Aus der Provinzialhauptstadt.
®ießen, den 1. September 1932. Oie spinale Kinderlähmung in Gießen, kein Grund zur Beunruhigung!
Im Gegensatz zu den Gerüchten, die zur Zeit in unserer Stadt umlaufen, teilt uns das Kreis- aesundheitsamt Gießen mit, daß bisher in Gießen zwei Fälle von spinaler Kinderlähmung zur Beobachtung kamen. Die erkrankten Kinder wurden baldmöglichst in der Klinik isoliert, und auch sonst wurden Maßregeln getroffen, um eine Weiteroerbreitung der Krankheit zu vermeiden. Anlaß zur Beunruhigung liegt nicht vor. Eine Schließung der Schulen kommt einstweilen nicht in Betracht, die Kinder können vielmehr unbesorgt in die Schulen geschickt werden.
Wer kann zum Zreiwilligen Arbeitsdienst zugelaffen werden?
Heber diese Frage besteht noch große Unklarheit. Deshalb macht das Arbeitsamt Giehen darauf aufmerksam, daß zum Freiwilligen Arbeitsdienst nunmehr alle jungen Deutschen unter 25 2 ahren ohne Unterschied der Berufsbildung, der sozialen Stellung und der Weltanschauung zugelassen werden können. Die Zulassung ist auch nicht mehr abhängig von der Arbeitnehmereigenschaft, oder von dem Vor- handensein eines Anspruchs aus Arbeitslosenhilfe. Neben Handwerkern. Arbeitern und Angestellten können sich also fortan auch Studenten, Bauernsöhne und junge Söhne von Handel- und Gewerbetreibenden usw- beteiligen. 2m Hinblick aus die Beschränktheit der Mittel soll die Förderung nur solchen Arbeitsdienstwilligen gewährt werden, die darauf angewiesen sind.
Arbeitsdienstwillige, die über 25 Jahre alt sind, können nach den Bestimmungen künftig nur dann beim Freiwilligen Arbeitsdienst eingestellt werden, wenn dies notwendig ist, um einen erzieherischen Erfolg bei den jugendlichen sicherzustellen, oder wenn d e Art und Schwierigkeit der Arbeit es erforderlich macht, erfahrene Arbeitskräfte unter die 2ugendlichen zu mischen. Dabei dürsten 10 bis 20 Prozent die hochstzulässige Ziffer für ältere Arbeitsdienstwillige sein. Wo jetzt ältere Arbeitsdienstwillige beschäftigt werden, können sie bis zur Fertigstellung dieser Arbeiten im Freiwilligen Arbeitsdienst verbleiben.
Zirkus Straßburger in Gießen.
Die Eintrittspreise des Zirkus Straßburger sind - - wie man uns schreibt — in der heutigen Zeit eine seltene Erscheinung. Wenn man bedenkt, daß das Riesenunternehmen mit vielen tausend Mark Tagesunkosten operiert, kann man die der Geldnot in allen Bevölkerungsschichten angepaßten billigen Eintrittspreise von 80 Pf. bis 2,80 Mk. nicht hoch genug anerkennen. 2n allen Nachmittagsvorstellungen ermäßigen sich übrigens diele Preise auf 40 Pf. bis 1,40 Mk. für Erwachsene und Kinder, so daß auch der Minderbemittelte für wenige Pfennige einige frohe Stunden im Zirkus Straßburger verbringen kann. Ein Qualitätsunternehmen wie Straßburger kann natürlich keinen Personalabbau vornehmen, um seine Unkosten zu verringern, denn dadurch würde bas künstlerische Niveau leiden. Dafür rechnet Straßburger aber mit Massenzuspruch aus allen Richtungen. Zu bemerken ist weiter, daß Straßburger allen Kleinrentnern, Kriegsbeschädigten
und Erwerbslosen bei Vorzeigung des Ausweises auf allen Sitzplätzen zu allen A«mdvorstellungen nur halbe Preise berechnet.
Vergünstigungen auf der Reichsbahn.
Anläßlich des Gastspiels des Zirkus Straßburger werden — wie der Bahnhof Gießen uns mitteilt — von allen Bahnhöfen der Strecken Gießen—Marburg, Gießen—Friedberg, Dießen- Nidda, Gießen—Burg- und Nieder-Gemünden und der Strecken Lollar—Grünberg und Mücke— Hungen—Friedberg am 3. September Sonntagrückfahrkarten nach Gießen schon ab 11 Uhr ausgegeben.
Um den auswärtigen Teilnehmern den Besuch der Abendvorstellung am 3. September zu ermöglichen, fährt der Personenzug 569 nach Grünberg an diesem Abend erst um 23.30, statt 23.00, und der Personenzug 516 nach Nidda erst um 23.23, statt 22.53 in Gießen ab. Für die Strecke Gießen—Friedberg wird ein Personen- zua eingelegt, der um 0.50 in Gießen abfährt und bis Friedberg verkehrt.
Eine Späterlegung der Personenzüge in Richtung Wetzlar erschien nicht nötig, da der Zirkus nach seinem Gastspiel in Giehen in Wetzlar gastiert. Auch war eine Späterlegung des Personenzugs 729 m Richtung Marburg betrieblich nicht möglich.
" Fahrtverbilligung zur Handwerkertagung in Ingelheim. Die Reichsbahn teilt mit: Am 3. und 4. September findet in 2ngelheim die Tagung der hessischen Handwerker, verbunden mit einem Winzerfest, statt. Zu der Deranstaltung können von allen Bahnhöfen im Umkreis von 200 Kilometer um Ingelheim, also auch von Gießen, Sonntagsrückfahrkarten ausgegeben werden, die vom 3. September, von 0 Uhr an. bis 5- September gelten. Die Rückfahrt muh spätestens am 5- September, 9 Uhr, angetreten fein.
** Eine unbekannte männliche Leiche wurde heute früh auf dem Bahnkörper der Strecke Gießen—Gelnhausen im Walde nahe der Gailjchen Tonwerke aufgcfunden. Dem Toten war der Kops abgefahren. Anscheinend handelt es sich um Selbstmord. Die Ermittlungen nach der Persönlichkeit des Toten sind im Gange.
•* Gepäckmarsch der DHB. - 2 ugend. Der Bund der Kaufmannsjugend im Deutsch- nationalen Handlungsgehilfen-Verband (Gau Main-Weser) veranstaltet — wie man uns schreibt — am 4. September im ganzen Gaugebiet einen großen Gepäckmarsch zur Erinnerung an die Gründung des Verbandes am 7. September 1893. Am Sonntagvormittag werden von zwölf verschiedenen Abgangsorten rund 1000 2ungman- nen in Marschgruppen abmarschieren und so ihre Verbundenheit gegenüber dem Verband zum Ausdruck bringen. D-ese Gepäckmärsche stellen Leistungsprüfungen dar und dienen der allgemeinen körperlichen Ertüchtigung der Kaufmanns- jugend. Die besten Marschleistungen werden durch Preise ausgezeichnet. Die 2ugendgruppe Giehen marschiert mit den umliegenden Gruppen von Lich aus über Eberstadt, Münzenber-a, Wohnbach, Berstadt, Utphe, Hungen nach Lich zurück. 2n Lich wird Samstag eine Abendfeier veranstaltet. Nach Beendigung des Marsches werden die Fungmannen gemeinsam verpflegt. Anschließend findet eine Abschluhkundgebung statt, bei der die Siegermannschaft verkündet wird.
Der Abbau an der Gießener Volksschule.
Äon Lehrer Ernst pörr, Schriftführer des Gießener Lehrervcreins.
2n den folgenden Zeilen sollen die Auswirkungen des Abbaues an der Volksschule zu Gießen kurz beleuchtet werden.
Vielleicht ist es gewagt, in dieser Zeit der finanziellen Not weitester Volksschichten, der furchtbarsten Arbeitslosigkeit und der größten politischen Zerrissenheit unseres Volkes, etwas zu sagen gegen den Abbau an der Volksschule.
Wir sagen es trotzdem! Nicht etwa, weil wir daS Recht hierzu für uns in Anspruch nehmen, vielmehr, weil wir es für unsere Pflicht halten, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen auf die Nöte unserer schulpflichtigen Jugend. Außerdem aber auch gerade deshalb, weil wir den Blick von den materiellen Fragen des Alltages hinlenken wollen auf die kulturellen Belange des Heranwachsenden Geschlechtes. Wir sagen es endlich, weil wir viele Eltern, die von unseren Schulverhältnissen gerade wissen, daß ihr Kind zur Schule geht, aufmerksam machen wollen auf unhaltbare Zustände an unserer Volksschule.
Nicht um Verfechtung von Standesinteressen geht es uns hierbei, sondern um das Wohl und Wehe der uns anvertrauten 2ugend!
3m Schuljahre 1922 23 wurden die Gießener Volksschulen von 2890 Schülern besucht, die sich auf 81 Klassen verteilten. Hiervon waren sieben Klassen als Förderklassen für schwachbefähigte und zwei Klassen als Hilfsklassen für anormale Kinder eingerichtet.
Durch den mehrfach vorgenommenen Personal- und Stellenabbau werden im laufenden Schuljahre 1932 33 — 3399 Schüler in 69 Klassen unterrichtet. Tie Zahl der Stellen ging sogar auf 67,5 zurück. (Dies erklärt sich durch die aus Ersparnisgründen eingerichteten Teilstellen.) Diese Zahlen sagen uns zunächst, daß sich die Zahl der Volksschüler in Giehen in den letzten zehn 3ahren um 509 vermehrt hat, die Stellenzahl dagegen sich stark verminderte. Die Zahl der Stellen wurde also nicht, wie dies in normalen Zeiten der Fall gewesen wäre, entsprechend heraufgesetzt, konnte noch nicht einmal beibehalten werden, sondern fiel von 81 auf 67,5.
Nach der Durchschnittsklassenstärke (Schülerzahl einer Klasse) im Schuljahre 1922 23 müßten wir im laufenden Schuljahre in Gießen 97 Lehrerstellen haben. Da nur 67,5 Stellen vorhanden sind, gingen 29,5 Stellen durch Abbau bzw. durch unterbliebene Stellenvermehrung verloren. Dies bedeutet einen Stellenabbau von rund 30 v. H!
Die Folge hiervon ist, daß unsere Schüler in stark überfüllten Klassenräumen sitzen, denn jeder Saal ist bis zur äußersten Möglichkeit vollgepfropft. Man bedenke hierbei, daß diese Kinder in den schlimmen Nachkriegsjahren und der 2n- flationszeit geboren sind und zum großen Teile die Folgen der Arbeitslosigkeit im Elternhause
in Ernährung, Kleidung und Entwicklung zu tragen haben.
Jedem Einsichtigen ist es klar, daß in derart überfüllten Klassen der gesamte Unterricht vergröbert werden muß. Es ist den Lehrkräften einfach unmöglich, sich so mit dem einzelnen Kinde zu befassen, wie dies unbedingt der Fall sein müßte. Der Unterricht kann nicht mehr die erforderliche Rücksicht auf Beanlagung und Auffassungsgabe des einzelnen Schülers nehmen: er wird und muh notgedrungen zum Massenunterricht werden.
Erschwert wird der Unterricht noch dadurch, dah durch die Not der Zeit die früher bestehenden sieben Förderklassen und eine Hilfsklasse auf gegeben werden muhten. Nun sitzen diese Schüler wieder in Normalklassen, wirken aber hier als Ballast hemmend. Daß dieser Unterricht an jede einzelne Lehrkraft und an jeden einzelnen Schüler die höchsten Anforderungen stellt, soll nur erwähnt werden.
Eine Reihe von Schulsälen (Alte Aliceschule und Baracken im Hofe der Pestalozzischule) sind als Unterrichtsräume einfach unhaltbar. Schon vor einem 3ahrzehnt wurden sie von einer städtischen Kommission als Unterrichtsräume verworfen. Trotzdem sind sie heute noch bis auf den denkbar letzten Platz ausgenutzt! Lichtverhältnisse, Heizung usw. sind derart, dah die Gesundheit der Kleinen in verschiedenster Hinsicht ernstlich gefährdet ist.
Wann endlich sollen diese unhaltbaren Zustände aufhören? Wir bitten die Eltern unserer Schüler dringend, sich bei gelegentlichen Erkundigungen nach ihren Schülern von diesen Zuständen zu Überzeugen und für Abhilfe mit Sorge zu tragen.
Wir Lehrer sind von der Notwendigkeit des Sparens auf allen Gebieten in dieser Notzeit vollständig überzeugt. Wir sind aber der Meinung, dah auf dem Gebiete der Volksschule durch übertriebene Sparmaßnahmen schwer gesündigt worden ist. Hier ist „öcS Guten" zu viel geschehen. Diese Sparmahnahmen müssen notwendigerweise einmal teuer bezahl werden, denn sie geschehen auf Kosten der Gesundheit, der Erziehung und der Kenntnisse unserer 2 ugenbl Hier wird übertriebenes Sparen zum nationalen Verhängnis!
Was aber mühte dagegen geschehen? Einen vorbildlichen Weg zeigen hier die Städte Mainz und Offenbach, die aus eigenen Mitteln eine Anzahl Mehrstellen finanzieren.
Diese Ausgaben werden hundertfältig Früchte tragen Ein bescheidener Anfang auf diesem Wege ist jetzt seit 1. 2uli 1932 auch in Giehen gemacht. Hoffentlich bleibt es nicht bei diesem ersten Schritte. Dringend notwendig wäre es weiter vor allem dah der nun schon so oft besprochene und versprochene Ausbau der neuen Pestalozzischule in den Eichgärten endlich Tatsache würde.
(5ropfeuer in einer Möbelfabrik.
• Nidda, 1. September. 2n der letzten Nacht gegen 23,30 Uhr brach in dem hinteren La - gergebäube der hiesigen Möbelfabrik RingShausen (2nhaber Friedr. R e u n i n g) Feuer aus, das großen Umfang annahm. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr war mit der Motorspritze sehr schnell zur Stelle, ferner waren die Feuerwehren von Kohden und Geih-Nidda erschienen. Die Wehren gingen mit großer Energie gegen den Brand vor, sie konnten aber doch nicht verhindern, dah das 20 Meter lange und drei Stockwerk hohe Lagerhaus mit allem 2nhalt big auf die Grund
mauern ausbrannte. 3n dem Gebäude befanden sich außer Lagervorräten (Möbeln und Radiokästen, für welch letztere ein großer Auftrag vorlag» nach die Räume des technischen Bureaus, die Lackiererei und Färberei usw. Durch die verheerende Gewalt der Flammen wurde alles in dem Gebäude vernichtet. Die Feuerwehren hatten di- heute früh gegen 6 Uhr angestrengt zu tun, zur Zeit flackert der Brand immer noch hier und da auf. Der eifrigen 'Tätigkeit der Feuerwehren gelang es aber, bie übrigen Sabrilgcbäubc mit den Vorräten zu erhalten, so dah der Betrieb fortgeführt werden kann. Die Ursache des Brandes ist bis jetzt noch unbekannt. Der Schaden ist natürlich groß.
Große Gorgen kleiner Leute.
Unpolitischer Bericht aus der Reichshauptstadt.
Gulliver auf dem Rummelplah.
Sie brauchen nur in eine Strahenbahn zu steigen. Diese Bahn klingelt nut 2hnen davon, nach der nördlichen Grenze der Stadt. Dort heiht Berlin nicht mehr Berlin, sondern sehr Plxtisch: Lchönholz. Und ein Rummelplatz in Schönholz heißt noch poetischer: Traumland. Und auf dem Gelände des Traumlandes in Schönholz bei Berlin befindet sich die Stadt Liliput. Sie können also mit einer unauffälligen Straßenbahn als braver Gulliver aus Berlin nach Liliput fahren.
Was ist das? 2n dieser Stadt haben sich drei Dutzend Liliputaner, eine Truppe, die sonst in Varietes und Dühnenschauen auftritt, zusammengeschlossen zu einer kleinen Gemeinde, die, so klein sie in jeder Beziehung ist, doch nichts vermissen läßt, was zu einer richtigen Gemeinde gehört.
Klein und geduckt stehen da mehrere Häus- chen, jedes so groh, dah Gulliver fast mit dem ausgcstreckten Arm sein Dach erreichen kann -- und dabei noch mehrstöckig! Diese Stübchen, in denen die Liliputaner wohnen, sind im Durchschnitt zwei Meter lang und anderthalb Meter breit. Ein gewöhnlicher Mensch mühte aus sich schon beinahe einen Knoten machen, wollte er dort mit der Tür ins Haus fallen. Sogar ein Kind von 12 2rü>ren hätte seine liebe Not mit ihr. Dabei muh man sich aber auch vorstellen, daß der kleinste Liliputaner dieser Siedlung, ein junger Mann von achtzehn Fahren, ganze 54 Zentimeter groh ist. Aber Liliput hat auch einen Riesen. Der hat tu stattliche Höhe von 1,20 Meter erreicht und hofft, bei seinen 22 Fahren noch ein wenig zu wachsen. Er erfreut sich jedenfalls großen Ansehens in Liliput.
Merkwürdigerweise schlafen aber die meisten Liliputaner nicht in ihren Häusern, sondern in Schlafwagen, die die Mitropa eigens und „nach Maß" für sie hergestellt hat. Fedes Abteil weist drei zweischläfrige Betten auf. Sie sind sehr stolz auf diese Wagen, wie man sich leicht vorstellen kann. Diese Wagen stehen ihnen ja so gut! Und in der Tür erzählen sie einem von vielen traurigen Erfahrungen, die sie auf ihrer Tourne in gewöhnlichen Hotelbetten gemacht haben. Dort muhten sie meist, wenn sie sich in diesem Bett nicht verlieren oder verlaufen wollten, zu fünft schlafen, und zwar pflegten sie sich quer zu legen, zwecks besserer Ausnützung des Raumes.
Rings um diese kleinen sonderbaren Wohnlichkeiten befindet sich die „City" von Liliput. Dort prangt ein Rathaus, bewohnt von einem Bürgermeister, der zugleich Gemeindeältester ist: er steht im Alter von 52 Fahren und miht 86 Zentimeter, zehn Zentimeter weniger als ein Kind im Alter von vier Jahren. Um dieses imposante Gebäude gruppiert sich ein Postamt — bitte: Liliput hat eine Konzession von der Berliner Hauptpost, wenn es auch nicht eigene Briefmarken Herausgaben darf, sehr zum Kummer der Bevölkerung. Ferner ist eine Feuerwehr vorhanden, ein Schupo regelt den Verkehr, der nicht da ist, eine Apotheke verkauft Medikamente in Fläschchen, die das Entzücken jeder Puppenküche bilden würden, ein „Cafe Liliput" schenkt Getränke in Fingerhüten aus. Ein grohes Glas Bier in Liliput nähert sich bedenklich dem Format eines mittelgroßen Likörglases. Und, damit auch die Gegenwart in dieser Märchenstadt vertreten ist, befindet sich an einer Straßenecke die „Liliputbank für Handel und Grundbesitz". Die Türen sind festverschlossen, die Fenster verrammelt. Und auf dem Eingang steht geschrieben: „Wegen Insolvenz geschlossen."
Weik weg vom Zentrum, in der Dorstadt von Liliput stößt man schließlich auf ein düsteres
Gebäude dem man auf zehn Zentimeter Entfernung das Gefängnis ansieht. Aber was muß man sehen? Das Gefängnis zu Liliput ist zu vermieten, man preist die sechs Zellen, die es darin gibt, als Funggesellenwohnungen an und verweist im übrigen auf das Wohnungsamt, in dem die Grundbücher der Stadt Liliput (die eine verdächtige Ähnlichkeit mit Notizbüchern auf» weisen) zur Besichtigung ausliegen...
Märchen in der Mlackstraße.
Sie heißt nicht nur Mulackstrahe, die Straße, sie ist auch danach... Zwischen alten, einstöckigen, verfallenen Häusern pfercht sich ein schmaler Fahr- damm hindurch. Er läßt kaum Platz für einen kümmerlichen Bürgersteig. Dort stehen Arbeitslose an den Ecken, Kinder spielen, eine Schupostreife geht um. Denn diese Straße ist, wie man sagt, eine „verrufene" Gegend. Das ist aber Unfug. Sie brauchte so wenig verrufen zu sein wie irgendeine große, ehrbare Verkehrsader Berlins. Bloß arm ist sie, sehr arm.
Fn dieser Straße ist nun, da es doch schönes Wetter und Hochsommer geworden ist, ein Mann aufgetaucht, ein alter Händler wie noch nie, mit einem großen Strauß Luftballons in der Hand. Große Aufregung! Die Kinder strömen hinzu. Die Arbeitslosen stehen und schauen. Aus dem Fenster taucht irgendwo ein ungelüfteter Frauenkops auf. Sogar ein Schupo, Wunder über Wunder, dreht sich um. Lächelt er? Er lächelt.
Freundlicher Tumult. Wieviel denn so einer kostet, so ein Roter? Zehn Pfennig. Pause. Die Kinder schauen sich an. Einige kramen in ihren Hosentaschen. Und der da, der Blaue? Ebensoviel. Alle Ballons kosten, Stück für Stück, einen Groschen. Ach, wenn sie doch nicht so teuer wären!
Aber da scheint sich ein Junge in besseren Verhältnissen gesunden zu haben. Stolz reicht er dem Mann sein Geldstück. Einen Roten? Den Blauen? Nein doch den Roten! Und der Mann zieht die kleine bunte Garbe herunter zu sich, nestelt an den Schnüren, der Kleine öffnet gierig seine Patschhand, und dabei...
Und dabei läßt der Luftballonverkäufer einen Augenblick seine Schnüre zu locker, die Ballons entgleiten seiner Hand, steigen plötzlich hoch, über aller Köpse. Ein kleiner Schrei geht durch die Straße. Verdattert wendet der alte Händler seine Augen zum Himmel, wo sein kleines Kapital vergnügt und vielfarbig entschwebt. Wieviel mögen all die Ballons ihn gekostet haben? Viel-« leicht hat er in ihnen seine letzten Groschen angelegt? Fetzt — sind sie über ben Dächern. Fetzt — erkennt man bloß noch eine kleine Traube. Fetzt — hat sie ein Windstoß entführt und den Blicken entzogen.
Der Händler steht reglos. Er hat eine kleine Schnur in der Hand, die er gerade am roten Ballon befestigen wollte. Der kleine Funge hält seine Hand noch immer ausgestreckt. Er schluckt. Er faßt nicht, was geschehen ist. Die anderen ringsum, Arbeitslose, Polizei, die Frau, haben dieses kleine Geschehen fast schon wieder vergessen — nun, da sie nichts mehr sehen.
Langsam rinnen dem kleinen schmutzigen Jungen die Tränen über die Backe. Der Händler hat sich gedrückt. Still geht er irgendwo unter den Straßenpassanten. Vielleicht schämt er sich, lieber der Stadt Berlin aber, nun über einem ganz anderen Stadtteil, schweben, fast unkenntlich, hoch, höher, immer höher, die bunten Ballons, die einmal zehn Pfennig das Stück kosten sollten. Wohin sie nun wohl schweben mögen? Am Ende in die Stratosphäre — aus der Mulackstrahe?
Buntes Allerlei.
Alle finden plah - im Reichstag.
Die Bautechniker haben jetzt das schwierige Problem gelöst, die 608 zum Reichstag gewählten Volksvertreter in einem Saal unterzubringen, der ursprünglich nur für 397 Abgeordnete gebaut und eingerichtet worden war. Mit jeder neuen Wahl, die wir nach dem Umsturz hatten, mußten die Abgeordneten auf einen Teil der ursprünglichen Bequemlichkeit verzichten, denn es wurden immer mehr Abgeordnete, ein Reichstag wurde immer kostspieliger als der andere. Noch einmal ist es gelungen, jedem Abgeordneten einen Plah zu geben. Nun ist aber jede Ecke ausgenutzt. Wenn die Zahl der Volksvertreter sich noch mehr erhöhen sollte, dann müßten bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Alle bisher noch bestehenden Pulte der Abgeordneten sind beseitigt worden. Nur in der vordersten Reihe wurden die Pultkästen gelassen. Die vorderste Reihe ist für die FraktionSführer bestimmt und die Parteien erhalten eine der Zahl der Abgeordneten entsprechende Anzahl von Vorder- plätzen. Die Nationalsozialisten haben fünf Plätze in der vordersten Reihe, die Deutschnationalen und die Bayerische Dolkspartei je einen Vorderplatz, das Zentrum zwei, die Sozialdemokraten drei und die Kommunisten zwei Vorderplähe. Durch die Beseitigung der Pultkästen wurde Raum für achtundzwanzig Sitze geschaffen. Die außerdem noch fehlenden drei Plätze wurden an den Wänden des Saales angebracht.
Ein Durstiger rüst die Polizei.
Ernest Esnault, ein Pariser, der bereits gehörig über den Durst getrunken hatte, wurde unsanft aus einem Cafs befördert, in dem er weiteren Stoff begehrte, um seine Betrunkenheit zu vervollständigen. Doll Wut und Trauer lehnte der Arme, dessen Durst noch keineswegs gestillt war, nachts um 2 Uhr
an einem Pfeiler des Quai de la Tournelle, als fein Blick auf eine Glasscheibe fiel, auf der die Aufforderung stand, man solle im Falle der Gefahr das Glas zerbrechen, um telephonisch die Hilfe der Polizei zu verlangen. Ein erlösender Gedanke durch- zuckte sein alkoholumdämmertes Gehirn. Mit raschem Schlag zertrümmerte er die Scheibe, nahm den Telephonhörer in die Hand, und als er am anderen Ende eine Stimme hörte, rief er gebieterisch: ,Fch verlange sofort ein großes Glas Bier!" „Sehr wohl", lautete die Antwort. „Bitte, warten Sie eine Minute." Der Dürftige seufzte erleichtert auf und wartete geduldig. Er wurde aber schwer enttäuscht, als rasch zwei Schutzleute auf Motorrädern erschienen und ihn aufforderten, sie auf die Polizeiwache zu begleiten ...
Goldene, silberne und grüne Hochzeit an einem Tag.
Ein eigenartige^ Fest ist dieser Tage in dem französischen Ort Villers St. Paul begangen worden. Drei Hochzeiten wurden am selben Tage in einer einzigen Familie, und zwar innerhalb von drei Generationen gefeiert. Herr und Frau Girard waren 50 Jahre verheiratet, und der 75jährige Ehemann feierte mit seiner 70jährigen Gattin die goldene Hochzeit. An demselben Tage beging eine ihrer Töchter, Frau Crosnier mit ihrem Gatten das Fest der silbernen Hochzeit, und eine Tochter des Silber-Brautpaares und Enkeltochter des goldenen Brautpaares, Germaine Crosnier, verheiratete sich an diesem Tage mit Andrö Willette. Sogar noch ein viertes Hochzeitsfest fiel auf diesen Jubeltag, denn eine andere Tochter des Ehepaares Girard konnte mit ihrem Gatten die 20. Wiederkehr des Hochzeitstages begehen, ein Fest, daS man als „kristallene Hochzeit'^ bezeichnet. Die ganze Gemeinde nahm an dieser seltenen Feier lebhaften Anteil.


