Ausgabe 
3.11.1932 Erstes Blatt
 
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Deiner Hände Werk

Vornan von Klothilde von Stegmann-Stein.

Copyright by Martin Feuchtwcmger, Halle (Saale)

6 gortlefiung Nachdruck verboten.

3a^ wie wäre es, Bäron Erikson", nahm Frau Melanie ihren Vorschlag von vorhin wieder auf, »soll Ihnen Hiltrud einmal den Blick von der Bremerwerkbrücke zeigen?"

Gern, wenn das gnädige Fräulein nicht zu müde ist?"

Hiltrud stand mit einer an ihr ungewohnten Schnelligkeit aus ihrem Korbsessel auf.

Aber nein, ich zeige es Ihnen gern. Kommen Sie nut!

Sie nahm einen zarten, seidenen Schal von einem Seitentischchen und legte ihn sich graziös um die Schultern. Dann ging sie an der Seite des jungen Mannes leichtfüßig die Treppe der Ter­rasse hinunter und alsbald in lebhaftem Gespräch mit ihm durch den Garten der hinteren Pforte zu, von der eine kleine Birkenbrücke zum Flusse und weiter zum Bremerwerk hinüberführte.

Frau Melanie sah den beiden befriedigt nach. Sie hatte die Müdigkeit nur vorgeschützt. In Wirk­lichkeit kannte sie keine Müdigkeit in gesellschaft­licher Beziehung. Im Gegenteil: je größer der Trubel um sie herum, je mehr Gäste auf Bremer­schloß, desto frischer und um so jünger fühlte sie sich. Sie konnte nur existieren in einer Atmosphäre von Besuch, Bewunderung und äußerlichem Leben.

Was sie jetzt bewogen hatte, Müdigkeit vor- xutäuschen, war der Gedanke, daß man die beiden jungen Menschen allein lassen wollte. Dieser junge Olaf Erikson, Sohn einer alten schwedischen Adelsfamilie, wäre ihr als Schwiegersohn gerade recht gewesen. Olaf Erikson verstand außerdem als Sohn eines schwedischen Großindustriellen genügend von der Arbeit in den Bremerwerken: er würde Hans Egon unterstützen können, der gar kein Interesse für das Werk hier hatte und den man doch einmal hier hineinsetzen wollte, damit nicht alle Macht sich in den Händen des Stiefsohnes konzentrierte.

Frau Melanie war eine kluge Frau: sie über­sah die Dinge, wie sie sich entwickeln würden. Ihr Gatte war um vieles älter als sie. Sie hatte ihn nur geheiratet, um den drückenden Sorgen zu entgehen, in denen sie mit ihren Kindern Hans Egon und Hiltrud nach dem Tode ihres ersten Mannes zurückgeblieben war. Sie hatte es klug verstanden, den einsamen Mann einzufangen, die schöne Melanie: sie hatte alle ihre Künste spielen lassen, um dem verlassenen Witwer die Freuden eines behaglichen und geselligen Hauses vor Augen zu führen.

So lebte in Bremer der Wunsch nach einem Ersah für die verstorbene geliebte Frau stärker auf. Kommerzienrat Bremer war reich genug, um auch die Sorge für zwei erwachsene Kinder auf sich nehmen zu können. Er ließ sich auch mit von dem Gedanken leiten, daß sein einziger Junge, der damals siebzehnjährige Kurt, in Hans Egon wie in Hiltrud Geschwister und Freunde finden würde, sowie in Frau Melanie eine zweite Mutter.

Kommerzienrat Bremer, der in allen Dingen des geschäftlichen Lebens einen untrüglichen In­stinkt besaß und das Wesentliche eines Menschen sofort durchschaute hier war er von einem un­begreiflichen Irrtum befangen gewesen.

Er hatte an eine wirkliche Zuneigung dieser immer noch schönen, eleganten Frau geglaubt. Sowie Melanie jedoch mit Bremer verheiratet war, sah er, daß die Triebfeder ihres ganzen Verhaltens nichts war als äußere Eitelkeit und die unstillbare Steigung zu einem eleganten und üppigen Leben. Stur wenn Bremer alle ihre Wünsche erfüllte, die sie für sich und ihre Kin­der hatte, war Frau Melanie guter Laune.

Bremer hatte den wahren Charakter seiner zweiten Frau nur zu bald erkannt. Nachdem die erste Verliebtheit gewichen wär, blieb ein tiefer Kummer in ihm zurück, den er schamhaft vor den Menschen zu verbergen suchte. Es sollte nie­mand wissen, wie er in seinem Alter sich hatte von einer äußeren Hülle blenden lassen.

Das Schlimmste aber war die unverhohlene Abneigung, die Melanie ihrem Stiefsohn Kurt entgegenbrachte. In der Zeit vor ihrer Ver­mählung war Kurt unten in seiner süddeutschen Universitätsstadt gewesen und nur einmal mit der zweiten Mutter zusammengetommen. Frau Melanie hatte da ihre wahre Gesinnung unter einer geschickt zur Schau getragenen Herzlichkeit verborgen. Kurt war die Erwählte seines Vaters vom ersten Augenblick an unsympathisch, doch er zeigte Frau Melanie all die Ehrerbietung, die Der zukünftigen Frau des Vaters zukam. Er liebte seinen Vater viel zu sehr, um ihm nicht ein neues Glück nach dem frühen Tode der geliebten Mutter zu gönnen. Mer von dem Augenblick an, in dem er zum ersten Sliale in das schöne, kalte Gesicht von Frau Melanie gesehen hatte und in ihre kalten, prüfenden Augen, ahnte er es: hier würde der Vater nur Enttäuschung finden. Es gibt zwi­schen Menschen eine Sympathie auf den ersten Blick und ebenso eine Antipathie.

Zwischen Kurt und Melanie war sofort dieser feindliche Funke der Antipathie aufgesprungen. Kurt war für Frau Melanie ein ewiges Hin­dernis für das, was sie mit dieser Heirat er­strebt: die Sicherung nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder.

Wäre Kurt nicht gewesen, dann hätte sie mit

ihren Kindern einmal allein über die Bremer­werke bestimmen können.

Aber so nachgiebig um des lieben Friedens willen sich Kommerzienrat Bremer seiner zweiten Frau gegenüber in allen Dingen zeigte was Kurt und seine zukünftige Stellung im Bremer- Werk anging, blieb er von unbeirrbarer Un­erbittlichkeit. Sowie Frau Melanie einmal ver­suchte, das heikle Thema anzuschneiden, erklärte Bremer bestimmt:Kurt wird der Leiter des Bremerwerks, wenn ich einmal nicht mehr bin. Er trägt meinen St amen, und er hat auch die Anlagen dazu, um ein solches Werk in meinem Sinne zu leiten. Für Hiltrud und Hans Egon wird gesorgt werden das weißt du. Mer in das Werk, das ich von meinen Vorfahren über­nommen, lasse ich nur jemand hinein, der mit Leib und Seele an dieser Arbeit hängt."

Es war ein paarmal zu heftigen Szenen des­wegen gekommen. Slber Frau Melanie spürte: hier war ein unbeugsamer Widerstand, und sie war klug genug, dem Rechnung zu tragen.

Um so mehr plante sie, Hiltrud mit dem jungen Baron Erikson zu verheiraten. Er war aus ad­liger Familie, was für Frau Melanie von großer Wichtigkeit war.

Da der junge Baron zudem aus einer Familie stammte, in deren Händen seit Jahren ein großes Schiffbauunternehmen war, schien eine Interessen­gemeinschaft gegeben. Die engen Geschäftsbezie- hungen zwischen dem Eriksonschen SBert und dem Bremerwerk waren auch in der Freundschaft der Väter verankert. Einen solchen Schwiegersohn als Mitarbeiter aufzunehmen, würde sich Kommer­zienrat Bremer nicht weigern.

Kommerzienrat Bremer hatte für Olaf Erikson unleugbare Sympathie. Bei seinem vorjährigen Besuch in Schweden hatte er begeistert von ihm erzählt und ihn ja nun auch hierher ins Haus eingeladen. Würde der Plan gelingen, den Frau Melanie im geheimen spann, so war noch nicht alles verloren. War erst Erikson als Hiltruds SHann im Bremerwerk drin, dann würde es schon möglich sein, Kurts Einfluß auszuschalten. Bis der Stiefsohn so weit war, wirklich mitbe- stimmen zu können, war noch viel Zeit. Dies waren die Gedanken und Erwägungen Frau Me­lanies, von denen niemand etwas ahnte.

Erikson ging jetzt mit Hiltrud langsam durch den Park der kleinen Birkenbrücke zu. Das Mondlicht lag weich und glänzend auf dem Lande, der Fluß glitzerte silbern durch die dichtbelaubten Bäume. Der Himmel über ihm trug ein sanftes Dunkel, das übergossen war von diesem durch­sichtigen Schein, in den die Sterne wie Edelsteine ein leichtes und fernes Funkeln brachten.

Eine Siachtigall schluchzte verloren und sehn­suchtsvoll in die Stille der Frühlingsnacht hin­

aus. Die beiden jungen Menschenkinder toareft unwillkürlich stehengeblieben. Dicht unter ihnen schäumte silbern der Fluh aus dem schweren weißen Flieder tönte Siachtigallensingen die weichen Töne flössen wehmutsatmend hin und wieder.

Solche Mondnächte", sagte Olaf Erikson ver­träumt,kenne ich aus meiner Heimat. Sehen Sie, Fräulein Hiltrud, wie der Mond ein Silber* band aus dem Walde her über den Fluß zieht. Bei uns geht die Sage, daß in solchen Frühlings­nächten gute Feen auf diesen Mondbändern schrei­ten und in die Träume der Menschen Glück und Frieden bringen. Wer einer s olchen Fee begegnet, der ist sein Leben lang vor allem Ungemach gesichert. Was meinen Sie, Fräulein Hiltrud, ob wir auch eine dieser Feen zu schauen bekommen?

Das Mädchen sah ihn von der Seite an. So kannte sie diesen jungen Schweden noch gar nicht. Er war ihr immer als ein Mensch Erschienen, der ganz in der Gegenwart lebte, für den die Arbeit Lebensinhalt bildete. Für den sogar die Frauen erst in zweiter Linie kamen, denn auf ihre Flirt- versuche war er kaum eingegangen. Dieses ganze Spiel mit Worten und Blicken, hinter denen eine' lockende und doppelte Bedeutung lag, er schien es nicht zu kennen. Er sagte immer geradeheraus, was er meinte und dachte.

Sie kannte eine solche Art bisher noch nicht. Mle jungen Leute, die ins Haus tarnen, um­warben sie in jener Sprache, die sie allein bisher kennengelemt und die ihr Gemüt wie ein süßes Gift durchtränkt hatte. (Sinnig dieser Mensch umwarb sie nicht.

Manchmal freilich las sie in seinem Blick SEürme und Bewunderung: aber er sprach es nicht aus. Ebensooft aber sah sie bei irgendwelchen Aeußerungen, die sie getan, Verwunderung und ausgesprochenes Mißbilligen in seinen Zügen, so zum Beispiel heute bei der kleinen Szene mit ihrem Stiefbruder.

nb jetzt wieder zeigte er sich ihr von einer ganz anderen Seite. Er stand mit entzücktem Ge­sicht da und sah wie versunken in die Mondnacht vor sich. Ein Gefühl der Unsicherheit überschlich die sonst so selbstsichere Hiltrud. Was war das für ein Mensch, der hier wie ein Dichter schwärmte und ihr von alten Märchen seiner Heimat er­zählte, als glaubte er daran? Wenn sie dachte, daß einer ihrer Verehrer mit ihr hier an solch einem Abend stände was würde er tun? Fade Komplimente drechseln oder versuchen, sich ihr auf eine andere Weise zu nähern. Dieser junge Schwede war anders, ganz anders: aber sie mußte sich zugestehen: er interessierte sie. Er rief etwas in ihr wach, was unter der Oberflächlichkeit und der Gefallsucht tief in ihrem Herzen schlief.

(Fortsetzung folgt.)

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Gießen, den 1. November 1932.

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