1WM.1 V ' \ Trr Voland.
>
1 f
!ü te 7
’ Unsere nächste lammlung M am Mittwoch, dem st. März, na mm. h3 Uhr, i, Gewerf- itfiaftMiaub fimi. (Nicht am 6. 8. 32 wie anaetünbhit
b . 10U a^deMnten
'•Lucius leU (Ob.,^
indL k,**11* et r“t'f.,|4j ün n. '^nor le Erlog* 1 * * * *“'*-- IK6 *7^h6>B
^ui 3|LUc'-t
Stadttheater
Gießen iK’p
Lchiller'^M : i
•Sffil?
•SStÄ? 1
MK S c drei ow'u sä?’
S-W'"^
Jfa «ür. .yiittWO*',.'! li ’i^gssr von
wBsi'y;
isg>r Ä-* I
Lj/erS*"! Z/^5en?r t8?™* «iaihi’s S'1
•WirtiMni ZL°S-
LLrL^
ronntag. 6. Mär!, SoMM nach h. Sarlrnih.' Trenvunkf. 3 Uhr. Marburger »Ito« sRordanlagei. w> 4 Uhr ran,. W schienen, 3>ttübflß' werken ustv. ww können emgeiM werden. W
Ser Porstand.
®-30 Ubtn-tD Cafe Amend Tiir hilmiiiii M°utag.7. Mär, 8 Uhr UI)D Hotel Köhler. SSH Ittimlito
Ur. 55 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 5. März 1952
Oer Reichspräsident.
Don Ministerialdirektor Dr. Poehsch-Heffter, Mitglied des Reichsrates.
Dr. Poetzsch-Heffter. der sich in der Debatte über eine Reichsreform einen Ramen gemacht hat, übernimmt am 1. April eine ordentliche Professur für Staate- und Der- waltung-recht an der Universität Kiel.
Dei den Beratungen der ReichSverfaf» sung in Weimar gingen die Ansichten über die Gestaltung der Präsidentschaft nicht unerheblich auseinander. Zunächst vertrat eine Dichtung die Auffaffung, dah man an die Spitze des Staates nicht einen einzelnen Mann stellen solle, der der Platzhalter der Monarchie werden könne, sondern dast man nach dem Dorbilde der Schweiz ein Kollegium zur obersten Stelle des Deiches machen möchte Diese Dichtung konnte sich indessen nicht durchsetzen Die Mehrheit war mit Decht der Meinung, dah ein so geschossenes Direktorialshstem sich vielleicht in kleineren Ländern, wie in der Schweiz, bewähren könne, dah aber in Deutschland nur ein Ein-Mann- S Hst em die notwendige Zusammenfassung des Volkes zur Staatseinheit verwirklichen könne. Dieser Gedanke, dah in der Präsidentschaft d i e überparteiliche Einheit der Ration stark zum Ausdruck kommen müsse, beherrschte *mch die nächste Frage, ob der Reichspräsident nur das Organ eines parlamentari - schen Syst^.nS oder nicht vielmehr der selbständige Degenspielergegcnüber der Dertretung des Dolkes im Reichstage werden solle So schieden sich die Befürworter eines entschiedenen Parlamentarismus von den Anhängern einer starken Präsidentschaft. Für die Beurteilung dieses Gegensatzes war es kennzeichnend, dah sich unter den Anhängern der starken Präsidentschaft auch entschiedene Der- treter der Demokratie wie Friedrich Daumann befanden, und dah auch Preuh sich Anträgen, die den Präsidenten nur zu einem Ausführungsorgan parlamentarischen Willens machen wollten, widersetzte. Das Ergebnis war ein K ompro- m i h Dieser hat aber für die Entwicklung doch soviel Raum gelasseiz, dah die Möglichkeit einer präsidialen Führerschaft nicht verschlossen ist. Zu- tresfend hat Reichspräsident v.Hinden- • 6 u r g bei seiner Vereidigung den Gedanken jum Ausdruck gebracht, dah im deutschen Volks- staot die Derkörperung der Dolks- fouveränität nicht bloß durch den Reichstag, sondern ebenso durch den Reichspräsidenten erfolgt. Beide leiten ihre hohen Befugnisse vom Dolke ab und derjenige von ihnen wird die stärkste politische Kraft entfalten können, der in feinem Willen am lebendigsten den Willen der nationalen Dolks- gemeinfchaft aufgehen läht.
Die Selbst ändigk ei t des Reichspräsidenten gegenüber dem Reichstage ist von der Verfassung zunächst dadurch gewährleistet. dah seine Wahl nicht wie in Frankreich eine mittelbare Wahl durch das Parlament und den Senat, sondern die unmittelbare V o l k s w a h l ist. Damit kommt deutlich zum Ausdruck dah der Reichspräsident seine Befugnisse nicht vom Parlament, sondern sie unmittelbar demWillen desVolkes entnimmt. Die DolkSwahl ist deshalb ein Kern- gedanke unseres ganzen volksstaatlichen Systems. Wenn häufig in Verkennung grundlegender Gedanken der Weimarer Verfassung angenommen worden ist. dah der Parlamentarismus in ihr das alles beherrschende Motiv fei, fv ist ein solches Fehlurteil vor allem aus einer schiefen Betrachtung der präsidialen Stellung her- vorgegangen. 3e mehr beim Versagen der Parteien der Sinsluh des Parlaments zu- rückge gangen ist. um so mehr hat sich auch in der Staatspraxis zeigen müssen, welche grobe Bedeutung dem vom Dolke gewählten Reichspräsidenten für das staatspolitische Schicksal der Ration zukommt
Die Rotwendigkeit, die Dielheit des Dolkes zu einer Staatseinheit zusammenzufassen, beherrscht sowohl die Wahlen zum Reichstag wie die Präsidentenwahlen. Das Wahlrecht der
Römische Groteske.
Don Dr. Gustav W (iberkin, Rom
Gemeinhin glaubt man. dah ganz Italien unter dem Schatten des Liktorenbündels stehe, des Beiles Schneide jeden Racken ohne Unterschied der Person und die Rute anderes bedrohe, dah vor dem harten Gesetz alle gleich seien und die berühmte faschistische Zucht keine Ausnahmen kenne. Das ist ein Irrtum. Manchenorts, auf gewissen Strahen zum Beispiel regiert noch das alte System des seligen Maleritaliens, und gewisse Schichten der Bevölkerung erfreuen sich noch der mit Recht so beliebten liberalen Behandlung. wie die Radfahrer, die eine Clique für sich bilden, und sich regieren, wie sie wollen.
Es kann auch fein, dah der neue Herakles, der auch fein Dutzend Aufgaben zu erledigen hat. zwei noch nicht lösen konnte. Es gelang ihm zwar, die lernäische Schlange der Maffia zu erledigen, dem nemeischen Löwen der bureaukratifchen Der- lotterung das Fell über die Ohren zu ziehen und so manchen Augiasstall auszumisten, ganz zu schweigen von der Entschlossenheit, mit der er den roten Stier bei den Hörnern packte, aber der grimmen Singvogeljäger ist er noch nicht Herr geworden. Und die stählernen Höllenhunde mit ihren vier Armen und ihren vier Beinen gehen einfach über feine Kraft. Die Radfahrer sind stärker als Mussolini. Grotesk, ist aber so.
Wer es nicht glaubt, der fahre einmal, wenn er mit dem "Leben spielen will, im Auto abends durch Rom oder gar auf einer der Ausfallstraßen. Für ferne Derkehrsintereffenten genügt es. wenn sie die römischen Zeitungen lesen. Seit nämlich auch die Redakteure ein Auto haben, ist das P/oblem, das vorher mit der selbstverständlichen Schuld der ..Mörder vom Dolante" spielend gelöst wurde, huf dem Papier, zu einem öffentlichen geworden, und jetzt ist sich aus einmal alles darüber einig, dah die Radfahrer einen feindlichen Fremdkörper im autonomen Stadtstaat Rom bilden.
Wenn es nach den Gesetzen ginge, so wäre Italien schon immer das befttegierte Land der Welt gewesen, und auch das Straßenverkehrs- gesetz kann nur mit vorzüglicher Hochachtung genannt werden. Aber wer lieft es schon? Wer
Präsidentenwahl ist hierfür aber geeigneter als das Verhältniswahlsystem der Reichstagswahlen das zwar den Ansprüchen der Gerechtigkeit in gröhtmöglichem Mähe entspricht, aber mit der dadurch herbeigeführten Zersplitterung der Stimmen die Möglichkeit der MchrheitS- und Einheitsbildung im Reichstage erheblich abgcfchwächt hat. Bei den Präfidentenwahlen dagegen wird durch die Einführung eines zweiten Wahlganges, bei dem die relative Mehrheit entscheidet, die nottoenbige WillenSbildung auf jeden Fall ermöglicht. wenn im ersten Wahlgang nicht schon einer der Kandidaten die absolute Mehrheit, alfo mehr als die Hälfte der überhaupt abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen konnte.
Die Zweiheit, Volksvertretung und Präsidentschaft, ist als Spitzenstellung in unserem Staatswesen nur dadurch möglich, dah über ihr der Wille des Dolkes als letzte maßgebende Einheit gedacht ist. Diese Einheit ist in ihrer Durchsetzung gefährdet, falls Reichspräsident und Reichstag sich nicht mehr auf einer einheitlichen Linie zusammen- finden könnten. Ist die« der Fall, so geht die Entscheidung wieder unmittelbar an daS Volk zurück. Das kann einmal dadurch geschehen, dah der Reichspräsident einen Volksentscheid über ein Gesetz herbeiführt oder sogar den Reichstag auflöst und so dem Volke Gelegenheit gibt, in Reuwahlen über den Konslikt zu entscheiden. Der Appell anS Volk kann aber auch vorn Reichstag ousgehen. Sr ist, allerdings nur mit , Mehrheit berechtigt, vor Ablauf der Amtsfrist eine Volksabstimmung darüber herbei- zuführen. ob der Reichspräsident in seinem Amte bleiben soll.
Die starke politische Stellung des volkserwähl- te'n Reichspräsidenten kommt in seinen zahlreichen Befugnissen und Zuständigkeiten, die ihm die Verfassung übertragen hat, deutlich zum Ausdruck Diese Besugnisse gehen über diejenigen hinaus, die nach der Bismarckschen Verfassung beim Kaiser lagen, der allerdings durch seine preuhilche Hausmacht im Rücken praktisch eine stärkere Stellung gegenüber den Parteien hatte. Viefach wird freilich eingewendet, dah alle diese Zuständigkeiten des Reichspräsidenten
durch die notwendige Gegenzeichnung der parlamentarischen Minister stark abgeschwächt feien. Das ist nur insoweit richtig. alS die vom Reichspräsidenten ernannte Regierung sich gegen den Dillen des Reichstages auf die Dauer nicht behaupten kann. Da der Dolkswille stetS in der 11 c b c r c i n ft i m m u n g zwischen Reichspräsident und Reichstag dargestellt werden soll, wird der Reichspräsident allerdings bei all seinen Anordnungen auf den Willen deS Reichstages Rücksicht nehmen müssen. Diese Rücksicht bedeutet aber nicht eine zwangsläufige Unterwerfung. Wenn die Uebercinftimmung in keiner anderen Weise herdeizuführen ist. bleibt, wie gesagt, dem Reichspräsidenten der verfassungsmäßige Weg, d a S Volk selbst entscheiden zu lallen. Der Reichskanzler und die Reichsminister bleiben aber stets vom Vertrauen des Reichspräsidenten abhängig denn der Reichspräsident ist in der Lage, jederzeit den Kanzler oder den Reich-minister zu entlassen, der die von ihm für notwendig gehaltene Politik feinerfeit» nicht glaubt fortsehen zu können. Ss zeigt sich deshalb auch in der Stellung des Kanzlers und der Reichsminister jene doppelte Beziehung, die bereits al- das Eharakteristische in der obersten Gewalrenverteilung gekennzeichnet worden ist. Die Reichsregierung bedarf zwar zu ihrer Amtsführung da- Vertrauen deS Parlaments, fie ist aber ebenso von der Fortdauer des ihr bei der Ernennung geschenkten Vertrauen- des Reichspräsidenten abhängig.
Es liegt auf der Hand, dah wenn sich die Parteien im Reichstage zur Bildung einer starken Mehrheit zufammen- finden, hierdurch das Bedürfnis des Volkes auf Schaffung einheitlicher Staatsmacht bereits im weiten Umfange erfüllt wird, so dah es dann dem Reichspräsidenten möglich ist, selber stärker in der politischen Führung zurück^utreten. Andererseits ist es geradezu die Pflicht des Präsidenten, bei einem Versagen der parlamentarischen Einheitsbildung seinerseits in einer stärkeren Einwirkung auf das politische Geschehen hervorzu- treten.
Wie ein Amerikaner Deutschland sieht.
Mit offenen Auaen durch deutsches Land im Rotwinter 1931-32.- 3m ».sächsischen Sibirien". — Flucht in die Religion irn ehemaligen Hauptquartier von Max Hölz.
Don H. R. Knickerbocker.
Copyright 1932 by Rowohlt-Verlag, Berlin.
5 er durch seine ausschluhreichen Ruhlandbücher auch bei uns bekannte amerikanische Journalist H. R. K n i ck e r b o d c r hat im Auftrag der „Rew Bork Evening Post" Deutschland im Auto bereift, um einen „Blick hinter die Fafsade zu tun. Seine ungeschminkten Berichte, mit deren Veröffentlichung wir heute beginnen, geben ein erschütterndes Bild deutscher Rot unter der Geihel der Arbeitslosigkeit, aber auch nicht alltägliche Streiflichter zur politischen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands.
Falkenstein in Sachsen. . . Gebete entsteigen dem Hinterzimmer der Textilfabrik. Es ist Mittag, die Arbeiter beten um Hilfe.
Don den Betfälen an zehn, zwölf verschiedenen Enden Falkensteins steigen Gebete aus. Es ist Abend die Arbeitslosen deS „roten“ Falkensteins liegen auf den Knien. Das „rote" Falkenstein hat Marr verlassen und sich zu Gott gewandt.
Diese Gemeinde von 15 000 Seelen ist jetzt, in dem „härtesten Winter seit hundert Jahren" wahrscheinlich nicht der einzige überzeugende Beweis für das allgemeine Elend in Deutschland. Aus jeden Fall aber hatte mir der Leiter des Berlin-Reuköllner Arbeitsamtes gesagt. dah Falkenstein, soviel er wisse, von allen Städten in Deutschland den höchsten Prozentsatz an Arbeitslosigkeit und Elend aufweise. Hier an Ort und Stelle hat man wirklich den Eindruck, dah Deutschland in feiner ganzen unruhigen Rachkriegs-
gefchichte keinen ergreifenderen Beweis für die allgemeine Verwirrung liefern kann als diese „Flucht in die Religion" in dem ehemals revolutionären Falkenstein.
Das Elend und die Verwirrung sind hier besonders kräh und vielleicht nicht typisch, aber bei dem schwierigen Unternehmen, die wahre Der- faffung und den wirklichen Geisteszustand eines Volkes von 60 Millionen Menschen zu erkennen, können die Extreme einem dazu verhelfen, sich cin_ Bild vom ganzen zu machen. Dankieraus- fchülle, welche die „Flucht von der Mark" untersuchen, sind noch nicht nach Falkenstein gekommen, aber die „Flucht in die Religion" ist vielleicht als Wirtschaftsindikator nicht weniger beachtenswert.
Alle Deutschen und viele Ausländer kennen das bergige Wintersportland, das „Sächsische Schweiz" heiht. Rur wenige Deutsche, die nicht dort wohnen, und anscheinend kein Ausländer weih etwas vom „sächsischen Sibirien", der Gegend derTextil- und Spitzenfabriken, der Armut und der Gebete. Der Rame ist keine phantasiereiche Erfindung. Dieses traurige Gebiet von ungefähr 1300 Quadratkilometer umsaßt etliche Gemeinden von der Art Falkensteins und hat eine Gesamtbevölkerung von 100 000 Menschen, aber Falkenstein kann besondere Beachtung beanspruchen.
Hier setzte im Jahre 1920 die Bevölkerung, in der einen Hand die rote Flagge, in der anderen die Brandfackel, eine kommunistische Regierung
ein und äscherte die Villen der reichen Bürger
ein. In Falkenstein organisierte Max Hölz, der bekannte rote Insurgent, den kommunistischen
läht es auf sich anwenden? Vielleicht die Autofahrer, unter Umständen, wenn es ihm paht, sogar ein Fußgänger, nie aber ein Radler. Sie sind die eigentlichen Herren von Rom. sie heihen Velozipedisten, aber man nennt sie Delozi- pedaster, wie man Politikaster lagt, doch geruhen sie darauf zu pfeifen. Das ist übrigens ihre einzige Tugend, wenn sie einem dicht auf dem Fell sitzen, denn eine Glocke kennen sie nur vom Hörensagen. Der Herr Gouverneur, der nicht nur ein Fürst, sondern auch ein äußerst liebenswürdiger Mann ist, hat ihnen schon oft erklärt, dah fie außerdem eine Laterne, eine Bremse und womöglich auch einen Rückstrahler haben müßten, aber fie haben das nicht gehört. Don Zeit zu Zeit wird es ihnen schwarz auf weiß, amtlich und gedruckt eingeschärft. Sie haben es nicht gelesen. Sie kennen nut ein einziges Gesetz: il commodo suo, was auf Deutsch besagt- jeder sein eigener Gesetzgeber.
Ein Menschenalter lang kam die Bahn ans Meer nicht vom Fleck, bis Mussolini tarn und befahl: am 1. August fährt fie! Am I. August fuhr sie. Wer im Wagen nach Rettuno fuhr, erlebte jedesmal das Dergnügen, seine Gummi vor Freude Platzen zu sehen. Bis der Duce selber sich ans Steuer setzte — da glättete sich die Straße wie Wogen unter Oel. Es bleibt uns nur übrig, ihn zu bitten, gelegentlich einmal an einem regnerischen Abend von dem beliebtesten Ausflugsort. von Frascati nach Rom heimzusahren.
Er würde den Kopf schütteln über den Diktator. der sich eine solche Freiheit, ein derartiges Dolksregime gefallen läßt
Die Straße, die altehrwürdige Via Tuscolana befindet sich bereits bei der Annäherung an Rom in Eruption, nach dem alten Stadtzoll geht sie in Dauerrevolution über. Denn fie erfreut sich noch der fo beliebten vorsaschistifchen Behandlungsmethode. nach deren Regeln immer wieder auf- und zugemacht wird, je nachdem, ob Wasserrohre. Gasleitungen oder Kabel zu verlegen sind. Auf einmal läßt sich das nicht machen. Rach römischer Pslastersitte bleiben jedesmal Rinnen und Schluchten oder Buckel und Höhenzüge zurück, die man die kleinen Alpenninen zu nennen pflegt. Die Beleuchtung ist fo, wie fie von den Menschen, denen untere herzliche Zuneigung gehört. den Liebespärchen, bevorzugt wird Das ist
der Boden, den der Delozipedaster braucht, hier reift er zur edelsten Blüte heran.
Das fliegt lautlos wie Pfeile kreuz und quer, unsichtbar, aber wirkam, das prallt gegen die Fenster und hockt unerwartet auf dem Kühler, das triumphiert mit trillerndem Hohn und keift entwaffnend, wenn ein Kotflügel den Kentauren gestreift zu haben den Anschein haben könnte. Das schießt aus den Seitenstraßen, das prescht rechts vor und biegt urplötzlich vor den Scheinwerfern, die gerne ihre Pflicht tun möchten, aber nicht dürfen, über die Fahrbahn. Das schlängelt sich durch die verzwicktesten Stauungen, daß man nicht weih, was mehr zu bewundern wäre, der Mut oder die Geschicklichkeit. Man sagt, wer in Rom Autofahren gelernt hat, der vergißt es auch in der Hölle nicht. Doch ungleich erfahrener noch find die Radler.
Für fie gibt es keine Gesetzesfallen, keine Rechtsecken, kein Paragraphengestrüpp. Sie tun alles, was verboten ist, sie dürfen alles. In Regierungsblättern kann man lesen. daß diejenigen unter ihnen, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten, die Schlimmsten sind. Wie etwa die rad- fahrenden Beamten, die Telegraphenboten, die Soldaten, die Polizisten. Der Königliche Automobilklub berichtet:
Sein Gewährsmann habe einen nächtlichen rad- fahrenden Wächter der Derkehrsordnung gefragt, warum er keine Laterne führe, und folgende Antwort bekommen Das Amt gibt uns keine, und daß wir selber eine laufen, wird doch niemand verlangen? Oder ein uniformierter Soldat: Die Laterne wurde mir gestohlen und mein Hauptmann hat gefügt, ich solle ohne fahren!
Unbegreiflich, aber es ist fo.
Unter den Augen der Verkehrsregler. am Hellen Tage, im Mittelpunkt der Stadt, pfeifen die Radler auf alle Dorschriften, deren Richtbeachtung einem Automobilisten teuer zu stehen tarne. Es ist unmöglich, hier zu übertreiben. Man sieht mit Möbelstücken. Kindern, Erwachsenen überladene Radler im Gewühl, sie haben nicht nur alle Hände und Schutzbleche voll Gepäck, sondern auch den Kopf. Der Wann mit dem Morgenbrot, der Zeitungsträger, der Aus.äufer der Weinhandlung ist mit einem ungeheuerlichen Korb ausgerüstet, breit wie ein Auto, zwängt sich aber zwischen Randstein und den vor der
Konterputsch, der da» Ziel hatte, die Umsturzbestrebungen des reaktionären Wolfgang Kapp zu vereiteln. Vier Wochen lang herrschten die Roten in Sachsen, bis baverische Reichswehr das Land überschwemmte. Hölz wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, fein Falt wurde eine causc cclthre. Rach feiner Amnestierung ging er nach Rußland.
Im Jahre 1932 hat die Bevölkerung hier in der einen Hand die Bibel und in der anderen den ArbeitslofenauSweis. Die meisten der wiederaufgebauten Dillen stehen zum Verkauf. Einige von ihren Besitzern leben jetzt von öffentlichen Almofen. Die Hälfte der Spitzen- und Textilfabriken ist geschlollen. Die andere Hälfte arbeitet nur an drei Tagen in der Woche. Don den 15 000 Einwohnern find 7500 arbeitslos ober von Arbeitslosen abhängig und leben auf Gemeindekosten. Don der anderen Hälfte der Bevölkerung sind 2500 noch beschäftigt und leben mit ihren Familien von einem Wocheneinkommen, daS im Durchschnitt zwei biS vier Mark über der Unterstützung liegt.
Max Hölz ist nicht vergessen, doch feine früheren Genossen schicken jetzt ihre Kinder in die Sonn- tagsschule. „Die Religion", hat Lenin erklärt, .ist Opium für das Dolf', aber in Falkenstein ist ee mit den .Arbeiterräten" vorbei. Heute hat eS Dei- fäle.
Wir kamen an einem Samstagabend bei Schneewetter an. Das Hotel war geöffnet, aber wir waren die einzigen Gäste. In dem ganzen Haufe war nicht ein Schlafzimmer geheizt. In den kalten Straßen draußen waren einige schwach erleuchtete Läden zu sehen, die noch nicht geschlossen waren, aber sie hatten keine Kunden. Auch oic Bierlokale waren offen; überall waren fünf bis sechs Leute, die den ganzen Abend über bei dem kleinsten Glas Bier saßen, das eS gab. Die Det- fälc waren offen, Hunderte beteten.
Im trüben Licht des SonntagmorgenS bewegten sich Reihen grauer Gestalten durch die Straßen. Sie marschierten zu dem „Bethaus der Dettler- hemdgemeinde", zur „Evangel. Dibelgemeinde", zur „Unveränderten Augsburger Gemeinschaft" zu den „Reuen Aposteln", den „Adventisten", zur „Provinzial-Kirchengemeinde". zu den .Bibei- auelegcrn", den „Evangelischen Bibelgläubigen", zu der regulären lutherischen Kirche und zu den Methodisten.
Manche von diesen Kirchen existierten schon, ehe die Wirtschaftskrise der RachkriegSzeit das Jenseits den Falkensteinern um so viel verlockender erscheinen ließ alS da« Diesseits. Die meisten jedoch entstanden in den letzten schweren Jahren. Wir schlossen uns den Methodisten an, die auf dem Weg zur „Zionskirche" waren.
Vs war kalt. Schnee und Regen schlug Den Brüdern der Gemeinde ins Gesicht. Es war neun Uhr morgen«, der Tag hätte sich trefflich zum Schlafen geeignet. Aber Falkenstein ist, wie in feiner Revolution, auch in feiner Religion radikal. Die Frommen stehen früh auf. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Fünfhundert lauschten den Worten des Predigers: „Was ist mit einer Welt, in der ihr euch nicht kleiden könnt, obwohl Millionen Ballen Baumwolle und hunderttausende Tonnen Wolle vernichtet werden?" Die Gemeinde faßte nach ihren eigenen fadenscheinigen Jacken „Wa« ist mit einer Welt, in der ihr hungert, während Millionen Tonnen Getreide vernichtet werden?" Die Gemeinde schluckte. „Es ist an dem", beantwortete er seine Fragen, „die Welt hat Gott vergessen." Die Gemeinde nickte. „Wie lange wird das währen? Wir wissen es nicht", rief er. Die Gemeinde stöhnte leise auf. „Wenn schon im Reichstag gesagt wird, daß wir unmittelbar vor dem völligen Zusammenbruch stehen, dann muß das etwas bedeuten." Die Gemeinde schauderte. -2iber", schloß der Prediger, „daS gilt nicht nur für Deutschland. In der ganzen Welt ist e« so, und Gott strast uns alle."
„Die Franzosen nicht", murrte ein Mann mit finsterem Gesicht neben mir.
Um elf Uhr begann die Sonntagsschule, und die Kirche füllte sich mit fünfbun&ert Kindern. Sie waren nicht in Lumpen gekleidet, sie sahen gut aus. Don außen merkt man Falkenstein fein Elend überhaupt nicht an. Die Straßen find sauber. 5>ic Arbeitslosen achten auf nettes Aussehen, wenn sie aus dem Haus gehen. Kein Dolk Derkehrsampel haltenden Wagen durch, auch wenn nur ein Halder Meter Zwischenraum blieb, rechts oder lints, das spielt keine Rolle. Der Herr mit dem Teegebäck fährt freihändig, raucht seine Zigarette und lacht alle Mädel an. Er kann da«, er ist unbehindert, denn der Korb, eine wahre Bahre, schwankt auf feinem Kopf.
Hohe Belohnung demjenigen, der einen vor- fchriftsrnähig ausgerüsteten Radfeh er sichtet! Das steht in der Zeitung, es soll scherzhaft klingen, aber es wirkt nur grotesk, denn es ist zu wahr.
Rach der Statistik find die Fahrräder an den Unfällen mit 80 Prozent beteiligt, trotzdem werden sie als „harmlose Derkehrsmittel" nicht ernst genommen. Da scheint eine kleine Verwechslung mit dem vorzuliegen, was auf ihnen sitzt.
Wenn die Zeichen nicht trügen, dann bricht allerdings jetzt die Götterdämmerung herein. Allzuviele Römer fragen sich: Quousque tandem? — Wie lange noch?
Büchertisch.
W i t t ich - Kalender auf das Jahr 1 932. Herausgegeben von der L. E. Wittichfck^n Hofbuchdruckerei Darmstadt. Mit 6 Abbildungen. Tert, Entwurf und Satzgestaltung: 5>r. H. Dräu - ning - «Oktavio 32S. 8". Pappband. 5,00 Mark. (611). — Im Zeichen des Goethejahres läßt der Kalender die Tage Goethes in Darmstadt (feit 17Z2), das aus feinem Leben gar nicht weggedacht werden kann, in Auszügen aus Briefen des Dichters und feiner Zeitgenossen lebendig werden Glücklich verbunden sind damit auch die Beziehungen der L. E. Wittichschen Hofbuchdruckerei zu Goethe. Außer vier kleineren vorweimarifchen Schriften druckte diese Offizin 1773 die Erstausgabe des Götz von Berlichingen und die von Ioh. Heinr. Merck besorgte Ossian-Ausgabe, zu der Goethe die Titelvignette radierte. 1748 hatte sie eine sympathische Torbegegnung mit Goethe, al« Goethes Großonkel, der Darmstädter Oberftlieutnant Fr. ®|>rn. von Hoffmann fein Glückwünschkarmen zum 20. August 1748, dem „höchst vergnügten Goede- und Textorischen Hochzeitsfest" bei ihr drucken ließ» — Ausstattung, 5>rud und Illustration des hübschen Bändchens machen einen vornehmen und gediegenen Eindruck.


