Ausgabe 
1.10.1932 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 1. Oktober 1932.

Besucht das Theater!

Aus dem Stadttheaterbüro wird un8 geschrieben: Wir eröffnen am Dienstag unsere Iubiläumsspielzeit 1932/33. Aber nicht aus Mode und Sensationslust soll man ins Theater gehen, sondern weil jeder Mensch so etwas wie eine Pflicht hat gegenüber der Kunst und unfern» tern. die vor 25 Jahren diesen Prachtbau, ent­standen aus den Beiträgen vieler, als ein Denk­mal bürgerlichen Gemeinsinns schenkten. Gleich­zeitig aber bringt diese Pflichterfüllung Freude. Denn der feste Theaterabend schafft vorher Freude und gute Stimmung, da man Gelegenheit hat, sich auf diesen Abend der Ablenkung und Zer. streuung vorzubereiten. Darum erwerbe man ein AbonnementI Es ist für alle: der geplagten Haus­frau, die tagein-tagaus im Hause schafft, wünscht man vor allen Dingen den wohlverdienten regel» mäßigen Theaterabend. Die Berufstätigen und Kaufleute, denen tagsüber meist nur -Zahlen, Konten, Paragraphen, Verordnungen. Akten usw. im Kopfe schwirren, brauchen auch einen Ausgleich für ihre beruflich angespannten Kräfte. Auch der begeisterte Radiofreund möchte schließ» lich alles das auch einmal direkt von Mensch zu Mensch schauen und hören, was er bisher nur drahtlich vernommen hat. Keiner sollte daher acht- los am Theater vorübergehen, denn für alle ist das Abonnement mit seinen vielen Vergünstigun­gen der billigste Weg zur wahren Kunst. Von 10 bis 13 Ähr und von 16 bis 17 Ähr nimmt die Kasse werktäglich Abonnementsmeldungen für alle Plätze und für alle Abonnementstage noch ent­gegen.

Kreis Gießen gibt 200 Mark zur Hindenburgspende.

Der Kreisausschuß des Kreises Gie - ßen hat zur Hindenburgspende anläßlich des 85. Geburtstages des Herrn Reichspräsidenten den Betrag von 200 RM. bewilligt.

Oie Essen-Ausgabe an den Feldküchen

Vom I. Batl. 15. Jnf.-Rgt. wird mitgeteilt, daß die Ausgabe des Essens aus den Feldküchen an die Zivilbevölkerung morgen vormittag auf dem Trieb um 11.30 Uhr beginnen wird. Preis pro Portion 20 Pfennig. Das Fleisch wurde zum Teil von der Metzgerinnung Gießen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Zeldgottesdienst und Parade beginnen pünktlich.

Das I. Batl. 15. Jnf.-Rgt. macht darauf aufmerk­sam, daß der Feldgottesdienst und die Pa­rade beim Grenadiertag morgen auf dem Trieb ganz p ü n k l i ch um 10 Uhr bzw. 11.15 Uhr be­

ginnen. Der Bevölkerung wird empfohlen, sich recht- zeitig einzufinden, da nach dem Zeitpunkt des Be­ginns des Gottesdienstes und der Parade niemand mehr Zutritt zu dem Platze erhalten wird.

*

"Katholischer Gottesdienst am Gre- n a d i e r t a g. Es sei noch einmal darauf hinge­wiesen, daß anläßlich des Grenadiertages den ka­tholischen Festteilnehmern am morgigen Sonntag um 8 Uhr Gelegenheit zum Besuch der hl. Messe in der Pfarrkirche geboten ist. Die Predigt wird während des um 10 Uhr beginnenden Feldgottesdienstes auf dem Trieb gehalten, hl. Messe wird dort aber nicht stattfinden.

** Museen morgen geschlossen. Alle Museen und die städtische Gemäldesammlung im Reuen Schloß bleiben am morgigen Sonntag ge­schlossen.

** Steuervergünstigung bei Woh - nungsteilungen. Wir lesen in den vom Wirtschaftsprüfer Hermann Will zu Gießen her- ausgegebenenAktuellen Steuerfragen" (Rund­schreiben Nr. 19) folgendes: Der Reichsminister der Finanzen erinnert durch Erlaß vom 31. August 1932 (S. 1900 II 1 A 190 III) daran, Laß nach einem Runderlaß vom 9. Dezember 1931 Woh­nungsteilungen nicht nur durch Hergabe öffentlicher Mittel oder durch Hauszinssteuererleichtevungen, 1 andern auch durch Entgegenkommen bei der Grund­steuer und bei Reichssteuern im Billigkeitswege ge­ordert werden sollen. Er weist die Finanzämter an, in den einschlägigen Fällen nicht engherzig zu ver­fahren.

** Zeitweise Sperrung der Kirch- stratze während der Messe. Das Polizei­amt Gießen teilt mit: Während der Dauer der Herbstmesse vom 3. bis einschließlich 9. Oktober wird die Kirch st raße zwischen Reustadt und Wetzsteingasse täglich von 11 Ähr ab für den gesamten Durchgangsverkehr polizeilich gesperrt.

* Obstbaumzählung in Hessen. Wie der hessische Finanzminister bekanntgibt, findet im Laufe des Rovember im Dolksstaat Hessen eine Obstbaumzählung statt. Von den Obstbaum­besitzern wird gefordert, daß sie den Zählper­sonen die verlangten Angaben richtig und voll­ständig machen.

* * Mieterjubiläum. Am heutigen 1. Ok­tober kann Frau Else H a n d r i d, Liebigstraße 93, ihr 25jähriges Mieterjubiläum begehen. Die Dame bezog am 1. Oktober 1907 als erste das damals eben fertiggestellte Haus, in dem sie die gleiche Wohnung noch heute innehat.

* * Ruhestandsversetzungen. Mit Wir­kung vom 1. Rovember ab wurden in den einst­weiligen Ruhestand versetzt: Dürodirektor Karl Engel bei dem Vermessunasamt Friedberg und Dermessungsrat Johannes L u f f bei dem Ver- messungsamt Büdingen.

Auftakt zum Hessischen Srenadierlag.

Oie Einholung der alten hessischen Regimentsfahnen.

Garnison und Bürgerschaft von Gießen um­schlingt das feste Band der engsten Zusammen­gehörigkeit: sie bilden gewissermaßen eine große Familie. Diese erfreuliche Feststellung konnte man wieder einmal bei dem gestrigen Auftakt zum Hessischen Grenadiertag machen. In doppelter Hinsicht konnte man wahrnehmen, wie stark unsere Mitbürger an diesem Militär­feste Anteil nehmen: einmal an der Ausschmückung der Straßen, zum anderen an der gewaltigen Begeisterung angesichts der Truppe.

Die Straßen prangen in festlichem Flaggen­schmuck. Schon die offizielle Beflaggung durch die Stadtverwaltung gibt der Visitenkarte unserer Stadt, dem Eingang vom Bahnhof her, ein wür­diges Aussehen. Zn den weiteren Strahenzügen haben sich die Bürger in anerkennenswerter Weise die Ausschmückung des Straßenbildes an­gelegen sein lassen, um dergestalt ihrer großen Sympathie für unsere 15er Ausdruck zu geben. Die hessische Landesfarbe Rot-Weiß herrscht bei diesem Wilitärfest in der einzigen hessischen Gcvr- nisonstadt natürlich vor, aber auch die alten und die neuen Reichsfarben werden gezeigt.

*

Gestern mittag waren die Aussichten auf einen schönen Beginn des Festes noch sehr bedenklich. Trübes Gewölk zog schon seit dem Vormittag immer stärker auf, bis es gegen 14 Ähr auch richtig zu regnen anfing. Da gab es bei vielen, insbesondere bei den Veranstaltern, arge Be­klemmungen. Jedoch der Wettergott hatte ein Einsehen. Die Regenwolken machten sich nach einer halben Stunde auf und davon, und bald war spätsommerliches freundliches Wetter mit heiterem Himmel zur Herrschaft gelangt. Run kam allenthalben dre notwendige Stimmung zum Durchbruch.

In der Reuen Kaserne herrschte schon von 15 Ähr ab reger Betrieb. Als wir gegen 15.45 Ähr den Kasernenhof betraten, stand die Fahnen­kompanie bereits auf dem Hofe angetreten. Die Vorgesetzten ließen die letzten musternden Blicke über chie Mannschaften schweifen. Wir suchten zunächst die militärische Ausstellung in der Exerzierhalle auf, und bald kam ein großer Teil der Kompanie, die noch einmal wegtreten durfte, dorthin nach. Dann aber kam gegen 16.15 Ähr der Befehl zum Antreten. Aach einigen letzten Anweisungen des Führers der Fahnenkompanie, Hauptmanns v. Stockhausen, marschierte die Kompagnie in prächtiger mili­tärischer Marschordnung, jeder einzelne Mann in der schneidigen Aufmachung ein herzerfreulicher Anblick, ab zur

feierlichen Einholung der alten hessischen Regimentsfahnen.

Eine große Menschenmenge begrüßte und beglei­tete die Truppe voll : Begeisterung bereits auf dem Marsche zum Bahnhof, der von der Licher Straße aus durch die Moltkestraße über die Ostanlage, Süd- anlage, Frankfurter Straße, Liebigstraße, Bahnhof­straße ging. Immer mehr und immer schneller schwoll die Menschenmenge an.

Auf dem Baynhofsplatz, der von der Poli­zei in mustergültiger, aber durchaus konzilianter Weise zum Teil abgesverrt war, sowie auf der Treppe zur Eisenbahnbrücke und auf den Wegen an der Böschung stand eine riesige Menschenmenge

dichtgedrängt Kopf an Kopf in Erwartung der Fahnenkompanie. Vor dem Hauptportal des Bahn­hofsgebäudes stand der Doppelposten der Fahnen­wache. In schneidigem Stcchschritt marschierte die Truppe 10 Minuten vor 17 Uhr auf dem Bahnhofs­platz auf; vielfach hörten wir herzliche Worte der Anerkennung und Bewunderung für die schneidige Kompanie. Der Führer, Hauptmann von Stock­hausen, ließ zunächst noch für kurze Zeit die haltende Kompanie rühren und die Gewehre zusam- mensetzen. Punkt 17 Uhr gab der Führer das Kom­mandoStillgestanden!", dannAn die Gewehre!", hieraufGewehr über!" Und nun wurden unter den Klängen des Präsentiermarfches die 9 ehr­würdigen Fahnen der Regimenter 115, 116 und 118 von der Fahnensektion in schneidigen Paradeschritt, während die Mannschaften die Gewehre präsentierten, zur Kompanie gebracht. Kurze Kommandos, straffe militärische Bewegungen, und dann ging's mit den Fahnen unter schneidiger Marschmusik zur Stadt zurück.

In den Marsch st raßen der Fahnen­kompanie herrschte ein geradezu ungeheures Gedränge von begeisterten schaulustigen Men­schen. Ein so gewaltiges Zusammenballen von Menschenmassen haben wir hier noch nicht ge­sehen. Diese starke Bekundung der Anteilnahme an dem Fest unseres Bataillons beweist die Herz­lichkeit der Gesinnung des ZivU gegenüber dem Militär in Gießen. Zu beiden Seiten der Straßen standen ununterbrochene Menschenmauern, und mit der Truppe marschierten noch viele weitere begeisterte Männer, Frauen und Kinder. Äeberall wurde den ruhmreichen Fahnen die schuldige Ehr­erbietung erwiesen und mit Herzlichkeit wurde die Kompanie begrüßt. Es war eine Art Triumphzug, der sich bis zur Wohnung des Landeskommandanten in Hessen und Bataillons­kommandeurs, Oberstleutnant K l e p k e, in der Licher Straße darbot.

Rach dem üblichen feierlichen militärischen Ze­remoniell wurden dann bei präsentiertem Gewehr der Kompanie und den Klängen des Präsentier­marsches die Fahnen in die Wohnung des Kom­mandeurs verbracht, vor dessen Hause Doppel­posten als Fahnenwache aufgezogen war. In eindrucksvoller militärischer Straffheit wickelte sich auch dieser Teil der Feier vor den Augen einer außerordentlich großen Menschenmenge ab. Dann zog die Kompanie, von der Menge be­gleitet, mit klingendem Spiel zur Kaserne zurück.

Oie militärische Ausstellung

in der Exerzierhalle der Reuen Ka­serne (an der Licher Straße) ist von den ver­antwortlichen Leitern und ihren Mitarbeitern zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ran­ges gestaltet worden. Man kann nur staunen über die Reichhaltigkeit dessen, was hier an Waffen, militärischen Hilfsmitteln der verschie­densten Art, Apparaten, Fahrzeugen, Modellen, Schautafeln usw. usw. zusammengetragen ist. Der alte Soldat kann hier viel Reues zu seinem bis­herigen Wissen hinzulernen, aber auch für die­jenigen, die nicht den Soldatenrock getragen haben, bietet diese Ausstellung sehr diel Interessantes. Sachkundige Führung steht den Besuchern auf dem Rundgang mit allen gewünschten Erklärungen zur Seite. Auf Grund unserer gestrigen Besichtigung der Ausstellung können wir allen Besuchern des Grenadiertages nur dringend raten, unter allen Ämständen auch diese Interessante Schau zu be­sichtigen.

Buntes Allerlei.

Spuren aus der Hexenzeit.

Ein merkwürdiger Fund ist auf einem alten Friedhof in der ungarischen Stadt Ragyrös ge­macht worden. Bei Grabungen stieß man auf einen Sarg, der eine Zange von altertümlicher Form enthielt, aber nicht die geringsten Spuren eines darin bestatteten Körpers wurden gefunden. Da die Zange in ihren Griffen ein verrostetes eisernes Herz hielt, so nimmt man an, daß es sich hier um dieBeerdigung" einer verbrannten Hexe handelt, deren Angehörige auf diese Weise ihr die letzte Ruhe sichern wollten. Auf der Stätte des Friedhofes wurden im 17. Jahrhundert ver­schiedentlich Hexen verbrannt, und so trat hier eine Erinnerung an diese grausigen Zeiten zutage. Roch von einem anderen sonderbaren Fund wird in Budapester Blättern berichtet. In dem Wald bei der Stadt Dombowar fand ein Hirte ein altes Echäferhorn, von dem man annimmt, daß es einem der berühmtestenBetjaren", d. h. Räu­ber, dem Ioska Sobri, gehörte, der die ungarische Ebene im 19. Jahrhundert in Schrecken versetzte. Es ist ein gewöhnliches Ochsenhorn von 85 Zenti­meter Länge, dessen Ende aber mit schönen Dlu- men-Ornamenten verziert ist.

So heiratet ein Zauberer.

Als neulich der in Frankreich sehr bekannte Zauberkünstler, der sich mit Artistennamen Guili- Guili nennt, mit einer jungen Pariserin verheira­tete, gab es während des Hochzeitsmahls einige unliebsame Äeberraschungen. Einige Gäste ver­mißten Geldbeträge, andere Wertgegenstände, Ähren, Brieftaschen und so weiter. Was war ge­schehen? Guili-Guili hatte, während sich die Ge­sellschaft versammelte, einigen Gästen einige Dinge entwendet, ohne daß diese es gemerkt hätten, und er erhob sich, um den Genasführten ihren Be­sitz wiederzuzustellen.

Amerikanisches.

Reuhorker Blätter erzählen eine echt amerika­nische Geschichte. Der aus dem Weltkrieg bekannte General Pershing muhte sich neulich drei Zähne ziehen lassen. Dann las er in der Zeitung, daß einige begeisterte Patrioten diese Zähne um einige Dollars für das Stück erworben hätten. Als Mann von Geschmack wollte der General diesem Treiben ein Ende machen und beauftragte einige Leute, die Zähne um jeden Preis zurück­zuerwerben. Der Erfolg war verblüffend. Die Be­

auftragten legten gegen zweihundert Zähne auf den Tisch des Hauses, die allegarantiert echt" waren...

Daten für Samstag, 1 Oktober.

1386: Gründung der Äniversität Heidelberg; 1826: der Maler K. v. Piloth in München ge­boren; 1845: der Maler und Zeichner Adolf Oberländer in Regensburg geboren; 1879: Eröffnung des Reichsgerichts zu Leipzig.

Daten für Sonntag, 2. Oktober.

1839: der Maler Hans Thoma in Bernau im Schwarzwald geboren; 1847: Reichspräsident v. Hindenburg in Posen geboren; 1869: der indische Rationalist Mohandas Karamchand Gandhi in Porbandar geboren; 1927: der Physiker und Chemiker Svante Arrhenius in Stockholm gestorben.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.»

G. ft. Nach Artikel 109 der Reichsoerfassung gelten künftighin Adelsbezeichnungen nur als Teil des* Familiennamens. Der Zweck dieser Bestimmung war also die Abschaffung des Adels im allge­meinen und jedenfalls in der Theorie. Rach einem hessischen Min-isterialausschreiben ist es deshalb z. D. unzulässig, den Vornamen zwischen die bisherige Adelsbezeichnung und den übrigen Teil des Familiennamens einzuschieben. Es heißt also richtig:Wilhelm Freiherr usw.", nicht aber: Freiherr Wilhelm..Auch ist es unzulässig, den Ramensbestandteilvon" inv." a^Er­zen. Änseres Dafürhaltens dürften die Kinder eheliche Abkömmlinge eines persönlich Geadel­ten dasvon" vor ihrem Rainen nicht füh­ren. Der persönliche Adel, der vom Landesherrn für besondere Dienste verliehen wurde und mit einer Ordensauszeichnung oder Titelverleihung verbunden zu sein pflegte, erstreckte sich schon früher niemals auf die Kinder und war lediglich eine persönliche Auszeichnung auf Lebenszeit. Die Möglichkeit einer Vererblichkeit einer solchen muh bestritten toerben, zumal sie dem Geist des zitierten Artikels 109 der Reichsverfassung wider­spricht.

Eine Aenderung des Familiennamens aber hat die Verleihung des persönlichen Adels nie­mals bedeuten können.

General Hindenburg und derGroße M".

Eine heitere Erinnerung zum 85. Geburtstage unseres Reichspräsidenten.

Im Jahre 1908, als Hindenburg Kom­mandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg war, stand unser Bataillon innerhalb seines Befehlsbereichs in Merse­burg, das damals ohne Leunawerke und son­stige Industrie noch ein friedliches kleines Provinzstädtchen war. Einmal im Jahr, etwa Anfang März, pflegte Hindenburg für einige Tage zu uns zu kommen. Der Hauptzweck seines Besuches war zwar jedesmal die Teil­nahme an der feierlichen Eröffnung des Pro- oinziallandtages. Daß er aber damit stets auch eine Besichtigung seines Merseburger Bataillons verband, war bereits traditionelle Tatsache geworden.

Wir jungen Leutnants sahen dem Besuch Exz. v. Hindenburgs, der nach dem endlosen Trubel der Bosichtigungsoorbereitungen gleich bei feiner An­kunft durch seine überragende Riesengestalt mit ihren ruhigen Bewegungen, durch feine maßvollen Kritiken und feinen wohlwollenden Humor Ruhe unter der Menschheit verbreitete, stets mit wirklicher Freude entgegen. Was konnte ihm auch groß gezeigt werden?

Das Kompanie-Exerzieren hatte gerade erst an­gefangen und besichtigungsfertige geschlossene Ver­bände für Geländeübungen gab es um diese Jahres­zeit noch nicht. So blieb es beim kleinen Exerzier­dienst, Dienstunterricht, Turnen, Fechten usw. Und dabei konnte schließlich nicht vielpassieren". Es gab für uns aber jedesmal einen oder zwei betrieb­same fröhliche Abende in unserer sonst so kleinen Tafelrunde im Kasino, da unser Kommandierender stets ein Freund dör Geselligkeit im Kameradenkreise war.

Am zweiten Tage der Besichtigung hatte ich in jenem Jahre als älterer Leutnant der Kompanie nachmittags diePatrouillenführer" im theoretischen Dienstunterricht vorzuführen. Im Exerzierhaus ent­wickelte sich dabei das jedem alten Soldaten bei sol­chen Gelegenheiten übliche wohlbekannte Bild.

Dor mir stand, in zwei Gliedern rangiert, die Mannschaft, die .Intelligenz" der Kom­panie. Hinter mir, mit der Front zur Abteilung, befand sich eine schwarze Schultafel mit Schwamm und Kreide. Hinter mir stand aber auch Exz. v. Hindenburg und dazu eine Unzahl von Vorgesetz­ten. Nach Bekanntgabe des Themas durch Seine Exzellenz hatte ich schulmäßig abzufragen, meine Leute zu antworten.

Gegen Schluß kam die Orientierung zur Nacht­zeit im Gelände daran. Dazu meine Frage:

Wie findet der Patrouillenführer die Nordrich­tung in der Nacht?"

Antwort:Mit Hilfe des Polarsterns."

Frage:Wie findet man den Stand des Polar- fterns?"

Antwort:Mit Hilfe des Großen Bäre n!" Ich:Füsilier X, zeichnen Sie mal denGroßen Bären" an die Wandtafel!"

Er tritt hinter mir an die Tafel. Ich frage in­zwischen anderweitig weiter, um nach Auszeichnung des Sternbildes die Auffindung des Polarsterns zu erörtern. Daher noch ein paar Male: Frage Antwort, Frage Antwort. Denn die Füsiliere zeichnen langsam, und schön müssen doch auch bei der Besichtigung die Sternchen ausfallen!

Mit einem Ohr horche ich dabei immer nach hinten, damit ich merke, wann der Füsilier I mit seinem Sternbild fertig ist. Und ich höre, wie er malt: ein, zwei, drei Kreuzchen, noch mehr Kreuz­chen, immer wieder Kreuzchen!

Was ist das nur? DerGroße Bär" darf doch nur sieben Kreuzchen haben? Diel- leicht hat er sich in der Aufregung verzeichnet und den ganzen Kram erst noch paarmal wieder aus­gewischt? --Also weiter: Frage Antwort,

§rage Antwort. Hinter mir höre ich an der Wandtafel: Kreuzchen, Kreuzchen, nichts als Kreuzchen!

Einzelne Füsiliere meiner Abteilung unterdrücken bereits mühsam ein Feixen. Ich merke, wie die Vor­gesetzten hinter mir unruhig werden. Tuscheln. Füße-

scharren. Säbelklappern. Mein Brigadekommandeur räuspert sich vernehmlich. Das tut er immer, wenn er böse wird! Und Füsilier I malt weiter Kreuzchen!

Mein Gott, da muß was passiert sein! Und dabei bin ich der einzige, der noch nicht weiß, was los ist!" geht es mir durch den Kopf, der plötz­lich nicht mehr so recht mit will. Denn dieJugend" hatte bereits gestern abend im Kasino so eine Art Dorschußfeier auf die gelungene Besichtigung Der- anftaltet. Aber das hilft nichts. Weiter geht es: Frage Antwort, Frage Antwort, um die Auf­merksamkeit der Vorgesetzten von der infamen Wand­tafel abzulenken! Und auch nur keine Verlegenheits­pause! Denn in ihr versinkt alles in Nichts, was an Gesamteindruck bisher gut war!

Plötzlich erklingt die sonore Stimme unseres Kom­mandierenden:Wenn das so weiter geht, malt der uns noch den ganzen Zoologi­schen Garten an die Wandtafe 1."--

Gott sei Dank, Exzellenz hat mich unterbrochen. Ich kann Schluß machen mit der Fragerei! Ich drehe mich um, sehe Hindenburg an er'schm Un­zeit. Die Vorgesetzten sie schmunzeln; ein frecher Adjutant hat sogar laut losgelacht. Die Füsiliere sie schmunzeln. Ich weiß jetzt, meine Situa­tion ist gerettet.

Mein Blick fällt nun auch auf die Wandtafel. Was sehe ich? Hat der Füsilier X mit einer Un­zahl von Kreuzchen eine 21 r t jungen Teddy in Lebensgröße an die Tafel gemalt. Sehr schön. Mit Ohren, Schnauze und Pfötchen. Und Männchen macht er auch! Nur schade, daß dieses Monstrum einer trächtigen Katze ähnlicher sah als einem jungen Bären!

Ich hatte in diesem Augenblick keine Zeit, darüber ncuhzudenken, wie es mir ergangen wäre, wenn jetzt an der Stelle dieses Mannes ein anderer ge­standen hätte, ohne Humor und von geringerer Menschenfreundlichkeit. Denn Hindenburg befahl die Beendigung des Unterrichts, und es folgte eine von der freundlichen Stimmung des Augenblicks getra­gene wohlwollende Kritik.

*

Am Abend fafj Exzellenz von Hindenburg in unse­rem kleinen Kreise im Kasino. Es war inzwischen längst festgestellt worden, daß der Füsilier X aus­gerechnet an jenem Tage, als die Orientierung nach demGroßen Bären" und Polarstern im Unterricht besprochen wurde, auf der Bataillonskammer Röcke ausklopfen mußte! Wir beschlossen also, Sr. Ex­zellenz in ähnlicher Weise unseren Dank abzustatten.

Ein Dichter hatte sich bald gesunden und ein Zeichner dazu. Binnen kurzem wurde ein Gedicht fabriziert, von dem mir heute nach saft 25 Jahren leider nur noch der Anfang und das Ende erinner­lich ist.

Es begann etwa:

Der Leutnant G., er instruiert mit großer Vehemenz Dor uns'remKommandierenden, vorSr.Exzellenz...

Dann folgte in ziemlich dramatischer Form die Schilderung der Hergänge des heutigen Nachmittags und es endete mit den Worten:

... und allen ward es schrecklich klar,

Daß dieses nicht derGroße Bär, jedoch des jLeutnants Kater war.

Auf der Rückseite einer Menükarte mit Hilfe eines bunten Bändchens, etwas Siegellacks und der Adler­seite eines Zweimarkstücks entstand von zeichnerischer Hand aus dem Gedicht im Nu eine Art altertümliche Urkunde, die Exzellenz v. Hindenburg vom ältesten Leutnant des Bataillons in feierlicher Form mit einer scherzhaften Ansprache überreicht wurde. Und wir konnten zu unserer Genugtuung feststellen, daß wir mit dieser Art des Dankes bei ihm das Richtige Eetroffen hatten. Denn er ließ dieseUrkunde" so- ort an der ganzen Tafelrunde zur Unterschrift erumgehen, verlangte ein Kuvert von entsprechen­der Größe und sandte sie am gleichen Abend noch an seine damals noch lebende Gattin in Magde­burg. Major a.D. Fr. Guth k e.