Nr. 4 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, 6. Zanuar 1952
Aus Natur und Technik.
Neues vom Fernsehen.
Äon Max Fischer.
(Nachdruck verboten!)
In einer Sitzung des Elektrotechnischen Vereins sprach kürzlich in Berlin Postrat Dr. B a n n e i tz über die Ergebnisse der Fernsehoersuche des Reichs- postzentrolamts. In außerordentlich klarer und leicht, verständlicher Art zeigte der Vortragende, wie die Bilder, die wir mit dem Auge gleichzeitig in ihrer ganzen Fläche übersehen, zum Fernsehen in eine große Zahl einzelner Punkte zerlegt werden müssen, die zeilenweise durch einen Lichtstrahl abgetastet und nacheinander übermittelt werden; wie dann diese
Bild
O
Nipkows&ie
Lochscheibe
Punkte beim Empfänger wieder zu einem Bild zu- sammengesetzt werden, so daß der Beschauer sie, obwohl sie nacheinander erscheinen, infolge der Trägheit seines Auges gleichzeitig zu sehen glaubt uiü) so ein Bild sieht, das in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Er erläuterte dies durch ein Lichtbild, indem er einen Lichtstrahl durch das erste Loch einer
schraube und die Braunsche Röhre. Bei der Spiegel schraube fällt ein Lichtstrahl aus etwa hundert in Form einer doppelten Wendeltreppe aufeinander getürmte schmale Spiegelstreifen und wird in diesen entsprechend dem Fortschreiten der Drehung als wandernder Bildpunkt sichtbar. Die Braunsche Rohre ist ein kegelförmiges Glasgefäß das seinen matten Boden dem Beschauer zukehrt. Don der Spitze aus geht ein Kathodenstrahl durch das Innere der Röhre und wird aus dem Boden sichtbar. Dieser Strahl wird durch je ein Äonbenfator platten paar in waagerechter und senkrechter Richtung fortgesetzt so verbogen, daß der auf dem Boden entstehende Lichtpunkt zeilenweise über die Bildfläche huscht. Die Ladung der Kondensatoren wird durch eine Ripkowsche Scheibe gesteuert.
Die Fernsicht auf der Empfängerseite wird beim Fernsehen dadurch vorgetäuscht, daß der Beschauer etwa durch die Löcher einer Ripkowschen Lochscheibe in eine Lichtquelle sieht, die in ihrer Helligkeit dauernd schwankt, also beispielsweise bei 10 000 Bild- punkten und 25maüger Wiedergabe in der Sekunde 250 OOOmal in der Sekunde, bei 30 000 Bildpunkten also Xmillionenmal in der Sekunde. Das ist nicht etwa ein Schreibfehler, sondern es ist tatsächlich so, daß die Lichtquelle ihre Helligkeit ^«millionenmal in der Sekunde verändern muß, und zwar ganz genau ensiprechend den Helligkeiten der Punkte des ursprünglichen Bildes. So wenig Trägheit haben nur Glimmlampen also Lampen ohne Glühfaden, in denen nur Gase leuchten; diese Glimmlampen waren bisher leider nicht sehr hell. Run ist es aber neuerdings gelungen, eine Glimmlampe zu schaffen,
die die hundertfache Helligkeit der bisherigen Fern- fehlampen hat; dies ist wohl einer der größten Fortschritte, die in letzter Zeit auf dem Gebiete des Fern- sehens gemacht worden sind; mit dieser Lampe kann man nun tatsächlich Helle, ganz hellgelb leuchtende Fernsichten erzeugen.
Wenn man die Entwicklung des Fernsehens in den letzten paar Jahren verfolgt hat, so ist man immer wieder erstaunt, in wie kurzer Zeit geradezu ungeheure Fortschritte erzielt worden sind. Man kann heute schon in recht befriedigender Weife fernsehen; bei 30 000 Bildpunkten und 25 Bildern in der Sekunde kann man schon Bilder mit ziemlichen Feinheiten, vielleicht schon ganze Bühnenbilder senden. Das Fernsehen wäre eigentlich schon jetzt verwendungsreif, wenn wir schon die Funkwellen hätten, denen man eine so große Zahl von Bild- punkten in der Sekunde aufpacken kann; nur daran hängt es noch. Es ist aber kein Zweifel, daß es aud) damit nun vorwärts gehen wird, so daß wir hoffen dürfen, schon in wenigen Jahren einen Fernseher ebenso selbstverständlich im Funkladen kaufen zu können, wie heute einen Funkempfänger oder einen Lautsprecher. Dann werden wir im Fernsehen über überkurze Wellen in unseren Wohnungen die Ereignisse sich abspielen sehen, zu denen uns der Rundfunk bisheriger Art die Töne und Geräusche genau so liefern wird, wie sie sich jetzt im Tonfilm zu einem Gesamteindruck vereinigen. Ist schon unser jetziger Rundfunk ein großes, großes technisches Wunder, so grenzt der Heimtonfilm geradezu an I Hexerei, und doch geht auch bei ihm alles wie überall I mit durchaus natürlichen Dingen zu.
Erstes Erlebnis der Technik.
Ein Dichter, ein Schauspieler und ein Maler erzählen ...
Oberteil der Lochscheibe heraus- geschnitten. Man sieht den Hellen Streifen über dem mittleren Loch und den dunkeln darunter, weil das mittlere Loch um das links schraffierte Stück zu hoch sitzt.
zunächst stillstehenden Ripkowschen Lochscheibe auf die weihe Wand fallen ließ. Dann wurde die Scheibe in Umdrehung versetzt, und zwar zunächst ganz langsam: Dabei wanderte dann ein Punkt über die erste Zeile, noch deutlich als Punkt erkennbar, dann über die zweite usw. Mit dem Schnellerwerden der Umdrehung ging der Eindruck des Punktes mehr und mehr verloren; nach einiger Zeit sah man bann die ganze erste Zeile hell, bann bie zweite usw., bis schließlich bei weiterer Zunahme ber Umbrehungs- geschwinbigkeit bie ganze Bilbfläche hell zu sein
Sind bagegen bie Löcher sechseckig, so überbecken sie sich trotz- bem, unb es gibt keine ober nur ganz schwache Streifen auf ber Fernsicht.
schien, obwohl ja auch bann immer nur ein einziger heller' Punkt zeilenweise barüberhin huschte.
Der Vortragende zeigte hieraus an Hanb ber Beispiele bie auch schon auf ber letzten Funkausstellung zu sehen waren, baß bie Zerlegung bes Bilbes in 1200 Punkte unb eine 12%maligc Ucbermittlung bes Bilbes in ber Sekunbe, auf bie man sich beschrankt hotte, um Fernsichten auf unseren Runbsunkwellen ohne Störung benachbarter Wellen geben zu können, nicht genügt baß man vielmehr auf 10 000 bis 30 000 Bilbpünkte unb eine 25malige Uebcrmittlung in ber Sekunbe geben muß, wenn man wirklich gute Fernsichten erzielen will. Die Uebermittlung ist bann allcrbings nur mit Ueberkurzwellen möglich; es wirb daher bie Aufgabe ber nächsten Zukunft fein, einen Ueberkurzwellenrunbfunk für bie Zwecke bes Fernsehens zu schaffen. Mit ben erforberlichen Versuchen ist man beschäftigt.
21h einfachstes Mittel zur Abtastung bes Bildes beim Sender hat sich die Ripkowsche Lochscheibe auf die Dauer bewährt. Freilich werden die in einer Spirale angeordneten Löcher bei der großen Bild- Punktzahl sehr klein; sie messen nur noch etwa ein Zehntel Millimeter in der Seitenlange. Es i|t na- türlich sehr schwierig, diese Löcher so genau auszu- stonzen daß die zweite Lichtzeile unmittelbar unter ber ersten, die dritte unter der Zweiten usw. so anschließt, daß bei der Wiedergabe keine sichtbaren Trennlinien entstehen. Tatsächlich sind diese Trennlinien immer etwas störend, zumal sie zwischen den verschiedenen Zeilen in verschiedener Brette bald bell unb halb bunkel auftreten. Man hat sich daher neuerdings so geholfen, daß man die Locher nicht mehr quadratisch macht, sondern sechseckig, mit Den Spitzen nach oben und unten, so daß sich bie Bild- -eilen etwas überlappen; dadurch kann man bie Trennlinien zwischen ben Zeilen fast vollkommen zum Derschwinben bringen.
Beim Empfänger hat man an Stelle ber Lochscheibe verschiebene andere Mittel zum Zusammen- sctzen bes Bildes verwenbet, so z.B. bie Spiegek-
Vorgestern ein Traum, gestern ein Wunder, heute schon eine Selbstverständlichkeit — das ist die Technik.
Wie sie die Technik als Wunder erlebten, schildern im nachfolgenden einige hervorragende Zeitgenossen:
Der Fremdling aus dem Hochrad.
Äon Jakob Schaffner.
Es war in der Armenanstalt (Beuggen a. Rh, die in meinem Kindheitsroman „Johannes" den Ramen Demutt trägt. Ich führte dort gegenüber, der Schweizer Grenze seit einigen Zähren als Daterwaise ein bald beschauliches, bald angefochtenes Leben. Ron Technik hatten wir noch nichts gehört, nicht einmal das Wort kannten wir, desto besser waren wir mit dem Heiligen Geist bekannt, und mit den Propheten und den Aposteln verkehrten wir wie mit unseresgleichen. Der Platz lag einsam von Mauern umhegt weitab von der Welt. Oben vorbei fuhr die Eisenbahn; daß das ein Erzeugnis der Technik war, fiel keinem von uns ein zu denken. Eisenbahnen waren schon dagewefen, als wir den ersten (Blick in die Welt taten, und was immer da war, das gilt dem Kind neben Hund und Katze als das Selbstverstandl.che. Auch die Petroleumlampe, die uns zu unseren Andachten und unserer kleinen Arbeitssklaverei leuchtete, war Technik. Die Näh- maschine, der Göpel, die Häckselmaschine, die Pumpe, die Dreschmaschine, die jeden Herbst in unserem Hof surrte, und so vieles andere war Technik, ohne daß wir uns dessen bewußt wurden. Am meisten gab uns schließlich noch die Dreschmaschine zu gucken und zu denken. Da stand sie in ihrer eisernen Massigkeit, stieß aus dem Kamin schwarzen Rauch, zischte, fauchte, surrte und summte stundenlang, daß man von dem Ton ganz krank wurde, und der Dreschkasten ratterte und lärmte; hie und da stieß sie kurze oder lange Wollustschreie aus, und alles in allem mißtraute ich ihr, ich empfand sie als einen Eindringling und glaubte nicht an ihre Gebändigtheit. Die Knechte, die sie bedienten, sahen auch nicht wie ihre Herren aus; sie waren schmutzig, ruppig, unwissend und mußten immer tun, was ihnen befohlen wurde; wenn man genau zusah, so war es die Maschine, die befahl. O ja, ich hatte einen scharfen Blick und ließ mich nicht so leicht hinters Licht führen. Ich war auch ganz dagegen, daß unser Herr Johannes uns die innere Mechanik einer Lokomotive dar- legte. Ich wollte nichts davon wissen. Cs zerstörte mir das Bild, es vernichtete mir die Gestalt, und es bedrohte das Phantasiebild, das ich von der Lokomotive hatte als von einem großen, guten, schnellen, starken Lebewesen, das aus geheimnisvoller eigener Kraft durch die Lande c;lt. Mit einem Ding, das mit Büchsen und Heizröhren, Zylindern und lleberhitzkammern ausgerüstet war, konnte ich nichts mehr machen. Ein Ingenieur steckte gewiß nicht in mir.
Aber eines Tages erschien in unserem Hof etwas, das mir wirklich wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt und aus einer neuen Zeit vorkam. Ein ehemaliger Zögling des Armenhauses, der es draußen offenbar zu etwas gebracht hatte, war an einem schönen Sonntagmorgen auf einem hohen Rad angerückt, das man, wie es hieß, bestieg und dann ganz schnell durch Treten fortbewegte. Die wenigsten von uns hatten ihn ankommen sehen, die Nachricht ging wie ein Lauffeuer unter uns um. Niemand konnte sich etwas Rechtes darunter vorstellen. Man mu:maßte, stritt, wahrsagte. Aufgeregt kam man in die Predigt, deren Text das sieche Weib war, das der Herr geheilt haben sollte. Derweilen stand drunten irgendwo das sagenhafte Tretrad, und da rechts in der Fensternische sah der Fremdling, schlug die Beine übereinander und hörte mit überaus vornehmem, fortgeschrittenem und ziemlich verwundertem Gesicht die Mär von dem kranken Weib und die Anwendung mit an, die der Herr Dater davon machte. Er trug helle Hosen und einen blauen Rock, dazu eine flatternde Krawatte und braune Schuhe. Ich hätte nicht sagen wollen, daß er dem predigenden und heilenden Wann in Palästina überlegen gewesen wäre, aber die Apostel konnten zweifellos vor ihm einpacken und samt und sonders dos Feld räumen.
Nach der Predigt hielt uns bloß die nie versagende eiserne Anstaltszucht davon ab, wie eine wüste Horde über die breite Treppe hinunter schnurstraks nach dem Hof zu rennen. Aber dann sahen wir den wunderbaren Fremdling vom sogenannten Holzschuppen, der ehemaligen Fecht- und Wandelhalle der Deutschritter, her seine blinkende Maschine an der Hand heransühren wie ein phantastisches Märchen» oder Geisterpferd, dem ein großer Zauberer diese Gestalt gegeben hat. (Borne drehte sich ein mannshohes oder noch höheres Rad mit vielen spinnenbeindünnen leuchtenden Speichen und einem ganz schmalen, gebrechlichen Radkranz, den ein dünner Gummireifen umgab. Ein glitzerndes Leben und Weben war in der Bewegung des Rades. Hinten wuselte schnell und atemlos ein ganz kleines Rädchen nach, das durch eine lange gebogene Stange übet das große Rad hinüber mit einem kleinen Sattel und einer Lenkstange verbunden war, beide so hoch oben, daß keiner von uns begriff, wie man da hingelangen konnte. Er aber faßte aufmerksam und ruhig die beiden Metallhörner in der Höhe, setzte den linken Fuß auf einen Dorn in der gebogenen langen Stange, trat einigemal kräftig und zielsicher an, kletterte schnell auf den nächsthöheren Dorn, schwang sich von dort flink in den Sattel, und während wir atemlos dachten: „Jetzt kippt die ganze Geschichte um und er fliegt herunter!", hatte er mit den Füßen die Pedale aufgefangen. Nach kurzem Pendeln brachte er die Maschine in einen gleichmäßigen, stolzen Gang, der mir ungeheuer edel unb siegreich vorkam. Die Herren standen lächelnd da und taten, als sei bas kaum eine Mücke im Bergleich mit dem Reich Gottes, aber ich war ergriffen und tief hingenommen und ärgerte mich über sie.
Nachdem der wunderbare Fremdling ein paar Kehren und Kurven durch den Hof ausgeführt hatte, griff er an den runden Strohhut. grüßte überlegen und entschwand durch das obere Tor aus unfern Blicken.
Mein erster Kinobesuch.
Äon Eonrad Deidt.
„Die Billets bis Nummer 10 sind abgelaufen", brüllten zwei geschäftige Männer bei meinem Eintritt in das „vornehmste Kinoetablissement" Tempelhofs. Das war eine Schaubude auf einem Rummelplatz des alten Tempelhofer Feldes. 1912. Ich war 19 Jahre alt und sah zum erstenmnl einen Film. Eintrittspreis: 10 Pfennig, Kinder unb Solbaten 5.
Hehler Geruch von Schweiß unb Apfelsinenschalen schlug mir entgegen unb nahm mir fast ben Atem. Die durch Ausruf Hinausgeworfenen drängten zum Ausgang, der gleichzeitig auch der einzige Eingang war. Dann fand ich Platz neben einem einsamen rundlichen Mädchen, das mich keines Blickes würdigte, aber vertrauensvoll ihre Knie gegen die meinen drückte. Nach einer endlosen Pause, die nur das (Brummen des (Ventilators füllte (nie habe ich aufmerksamer diesem Geräusch zugehört», in der Liebespaare verstohlen miteinander flüsterten und (Butterbrot- unb Schokolabenpapier knisterte, würbe es dunkel. Ein Leierkasten fang bie neusten Schlager: „Komm in meine Liebeslaube, in mein Paradies" und „Püppchen, du bist mein Augenstern", bann folgte — Stille. Ein versteckter Apparat begann zu surren, unb plötzlich erschienen auf der primitiven Leinwand herrlich verregnete Bilder. Wie der erste Film, den ich sah, hieß, weiß ich nicht mehr; ich entsinne mich nur einiger, von Gassenjungen umgestürzten Aepfelkiepen und an die tolle Jagd, die nach den jugendlichen Derbrechern begann, ilnö bann ertönte bie Stimme des Ansagers: „Hier, meine Herrschaften, sehen Sie die strafende Gerechtigkeit (zwei (Blaue mit Pickelhauben hatten zwei der Jungen ergriffen), das heißt, die Jungen haben wohl die Strafe verdient, aber die Polizei ist gerecht, sie schützt sie vor der Wut des Pöbels."
Ich sah unter dem Eindruck dieses Bildwerkes wie gebannt auf meinem Platze. Das war etwas anderes als Theater, das ich allabendlich bei Reinhardt sah — weniger und doch auch mehr. Hier bewegten sich die Menschen zwar nur auf der Leinwand, und sie schwiegen, aber ihr mimischer Ausdruck war ungleich bedeutungsvoller als auf der Bühne. Ich träumte während der
ganzen Pause und vergaß das Mädchen neben mir unb den brummenden Ventilator; zahlte fünf Pfennig nach und blieb, bis Nummer 12 abgelaufen war.
und trug ein großes Erlebnis nach Hause, ohne allerdings zu ahnen, daß ich mich selbst wenige Jahre später da oben auf ber Leinwand würde sehen können; Jahre, in denen dec Film zu einer neuen, zukunftsreichen Kunst heranreifte.
Es wurde Licht...
in der Friedrichstraße.
Äon Professor Or. Max Liebermann.
Man hat sich daran gewöhnt, und namentlich unsere jüngste Generation nimmt das Wunder de- elektrischen Lichtes beinahe als eine Selbstverständlichkeit hin; als sei die Erfindung eine Kleinigkeit und nicht deS Aufhebens wert. Biel- leicht liegt das auch daran, daß unsere Jugend — wie sie stets betont — keine Zeit zum Nachdenken hat. Das Tempo unserer Zeit macht ja so vieles vergessen.
11ns aber, die wir die Geburt des elektrischen Lichtes miterlebt haben, wird es als bedeutungsvollstes Werk, als eine der größten Erfindungen der Technik in Erinnerung bleiben.
Das ist nun schon bald ein halbes Jahrhundert her; ich war damals ein ausgewachsener Dreißiger und beleuchtete die Stätte meiner eigenen Wirksamkeit, mein Atelier, standesgemäß mit Petroleumlampen. Gasbeleuchtung war damals noch das Attribut der Vornehmen, und obgleich ich mir diesen Luxus hätte erlauben können, scheute ich doch die Kosten, aber auch die Primitivität der Anlage und das unbarmherzig-grell- weiße, harte Licht. Da ging wie ein Lauffeuer die Kunde von der Erfindung Edisons durch die Welt, und man wartete gespannt auf die erst Jahre später der Oessentlichkeit übergebene elektrische Glühlampe.
Ich sah sie zum erstenmal im Jahre 1882, also drei Jahre nach ihrer Erfindung. An einem Maiabend bummelte ich durch die untere Friedrichstadt Schon von der Zimmerstraße aus sah ich eine riesige Menge an der Kochstraße stehen. Die Kochstraße zwischen Wilhelm- und Friedrichstraße erstrahlte in nie gesehener Lichtstärke. Das „elektrische" Licht —: ging es von Mund zu Mund. Die Menschen, unter ihnen auch ich, starrten diese 20 Straßenlaternen ungläubig und bewundernd an. Cs gab damals natürlich noch keine Metallfadenlampen, sondern nur einfache Kohlenfadenbirnen, aber daß diese dünnen Fäden einen derartigen Lichtschein verbreiteten, daß keine Flamme, also nichts „Brennbares" vorhanden war, das war das Erstaunliche. Gin Helles, weiches, gelbliches Licht überstrahlte die menschenvolle Straße.
Ganz Berlin sprach von diesem Erlebnis, und als Siemens & Halske diese Versuchsbeleuchlung im September wieder entfernten, war allgemein Bedauern am Platze.
Einige Monate später sah ich das elektrische Licht schon in verschiedenen Lokalen: in der „Ressource", im „Böhmischen Brauhaus", im „Union-Club". Heberall stand man vor dem elektrischen Wunder, starrte und staunte.
Fünfzig Jahre sind seither verflossen. Ich habe viele technische Wunder inzwischen erlebt und mehr als einmal Respekt vor dem Genie des Erfinders empfunden. Aber unauslöschlich brennt nach wie vor in meinem Leben das erste elektrische Licht.
DieWasserleitungisteingefrom!
Lachgemäße Behebung des Frostschadens.
(Nachdruck verboten!)
Wenn früher eine Wasserleitung eingefroren war, fo war dies eine schlimme Sache, namentlich, wenn sie unter Puh lag, übertapeziert oder angestrichen war. Man mußte dann den Puh heraushauen, um das Rohr mit der Lötlampe erwärmen zu können. Bei tapezierten und ange» strichenen Rohren verbrannten beim Erhitzen die Tapeten und der Anstrich. Wo solche Leitungen durch die Decke oder durch die Wände hindurchgingen, kam man mit der Stichslamme meist überhaupt nicht heran.
Da jetzt im Winter das Einfrieren von Wasserleitungen wieder eintreten kann, sei einmal darauf hingewiesen, daß man heutzutage eingefrorene Wasserleitungen elektrisch auftauen kann. Dom sogenannten Punktschweißverfahren her hat man gelernt, daß man mit sehr geringen und ungefährlichen Spannungen, beispielsweise schon mit 2 Volt, aber mit sehr großen Stromstärken starke Wärmewirkungen ausüben kann, die man eben »um Zusammenschweißen von Eisenblechen usw. benutzt. Ganz ähnlich kann man nun zum Auftauen mit Wasserleitungen verfahren, nur verwendet man dabei etwas höhere Spannungen, nämlich etwa 6 bis 8,5 Volt Diese Spannung legt man mit gut anschließenden Rohrschellen an die aufzutauende Leitung an, wobei die Schellen zweckmäßig einen Abstand von 20 Meter voneinander haben, so daß man also immer ein 20 Meter langes Leitungsstück auf einmal eisfrei machen kann. Wan braucht dabei nicht das ganze Rohr freizulegen, sondern nur die Stellen, wo man die beiden Rohrschellen anschließen muh.
Bei der Spannung von 6 bis 8,5 Volt ergibt sich eine Stromstärke von 100 bis 200 Ampere. Diese Stromstärke ist notwendig, weil bei geringeren Stromstärken die Erwärmung so langsam ansteigt, daß sie durch Ausstrahlung immer wieder verloren geht.
Woher bekommt man nun Ströme so geringer Spannung und fo hoher Stromstärke? Wo in das Haus Wechfelstrom eingeführt ist, ist dies verhältnismäßig einfach. Jeder geschäftstüchtige Installateur hat heutzutage einen kleinen Auftau- Abspanner. Das ist ein Eisenkern mit zwei Wicklungen in einem kleinen Kästchen. Die eine Wicklung, die eine große Windungszahl hat und aus dünnem Draht besteht, wird an das Lichtney angeschlossen, wobei die 6-Ampere-Sicherungen durch solche für 10 Ampere ersetzt werden müssen, da sie sonst durchbrennen. An die zweite Wicklung, die aus dickem Draht besteht und wenige Windungen hat, werden zwei dicke Kabel ange-


