Ausgabe 
8.8.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 6. August 1932.

3m Vorüberfahren ...

3m Gleichtakt der ratternden Räder führt mich mein Zug durch die Lande: aber nicht in rasendem Tempo hastenden Eilzuges geht die Fahrt, son­dern im gemächlichen Zeitmaß ziehen wir von Station zu Station. Hier ein kleines Städtchen, dort ein winziges Dörflein und überall einige Minuten Aufenthalt. Fast überall auch stehen hinter dem Zaun der Dahnhofssperre neugierige Menschen, meist Mädchen und Frauen: und ihre Blicke gehen die Wagenfenster entlang, als woll­ten sie d^n im Zuge Sitzenden sagen: nehmt uns mit, ihr Glücklichen, die ihr aus den Tages ödem Einerlei entfliehen durftet in die Weite. Da draußen, so erzählt ihnen ihre Sehnsucht, ist alles seltene Erlebnis-Möglichkeit: da draußen viel­leicht verwirklichen sich die Märchen von Glück, älnbewußt mag sich in diesen Zaungästen der Bahnhöfe der kleinen stillen Station die Sorge um ein Erfrieren der Seele regen. Daß sie wenig­stens auf diese Weise ein klein wenig vom Wel­lenschlag der großen unbekannten Welt verspü­ren, ein wenig vom Duft des Windes, der über das große Feld des Tagesgeschehens weht.

Mnb wenn dann der Pfiff der Lokomotive er­tönt, wenn sich langsam und schwerfällig der Zug in Bewegung seht, dann sieht man sie wohl noch sich wie in still getragener Resignation Heimwärts­wenden, entgegen ihrem kleinen Kreis der Pflicht, älnd in Gedanken wandere ich mit ihnen in die Ruhe der kleinen Gassen, begleite diese Frauen in die engen Räume ihrer Wohnungen, in denen sie in Küche und Keller emsig wirken und arbeiten, älnablässig und in ewigem Einerlei wächst ihre Tätigkeit im Wechsel von Tag und Rächt. Im­mer dringt der Staub durch die Fugen und wird weggefegt, immer wieder berufet die Herdflamme Tiegel und Topfe, und täglich müssen sie blank­geputzt werden: immer folgt eine Mahlzeit der anderen, und die Arbeit der Stunden wird von der Hast der Minuten verbraucht, Unb wenn am 2lbend die fleifeigen Hände müde in den Schofe sinken, dann scheint es, als sei alles Tun sinn­los und vergebens.

Lind doch haben jene Frauen in den stillen ver­steckten Häusern vielleicht das bessere Teil er­wählt als die, die in der wirbelnden Hast der Großstädte ihre Kräfte zermürben, ihre Rerven vergeuden. 3n dem lauten Treiben des Hastigen sind sie die unentbehrlich Wirksamen, sind sie der Segen, der die Lande begnadet. 3m engbegrenz- ten Pflichtenkreis erfüllt sich ihre Bestimmung, unö wenn auch die Sehnsucht oft die Sinne der vorbeifahrenden Züge gleich in die Ferne treibt, so dürfen sie doch immer wieder heimkehren in den Frieden der tteinen Häuser. Solch ein Heim­kehren ist ja den anderen, ins Ruhelose Gezwun­genen, das heimlich begehrte Ziel, das zu errei­chen ihnen nur selten gegönnt ist.

Oie Versaffungsfeier in Gießen.

Am 11. August im Stadltheater.

Der Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen und der Oberbürgermeister der Stadt Gießen, laden für Donnerstag, 11. August, zu einer Der. sassungsfeier ein, die im Stadttheater stattfinden wird. Das Programm der Feier bringt einlei­tend WagnersEinzug der Gäste auf der Wart­burg" auSTannhäuser", die Festouverture von Leutner, sodann hält Herr Generalsekretär Pau. lus Lenz (Frankfurt a. M.) die Festrede, an die anschliefeend das Deutschlandlied gesungen werden soll. Den Abschluß der Feier bildet der Alexan- der-Marsch von Leonhardt. Räheres, insbeson­dere über die Ausgabe der Eintrittskarten, ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich.

Leere Arbeitsämter überfüllte Wohlfahrtsämter. Zunehmende Belastung der Gemeinden.

Arbeitslojenfür-sorge Krisenfürsorge Wohl- fahrstpflege sind bekanntlich die drei großen Unter­stützungseinrichtungen. Die- Zahl der Arbeitslosen ist allmählich stabil geworden und schon jetzt ist der weitaus größere Teil in der gemeindlichen Unter st ützungsart, der Wohlfahrts­pflege, angelangt. Es war vorauszusehen, daß dieser Zustand eintreten würde, erstaunlich ist, daß das Reich, trotz aller Ermahnungen von kom. munaler Seite aus so wenig Vorsorge getroffen hat. Die Arbeitslosenversicherung dient jetzt f a st nur noch der saisonmäßigen Erwerbs- l o s i g k e i t Dazu hat sie durch Herabsetzung der Leistungen, Verminderung der Unterstützungsdauer de» Personenkreis der Unterstützten immer mehr eingeengt, so daß in schnellerem Tempo die Er- werbslosen bei der Unterstützung der Gemeinden ankommen. Anfang 1930 waren 330 000 in der gemeindlichen Wohlfahrtspflege, Ende 1931 war die Zahl schon auf 1 697 000 gestiegen. In kurzem wird der Punkt erreicht sein, daß das Reich die Gelder einzieht und die Städte müssen bezahlen, ohne An­teil an den Erwerbslosenbeiträgen zu haben.

Wie stark die Verschiebung, in Prozenten aus­gedrückt, ist, kann man aus folgendem ersehen. Am 31. Dezember 1930 befanden sich 58 v.H. in der Arbeitslosenversicherung, 18 v. H. in der Krisenfür- sorge und 23 v. H. in der gemeindlichen Wohlfahrts­pflege. Am 31. Dezember 1931 33 v. H. 31 v. H. 35 v. H. Oder nimmt die Zahlen in einzelnen Gemeinden, so waren beispielsweise die prozentualen Anteile in Dortmund (in obiger Reihenfolge) 1930: 52 16 31 und im Jahre 1931 23 31 45. Man sieht daraus die überaus starke Ver­mehrung der gemeindlichen La st.

Um eine richtige Vorstellung von den kommuna­len Lasten zu haben, genügt es aber nicht, bloß die Zahl der Arbeitslosen in der Wohlfahrtspflege fest­zustellen: die Gemeinden sind auch noch mit einem Fünftel an den Unterstützungsaufwendungen in der Krisenfürsorge beteiligt. Wenn man das berücksich­tigt, dann steigt der Prozentsatz der Gemeinden bei den Gesamtleistungen am 31. Dezember 1931 auf 41 v. H. Dazu kommt noch, was die Gemeinden an zusätzlichen Unterstützungen für die in der Arbeitslosen- und Krisenfürsorge Betreuten leisten. Werden die Leistungen in der Arbeitslosen- und Krisenfürsorge herabgesetzt, dann steigt damit von selbst die Belastung der Gemeinden.

Kaninchen-Jungtier Werbeschau.

Der hiesige Kaninchen-Zuchtverein hielt am gestrigen Sonntag aus dem Kreise seiner Mit­glieder heraus eine Ausstellung von Jungtieren ab, die im Laufe des Tages von feiten der inter­essierten Gießener und der auswärtigen Bevölke­rung gut besucht war. Die Schau brachte eine Reihe sehr schöner Tiere, die Ergebnisse sorgfältiger,

bewußter Zucktwahl, Tiere, deren Fell eine ausge- zeichnete Beschaffenheit aufwies und das in der Zeichnung wie auch in der Farbe sehr wohl ge­fallen konnte. Man sah das prächtige Braun der Hasenkaninchen, deren edle Formen besondere Auf­merksamkeit erregten, man sah ferner die Weißen Riesen, jene Albions, die durch ihr reines Weiß be­stachen, die bekannten Belgier Riesen in einigen schönen jungen Exemplaren, das kurzhaarige Her­melin-Kaninchen, das Angora-Kaninchen mit dem wollartigen, zarten Fell, Cinchittas in verschiede­nen Größen neben den reizvollen Blauen Wienern und viele andere mehr. Die Ausstellung bewies, daß im Gießener Kaninchenzuchtverein gute Arbeit geleistet wird und das Ziel, durch Züchtung den guten, fehlerfreien Pelz (und mit ihm Volkswirt- schaftlich gar nicht niedrig einzuschätzende Werte) zu schaffen, von vielen Züchtern erreicht werden konnte. Mit der Ausstellung war gleichzeitig eine Prämiierung verbunden, die folgende Ergeb­nisse zeitigte (Preisträger, hinter deren Namen der Ort nicht genannt ist, lind aus Gießen):

Für Riesen-Belgier: Gg. Schellhaas E., 1. und 2. Preis: H. Rinn-Launsbach 3. Pr. Weiße Riesen: Gg. Schellhaas zwei 2. Pr.: Hottriegel 2 und 3. Pr.: Steuernagel 1. Pr.: Okel 3.Pr.; Becker-Wieseck 1. und 3. Pr. Groß-Cinchilla: Kaufmann zwei E., drei 2. Pr.; Gries drei 2. Pr.; Bender 2.Pr.: Schmidt 2.Pr.: Rinn 2.Pr. Weiße Wiener: K. Kirchner 1., 2. und 3. Pr.: Dolz- Heuchelheim 2. Pr. Hasen-Kaninchen: H. Becker 1., 2. und E. Kl ei n - C inchil la : Koch- Albach E. und 3. Pr. Englische Schecken: L. Kreiling zwei 1., drei 2. und 3. Pr. Schwarz- S i l b e r > Ka ni n ch e n: O. Steih 1. Pr. Hol­länder: H. Becker E. und 3. Pr. Angora- Kaninchen: H. Rinn-Launsbach zwei E., 1., 2. und 3. Pr.: K. Hartmann-Laubach E. und 2. Pr. Hermelin: I. Dolz-Heuchelheim E., zwei 1., zwei 2. und zwei 3. Pr.; L. Kreiling 1. Pr.: O. Steih 1. und 2. Preis.

Große Rettungsübung im Berg­werk. Die Sanitätskolonnen von Gießen, Leih­gestern und Watzenborn-Steinberg veranstalteten am gestrigen Dormittag im Bergwerk eine groß- angelegte Rettungsübung, an der sich über 50 Sanitäter beteiligten. Angenommen war, daß sich im Kesselhaus des Bergwerkes eine Dampf­kesselexplosion ereignete, bei der erstens durch die Eprengstücke verschiedene Arbeiter verletzt wurden, andere durch den ausströmenden Dampf Verbrühungen erlitten und außerdem Dergiftun- gen durch Kohlenoxydgas vorgekommen sind. Des weiteren wurde angenommen, daß ein Spreng­stück das Seil des Förderkorbes durchschlagen hatte und der Förderkorb mitsamt den eben ein­fahrenden Mannschaften plötzlich bis zur Sohle des Schachtes hinabstürzte. Schwere Prellungen, Knochenbrüche usw. galt es hier zu behandeln. Zu allem Lleberfluß wurde noch angenommen, daß in einem Stollen durch Kurzschluß Feuer ausgebrochen war, das eine Anzahl Arbeiter in die Gefahr der Rauchvergiftung brachte. Für die Sanitätsmannschaften ergab sich die Aufgabe, diese Arbeiter mit Hilfe der zur Derfügung stehenden Rauchschuhgeräte aus dem gefährdeten Stollen zu holen. Die Sanitäter machten sich sofort mit großem Eifer an die Arbeit. Die Derwundeten aus dem Kesselhaus wurden sach­gemäß verbunden, die Verbrühten behandelt, die Gasvergifteten mit dem Wiederbelebungsapparat wieder in das Leben zurückgerufen. Ein Teil der Mannschaften drang bis zum Förderschacht und in den brennenden Stötten vor und barg hier die Verunglückten. Ein neugieriger Zuschauer, der zu nahe an die Tagbau-Grube herangegangen und abgestürzt war, wurde unter schwierigen Umständen geborgen. Rachdem atte die Verun­glückten auf einem Platze zusammengetragen worden waren, nahm Regierungs-Medizinalrat Dr. C o r t u m, Gießen, (als zweiter Arzt war Dr. Heil, Watzenborn-Steinberg, anwesend), die Kritik der einzelnen Hilfeleistungen vor und konnte dabei im allgemeinen feiner Befriedigung über die den Derunglückten zuteil gewordene erste Hilfe aussprechen. Die gesamte Hebung der Sanitätskolonnen, die unter der Leitung des Kolonnenführers Luch, ©iefeen, stattfand, nahm einen guten Verlauf. Die Schlagkraft und die Möglichkeit der guten Zusammenarbeit unter den Kolonnen wurde nachdrücklich bewiesen.

* Freie Lehrer st eilen. An den Volks­schulen der Orte Höckersdorf, Kölzenhain, Mei­ches, Rudingshain, sämtlich im Kreise Schotten gelegen, sind Stellen für je einen evangelischen Lehrer frei geworden. Für atte Lehrerstellen sind Dienstwohnungen vorhanden.

VezirkSschöffengerichf Gießen.

Gießen, 5. August. Eine Gemeinde Oberhessens hatte eine Anzahl von ausgesteuerten Arbeitslosen mit Steinbruchs- und Straßenbauarbeiten beschäf- tigt. Der inzwischen verstorbene Bürgermeister der Gemeinde hatte damit den Zweck verfolgt, den be­treffenden Arbeitern wieder die Voraussetzung für die Erlangung von Arbeitslosenunterstützung zu verschaffen, damit sie nicht später als Wohlfahrts- erwerbslose der Gemeinde zur Last fielen. Es wurde jedoch die Arbeitszeit und die Lohnhöhe nicht er­reicht, die notwendig war, um den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung zu begründen. Trotz der nicht ausreichenden Beschäftigung waren die Ver­sicherungsbeiträge von dem Gemeinderechner in vol­ler Höhe bezahlt worden. Der Beigeordnete der Ge- meinbe hatte den Arbeitern Arbeitsbescheinigungen ausgestellt, in denen die wahre Beschäftigungszeit und der wirklich verdiente Lohn nicht richtig an­gegeben waren. Auf Grund dieser Bescheinigungen, die die Arbeiter dem Arbeitsamt vorgelegt hatten, war den Arbeitern mit Ausnahme von drei Fällen, in denen es infolge Entdeckung nicht mehr zur Aus­zahlung kam, Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt worden. Arbeiter sowohl als auch Beigeordneter und Gemeinderechner standen nun wegen Betrugs bzw. wegen Betrugsoersuchs unter Anklage. Sämt­liche Angeklagte brachten zu ihrer Verteidigung vor, daß sie über die wirklichen Voraussetzungen des An- spruchs auf Arbeitslosenunterstützung keinen Bescheid gewußt hätten. Sie behaupteten, sie hätten angenom­men, daß es allein auf die Arbeitszeit und den Lohn, mit denen sie zur Versicherung angemeldet gewesen seien, nicht aber auf die tatsächliche Be­schäftigungszeit und den tatsächlich verdienten Lohn ankomme. Sie hätten sich dabei auf die Angaben des damaligen Bürgermeisters verlassen. Das Gericht hielt auf Grund der Beweisaufnahme diese Behaup- tungen bezüglich sämtlicher Angeklagten mit Aus­nahme des Mitangeklagten Beigeordneten für nicht

einwandfrei widerlegt in einem Fall konnte man auch Zweifel haben, ob die ausgestellte Bofcheini- gung tatsächlich falsch war und sprach die An- geklagten mit Ausnahme des Beigeordneten man­gels Beweises frei. Der Beigeordnete erhielt wegen Betrugs eine Gefängnisstrafe von 3 Wochen. Mit Rücksicht darauf, daß er nicht zum eigenen Vorteil gehandelt hatte, auch im übrigen bisher nicht be- (traft ist, billigte ihm das Gericht bedingten Straf­aufschub mit einer Bewährungsfrist von br e i"Ja h re n zu.

©fraffamtner Gießen.

Dießen, 5. Aug. Mehrere Angehörige einer politischen Partei, die von verschiedenen Amts­gerichten wegen Verbreitung von Flugblättern politischen Inhalts, weil diese nicht zuvor dem betreffenden Kreisamt bzw. der Polizeibehörde zur Einsicht vorgelegen hatten, zu Geldstrafen verurteilt worden waren, verfolgten gegen diese Llrteile Berufung. Die Angeklagten wollten frei­gesprochen sein, weil der Inhalt der Flugblätter keinen politischen Charakter trage. Dos Beru­fungsgericht stellte zwar fest, dafe es sich bei den fraglichen Flugblättern um solche politischen In­halts handelt, mußte aber trotzdem unter Auf­hebung der erstinstanzlichen Urteile auf Frei­

sprechung sämtlicher Angeklagten erkennen, weil die Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. März 1931, auf die in erster Instanz die Verurteilungen gegründet waren, durch die neue Rotvcrordnung vom 14. Juni d. I. inzwischen aufgehoben worden ist.

An dem Tage der Landtagswahl im Rovcmber v. I. kam es in Dad-Rauheim vor einem Wahl­lokal zwischen Angehörigen der nationalsozia­listischen deutschen Arbeiterpartei und Mitglie­dern der kommunistischen Partei zu einem Zu- sammenstofe, weil einige Rationalsozialisten vor dem Wahllokal ein Transparent aufstellen woll­ten, auf dem Lichtbilder von in der vorausge- gangencn Rächt verletzten Rationalsozialisten zu sehen waren. Bei diesem Tumult äußerte ein Kom- munist, der jetzige Angeklagte, zu einem National­sozialisten, dabei diesem mit der Hand drohend: ..Heute nacht stirbst bu noch!" Wegen Bebrohung würbe ber Angeklagte durch bas Amtsgericht Lab- Nauheim zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Die von dem Angeklagten eingelegte Berufung hatte keinen Erfolg. Er bestritt zwar auch jetzt feine Täter­schaft, doch würbe er auf Grunb einer umfangreichen Beweisaufnahme einwandfrei überführt. Seine Be- rufung würbe kostenfällig verworfen unb bas auf Zwei Wochen Gefängnis lautende erstinstanzliche Ur­teil bestätigt.

Buntes Allerlei.

Schiff zwischen Eisbergen.

Eine aufregende Fahrt hatte der Cunard- DampferAlaunia" hinter sich, der von Kanada mit zwei Tagen Verspätung in Plymouth eintraf. Das Schiff geriet bald nach der Ausfahrt in dichten Rebel, fo dafe es vier Tage lang nur mit langsamer Fahrt am Tage die Reise fortsehcn und in der Rächt ganz stoppen mußte, weil zahl­reiche Eisberge in der Rähe gefahrdrohend vor­überzogen. An einem Rachmittag hob sich der Rebel für wenige Minuten, unb die Passagiere sahen mit Schrecken, dafe sie vottständig von Eis­bergen umgeben waren.Es war ein gewaltiger Eindruck", sagte einer der Mitfahrenden,ein Eisberg, der sich in 30 Meter Höhe über dem Wasserspiegel erhob, glitt kaum mehr als 30 Meter an unferm Schiff vorüber". In äußerst vorsichtiger Fahrt gelang es dem Kapitän, der Tag und Rächt auf der Schiffsbrücke blieb, den Dampfer aus der gefährlichen Rähe herauszu­bringen.

Oie Stimme der Micky Maus.

Als er in dem vornehmsten Hotel Londons ab­stieg, trug er weiße Gamaschen und ein vorneh­mes Wesen zur Schau. Ins Gästebuch schrieb er mit großen Lettern: Gras Mazzaglia Eutelli. Alle, die um ihn standen, die von feinem prunk- haften Titel wußten, verbeugten sich so tief es ging. Knapp vierundzwanzig Stunden später ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Reporter und Photographen eilten um die Wette, um die­sen vornehmen Menschen in näheren Augenschein zu nehmen. Denn es hatte sich plötzlich herum- gesprochen was eigentlich der Beruf dieses Gra­fen war. Sie wissen es nicht? Wollen wir wetten, daß Sie nicht schon seine Sttmme wiederholt ge- hört haben allerdings ohne zu wissen, daß es sich hierbei um so etwas wie einen Grafen Maz­zaglia Cutelli handelt?

Äm es kurz zu machen: Graf Mazzaglia Cutetti ist die Stimme der Micky Maus. Jedes- mal, wenn in ihren Filmen ein hoher kindlicher Gesang angestimmt wurde, war es jener Graf. Er war die Stimme des weinenden Babys, in dem großen Abraham Lincoln-Film, der unlängst in Hollywood gedreht wurde. Er war das Gebell der Hunde in dem Chevalier-FilmLiebesparade". Seine Spezialität sind Ochsenfrösche, Känguruhs und Eisbären. Aber auch Rilpferden hat er in mancher mühseliger Stunde jede Schattierung ihres Organs abgelauscht. Bei Haselhühnern trifft er gleichfalls Die zarteste Ruance. Unb selbst der Elefant mit dem längsten Rüssel müfete sich ver­stecken, wenn Graf Mazzaglia Eutelli auf ele- fantisch zu reden beginnt.

Er spricht fließend die Sprache sämtlicher Tiere. Deswegen hat man ihn zum Film geholt. Hunde

fragen nämlich manchmal die ärger­liche Angewohnheit, nicht genau dann zu bellen, wenn man ihr Gebell dringend braucht. Und auch der Versuch, ein Rilpserdzum Sprechen" zu bringen, ist schon in vielen Fällen fehlgeschlagen. So dankbar der Tonfilm diesem einzigartigen Mann sein kann, so sehr hat auch er allen Anlaß, der Erfindung des Tonfilms dankbar zu sein. Denn als er vor zehn Jahren nach Hollywood kam, wollte niemand ihn gebrauchen. Was hat mich ein Tierstimmenimitator mit dem stummen 3rum zu schaffen, selbst wenn er zweitausend ver­schiedene Lautwirkungen in seiner Kehle beher- ber nun 'st er, vor allem mit Hilfe der Micky.Maus, zu einem großen Star gewor­den. Er bekommt Auftrag über Auftrag. Und ganz geheim hat er sich schon überlegt, dafe er sines Tages einmal einen Film machen möchte, in dem er ganz alleine in der Partie eines liebel tollen Känguruh die Hauptrotte spielt...

Ehrliche Oiebe."

In London stiegen Einbrecher nachts bei einem Manne ein unb raubten biesem Schmucksachen. Als sie sich bie Beute besahen, war es wertloser Plunber. Reingcsallen! Die Diebe sannen auf Rache, unb ber Fufall kam ihnen zu Hilfe. Sie erfuhren nämlich, daß der Bestohlene seinen Schmuck mit 200 Pfund gegen Einbruch versichert hatte unb nach bem Einbruch von ber Versicherungsgesellschaft Schabenersatz verlangte. Die Diebe packten bie gestohlenen Schmucksachen in ein Kästchen unb schickten sie ber Polizei. In einem Brief teilten sie ber Polizei mit, baß ber Bestohlene ein Schwinbler lei, wenn er von ber Versicherungs­gesellschaft 200 Pfund Schadenersatz verlange, denn ber Kram sei ja keine zwei Pfunb wirt. Sie seien ehrliche Diebe unb könnten nicht zulassen, baß bie Versicherungsgesellschaft in einer solchen Form betrogen werbe.

OieKameliendame" auf annamiiisch.

Ein interessanter Versuch ist jüngst bei einem Wohltätigkeitofest in Saigon in Cochinchina auf Anregung des einheimischen Kolonialbeamten Tran-Can-Kha unternommen worden: eine Auf­führung derKameliendame" in annamitischem Gewände. Es genügte natürlich nicht, nur eine sprachliche Hebertragung vorzunehmen, sondern die Handlung des Dumasschen Stückes mußte der Ideenwelt der Bevölkerung angepaßt werden. In den Mittelpunkt des Ganzen wurde das von der väterlichen Gewalt geforderte Opfer der Liebe gestellt. Dementsprechend wurde auch der Titel des Dramas geändert, der jetztLiebe b i s z u m T o d e" lautet. Der begeisterte Beifall des Publikums bewies, daß dieser Versuch einer Erneuerung des annamitischen Theaters durchaus gelungen war.

Olympisches Tagebuch.

Niederlagen und dunkle punkte.

Wird er disqualifiziert?

Wie eine dunkle Wolke hängt der Fehlspruch des Olympier-Komitees gegen Nurmi über bem heite­ren Stadion von Los Angeles. Nun scheint es zum tteberfluß, baß es zu einer zweiten unerfreulichen oeniation dieser Art kommen soll. Der Pole Kusoczinski, ber sozusagen als zweiter Aufguß Nurmis Stelle ausfüllen sollte, würbe von der innrschen Mannschaft besfelben furchtbaren Ver­brechens bezichtigt, bas ihren eigenen Spitzenmann Zu Fall gebracht hat: angeblich sott er Gelbbeträge angenommen haben, bie seine Spesen beträchtlich überschreiten. Dieser ruchlose Mensch! Nun ist er also auch Professional? Nun war also sein olym­pischer Eid, wenn man so sagen kann, ein Mein­eid? Auf diese Weise ist man im Begriff, eine Zweite Kraft von Weltformat aus einem läppischen Grunb auszuschallen. Aber vorläufig haben bie Finnen ihr Material gegen Kusoczinski noch nicht herausgerückt. Was höchstens dafür sprechen könnte, baß biese Nordländer wesentlich großzügiger find, als jene Clique, bie ihrem Meisterläufer ein Bein stellte.

Ein Präzedenzfall!

Es ist genau zwanzig Jahre her, da wurde ber Mehrkampfsieger der Stockholmer Olympiade, ber Jnbianer Jim Thorpe, seiner Würde als Olym­piasieger entkleidet, weil er ... fast schämt man sich, eine solche Geschichte aufzuwärmen. Er war in den schrecklichen Verdacht geraten, gegen Entgelt ein­mal eine Schaustellung im Rahmen eines Base­ballmatches vom Stapel gelassen zu haben. Von diesem Tage an war er, der Nurmi seiner Zeit, aus ber internationalen Liste ber großen Sports­leute gestrichen. Diese blamable Geschichte behnte sich bis zur biesjährigen Olympiade aus. Insofern näm­lich, als das Olympiakomitee ihm, ber inzwischen völlig verarmt ist, eine freie Eintrittskarte verwei­gerte unb ihm also ben Zutritt zu biesem Fest glatt abschnitt. Erst der ftelloertretenbe Präsident ber Vereinigten Staaten, Curtis, Mußte bas wieder gut- machen, was einige dünkelhafte Leute eingebrockt hatten. Ein böser Geist treibt sich in Olympia herum ...

Die Italiener holen auf!

Es ist ein alter Brauch, daß die Kolonien der Landsleute eines jeweiligen Siegers immer in ein lautes Freubengeheul ausbrechen, wenn die Far­ben ihres Landes am Mast hochgehen. Danach zu urteilen, müssen sämtliche anwesenden Italiener heute stockheisek sein. Denn an einem Tage gab es drei italienische Siege. Beccali wurde über­raschend Sieger im 1500-Meter-Lauf. Jrn Straßen­rennen ber Radfahrer holte sich Pavesi die gol­dene Medaille. Ein anderer Italiener belegte hier übrigens den zweiten Platz. Unb bas Wettgehen enbete, wie erwartet, mit einem Sieg von § ti­gert o, ber allerbings kurz nach dem Ziel ohn- mächtig zusammenbrach.

Rache an Helene.

Trübselig, wie bie deutsche Mannschaft in diesem Fahre abschneidet. Wo es doch bei der vorigen Olympiade zehn Golbmebaillen für Deutschland ge­geben hat. Diesmal war Helene Mayer bas Opfer. Sie unterlag zunächst gegen bie Belgierin 21 ba m s, um später in großem Stil von der Oesterreicherin Ellen Preis geschlagen zu werben. Dieser Sieg »an Oesterreich hat insofern eine rnerkwürbige Vor- geschichte, als Ellen Preis von Haus aus ein wasch­echtes Berliner Kinb ist. Als solches aber konnte sie nie auf den grünen Zweig kommen. Helene, ber weibliche Star bes brutschen Fechteroerbanbes in Frankfurt a. M., behauptete hartnäckig ihren Platz an ber Sonne. Es scheint, als habe sie die Nominie­rung ber kleinen Ellen Preis mit allen Regeln ber Kunst hintertrieben. Zweimal {ebenfalls hot sie ihr bas Auftreten versalzen: einmal in Deutschland ge­gen bie amerikanischen Fechter, ein zweitesmal bei ber Zusammenstellung ber olympischen Teilnehmer. Vergrämt über diese Sabotage, erwarb Ellen bie österreichische Staatsbürgerschaft. Als Oesterreicherin ist sie in Los Angeles gegen Helene aufgetreten. Als Oesterreicherin hat sie ihre Rivalin besiegt unb sich bie goldene Medaille geholt für ihr neues Heimat- land. Es zeigt sich also, daß die betriebsame blonde Hclene ben deutschen Farben durch ihr Intrigen- spiel einen Bärendienst geleistet hat. Denn diese