Nr. 205 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)Donnerstag, 1. September (952
Wirtschafts-Echo des Wirtschastsplans.
Zustimmung und Bedenken.
Bei einer Rundfrage in maßgeblichen Wrrt- fchaftöverbänden erfährt man folgendes Echo der Erklärungen Popens über das Wirtschaftspro- gramm.
Die Industrie stimmt zu.
Im Reichsverband der deutschen Industrie hatte sich - das ist kein Geheimnis — eine Art Gegenfront gebildet, um befürchtete Maßnahmen der Sozialisierung eines großen Teils der deutschen Wirtschaft zu verhindern. Diese Gegenfront füllt jetzt zusammen, da keine Sozialisierungsmahnah- men geplant sind. Die Bedenken des Industrieverbandes richten sich aber nicht nur gegen eine Sozialisierung, sondern auch gegen andere Gefahren, vor allem die der staatlichen Subvention nen. Deshalb wird der Ausweg, der Wirtschaft auf dem Wege der Steuererleichterungen zu helfen, aus dieser Seite als besonders glücklich empfunden Es wird bezeugt, daß Produktion und Beschäftigung von Arbeitern bisher dadurch gehemmt worden sind, daß sich die Kapitalmärkte trotz großer Flüssigkeit nicht bereit fanden, durch Kreditgewährung das Risiko einer Mehrerzeugung auf sich zu nehmen. Man gebraucht in Industriekreisen gern folgendes Bild: Auf der einen Seite bestehen unvorstellbare große, unbenutzte Möglichkeiten der Güterer?»eugung, auf der anderen Seite geradezu riesenhafte Möglichkeiten des Bedarfs und Verbrauchs. Millionen Hände sind bereit zu schaffen und ebensoviele Münder um zu essen. Aber die Hand findet nicht den Weg zum Wund. Die Drücke zwischen Erzeugung und Verbrauch kann nicht geschlagen werden, weil das Kapital, das diese Drücke schlagen muß, sich weigert, seine Funktionen auszuüben. Deshalb muß der Staat diese Rolle des Kreditgebers übernehmen. Es sind nach der Meinung der Industrieverbände genügend Instanzen vorhanden, um darüber au wachen, daß die großen Unternehmen diese Kapitalien zweckmäßig verwenden. Die mittleren und kleinen Unternehmen, denen die Steuererleichterungen zugute kommen, haben, vielleicht noch mehr als die großen, einen so dringenden Kapitalliedarf im Sinne einer Belebung des Geschäfts, daß hier automatisch die Gelder im Sinne der Arbeitsbeschaffung verwandt werden. Auch die Konstruktion des zweiten Teils, der für jede Reueinstellung im Betriebe einen Zuschuß von 400 Mark verspricht, wird als glücklich bezeichnet, weil dadurch auch zahlreichm Betrieben geholfen wird, die trotz einer Kreditgewährung auf Grund der Steueranteilscheine an der Grenze der Unrentabilität bleiben.
Die Gewerkschaften lehnen ab.
Bei den Gewerkschaften, vom sozialdemokratischen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund bis zu den Christlichen Gewerkschaften, sind die Bedenken größer als die Hoffnungen. Jedoch ist diese Stellungnahme der Gewerkschaften nur sehr vorsichtig und nicht unbedingt sachlich zu werten. Soweit man auf dieser Seite das Programm der Regierung grundsätzlich ablehnt, geschieht dies aus der Enttäuschung heraus, daß jetzt kein sozialisti- sches Wirtschaftsprogramm großen Umfanges durchgesührt wird. Bisher jedoch konnte der Beweis nicht erbracht werden, daß die Gefahr eines sozialistischen Wirtschaftsprogramms den Einsatz gerechtfertigt hätte. „Der Versuch Popens", so erklärt dem Berichterstatter ein führender Gewerkschaftler, »ist ein groß angelegter Versuch der kapitalistischen Wirtschaft, zu beweisen, daß die Krise die gegenwärtigen Wirtschaftsformen nicht zerstört, sondern als eine normale und nur durch Rebenumstände verstärkte Krise mit Hilfe der be
stehenden Wirtschaftsformen überwunden werden kann." Diese Feststellung trifft nach der Ansicht fast aller Wirtschaftsverbände die Grundsätze des Paperr-Programms. Aber sogar auf der Seite der Gewerkschaften spürt man es, daß dieser Grundsatz, die kapitalistische Wirtschaft sei in sich noch lebens, und erholungsfähig, mit Gegengründen nur schwer erschüttert werden kann. Der Schwerpunkt des Angriffs gegen Papen wird daher auf die Schilderung der Gefahren gelegt, die sich bei der praktischen Durchführung ergeben könnten. Diese Bedenken beziehen sich vor allem auf die Gefahr eines generellen Lohnabbaus, der durch die Lockerung des Tarif- und Schlichtungswesens hervorgerufen werden könnte. Papen selbst, der betont, das gesamte Lohneinkommen vergrößern, aber nicht verkleinern zu wollen, wird von diesen Bedenken sicherlich Kenntnis nehmen, und die Ausführungsbestimmungen so erlassen, daß Angriffe gegen einen allgemeinen Lohnabbau gegenstandslos werden.
Die Börse glaubt an den Konjunkturumschwung.
Die Börse unterscheidet sich in ihrem Urteil Don allen anderen Wirtschaftsinstanzen dadurch, daß sie die Ereignisse in ihrer Wirkung auf lange Sicht abzuschähen sucht. So wird jeder Konjunkturaus- schwung ebenso wie ein Konjunktur-Abstieg an dem Barometer der Börse Monate vorher spürbar. Auf alle bisherigen Belebungsversuche, sogar auf den Hoover-Plan, hat die Börse nur mit einem kurzen, kaum vierzehn Tage andauernden Ausschlag reagiert. Die Börse, die wirtschaftlich international denkt, hat sich grundsätzlich auf den Standpunkt gestellt, daß nur ein Anziehen der Rohstoffpreise, das die Rohstoffländer als Abnehmer wieder in die Weltwirtschaft einschaltet, Hilfe bringt. Seit einigen Monaten steigen die Rohstoffpreise an. Der Hausse der ausländischen Börsen haben sich die deutschen Börsen angeschlossen. 2n wichtigen Verhandlungen haben dieser Tage führende Börsenvertreter die Meinung aus- gesprochen, daß mit dem langsamen, aber steten Ansteigen der Rohstoffpreise der Tiefpunkt der Krise überwunden sei und daß der Augenblick gekommen wäre, um durch den Impuls eines starken Kapital- einsahes die Wirtschaft wieder Hochzutreiben.
Nur noch ein Bürgermeister in Worms?
WSN. Worms, 31. 2Iug. Am 1. September läuft die Amtszeit von Bürgermeister Schulte, eines der vier Oberbeamten der Stadtverwaltung, ab. Bürgermeister Schulte gehört der SPD. an und wurde vor zehn Jahren zum Bürgermeister gewählt. Wie bekannt wird, beabsichtigen die Nationalsozialisten, im Stadtrat einen Antrag einzu- bringen, wonach die Zahl der vier Oberbeamten auf einen reduziert werden soll.
Brandstiftungen im Kreise Biedenkopf?
WSR. Biedenkopf, 31. Aug. Rachdem in der vergangenen Woche die Scheune des Landwirts Bamberger im Kreisort Herzhausen ein Raub der Flammen geworden war, brannte jetzt dort die Scheune des Landwirts R o n z h e i m e r bis auf die Grundmauern nieder. Sowohl die gesamte Ernte des Besitzers als auch die Hafer- und Weizenemte des Landwirts Bamberger, der sie nach dem Brand seiner Scheune dort gelagert hatte, tour- den vernichtet. Die Feuerwehren konnten ein Hebergreifen auf das dicht an die Brandstätte grenzende Wohnhaus mit Stallung verhindern. Cs wird Brandstiftung vermutet.
Gtahlhelmstudenten bei Hindenburg.
Reichspräsident von Hindenburg schreitet die Front einer Abteilung des Stahlhelm-Studenten- bundes „Langemarck" ab, die ihm in Neudeck einen Besuch abgestattet hatte.
Gegen die Gchlachisteuer.
proiestversammiung der Mehgermeister.-Dor der Einführung in Hessen?
WSR. F r a n k s u r t a. M., 31. August. Im Handwerkerhaus in Frankfurt fand am Mittwoch ein Obermeistertag der Fleischerinnungen von Hessen und Hessen-Ras- s a u statt, um zur Schlacht st euer Stellung zu nehmen und Abänderungsvorschläge zu beraten. Die Tagung war von 45 Innungen beschickt. Der Vorsitzende, Ehrenobermeister Schnell (Kassel), teilte mit, daß der Vorstand der Ansicht sei, daß es heute gelte,
gegen die Schlachtsteuer, die eine soziale und ungerechte Steuer sei, in entschiedener weise zu protestieren und ihre Abschaffung zu verlangen, daß aber, solange sie bestehe, alles geschehen würde, um Abänderungen zu erreichen, Härten zu beseitigen, namentlich aber alles daran zu sehen, um die Steuervergünstigungen der Hausschlachtungen zu beseitigen. Obermeister P f e i - f e r, Frankfurt, besprach die Auswüchse der Steuer und verurteilte auf das entschiedenste die Preisschleuderei, die das Fleischergewerbe vernichte. Stellvertretender Obermeister Laukner, Kassel, wies darauf hin, daß ein Land nach dem andern die Schlachtsteuer eingeführt habe. Sie belaste auf das schwerste das Fleischergewerbe, denn sie fei bei der geringen Kaufkraft der Bevölkerung nicht abwälzbar. Er beantragte 2lb- änderung der Schlachtsteucrsähe, und zwar eine Staffelung von 100 zu 100 Kilo. Cs komme vor, daß ein Tier 10 Pfund Dung mitschleppe und dadurch in eine höhere Steuerklasse komme. Oft werde durch Heberfütterung und Trächtigkeit ein höheres Gewicht herbeigeführt und dadurch eine höhere Steuerklasse. Die Steuerbefreiung der Hausschlachtungen müsse fallen. Bei bedingt tauglichem Fleisch, das der Freibank überwiesen werde, müsse die ganze Steuer
rückvergütet werden; jetzt werde nur die Hälfte rückvergütet.
Einen breiten -Raum nahmen in der Aussprache die Aeußerungen über die
bevorstehende hessische Schlachtsteuer ein. Stadtrat Decker (Offenbach) teilte mit, daß im hessischen Finanzministerium am morgigen Donnerstag eine Sitzung stattfinde mit der Tagesordnung: Aussprache über die hessische S ch l a ch t st e u e r. Die Handwerkskammer habe dazu eine Einladung erhalten und habe die Metzgermeister, die ihr als Mitglieder angeboren, beauftragt, der Sitzung beizuwohnen und, falls die Regierung erkläre, daß dre Einführung der Schlacht st euer in Hessen durch Rotverordnung erfolge, Abänderungsvorschläge zu der preußischen Schlachtsteuer zu machen, damit die Härten dieser vermieden, werden. Es sei zu erwarten, daß diese fachmännischen Vorschläge auch Berücksichtigung finden. Mit der Einführung der Schlachtsteuer in Hessen sei wohl bestimmt zu rechnen. Aus der Tatsache der Besprechung dürfe das wohl geschlossen werden. Cs wurde eine Entschließung angenommen, in der sich die Versammlung zu den von Laukner (Kassel) gestellten Forderungen bekennt.
Gefängnis für einen Falschmünzer.
WSR. Limburg, 31. Aug. Bei zwei Steuerhebestellen im Westerwald und in den Städten Marburg und Gießen stellte man falsche Fünfmarkstücke fest, die eine versilberte Zinnlegierung darstellten. In Marburg und Gießen wurden zwölf falsche Fünfmarkstücke angehalten. Wegen Herstellung dieser Falschstücke verurteilte die hiesige Große Strafkammer einen Arbeiter aus Sinn (Dillkreis) zu einer Gefängnisstrafe von achtMonaten.
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Roman von Hertha Fricke
Llrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau 10 Fortjetzung Nachdruck verboten.
Eva-Marie hörte am frühen Morgen den Wagen kommen und fahren, der Renate fort- führte. Sie stand hinter den goldfarbenen Seiden- vorhängen ihres kleinen Zimmers und schaute dem Wagen nach. Dann legte sie sich noch einmal hin und träumte. Heute wartete ihrer keine Pflicht. Und um zehn erst wollte sie reifen. Mama schrieb sehnsüchtige Briefe und tonnte ihre Ankunft kaum erwarten. Sie dachte daran, ihrer Mama etwas mitzubringen, sie hatte ja Geld genug. Sie wollte an Onkel Hans denken und an die Kusinen, an die reifenden Kornfelder und die Tiere auf dem alten Rittergut, die sie so gern hatte, wollte sich auf etwas freuen, aber es gelang ihr nicht. Immer wieder fiel ihr Renates zerstörtes Iugendglück ein und ihre Mission an Klaus Behrens, die sie über kurz ober lang einmal erfüllen mußte. Sie dachte daran, daß der Umstand, daß er verheiratet sei, die Sache schwieriger für sie gestalten könnte, als ftc damals gedacht hatte! — Sie hatte wohl gar nicht darüber nachgedacht, ob und wie es möglich sei. Sie hatte nur rasch ja gesagt, alles versprochen, weil das Mitleid mit Renate ihr Herz erfüllte. Plötzlich fiel ihr ein, daß es besser gewesen wäre, Renate hätte ihr gestern schon den Schlüssel gegeben, ehe sie in die Klinik kam. Denn man wußte ja nicht, wer bei ihr sein würde, wenn es zu Ende ging. — Aber es brauchte ja nicht: Doktor Heinrich, der liebe, gute Mensch, würde sie ja benachrichtigen, wie es Renate ginge, und sie wollte sich bereit halten. Als sie sich ankleidete, siel ihr ein, daß sie, ehe sie ab reifte, noch einmal nachsehen wollte, ob das Fach in dem kleinen, weißen Schreibtisch in dem Gartenzimmer auch gut verschlossen sei. Sie frisierte sich, machte den kleinen Handkoffer zu, nahm Hut und Mantel unb ging den Korridor entlang. Ihre Sachen hatte sie verwahrt. Im Eßzimmer hatte ihr der Diener das Frühstück hingestellt. Eva-Marie dankte ihm freundlich, setzte den kleinen Koffer in der Diele ab und ging bann ins Gartenzimmer hinunter. Cs lag noch, wie Renate es gestern verlassen hatte. Die Mädchen sollten es gründlich säubern. Rur die Fenster standen alle weit auf. Aber die seidenen Kissen lagen noch zerdrückt auf der Chaiselongue umher, und Renates seidene Decke war heruntergefallen. Eva-Marie legte die Roten zusammen, die chr gehörten und schloß das Klavier. Dann trat sie an den kleinen Schreibtisch und unter
suchte das Fach. Cs war fest verschlossen. In diesem Qlugenblid hörte sie leise Schritte von der Glastür her. Schwester Elisabeth stand dort und schaute durch die Scheiben. Ihre kalten grauen Augen hatten einen unsäglich spöttischen Ausdruck.
„Die gnädige Frau hat den silbernen Schlüssel mitgenommen!" sagte sie scharf.
„Ich wollte mich nur überzeugen, dach der Schreibtisch verschlossen ist!" antwortete Eva- Marie von Diemen. Es war ihr unendlich peinlich.
„Ich habe Ihnen ja auch gar keine andere Absicht untergelegt!" höhnte die Schwester.
Es war Cva-Marie, als ob ein ekles Gewürm auf sie zukrieche. Sie verließ eilig das Gartenzimmer und nahm ihr Frühstück. Aber es schmeckte ihr nicht. Sie würdigte Schwester Elisabeth keines Blickes mehr, auch bann nicht, als sie diese bei Herrn Karl Andresen in dessen Arbeitszimmer traf.
„Ich wollte mich verabschieden", sagte sie höflich. „Sie waren wohl einverstanden, Herr Andresen, daß ich meinen Urlaub jetzt nehme, da ich der gnädigen Frau nicht dienen kann. Wenn Sie mich jedoch für Klein-Gerti wünschen, stehe ich jederzeit zur Verfügung."
Karl Andresen sah sie scharf unb prüfend an. Dann reichte er ihr flüchtig die Hand. „Gute Erholung!"
„Ich danke vielmals und wünsche von Herzen das Beste für Ihre Frau!" antwortete Eva- Marie.
„Schwester Elisabeth wird auch für kurze Zeit Erholungsurlaub nehmen!" betonte Karl Andresen, als wollte er Eva-Marie veranlagen, sich auch von dieser zu verabschieden. Aber das Fräulein von Diemen sagte nur kühl: „Ich hörte es bereits." Damit verneigte sie sich noch einmal vor Herrn Andresen unb ging.
7.
Heber den Feldern, die das alte Rittergut umgaben, lag hell und bl ach reifende, brütende Sonne. Eva-Marie ging mit ihrer Mutter den Feldrain entlang, den breitrandigen Strohhut am Arm. Sie pflückte blaue Kornblumen und brennroten Mohn für die Vasen in den dunkcl- eichenen Zimmern des Herrenhauses mit den schweren, alten flämischen Möbeln.
„Wie das putzt, wenn du mit deinen geschickten Händen die Vasen füllst!" lobte die Exzellenz. „Es ist ein künstlerischer Genuß, zuzusehen, wie du Farben und Form aufeinander abzustimmen verstehst! Die dunkelgrüne Kugelvase gestern mit dem roten Mohn und der schlanke Kristallkelch mit Kornblumen unb Wargaretenblumen! Richt einmal vor bem Schierling machst du halt!
Wir ließen ihn immer stehen, weil er so giftig ist, unb unter deinen Händen wurde es direkt ein Gedicht mit den vielen blauen Glockenblumen und goldenem Hahnenfuß!"
„Wenn ich meine Stellung mal aufgeben muß, Mamachen, bann kann ich ja einen Blumen laben in Berlin aufmachen unb mache Geschäfte mit Onkel Hansens ganzem Unkraut, wie er es nennt!" — lachte Eva-Marie.
Sie war ganz heiter geworden. Der häßliche Eindruck, den bas fonberbare Benehmen Schwester Elisabeths auf sie gemacht hatte am letzten Tage, ber sie auf der ganzen Reise verfolgt, war verblaßt und vergangen in all dem Blühen, dem Sonnenschein, unb bem erfrischenden Landleben. Die Mama fühlte sich wohl auf dem Gute der Verwandten. Es gab viele leere Zimmer dort, unb bie Gutsherrin hatte gern jemanb zum Plaudern. Run war der Besuch Eva-Maries im Einerlei des ländlichen Verkehrs, der sich auf zwei Rachbargüter beschränkte, eine freundliche Abwechslung.
„Wie das klingt, Eva-Marie!", lächelte die Exzellenz. „Eine von Diemen und Geschäfte machen!"
„Mamachen!" lachte das junge Mädchen luftig. „Du bist noch von vorgestern und wirst es bleiben! Gar mancher, der früher sein Leben mit Richtstun verbrachte, hat heute fein Geschäft!"
„3a, es ist schrecklich!", seufzte ihre Exzellenz.
„Ach wo, Mamachen! Das ist gar nicht schrecklich! Wohl dem, der umschalten kann! Onkel Hans sagte neulich, bas einzige, was uns geblieben ist, ist die Arbeit! — Das ist ja das Allerbeste unb Wertvollste, was uns geblieben ist. Ich kann dir sagen, Mama, ich habe mich manchmal im Innersten geschämt, wenn die Krankenpflegerin so fleißig war, und wenn der prächtige Dr. Andresen todmüde von seinem Dienst kam, und ich saß da faul herum, spielte ein bißchen Klavier, plauderte mit' der lieben Frau Renate —, und der himmlische Vater ernährte mich doch, wie diese Blumen auf dem Felde!"
„Ja, liebes Kind, aber in unseren Kreisen.. Die Dame konnte offenbar nicht ganz Eva-Maries vernünftigen Gedanken folgen.
„In unseren Greifen, Mama, hat's leider Richtstuer genug gegeben. Ich spreche nicht von unseren Offizieren und Staatsmännern vergangener Zeiten, die ihre Arbeit hatten unb ein gerütteltes Maß, aber unter uns Damen! Was taten wir denn, Mama? Ich zähle uns ruhig mit! Wir fuhren spazieren, machten Besuche unb Besorgungen, mimten ein bißchen in Wohltätigkeit und stahlen dem lieben Gott den Tag ab. Die einen amüsierten sich dabei, die anderen taten sich groß! Aber Arbeit?"
„Ja, es ist alles anders geworhen!" seufzte die Exzellenz.
„In diesem Sipne sage ich Gott sei Dank, Mama! — Unb ich will auch noch etwas Tüchtiges lernen!"
„Liebes Kind, ich wollte schon einmal mit dir darüber sprechen! Onkel Hans sagte mir, ber Herr Baron von Bork interessierte sich für dich! Wenn er auch nicht mehr jung ist, du wärest versorgt und so schön in unserer Rähe! Mir wäre eine große Sorge genommen, Eva-Marie, das Gut ist nicht klein, er befindet sich noch in guten Verhältnissen, wenn er auch nicht mehr so steinreich ist wie früher!"
Eva-Marie machte ein Gesicht, als hätte man ihr Furchtbares zugemutet. „Aber Mama! Das kann doch dein Emst nicht fein? Ich soll den 53jährigen heiraten —, unb bas wäre eine Beruhigung für dich?"
„Eva-Marie, wir meinen es gut — nimm doch Vernunft an!“ bat die alte Dame.
„Ich denke nicht daran!" sagte das Mädchen bestimmt. Dann lachte sie. ganz munter. „Da mache ich wirklich lieber ein Blumengeschäft auf, * oder einen Handarbeitslaben, ober ein Puppenatelier! — Aber bas ist gar nicht nötig! Ich gehe meinen Weg, und du brauchst dich nicht um mich zu sorgen!"
Halber jedes Mädchen will doch einmal heiraten!" meinte die Exzellenz ganz betrübt.
„Gewiß! Wenn ber Rechte kommt!"
„Ihr armen Mädchen habt heute aber nicht mehr die Wahl wie früher!"
„Ich denke, viel mehr! Denn wir sehen uns nicht nur in Gesellschaft, wo jeder sein bestes Kleid zeigt, sondern im täglichen Geben, unb keiner macht bem anberen etwas vor Vielleicht heirate ich eher, als du denkst!" Eva-Marie lachte so fröhlich und sah so glücklich aus. Am Morgen war ein Brief gekommen, der eine feste, männlich Handschrift trug, unb Exzellenz-Wama hatte ihn von allen Seiten betrachtet, eye sie ihn auf Eva-Maries Platz auf ben Frühstückstisch legte. Unb baä Mädchen hatte ihn erfreut angesehen und dann, ohne ein Worr ber Erklärung, in ihre weiße Sommerbluse gesteckt. Sollte etwa ...?
„Eva-Marie, Baron von Bork ist vom alten Abel!"
„Das heißt, es ist sehr lange her, daß jemand seines Romens etwas Ordentliches getan hat!"
„Mädchen, was für schreckliche Gesinnungen!" Exzellenz war entsetzt.
„Aber warum denn, kleine Mama? Ich habe die Gesinnung unseres großen Friedrich. Der wollte auch mit bem Krückstock breinschlagen, wenn jemand nichts taugte!"
(Fortsetzung folgt.)


