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m. 6 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Freitag, 8. Januar 1952

Polen fühlt sich unsicher.

Don unserem D. Z.-Korrespondenten.

Warschau, den 31. Dez. 1931.

Manchmal ist's in Warschau so, als wäre hier die Zeit ins Rutschen gekommen, als gingen die Dinge hier im Schnellkocher vor sich. Es L>ar doch eben noch Frühling, da war der Marschall und Etaatsches Pilsudski in Madeira und empfing zentnerweise die Glückwunschkorten be­glückter polnischer Schuljugend. Dann war Som­mer. und dann wurde es Winter -und nun denken wir schon wieder an den Frühling. Dor knapp einem Jahre gingen hier Gerüchte, wilde urpolnische Gerüchte, man hatte Eisgang im Ge- fühl, man sah Deutschland vor einem Putsch, sich selbst schon in Ostpreußen und an der Oder. Da war Oesterreichs Anschluß an Deutschland, wie­der rasselten polnische Säbel in den Scheiden, und bann kam die Wirtschastskrisis. Kurz und gut, man lebte in einem Wirbel von Sen­sationen und dos Jahr ging vorüber wie ein unendlich aufgeregter Tag.

Run ist's ja eine alte Wahrheit, daß der Appe­tit nachläßt, wenn man sich ausregt, und in die­sem Sinne waren die polnischen Aufregungen > eine nützliche Diät für ein Dolk, das je länger je mehr am Hungertuche nagt, wie­wohl der politische Appetit darunter keineswegs gelitten Hot. Er ist sogar gewachsen. Aber der stille und freundliche Beobachter dieses Landes hat trotzdem das Gefühl, als wäre Polens neuer­liche Ditalität so eine Art von Alterserscheinung dieses eben sehr frühreifen Kindes unter den eu­ropäischen Staaten, als wäre hier ein ganzes Staatsleben in ein Jahrduhend zusammengezogen wie ein Jahr in ein Monatsdutzend. Denn hat nicht Polen schon jetzt die kritischen Jahre erreicht ? Hat man nicht zu sehr aus dem Dol­len gelebt, und kann da nicht eines Tages der große Zusammenbruch kommen?

Aber lassen wir die Dergangenheit ruhn. Die Bilanz des Jahres spiegelt sich am deutlichsten in der mißlichen Gegenwart, in diesem Winter des Mißvergnügens. Jetzt ist's heraus. Es ist etwas faul im Staate, und diese faule Sache das ist ber Stieben. Da soll der rumänische Außen­minister nach Warschau kommen. Was will er hier? Richtangrisfspaktbesprechunaen so flüstert man, auch Rumänien will in den Ring ber Rie-wieder-Krieg-mit-Rußland G. m. b. Sy, welche die französische Diplomatie rings um das russische Reich zu gründen trachtet. R i ch lan­gt i f f s p a k t nennt man diese herrlichen Der- tragsinstrumente. Wer aber will denn angrei­fen? Hat Rußland Absichten? Es denkt nicht daran. Der russische Bär hat gar keine «Lust, sich zu katzbalgen. Gewiß, er hat große Gebiete verloren. Die Utrainc usw. an Polen, Bessara­bien an Rumänien, und wenn nun Polen und angeblich auch Rumänien plötzlich so voll inniger Friedensliebe sind, so ist daran gewiß das ewig schlechte Gewissen kehr viel mehr schuld als die Friedensliebe. So ein Richtangriffspakt ist doch eine Art von Bewährungsfrist für räuberische Staaten.

Aber neuerdings hat man in Warschau ge­rade wegen dieser Friedenspakte einen kleinen Schreck bekommen. Kluge Leute fragen sich, wa­rum diese plötzliche Eile. Man verhan­delt ja schon seit dem Jahre 1926 mit Ruß­land, ohne daß deswegen viel erreicht worden wäre. Wieso brennt s denn jetzt? Warum muh man in diesem Augenblick? Gewiß, den Fran­zosen paßt es vorzüglich, aber uns Polen paßt das zur Zeit vielleicht gar nicht so sehr in den Kram. Die Polen sind sehr eitel, und wie alle eitlen Leute sehr empfindlich. Sie fühlen sich aus den Fuß getreten. Gegen den Zweck des fran­zösischen Vorstoßes hat man freilich wenig ein-

Oesterreichs Dichter auf den neuen österreichischen Briefmarken

Die neue Briefmatkenserie. Oben: Raimund, Grillparzer, Restroy. Unten: Stifter, Anzengruber, Rosegger.

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zuwenden. Er soll natürlich, das bewies schon der Dertragstext, das das ..Echo de Paris" vor kurzem mitzuteilen wußte, das Ostlocatno über die Hintertreppe der Ausschaltung Rußlands bringen.

Aber selbst diese These ist noch viel zu augen­fällig. Die heutige Diplomatie hat nicht einen doppelten, sie besitzt einen vielfachen Boden. Sie hat unter dem sichtbaren Doppelboden noch ein Geheimfach, und dies verbirgt man, indem man öffentlich so viel Staub cullwirbelt wie möglich. Man macht es wie der Taschenspieler: man lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums von der Haupt­sache ab. Was aber ist nun die Hauptsache? Ganz gewiß nicht der Frieden, den alle -wol­len. Man erinnert sich an die Abmachungen im Haag, die vor dem Kriege getroffen wurden, als die ersten Friedenskonferenzen stattfanden. Der Friedenspalast steht noch heute da, aber der Welt­krieg brach trotzdem aus. Si vis bellum, para pacem - das ist das Kernstück dieser Politik, die heute von Paris her betrieben wird.

Dann erklärt es sich aber unschwer, warum nun auch d i e Rumänen an die Friedenskrippe mit Rußland sollen. Rußlands größte Rachbarn, die zusammen durch ein eben verlängertes Mili­tärbündnis verkoppelt sind, sollen von Frankreich an die Kette gelegt werden.' Es ist eine kleine friedliche Truppenübung, die hier stattfindet. Man braucht heute keine Manöver mehr. Die Politik muß klappen, das ist heute die Hauptsache. Aber ob sie klappen wird, mit* -rprobt werden. Das ist der Sinn der ..Friedensaktion" im euro­päischen Osten.

Auch fragt man sich hier in Polen mit Be­sorgnis: will uns Rußland nicht am Ende eine Falle stellen? Kommt nämlich eine russisch- französische Einigung zustande, wird Polen überflüssig. Dann hat Frankreich alle Trümpfe in der Hand. Kommt sie aber nicht zustande, ist es ebenso schlimm. Dann müßte sich Polen Frankreichs Willen völlig unterwerfen. Dann dürfte man in Warschau nicht einmal mehr piep sagen. Man wäre verraten und verkauft und hätte nur das beglückende Bewußtsein, im Rotfalle die Große Armee gegen Rußland stel­len zu dürfen.

Die Friedenspaktverhandlungen haben nämlich einen großen Haken. Sie sind langwierig, müh­selig, unendlich schwierig. Sie können jederzeit ab­gebrochen werden. Wenn man sich aber zu eini­gen strebt, und aus diesem Streben heraus ein Zerwürfnis entsteht, so ist Feindschaft näher als Freundschaft, ist Oer Krieg näher als der Friede, steht Polens Zukunft auf dem Spiele.

Es bleibt nun immer wieder erstaunlich, wie eigensinnig dieses angeblich so instinktsichere pol­nische Dolk von den französischen Diplomaten an der Rase herumgeführt wird. Es darf nur den­ken, was den Franzosen paßt, und nicht, was vielleicht den Deutschen genehm wäre. Unb man hat in Warschau an der Rachbarschaft des Deut­schen Reiches ganz genug, man will keine neuen Feindschaften neben ber so liebevoll gepflegten gegen den deutschen Rachbarn.

So endete denn das alte Jahr mit einer Last von Sorgen und Befürchtungen. Man weih in Warschau nicht aus noch ein, und langsam be­

kommt man Angst vor der eigenen Courage. Denn, um es rund heraus za sagen, man tut zwar so. als ob man nichts fürchte, aber in Wahrheit und ganz im Geheimen schleichen Angst und dunkle Furcht um Zukunft und Fortbestand die­ses Staates, der schon mitten in feinem Frühling alt verdrießlich geworden ist.

Oberbeffen.

Geh. Iuftizrat Aabenau-Büdingen t-

Büdingen, 7. Jon. Arn 4 Januar ver- fchied hier der Oberamtsrichter i. R. Geheimer Justizrat Ferdinand Rabenau. Ehren­bürger der Stadt Büdingen, im Alter von 86 Jahren Er lebte seit 1920, nach 45jähriger Richtertätigkeit, während der er 43 Jahre am Amtsgericht Büdingen wirkte, im wohlverdienten Ruhestand. Geboren 1845 in Darmstadt, absol­vierte er das Gymnasium in Gießen und als Jurist die Hochschule daselbst. Er widmete sich dem hessischen Staatsdienst und begann seine Richtertätigkeit 1875 mit seiner Anstellung al» Landgerichtsassessor in Waldmichelbach. Im Herbst 1877 kam er in gleicher Diensteigenschaft an das Gericht in Büdingen, wurde 1889 Ober­amtsrichter und wirkte dafelbst bis zu seiner im Herbst 1920 erfolgten Pensionierung

Der Derewigte erfreute sich weit über seinen Gerichtsbezirk hinaus als Richter und als Mensch des größten Ansehens Seine milde, freundliche Art des Umgang» mit dem Publikum, fein vor­nehmer Charakter und sein klares Urteil ver­schafften ihm in allen Kreisen der Bevölkerung außerordentliche Beliebtheit. Als Schlichter hatte er ungewöhnliche Erfolge. Getragen von allge­meinem Vertrauen man nannte ihn den Beichtvater Büdingens" , gerüstet mit treff­lichen Rechtskenntnissen und ausgestattet mit reichster Kenntnis der persönlichen und wirt­schaftlichen De.hältn.sse der Gerichtseingesessenen und ihrer Bedürfnisse war seine Amtsführung ungemein erfolgreich Auch als Mitglied des Kreisausschusses und des Provinzialausschusses, sowie als Direktor der Düdinger Bezirkssparkasse bewährte er sich viele Jahre lang und erwarb sich die volle Anerkennung der Verwaltungsbehörden. Begabt mit feinem musikalischen Verständnis ver­stand er es, das musikalische Leben Büdingens aus eine beachtenswerte Höhe zu bringen: noch im hohen Alter war die Musik ihm Lieblings­beschäftigung.

Ein Richter von altem Schlag, ein Richter­patriarch, ein Mann von lauterer Gesinnung und strengster Rechtlichkeit ist von uns gegangen in die Ewigkeit- Ehre seinem Andenken.

Ein Lutherbries in Bad-Nauheim.

' Bad-Rauheim, 6. Jan. Es ist in der Öffentlichkeit fast kaum bekannt, daß sich in Bad- Rauheim in Privatbesih ein charakteristi­scher Lutherbrief im Original befindet. Runmehr ist in der Sakristei der Dankeskirche ein Faksimile ausgestellt, das von jedermann eingesehen werden kann. Es ist sowohl wegen der bedeutungsvollen Handschrift, als auch wegen des bezeichnenden Inhaltes interessant. Der Brief, der an den Augustinermönch Jacob M o n t a n u s aus Gernsbach (Diözese Speyer), damals Lehrer am Bruderhaus zu Herford, ge­richtet ist, lautet in der Uebersehung:

..Gnade und Friede zuvor! Ja. wahrlich, mein bester Jakobus, ich bin einer, der mit Arbeit ileberfjäuftcn. Aber Christus sei Dank dafür. Deshalb müßt Ihr auch, Du und alle Freunde, darauf gefaßt sein, daß ich künftig, wenn über­haupt, so doch seltener und kürzer schreiben werde. Davon aber, was Du im letzten Briefe von der Beichte schriebst, bin ich vollkommen überzeugt, daß es nämlich statthaft sei, eine Aufzählung der

Abenteuer im Nebel.

Von Paula von Neznicek.

Frau von Reznicek ist eine der besten deutschen Tennisspielerinnen.

Wir saßen in Arosa beim Tee.

Ilm sechs Uhr ist es stockdunkel", meinte mein Letter Kurt und biß in eine Rußstange.

Brechen wir auf ich fahre diese scheußliche Straße nicht gern nachts!"

Er hatte seine Patienten besucht, und wir wollten noch über Ehur nach St. Moritz. Unten am Bahnhof hielt uns ein Wachmann auf.

Fahren Sie nicht am Abend herunter es ist zu gefährlich wir warnen alle Autofahrer der Weg ist eng. schon am Tage schwierig und besteht fast nur aus Kurven außerdem haben wir Rebel!"

Kurt blies Zigarettenrauch durch die Rase und überlegte. Ich machte Vorschläge zur Güte.

Vorsaison in Arosa. Erste Kurgäste. Wie poetisch! In jedem Hotel 100 Zimmer zur Verfügung. Mal was anderes. Bleiben wir oben! Gehen wir um 9 Uhr schlafen welche Sensation!"

Aber Kurt drängte.Zwei Patienten im Engadin, ein Stelldichein in Meran" und schon fuhren wir los. , ... .

Zwischen Kabelgräben und Erdhausenhugel im Dreißig-Kilometer-Tempo. Wir mußten die Scheiben hinunterlasjen es war stockschwarz em kalter Schneewind blies uns um die Ohren, und je tiefer mir kamen je nebliger wurde es. Man konnte keine Biegung keine Wende übersehen man juhr auf Zufall links metertiefe Abgründe rechts Cteinfelsen und Böschungen. Zuerst versuchten wir gleichgültige Dinge zu reden schließlich sprachen mir gar nicht mehr. Jeder fühlte, was der andere dachte. Ucbertonjentrierte Aufmerksamkeit.

Zwanzig Kilometer in eineinhalb stunden!Wie weit ist es noch?" Doch ehe ich die tfrage beendet hatte beulte unser kleiner Fox scheußlich auf. Er sprang und bellte wie ein Irrsinniger ohne sich

Halten wir ich höre etwas bat ich Kurt.

Wir sind nervös", entgegnete erfahren wir ruhig weiter." v .

Ein Windstoß zertrümmerte uns durch einen un= fliegenden Stein den linken Scheinwerfer. Wir mußten stoppen. Der Rebel war so dicht daß man kaum eine Hand vor den Augen sah.

Jetzt ist Schluß", seufzte mein Begleiter ergeben.

.Warten wir bis Morgengrauen", schlug ich vor wir haben eine Decke, einen Pelz, ein wenig Kognak und viele Zigaretten!"

Rach einer Stunde waren wir blau vor Kalte.

Es ist Wahnsinn ich versuche weiter zu lommen!"

Ohne Scheinwerfers"

Ich kann doch fahren!"

Dennoch ich bleibe hier!"

Du bist feige!"

Wenn schon lieber feig* als tot!"

Heimlich schloß ich den Benzinhahn, stahl den Schlüssel zum Anlasser.

Nactzzwei weiteren Stunden dosten wir ein, in 1500 Meter Höhe bei Schneesturm im tiessten Rebel

Wir erwachten von Menschenstimmen. Es mußte sehr früh sein denn die ersten Lichtstreifen kamen von Osten.

Was ist los?"

Ein Sanitäter kam uns entgegen

Niemand verletzt?"

Wieso verletzt?"

Ach, wissen Sie noch nichts? Fünfzig Schritt vor Ihnen hat gestern abend ein Auto mit drei Herren bei dem Nebel und dem Sturm eine Kurve übersetzen, eine Brücke mitgenommen und sich überschlagen. Alle drei sind tot. Wir haben sie eben geborgen und fürchteten, daß auch Ihnen etwas passiert ist!"

Wir mußten noch drei Stunden warten bis die Brücke repariert wurde. Die Brücke, über die wir bedingungslos gefahren wären! Wir waren noch schweigsamer als die Nacht vorher

Gustave Oor2s 1OO. Geburtstag.

Gustave Dore, dessen 100. Geburtstag jetzt ge­feiert wird, ist bei uns besonders durch seine Bil­der zur Bibel bekannt geworden, die in zwei dicken Bänden erschien, überall in der Welt verbreitet wurde und die Mode jenerPrachtbände" ins Leben ries, die einstmals auf dem Tisch in Groß­mutters guter Stube lagen. Diese Bilder geben aber eine ganz unzulängliche Vorstellung von der Meisterschaft dieses genialen Illustrators, der sich in den späteren Jahren seines Schaffens durch eine ungeheure Fruchtbarkeit immer mehr ver­schlechterte. Die Bedeutung Dores, die ihn zu einem der größten Illustratoren aller Zeiten macht, liegt in den wenigen Jahren seiner ju­gendlichen Anfänge. Fast noch ein Knabe, begann er seine Laufbahn und hatte mit 23 Jahren fein Bestes bereits gegeben. 3n Straßburg war er ge­boren. und im Schatten des ehrwürdigen Munsters entfaltete sich seine Phantasie, von dem Geist des deutschen Märchens und der deutschen Romantik genährt. Der Zehnjährige bewies in seinen Zeich­nungen eine seltene Frühreife, einen erstaunlichen Sinn für Phantastik und Humor, und als 14jäh- riger begann er mit der Veröffentlichung litho­graphischer Bilderbücher, die sein Talent auf der Höhe zeigen. Es waren sittenbildliche Darstellun­gen aus dem Leben der Pariser Gesellschaft, die er nun zu studieren begann. Szenen voll Emnt wimmelnden Lebens, mit großer Devbachtungs-

fraft und leichtem Spott hingestellt. Die außer­ordentliche Einfühlungsgabe, die Dore hier be­wies, lenkte ihn auf den Beruf des Illustrators, und es war ein wahrer Rausch des Schaffens, der ihn in seinen ersten Werken mit fortriß. Seine Meisterleistungen sind die Bilder zu Rabelais und zu denContcs drolatiques von Balzac. Beson­ders in diesem Werke offenbarte er die Lieberfülle seiner Phantasie, die die Geschichten des Dichters frei umspielt und überwuchert. Mit den 425 Holz­schnitten zu diesem Buche schuf der 22jährige das schönste Jllustrationswerk, das die französische Kunst des 19. Jahrhunderts aufzuweisen hat, ein Buch von so müheloser Erfindungskraft, von so üppiger Gestaltung und visionärer Eindringlichkeit, daß es nur mit den allerdings ganz andersarti­gen Illustrationen Menzels zur Geschichte Friedrichs des Großen verglichen werden kann. Mit diesem Wunderwerk und mit den grotesken Bildern zu der Geschichte Rußlands hatte er den Gipfel seiner Kunst erreicht. Er war unterdessen zum verwöhnten Liebling der Pariser Gesellschaft geworden. Sein Atelier war der Mittelpunkt der eleganten Welt, die Aufträge stürmten auf ihn ein, und er glaubte fic alle bewältigen zu können. Dabei hat er viel Gleichgültiges und Banales ge­schaffen und seine alte Frische nur in den kleinen köstlichen Vignetten bewahrt, während die blatt- großen Bilder oft leer und wirr wirkten. Aber gerade diese Illustrationen, besonders zu Dante und zur Bibel, schufen ihm erst den internatio­nalen Ruf, der seiner gerechten Würdigung lange im Wege gestanden hat. Dr. F. S.

Zeitschriften

- Im Schicksalsjahr 1931 hat sich die Krise, die bisher auf einzelne Völker beschränkt war, zur W^ttkrise ausgewachsen. An der Wende dieses sorgenschweren Jahres hält Dr. Ferdinand Grautoff in der Rümmer 4530 derJllu- strirten Zeitung" (2. I. Weber, Leipzig) Rückschau auf das vergangene Rotjahr. Für die Tatkraft der jungen Generation zeugen die Flugsportübungen der Deutschen Burschenschaft, die auf dem Dörnberg bei Kassel ein Segel­fliegerlager errichtet hat und hier den Flug­sport mit Emst und Eifer betreibt. Ein Spaziergang durch den Bilderschatz der deutschen Sprache unter der Leitung von Hans Reimann bringt uns den Reichtum unserer Muttersprache zum Bewußtsein. An eine betriebsame Stätte, in das Zollgebiet des Hamburger Freihafens, führt ein reich illustrierter Artikel. Einen Einblick in die in Berlin stattfindende Ausstel­lung altamerikanischer Kunst gewährt ein mit interessanten Abbildungen ausgestatteter Beitrag von Prof. Dr. Walter Lehmann.

Don einem berühmten Impresario.

Man hat den soeben verstorbenen Engländer Lionel P o w e l l den letzten der großen Im­presarios genannt, denn sein Wirken reicht zu­rück in jene Vorkriegszeiten, in denen man Den Leistungen großer Virtuosen noch ein ganz an­deres Interesse entgegenbrachte als heutzutage. Powell hat mehr als 15 000 Konzerte veranstaltet und ist bei den Tourneen, die er führte, min­destens achtmal rund um die Welt gefahren. Er war mit Bayreuth in enger Verbindung, hat viel zum Ruhme Wagners in England getan, und bei feinen Wagnerkonzerten dirigierten Hans Richter, Felix Mottl. Richard Strauß und Felix Weingartner. Ein Vierteljahrhundert war er der Impresario der großen Sängerin Melba, und andere Künstler, mit denen er in Verbindung stand, waren Paderewski, Ca­ruso, Kreisler. Schaljapin, Heise tz, P a ch m a n n, Mischa E 1 m a n, Frieda Hem­pel, die Rordica usw. Mit all diesen Be­rühmtheiten war er befreundet und wußte von ihnen mancherlei zu erzählen. Der greife Pianist Pachmann verursachte ihm einmal ein paar un­angenehme Minuten. Dieser hatte nämlich die Angewohnheit, seine Teetasse jedesmal, bevor sie neu gefüllt wurde, auszuspülen, und das tat er auch, als er bei der Königin Alexandra, der Gemahlin Eduards VII. von England, ein­geladen war. Powell sah ängstlich nach der Köni­gin, aber diese lachte und sagte:Er ist ent­zückend!" Als der Impresario mit Kubel i k eine Tournee durch Kanada unternahm, tarnen sie in einen kleinen Ort und entdeckten zu ihrem Entsetzen, daß Kubeliks Geige nicht mitgekommen war. Obwohl sofort ein Sonderzug abgeschickt wurde, um sie zu holen, kam doch der Abend heran, ohne daß sie angelangt war, und da der Konzertsaal mit einem zahlreichen Publikum aus der ilmgegenö dicht gefüllt war, suchte Powell fieberhaft überall nach einer Violine Schließ­lich glückte es ihm. in dem Leihhaus eine alte deutsche Geige für 15 Mk. aufzutreiben, es war die einzige Geige in der Stadt, aber Kubelik spielte auf ihr so schön, daß am Ende des Konzerts ein Verehrer das schlechte Instrument für 1000 Mk. kaufte Einige Jahre später kaufte Powell die Kaiser-Stradivarius, deren Wert jetzt auf 200 000 Mk. geschäht wird, für Kubelik. Bei einer Konzert-Tournee mit der Sängerin Clara Butt in Australien sand man in Van­couver keinen geeigneten Saal und mußte das Theater für sechs Rachtvorstellungen mieten. Wenn die Theatergäste hinausgingen, kamen die Konzertgäste herein, und am frühen Morgen brachten sie Straßenbahnwagen nach Hause. Diese Rachtkonzerte waren ein großer Erfolg.