Nr. 57 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheften)
Dienstag, 8. März 1932
Wie wählen wir den Reichspräsidenten?
Oie Technik der Präsidentenwahl.
Zum zweitenmal seit der Staatsumwälzuna flehen — am 13. März 1932 — die annähernd 43 Millionen deutscher Wähler und Wählerinnen vor der einschneidendsten und schwersten Entscheidung, die sie auf Grund der staatsbürgerlichen Rechte der Verfassung von Weimar zu fällen haben. Sie haben zu entscheiden, wer für die nächsten sieben Jahre als oberster Repräsentant des gesamten Volkes an höchster Stelle der Reichsregierung die Geschicke des deutschen Volkes leiten soll.
Die deutsche Reichsverfassung geht von der Voraussetzung ouS, daß der Reichspräsident, das Oberhaupt des gesamten deutschen Volkes, auch der Vertrauensmann des Volkes sein soll. Dazu gehört zunächst einmal, dah sich die übe r wiegende Mehrheit des Volkes auf die Absicht geeinigt hat, gerade diesen Mann zum Sräsidenten zu wählen. Ging man von dieser bsicht aus, den Reichspräsidenten mitten aus dem Volk heraus, durch Mehrheitsvotum' der Wähler und Wählerinnen, auf seinen Platz emporheben zu lassen und ihn, gestützt auf die große Autorität eben dieser direkten Mehrheitswahl, immer in enger Verbundenheit mit dein Volke bleiben )u lassen, so käme nur die direkte Volks- wähl in Frage. Damit entfernte man sich bewußt von den Verfassungen der meisten schon bestehenden älteren Republiken, die ihren Präsidenten aus der Parlamentswahl hervorgehen ließen. Einzig und allein die Vereinigten Staaten von Amerika wählen den Präsidenten in einer allgemeinen Volkswahl. Diesem Eystein hat man sich also bei Beratung der deutschen Reichsversassung ongeschlossen.
Wer wählt?
Alle Deutschen, die daS Wahlrecht zum Reichstag haben, find bei der Reichspräsidentenwahl }um Wählen berechtigt. Es kann also jeder Mann und jede Frau, die am Wahltag über 20 Jahre alt sind 'und denen die bürgerlichen Ehrenrechte nicht entzogen wurden, wählen. Wie alle Wahlen, die auf Grund der neuen Reichsverfassung stattfinden, ist auch diese direkt, allgemein, gleich und geheim. Das heißt: es wird unmittelbar gewählt (nicht daß, wie etwa früher bei Wahlen zum Preußischen Landtag, erst Wahlmänner und dann durch diese die Abgeordneten gewählt wurden), jeder Wähler hat nur eine Stimme, alle haben also daS gleiche Wahlrecht Die Stimmzettel werden im verschlossenen Umschlag (geheim) abgegeben. so daß niemand die Wahl des anderen kontrollieren und ihm etwa durch Rachrede und Dohkott einen Schaden zufügen kann.
Wer ist wählbar?
Die Kandidaten zum Amt des Reichspräsidenten müssen mindestens 35 Jahre alt und selbstverständlich deutsche Staatsbürger sein. Der Nachweis der Geburt in Deutschland oder auch nur der längeren Staatszugehorigkeit wird nicht verlangt; die Staatsangehörigkeit kann sowohl durch Naturalisation wie durch Anstellung in einem Staatsamt als auch natürlich durch Geburt erworben sein. Interessant ist, daß theoretisch — praktisch wird ja der Fall nicht so leicht eintreten — auch eine Frau zur Würde des Reichspräsidenten gelangen kann. Entsprechend dem Grundsatz der absoluten, restlos verfassungsrechtlich durchgesührten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Geschlechter (Reichsverfassung Art. 109: „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staats- bürgerlichen Rechte und Pflichten") findet sich in der Verfassung keine Bestimmung, die dagegen spräche, daß auch eine Frau das Amt des Reichspräsidenten wahrnehmen kann.___________________
Dir Wahl.
Wer am 13. März auf Reifen ist oder aus einem sonstigen Grunde nicht in dem für feine Wohnung zuständigen Stimmbezirke abstimmen kann, kann sich einen Wahlschein auSstcllen lassen. Der Antrag ist rechtzeitig bei der Gemeindebehörde deS Wohnortes zu stellen. Kosten entstehen nicht. Besonders wichtig ist die Ausstellung von Wahlscheinen für daS Personal der Reichsbahn, der ReichSpoft, wie sonstiger DerkehrSunternehmungen» das sich am Wahltage außerhalb feines Wohnortes befindet. Wahlscheine können in kleineren Gemeinden noch am 12. März ausgestellt werden, in größeren Gemeinden kann die Ausstellung schon am Freitag, dem 11. März, geschlossen werden. Es empfiehlt sich daher, frühzeitig sich um einen Wahlschein zu bemühen.
Die Abftimmungszeit dauert von 9 Uhr vormittags bis 6 Uhr abends. In Gemeinden unter tausend Einwohnern kann die Abftimmungszeit von der unteren Verwaltungsbehörde abgekürzt werden; die gekürzte Abstimmungszeit darf aber nicht später als 11 Uhr vormittags beginnen und nicht vor 4 Uhr nachmittags schließen. Sie muß unter allen Umständen sechs Stunden dauern, welcher Zeitraum nicht unterbrochen werden darf.
Abgestimmt wird wie bei allen politischen Wahlen nur mit a m 11 i ch c n S t i m m z e 11 c l n. auf denen die fünf Anwärter mit Vor- und Zunamen, Stand und Wohnort aufgeführt sind, und zwar in Feldern untereinander. Die Reihen-
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folge von oben nach unten richtet sich nach dem Alphabet- Im ersten Felde steht also der Kandidat der Deutschnationalen Vollspartei und des Stahlhelms, TheodorDü st erber g, an zweiter Stelle der überparteiliche Kandidat, der gegenwärtige Reichspräsident Paul v. Hindenburg. an dritter Stelle der Anwärter der Rationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Adolf Hitler, dann der Anwärter der Kommunistischen Partei, Senft Thälmann, schließlich der Anwärter einer Splittergruppe, der wegen
Eine Zufalls Aufnahme des Reichspräsidenten von Hindenburg bei seinem allinorgendlichen Spaziergang mit seinen drei Enkelkindern.
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fortgesetzten Betruges rechtskräftig verurteilt ist und zur Zeit feine Strafe verbüßt, der Betriebsanwalt Adolf Gustav Winter. Rechts von dem Felde eines jeden Anwärters findet sich auf dem Stimmzettel ein Kreis, schwebend in einem Viereck, der zur Ausnahme des Stimmvermerks bestimmt ist. Abgeftimmt wird derart, dah der Wähler durch ein auf den Stimmzettel gesetztes Kreuz oder auf andere Weise kenntlich macht, welchen Wahlvorschlag er seine Stimme gibt.
Wer gilt als gewählt?
Wann wird ein zweiter Wahlgang notwendig?
Die Einzelheiten über die Wahlmethoden bestimmen die Verfassung und in ihrer Ergänzung das Reichsgesetz über die Wahl des Reichspräsidenten. Danach muß der Gewählte mehr als die Hälfte aller gültigen Stimmen erhalten. Sind also — nehmen wir an — auf insgesamt fünf Kandidaten zusammen 30 768 945 Stimmen abgegeben worden, so müßte der Gewählte mindestens 15 384 473 Stimmen erhalten haben. Haben sich auf keinen Kandidaten so viel Stimmen vereinigt, so findet nicht etwa eine Stichwahl statt, bei der nur diejenigen Kandidaten kandidieren dürfen, die die meisten Stimmen erhalten haben, sondern es erfolgt ein zweiter Wahlgang, der sich von dem ersten dadurch unterscheidet, daß derjenige als gewählt gilt, der nunmehr die m e i ft e n Stimmen erhält. Die Parteien oder Gruppen, die einen Kandidaten für den ersten Wahlgang vorgeschlagen hatten, brauchen sich nicht an die Vorschläge des er- ften Wahlgangs zu halten. Sie haben die Freiheit des „Auswechfelns" und können beliebige neue Kandidaten Vorschlägen. Werden jetzt — nehmen wir an — drei Kandidaten auf gestellt, so braucht also niemand mehr die absolute Mehrheit zu erlangen. Erhalten sie:
a) 14 376 512 Stimmen, b) 13 987 549 Stimmen, c) 4 239 841 Stimmen, so ist der Kandidat zu a) gewählt, weil er die „meisten gültigen Stimmen" erhalten hat.
Wahlrecht ist Wahlpflicht! Versäume nlr- mand, seine oberste staatsbürgerliche Pflicht am 13. März zu erfüllen. Nur wer feiner Wahlpflicht genügt, kann das Gefchick des Vaterlandes mit- bestimmen.
Derweigerie Zinszahlung im Kreise Wehlar.
WER. W e tz l a r, 5. März. Die Gemeindevorsteher des Kreises Wetzlar (zirka 80 Gemeinden) beschlossen, keine ZinSan- weisung für die Landesbank mehr zu unterzeichnen, wenn die Landesbank für die Rheinprovinz ihren kürzlich auf elf Prozent erhöhten Zinssatz für Darlehen, die den Gemeinden vor der Julikrise gegeben worden sind, weiter erhebt. Dieser Beschluß spiegelt die Rot wider, in die die Gemeinden durch ihre Verbindlichkeiten bei der Landesbank geraten sind. Die Landesbank hat von ihren kurzfristigen Auslandgeldern den Gemeinden Darlehen zu WasforleitungSanlagen usw. gegeben. Bei Einbruch der Julikrise mit dem QLbruf der kurzfristigen AuSlandgelder wurde die Landesbank schwer in Mitleidenschaft gezogen. Sie kündigte ihrerseits den Gemeinden des Kreises Wetzlar die Darlehen und erreichte sogar eine zeitweise Steuerüberweisungssperre vom Minister, als die Gemeinden die Beträge nicht zu- riuferftatten konnten. In der Julikrise schwollen die Zinsen, die die Gemeinden zeitweise an die Landesbank zu zahlen hatten, bi« zu 2 3 P r o- zent an. Sie sind jetzt auf 11 Prozent festgesetzt worden, wogegen sich der jetzige Proteft- schritt richtet, der durch eine Beschwerde beim preußischen Innenminister noch verstärkt werden soll. Welche Beträge in Frage kommen, geht aus folgendem Einzelbeispiel hervor: Die Gemeinde Hochelheim ist mit 180 000 Mark bei der Landesbank durch einen Wasserleitungsbau verpflichtet. Diesen Betrag müßte sie mit 11 Prozent verzinsen, ein bei der Finanzlage der Gemeinde unmögliches Ansinnen.
Hindenburg in der Anekdote.
Aus dem Leben des Reichspräsidenten.
Die Zeit ist bereits gekommen, da Sage und Legende um die Gestalt unseres Reichspräsidenten ihre Fäden spinnen. Wie Bismarck, der das Reich schuf, wird Hindenburg, der das Reich gegen eine Welt von Feinden verteidigte, in der Ueberliese- rung des Dolksmundes bekannt fein und für immer lebendig bleiben. Schon jetzt wird eine Anzahl von Aussprüchen und Anekdoten erzählt und von Mund zu Mund weiterverbreitet; sie sind kennzeichnend für die Wesensart Hindenburgs, der jedem Deutschen ein leuchtendes Vorbild von Pflichttreue. Aufrichtigkeit und Vaterlandsliebe ist Gin paar besonders bezeichnende Geschichten wollen wir hier aus der Fülle herausgreifen.
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Hindenburg war im großen wie im kleinen stets peinlich genau. Er war deswegen schon als Divisionskommandeur bei seinen Untergebnen be- kannt und zum Teil auch gefürchtet. Eine Besichtigung durch ihn war für den Trupventell stets eine große Angelegenheit, und alle waren froh, wenn die strenge Musterung vorüber war. Dabei kümmerte sich Hindenburg — wre auch heute noch — um die kleinsten Dinge. So legte er nicht nur Wert auf richtige Zielschähung beimSchieß- unterricht, sondern auch auf richtige 3citbemei- sung Eines Tages trat er mitten in der Besichtigung auf einen Rekruten zu und fragte ibn. wie lange ein Zeitraum von zehn Minuten fei; Hrnden- bürg wollte die Probe machen, ob der RAut em ©cfübl dafür habe, wie lange zehn Minuten dauerten. „Ich nehme jetzt meine Uhr. und wenn Sie meinen die zehn Minuten seien vergangen, rufen Sie laut: Halt!" Der Rekrut stand stramm da und schielte nur gelegentlich nach links und rechts Rach fünf Minuten fragte der General, ob die Zeit jetzt um sei; der Rekrut verneinte. Aber auf die Sekunde, als die zehn Minuten vorüber waren, klang kräftig das »Sait!“ des Soldaten über den Kasernenhof. Der General von Hindenburg staunte über diesen so peinlich genau entwickelten Zeitsinn des Marsmngers und fragte woher er die genaue Zeitschätzung denn habe. ' Und ohne sich zu besinnen, versetzte der junge Krieger: ..Von der L-urmuhr dort drüben, Exzellenz!"
Während der zweiten Masurenschlacht hatten die deutschen Truppen bei ihrem ständigen Vor
marsch in Eis und Schnee viel auszuhalten. Auch der Generalstab der Ostarmee hatte naturgemäß während dieser Zeit nichts zu lachen, wenn auch seine Arbeit in der warmen Stube vor sich ging. Einem der Offiziere war es aber aufgefallen daß Hindenburg entgegen feiner sonstigen Gewohnheit gerade während dieser Zeit täglich einen längeren Spaziergang unternahm, von dem er regelmäßig halb steifgesroren zurückkam Als er sich deshalb eine Frage erlaubte, antwortete ihm der immerhin schon fast Siebzigjährige:
»Ich schäme mich, im warmen Quartier zu sitzen. Deshalb laufe ich jeden Tag zwei Stunden gegen den Wind, damit ich merke, was meine armen Kerls vorn auszuhalten haben!"
Im Sommer 1916 wurde neben der Siegessäule der »Eiserne Hindenburg" ausgestellt, der zu Gunsten des Luftfahrgedankens mit eisernen, silbernen und goldenen Rägeln geschmückt wurde. Rach dem Zusammenbruch forderte die preußische Dau- und Finanzdeputatton das seinerzeit zur Verfügung gestellte Gelände zurück. Man wandte sich an eine Reihe von Museen, die aber im Hin- blick auf die Plahfrage ablehnen muhten. Schließlich wurde die Statue öffentlich meistbietend zum Verkauf gestellt. Ein Architekt aus Berlin erwarb das Holzdenkmal für eine Summe entwerteten Geldes. Seine Absicht, wenigsteirs Teile des Denkmals für spätere Zeiten zu retten, wurde durch unsachgemäße Lagerung vereitelt. Es ist also der seltene Fall eingetreten, daß der große Mann fein Denkmal überlebt hat. Das deutsche Volk braucht darüber nicht böse zu fein!
Hindenburg hat in seinen nach dem Kriege geschriebenen Lebenserinnerungen lebhaft bestritten, daß er mit den Musen je persönlich in Verbindung gestanden habe. Aber der Reichspräsident wird nicht abstreiten formen, daß er doch einmal den Pegasus gesattelt hat. Am Sedantage 1871 nämlich befand sich der Leutnant von Hindenburg mit seiner Schwester im Garten der Eltern. Behaglich lagerte er sich auf dem sonnen- beschienenen Rasen. Die Schwester ergriff Stift und Zeichenbuch und zeichnete den Bruder in dieser Stellung. Das Bild fand Hindenburgs Beifall und versetzte ihn in die beiterfte Stimmung. In übermütiger Laune setzte er darunter.
„Damals noch auf stolzem Gaule, Heute ganz barbarisch faule. Einstmals aber General Paule!"
Der 24jährige Leutnant konnte nicht ahnen, dah er 45 Jahre später sogar Generalfeldmarschall fein würde.
Während der Vorbereitungen zur Rheinland- reife bat ein rheinischer Abgeordneter den Reichspräsidenten, er möge doch in Euskirchen wenigstens für ein paar Minuten auf den Bahnsteig kommen. In der Annahme, daß dem alten Herrn die bescheidene Stadt Euskirchen kein rechter Begriff sein werde, versuchte er zu erläutern: „Euskirchen. das ist eine Station an der Bahn von Bonn nach Aachen —“ Er war nicht schlecht erstaunt, als Hindenburg ihn unterbrach: „Ja. Euskirchen ist mir gut bekannt. Sagen Sie, steht da noch am Ausgang des Ortes das Kastanienwäldchen mit den 17 Kastanien?" Daraus der Abgeordnete: „3a. das Wäldchen ist da. aber wieviel Kastanien da stehen, das . . „Ja, damals waren es 17, als ich beim Kaisermanöver in Euskirchen war. — Das ist ja nun lange her. Aber lebt da noch die Familie Pötz in der Hauptstrahe Rr. 47? Da habe ich damals im Quartier gelegen. Das waren nette, saubere Leute."
Der Erzähler dieser Anekdote wollte sich seinerseits nicht mehr für alle Einzelheiten verbürgen. Vielleicht waren es auch 18 oder 22 Kastanien, oder die Kastanien waren Linden. Er empfiehlt aber jedem, der die ganz genauen Angaben haben will, sich beim rheinischen Vizepräsidenten des Reichstags zu ertunbigen. Dem soll diese Geschichte mit Hindenburg nämlich selber passiert fein.
Geradezu legendenhaft ist die zeitliche lieber- schau die Hindenburgs Leben umfaßt und die in feinem Geiste lebendig geblieben ist. als liege dazwischen nur gestern und heute. Das übermal ligte geradezu einen Sudetendeutschen aus der alten guten deutschen Stadt Teplitz, der dem alten Herrn die Hand geben durste. „Wo stammen Sre denn her?", fragte ihn Hindenburg wie üblich bei der Begrüßung. „Aus Teplitz in Böhmen." „So, ja, da war ich auch mal, da gäbe ich am 30. Juni im Sommer 66 im Quartier gelegen.“ — •
Damals war Hindenburg der Jüngling, der zum ersten Male den Krieg sah. Er stritt für den König von Preußen gegen den Kaiser von Oesterreich. Es gab noch kein deutsches Kaiserreich.
Eine allzu betriebsame Dame in den besten Jahren, die dem Reichspräsidenten anläßlich des 50jährigen Gründungsfestes ihres Vereins besonders t«nperamentvoll auf den Leib rückte, wehrte er in tiefem Daß mit der väterlichen Be
merkung ab: „Gnädige Frau, Sie gehören dem Verein doch sicher auch schon seit seiner Gründung an.“
Je jünger die Menschen find, die über „den eigentlichen Sieger" der Schlachten reden oder schreiben, desto häufiger zweifeln sie daran, daß Hindenburg selbst der wirkliche Vater der Siege sei. — „Aber wenn s mal schief gegangen ist. bann ist es immer der Alte getoefen“, war bei geeigneter Gelegenheit die abschließende Bemerkung des Generalfeldmarschalls zu solchen Betrachtungen.
Tonfilm: „Viktoria und ihr Husar".
Bei dem Film, der seit gestern abend im Lichtspielhaus läuft, haben alle Filmkünste und alle filmtechnischen Mittel Pate gestanden. Er ist gleichermaßen erbaulich für daS Auge wie für das Ohr Ein älnterhaltungSfilm, wie man ihn sich nur wünschen kann. Eine graziöse Musik (die dem Bildstreifen längst überallhin voraus* geeilt ist und uns nun sympathisch bekannt entgegenklingt) begleitet das Bild; dem Humor, sei er auch manchmal etwas unmotiviert, ist breiter Raum gegeben, dabei schlägt die Filmoperette aber auch ernstere Töne an, als man sie dem Titel nach vermuten möchte- Zwischen fröhlichem Beginn und fröhlichem Ende liegt vieles: ungarisches Volksleben und chinesisches Straßengewühl, zauberhafter Garten hinter geheimnisvollen Mauern, märchenhafte Pracht im PalaiS des amerikanischen Botschafters zu Petrograd und wieder ungarisches Volksleben, Zigeunerprimas, Cancan und bunte Trachten, Pussa und Viehherden — also eine Revue, die dem Publikumsgefchmack vielfach entgegenkommt. Dabei vermag die Handlung doch immer zu fesseln, denn man weiß nie so recht, ob die Geschichte nun gut ober böse ausgehen soll. 3ebcn- falls lohnt es. ben Film anzusehen und anzuhören. benn Michael Dohnen (als amerikanischer Botschafter) unb Friebel Schuster (als Viktoria) fingen sehr gut. Ivan Petrowitch als Husaren-Rittmeifter Koltay erringt sich mit seiner vornehmen Zurückhaltung erneut viele Sympathien, Ernst Derebes (fein Bursche) ist aufgelegt lustig unb Grell Theimer (Kammerzofe) voll sprühender Laune. Die Tonwiedergabe ist erfreulicherweise vorzüglich, die Photographie ohne jeden Tadel; hübsche Regieeinfälle werden dankbar akzepttert. Roch einmal: cS lohnt, den Film anzusehen N,


