Ausgabe 
1.10.1932 Erstes Blatt
 
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Samstag, 1. Moder 1952

182. Jahrgang

Nr. 251 Erstes Via«

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Vater des Vaterlandes.

Dem Reichspräsidenten zum sünfundachtzigsien Geburtstage am 2. Oktober.

Hindenburg.

Don Erich Marcks.

In einem Festbuch zum 85. Geburtstage des Reichspräsidenten entwirft E-rich Marcks, der berühmte Historiker der Berliner Uni­versität, der Geschichtsschreiber Wilhelms L und Bismarcks ein Charakterbild Hinden­burgs als Mensch und Staatsmann, dem mir den folgenden Schlußabschnitt ent­nehmen:

Es ist der Abschluß für diese Wanderung durch - Hindenburg Leben, festzustellen, wie unver- wandelt in all dessen Wendungen und Wand­lungen doch das Menschentum des heute 85jährigen geblieben ist. Unverwandelt die Erscheinung: die Höhe und Breite der Gestalt, die Straffheit der Haltung, jene einfache, harte Größe in der Zeich­nung der Gesichtszüge, wie wir sie ehedem be­schrieben haben: alles durchgepragter, alle Zuge wie alle Eigenschaften durch den Inhalt seines Lebens gesteigert und doch sich seiber gleich; noch heute wirkt er als Mann und kaum als Greis, noch heute klingt die dumpfe, tiefe Stimme un­rednerisch, aber stark. Unverwandelt die Umgebung, in der sich sein Wesen spiegelt; er hält das Ererbte und Ursprüngliche unablenkbar bei sich fest, noch heute steht auf seinem Schreibtische die Tafel, die auf dem seines Vaters gestanden hat, mit der Inschrift: ora et labora. Der Eindruck aller dieser Erscheinung, der sichtbaren wie der historischen, hat durch Schicksale und Jahre etwas Märchen­haftes bekommen: wie unwahrscheinlich ist diele schlichte Wirklichkeit! Der Sohn eines 85jahrigen, der Enkel eines 86jährigen, ist er durch das Alter selbst in die mythische Höhe seines Kaisers gerückt worden, des 90jährigen, dessen politischer Persönlichkeit nebst ihren Wandlungen wir ihn früher verglichen und dem er als Erscheinung im ganzen verwandter bleibt als irgendeinem anderen unserer Geschichte.

Wer Umschau hielte nach anderen Genossen, der stieße vielleicht auf Wellington, den Feldherrn, der seinem Lande dann als Staatsmann kämpfend, ausgleichend und schirmend diente bis über die Gren­zen des biblischen Alters hinaus, ein Tory und doch ein Gesamtbesitz Englands in erregter Zeit; der stieße einmal auf George Washington, den Fetd- herrn auch hier, den Befreier, der nach dem Kriege die Einheit seiner Nation rettend gründen half und sie als Präsident verkörperte und einlebte Edel­mann stets und Staatsmann kraft seiner Pflicht, der Vater seines Vaterlandes, noch heute der Name für diese Nation, noch heute grenzenlos geliebt und verehrt der Held des Charakters. Hindenburg selber sahen wir, durch Pflicht und Notwendigkeit und die bildende Macht der Aufgabe, ganz Staats­mann, werden; keinen Augenblick hot er auch da seine Vergangenheit und sein Wesen verleug­net oder verloren; er konnte alles werden, weil ein Kern unveränderlich war, und der Kern des Staatsmanntumes war dem Edelmann eingeboren und für den Offizier die selbstverständlichste und be­deutsamste Eigenschaft: das tiefgesunde Gefühl für die Dinge, für die Wirklichkeiten, der Griff für das Mögliche, und mit ihm vereint die Kraft des handelnden Willens.

Und unverwandelt sind diese tiefsten Erbtümer, dio historischen Grundkräfte seiner Persönlichkeit ge­blieben, die auch wir durch seine Geschichte beglei­tet haben der preußische Edelmann, der Preuße, dessen Schicksal es war, zum Deutschen, zum Inbegriffe des Deutschtums hinüberzuwachsen, im Kriege und vollends im Frieden, und der in aller Erweiterung seines Wesens und in aller Umbil­dung des Preußentumes doch der Altpreuße blieb: noch heute im Innersten^der Offizier der preußischen Armee, in deren Schdle er alles ge­lernt zu haben erklärt, und der Gutsherr auf preu­ßischer Scholle. Die Beneckendorff Hindenburgs und die Bismarcks traten uns sozial nebeneinander, typisch-verwandt; zu Otto von Bismarck gehört Paul von Hindenburg auch als historische und als persönliche Gestalt, seinem Schicksal und seiner Stellung nach, in sonderbarer Nähe. Auch in Bis­marcks Sphäre wuchs er hinein, je älter er wurde e und je höher er stieg; der Staatsmann Hindenburg rückt an die Arbeit des Staatsmannes Bismarck heran, des größten unserer Geschichte, und Staats» Mannschaft und Person vereinen sie schließlich noch dichter miteinander als den Reichspräsidenten mit Wilhelm I., dem Soldaten und Monarchen. Die Leuchtkraft des höchsten unserer politischen Genien wird niemand bei Hindenburg wiederfinden wollen, so wenig wie die m'konische Glut seiner Schöpfer­macht; was an ihm genial heißen darf, ist jener Sinn für das Notwendige und Rich­tige, für das Einfache und Nüchtern-Starke, jene Selbstverständlichkeit von Gang und Griff; und was sie zusammenführt, das ist das Schaffen am gleichen Werke, und über allem die tiefe Verwandtschaft der Bodenständigkeit, das Norddeutsch-Adlige, das in beiden schafft, die Wirkung uralter Kräfte dieses Bodens in neuer Zeit: auch Hindenburg führt sie, ohne sie je in sich zu verlieren, durch seine ver­wandelte Gegenwart, verwandelt und gleich, in eine

Marschall -er Nation.

KM

MGGM

Hindenburg-Worte.

In dem schweren Erleben der letzten Jahre hat uns der waffenlose Kampf, den deutsche Männer und Frauen an der Ruhr wie am Rhein um ihr Deutschtum, um ihr Recht und ihre Freiheit kämpf­ten, die tiefe Ueberzeugung gegeben, daß Deutsch­lands Sendung noch nicht erfüllt ist und sein Weg nicht im Niedergang endet. Wie sie, die diesen Kamps so tapfer bestanden, wollen wir uns alle zu diesem Glauben an deutsche Zukunft bekennen. Wir hoffen, daß das deutsche Volk auch über den inneren Zwist und die Fehde des Tages hinweg durch einen neuen Geist brüderlichen Verstehens wieder emporgetragen werde zur Einigkeit und zu starkem gemeinsamen Empfinden seines Volkstums.

*

Sieg oder Unsieg liegt in Gottes Hand; der Ehre sind wir selber Herr und König.

*

Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes gesehen, und glaube nie und nimmer, daß es sein Todesringen gewesen ist. *

Nicht Klassen und Stände, nicht Parteien und Gruppen in gegenseitiger Abschließung und Be­fehdung, sondern Gemeinschaftsgefühl und der Geist dienender und opfernder Vaterlandsliebe sind der Boden, auf dem allein wir eine bessere Zukunst aus­bauen können,

Zukunft hinüber. Mit welchem Ergebnisse, das stell­ten wir der Erkenntnis dieser Zukunft anheim. Was wird er und seinesgleichen ihr noch zu sagen, in ihr noch zu leisten haben? Sie möge es sehen. Aber das Sein, das Menschlich-Geschichtliche, sehen wir bereits mit unseren eigenen Augen, das Sein, das in allem hohen Menschlichen doch über dem Handeln steht: in diesem Sein fließt bei Hindenburg das Blut seines Standes, das Bismarcksche Blut, die adlige Ueberlieferung des deutschen Blutes lan­ger Jahrhunderte. Der Künstler, der das große ham­burgische Standbild schuf, hat in seinem Bismarck dieses Erbe, wie es in stärkster Persönlichkeitskraft sich in die Höhen des Ueberpersönlichen, des Un­persönlichen emporhebt, zur überzeitlichen Erschei­nung gesteigert, zur Erscheinung ewig deutschen Wesens und ewig deutscher Größe. Daß auch in Hindenburg ein lebendiges Stück dieser Größe, die­ser Steigerung ins Allgemeine, dieser Verkörperung der Nation und ihrer Geschlechterreihe Gestalt ge­winnt, das rückt ihn zu jenem Größten hin, und unser« Feier seines neuen Festes darf e i n e F e i e r dieses ewigen Deutschtums, dieser Bo­denkräfte sein, die sich im großen.Menschen ver­körpern und die alle Gemeinsamkeit eines Volkes mit ihm, mit seinem Führer und Helden, zu einer Huldigung machen für die Seele der Nation. Wer so durch sich selber, ins Allgemeine hinaufwachst, der trägt die Unsterblichkeit in sich.

In qranitner Monumentalität gehört das Bild Hindenburgs, wi« wir es dankbar und ehrfürchtig und zugleich in tiefer Liebe vor Augen und >m Herzen haben, wirklich in Bismarcks Nachbarschaft hinein- norddeutsch und deutsch, naturhaft und selbst- verständlich, in grßartiger Schlichtheit. Ein geist­reicher Balte hat es so empfunden, als er dem Lebendigen im Gespräche gegenubergestanden hatte:

Ebe denn Deutschland war, war Hindenburg . Es ist kein Wort nach Hindenburgs Geschmack; er reibt fick in bescheidener Haltung feinem Volke ein aber daß er zu dessen zeitlosem Wesen gehört und gerade deshalb zu Deutschlands edelstem und gegenwärtigstem Besitztum, das ist die Gewahr sei­ner und eine Gewähr unserer Zukunft. Er ahnet unter uns: möge er es noch lange tun! W i r brauchen ihn nötiger denn je, gerade m den neuen ringenden Entwicklungen, in die seine Geschichte heute eingelenkt ist. Wir vermögen kaum I davon zu träumen, daß dieses Leben, dos so selten sich selber gehört hat, einen Abschluß finden konnte in friedlicher Stille eines Siegers, der ruhen darf.

Don Friedrich Wilhelm Heinz GOS.

Es gibt keinen Zufall, der 85 Jahre währte!" Wer vor dem Schicksal und den wirkenden Mäch­ten der Vergangenheit, also der lebendigen Ge­schichte, keine Ehrfurcht verspürt, dem bleibt die Gestaltung der Zukunft versagt. In einer Zeit, die sich ihrer bewegenden Kräfte und ihrer eigentlichen Aufgaben noch kaum bewußt ist, bestimmt nicht der äußere Anspruch, sondern dieinnereHaltung den Rang des Menschen. An der Fähigkeit, Hin­denburgs Rang zu erkennen und über die belang­losen Vorgänge der Tagespolitik hinweg seine über­zeitliche Gestalt zu bejahen, entscheiden sich heute in Deutschland die Geister.

Es wird zum 85. Geburtstage Hindenburgs weder an Lobpreisungen noch an Schmähungen fehlen. Beides berührt ihn kaum, denn Hindenburg selbst ist zu bescheiden, um sich als größten Feldherrn und erfolgreichsten Staatsmann der neueren Zeit rüh­men zu lassen. Hindenburg hat drei Kaisern ge­dient und ist dann Präsident einer Republik gewor­den. Er erlebte drei Generationen, die sich schärfer von einander abgrenzten und unterschieden, als je­mals deutsche Generationen vorher; er blieb sich elber treu. Hindenburg sah Feldherren und Minister und Feinde und Freunde kommen und gehen und wiederkommen, er wurde gewahr, wie er bald von der einen, bald von der anderen Seite in Anspruch genommen wurde, wie die einen als höchste Tugend priesen, was die andern als ärgsten Abfall verwarfen: fein Menschentum blieb über allem Hexensabath dieser Uebergangszeit unver­wandelt und rein.

Hindenburg dient, und dies ist in einer Zeit, wo es nur Unberufene zur Herrschaft gibt, allein entscheidend. Von der Fähnrichszeit bis heute hat die Pflicht Hindenburg auf einen Posten ge­stellt und befohlen: halte ihn nach bestem Ermessen und Vermögen. Was kann für Hindenburg hinter dieser Pflicht anders stehen als Deutschland? Staatsformen wechseln, Regierungen lösen sich ab, das Kräfteverhältnis der Parteien verschiebt sich, Parteien und Wirtschaftsgruppen und Ideologen vermeinen, Hindenburg vollzöge ihren Willen, sie beschlagnahmen ihn je nach Bedarf für die Demo­kratie und für die Diktatur, für den westlichen Ka­pitalismus wie für eine undeutsch gewordene Form der Monarchie oder für den Staat von Weimar: es ist Hindenburgs Schicksal, fernab von all diesen Ueberlegungen und Absichten des Zweckes i m Dienste d e s Reiches zu stehen und durch fein Vorbild ebenso wie durch seinen Widerstand der eigentlichen Gestaltung des Reiches vorzuwirken.

In einer Zeit der Scheinwerte und Scheinlösun­gen, der Versprechungen und Verhandlungen, der Verfälschungen und der seelischen Preisgabe ist es neben der bewußten Arbeit der Künftigen für das Reich äußerstes und unbedingtes Erfordernis, daß über dem unverdorbenen Teile des Volkes eine bewahrende Erscheinung steht, die allein durch das wirkt, was sie ist. Denn das Volk braucht eine Gestalt, an deren unwandelbarer Treue und Ge­schlossenheit es sich aus seiner über alle Maßen bit­teren Enttäuschung aufrichten kann.' Von allen denen, die heute sichtbar im politischen Leben der Nation stehen, wird allein der 85jährige Hinden­burg in das mythische Bewußtsein der Volksseele eingehen; in der schlichten Wirklichkeit der äußeren Erscheinung, in der rührenden Ursprünglichkeit des inneren Wesens. Die kleine, vom Vater ererbte Tafel auf Hindenburgs Schreibtisch: ora et labora! ist ein stärkeres Dokument für die einstmals benö­tigte Kampf- und Lebenssittlichkeit der Nation als mancher dicke Wälzer voller Schlagworte und

Wir wünschen ihm und uns, daß er es dürfte; wir wünschen ihm aber vor allem die weiterschaffende Kraft und einen Strom Sonne. Wir bedürfen sei­ner Leistung noch. Wie aber auch das Geschick ihm und uns falle: zum innerlichen Reichtum un­seres Volkes wird seine schlichte Größe immer zäh­len, zu jenem unverlierbaren Schatze, den die ele­mentaren Menschen ihrem Volke bedeuten, dem Schatze, aus dessen Bewußtsein ein Volk schöpft und lebt, in dessen Bewußtsein es seiner selbst erst be­wußt, es in sich selber erst zum Volke wird. Er hilft uns, das Bild unseres Volkes zu beseelen, wie seine Arbeit uns helfen will und hilft, unseren Staat uns wieder ehrwürdig zu machen. Das ist für Deutschland, so dringend sein Helfer ihm noch not tut, doch der tiefste Sinn und das tiefste Glück der Feier, auf deren Vollzug wir uns freuen: in ihrem lebenden Gegenstände segnen wir dankend und hoffend unser Vaterland selbst.

Selb stverstä nbli chkeiten.

lieber dem freien Ermessen des Menschen waltet die Vorsehung. Es gibt keinen Zufall, der 85 Jahre währte. Wer das Schicksalshafte des Hindenburg- schen Weges nicht zu ci&nnen vermag, hat keinen Blick für'die tieferen Kräfte und höheren Wirklich­keiten deren Abbild der)Mensch und deren Sinn- bilder die Taten dieser Erde sind. Wie Hindenburg eingesetzt wurde als Vorbild und persönlichkeits- bildende Erscheinung, so wurde ihm als Aufgabe zugemessen, allein durch sein Dasein die Kräfte des kommenden Reiches reifen zu lassen und alle vorzeitigen Versuche der Untauglichen zu verhindern. Mag es um Hindenburg einsam wer­den mögen Lob und Tadel an ihm vorbeizielen: er'ist da, und deshalb ist er notwendig. Hindenburgs Schicksal, ihm selbst nicht einmal be­wußt, ober von ihm selbst in höchster Treue und bis zur Selbstaufopferung erfüllt, ist es, durch das Vorbild bewahrende Kraft für alle im Wesen deutschen und preußischen Kräfte zu fein, deren das Reich bedarf, gleichzeitig aber als Ele­ment der Beharrung und Verzögerung die gründ- wassertiefen, glühenden und kalten Bestandteile der deutschen Erneuerung in der Stille sich klären, sät­tigen und härten zu lassen, «he aus ihnen in der Stunde des Durchbruches und der Geburt der schlackenfreie und unversehrbare Kristall des Reiches emporfchießt. Wir verehren in Hindenburg das Ewige, weil wir es in der Vergangenheit erkennen und'für die Zukunft brauchen. Wir bejahen tn Hindenburg das Zeitliche, weil es uns zum Dienst an der Zukunft zwingt. -