Aus der Provinzialhauptstadt.
Dietzen, den 1.3uli 1932.
Oie Gipfeldürre der Pappeln.
Don Prof. Or. Ernst Küster, Gießen.
Schon die Romantiker haben den dekorativen Zug gepriesen, den die Pyramidenpappeln unserer deutschen Landstraßen in manches Landschaftsbild einzutragen vermögen: die stolze Reihe von Vertikalen, von obeliskenartigen Gebilden, die höchstens in den Zypressen des Südens ihr Gegenstück finden, vermag nicht selten die Oede einer Landstraße, einer endlosen Geraden mit dem Ausdruck des Monu- mentalen zu schmücken.
Merkwürdig genug: diese Wirkung der Pyra- midenpappel wird fast überall durch eine weit verbreitete Krankheit der Bäume beeinträchtigt. Auf einer langen Bahnfabrt durch deutsche Lande kann man nicht selten tausende und aber tausende hochragende Pyramidenpappeln bemerken, die unten stattlich belaubt, oben kahl wie die Besen sind. Das tausendfältig sich wiederholende Bild prägt sich auch demjenigen ein, der bei der Bahnfabrt für die ihn begleitende Vegetation nur wenig Aufmerksamkeit aufbringen will.
Die Gipfeldürre der Pappeln ist seit vielen Jahrzehnten in Europa bekannt. Seit 1820 wütete sie im vorigen Jahrhundert in England so stark, daß die meisten Bäume binnen zwei Jahrzehnten zugrunde gingen; fast noch verheerender war der Angriff, den dieselbe Krankheit 1840 in den Vereinigten Staaten ausführte. In Norddeutschland und Mitteldeutschland hat sich die Gipfeldürre seit 1880 außerordent- lief) verbreitet. Zu der Frage nach den Ursachen dieses Phänomens, die auch im „Gießener Anzeiger" vor einigen Tagen aufgeworfen wurde*, sich zu äußern, hat für den Fachmann insofern besonderes Interesse, als sie mit wichtigen allgemeinen Problemen überraschend enge Verbindung aufzu». weisen hat.
Alle Pappeln, welche unsere Landstraßen schmücken, oder unsere Bäche und Flüsse begleiten, sind aus Stecklingen herangewachsen und stammen alle von einem Exemplar ab, das seinerzeit nach Deutschland gelangt ist. Daß bei unserer Pappel nur Stecklingsoermehrung in Betracht kommt, ist schon des- wegen selbstverständlich, weil unsere Pappeln sich nicht durch Samen vermehren und verbreiten und aufziehen lassen können: alle bei uns wachsenden Pappeln sind nämlich männlichen Geschlechts. Weib- liebe Bäume fehlen bei uns: die vermeintlichen weib- liehen Pyramidenpappeln, die für die deutsche Flora beschrieben worden sind, haben sich als Bastarde der Pyramiden- und der Schwarzpappel erwiesen. Somit ist jede Sexualität aus dem Leben unserer Pyramidenpappel ungefähr seit anderthalb Jahrhunderten getilgt. Viele Forscher haben die Meinung vertreten, daß die fortwährend ungeschlechtliche Vermehrung und die Ausschaltung der Sexualität allmählich ein „Altern" der Bäume, die ja alle gleichsam mächtig herangewachsene Zweigspitzen desjenigen Exemplares sind, von welchen man vor Zeiten die Stecklinge abgenommen hat, herbeigeführt hätten, und daß die Bäume, die wir an Gipfeldürre leiden sehen, rettungslos einer Altersschwäche zu unterliegen im Begriff wären.
Die Lehre vom Altern und der Altersschwäche bestimmter Arten oder Sorten hat bei den Vertretern der Praxis viel Zustimmung gefunden; die Theoretiker wollten aber nicht viel von ihr wissen und haben insbesondere das Sterben der Pappeln auf Wirkungen des Klimas, des Grundwassers, der die Pappeln befallenden krankheitserregenden Pilze und andere Faktoren zurückaeführt. Man hat geradezu von einer „Unsterblichkeit" der Bäume gesprochen und damit sagen wollen, daß den Triebspitzen der Zweige die Gabe eines unendliehen Wachstums und Lebens gegeben wäre, wenn nur der Gärtner und Züchter dafür sorgt, daß die Triebspitzen immer wieder durch Neugewinnung von Stecklingen unter Bedingungen kommen, die der Fortsetzung ihres Wachstums günstig sind; die Fähigkeit zum Wachstum aber bleibe den Spitzen der Zweige alsdann bis ins Unendliche bewahrt.
In neuester Zeit sind Zweifel an der Richtigkeit dieser Auffassung auch aus dem Lager der Theoretiker und Pflanzenphysiologen laut geworden. Ein junger Baum und ein alter Baum — so hat man gesagt — haben grundverschiedene Eigentümlichkeiten, und wenn die Triebspitze, die man von einem Baume nimmt, um eine neue Pflanze aus ihr erwachsen zu lassen, von einem alten Individuum stammt, so wird sie andere Eigenschaften entwickeln, als ein ähnlicher Steckling, der einem jungen Individuum entnommen worden ist. Sollte dieser Satz auch für die Pyramidenpappel zu Reckt bestehen und sich für sie erweisen lassen, so wäre es statthaft, zur Erklärung derjenigen Autoren zu- rückzugreifen, welche von einer Altersschwäche der auf dem Wege der Stecklingvermehrung gewon- neuen Pyramidenpappeln sprechen. In diesem ^alle wäre aber auch ohne weiteres klar, daß es für die an Gipfeldürre erkrankten Greise keine Rettung mehr gibt, und daß das Geschlecht der Pyramidenpappeln seine Hoffnung auf Blüten bi Id ung, Bestäubung, Befruchtung, Samenbildung und Samenaussaat zu setzen hat.
Obermedizinalrat Or. Ostwald.
Am heutigen 1. Juli tritt der langjährige Leiter der Heil- und Pslegeanstalt zu Gießen, Obermedizinalrat Dr. O ß w a l d , in den Ruhestand. Mit ihm scheidet eine Persönlichkeit aus dem Anftalts- dienft, die allgemein beliebt und geschätzt ist.
Obermedizinalrat Dr. Oßwald ist ein Sohn der Provinz Oberhessen. Er wurde am 29. März 1867 in Büdingen als ältester Sohn des Gymnasiallehrers Oßwald geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums zu Büdingen studierte er von Ostern 1885 ab in Gießen, später in Berlin und dann wieder in Gießen Medizin. Im Dezember 1894 bestand er das Physikatsexamen mit der Note „Sehr gut", nachdem er vom 1. Februar 1891 bis 28. Februar 1894 als Assistenzarzt in der Medizinischen Klinik von Geheimrat Riegel in Gießen tätig gewesen war. Vom 1. März 1894 bis Mitte Juni 1895 war er als Assistenzarzt am Landeshospital in Hofheim (jetzt Heil- und Pslegeanstalt Philipps- hospital bei Goddelau) tätig, wo er dann als beamteter dritter Arzt angestellt wurde und vom Januar 1898 an als beamteter zweiter Arzt wirkte. Am 29. August 1908 übernahm er als Direktor die Leitung der neuen, von ihm eingerichteten Heil- und Pslegeanstalt in Alzey, wo ihm im November 1910 der Titel „Medizinalrat" verliehen wurde. Veranlaßt durch seine großen Fähigkeiten und organisatorischen Erfahrungen bei der Einrichtung der Anstalt in Alzey wurde ihm die Einrichtung der in Gießen neu gegründeten Heil- und Pflegeanstalt übertragen, deren Leitung er am 29. März 1911 übernahm. Im März 1929 erhielt er die Arnts-
* Bergt Eingesandt vom 28. Juni, das damit feine Beantwortung findet. D. Red.
bezeichnung „Obermedizinalrat". Während des Krieges war er als leitender Arzt des Referve-Teil- lazaretts Heil- und Pflegeanstalt Gießen in seiner Eigenschaft als Stabsarzt d. R. tätig. Hier hatte er in dem mit 240 Betten ausgestatteten Lazarett eine außerordentlich umfangreiche Tätigkeit zu leisten, die durch die Verleihung des Militär-Sanitätskreuzes am Kriegsbande und des Eisernen Kreuzes 2. Klasse ihre sichtbare Anerkennung fand.
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit war Ober- medizinalrat Dr. Oßwald noch in umfangreicher Weise als Fachschriftsteller seines Arbeitsgebietes tätig. Durch seine Schriften gab er der einschlägigen ärztlichen Wissenschaft vielfache Anregungen, die in den Fachkreisen mit verdienter Anerkennung auf- genommen wurden. Hierbei, wie auch bei der Leitung seiner Anstalten kamen ihm reiche ärzlliche und verwaltungstechnische Kenntnisse, sowie prak- tischer Blick für die Erfordernisse des Tages und der Zeit in hohem Maße zustatten. Seinen Mitarbeitern war er stets ein gerechter und allezeit wohlwollender Vorgesetzter, seinen Patienten ein fürsorglicher und liebevoller Helfer und Berater. Die Zeit feines Wirkens wird in den von ihm betreuten Anstalten immer mit Auszeichnung vermerkt bleiben.
Oie Abgabe zur Arbeitslosenhilfe.
Mit Wirkung vom 1.3uli ab wird an Stelle der Krisenlohnsteuer eine Abgabe zur Arbeitslosenhilfe erhoben, die sämtliche Lohn- und Gehaltsempfänger trifft, an den (Brutto» arbeitslohn anknüpft und gestaffelt ist. Die Abgabe, die durch die Arbeitgeber von dem (Brutto- arbeitslohn einbehalten wird, verwalten, soweit es sich um sozialversicherte Personen handelt, die Krankenkassen, soweit es sich um Personen Han* beit, die nicht der Sozialversicherung unterliegen (z. D. (Beamte, private Arbeitnehmer mit mehr als 700 Mk. Monatslohn) die Finanzämter. Am 17. und 18.3uni 1932 sind die Durchführungsbestimmungen von den beteiligtenReichsministerien erlassen und in sämtlichen Amtsblättern veröffentlicht worden. Etwa noch erforderliche Auskünfte können bei den Krankenkassen und den Finanzämtern eingeholt werden.
Strengste Auslegung
der Krastfahr-Bestimmungen.
Auf der Dorfstraße in Unter-Schmitten hatte ein Dreschmaschinenbesitzer mit seinem Kraftwagen einen vierjährigen Jungen totge» fahren. Während ihn das Landgericht Gießen mit der Begründung f r e i s p r a ch , daß der Angeklagte von sich aus alles getan habe, um einen Unfall zu vermeiden, stellte sich das R e i ch s g e r i ch t gemäß seiner ständigen Rechtsprechung auf den entgegengesetzten Standpunkt und hob auf die Revision der Staatsanwaltschaft und des Nebenklägers, des Vaters des verunglückten Kindes, das freisprechende Erkenntnis mit dem Hinweis auf, daß auch dieser Unfall bei genügender Sorgfalt hätte vermieden werden können. Wenn der Angeklagte auch nur mit 15 Kilometer Geschwindigkeit, ohne Gas und mit an- gezogenen Bremsen, sowie unter Abgabe von Hupenzeichen an den die Aussicht versperrenden Holzstoß herangesahren sei, hätte er doch mit der Möglichkeit eines plötzlichen Auftauchens spielender Kinder rechnen müssen, zumal da er schon kurz vorher, aus der entgegengesetzten Richtung kommend, die gleichen Wahrnehmungen gemacht hätte. Die Sache wurde daher unter Aufhebung des Freispruches zu a n d e r- weiter Entscheidung an die Vorinstanz z u - rückverwiesen.
Zwei Totschlagsprozesse vor dem Schwurgericht.
Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen wirb am Montag und Dienstag nächster Woche zwei Totschlagsprozesse verhandeln. Am Montag wird sich Friedrich Röll aus Elberfeld wegen des Totschlags in Gießen an der Ecke (Neustadt und (Bahnhofstraße, wo von ihm vor einigen Wochen ein Mann erstochen wurde, zu verantworten haben. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Fischer, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Dr. Krämer von hier. Am Dienstag stehen Ludwig Josef Maith aus Dleichenbach und Arnold Heck aus Aulendiebach unter des Anklage des Totschlags vor dem Gericht. Es handelt sich hierbei um die nächtliche Schlägerei in Dleichenbach, bei der ein Mann von den beiden Tätern mit dicken Holzprügeln totgeschlagen wurde. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Eckert, Verteidiger sind die Rechtsanwälte Dr. Schneider und Dr. Aaron von Gießen.
Dollskunstabend der Ekkehard-Spiele.
Am Mittwochabend boten die Ekkehard-Spiele unserer Einwohnerschaft im Caf6 Leib einen Dolkskunstabend. Oberleutnant R o h b a ch, der ehemalige Freikorpsführer, der Gründer und Leiter dieses Jugendbundes, sucht mit seiner Spielschar neue Wege zu finden, um mit den Waffen des Geistes für unser Vaterland zu arbeiten. Die Aufgaben, die der Sprecher der jugendlichen Schar in seiner kurzen Ansprache zeichnete, sind schwer, und das Ziel ist hoch gesteckt. Die jungen Leute, etwa 40 Jungen und Mädchen, in allen Gegenden Deutschlands beheimatet, die aus allen Lebenskreisen, Parteien und (Berufen kommen, fanden sich zu einem freiwilligen Arbeitsdienstjahr zusammen. Sie wollen Spiel, Musik, Tanz und Lied zu einem Ganzen erstehen lassen, das innere Werte zum Klingen bringen soll. Der Abend wurde eingeleitet mit dem Vortrag ein* und mehrstimmiger Volkslieder mit Instrumentalbegleitung. (Besonders gefiel das Lönslied „Rote Husaren" mit Harfen- und Violinbegleitung. Auch das geistliche Lied hat in der Schar eine Pflege* ftätte, wie dies der Vortrag des 95. Psalms bewies. Daß der Aussprache, der Sprachtechnik und überhaupt allen übrigen Ausdrucksformen des Gesangs die rechte Aufmerksamkeit gewidmet war, bewiesen die Ehorvorträge nachdrücklich. Das Orchester leistete ebenfalls Hervorragendes, es war beachtenswert, mit welcher Weichheit und welch gleichmäßig sicherem Ansatz die einzelnen Kompositionen borge tragen wurden. Ein tiefer Emst ergriff alle Anwesenden bei dem Vortrag des Sprach- und Dewegungschors „Der Morgen" von Erich Calberg". Im zweiten Teil, eingeleitet durch einen heiteren Gedichtsvortrag „Die neuen Tänze" von Rudolf P r e s b e r, zeigte die Schar in ihren deutschen und nordischen Volkstänzen eine ungezwungene Fröhlichkeit und lebhafter Deifall war der Dank der Zuschauer. Es drehte sich die Ostpreußin im fröhlichen Tanzreigen mit dem Münchener (Buben, da gaben die schlesische Maid und der Schleswiger Junge im alten Schottischschritt ihrer Freude Ausdruck. Rach dem lustigen Chor „Mein Hut der hat drei Ecken" schloß das „Gute-Racht-Lied" von Theodor Storm den wohlgelungenen genußreichen Abend, der hinter aller Fröhlichkeit doch den tiefen Ernst einer suchenden, dienende» Jugend erkennen Keß.
Ein deutscher Arzt erobert Afrika.
Gustav NachtigalS Heldentaten im Schwarzen Erdteil.
Don Paul A. Hofer.
II.
Aufbruch in die Wüste.
Afrika, rätselhafte Sphinx unter den Kontinenten, geheimnisvoll und abenteuerlich, läßt den deutschen Doktor nicht mehr loS. Längst hat er seinem alten Traum entsagt, der Tschadsee ist wieder in den Tiefen der Erinnerung versunken, Rachtigal weiß es nur zu gut: zum Reisen gehört viel mehr als nur Geld, man braucht Erfahrung und vor allem eine gründliche naturwissenschaftliche Vorbildung. Das alles besitzt er nicht. Mit welchem Recht soll er Forschungsexpeditionen ins Innere unternehmen?
Die Thphusepidemie in Tunis ist besiegt. Rachtigal rüstet zur endgültigen, zur letzten Heimreise. Da erscheint eines Tages ein Mann bei ihm, dessen Rame allein schon genügt, um alle Sehnsüchte wieder wach werden zu lassen: Gerhard Rohlfs, der berühmteste deutsche Afrikaforscher. „Wollen Sie an meiner Stelle zum Sultan von Dornu reifen?“ fragt er den deutschen Doktor. Das Gespräch hat kaum eine halbe Stunde gedauert. Rachtigal überlegt nicht einen Augenblick. Er kennt das Land und die Sprache wie kein zweiter, es kann keine Hindernisse geben. Und wenn es auch nur eine schöne abwechslungsvolle Reise wird; er kommt doch wenigstens in die Rähe des Tschad-Sees.
Wenige Tage später ist er auf dem Wege nach Tripolis, dem Ausgangspunkt der Expedition. Er soll dem Sultan die Geschenke des preußischen Königs und den Dank dafür überbringen, daß er all die deutschen Reisenden, die bis in sein Land mitten im Herzen Afrikas vorgedrungen waren, so gastfreundlich empfangen hat. Rachtigal ist sich keinen Augenblick Darüber im Unklaren, was ihm bevorsteht, er weiß, daß es bei dieser Fahrt um Leben und Tod gehen kann.
Am 18. Februar 1869 bricht die kleine Karawane auf, fünf Mann und acht Kamele. Ein paar hundert Taler sind Rachtigais ganze Ausstattung, eine lächerliche Summe im Vergleich mit dem, was bis dahin jedem andern Forscher zur Verfügung gestanden hatte. Sechs Wochen später ist er in der Oase Mursuk. Es gibt einen unerwarteten Aufenthalt: der Weg nach Domu durch Fezzan ist gesperrt, irgendwo wird in der Gegend Krieg geführt, Rachtigal muß abwarten, bis sich die Dinge ein wenig geklärt haben.
Aber dieser Deutsche ist nicht der Mann, der sich nun in einer oben Wüstenlandschaft hin setzt und die Dinge an sich herankommen läßt. Der Weg nach Dornu ist versperrt? Gut, bann gucken wir uns einmal um, was es sonst noch hier in der Rähe zu sehen gibt. Da liegt doch, ganz im Osten der Sahara, ein wildes Hochland. Roch nie hat es ein Europäer zuvor betreten, die Tubu sind bas grausamste und fanatischste Volk im ganzen nördlichen Afrika. Es gibt niemanden in Mursuk, der Rachtigal nicht aufs Dringendste abgeraten hätte, diesen Zug zu unternehmen, aber Mr Deutsche hat einen Eisenschädel. Er unterschätzt die Gefahr durchaus nicht, aber er weih, was er sich zu trauen darf.
Durst, Durst ...
An einem glühendheißen Junimorgen marschiert er los, hinaus in die Wüste. Auch die blühendste Phantasie hätte sich nicht ausmalen können, was der Karawane bevorstehen sollte. Räuberbanden lauern auf sie, und nur mit vielen Mühen und gewaltigen Umtoegen kann ihnen Rachtigal im letzten Moment entgehen. Aber nun sind d ie Wasservorräte zu Ende. Zwei Tage noch, verspricht der Führer, bann finb wir an den Quellen Afasis. Sie schleppen sich kaum mehr vorwärts, bas Thermometer zeigt 47 Grab Celsius. Aber diese beiben Tagesmärsche müssen noch geschafft werben. Am Abend bes zweiten Tages zeigt sich noch immer keine Spur von Wasser. Der britte Tag beginnt, bie Leute finb unfähig, sich noch weiterzubewegen, sie fangen an zu belirieren, bie Kamele weigern sich, aufzustehen. Einer der eingeborenen (Begleiter, Dirsa, wirb ausgeschickt, er ist noch am frischesten, von Ratur aus gegen solche Strapazen am besten gewappnet. Der britte Tag vergeht. Sie
liegen an der gleichen Stelle, an der sie am Abend vorher hingefallen sind, sie haben nicht einmal mehr bie Energie, sich in ben Schatten irgend eines Felsens zu flüchten, unbarmherzig brennt bie Wüstensonne. Rachtigal verliert daS (Bewußtsein, nur manchmal wird er für wenige Minuten wach, er hat sich in sein Schicksal ergeben. Am Abend des vierten Tages erscheint Dirsa mit zwei Schläuchen voll Wasser. Es strotzt vor Schmutz, ein pestartiger Verwesungsgeruch steigt von der eklen Flüssigkeit auf, aber Rachtigal schießen bie Tränen in bie Augen: bas ist bie Rettung.
Cs ist noch lange nicht bie Rettung. Das war nut ein sanftes Vorspiel. Am 8. August, zwei Monate nach bem Abmarsch aus Mursuk, kommt bie kleine Karawane in Darbai, der Hauptstadt Tibestis, an, Als sie gerade im (Begriff ist, bie kleine Ortschaft zu betreten, wälzt sich ihr eine riesige, schreienbe unb tobenbe Menschenmenge entgegen — ber Christenhund soll es mit seinem Leben büßen, bah er es gewagt hat, bies Land zu betreten. Die ersten Speere fliegen, Rachtigal glaubt sein letztes Stünblein gekommen — ba entschließt sich im letzten Moment ber eingeborene Führer, gegen seine Landsleute aufzutreten. Mit Mühe unb Rot kann er sie ein wenig beruhigen«
Gefangener der Tubus.
Rochtigal wirb in ein Zelt gebracht. Am nächsten Tag beginnen bie ^Beratungen über sein Schicksal, es ist ein endloses Hin und Her viele Wochen lang, unb ber geringste Versuch, aus dem glühenden (Brutofen ein wenig in bie frische Luft zu gelangen, wird mit einem wahren Steinhagel auf den Doktor beantwortet. Zu essen gibt es kaum so viel, um ben toütenbften Hunger ein wenig zu stillen. Es wirb immer unerträglicher. Die Tubus können sich nicht einigen, ob sie ihn töten ober lieber ohne Rahrungsmittel in der Wüste aussehen sollen. Ab und zu kommen fremde Besucher aus anderen Gegenden und erklären sich bereit, das merkwürdige Monstrum von einem Christen, der sich nach Tibesti getraut hat, als Sklaven zu kaufen. Aber da er zur Arbeit wohl doch nicht viel taugen würde, bieten sie nur lächerlich geringe Summen, beispielsweise ein Kamel.
Endlich nach vier Wochen kann Rachtigal seinen alten Führer soweit überreden, daß er ihm zur Flucht verhilft. Richt ohne den Doktor vorher gründlich ausgeplündert zu haben. Es folgt eine Zeit grenzenloser Strapazen, zu Fuß, fiebrig, ohne genügende Wasservorräte muß sich Rachtigall den Weg durch die Wüste bahnen. Man kann nur noch nachts marschieren, die Tageshihe ist zu grauenhaft. Der Weg ist besät mit menschlichen Skeletten, trostlosen Heber- retten der Sklavenherden, die hier vorübergeführt zu werden Pflegen. Drohendes Menetekel eigenen Schicksals. Man ist schließlich sogar schon so weit, daß ber einzige Hunb, ber ben kleinen Zug begleitet, geschlachtet werden soll, aber die religiöse Scheu der Araber vor unreinem Fleisch bewahrt bem Liebling bes Doktors bas Leben.
Am 8. Oktober kommt Rachtigal endlich wieder in Mursuk an, vier Monate, nachdem er zu einem kleinen „Ausflug" aufgebrochen war. Es muß ein merkwürdiger Einzug gewesen sein. Rachtigal hat es später einmal erzählt: „Ali und Soab, zwei meiner Diener, in adamitischer Einfachheit gekleidet, mit Wasserschläuchen auf ber Schulter, ber ernste, toürbige Gatroni, mein ganzes Gepäck auf bem Rücken, unch, seinem Alter entsprechend, sich eines langen, wenn auch lückenhaften Hemdes erfreuend; Guiseppe Valpreda, mein piemontesischer Diener, mit kranken Füßen sich mühsam dahinschleppend und ben Mangel des notwendigsten Kleidungsstückes in unvollständiger Weise durch ein paar Wasserstiefel ersetzend, die vergeblich sich einem kurzen Flanell- Hemde zu näbern suchen: endlich ich selbst, barfuß, bie (Beine mit einigen Leinensehen umwickelt, boch bie obere Körperhälfte in einen Pariser Sommer-Paletot gehüllt unb das Haupt bedeckt mit einem pilzförmigen Gebäude, das bie Engländer für ihre indischen Offiziere gegen den Sonnenstich erfunden haben."
(Fortsetzung folgt.)
** Alarmsirenen-Probe. Am morgigen Samstag um 15 Uhr werden bie Feueralarm- Sirenen einer Prüfung auf ihre Betriebssicherheit unterzogen. Bei Ertönen der Sirenen ist infolgedessen zur Beunruhigung kein Grund vorhanden.
*e Der Familientag ber Matthäus* gemeinde im Philosophenwalb ist vorn 3. Juli auf 10. Juli verlegt worden. Räheres wirb in ben nächsten Tagen im Anzeigenteil bekanntgegeben.
* Identifiziert. Wie der Polizeibericht mitteilt, wurde bie Persönlichkeit des in der Rähe der Kläranlage aus der Lahn geländeten unbe* kannten Mannes festgestellt. Es handelt sich um den 79 Jahre alten Invaliden Georg Ludwig Schmidt, Wartweg 96 wohnhaft.
** D i e Anrechnung der gewerkschaftlichen Unterstützungen. An den Reichsarbeitsminister ist die Frage herangebracht worden, ob in der Arbeitslosenversicherung und in der Krisen- ürsorge bei Prüfung der Hilfsbedürftigkeit Unter- tützungen, die auf Grund eigener Vorsorge für den ^all der Arbeitslosigkeit bezogen werden, zu berück- ichtiaen sind. Der Reichsarbeitsminister hat bereits n einem Erlaß vom 29. Juni 1932 darauf hingewiesen, daß keine Bedenken bestehen, solche Unterstützungen in der Arbeitslosenversicherung und der Krisenfürsorge bei der Prüfung der Hilfsbedürftigkeit und bei der Bemessung der Leistungen außer Ansatz zu lassen.
• • Oefsentliche Dücherhalle. 3m 3uni wurden 1384 (Bänbe aicsgeliehen. Davon kamen auf: Erzählende Literatur 958, Literaturgeschichte 7, Zeitschriften 21, Gebichte unb Dramen 10, Jugendschriften 113, Länder- unb Völkerkunde 79, Kulturgeschichte 6, Geschichte unb Biographien 89, Kunstgeschichte 5, Raturwissenschaft unb Technologie 51, Haus- unb Lanbwirtschaft 1, Religion unb Philosophie 16, Staatswissenschaft 25, Sport 3 (Bänbe.
* Die Reue Hessische (Beamten- sterbekasse zu Darm stabt hielt biefer Tage ihre 8. Mitgliederversammlung in Mainz ab. Der t>or gelegte Jahresbericht und bie Bilanz legten den wiederum günstigen Abschluß desGc- lchäftsjahres 1931 dar. Ein Ueberschuß tron tuub
27 000 Mk. konnte der Gewinnreserve zugeführt werben. Dem (Borftanb unb bem Rechner wurde einstimmig Entlastung erteilt. An Stelle des seitherigen zweiten Vorsitzenden,' Oberlanbesge- richtsrat Weicker, der mit Rücksicht auf fein Alter von diesem Amt zurücktrat, wurde Ober* finanzrat Lucius (Darmstadt) von ber Mit- glieberversammlung zum zweiten Vorsihenben gewählt Für bas verstorbene langjährige Dor- stanbsmitglieb Vermessungsrat (Berg aucr (Darmstadt) wurde Dermessungsrat T r a u s ch (Darmstadt) als Beisitzer gewählt. Die Mitglie- berversammlung bankte dem (Borftanb für bie gewissenhafte Geschäftsführung. Als Tagungsort ber nächsten Mitglieberversammlung würbe Offenbach bestimmt.
* * D i e Wiedersehensfeier der 88er in Hanau. Die erste, große Wiedersehensfeier aller Angehörigen des ehemaligen Reserve-Jnsan- terie-Regiments 88 nach dem Weltkriege findet nunmehr bestimmt am 29. und 30. Oktober 1932 in der alten Garnisonstadt Hanau a. M. statt. Das Programm ist fertiggestellt und gutgeheißen worden, auch die einzelnen Ausschüsse sind gewählt. Näheres erfahren die Kameraden, soweit sie bis jetzt gemeldet sind, in den nächsten Tagen.
Wilddiebe überfallen einen Förster.
WER. Densheim, 30. Juni. Z w e i Wilddiebe wurden im Jägersburger Wald von einem Förster überrascht. Sie überfielen den Förster, mißhandelten ihn mit einem Prügel und verschwanden, nachdem sie bem Förster noch bas Gewehr entwenbet hatten. Die Spuren wurden mit Polizeihunden verfolgt, und so konnten die Täter als zwei hiesige Einwohner, Vater unb Sohn, festgestellt werben. Das Gewehr hatten sie unterwegs bereits weg* getoorfen.
Kirchliche Nachrichten.
Israelitische Gemeinden.
Israelitische Religionsgemeinde. Gottesdienst In ber Synagoge (Südanlage). Samstag, 2. Juli. Vorabend 7.45 Uhr, morgens 8.30 Uhr. Predigt abends 9 und 9.40 Uhr.


