Nr.M Zweites Blatt Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Dienstag, 5. Mai (952
Zchresiagung des Verkehrsbundes Oberheffen.
3m Stadtrats-Sihungsfaale des Stadthauses zu Gießen hielt gestern der 'Verkehrsbund Oberhessen unter der Leitung des 1. Vundes- vorsihcnden. Bürgermeister Dr. Hamm (Grehen), seine diesjährige ordentliche 3ahrcstagung ab. Als Vertreter der Mitgliedskörperschaften waren in großer Zahl di« Leiter der Provinz-, Kreis- und Etadtbchörden. sowie leitende Herren der Vcrkehrsvcreinc und der beiden oberhessischen Handelskammern erschienen.
Der 1. Vundesvorsihende, Bürgermeister Dr. H a m in (Gießen). widmete zunächst dem vor wenigen Tagen plötzlich verstorbenen, auf dem Gebiete der Fremdenverkehrswerbung lehr verdienten Berwaltungssekretär Maus ((Sieben) einen herzlichen Nachruf, bei dem die Leistungen des Heimgegangenen für die Derkehrswerbung dankbar anerkannt wurden. Die Versammlung ehrte den Heimgegangenen in der üblichen Weise.
Hierauf erstattete der l. Bundesvorsihende, Dr. Hamm den
Geschäftsbericht über das Jahr 1931.
3n dein Bericht wird zunächst auf die schweren Rückschläge der deutschen Wirtschaft und auf die Bankenkrisis im Sommer vorigen Jahres hingewiesen und dabei bclont, daß die Verschärfung der wirtschaftlichen Verhältnisse natürlich auch auf die Fremdenverkehrswerbung des Derkehrsbundcs Oberhessen austerordentlich hemmend eingewirkt habe. Trotz eifriger Werbearbeit auf dem erprobten und stets bewährten Wege der Zeitungsanzeige habe der Derkehrsbund Oberheffen unter den obwaltenden ungünstigen Zeitverhältnissen doch nur ein geringeres Werbeergebnis als im Jahre vorher erzielen können. Dieser Rückgang sei aber nicht allein auf die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern auch auf die Ungunst der Witterung während eines großen Teiles des vorigen Sommers zurückzuführen gewesen. Immerhin habe der Derkehrsbund an etwa tausend Interessenten für Ferienbesuche in Oberheffen feinen Führer und das übrige Werbematerial verschicken können.
Die Arbeit des geschäftsführenden Vorstandes sei im verflossenen Jahre hinter die Tätigkeit der Kommission zur Herausgabe einer Reliefkarte von Oberhessen zurückgetreten, da diese Ausgabe die wichtigste der Bundesarbeit im verflossenen Jahre darstellte. An dieser Ausgabe habe neben der Reliefkarten-Kommission unter der Leitung des 2. Vundesvorsiyenden, Bürger- meisters Dr. D öl sing «Alsfeld), der He'ssische Verkehrsverband in Darmstadt durch seinen ersten Vorsitzenden, Kaufmann Stemmer (Darmstadt), in eifriger Weise mitgearbeitet, ebenso seien Vertreter des geschäftsführenden Vorstandes an dieser Tätigkeit beteiligt gewesen. Nachdem man in zahl- reiten Kommissionssitzungen und Einzelberatungen mit dem gefchäftsführenden Vorstand die Vorarbeiten für die Herausgabe der Reliefkarte kürzlich abgeschlossen habe, konnten der Gesam'tvorstand und die Reliefkarten-Kommission nunmehr den Auftrag zur Herstellung der Karte erteilen.
Die Reliefkarte von Oberheffen werde in einer Auslage von 3000 Stuck in etwa zwei Monaten der Oeffenllichkcit übergeben werden.
Der Reliefkarten-Kommifsion und ihrem Vorsitzenden. Bürgermeister Dr. D ö l s i n g. Alsfeld, sowie dem Vorsitzenden des Hessischen Verkehrsverbandes, Kaufmann Stemme r. Darmstadt, wurde in dem Geschäftsbericht für die opferfreudige und mühevolle Arbeit an der großen Aufgabe herzlicher Dank ausgefprochen.
Sodann wurde auf die Vervollständigung des Werbematerials des Bundes durch die Heraus
gabe eines Hotel - und Gaststätten-Der- zeichnifses hingewiefen. das ein neues und wirksames Instrument für die Werbetätigkeit des Verkehrsbundes darstclle und bei dem reiselustigen Publikum bereits starken Anklang gefunden habe.
Wit Anerkennung wurde weiterhin der Unterstützung der Bundesarbeit durch den Heffifchen Verkehrsverband in Darmstadt auf dem Gebiete des Fahrplanwesens gedacht, und hier insbesondere dem Fahrplan-Sachbearbeiter des Verkehrsverbandes. Regierungsrat a. D Dr. Roefener. Darmstadt, für seine fürsorgliche und eifrige Mitarbeit an den Aufgaben des Verkehrsbundes zum Besten der Provinz Ober- Hessen Dank ausgesprochen. Ebenso wurde der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. für die wohlwollende Rücksichtnahme auf die Verkehrsinter- elfen der Provinz Oberheffen bei der Zahrplan- gestaltung in öicfpr Rotzeit Dank und Anerkennung des Bundes zum Ausdruck gebracht. Es wurde dabei besonders hervorgehoben, daß die Reichsbahndirektion Frankfurt trotz der starken Auswirkungen der Wirtfchaf tslrife auf den Haushalt der Reichsbahn den Fahrplan in Oberheffen und auf den Anschlutzlinien in einem Umfange belasten habe, der den berechtigten Derkehrs- interefsen unserer Provinz entspreche
Weiterhin wurde allen Behörden in Oberhesten und der Hessischen Regierung für die verständnisvolle und bereitwillige Unterstützung der Bundesarbeit gedankt. Dabei wurde mit besonderer Anerkennung betont, daß die Hessische Regierung dem Verkehrsbund die Herausgabe der Reliefkarte von Oberheffen durch eine sehr ansehnliche Staatsbeihilfe ermöglicht habe.
Zufammenfafsend stellte der Vorstand am Schluffe seines Berichtes fest, daß der Verkehrsbund Oberheffen bei ftinem Wirken im Interesse unterer Provinz auf ein den Zeitverhältnifsen entsprechend befriedigendes Arbeitsjahr zurückblicken und daß er getrost auch dem neuen Arbeitsjahre entgegengehen könne. Die Versammlung stimmte dem Bericht ohne Aussprache einstimmig zu.
Die Rechnungsablage für 1931.
Der Bundesrechner, Bürgermeister M e n g e l (Schotten), teilte in feinem Rechnungsbericht für 1931 mit, daß sich die Einnahmen des Bundes im Rechnungsjahre 1931 auf 1 8(52,74 Mark, die Ausgaben auf 1 798,98 Mark beliefen, mithin ein lieber« schuß von 63,76 Mark verblieb. Die Rechnungsablage wurde debattelos einstimmig genehmigt. Dem Rechner und dem Vorstand wurde Entlastung erteilt.
Der Haushaltsvoranschlag für 1932.
Der Voranschlag für das Jahr 1932 schließt in Einnahme und Ausgabe mit je 1800 Mark ab. Auf der Ausgabenseite ist u. a. ein Beitrag der Bundes kaffe zur Herausgabe der Reliefkarte in Höhe von 1000 Mark vorgesehen. Der Voranschlag wurde glatt genehmigt.
werbemahnahmen im neuen Geschäftsjahr.
Der 1. Bundesvorfitzende wies zunächst auf die Werbekraft der Reliefkarte hin, von der man sich eine weitgehende Belebung des Interesses des reifenden Publikums an unserer Provinz versprechen könne. Weiter teilte er mit, daß demnächst im Rahmen eines Hessenabends am Sender des Frankfurter Rundfunks ein Vor trag über d i e Provinz Oberhessen von Amtsgerichtsrat Gros in Gießen gehalten werde. Amtsgerichtsrat Gros, ein hervorragender Senner von Land und Leuten in Oberhessen, habe sich dem Verkehrsbund für diesen Vortrag in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. Soweit die
JOleMtaer
Zftonum von (Bert Gothberg. •
Copyright by Marti« Feuchtwanqer, HaÜL
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ich — kann heute nicht singen — ich war die Tage vorher etwas erkältet. Doch wenn Sie gestatten, spiele ich etwas voi^Deethoven. Das heißt, wenn Ihnen mein Spiel genügt?"
Mister Harrison ging zum Flügel, öffnete, rückte den Sessel zu recht, rieb sich die Hande.
Ties und laut schlug die hohe Standuhr des Speisezimmers die zwölfte Stunde.
Mistreß Harrison blickte ihren Mann beschwörend an.
»Wir müssen jetzt heim in unser Hotel."
Erschrocken riß er die Augen auf.
..Wir? Keine Ahnung. Wir bleiben noch. Das heißt", stotterte er dann mit verlegenem Blick auf Aenne, »wenn Sie uns nicht hinauswerfcn, liebe, gnädige Frau."
Und Aenne lächelte und sagte:
„Aber nein. Wir haben uns doch sehr auf Ihren heben Besuch gefreut, mein Mann und ich. Und wir haben nicht mit einem so frühen Aufbruch gerechnet."
..Ja? Sichst du. Alice, da haft du es. Ich wußte auch keinen Abend, an dem es mir so gefallen hatte wie an dem heutigen hier bei Ihnen."
Ohne Ziererei setzte sich Aenne an den Flügel und spielte Beethoven. Schon nach kurzer Zeit zog sie ihre Zuhörer so in ihren Bann, daß sie ergriffen lauschten. Ihr Spiel gab etwas. Etwas, was den Menschen leicht und froh machte. Etwas, was die Herzen berührte, sie ergriff und irgend- wie Frieden spendete.
Doktor Ansbrück lehnte am Fenster. Seine großen Augen fahen zu dem Mädchen hinüber.
Dieses schöne Mädelchen mit dem lieben, natürlichen Wesen wäre der gute Geist meines Hauses. Bestimmt wäre sie es! Und es spielte gar keine Rolle, ob sie bisher arm war und sich durch irgendeine Arbeit ehrlich ihr Brot verdiente. Gar keine Rolle tpürde das spielen, wenn — ich — frei wäre!
Doktor Ansbrück erschrak nicht vor diesen Gedanken. als sie sich ihm dergestalt klar und deutlich aufdrängten. Lisas Charakter hatte sich ihm heute so unverhüllt gezeigt, daß es Selbstbetrug gewesen wäre, wenn er sich hätte einreden wollen, daß er noch auf ihre Rückkehr warte.
Und das Schlimmste brauchte da lyxf) nicht einmal mitzuspielen. Aber vielleicht war eben doch bereits dieses Schlimmste in Lisas Leben
War es nicht beinahe furchtbar, daß ihn diese Vermutung so ruhig lassen konnte? So weit also
war seine Ehe bereits zerstört gewesen, daß es ihn nicht einmal rasend machen konnte, wenn er daran dachte, daß Lisa ihn mit irgendeinem Manne betrogen hatte?
Jetzt, in diesen Minuten wußte er, wie sehr er bereits in seinem Innern mit der schönen, oberflächlichen Frau fertig gewesen war. Und dort drüben spielte ein schönes Menschenkind Beethoven. Ihr Spiel rührte ihn unsagbar. Dabei fiel die Unruhe der letzten Zeit von ihm ab.
Wenn er sich immer so wohl in seinem Heim fühlen könnte! Wenn diese lichte junge Gestalt immer da wäre, wenn er, abgehetzt und des Treibens da draußen müde, hier weilte!
Doktor Ansbrück richtete sich auf. Wohin geriet er da in dieser weichen Stimmung. Er mußte einen klaren Kopf behalten, durfte dieseSituation, in die er das holde Geschöpf gebracht, nicht aus- nützen.
Seine Gäste überschütteten die blonde Aenne mit Beifall. Er selbst küßte ihr die Hand.
„Du hast wieder sehr.gut gespielt, Kind."
Trotz eifrigster Bitten ließ Aenne sich nicht herbei, noch etwas zu spielen. Die Amerikaner drangen immer wieder in sie.
Doktor Ansbrück beugte sich zu ihr.
»Du bist ermüdet?"
„Nein!"
„Möchtest du mir bann nicht die Freude machen, noch einmal zu spielen? Ich hatte selten solchen Genuß."
Glühende Röte flammte ihr über das reizende Gesicht. Willenlos nickte sie unter seinem Blick.
Und spielte! Spielte schöner noch als zuvor!
Doktor Ansbrück aber dachte: Aenne darl nicht wieder aus meinem Leben gehen. Wie aber soll ich sie halten? Wie? Noch bin ich gebunden. Wenn Lisa zurückkehrt, wenn sie doch an dem Raube unschuldig ist? Wenn nur ihre Gefallsucht einem Verbrecher Tür und Tor geöffnet hätte?
Doktor Ansbrücks Gesicht wurde erschreckend finster.
Lisa war nicht mehr seine Frau! In seinem Innern lehnte er jede Gemeinschaft mit ihr ab. Wenn er ihr jedoch nichts beweisen konnte, dann durfte sie hier sein, durste bleiben, solange es ihr gefiel!
Um ihrer Familie willen, mit der er immer sehr gut ausgekommen war., durfte er die Frau nicht verstoßen. Wenn aber Lisa den schweren Verdacht, den er jetzt gegen sie hegte, rechtfertigte. dann würde er ohne jedes Mitleid mit ihr und ihren Angehörigen Schluß machen.
Dis dahin — war er machtlos gegen ein gütiges Schicksal, das ihn Aenne Ohlen in Den Weg geführt hatte! Ihre Reinheit würde jede Beziehung zu dem verheirateten Manne zurück- weifen! Das wußte er schon jeijt
Eine unsagbare Traurigkeit erfüllte ihn plötzlich.
Geldmittel des Bundes es möglich werden ließen, werde auch im neuen Jahre Die WerbetäIig feit durch Zeitungsanzeigen fortgesetzt werden.
Im Anschluß an die Mitteilungen des Dorfitzenden entwickelte sich eine längere Aussprache, in der eine Anzahl Herren Aufgaben und fßläne für die Derkehrswerbung zum Nutzen unserer Provinz entwickelten. U.a. kam in der Aussprache auch die von der R e i ch s b a h n v e r w a 1 t u n g erstmalig ge schassene Einrichtung her
Sommcr-Urlaubsfartcn
zur Sprache. Dabei wurde von verschiedenen Rednern in voller Ucbcrcinftimmung nut der Stellungnahme des hessischen Verkehrsverbandes und der Industrie- und Handelskammer Darmstadt (vergl. den gestrigen Bericht „Ein Appell an die Reichs bahn") beanstandet, daß die Mindeftentfernung von 200 Kilometer für diese Karten allzu groß und die Sperrzeit von 11 lagen für die Rückfahrt mit diesen Karten zu weit bq'timmt sei. Die Versammlung stimmte mit den Kritiken an dieser Maßnahme der Reichsbahn in vollem Maße überein und faßte auf Antrag des Bundesvorstandes einstimmig folgende
Entschließung:
„Die Generalversammlung des Verkehrsbundes Oberhesten kann sich mit der Anordnung der Reichs-
bahnoerwaltung über die Gültigkeitsdauer und die E n t f e r n u n g s b e g r e n z u n g der Sommer Urlaubskarten der Reichsbahn nicht einverstanden erklären. Der Derkehrsbund Ober- heben schließt sich der vom Hessischen Verkehrsver band vertretenen Ansicht an, daß die Gültigkeit dieser Urlaubskarten sür die Rückfahrt frühe st ens vom 1 Tage (statt vom 11. Tage) ab und die Entfernung aus 50 Kilometer (statt 200 Kilometer) im Mindestmaß festgesetzt werden muß. Nur wenn die Reichsbahn Verwaltung in dieser Weise den Bedürfnissen der Bevölkerung entgegenkommt, wird damit zu rech nen sein, daß die an sich dankenswerte Einrichtung der Sommer-Urlaubskarten sich sowohl fur die Fi nanjlagc der Reichsbahn, als auch für die berechtigten Interessen der Bevölkerung in günstiger Weise auswirken wird."
Diese Entschließung soll umgehend der Reichsbahnverwaltung zur Kenntnis gebracht werden mit dem Ersuchen, eine dementsprechende Blenderung der Be st im m ungen sofort vorzunehmen
Mit einer kurzen Zusammenfassung des Ergeb- nifses der Tagung upo mit Dankesworten fur d>c rege Mitarbeit der Versammlung schloß der 'Bun- desoorsifiende nach gut zweistündiger Beratung die Verhandlungen.
$J.-jport
DfB. Gießen.
DfB. (Liga) — Germania Marburg (Liga) 3:0 (2:0).
Die Germanen, die am vergangenen Sonntag auf dem Waldsportplatz zu Gast waren, enttäuschten auf der ganzen Linie. Es wird ihnen von feiten des Gießener Sportpublikums nicht so ohne weiteres verziehen werden, daß sich in der Elf nur drei Mann der ersten MLumschaft befanden und die übrigen acht Mann Ersatz Dar- stellten. Also gewissermaßen zweite Garnitur. Das. was in Der Folge gezeigt tourDc, entsprach nicht den Erwartungen. Die man an Die Gäste- Mannschaft geknüpft hatte. In Der Kombination waren sie fehr schwach, in Der Ballbehandlung unsicher, in Der Verteidigung hatte Die Mannschaft ihre stärkste Waffe, während der Sturm. Wagner fehlte, überhaupt nicht recht in Fahrt kam und keine Torchance herauszuarbeiten vermochte. noch eine sich bietende Gelegenheit zum Torschuß ausgenüht hätte. Die Gießener Verteidigung hatte demzufolge nicht allzuviel zu tun und klärte jeweils sicher, konnte sich oft genug auch den Luxus erlauben, weit aufzurückcn und in des Gegners Spielhälfte in den Kampf einzugreifen. Die VfB.er waren auf Grund ihres besseren Zusammenspiels stets überlegen, ließen allerdings auch ihrerseits im Sturm die Initiative vermissen. Seipel allein vermochte, nachdem er sich vorher verschiedene Schnitzer gestattete, plötzlich und zu aller Ueberraschung (am meisten war aber der Germanen-Torhüter überrascht, der völlig hilflos in seinem Kasten stand und dem Leder lediglich mit den Augen folgte) innerhalb einer Minute zwei bildschöne Tore schoß. Ein ähnlicher Coup gelang in der zweiten Spiel- hälste Lehrmund. der Damit auf 3:0 erhöhte. Der Sieg konnte weitaus höher ausfallen, wenn nicht viele Bälle aus sicherster Position noch über oder neben Die Latten gejagt worden wären Gegen Ende flaute das Spiel (sicherlich unter dem Einfluß Der Wärme) ab und verlor viel an Reiz. Es wurde sehr fair gekämpft. Das Spiel war gut geleitet.
Und das blonde Mädchen spielte! Spielte alle seine Lieblingsstücke.
Lisa hatte auch gespielt. Wenn sie in ihrer Dergnügungshetzcrei einmal eine freie Minute hatte. Aber gerade in der Musik, die sie gab. lag ihr ganzer Charakter. Die neuesten Schlager, die jeder Gassenjunge pfiff! Die waren ihre Lieblinge.
Er hatte bei dieser Musik meist das Zimmer verlassen. Besonders Dann, wenn Lisa anfing, den in Den meisten Fällen recht geistlosen Text Dazu zu fingen. Sie war dann sehr beleidigt, und es war ein Grund mehr gewesen für sie, sich mit ihm zu zanken.
Jetzt drückte Mister Harrison wieder einen dankbaren Kuh auf Aennes Hand. In der einen Hand hielt er das Glas mit dem schäumenden Sekt.
»Herr Doktor, auf das Wohl Der schönsten Frau! Auf Ihr Wohl. Sie Glückspilz! Und nun geben Sie Ihrer Gemahlin einen Kuß. Es ist das mindeste, was Sie im Augenblick tun können", kommandierte er launig.
Da beugte sich Doktor Ansbrück rasch zu Aenne und küßte sie.
Aenne dachte erschauernd: Das hat nichts auf sich. Es gehörte mit zu der Rolle!
Aber sie erbitterte unter diesem Kuß bis ins Herz hinein. Ohne Anshrück anzusehen, ging sie dann schnell zu Mistreß Harrison und setzte sich zu ihr.
Der Diener Karl servierte immer noch mit undurchdringlichem Gesicht. Dabei ruhte sein Blick aber immer wieder auf dem blonden Mädchen, das er heute hier als Herrin zu respektieren hatte.
Im Nebenzimmer klingelte das Telephon. Doktor Ansbrück ging hinüber, nachdem er sich mit ein paar kurzen Worten entschuldigt.
Der alte Detektiv, den er beauftragt, meldete sich.
„Cs ging schneller, als ich dachte. Der Baron Ilzenescu war der Dieb. Es gelang mir. ihm die Tasche abzunehmen, ohne daß er es bemerkte. Jetzt wird er es natürlich bereits wissen. Denn ich hatte leider feine Ahnung, wie seine kleine Reisetasche aussehen mochte. Sonst hätte ich ihm eine andere hinstellen können. So aber ist es nun eben glatter Diebstahl und kein Tausch, was mich aber trotzdem sehr freut. Sie doch auch? Schön! Ich habe mir erlaubt, gleich nachzusehen, ob der Raub auch lohnt. Richtig, es waren die Papiere drin. Die Sie mir bezeichnet hatten! Ich bin morgen früh zeitig bei Ihnen draußen. Zufrieden, Herr Doktor?"
„Ich möchte Ihnen am liebsten einen Kuh geben. Also doch der Baron! Ich dachte es "mir. Wollten Sie mir sonst noch etwas melden?"
„Eigentlich — ja!"
„Ich bitte recht sehr darum"
Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 (Ligo) gewinnt in Gladenbach 3:2 (1:0).
190O fuhr nicht in stärkster Ausstellung nach Gladenbach. Es fehlten Göbel, Henrich und Zeiler. Trotzdem war die Ausstellung geschickt gewählt, so daß die Gießener ständig tonangebend waren. Beider seits wurden zahlreiche der besten Torgelegenheiten verpaßt. Von den Gießenern aber so ungeheuer viel, daß eigentlich ein sicherer Sieg, mit entspre chend hohem Torrcsultat, das Ergebnis hätte fein müssen. Außerdem konnten sich die 1000er nicht mit dem sehr kleinen Platz abfindcn. An flaches Kombi nationsspiel war auf diesem winzigen Platz gar nicht zu denken. In dem hohen Spiel stellten aber auch die Blauweißen ihren Meister. Besonders die Läuferreihe brillierte durch glänzende Kopfball technik und dirigierte damit das ganze Spiel. Der Gastgeber zeigte eine ansprechende Spielwcisc und führt zu recht den Titel „Meister der 2. Bezirks klasse".
Das Spiel war stets spannend. Die Blauwcißen fanden sich bald und bedrohten des öfteren des Gast gebers Tor. Schmidt erzielte schon bald nach Beginn mit flachem Schrägschuß das erste Tor. Sonst blic ben aber alle Bemühungen erfolglos. Ein j)anh- elsmetcr ging daneben. 'Nach dein Seitenwechsel hatten die Blauweißen noch mehr vom Spiel, aber erst 20 Minuten vor Schluß schoß Arnold den zweiten Treffer mit flachem Schuß unhaltbar ein. Nun verdoppelte der Gastgeber seine Anstrengungen, und zwar mit Erfolg. In der 38. und 41. Minute kam auch er zu zwei, allerdings recht glücklichen, Tref fern und damit zum Ausgleich. Ein kurzes Nachspiel der vielen Ausbälle wegen, gab Wilhelmi Gelegenheit, durch überraschenden Fernschuß den Siegestreffer zu schießen. Der Ball ging hoch und unhaltbar in die äußerste Ecke.
Kußball in Hessen-Hannover.
Am ersten Maisonntag kamen in der Nord- gruppe von Helsen-Hannover die letzten Punktspiele zur Durchführung. Dem SD- Tura Kassel gelang es, sich durch einen 5:3-Dieg über Den
„In Der Begleitung Ilzenescus befand sich — Ihre Frau Gemahlin. Herr Doktor!"
..Ich danke Ihnen. Eine Mitteilung wertvoller als die andere! Ich erwarte Sie also dann morgen früh. Aus Wiedersehen."
„Auf Wiedersehen."
Doktor Rudolf Ansbrück stand einige Minuten regungslos Da.
Lisa also! Die hat es getan! Das hat sie gekonnt! So leichtsinnig hat sie die Schranken ihres Standes verlassen, hat sich einem Spion aus- geliefert. Es war ihr eigener Wille! Nun hält mich nichts mehr, das Band zu lösen, dachte er.
Langsam ging er wieder hinüber.
Und es wurde wirklich zwei Uhr, ehe Mister Harrison und feine Gattin das elegante, schöne Heim Doktor Ansbrücks verliehen.
Der Gastgeber brachte seine Gäste bis -um Wagen. Er hatte das so angeordnet, daß Harrison feinen Mietchauffeur mit Dem Wagen wieder in die Stadt zuriickgefchickt hatte, da sein eigener Wagen die Gäste zurückbringen konnte. Nun fuhr der große Horch vor.
Jordan. Ansbrücks Chauffeur, mochte sich über diesen fjcutfgen Abend gewiß auch allerlei Gedanken machen, denn die zwei Fahrten heute, die fielen völlig aus dem Rahmen des Sonstigen. Aber er stand neben der geöffneten Wagentür, sah auf feinen Herrn und erwartete dessen weitere Belchle.
Mister Harrison war in solch einer vergnügten Stimmung, daß er beinahe dem Doktor noch daS Du angetragen hätte. Es kam jedoch nicht dazu. Mistreß Harrison schob ihren Gatten in den Wagen.
„Wir fahren jetzt."
Und Der alte Amerikaner fügte sich schweigend. Den Ton kannte.er zu gut, da gab es kein Auflehnen.
Lautlos fuhr der Wagen über den weihen, weichen Schnee an der hohen Hecke dahin. -
Rasch ging Ansbrück nach oben. Suchend blickte er sich um.
Wo war Aenne? Die kleine, schöne, blonde Aenne?
Er rief. Nichts rührte sich.
Da bekam er Angst um sie. Das kleine Mädel würde doch nicht etwa in dieser Winternacht heimlich fein Haus verlassen wollen? Vertraute sie ihm denn nicht? Sie konnte doch nicht mitten in der Nacht nach der Stadt zurück? Allein? Was für Gefahren drohten ihr denn da?
Suchend ging er durch die schonen Räume.
Dann kam ihm ein Gedanke. Er ging zuw Ankleidezimmer, lauschte. Drinnen horte er ein Geräusch.
Gott sei Dank, sie war noch Da. Er klopfte.
„Ich bin fertig“, klang es von Drinnen.
(Fortsetzung folgt.)


