Lafot Handel und Gewerbe leben
Volksgemeinschaft gestellt ist. Darum sei auch an die Spitze der kulturellen Bedeutung des Handwerks in der Gegenwart das seelische Verhältnis des handwerksmäßig schaffenden Menschen zu seiner Arbeit gestellt. Das Handwerk hat toegeif seiner zahlen- mähigen Bedeutung, wegen seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und seiner kulturellen Kräfte die Aufgabe zu erfüllen, die Reste dieser sittlichen Einstellung zur Arbeit zu erhalten, im Handwerk zu stärken und aus dem Handwerk in die Volksgemeinschaft weiterzutragen. Hst doch die Einstellung des Handwerks zu seiner Arbeit wesentlich anders, als die des industriellen Arbeiters. Der tüchtige Handwerker empfindet Schöpferfreude, wenn unter seiner Hand ein Werk entsteht, in das er seine Seele hineinlegen kann. Wie schön hat der Maler Hans Thoma in einem Schreiben gegenüber dem Reichskunstwart Dr. R e d s l o b gesagt: „Ich bin gern dabei, wo man das Handwerk auch in seiner Bescheidenheit achtet und ihm nicht zu viel Vorschriften macht. Es ist im deutschen Volk viel Begabung und Freude an künstlerischer, d. h. guter Handarbeit. Diese Arbeit führt zum Frieden — immer noch und unter allen Umständen gibt es Arbeiter, die ihr Werk zur eigenen Freude gut und schön machen."
Mit einer solchen Arbeitsfreude und einem solchen Arbeitsfrieden ist das Hand- werk zum anderen berufen, immer noch und erst recht wieder an der Spitze derer zu stehen, die dem deutschen Volke hochwertige Bedarfsgüter
schaffen können. Die deutsche Wirtschaft ist ja unter den Nachwirkungen des Krieges ganz besonders auf die Herstellung von gediegener guter Arbeit angewiesen. Es wird wohl allmählich auch dem gedankenlosen Zeitgenossen immer klarer werden, daß nur die Erträgnisse aus planvoller, ernster und hochwertiger Arbeit unser Volk wieder zu wirtschaftlicher Gesundheit führen können. Der einzige Schah, den Deutschland noch besitzt, ist seine Fähigkeit, solche hochwertige Arbeit leisten zu können. Einser auf zu engem Raum eingepferchtes Volk besitzt weder Bodenschätze genug, noch trägt ihm sein Acker genügend Frucht, noch wirft ihm sein Kapital eine ausreichende Rente ab — das deutsche Volk muh Werte schaffen durch den Verkauf seiner Arbeitserzeugnisse. Die Arbeitskraft des einzemen muh so zweckmäßig und so praktisch gestaltet werden, dah ihr Ertrag zur Förderung weiterer Arbeit verwendet werden kann. Hier berührt sich die kulturelle Mission des Handwerks mit seiner wirtschaftlichen und sozialen Aufgabe aufs engste: Die Schaffung von Qualitätsarbeit und die Erziehung eines gewerblichen Rachwuchses, der die hochwertige Leistung der deutschen Gütererzeugung fortseht und vermehrt.
Das deutsche Handwerk ist in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn ihm die Möglichkeit zur vollen Entfaltung seiner Fähigkeiten gegeben wird. llnö so wird auch für die Zukunft eine deutsche Kultur ohne das deutsche Handwerk einfach undenkbar bleiben.
Junge Menschen suchen Hilfe.
Ein Aufruf zur Llebernahme von Patenschaften.
Von Oberschulrai Hassinger, Darmstadt.
Der Freiwillige Arbeitsdienst hat in der kurzen Zeit seines Bestehens eine ungeahnte Bedeutung erhalten. Wir wollen hier nur von lat« lachen sprechen. Weder von den Gefahren, die auch wir sehen, noch von weit in die Zukunft zielenden Absichten. Wir sehen eine Generation heranwachsen, die gegen ihr Wollen der Arbeit entfremdet wird. Wer täglich mit Menschen zwischen 18 und 25 Jahren zusammenkommt, erschrickt immer neu vor den Verheerungen, die die Arbeitslosigkeit gerade unter ihnen anrichtet. Langsam nimmt auch die Öffentlichkeit von der Not gerade dieser Schichten Notiz.
Lin erster Schritt zur Abhilfe ist der ftelwillige Arbeitsdienst.
Auch wenn unsere Wirtschaftslage sich bessert, wird die Not der Jugendlichen noch andauern. Da schafft der Arbeitsdienst ihnen wenigstens ein Unterkommen au^längere Zeit. Er stellt die brachliegende Arbeitskraft für Werke ein, die im öffentlichen Interesse liegen. Er gibt dem Menschen einen geregelten Tageslauf, er schafft Verantwortung, läßt müde werden und lehrt so auch die Freizeit wieder schätzen.
Durch Zusammenarbeiten vieler Stellen ist der Arbeitsdienst in Hessen bereits so ausgebaut, dah wir mit über 6000 Arbeitsdienstwilligen mit an der Spitze der Länder marschieren.
Die meisten dieser Arbeitsdienstwilligen werden direkt oder indirekt vom Hessischen Heimatwerk be
treut, zu dem sich Staat, Gemeinden, Kreise und die großen Organisationen aller Richtungen zusammen- gefunden haben.
Ich freue mich, sagen zu können, daß keine Arbeitskraft in Hessen darauf verwendet zu werden braucht, Kompetenzen auszugleichen, sondern daß alle in seltener Einmütigkeit an dem großen Werk der Volkshilfe mitarbeiten. Wir wollen den Menschen aber auch Heimat schaffen. Dazu genügt es heute nicht mehr, in ihnen den Sinn für die Schönheit des Landes zu wecken, Sitten und Gebräuche zu pflegen. Wir müssen erst Lebensmöglichkeiten schaffen. Der Raum, in dem wir leben, ist eng. Sich in ihm einzurichten, bedarf es zäher Arbeit eines jeden einzelnen. Die Arbeitsdienste sind in vieler Richtung die Schule für ein neues Geschlecht, von dem wir hoffen, daß es Deutschland aufwärts führen hilft!
Denn auch heule noch manche Arbeiten im frei- willigen Arbeitsdienst durchgeführt werden, die im strengen Sinne der Volkswirtschaft keine sofort erkennbare Bedeutung haben, so sind daneben gerade vom Heimatwerk Projekte in Angriff genommen, die auf weite Sicht hin auch sachlich die Voraussetzungen schaffen für eine bessere Existenz in der Heimat. Dir haben Arbeiten ausgenommen, die Siedlungsgelände für Erwerbslose schaffen.
Im freiwilligen Arbeitsdienst haben sich junge
Bauhandwerker zur Verfügung gestellt, um Erwerbslosen bei der Erstellung einer Randsiedlung zu helfen. Flüsse, He jährlich großen Schaden durch Ueberschwemmungen anrichten, werden reguliert und so der landwirtschaftliche Ertrag gesteigert. Dies ist von um so größerer Bedeutung, als gerade in diesen Gegenden auch viele Industriearbeiter ein Stück Feld für sich bebauen. Wir werden in Kürze eine Planungsstelle einrichten als Arbeitsdienst für Geistesarbeiter, in der weitere Arbeiten zur Sicherung der Existenz der breiten Masse mit vorbereitet werden sollen. All das sind kleine Ansätze, aber sie weisen in die Zukunft und Hunderte junger Menschen finden hier Arbeit, Unterkommen und neuen Lebenswillen.
Leider ist jedoch der Kreis der Förderungsberechtigten im Gesetz sehr eng gezogen. Dieser Tage Keine Notiz durch die Presse, daß der freiwillige ntsdienst erweitert werden solle, daß vor allem alle, die unter 25 Jahre alt sind, die Möglichkeit haben sollten, mitzutun. Diese Notiz hat uns Hunderte von Anfragen bereits eingetragen. Wir müssen die Hoffnungen enttäuschen, weil die Erweiterungsbestimmungen nur da gelten, wo der Arbeitsdienst für landwirtschaftliche Sied- lungsoerfahren eingesetzt wird.
Es ist fürchterlich, daß täglich, stündlich Menschen vor einem sitzen, bereit zur Teilnahme am Arbeitsdienst unter allen Bedingungen, und daß man sie immer wieder abweisen muß.
Wir. stark der Wille zur Teilnahme in der jungen Generation ist, dafür nur ein Beispiel von vielen: In einer hessischen Stadt wurde durch eine kleine Zeitungsnotiz zur Meldung für den freiwilligen Arbeitsdienst aufgefordert, an dem 40 Mann sich beteiligen konnten. Am nächsten Morgen hatten sich bereits über 200 an der Meldestelle eintragen lassen, am Tag darauf weitere 100. Vierzig können jedoch nur eingestellt werden! Wir sehen täglich in fürchterliche Not hinein. Eine Familie mit 10 Kindern, von denen keines der Familienangehörigen Arbeit hat! Junge Männer kommen zu uns, die von ihrem Vater geschlagen werden, weil sie keine Arbeit mit nach Hause bringen. Die Mittel des Staates sind aufs äußerste angespannt. Wir wissen keinen anderen Weg als den öffentlichen Aufruf an alle, die noch in der Lage sind, zu hel« f e n, einen Aufruf an Einzelpersönlichkeiten, an Korporationen und an Firmen.
Es hilft den jungen Menschen nichts, wenn wir sie nur in ihrer Not bedauern. Alle Aufzählung und Aneinanderreihung von Elendsbildern hat nur bann einen Sinn, wenn damit der Wille zu einer Tat verbunden ist! Wir rufen alle, die helfen tonnen, auf, alle Kräfte einzusetzen, um der Not zu steuern. Hilfe ist nötig auch in solchen Fällen, wo die unzulänglichen gesetzlichen Bestimmungen die Förderung ausschließen.
Dir wollen niemanden ausfchliehen, der den ernsten Dillen zur Arbeit Hal. wir wollen auch ihnen unsere Arbeitslager, in denen sie vier bis fünf Monate untergebracht werden können, öffnen. Dazu bedarf es je Mann und Monat fünfzig Mark. Gibt es nicht auch in Hessen noch Menschen, die für solche Menschen die Patenschaft übernehmen können? Und wo die Kräfte des einzelnen das nicht zulassen, sollte es nicht möglich sein, daß sich Helferringe zusammen- schliehen?
Zusammenschließen, um ihren bedrohten jungen Volksgenossen zu helfen, durch diese Zeiten zu körn- men, um itjneh neuen Lebensmut zu geben, um sie herauszureißen aus ihrem Elend! Wir haben die Hoffnung, wir haben das Vertrauen, daß unser Heimatwerk durch die Mithilfe weitester Schichten instand gesetzt wird, seine Arbeit so weit zu span- nen, wie die Not es gebietet.
Wir bitten um die llebernahme von Paten- schäften. Wir können nicht alle Not lindern, aber wir möchten es wenigstens da tun föi*en, wo die Not zum Himmel schreit.
Die Geschäftsstelle des Hessischen Heimatwerkes, Darmstadt^Mathildenplatz 17, und ich.selber, Darmstadt, Wilhelminenstraße 3, sind jederzeit bereit, Patenschaften zu vermitteln.
Ich hoffe, daß trotz der Schwere der Zeit mein Ruf nicht ungehört verhallt, daß-dj^Mitverant- roortung aller, die noch über gesicherte Einkünfte verfügen, uns instand setzt, das wichtige Werk zu vollbringen!
Aus Oer Provinzialbauptstodt.
Gießen, den 8.Juni 1932.
Pädagogik auf der Straße.
Der Brennpunkt unseres öffentlichen Lebens ist heute die Straße. Ein Aufmerksamer kann hier manche Erfahrungen sammeln, nicht zuletzt über unsere Jugend, über ihre häusliche Erziehung, über Kinder und — Eltern!
Ein kleiner Vorgang in der überfüllten Straßenbahn! Im Inneren sitzt ein zwölfjähriger Junge, zu dem sich eine vor ihm stehende ältere Dame plötzlich mit den Worten wendet: „Junge, bist du krank?" Ein erstauntes „Nein!" als Antwort. „So, ich dachte, weil du mich stehen läßt!" Sofort springt er auf. Nicht immer ist die Belehrung so taktvoll und so von Wirkung. Oft fallen aus den Reihen des Publikums nur Anspielungen und bissige Be« mertungen gegen die heutige Jugend überhaupt, die meist keinen Erfolg hab/n. Zwar weiß die Jugend genau, welche Pflichten sie dem Alter gegen« über hat, und es ist bedauerlich, daß auch Kinder aus gebildeten Kreisen es hier fehlen lassen. Aber oft ist es mehr Gedankenlosigkeit und Unachtsam« feit. Ein leichter Hinweis hat meist den gewünschten Erfolg, etwa eine Geste nach dem stehenden Fahrgast hin oder ein sanfter Rippenstoß, der dem Jugendlichen andeutet: „Du weißt doch...!" Damit gibt man ihm noch Gelegenheit, aus sich selbst her« aus anständig zu handeln. Das Kind fühlt dann den Willen des Erwachsenen nicht als etwas ihm Aufgezwungenes, sondern sieht seine eigene Ehre aufgerufen.
Mein Weg führt mich zum Friseur! Pech! Einer wird rasiert, ein anderer läßt sich die Haare schnei- den, ein Herr und ein Junge warten! Ich reihe mich an. Endlich ist der erste fertig! Der wartende Herr springt mit den Worten auf: ,^Junge, du hast doch noch Zeit, ich hab's eilig!" Der Kleine, der eher gekommen war, wird rot, will etwas sagen, aber schon sitzt der Herr auf dem Stuhl, und der Barbier beeilt sich, den guten Kunden zu bedienen. Meine Meinung, daß man auch dem Kinde die Zeit nicht stehlen dürfe, schon weil es zu Hause vielleicht gebraucht werde, die Eltern auf das Kind warten oder dieses noch Schularbeiten zu erledigen habe, enthielt ich dem Herrn nicht vor, fand aber wenig Verständnis.
Elisabeth
erobert sich das Glück
Vornan von Margarete Anlelmann
Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.
4. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Viertes Kapitel.
Es war ein schöner Herbsttag heute. Leise fielen die rotbraunen und' hellgelben Blätter hernieder zur Erde. Hell schien die Sonne durch die fast entblätterten Reste, mit ihren letzten warmen Strahlen noch einmal die Erde zu erwärmen.
Das herrliche Wetter hatte viele Menschen herausgelockt aus ihren Häusern. Man freute sich dieses wundervollen Herbstsonntags.
Auch Elisabeth hatte sich für eine kurze Zeit herausgewagt. Ganz einsame Wege suchte sie, ging dahin, ganz in ihre trüben Gedanken versunken. Schwer lag ihr das Herz in der Brust.
Nicht der Mutter wegen. Es ging ihr besser in den letzten Tagen. Deshalb hatte es Elisabeth auch wagen dürfen, das Haus für eine kleine Stunde zu verlassen. Aber die Gedanken an Hubert quälten sie bis zum Tod. Roch immer hatte er nicht geschrieben. Elisabeth war ganz verzweifelt, wußte sich keinen Ausweg mehr. Schreiben konnte sie ihm nicht mehr, nachdem er ihr auf ihre letzten Briefe nicht geantwortet hatte. Er hatte sie vergessen...
Aber — das konnte doch nicht sein. Rach alledem, wag vorgegangen war, nach all den Liebesschwüren. Er konnte sie doch nicht so belogen haben!
Roch einmal durchlebte Elisabeth die herrliche Zeit ihres Liebesglücks, ging ganz versonnen dahin.
„Ra, du, Elisabeth, träumst du am hellichten Tage? Du kennst wohl deine alten Freunde nicht mehr?"
Eine helle Mädchenstimme rief Elisabeth an. Lachend stand Hilde von Larsen vor dem erschrockenen Mädchen.
»L>h, Hilde, mich so zu erschrecken! Ich war wirklich ganz in meine Gedanken versunken. Aber es ist nett, daß ich dich treffe. Wir haben uns so lange nicht gesprochen."
Elisabeth mochte Hilde von Larsen gut leiden. Sie war ein munteres Geschöpf, mit dem es sich gut plaudern ließ. Das war heute eine ganz gute
Ablenkung für ihre schweren Gedanken. Unb dann — Hilde war mit Hubert Heilmann verwandt. Vielleicht würde sie etwas über ihn erfahren.
Lachend erzählte Hilde von allen möglichen Ereignissen ihres abwechslungsreichen Lebens. Sie berichtete von dem Glück der Neuvermählten Schwester, die sie kürzlich erst besucht hatte. Evi erwarte bald ein Kind: sie und ihr junger Gatte wären überglücklich. Hilde wunderte sich nicht weiter, dah Elisabeth wenig antwortete, sie war zu sehr von ihren Erzählungen in Anspruch genommen.
Die beiden waren jetzt an dem Musikpavillon angelangt, in dem in den Sommermonaten die Stadtmusik zu konzertieren pflegte. Jetzt, im Herbst, waren die Konzerte in die hübschen Säle des Restaurants „Fürstenruhe" verlegt worden.
Hilde würde ihre Angehörigen drinnen treffen, und sie bat Elisabeth, auf eine Weile mit hinein- zukommen, ihre Eltern würden sich sicher sehr freuen. Elisabeth muhte ablehnen; sie müsse nach Hause, die Mutter warte auf sie.
Während sich die beiden Mädchen voneinander verabschiedeten, sah Elisabeth die Kommerzien- rätin Heilmann auf das Restaurant zukommen. Sie hätte gern eine Begegnung mit der Kornmer- zienrätin vermieden. Sie hatte damals, nach dem Konzert, bei Lucie Heilmann einen Besuch gemacht, um sich für den Blumenkorb zu bedanken, war aber nicht angenommen worden. Seit damals hatte sie das Gefühl, als ob man keine weitere Verbindung mit ihr wünschte, und sie wollte deshalb jedes Zusammentreffen mit der Kommerzien- rätin vermeiden.
Sie wollte sich deshalb schnell von Hilde verabschieden. Die hielt Elisabeth jedoch fest. Gerade war ihr noch etwas eingefallen.
„Oh, ich Schlafmütze , sagt? sie, sich auf die Stirn klopfend. „Die Hauptsache hätte ich dir fast nicht erzählt. Denke dir, mein Vetter Hubert hat sich verlobt. Du kennst ihn ja auch. Ist vor kurzem erst zum Richter ernannt worden, in Dresden. Heute morgen haben wir die Verlobungsanzeige bekommen. Gelt, Elisabeth, da bist du sprachlos? So ein Heuchler, hat immer getan, als ob er fein Mädel ansehen würde. And jetzt hat er sich den reichsten Goldfisch aus Dresden geangelt..."
Hilde unterbrach sich, weil sie ihre Tante Lucie sah.
„Guten Tag, Tante Lucie! Was sagst du zu der Aeberraschung mit Hubert! Ist das nicht ein Duckmäuser, sich so Hals über Kopf zu verloben!"
„Ra, Hildchen, Jo überraschend ist mir diese Verlobung gar nicht gekommen", sagte die Kom-
merzienrätin, indem sie den beid,en Mädchen die Hand reichte. „Mir gegenüber hatte Hubert nie ein Geheimnis daraus gemacht, dah er Sibylle Rautenstein einmal zu seiner Frau machen wollte. Die beiden kennen sich ja von Kindheit an und hatten schon lange viel füreinander übrig. And Sibylle ist ja keine schlechte Partie — ihr Vater ist der reichste Mann von Dresden: sein Einfluß wird Huberts Karriere viel nützen können.
Aber, Hubert würde Sybille sicher auch geheiratet haben, wenn sie nicht so reich gewesen wäre: er liebte sie schon lange. Wir können jedenfalls auf unseren Hubert stolz fein. Aber, es wird kalt hier draußen, wir wollen lieber hinein- gehen, da können wir weiter plaudern."
Sie wandte sich zu Elisabeth. „Kommen Sie mit uns, Fräulein Pfilipp? Was macht Ihre Kunst? Es tat mir übrigens sehr leid, Sie kürzlich verfehlt zu haben. Ich interessiere mich sehr für Sie und Ihre Kunst. Wie ich höre, wollen Sie mit Professor Landar eine kleine Kunstreise unternehmen?"
„Rein, gnädige Frau, davon kann keine Rede sein. Ich bin noch keineswegs so weit, Kunstreisen unternehmen zu können. Es fehlt noch viel an meiner Ausbildung: aber wir sind zu arm, als daß ich mich anderswo weiter ausbilden könnte. Außerdem geht es meiner Mutter nicht so gut; ich könnte sie nicht verlassen."
Mit todblassem Gesicht hatte Elisabeth geantwortet. Diese beiden Menschen hier durften nicht ahnen, dah sie ihr eben den Todesstreich verseht hatten. Mit Mühe hielt sie sich aufrecht, gelang es ihr, sich zu verabschieden, ohne daß das Schluchzen laut wurde, das ihr in der Kehle saß. Dann ging sie langsam den Weg zurück
Die Kommerzienrätin sah ihr einen Augenblick nach. Eigentlich tat ihr das Mädchen leio. Aber — wie hatte diese Lehrerstochter so vermessen sein können, ihre Augen zu Hubert Heilmann zu erheben?! Da hatte man natürlich eingreifen müssen.
And das Eingreifen war erfolgreich gewesen, das konnte man wohl sagen. Ihr Schwager hatte alles aufgeboten, Hubert auf den rechten Weg zu bringen. Auf sein Betreiben war er sofort nach Dresden verseht worden. Der alte Heilmann hatte es verstanden, jede Verbindung zwischen 'Hubert und Elisabeth zu unterbrechen; keines der beiden hatte je wieder einen Brief vom anderen zu sehen bekommen, jeder Schutt Huberts war überwacht worden.
Aber das alles hätte keinen Sinn gehabt ohne die Schlauheit Sibylle Rautensteins. Sie, die immer schon auf Hubert gelauert, sich nach ihm
verzehrt hatte, war ihm buchstäblich um den Hals gefallen — in einem arrangierten Moment, in dem ihre Mutter das Zimmer betreten hatte. Hubert konnte als Ehrenmann nicht anders handeln, er mußte um Sibylle Rautensteins Hand anhalten.
Das war also alles gut gegangen. Daß dabei die kleine Lehrerstochter ein wenig leiden mußte, das war nicht zu ändern. 6ie würde sich sicher bald trösten, mit ihrer Kunst oder mit einem Manne, der besser zu ihr paßte als Hubert Heilmann ...
Mechanijch setzte Elisabeth einen Fuß vor den anderen, langsam und schleichend, bis sie am Wassergraben angelangt war. In ihr war alles tot. Wenn sie nur nicht zu denken brauchte... nur nicht denken...
Wenn sie nur erst bei der Mutter war, ihr alles erzählen, sich an ihrem Herzen ausweinen konnte...
Er hatte sie belogen, ein falsches Spiel mit ihr getrieben. Er, dem sie ganz vertraut, auf den sie.gebaut hatte wie auf Granit. Hatte sie belogen, betrogen... mit jedem Wort... mit jedem Kuß.
Jetzt endlich war sie an ihrem Häuschen angelangt, machte leise die Haustür auf. In diesem Augenblick stand die alte Aufwartefrau vor ihr, mit erhobenen Händen.
„Oh, Fräulein Elisabeth, dah Sie nur da sind!
Kommen Sie schnell, Ihre Mutter..."
Elisabeth fragte nicht lange, wie gehetzt lief sie die Treppe hinauf. Eine entsetzliche Angst hatte sich ihrer bemächtigt.
„Mütterchen... Mütterchen... mach' doch die Augen auf... ich bin es doch, Elisabeth..."
Bebend sank sie am Bett in die Knie, sah mit großen Augen auf die Mutter, die still und wachsbleich in den Kissen lag, ohne die Augen zu öffnen.
„Mütterchen... Mütterchen...“ Leise,murmelte es Elisabeth vor sich hin, immer wieder.
Als ob die Kranke den Ruf ihres Kindes gehört hätte, öffnete sie noch einmal die Augen, langsam und schwer. Lächelte dann, wie aus ganz weiter Feme, tastete mit der Hand umher.
Elisabeth ergriff die unruhig suchende Hand, preßte sie auf ihr Herz.
Leise miumelten die weißen Lippen der alten Frau:
„Elisabeth.. ich muß dich jetzt allein lassen... aber ich weiß, du bist nicht verlassen, du hast ja Hubert... er wird dich beschützen..
(Fortsetzung folgt.)
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