Ausgabe 
7.9.1932 Frühausgabe
 
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m der Gütererzeugung, der Beschäftigung und dem Absatz. Das Schlimin ste aber ist die allgemeine Mutlosigkeit. Sie ist des­halb so gefährlich, weil sie meist länger anhält, als die realen Ursachen es nötig machen. Nach­dem die Reichsregierung für eine Wirtschafts­wende das Stetige getan hat, ist es vor allem Sache der wirtschaftlichen Kreise s e l b st, in der Geistesrichtung und der Grund­stimmung einen Umschwung herbeizuführen. Un- sozial handelt, wer heute noch dos Mißtrauen für eine wirtschaftliche Tugend hält, sozial, wer Arbeit schafft. Ich bitte die Unternehmer, jetzt ans neue Werk zu gehen und unter Aus­nutzung der dargebotenen Chancen mit Mut und Tatkraft einzugreifen.

Wittschaflstagung der ÄSDAP. Straßer und Feder zur Frage der Arbeits­beschaffung.

München, 7. Sept. (LU.) 3m Braunen Haus in München begann eine Wirtschaftstagung der NSDAP., die sich in der Hauptsache mit der Arbeitsbeschaffunasfrage beschäftigte. Gregor Straßer bezeichnete nach dem Bericht imVöl­kischen 'Beobachter" als eines der Hauptziele der Tagung die in den verschiedenen Abteilungen und Verbänden bisher geleistete umfassende Vor­arbeit zusammenzufassen und systematisch in das Gefüge des tragenden nationalsozialisti- schen Grundgedankens einzufügen. Es komme darauf an, die heute bestehende Gefahr zu erkennen, die darin liege, daß die national­sozialistischen Grundgedanken von anderen übernommen und mit unzureichen­den Mitteln durchgeführt, bzw. sogar gefälscht, abgebogen und auf einen Seiten­weg geschoben würden.

Gottfried Feder führte u. a. aus, der Natio­nalsozialismus stehe schon an der Stelle der politischen Macht. Er müsse hineinkommen, um das Zentralproblem unserer -Zeit, nämlich die Arbeitsbeschaffung, zu lösen. Feder lehnte eine Siedlungsromantik ab und setzte sich für die Sied­lung auf der Grundlage von Meliorationen und eine folgerichtige Ostraumpolitik ein, ferner für die Wichtigkeit des Straßenbaues, der Wasser­kraftnutzung, der Wasserstoffwirtschaft, der Haus­reparaturen usw. Einen weiteren Gegenstand der Aussprache bildete das Handelsvertrags­wesen, das Kontingentierungssystem, die Not­wendigkeit der Flußregulierungen und Hoch­wasserschutzbauten, die Herabsetzung des über­hohen Zinsfußes und die Abschnürung des Va- lutaduinpings als Voraussetzung einer zusätz­lichen Arbeitsbeschaffung. Dr.-3ng. Lawaczek verbreitete sich über die nationalen Aufgaben der Technik.

öie Deutsche Volkspartei zur Wirtschafisverordnung.

Berlin, 6. Sept. (TU.) 3n einer Sitzung des Parteivorstandes sowie der volkspar­teilichen Abgeordneten des Reichstages und des Preußischen Landtages wurde eine Entschließung gefaßt, die den Versuch der Reichsregierung be­grüßt, die deutsche Wirtschaft aus der Erstar­rung zu befreien und den Fluch der Arbeitslosig­keit zu lindern. Die Wiedereinführung der Bürgersteuer wird bedauert und die! Erwartung ausgesprochen, daß die sozialpo­litischen Vollmachten keine unerträgliche Verschlimmerung der Lebenshaltung der Arbeit­nehmer und Rentenempfänger zur Folge haben. Das deutsche Volk würde um die heute nach lan­gen Entbehrungen sich regenden Hoffnungen be­trogen werden, wenn es einseitigem parteipoliti­schem Machtwillen gelingen könnte, die alle Kräfte der Nation erfordernde Aufbauarbeit durch politi­schen Kampf erneut zu gefährden. Die Entschlie­ßung warnt davor, das Werk etwa dadurch zu gefährden, daß zu Maßnahmen gegriffen wird, die eine Absperrung des Auslan'ds- Marktes zur Folge haben könnten. Dem Reichs­präsidenten wird der Dank für seine entschlossene und weise Führung ausgesprochen und ihm ver- sichert; daß die Deutsche Volkspartei in unver­brüchlichem Vertrauen zu ihm stehe.

Sekunde der Erinnerung.

Haben Sie mal etwas vom Gesetz der Serie gehört? Manche schwören darauf. Etliche halten es für ausgemachten Unfug. Wie dem auch sei: es soll hier nicht entschieden werden. Merkwürdig ist jedenfalls Folgendes. Jeden Morgen wird einem eine Handvoll schmaler Papierstreifen auf den Schreibtisch gelegt: das Papier ist meist weiß, manchmal auch grün oder rot, und es ist schwarz bedruckt mit Meldungen, Telegrammen, Funk­sprüchen. Die müssen zurechtgemacht werden für die RubrikAus aller Welt". Ein raschelndes klei­nes Häufchen Papier, beschrieben mit dem Neue­sten, was sich in den letzten vierundzwanzig Stun­den in allen Gegenden der Erdkugel zugetragen hat.Schicksale, gebündelt". Helle und dunkle, hei­tere und traurige Begebenheiten. Aber die dunk­len und traurigen überwiegen leider bei weitem.

Was das Merkwürdige dabei ist? Die Volks­weisheit drückt sich so aus: ein Unglück kommt selten allein. Und an manchem Morgen hat man das Gefühl, als ob etwas daran sei. Flugzeug­unglück, Grohfeuer, Ciserrbahnkatastrophe, Absturz in den Bergen, Autozusammenstotz, Schiffsunter­gang, Schmuggler-Geschichten, Pilzvergiftung, De­visenschiebung, Ueberschwemmung, Kinderläh­mung, Aaubüberfall. Eine Verlustliste ohne An- fcmg und ohne Ende. Wer sich die Mühe nimmt, die Meldungen einer einzigen Woche zusammenzu­stellen und zu vergleichen, dem wird die verzwei­felte Eintönigkeit, die bestürzende Hartnäckigkeit nicht verborgen bleiben, mit der sich das Schicksal ost seine Opfer aussucht ... in aller Welt.

Das gleitet dir so Tag für Tag durch die Hände: kleine raschelnde Papierstreifen, Chronik des Un­glücks und des Elends, voller Blut und Tod und Tränen. Man möchte aufatmen, wenn hier oder dort einer mit dem Leben und mit dem Schrecken davonaekommen ist: wenn das große Los wieder einmal an kleine Leute fällt, Sie es gebrauchen können: wenn dem Obersten Lindbergh ein Sohn geboren wird: wenn sie einen Abgestürzten aus der Gletscherspalte geborgen haben, oder schla­fende Kinder aus einem brennenden Haus. Aber meistens hat man gar keine Zeit, sich mit priva- tcu Gennitsbewegungen aufzuhalten. Dienst ist Dienst, die Maschinen brauchen Stoff, die Ro­tation frißt Papier.

Garrz selten einmal geschieht es, daß du aus dem Gleichmaß der Arbeit, die Schnelligkeit und

Sozialgesinnung als Aufgabe!

Die Voraussetzung für die Ertämpfung der innen- und außenpolitischen Freiheit Deutsch­lands ist die Herstellung des Wirt­schaftsfriedens. Ein Volk, dessen eine Hälfte sich von der anderen Hälfte unterdrückt fühlt und in seiner Seele Haß aufspeichert gegen den eigenen Volksgenossen, der ihm nicht als blut­verbundener Bruder, sondern als tückischer Aus­beuter erscheint, ist unfähig, seine Mission zu erfüllen. Der Wirlschaftsfrie.en aber ist wiederum abhängig von einer Regelung der sozialen Frage. Eine Regierung, die es nicht versteht, das Na­tionale . mit dem Sozialen innerlich zu verbinden und es sowohl in der Staats- als auch in der Wirtschaftsordnung praktisch zu verwirk­lichen, wird über kurz oder lang scheitern. Von allen -Vorwürfen gegen das Präsidialkabinett Papen-Schleicher, es regiere autokratisch, es frage nicht nach dem Mehrheitswillen und wie die An­würfe sonst noch lauten, ist nur derjenige ernst zu nehmen, der aus dem Munde der National­sozialisten ebenso ertönt wie aus dem Munde der Sozialdemokraten, und der behauptet, das Kabinett von Papen seider Hort der sozia­len R e a k t i o n".

Wer ist heute im Deutschland der sieben Mil­lionen Arbeitslosen wahrhaft sozial? Nur der­jenige, der Arbeit schafft, und zwar in solchen Formen schafft, die die Würde des Men­schen nicht verletzen und nicht das Gefühl einer aussichtslosen Sklaverei aufkommen lassen. Es ist das hohe Verdienst des Reichspräsidenten von Hindenburg, daß er immer und immer wieder, und auch jetzt bei der Veröffentlichung der Notverordnungen, auf die unerläßlichen Vor­aussetzungen in sozialer Hinsicht hingewiesen hat, die allein eine Auflockerung des Tarifrechtes rechtfertigen. 3n feiner Sonntagsrede in Mün­ster hat der Reichskanzler von Opfern ge­sprochen, die dem Arbeitgeber, wie dem Arbeit­nehmer im 3ntereffe der darbenden und arbeits­losen Volksgenossen aufgelegt werden müßten. Es ist jedoch ein ungeheurer Unterschied in der Fühl­barkeit des Opfers, ob dem Generaldirektor eines staatlich subventionierten Betriebes das Iahres- gehalt von 100 000 Mk. auf 40 000 Mk. beschränkt wird oder ob ein Arbeiter das an und für sich schon geringe Tarifeinkommen gekürzt erhält. Eine wirtschaftliche Ordnung, welche die Haupt­lasten der breiten Masse des werktätigen Volkes aufbürdet, ist unsozial. Darüber helfen alle schönen Reden nicht hinweg.

3n dem Anreiz für die Betriebe, die Tariflöhne unterbieten zu dürfen, wenn neue Arbeiter in Söheren Mengen eingestellt werden, liegt zweisel- s eine soziale Gefahrenquelle. Ein Staat, der alles nur dem guten Willen seiner Bürger überläßt, und der auf scharfe gesetzliche Kontrollen verzichtet, kann leicht Rückschläge erleiden. Auch bei der Ausgabe der Steueranrechnungsscheine scheint sich der

Staat etwas allzu sehr auf die menschliche iln* eigennützigkeit verlassen zu haben. Es besteht einstweilen keine Möglichkeit, die im Prinzip als zusätzliches Geldmittel gedachten Steueranrech­nungsscheine auch wirklich in dem Umlauf der Wirtschaft gelangen zu lassen. Eine größere staatliche Initiative gegenüber dem unkontrol­lierbaren und von den großen Staatsmännern der Geschichte immer etwas skeptisch angesehenen guten Willen" wäre, wie es die Ereignisse bald beweisen werden, erheblich sozialer gewesen. Aber schließlich kann soziale Gesinnung niemals durch Verordnungen ausgezwungen werden, und der Staat hat lediglich dafür Sorge zu tragen, daß sich eine unsoziale Gesinnung nicht zum Schaden der Volksgemeinschaft auswirken kann. Ob es hier ohne neue Notverordnungen abgeht, muß abgewartet werden.

Wir stellten fest: sozial ist, wer Arbeit in menschenwürdigen Formen schafft! Da aber menschlicher Voraussicht nach die Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren nicht voll überwunden werden kann, im nächsten Winter sogar furcht­barer in ihren Folgen fein wird als je zuvor, reicht die soziale Ausgabe für den Staat und den einzelnen heute erheblich weiter. In we­nigen Wochen fallen die Blätter, und die ersten Nachtfröste lassen das Land erstarren. Der Staat muß mit einer großzügigen Arbeitslosen- Hilfsaktion hervortreten, die dem ganzen deutschen Volk den Grundsatz einhämmert, aber auch verwirklicht:Kein Deutscher darf hungern und frierenl" Hier erwächst für die Reichswehr und die Wehrverbände, aber auch für die großen Parteien und berufsstän­dischen Vereinigungen eine außerordentliche und dankenswerte Ausgabe. Zur Not müssen ganze Stadtteile oder ganze, von der Not besonders betroffene Gebiete aus staatlichen Feldküchen er­nährt werden. Nur wenige tragen heute Schuld an ihrer Not, deshalb darf der Staat nicht schuldig werden, diese Not Mir Verzweiflung auswachsen zu lassen. Wenn der Winter dann überwunden ist, muh das Werk auf dem Wege der Arbeitsbeschaffung und Siedlung weiter fort­gesetzt werden.

Für ein überparteiliches Präsidial-Kabinett gibt es nur einen Weg, das Herz des Volkes zu gewinnen und dem Parteihader Einhalt zu tun. Es ist der Weg, der in die Tat um* gesetzten sozialen Gesinnung. Der Vegriffkonservativ" vermag demjenigen nicht das mindeste zu geben, der arbeitslos, hungernd und frierend in seiner kahlen Wohnung sitzt. Es gibt in Zukunft in Deutschland keine andere Aristokratie mehr, als eine Sozial-Aristokratie! Es gibt keinen anderen Nationalismus mehr, als einen sozialen Nationalismus! Wer sich dieser Erkenntnis widersetzt, über den geht das Rad der Geschichte hinweg. Wer sie jedoch meistert, dem gehört die deutsche Zukunft!

Wie kam Südostemopa geholfen werden?

Oie Krisis der Agrarländer auf der Konferenz von Siresa.

Stresa, 6.Sept. (WDD.) Das Komitee für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Südosteuropas ist heute vormittag zusammengetreten. Der deut­sche Vertreter Ministerialdirektor Posse erklärte, seiner Meinung nach liege das Hauptproblem in der Lösung der landwirtschaftlichen Schwierigkeiten, aus der sich dann auch eine Regelung der finanziellen Fragen von selber ergeben würde. Der deutsche Vertreter schlug die Gründung eines wirtschaftlichen Unterkomitees vor, um so rascher zum Ziel der Konferenz zu ge­langen.

Der polnische Delegierte Rose schlug vor: Schaffung von Kontingenten für den Aus­fuhrüberschuß seitens der Gläubigerländer, fer­ner die Schaffung von Präferenzen, die aber allgemein sein müßten, um von Nutzen zu fein,

und eine U rn schu ldu n g der kurzfristigen Schulden auf eine Obligationenanleihe. Diese An­leihe könne auf den Hauptgeldmärkten aufgenom­men werden, und zwar für jeden Staat getrennt

Der britische Gesandte Addison erklärte so­dann in scharfen Worten, daß das einzige Mittel, um den lächerlichen Zustand zu' beseitigen, der gegenwärtig von Staat zu Staat einen hundert­prozentigen Ausgleich der Handelsbilanzen schaf­fen soll, die Beseitigung der Einfuhr­schwierigkeiten und vor allem die Herab­setzung der Zölle sei. Denn durch die jetzige Wirtschaftspolitik würde die Wirtschaft einfach abgewürgt.

Der rumänische Handelsminister Madgearu erklärte, eine der Hauptursachen der gegenwär­tigen Krise in den Agrarstaaten sei der Preis­

sturz, der die Agrarländer besonders schwer be­troffen habe. Dazu kämen «noch die allgemeine Panikstimmung und die Abwehrmaßnahmen der die Produkte der Agrarstaaten importierenden Länder. Gewährung von Präferenzen sei notwendig. Sie mühten auch lauf Vieh, Fleisch und landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgedehnt werden Der rumänische Delegierte forderte so­dann gerechte und normale Preise für die bäuerlichen Produkte: denn nur so könnte eine noch größere Verelendung der Agrar­bevölkerung in Südosteuropa verhütet werden. Amerika müsse bedenken, daß es ohne eine eu­ropäische Einigung unmöglich sei, dem Schul­de n d i e n st an Amerika nachzukommen.

Mit dringenden Worten wies Madgearu auf die Gefahr der Insolvenz der südosteuro­päischen Staaten hin.

Der tschechoslowakische Delegierte Fierlin- g e r betonte, die Devisenvorschriften hätten nur andere Länder, wie z. D. die Tschecho­slowakei, aus Verteidigungsgründen zu ähnlichen Maßnahmen gezwungen. Ein großer Fortschritt wäre, wenn man den Agrarstaaten die Ab­nahme ihrer Getreideüberschüsse garantieren könnte. Die Tschechoslowakei sei be­reit, Präferenzen für agrarische Produkte zu ge­währen, wenn ihr für ihre Produkte eine gleiche Behandlung zugesichert würde.

Die Koaliiionsgesprache wieder ausgenommen.

Brüning w.rd von Goering empfangen.

B,erlin 6. Sept. (TU.) Im Reichstaa wurden am Dienstagnachmittag die Besprechungen zwischen den Nationalsozialisten und dem Zentrum wieder ausgenommen. Reichstagspräsident G o e r i n g empfing nacheinander den früheren Reichskanzler Dr. Brüning und den Reichstags­abgeordneten Dr. Bell (Zentrum).

DieGermania" nimmt in längeren Ausfüh­rungen Stellung zu den Verhandlungen des Zen­trums mit der NSDAP, in Verbindung mit der Frage, ab eine Tolerierung der Reichs­regierung möglich wäre. Das Blatt schreibt u. a., was die Zentrumspartei will und unternimmt, das ist der ernste und ehrliche Versuch, einen Weg aus­findig zu machen, der eine verfassungs­mäßige Entwicklung gewährleistet und unter möglichst geringen Risiken eine Entspannung und Stabilität unserer politischen Ver­hältnisse zum Nutzen der wirtschaftlichen Be­lebung sicherstellt. Wenn jetzt dem Zentrum emp­fohlen wird die Regierung Papen zu tolerieren, so geht dieser Rat an Kernpunkten der politischen Krise vorbei, denn damit wäre für die Ausräumung des Konfliktes mit dem Reichstage und die Vermeidung feiner für Staat und Volk gefährlichen Folgen gar nichts gewonnen, da auch dann eine über­wältigende Mehrheit noch immer geaen d i e Regierung stünde. Die entscheidende Auf­gabe ist es, die negative Mehrheit in eine posiiive umzuwandeln, die bereit ist, der Führung durch eine von starker Autorität ge­tragene Reichsregierung eine parlamenta­rische Basis zu geben. Das ist das Ziel, das die Zentrumspartei nicht allein, sondern nur i m Zusammenwirken mit anderen erreichen kann. Wenn es verfehlt wird, dann wird leider Größeres verfehlt, als nur die Schaffung eines ar« beitsfähigen Reichstages.

Kommunisten und SPD. fordern Aufhebung der Notverordnungen.

Berlin, 6. Sept. (VDZ.) Die k v rn rn u ni­st i s ch e F r a k t i o n hat irn Reichstag zwei Anträge eingebracht, in denen sie die sofortige Auf­hebung der Verordnungen des Reichspräsidenten zur Belebung der Wirtschaft vorn 4. September 1932 und der Verordnung der Reichsregierung zur Ver­mehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit vom 5. September 1932 fordert. Auch die sozialdemokra­tische Reichstagsfraktion hat einen Antrag einge­reicht, in dem die Aufhebung der Notverordnungen verlangt wird.

Genauigkeit von dir fordert, aufgestört wirst und den Atem anhältst ... vor ein paar armseligen Zeilen auf schmalem Papier. Ganz selten einmal, vielleicht war es am 13. August. Da liegt, mit allerlei anderen, eine Meldung vor dir, aus Pa­ris: ein Autounglück ist geschehen. Das füllt ge­rade zwölf Zeilen. Und während du liest, wie sich das zugetragen hat, hörst du plötzlich dein Herz schlagen, eine Erinnerung schießt dir durch den Kopf, du muht einen Augenblick den Bleistift hin­legen und es noch einmal lesen. Und dann be­greifst du die sinnlose Grausamkeit dieses Einzel- schicksals: nun ist das also schreckliche und unab­änderliche Wirklichkeit geworden, was du vor vierzehn Jahren um ein Haar selber aus nächster Nähe mit angesehen hättest: und was sich da­mals deine Phantasie nicht auszumalen wagte. Um ein paar Sekunden und ein paar Zentimeter hat es sich gehandelt. Damals hatten wir Glück und sind allesamt mit dem Schrecken davongekom­men.

Vor 14 Jahren: Spätwinter oder Frühjahr 1918. Auch in Frankreich. Da gehen drei deutsche Telephonisten Übers Feld mit einer dicken Kabel­rolle und dünnen Stangen: Leitung legen von der Feuerstellung nach hinten. Sie kommen an eine Fahrstraße mit hochliegenden Böschungen. Graben hier ihren Pfahl ein, machen den Draht fest, schö­nen starken Draht, drei Millimeter wohl, viel haltbarer als der gewöhnliche, dünne, der ewig zerschossen und unzählige Male geflickt war. Ueberschreiten die Straße, rollen Draht ab der hangt schlapp über dem Boden und fangen an, gegenüber ein neues Loch auszuheben. Daß die unübersichtliche und tagsüber kaum befahrene Straße etwa dreißig Meter seitlich von ihnen eine scharfe Kurve macht, merkt bei der Arbeit bloß einer von den Dreien. Und auch der erst in dem Augenblick, als in voller Fahrt ein mit vier Offi­zieren besetztes Stabsauto (das keiner kommen hörte) aus der Kurve heraus auf die Leitung zu­schießt. Ehe er's recht begreift, ist der Wagen da ... vorüber ... schon verschwunden in einer rötlichen Staubwolke hinter der nächsten Biegung.

3m alleräußersten Augenblick hat der Mann auf der Böschung das Kabel hochgerissen. Der Wagen saust drunter durch. Um Sekundenbruch­teile steht der Draht, Aittemb gestrafft, ein paar Handbreit über den vier Köpfen. Dicker starker Kabeldraht. Und der Wagen macht gut und gern 60 Kilometer. Die Offiziere haben gar nicht ge­merkt, in welcher Gefahr sie geschwebt hatten. Das ging alles so schnell. Wie in einem Film oder

in einem bösen Traum. Die drei Soldaten haben sich ein paar Augenblicke lang stumm angesehen, und das Herz hat ihnen geschlagen. Einer von den Dreien hält vierzehn Jahre später ein Blatt Papier in der Hand ... kleines weißes Papier ...ein paar Zeilen darauf ... Paris, 12. August.

-y-

Jupiter in Berlin.

23on Victor Auburtin.

Auf dem Potsdamer Platz in Berlin vor dem Siechen" (wo man früher die bekannten Kasseler Rippespeer bekam) hat sich ein Astronom einge­richtet. Er besitzt ein langes Fernrohr, und die­ses Fernrohr hat er auf die Königgrätzer Straße zu gewendet, in deren Verlängerung sich der Pla­net Jupiter befindet.

Es kostet einen Groschen, wenn man einmal durch das Fernrohr sehen will.

*

Der Berliner ist bekanntlich eine durchaus ma­teriell gesinnte Natur, und namentlich in den un­teren Schichten ist ein beklagenswerter Mangel an idealem Interesse zu verzeichnen. So kann man es wenigstens in den fremden Zeitungen lesen. Deshalb steht hier auch immer eine Reihe von ungefähr zehn Mann, die warten und einen Groschen bezahlen wollen, um sich einen Stern zu besehen.

Cs sind einfache Leute von der Straße, einige Soldaten darunter. So lange sie warten müssen, fassen sie die Sache allerdings mehr als Spaß auf, machen Witze und grinsen. Aber wenn sie an das Rohr herankommen, werden sie stille, und wer hinausgesehen hat, der grinst nicht mehr.

Dabei ist zu erwägen, daß sich hier dicht ne­benan ein Lichtspieltheater befindet, in dem man den FilmIn der Schlinge des Inders" hätte betrachten können.

Auch ich bin etwas aufgeregt, als ich an die Reihe komme und in das Fernrohr sehen darf. An dem Okular ist eine Spiegelvorrichtung an­gebracht, und man blickt deshalb nicht hinauf, son­dern von oben hinein wie in ein Mikroskop. So sehe ich wie in einer Lupe unter mir die weihe, geheimnisvolle, ferne, beunruhigende Scheibe des Gestirns, während der Astronom mir erklärt, daß dieses der größte unter den Planeten ist, und daß er vielleicht von vernunftbegabten Wesen be­wohnt wird.

Um Gottes willen, lieber Mann, hoffentlich nicht. Vielmehr gewährt es einen heimlichen Reiz, au hoffen, daß diese gewaltige Welt einsam durch die Aetherstille wandelt, mit ihren schweigenden Ebenen und den Bergen im ewigen Schlaf; daß es dort keinen Krieg, keine Valuta, keine Woh­nungsnot gibt.

Mein Hintermann wird ungeduldig und fängt an, mich zu stoßen. Es ist ein Herr in Lederga­maschen und Automobilmütze und er will seiner­seits astronomische Beobachtungen anstellen. So gibt der ferne Stern jedem eine Minute des Ge­dankens oder der Phantasie oder des Nichtver­stehens, und er gibt es um einen Groschen, den er aber nicht selbst einzieht, sondern einem armen Menschen zusammen läßt.

Es ist lange nicht so schlimm in der Welt, wie gemeinhin behauptet wird.

Streit um einen platz.

©in Streit, der im Grunde genommen um nichts gebt, erheitert die Berliner. Da ist in Berlin ein Platz' der sich wachsender Beliebtheit im Verkehr e</rcud; öffentlicher Platz van Fahrzeugen aller Art in steigendem Maße bevorzugt wird, dann entstehen Kalamitäten. In der Derk ehr stechnik heißt das, der Platz ist verstopft. Ist ein Platz verstopft, bann muß der Besitzer des Platzes, die Stabtoer- waltung, umbauen und für besseren Abfluß sorgen. Kostet natürlich Geld. Im Gelbausgeben sind die Stadtverwaltungen seit einiger Zeit sehr zurück­haltend geworden. Die Berliner Stadtverwaltung hetzten Platz umbauen, will dafür aber möglichst wenig Geld ausgeben. Dem Spardiktator ram eine Erleuchtung: lieber den Platz fahren ja Straßenbahnen; die Gleise müssen umgelegt wer­den und auch die Leitunasdrähte. Das ist doch eine zlngelegenbeit, die die Stadtverwaltung nichts an- geht, sondern die Elektrizitätswerke. Die Elektrizi- tatswerke jedoch erklären, daß sie nicht das Bedürf- nis hatten, Gleise und Leitung umzulegen, bestünde das Bedürfnis aber bei der Stadtverwaltung, dann ttmne sie es tun, müsse es aber auch bezahlen. Ein Kostenanschlag über etwa 3,8 Millionen Mark an- bet zur gefl. Kenntnisnahme. Nun streiten die bei- Den darüber, wer die Kosten übernehmen muß. Das Komische dabei ist, daß die Elektrizitätswerke Eigen- tum der Stadt Berlin sind, und einerlei, wie der Streit ausgeht, die Stadt Berlin es doch bezahlen