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Ur. 55 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 5. März 1952

Oer Reichspräsident.

Don Ministerialdirektor Dr. Poehsch-Heffter, Mitglied des Reichsrates.

Dr. Poetzsch-Heffter. der sich in der De­batte über eine Reichsreform einen Ramen gemacht hat, übernimmt am 1. April eine ordentliche Professur für Staate- und Der- waltung-recht an der Universität Kiel.

Dei den Beratungen der ReichSverfaf» sung in Weimar gingen die Ansichten über die Gestaltung der Präsidentschaft nicht unerheblich auseinander. Zunächst vertrat eine Dichtung die Auffaffung, dah man an die Spitze des Staates nicht einen einzelnen Mann stellen solle, der der Platzhalter der Monarchie werden könne, sondern dast man nach dem Dorbilde der Schweiz ein Kollegium zur obersten Stelle des Deiches machen möchte Diese Dichtung konnte sich indessen nicht durchsetzen Die Mehrheit war mit Decht der Meinung, dah ein so geschossenes Direktorialshstem sich vielleicht in kleineren Län­dern, wie in der Schweiz, bewähren könne, dah aber in Deutschland nur ein Ein-Mann- S Hst em die notwendige Zusammenfassung des Volkes zur Staatseinheit verwirklichen könne. Dieser Gedanke, dah in der Präsidentschaft d i e überparteiliche Einheit der Ration stark zum Ausdruck kommen müsse, beherrschte *mch die nächste Frage, ob der Reichspräsident nur das Organ eines parlamentari - schen Syst^.nS oder nicht vielmehr der selb­ständige Degenspielergegcnüber der Dertretung des Dolkes im Reichs­tage werden solle So schieden sich die Befür­worter eines entschiedenen Parlamentarismus von den Anhängern einer starken Präsidentschaft. Für die Beurteilung dieses Gegensatzes war es kennzeichnend, dah sich unter den Anhängern der starken Präsidentschaft auch entschiedene Der- treter der Demokratie wie Friedrich Daumann befanden, und dah auch Preuh sich Anträgen, die den Präsidenten nur zu einem Ausführungs­organ parlamentarischen Willens machen wollten, widersetzte. Das Ergebnis war ein K ompro- m i h Dieser hat aber für die Entwicklung doch soviel Raum gelasseiz, dah die Möglichkeit einer präsidialen Führerschaft nicht verschlossen ist. Zu- tresfend hat Reichspräsident v.Hinden- 6 u r g bei seiner Vereidigung den Gedanken jum Ausdruck gebracht, dah im deutschen Volks- staot die Derkörperung der Dolks- fouveränität nicht bloß durch den Reichstag, sondern ebenso durch den Reichspräsidenten erfolgt. Beide leiten ihre hohen Befugnisse vom Dolke ab und der­jenige von ihnen wird die stärkste politische Kraft entfalten können, der in feinem Willen am lebendigsten den Willen der nationalen Dolks- gemeinfchaft aufgehen läht.

Die Selbst ändigk ei t des Reichs­präsidenten gegenüber dem Reichstage ist von der Verfassung zunächst dadurch gewähr­leistet. dah seine Wahl nicht wie in Frankreich eine mittelbare Wahl durch das Parlament und den Senat, sondern die unmittelbare V o l k s w a h l ist. Damit kommt deutlich zum Ausdruck dah der Reichspräsident seine Befug­nisse nicht vom Parlament, sondern sie un­mittelbar demWillen desVolkes ent­nimmt. Die DolkSwahl ist deshalb ein Kern- gedanke unseres ganzen volksstaatlichen Systems. Wenn häufig in Verkennung grundlegender Ge­danken der Weimarer Verfassung angenommen worden ist. dah der Parlamentarismus in ihr das alles beherrschende Motiv fei, fv ist ein solches Fehlurteil vor allem aus einer schie­fen Betrachtung der präsidialen Stellung her- vorgegangen. 3e mehr beim Versagen der Parteien der Sinsluh des Parlaments zu- rückge gangen ist. um so mehr hat sich auch in der Staatspraxis zeigen müssen, welche grobe Bedeutung dem vom Dolke gewählten Reichs­präsidenten für das staatspolitische Schicksal der Ration zukommt

Die Rotwendigkeit, die Dielheit des Dolkes zu einer Staatseinheit zusammenzufassen, be­herrscht sowohl die Wahlen zum Reichstag wie die Präsidentenwahlen. Das Wahlrecht der

Römische Groteske.

Don Dr. Gustav W (iberkin, Rom

Gemeinhin glaubt man. dah ganz Italien unter dem Schatten des Liktorenbündels stehe, des Beiles Schneide jeden Racken ohne Unterschied der Person und die Rute anderes bedrohe, dah vor dem harten Gesetz alle gleich seien und die berühmte faschistische Zucht keine Ausnahmen kenne. Das ist ein Irrtum. Manchenorts, auf ge­wissen Strahen zum Beispiel regiert noch das alte System des seligen Maleritaliens, und ge­wisse Schichten der Bevölkerung erfreuen sich noch der mit Recht so beliebten liberalen Be­handlung. wie die Radfahrer, die eine Clique für sich bilden, und sich regieren, wie sie wollen.

Es kann auch fein, dah der neue Herakles, der auch fein Dutzend Aufgaben zu erledigen hat. zwei noch nicht lösen konnte. Es gelang ihm zwar, die lernäische Schlange der Maffia zu erledigen, dem nemeischen Löwen der bureaukratifchen Der- lotterung das Fell über die Ohren zu ziehen und so manchen Augiasstall auszumisten, ganz zu schweigen von der Entschlossenheit, mit der er den roten Stier bei den Hörnern packte, aber der grimmen Singvogeljäger ist er noch nicht Herr geworden. Und die stählernen Höllenhunde mit ihren vier Armen und ihren vier Beinen gehen einfach über feine Kraft. Die Radfahrer sind stärker als Mussolini. Grotesk, ist aber so.

Wer es nicht glaubt, der fahre einmal, wenn er mit dem "Leben spielen will, im Auto abends durch Rom oder gar auf einer der Ausfallstraßen. Für ferne Derkehrsintereffenten genügt es. wenn sie die römischen Zeitungen lesen. Seit nämlich auch die Redakteure ein Auto haben, ist das P/oblem, das vorher mit der selbstverständlichen Schuld der ..Mörder vom Dolante" spielend ge­löst wurde, huf dem Papier, zu einem öffent­lichen geworden, und jetzt ist sich aus einmal alles darüber einig, dah die Radfahrer einen feindlichen Fremdkörper im autonomen Stadtstaat Rom bilden.

Wenn es nach den Gesetzen ginge, so wäre Italien schon immer das befttegierte Land der Welt gewesen, und auch das Straßenverkehrs- gesetz kann nur mit vorzüglicher Hochachtung ge­nannt werden. Aber wer lieft es schon? Wer

Präsidentenwahl ist hierfür aber geeigneter als das Verhältniswahlsystem der Reichstagswahlen das zwar den Ansprüchen der Gerechtigkeit in gröhtmöglichem Mähe entspricht, aber mit der dadurch herbeigeführten Zersplitterung der Stim­men die Möglichkeit der MchrheitS- und Ein­heitsbildung im Reichstage erheblich abgcfchwächt hat. Bei den Präfidentenwahlen dagegen wird durch die Einführung eines zweiten Wahlganges, bei dem die relative Mehrheit entscheidet, die nottoenbige WillenSbildung auf jeden Fall er­möglicht. wenn im ersten Wahlgang nicht schon einer der Kandidaten die absolute Mehrheit, alfo mehr als die Hälfte der überhaupt abgegebe­nen Stimmen auf sich vereinigen konnte.

Die Zweiheit, Volksvertretung und Präsidentschaft, ist als Spitzenstellung in unserem Staatswesen nur dadurch möglich, dah über ihr der Wille des Dolkes als letzte maßgebende Einheit gedacht ist. Diese Einheit ist in ihrer Durchsetzung gefährdet, falls Reichspräsident und Reichstag sich nicht mehr auf einer einheitlichen Linie zusammen- finden könnten. Ist die« der Fall, so geht die Entscheidung wieder unmittelbar an daS Volk zurück. Das kann einmal dadurch geschehen, dah der Reichspräsident einen Volksentscheid über ein Gesetz herbeiführt oder sogar den Reichstag auflöst und so dem Volke Gelegenheit gibt, in Reuwahlen über den Konslikt zu entscheiden. Der Appell anS Volk kann aber auch vorn Reichstag ousgehen. Sr ist, allerdings nur mit , Mehrheit berechtigt, vor Ablauf der Amtsfrist eine Volksabstimmung darüber herbei- zuführen. ob der Reichspräsident in seinem Amte bleiben soll.

Die starke politische Stellung des volkserwähl- te'n Reichspräsidenten kommt in seinen zahl­reichen Befugnissen und Zuständigkeiten, die ihm die Verfassung übertragen hat, deutlich zum Ausdruck Diese Besugnisse gehen über diejeni­gen hinaus, die nach der Bismarckschen Verfas­sung beim Kaiser lagen, der allerdings durch seine preuhilche Hausmacht im Rücken praktisch eine stärkere Stellung gegenüber den Parteien hatte. Viefach wird freilich eingewendet, dah alle diese Zuständigkeiten des Reichspräsidenten

durch die notwendige Gegenzeichnung der parlamentarischen Minister stark ab­geschwächt feien. Das ist nur insoweit richtig. alS die vom Reichspräsidenten ernannte Regierung sich gegen den Dillen des Reichstages auf die Dauer nicht behaupten kann. Da der Dolkswille stetS in der 11 c b c r c i n ft i m m u n g zwi­schen Reichspräsident und Reichstag dargestellt werden soll, wird der Reichspräsident allerdings bei all seinen Anordnungen auf den Willen deS Reichstages Rücksicht nehmen müssen. Diese Rücksicht bedeutet aber nicht eine zwangsläufige Unterwerfung. Wenn die Uebercinftimmung in keiner anderen Weise herdeizuführen ist. bleibt, wie gesagt, dem Reichs­präsidenten der verfassungsmäßige Weg, d a S Volk selbst entscheiden zu lallen. Der Reichs­kanzler und die Reichsminister bleiben aber stets vom Vertrauen des Reichspräsiden­ten abhängig denn der Reichspräsident ist in der Lage, jederzeit den Kanzler oder den Reich-minister zu entlassen, der die von ihm für notwendig gehaltene Politik feinerfeit» nicht glaubt fortsehen zu können. Ss zeigt sich deshalb auch in der Stellung des Kanzlers und der Reichsminister jene doppelte Beziehung, die bereits al- das Eharakteristische in der obersten Gewalrenverteilung gekennzeichnet worden ist. Die Reichsregierung bedarf zwar zu ihrer Amts­führung da- Vertrauen deS Parlaments, fie ist aber ebenso von der Fortdauer des ihr bei der Ernennung geschenkten Vertrauen- des Reichs­präsidenten abhängig.

Es liegt auf der Hand, dah wenn sich die Parteien im Reichstage zur Bildung einer starken Mehrheit zufammen- finden, hierdurch das Bedürfnis des Volkes auf Schaffung einheitlicher Staats­macht bereits im weiten Umfange erfüllt wird, so dah es dann dem Reichspräsidenten möglich ist, selber stärker in der politischen Füh­rung zurück^utreten. Andererseits ist es gerade­zu die Pflicht des Präsidenten, bei einem Ver­sagen der parlamentarischen Einheitsbildung seinerseits in einer stärkeren Einwirkung auf das politische Geschehen hervorzu- treten.

Wie ein Amerikaner Deutschland sieht.

Mit offenen Auaen durch deutsches Land im Rotwinter 1931-32.- 3m ».sächsischen Sibirien". Flucht in die Religion irn ehemaligen Hauptquartier von Max Hölz.

Don H. R. Knickerbocker.

Copyright 1932 by Rowohlt-Verlag, Berlin.

5 er durch seine ausschluhreichen Ruhland­bücher auch bei uns bekannte amerikanische Journalist H. R. K n i ck e r b o d c r hat im Auftrag derRew Bork Evening Post" Deutschland im Auto bereift, um einenBlick hinter die Fafsade zu tun. Seine unge­schminkten Berichte, mit deren Veröffent­lichung wir heute beginnen, geben ein er­schütterndes Bild deutscher Rot unter der Geihel der Arbeitslosigkeit, aber auch nicht alltägliche Streiflichter zur politischen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands.

Falkenstein in Sachsen. . . Gebete entsteigen dem Hinterzimmer der Textilfabrik. Es ist Mittag, die Arbeiter beten um Hilfe.

Don den Betfälen an zehn, zwölf verschiedenen Enden Falkensteins steigen Gebete aus. Es ist Abend die Arbeitslosen deSroten Falkensteins liegen auf den Knien. Dasrote" Falkenstein hat Marr verlassen und sich zu Gott gewandt.

Diese Gemeinde von 15 000 Seelen ist jetzt, in demhärtesten Winter seit hundert Jahren" wahrscheinlich nicht der einzige überzeugende Be­weis für das allgemeine Elend in Deutschland. Aus jeden Fall aber hatte mir der Leiter des Berlin-Reuköllner Arbeitsamtes gesagt. dah Falkenstein, soviel er wisse, von allen Städten in Deutschland den höchsten Prozentsatz an Arbeits­losigkeit und Elend aufweise. Hier an Ort und Stelle hat man wirklich den Eindruck, dah Deutsch­land in feiner ganzen unruhigen Rachkriegs-

gefchichte keinen ergreifenderen Beweis für die allgemeine Verwirrung liefern kann als diese Flucht in die Religion" in dem ehemals revolu­tionären Falkenstein.

Das Elend und die Verwirrung sind hier be­sonders kräh und vielleicht nicht typisch, aber bei dem schwierigen Unternehmen, die wahre Der- faffung und den wirklichen Geisteszustand eines Volkes von 60 Millionen Menschen zu erkennen, können die Extreme einem dazu verhelfen, sich cin_ Bild vom ganzen zu machen. Dankieraus- fchülle, welche dieFlucht von der Mark" unter­suchen, sind noch nicht nach Falkenstein gekommen, aber dieFlucht in die Religion" ist vielleicht als Wirtschaftsindikator nicht weniger beachtenswert.

Alle Deutschen und viele Ausländer kennen das bergige Wintersportland, dasSächsische Schweiz" heiht. Rur wenige Deutsche, die nicht dort woh­nen, und anscheinend kein Ausländer weih etwas vomsächsischen Sibirien", der Gegend derTextil- und Spitzenfabriken, der Armut und der Gebete. Der Rame ist keine phantasiereiche Erfindung. Dieses traurige Gebiet von ungefähr 1300 Qua­dratkilometer umsaßt etliche Gemeinden von der Art Falkensteins und hat eine Gesamtbevölkerung von 100 000 Menschen, aber Falkenstein kann be­sondere Beachtung beanspruchen.

Hier setzte im Jahre 1920 die Bevölkerung, in der einen Hand die rote Flagge, in der anderen die Brandfackel, eine kommunistische Regierung

ein und äscherte die Villen der reichen Bürger

ein. In Falkenstein organisierte Max Hölz, der bekannte rote Insurgent, den kommunistischen

läht es auf sich anwenden? Vielleicht die Auto­fahrer, unter Umständen, wenn es ihm paht, sogar ein Fußgänger, nie aber ein Radler. Sie sind die eigentlichen Herren von Rom. sie heihen Velozipedisten, aber man nennt sie Delozi- pedaster, wie man Politikaster lagt, doch ge­ruhen sie darauf zu pfeifen. Das ist übrigens ihre einzige Tugend, wenn sie einem dicht auf dem Fell sitzen, denn eine Glocke kennen sie nur vom Hörensagen. Der Herr Gouverneur, der nicht nur ein Fürst, sondern auch ein äußerst liebenswürdiger Mann ist, hat ihnen schon oft erklärt, dah fie außerdem eine Laterne, eine Bremse und womöglich auch einen Rückstrahler haben müßten, aber fie haben das nicht gehört. Don Zeit zu Zeit wird es ihnen schwarz auf weiß, amtlich und gedruckt eingeschärft. Sie ha­ben es nicht gelesen. Sie kennen nut ein einziges Gesetz: il commodo suo, was auf Deutsch be­sagt- jeder sein eigener Gesetzgeber.

Ein Menschenalter lang kam die Bahn ans Meer nicht vom Fleck, bis Mussolini tarn und befahl: am 1. August fährt fie! Am I. August fuhr sie. Wer im Wagen nach Rettuno fuhr, erlebte jedesmal das Dergnügen, seine Gummi vor Freude Platzen zu sehen. Bis der Duce selber sich ans Steuer setzte da glättete sich die Straße wie Wogen unter Oel. Es bleibt uns nur übrig, ihn zu bitten, gelegentlich einmal an einem regnerischen Abend von dem beliebtesten Aus­flugsort. von Frascati nach Rom heimzusahren.

Er würde den Kopf schütteln über den Dik­tator. der sich eine solche Freiheit, ein derartiges Dolksregime gefallen läßt

Die Straße, die altehrwürdige Via Tuscolana befindet sich bereits bei der Annäherung an Rom in Eruption, nach dem alten Stadtzoll geht sie in Dauerrevolution über. Denn fie erfreut sich noch der fo beliebten vorsaschistifchen Behand­lungsmethode. nach deren Regeln immer wieder auf- und zugemacht wird, je nachdem, ob Wasser­rohre. Gasleitungen oder Kabel zu verlegen sind. Auf einmal läßt sich das nicht machen. Rach römischer Pslastersitte bleiben jedesmal Rin­nen und Schluchten oder Buckel und Höhenzüge zurück, die man die kleinen Alpenninen zu nennen pflegt. Die Beleuchtung ist fo, wie fie von den Menschen, denen untere herzliche Zuneigung ge­hört. den Liebespärchen, bevorzugt wird Das ist

der Boden, den der Delozipedaster braucht, hier reift er zur edelsten Blüte heran.

Das fliegt lautlos wie Pfeile kreuz und quer, unsichtbar, aber wirkam, das prallt gegen die Fenster und hockt unerwartet auf dem Kühler, das triumphiert mit trillerndem Hohn und keift entwaffnend, wenn ein Kotflügel den Kentauren gestreift zu haben den Anschein haben könnte. Das schießt aus den Seitenstraßen, das prescht rechts vor und biegt urplötzlich vor den Scheinwerfern, die gerne ihre Pflicht tun möchten, aber nicht dürfen, über die Fahrbahn. Das schlängelt sich durch die verzwicktesten Stauungen, daß man nicht weih, was mehr zu bewundern wäre, der Mut oder die Geschicklichkeit. Man sagt, wer in Rom Autofahren gelernt hat, der vergißt es auch in der Hölle nicht. Doch ungleich erfahrener noch find die Radler.

Für fie gibt es keine Gesetzesfallen, keine Rechtsecken, kein Paragraphengestrüpp. Sie tun alles, was verboten ist, sie dürfen alles. In Re­gierungsblättern kann man lesen. daß diejenigen unter ihnen, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten, die Schlimmsten sind. Wie etwa die rad- fahrenden Beamten, die Telegraphenboten, die Soldaten, die Polizisten. Der Königliche Auto­mobilklub berichtet:

Sein Gewährsmann habe einen nächtlichen rad- fahrenden Wächter der Derkehrsordnung gefragt, warum er keine Laterne führe, und folgende Antwort bekommen Das Amt gibt uns keine, und daß wir selber eine laufen, wird doch nie­mand verlangen? Oder ein uniformierter Sol­dat: Die Laterne wurde mir gestohlen und mein Hauptmann hat gefügt, ich solle ohne fahren!

Unbegreiflich, aber es ist fo.

Unter den Augen der Verkehrsregler. am Hel­len Tage, im Mittelpunkt der Stadt, pfeifen die Radler auf alle Dorschriften, deren Richtbeach­tung einem Automobilisten teuer zu stehen tarne. Es ist unmöglich, hier zu übertreiben. Man sieht mit Möbelstücken. Kindern, Erwachsenen überladene Radler im Gewühl, sie haben nicht nur alle Hände und Schutzbleche voll Gepäck, sondern auch den Kopf. Der Wann mit dem Morgenbrot, der Zeitungsträger, der Aus.äufer der Weinhandlung ist mit einem ungeheuerlichen Korb ausgerüstet, breit wie ein Auto, zwängt sich aber zwischen Randstein und den vor der

Konterputsch, der da» Ziel hatte, die Umsturz­bestrebungen des reaktionären Wolfgang Kapp zu vereiteln. Vier Wochen lang herrschten die Roten in Sachsen, bis baverische Reichswehr das Land überschwemmte. Hölz wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, fein Falt wurde eine causc cclthre. Rach feiner Amnestierung ging er nach Rußland.

Im Jahre 1932 hat die Bevölkerung hier in der einen Hand die Bibel und in der anderen den ArbeitslofenauSweis. Die meisten der wieder­aufgebauten Dillen stehen zum Verkauf. Einige von ihren Besitzern leben jetzt von öffentlichen Almofen. Die Hälfte der Spitzen- und Textil­fabriken ist geschlollen. Die andere Hälfte arbeitet nur an drei Tagen in der Woche. Don den 15 000 Einwohnern find 7500 arbeitslos ober von Ar­beitslosen abhängig und leben auf Gemeinde­kosten. Don der anderen Hälfte der Bevölkerung sind 2500 noch beschäftigt und leben mit ihren Familien von einem Wocheneinkommen, daS im Durchschnitt zwei biS vier Mark über der Unter­stützung liegt.

Max Hölz ist nicht vergessen, doch feine früheren Genossen schicken jetzt ihre Kinder in die Sonn- tagsschule.Die Religion", hat Lenin erklärt, .ist Opium für das Dolf', aber in Falkenstein ist ee mit den .Arbeiterräten" vorbei. Heute hat eS Dei- fäle.

Wir kamen an einem Samstagabend bei Schnee­wetter an. Das Hotel war geöffnet, aber wir waren die einzigen Gäste. In dem ganzen Haufe war nicht ein Schlafzimmer geheizt. In den kalten Straßen draußen waren einige schwach er­leuchtete Läden zu sehen, die noch nicht geschlossen waren, aber sie hatten keine Kunden. Auch oic Bierlokale waren offen; überall waren fünf bis sechs Leute, die den ganzen Abend über bei dem kleinsten Glas Bier saßen, das eS gab. Die Det- fälc waren offen, Hunderte beteten.

Im trüben Licht des SonntagmorgenS bewegten sich Reihen grauer Gestalten durch die Straßen. Sie marschierten zu demBethaus der Dettler- hemdgemeinde", zurEvangel. Dibelgemeinde", zurUnveränderten Augsburger Gemeinschaft" zu denReuen Aposteln", denAdventisten", zur Provinzial-Kirchengemeinde". zu den .Bibei- auelegcrn", denEvangelischen Bibelgläubigen", zu der regulären lutherischen Kirche und zu den Methodisten.

Manche von diesen Kirchen existierten schon, ehe die Wirtschaftskrise der RachkriegSzeit das Jen­seits den Falkensteinern um so viel verlockender erscheinen ließ alS da« Diesseits. Die meisten jedoch entstanden in den letzten schweren Jahren. Wir schlossen uns den Methodisten an, die auf dem Weg zurZionskirche" waren.

Vs war kalt. Schnee und Regen schlug Den Brüdern der Gemeinde ins Gesicht. Es war neun Uhr morgen«, der Tag hätte sich trefflich zum Schlafen geeignet. Aber Falkenstein ist, wie in feiner Revolution, auch in feiner Religion radikal. Die Frommen stehen früh auf. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Fünfhundert lauschten den Worten des Pre­digers:Was ist mit einer Welt, in der ihr euch nicht kleiden könnt, obwohl Millionen Ballen Baumwolle und hunderttausende Tonnen Wolle vernichtet werden?" Die Gemeinde faßte nach ihren eigenen fadenscheinigen JackenWa« ist mit einer Welt, in der ihr hungert, während Millionen Tonnen Getreide vernichtet werden?" Die Gemeinde schluckte.Es ist an dem", beant­wortete er seine Fragen,die Welt hat Gott ver­gessen." Die Gemeinde nickte.Wie lange wird das währen? Wir wissen es nicht", rief er. Die Gemeinde stöhnte leise auf.Wenn schon im Reichstag gesagt wird, daß wir unmittelbar vor dem völligen Zusammenbruch stehen, dann muß das etwas bedeuten." Die Gemeinde schauderte. -2iber", schloß der Prediger,daS gilt nicht nur für Deutschland. In der ganzen Welt ist e« so, und Gott strast uns alle."

Die Franzosen nicht", murrte ein Mann mit finsterem Gesicht neben mir.

Um elf Uhr begann die Sonntagsschule, und die Kirche füllte sich mit fünfbun&ert Kindern. Sie waren nicht in Lumpen gekleidet, sie sahen gut aus. Don außen merkt man Falkenstein fein Elend überhaupt nicht an. Die Straßen find sauber. 5>ic Arbeitslosen achten auf nettes Aus­sehen, wenn sie aus dem Haus gehen. Kein Dolk Derkehrsampel haltenden Wagen durch, auch wenn nur ein Halder Meter Zwischenraum blieb, rechts oder lints, das spielt keine Rolle. Der Herr mit dem Teegebäck fährt freihändig, raucht seine Zigarette und lacht alle Mädel an. Er kann da«, er ist unbehindert, denn der Korb, eine wahre Bahre, schwankt auf feinem Kopf.

Hohe Belohnung demjenigen, der einen vor- fchriftsrnähig ausgerüsteten Radfeh er sichtet! Das steht in der Zeitung, es soll scherzhaft klingen, aber es wirkt nur grotesk, denn es ist zu wahr.

Rach der Statistik find die Fahrräder an den Unfällen mit 80 Prozent beteiligt, trotzdem wer­den sie alsharmlose Derkehrsmittel" nicht ernst genommen. Da scheint eine kleine Verwechslung mit dem vorzuliegen, was auf ihnen sitzt.

Wenn die Zeichen nicht trügen, dann bricht allerdings jetzt die Götterdämmerung herein. All­zuviele Römer fragen sich: Quousque tandem? Wie lange noch?

Büchertisch.

W i t t ich - Kalender auf das Jahr 1 932. Herausgegeben von der L. E. Wittichfck^n Hofbuchdruckerei Darmstadt. Mit 6 Abbildungen. Tert, Entwurf und Satzgestaltung: 5>r. H. Dräu - ning - «Oktavio 32S. 8". Pappband. 5,00 Mark. (611). Im Zeichen des Goethejahres läßt der Kalender die Tage Goethes in Darmstadt (feit 17Z2), das aus feinem Leben gar nicht wegge­dacht werden kann, in Auszügen aus Briefen des Dichters und feiner Zeitgenossen lebendig werden Glücklich verbunden sind damit auch die Beziehun­gen der L. E. Wittichschen Hofbuchdruckerei zu Goethe. Außer vier kleineren vorweimarifchen Schriften druckte diese Offizin 1773 die Erstausgabe des Götz von Berlichingen und die von Ioh. Heinr. Merck besorgte Ossian-Ausgabe, zu der Goethe die Titelvignette radierte. 1748 hatte sie eine sympa­thische Torbegegnung mit Goethe, al« Goethes Großonkel, der Darmstädter Oberftlieutnant Fr. ®|>rn. von Hoffmann fein Glückwünschkarmen zum 20. August 1748, demhöchst vergnügten Goede- und Textorischen Hochzeitsfest" bei ihr drucken ließ» Ausstattung, 5>rud und Illustration des hüb­schen Bändchens machen einen vornehmen und ge­diegenen Eindruck.