Ausgabe 
1.8.1932 Frühausgabe
 
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Sie Wahl in Gießen nnd Oberhessen.

Gießen, den 1. August 1932.

Der Reichstagswahlkampf verlief dies­mal in der Stadt Drehen außerordentlich ruhig. Erst in der letzten Woche vor der Wahl waren einige öffentliche Wählerversammlungen zu verzeichnen, die sich auf die NSDAP., die DNVP. und die SPD. beschränkten, während die DDP. und die Dolksrechtpartei lediglich erweiterte Mit­gliederversammlungen veranstalteten. Wenn man die Agitation lediglich nach der Versammlungs- tätigkeit bewerten wollte, so mühte die Rote Si­tzen: sehr flau. Dagegen entwickelte sich in den letzten Lagen ein lebhafter Plakatkrieg, bei dem zeitweise ein täglich dreimaliger Plakatwech­sel der NSDAP, festzustellen war, die übrigens die Plakatwerbung in der Hauptsache bestritt. Die Dersammlungsarbeit war dagegen in den Land­orten ganz besonders rege, da man sich von der Bearbeitung der Landbevölkerung auf diesem Wege anscheinend am meisten versprach.

In starkem Gegensatz zu der Tendenz des Wahl­kampfes stand die gestrige Beteiligung der Stimmberechtigten an der Wahl. In G i e h e n belief sich die Wahlbeteiligung gestern auf 85,07 Prozent gegen 73,47 Prozent bei der letzten Landtagswahl am 19. Iuni und 78,72 Pro­zent bei der vorigen Reichstagswahl am 14. Sep­tember 1930. Interessant ist in diesem Zusam­menhänge, dah vom Wahlamt Giehen zu der gestrigen Reichstagswahl 2475 Stimmscheine ab- gegeben wurden gegenüber 1310 Stimmscheinen am 14. September 1930. Die Wahlbeteiligung war bereits gestern vormittag sehr lebhaft: sie belief sich bis 12 Uhr mittags auf 35 bis 40 Prozent,

gegenüber 22,2 Prozent bei der letzten Landtags­wahl. Das herrliche Sommerwetter des Nachmit­tags brachte dann ständig steigenden Zuspruch der Wählerschaft in den Wahllokalen, wo sich ins­besondere in der letzten Wahlstunde reger Be­trieb entwickelte. Auf dem Lande war die Wahlbeteiligung noch stärker als in Giehen. Im Kreise Giehen machten etwa 90 Prozent der Wählerschaft Gebrauch von ihrem Stimmrecht, im Kreise Alsfeld erschienen etwa 95 Prozent der Wahlberechtigten an den Wahlurnen, im Kreise Schotten waren es 93,88 Prozent, im Kreise Lauterbach 94,5 Prozent, im Kreise Friedberg 94,3 Prozent, und im Kreise Büdingen etwa 95 Prozent. Das ziffernmäßige Ergebnis der Abstimmung ist aus den tabellarischen Liebersichten aus der Stadt Gießen und aus der Provinz Ober- Hess en im einzelnen ersichtlich. Ebenso kann man dort die Verschiebung des Besitzstandes der ein­zelnen Parteien von der Reichstagswahl im Sep­tember 1930 über die Landtagswahl am 19. Iuni dieses Iahres bis zur gestrigen Reichstagswahl ersehen.

Der Wahltag verlief gestern in Gießen bis in die Abendstunden hinein ohne Störung der öffentlichen Ordnung. Gegen 19 Llhr, kam es an der Ecke Kirchcnplah, Marktplatz bei einem Krakehl zu einer größeren Menschenansammlung, die das Eingreifen der Polizei erforderlich machte. Zwei Kommunisten, die sich den Anordnungen der Polizei nicht fügen wollten, wurden verhaftet. Rach den bis heute früh vorliegenden Berichten ist auf dem Lande der Wahltag überall ruhig verlaufen.

Stadt Gießen.

Wahlbezirke

Wahlbezirk I.....

Wahlbezirk II.....

Wahlbezirk III .... Wahlbezirk IV.....

Wahlbezirk V.....

Wahlbezirk VI.....

Wahlbezirk VII .... Wahlbezirk VIII .... Wahlbezirk IX.....

Wahlbezirk X.....

Wahlbezirk XI.....

Wahlbezirk XII .... Wahlbezirk XIII .... Wahlbezirk XIV ... . Wahlbezirk XV .... Wahlbezirk XVI .... Wahlbezirk XVII . . . Wahlbezirk XVIII . . . Wahlbezirk XIX . . . Wahlbezirk XX ....

ii o o E> E

284

318

385

318

361

266

299

325

297

207

255

174

190

466

219

278

262

222

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65

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515 567 531 598 446 584 624 611 703 709 554 496 427 563 549 470 526 445 103

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188 95

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96 95 94 21

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37

23

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Insgesamt

5281

10111

1469

1163

1048

756

86

233

298

74

27

In Gießen waren 23181 Personen wahlberechtigt, dazu kamen noch 1206 Wähler mit Stimmscheinen, so daß hier insgesamt 24387 Personen von ihrem Stimmrecht Gebrauch machten.

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Provinz Oderhessen.

Kreise

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599

1036

502

316

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44

84

11

10

LW. 19.6.32

3112

14917

594

943

477

356

131

NW. 14.9.30

3804

6040

850

932

292

870

207

424

498

73

Büdingen. . .

RW.31.7.32

6227

17260

1813

411

587

351

52

114

154

12

56

LW. 19.6.32

4869

14328

1576

321

406

489

264

RW. 14.9.30

5351

3445

1890

257

394

1047

516

1405

460

51

ftriebbcrj . .

RW.31.7.32

18401

24915

4244

6693

1724

926

195

303

593

34

197

LW. 19.6.32

15186

20839

4480

5555

1097

1442

647

RW. 14.9.30

18383

7146

4108

3110

1222

2771

1950

2499

1653

187

Gi-'ßen . . .

RW.31.7.32

19296

32753

3398

1398

2034

1224

149

353

726

102

76

LW. 19.6.32

15239

28129

3173

1346

2230

2111

476

RW.14.S.30

18772

8927

3052

1087

1529

3942

2161

3199

2198

311

Lauterbach . .

RW.31.7.32

2135

13941

367

913

819

748

26

60

76

10

30

LW. 19.6.32

1676

12205

355

734

566

1017

134

RW. 14.9.30

' 2420

5645

401

699

439

1191

139

303

367

60

Schotten . . .

RW.31.7.32

2732

13797

451

99

395

129

18

36

108

8

13

LW. 19.-6.32

1869

11887

424

66

294

208

80

RW. 14.9.30

2669

3815

222

49

199

462

230

498

.570

36

Insgesamt

RW.31.7.32

52683

120282

10872

10550

6061

3694

459

940

1741

177

382

LW. 19.6.32

41951

102305

10602

8965

5070

5623

1732

RW. 14.9.30

57399

35018

10523

6134

4075

10283

5203

8328

5746

718

Sn bet verstehenden Äebersicht lind die Stirn. 1 W'rtschastspark. die Staatäpartei, Theis ­

men, die bei der hessischen LandtagSwahl am l,ch.s°,>°len Dolksdienft

19. Suni 1932 für bie 2t a t i o n a l e 6 i n ß e i t S . Parte» abgesehen warben, in der Spalte SDP

liste (umfassend die Deutsche

Volkspartei, die | registriert.

Das Ergebnis in Hessen-Darmstadt

kreis Darmstadt.

Soz. 31 027 (26 795), NS. 41 474 (39 033), K. 8642 (8979), Z. 5123 (4498), Dn. 2063 (1081), DDP. 2422, Wp. 169, StP. 515, Chr.-Soz. 1220 (zusammen 5449), Sonstige 184.

Gesamtergebnis.

Sozialdemokraten

221 726

(172 552)

NSDAP.

364 749

(318 306)

Kommunisten

98 243

(82 124)

Zentrum

125 673

(108 601)

Deutschn.

15 704

(11 266)

DVP.

Wirtschftspartei Staatspartei

12 741

2 40

4 842

(25 186)

Chr.-Soz. 7 625

Sonstige 2 703

Wahlbeteiligung 86 v. ch.

Starkenburg

Stadt Darmstadt.

Soz. 16 050 (13 805), NS. 26 234 (25 230), K. 3899 (4478), 3- 4523 (4002), Dn. 1867 (911), DVp. 1936, Wp. 97, StP. 408, Chr.-Soz. 998 (zu­sammen 4322), Sonstige 111. ... - :

kreis Lensheim. 3

Soz. 8492 (5585), NS. 16 908 (15 414), K. 5841 (5170), Z. 10 224 (8038), Dn. 594 (363). DVP. 485, WP. 67, StP. 124, Chr.-Soz. 591 (zusammen 1088), Sonstige 169.

kreis Dieburg.

Soz. 10 032 (7583), NS. 17 779 (16 704), K. 4166 (4127), Z- 7232 (6260), Dn. 360 (252), DVp. 250, Wp- 76, StP. 95, Chr.-Soz. 181 (zusammen 542), Sonstige 120.

kreis Erbach.

Soz. 7178 (5192), NS. 17 893 (15 371), K. 2631 (2451), Z- 1307 (924), Dn. 419 (294),

DVP. 348, Wp. 55. StP. 164, Chr.-Soz. 184 (zusammen 743), Sonstige 88.

kreis Heppenheim.

Soz. 4770 (2734), NS. 9412 (7823),

K. 5307 (4205), Z. 10 602 (7546), Dn. 280 (155), DVP. 228, Wp. 47. Stp. 134, Chr.-Soz. 206 (zusammen 423), Sonstige 74.

Stadt Offenbach.

Soz. 18 549 (13 493), NS. 14 612 (13 422), K. 6992 (6064), Z. 6229 (5448), Dn. 920 (1405), DVp. 761, Wp. 239, Stp. 371, Chr.-Soz. 634 (zusammen 4270), Sonstige 169.

Rheinhessen.

Stadl Main;.

Soz 24 341 (19 208), NS. 26110 (24 389), K. 11289 (10 832), Z. 18 768 (18 407), Dn. 1203 (880), DVp. 1038, Wp. 282, Stp. 683, Chr.-Soz. 1020, (zus. 2879), Sonstige 638.

kreis Main;.

Soz. 28 086 (22 207), NS. 32 739 (30 466), K.

13 283 (12 742), Z. 25 717 (24 717), Dn. 1440 (1036), DVp. 1106, Wp. 314, Stp. 725, Chr.-Soz. 1115 (zus. 3149), Sonstige 750.

kreis Alzey.

Soz. 4938 (3685), NS. 13 333 (12 325), K. 999 (1002), Z. 4621 (4248), Dn. 515 (289), DVp. 244, Wp. 50, Stp. 420, Chr.-Soz. 157 (zus. 889), Son­stige 88.

kreis Lingen.

Soz. 4249 (2863), NS. 8629 (7962), K. 1420 (1027), Z. 10 400 (b629), Dn. 518 (278), DVp. 356, Wp. 114, Stp. 296, Chr.-Soz. 199 (zus. 649).

kreis Oppenheim.

Soz. 5225 (4208), NS. 15 614 (14 545), K. 1001 (928), Z. 6856 (6171), Dn. 401 (261), DVp. 169, Wp. 40, Stp. 238, Chr.-Soz. 179 (zus. 550), Son­stige 60.

kreis Worms.

Soz. 14 362 (10 652), NS. 26 359 (25 567), K. 6154 (6546), Z. 9868 (8873), Dn. 1353 (995), DVp. 1778, Wp. 575, Stp. 378, Chr.-Soz. 583 (zus. 1979), Sonstige 184.

Robinson mit Vorortskarte.

Abenteuer in der Lüneburger Heide.

Von Karl Ey.

Hl.

Hilf Dir selbst!"

Am ersten Tage in der Heide hatte ich Blau­beeren zu Mittag und einige Zwiebäcke meines eisernen Proviants. Das sättigte zwar, aber es hin­terlieh in der Magenhöhle doch ein mildes Bohren und eine fühlbare Leere, die indes schon am Abend behoben wurde, denn ich fing ein wildes Ka­ninchen. Es gibt Leute, die Abscheu gegen Ka­ninchenfleisch haben, und wenn diese Tiere zahm sind, so kann ich das schon verstehen. Ein wildes Kaninchen aber ist eine Delikatesse, auch wenn man keine Butter hat, es zu braten und keinen Speck, um es zu spicken. Gehäutet, ausgenommen in den Kessel mit Salz und Heidewürzen zum Kochen auf­gesetzt hmm schon der erste Duft, der dem als Kochkessel fungierenden Marmeladentopf entquillt, muß jeden Abscheu vertreiben ...

Obendrein ich das gekochte Kaninchen mit der beruhigenden Gewißheit, noch manches andere Tier­chen in meinem Topf zu sehen, denn etwa 500 Meter von meinem provisorischen Lager hatte ich eine ganze Kolonie von Wildkaninchen entdeckt, die in den Löchern an einem Abhang hausten. Fleischsorgen brauchte ich während meiner Robinsonzeit also nicht mehr zu haben, aber dennoch plagte mick oft ein Verlangen nach Abwechslung. Und das sollte sich bald erfüllen.

Regen, Regen ...

Drei schöne Sommertage waren vergangen. Ich lebte recht und schlecht von gekochtem Kaninchen­fleisch, Blaubeeren und den letzten Zwiebäcken. Keine Menschenseele war in dieser Zeit in die Nähe meines Lagers gekommen. Kein Ton der Kultur hatte mein Ohr erreicht. Mochten in dieser bewegten Zeit einige Meilen entfernt die Telegraphen spielen und die Telephone rasseln, die Lautsprecher brüllen und die Rotationspressen stampfen nichts von der großen Welt war in meine Einsamkeit ge­drungen und nicht ein einiges Mal spürte ich den Wunsch, die letzten Abendmeldungen zu erfahren.

Ich hatte nicht einmal Zeit daran zu denken, denn das Leben auf eigene Faust in den Tiefen der Heide ist durchaus nicht eintönig, wie man viel­leicht glauben könnte, namentlich dann nicht, wenn man Stunden braucht, um Vorräte zu sammeln, die man in Minuten verzehrt ... Ich hatte haushälte­risch gewirtschaftet. In einem Steinschrank lagen vier gekochte Kaninchen, in Blättern war ein kleiner Vor­rat von Kaninchenfett vielleicht ein halbes Pfund aufbewahrt ich konnte mir jetzt sogar ein Stück Fleisch braten ...

Die Zeit war mir wie im Nu vergangen, und ohne besonderen Grund hatte ich sogar einen statt­lichen Stapel Holz aufgerichtet, als ob ich dauernd in dem Lager an der Rehtränke bleiben wollte.

In der vierten Nacht aber wurde ich aus mei­nem Paradies vertrieben. Nach einem herrlichen Sonnenuntergang hatte ick) es mir unter meinem grünen Dach bequem gemacht, mich in das Bett von Tannennadeln gekuschelt und war dann eingeschlafen. In der Nacht kam ein seltsamer Traum, der mit der Erzählung des Lehrers in Katendorf zu tun hatte, denn im Schlaf geisterte immer wieder der Bankräuber, der in der Heide verschwunden war, herum. Er schien mich mit Gold zu überschütten, so daß es mir kalt die Glieder

herabrieselte und ich erschauernd aufwachte.

Es war aber kein Gold, wohl aber etwas, das der Landmann oft mehr ersehnt, als das glänzende Metall. Es war ein Regen und was für einer! Grau stand der Nachthimmel über mir. Mein Tannennadelbett war ein einziger glitfchiger Morast, meine Kleidung klitschenaß, und das Schlimmste war, mein Vorrat an Tabak war gänz­lich aufgeweicht, das Zigarettenpapier ein einziger Brei.

Es war zwecklos, in dieser Dunkelheit irgendwo einen Unterschlupf zu suchen, und da der Regen sommerlich warm war, zog ich meine Kleidung aus, hängte sie an einen Zweig und legte mich wieder auf mein nasses Lager.

Es wird oft behauptet, daß in der Lüneburger Heide die Frösche alt und grau werden, bevor sie schwimmen lernen. In dieser Nacht aber hätten sie Gelegenheit gehabt, diese Kunst schnell zu meistern. Es goß unaufhörlich. Zuerst versuchte ich, über die Zeit dadurch Hinwegzukommen, daß ich etwas kaltes Fleisch knabberte, aber bann wirkte das unablässige Rauschen des Regens doch wie Opium auf meine Nerven, und ich schlief wieder ein.

Der Marsch geht weiter.

Der Morgen, der grau heraufdämmerte, brachte zwar ein Aufhören des Regens, aber er beleuchtete auch in aller Grausamkeit das Unheil, welches das Wasser angerichtet hatte. In meinen Fleischvorrat waren ich weiß nicht wie dicke M aden eingezogen, das schöne Kaninchenfett, der Stolz mei­ner haushälterischen Geschicklichkeit, lag als schmutzig- gelber Klumpen unter einer Herde gieriger, verfresse­ner Ameisen. Mein kleiner Vorrat an Kaffee glich einem braunen Matsch, die paar letzten Zwie­bäcke schunkelten aufgelöst in dem Pergamentpapier. Naß waren die Zündhölzer, nah die Kleider, naß die graue, grämliche Welt.

Wie zum hohn brach jetzt die Sonne durch, und wie mit einem Schlag auf den Notenständer des Dirigenten, begann das Vogelkonzert. Ohne Uebcrtreibung, es klang ausgesprochen höhnisch. Die gefieberten heibebewohner verspotteten ben bummen Menschen, ber es ihnen gleichtun wollte.

Aber noch größer würbe wahrscheinlich ber Spott gewesen sein, wenn ich nach Katendorf in dein be­rückenden Aufzug einer verwaschenen Vogelscheuche zurückgetippelt wäre. Ich spielte zwar an diesem nassen Morgen verliebt mit dem Gedanken, mich in wenigen Stunden in dem Heidekrug zu einem damp­fenden Kaffee und zu einer Schüssel mit Eiern und Speck niederzulassen, aber ehe ich den Rückweg an­treten konnte, mußte ich auf alle Fälle erst einmal meine Kleider trocknen.

Es ist nur gut, daß mit der trocknenden Wirkung der Sonne auch die Weltanschauungen wieder fofiger werden, denn sonst wäre ich noch an diesem Tage nach Katendorf zurückgekehrt, hätte nichts zu schrei­ben gehabt und wäre einem Fund aus dem Wege gegangen, der mich eine Zeit lang in den Glauben versetzte, plötzlich ein wohlhabender Mann geworden zu sein.

So machte ich mich denn eine Stunde später in besserer, unternehmungslustigerer Stimmung auf den Weg tiefer in d i e Heide hinein. Ich wollte ein Obdach suchen, das etwas Schutz gegen den Regen bietet, und hoffte, unter einem Steinfindling etwas derartiges zu finden. (Fortsetzung folgt.)

Buntes Allerlei.

Das goldene Berliner Herz.

Auf einer Berliner Rennbahn ereignete sich et­was, wovon man als harmloser Wetter sonst bestenfalls und auch das nur sehr selten träumt: irgendjemand gewann bei einer Dop- pelwette über 1 2 000 Mark, bei einem Einsatz von nur 10 Mark. Man stelle sich vor: 10 Mark hat jener oder jene Glückliche riskiert, und mehr als 12 000 Mark zahlte der Totali­sator ihm zurück...

Selbstverständlich verbreitete sich die Kunde von diesem außergewöhnlichen Ereignis blitz­schnell über den ganzen Rennplatz.Haben Sie schon gehört, da hat einer bei der Doppelwette... Was sagen Sie zu dem Dusel?" In den Lo­gen, auf dem Sattelplatz, an der Wage, auf den schlechtesten Stehplätzen es gab überall nur ein Gesprächsthema. Dabei hatte niemand den glücklichen Gewinner gesehen, aber irgendwo tauchte plötzlich das Gerücht auf, es sei ein wohl­habender Delikatessenhändler gewesen. Vielleicht wahrscheinlich sogar war dieses Gerücht zu­treffend, denn wenn heute jemand 10 Mk. auf eine Doppelwette riskiert, muh er immerhin einer sein, für den dieser Betrag keine Rolle spielt. Aber und hier geschah etwas Merkwürdiges auf einmal stieß dieses Gerücht auf Wider­stand. Ein reicher Kaufmann? Keine Spur! Eine arme Stenotypistin war es. Es durfte einfach kein wohlhabender Mann sein. 12 000 Mk. auf einen Schlag dieser Segen gebührte einem Armen und keinem, der es ohnehin nicht nötig hatte. Es war eine arme Stenotypistin und damit basta!

Verstehen Sie nun, was ich mit demgoldenen Berliner Herzen" meine? Ganz aufrichtig und ohne Ironie?...

Stimme von oben.

Wer bisher der Ansicht war, daß das Geräusch, mit dem die hoch über uns dahineilenden Flug­zeuge uns beglücken, als störend empfunden wer­den könnte, kann durch eine neue Flugzeug­konstruktion eines Besseren belehrt werden. Dieses neue Flugzeug, eine Junkers-Maschine, die vor einigen Tagen in Berlin eingetrosten ist, verfügt nämlich noch über eine besondere L aut« sprecheranlage, die es ermöglicht, noch aus beträchtlichen Höhen sich auf der Erde verständ­lich zu machen. Auf diese Weise kann der Pilot bis zu 800 Meter Höhe auf dem Erd­boden einwandfrei verstanden werden und je nach den Windverhältnissen beträgt die Dodenfläche, die auf diese Weiseersaßt" werden kann, zwi­schen 100 000 und 1 000 000 Quadratkilometer.

Aber die geräuschempfindlichen Stadtbewohner, deren Nerven ohnehin durch immer mehr zu­nehmenden Strahenlärm strapaziert werden, mö­gen beruhigt fein. Es besteht nicht die Absicht, derartige Flugzeuge in den Dienst der Reklame zu stellen, und Erfahrungen, die man in dieser Beziehung in Amerika gewonnen hat, sind keines­wegs sehr günstig. Vielmehr werden solche Laut­sprecheranlagen sehr nützlichen und förderlichen Zwecken dienen. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, daß auf diese Weise bei Hochwasser oder auch bei Gasangriffen weiteste Gebiete in schnellster Zeit wirkungsvoll gewarnt werden. Vor allem aber werden Flugzeuge, die mit einem derartigen Lautsprecher versehen sind, in der Lage sein, vor der Landung irgendwelche Anordnungen zu geben und so etwaige Landungsschwierigkeiten zu beheben.