Krieg gegen bie Türkei. Russische Truppen stauben vor Konstantinopel England erklärte damals, wenn Rußland Konstantinopel besetze, werde England darin einen casus bel'i erblicken. Hatte England sich am Kriege beteiligt, io waren Oesterreich unb Frankreich gezwungen gewe'en, nach- zufolgen. Der Weltkrieg stand vor der lur. Bismarck, ber Führer der Nation, die das geringste birefie Interesse am Konflikt hatte, berief eine Konferenz aller Parteien ein. Das Refultat war, daß Europa sich dreißig lange Jahre des Friedens erfreute unb Deutschland feine große Periode ber Wohlhabenheit unb der Führerfchaft genoß.
Die Gelegenheit, bie Bismarck 1878 ergriff, ist bie Gelegenheit, bie sich Amerika heute bietet Wenn .4 sie vorübergehen läßt, roirb^ sie vielleicht niemals luicberfommcn. Auf jeben Fall ist es gewiß, bnq Amerika, wenn es sie vorübergehen läßt, passiv unter dem leiben wirb, was es aktiv verhinbern könnte. Eine Konferenz, wie ich sie meine, würde drei Haupt. ;iele haben: dem latenten Kriegszustand Zwifch n Frankreich unb Deutfchlanb ein Enbe zu machen, d e Bildiing einer internationalen Schuldnerfront sieg n bie Bereinigten Staaten zu verhindern, unb die G-. fahr, daß Rußland bie Herrschaft über das Abend- land gewinnt, zu bannen. Heute braucht Amerika n:;t den Mund auszutun, um die Führerschaft 311 habe t. Morgen kann sie an Europa übergehen, vielleicht an die Sowjetunion. Eine Gelegenheit kommt felhn zweimal."
Mit diesem Aufsatz schließen wir die Beröffenk- lichungen der Berichte H. R. Knickerbockers ab. Sie sind inzwischen, um eine Reihe weiterer interefsan. ter Aufsätze vermehrt, unter dem Titel „Deutschland s 0 0 d e r s 0 ?" zum Preise von 5,20 Mark im Berlage Ernst Rowohlt, Berlin, in Buch- form erschienen. (64)
der Bevölkerung von Bingen.
einer deutschen Militärkapelle gefreut habe. Die „Mittelrheinische Volkszeitung" sagt von dieser Ansprache folgendes: „Liebe zum Vaterland, Liebe zu unserer deutschen Reichswehr sprach aus den bewegten Worten des Redners, der alle begeisterte an dem durch die Verhältnisse so seltenen (Ereignis für Bingen ' Dann begannen die Konzertbc. r. bictungcn ber Kapelle, bie nach einem flotten Marsch eine Anzahl Kompositionen bedeutender deutscher Tonkünstler zu Gehör brachte. Am Schlüsse des Nach, mittagskonzertes gab der 1. Vorsitzende des Bing- r Kriegervereins, Herr Ludewig, in begeistert n Worten an die Kapelle dem Danke der Zuhörer Ausdruck, wobei er zur Treue zum lieben deutschen Vaterland, zur Liebe für bie beutsche Einheit u b zum deutschen Wehrgedanken, aber auch zur Liebe für unsere deutsche Reichswehr aufrief. Der bezifferte Gesang des Deutschlandliedes beschloß diese Feierstunden.
Am Abend fand ein zweites Konzert in der Fest- Halle, wiederum vor einer gewaltigen Menfchc i- menge, statt. Zu Beginn dieser Veranstaltung sprach erneut ber Vorsitzenbe bes Kriegervereins, Herr Ludewig, herzliche Begrüßungsmorte an bie Kapelle, mit ganz besonderer Freude konnte er, wie ms der Binger Presse hervorgeht, aber auch den nn Laufe des Nachmittags zu Besuch eingetroffenen Kommandeur des Gießener Bataillons, Oberftlevt- nant Ä 1 epke, und feinen Adjutanten, Oberleutnant Raufer, begrüßen. Alsdann hakte die Militärkapelle wiederum Gelegenheit, mit ihren hohen fünft- lerifchen Darbietungen den Besuchern einige Stunden schönster Freude an deutscher Militärrnusif ni bereiten. Am Abend sowohl als auch am Nachmitt g wurden die Darbietungen der Kapelle mit ungeheurem Beifall belohnt.
I Am nächsten Vormittag wurde bas Musikkorps mit seinem Leiter an ber Spitze noch von bem 'Bürger- meister der Stadt Bingen empfangen, anschließ i b vereinigten sich bie Solbaten mit ben Kameraben des
Wie ein Amerikaner Deutschland sieht.
Besuch bei Oswald Spengler. — Der Prophet des Untergangs des Abendlandes über weltpolitische Aussichten der nächsten Zeiten. — Amerikas Aufgabe als Schiedsrichter der Welt.
Von H. K Knickerbocker
Copyright by Rvwvhlt-Verlag, Berlin. VI.
Nünchcn.
München . .. Amerika steht heute vor einer Entscheidung, die für bas kommende Jahrhundert Gedeih ad« Verderb bedeuten kann. Europa steht vor einer Katastrophe, aber aus dieser Katastrophe wird Deutschlanb verhällnismäßig siegreich hervorgehen, es wird mit Erfolg bie Reparationszahlungen verweigern unb Frankreich bie Stirn bieten. In einem Wirtschaftskrieg, weitaus schlimmer als ber Krieg 1914 bis 1918, der niemals aufgehört hat, stürzt sich die abendländische Zivilisation in ben Ruin Japan und die Sowjetunion werden sich vielleicht schließlich als bie Sieger erweisen.
Das find bie Ansichten Oswald Spenglers. Im Verlauf dieser Erforschung bes Deutschland von heute un: von morgen war von allen Männern, denen ich begegnet bin Spengler ber hervorragenbfte Ge- schichtsphiloso'ph unseres Zeitalters, der erste Deutsche, der deutlich begründete, warum bas Reich in seinem gegenwärtigen Kampf gegen .Frankreich nicht nur nicht „untergehen", sondern diese Runde in dem Kamps, der feiner Meinung nad) nichtsdestoweniger schließlich das Ende ber ganzen abenblanbi- schcn Welt herbeiführen kann, auf jeben Fall ge winnen werbe. _ , . m .
Im Jahre 1918 veröffentlichte Spengler ein Buch, die Frucht zweier Jahrzehnte bes Forschens Das Buch hieß Der Untergang bes Abenblanbes . lieber Nacht wuröe der obskure Schulmeister zum Zentrum gelehrter Kontroversen in ber ganzen Well. So, wie Charles Darwins „Ursprung ber Arten die erste vernünftige Erklärung für bie Vergangenheit ber Menschheit lieferte, gab Der Untergang des Abend lanbes" ber Well bie erste Analyse ihrer Geschichte, bie umfaffenb genug war, eine glaubhafte Voraus faqe für das was bie Zukunft birgt, zu ermöglichen Darwin suchte bie Gesetze zu offenbaren welche die Entwicklung bes menschlichen Körpers deherrichen, Spengler bie Gesetze, welche die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft regieren. .... m
Mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, feitbem Der Untergang des Abendlandes" erschienen ist, unb viele Historiker haben sich daran gewöhnt, in den Begriffen dieser Geschichtsanalyse zu denken Gleich- gültig ob Spengler anerkannt ober abgelehnt wird — kein Historiker ist imftanbe gewesen, seine Ansicht 3U ignorieren, baß alle menschlichen Gesellschaften eine -leit bes Keimens unb eine des Knchpens gehabt hat und hierauf zu einer spezifischen Kullur erblüh ist baß diese Kultur dann in die Phase der Zivils fotion tritt, die schließlich in Verfall Zerat altert und abftirbt um einer anderen neuen Gesellschaft Hlatz zu machen. Nach Spenglers Meinung ist das Abendland heute in der Periode der Zivilisation ein Beifall Im Laufe der letzten 14 Jahre hat er seine Forschungen fortgesetzt. Die Ereignisse bcftarkten ben Glauben seiner Anhänger an seine Autorität. Bis heute aber verharrte Spengler tn bem Schweigen des Gelehrten gegenüber dem unniittelbaren Gang ber Weltangelegenheften, die ;n so mancher Hinsicht feine Ansichten zu bestätigen scheinen.
Beim Tee in seiner Münchner Wohnung entwickelte Professor Spengler seine These: Das Abendland fei heute in eine Epoche des Wirtschaftskriegs getreten, die so hart unb so selbstmörderisch sei, daß der Ruin unserer Zivilisation unvermeidlich werden müsse, wenn es nicht rasch zu einem Waffenstittstanb komme.
„Dieser wirtschaftlick)e Wettbewerb, mit dem bie Welt heute besaßt ist", führte ber Professor aus, „kann nur mit bem Namen Krieg bezeichnet werden und ist in ber Tat auch nichts anderes als eine Fortführung bes Konfliktes 1914 bis 1918, mit dem wichtigen Ünterfrfjieb allerdings, daß damals eine Völkergruppe gegen eine andere stand, während jetzt alle Nationen gegen alle Nationen stehen. Die Gruppierung ber Zukunft ist noch im Dunkeln, aber es fehlt nicht an Hinweisen barauf, baß, wenn bie Vereinigten Staaten nicht bie außerordentliche Gelegenheit ausnützen, bie ihnen jetzt gegeben ist, bie Gruppierung einer Stellung ber ganzen Welt gegen Amerika sehr ähnlich sein wirb.
Das Streben zur Autarkie, zur Errichtung von Zoll und Handelsschranken, die darauf abzielen, jede Nation völlig zu isolieren, und von allen anderen Nationen unabhängig zu machen ist nichts anderes als eine Form ber Kriegführung. Wenn biefer Krieg fortbauert, müssen die an ihm teilnehmenden Nationen schließlich wirtschaftlich so geschwächt werden, daß sie den Nationen, die außerhalb des Konflikts geblieben sind, leicht zum Opfer fallen. Zu diesen Nationen rechne ich Japan unb die Sowjetunion.
„Wenn Frankreich nicht mehr eine Milliarde Gold- franks jährlich bekommt, muß es seine Rüstungen einschränken. Das ist ber wahre Schlüssel zur französischen Haltung in ber Reparationsfrage. Aber 50 v H. der französischen Schwerindustrie sind au bie Massenfabrikation angewiesen. Frankreichs Schwerindustrie beherrscht das Portemonnaie. Die französischen Politiker sind Geschäftsleute. Jeder fran= zösische Politiker, ber sich freiwillig der Streichung der Reparationen fügte, würde von den Finanzmännern fallengelassen werden. Diese Finanziers ber französischen Schwerinbustrie könnten ein Repara- tionsmoratorium bulben, denn wenn zum Beispiel zugebilligt würbe, baß Deutschlanb brei Jahre lang keine Reparationen zahlt, würbe bie französische Regierung eine innere Anleihe auflegen, um bas Aeguivalenk der Reparationen für bie Dauer biefer drei Jahre zu erhalten unb mit biefem Gelb bie Subventionierung der französischen Schwerinbustrie burd) Rüstungsausträge fortsetzen. Diese Anleihen wären de facto Obligationen auf bie Wieberauf- nahme ber Reparationszahlungen nach Ablauf ber drei Jahre Wenn bie Reparationen aber für immer gestrichen würden, wäre dieser Weg zur Finanzierung der Rüstungen nicht gangbar
Darum kann es kein französischer Politiker sich leisten, freiwillig ber Streichung der Reparationen mzustimmen. Aber ebensowenig kann Frankreich bie Streichung perhinbern. Denn Frankreich kann nicht Deutschlanb erobern. Frankreich ist nicht wie Eng- land. Englanb »ersteht es, Lanber zu erobern unb in Kolonien zu oerwanbeln. Frankreich hat bos nie
Englands Schuljugend weiß nichts von Adrüiiuin
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Ein Bild von ber gelbbienftiibung, bie bie Schüler des berühmt« pichieSeG.
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