Nr. 152 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, Zull (952
Jahresfeier der Landesuniversität.
In traditioneller Weis-e beging unsere Alma mater Ludoviciana heute mittag die Feier ihres I a h r e s f e st e s. Die Aula war. wie stets aus diesem Anlaß stark besetzt.
Die Feier wurde mit einem Einzugsmarsch eröffnet, bei dessen Klängen der akademische Lehrkörper feierlich in die Aula einzog. Unter der Leitung des Universitäts-Musikdirektors Dr. T e m e s . vary brachte der Akademische Gesangverein dann I. S. Bachs Chor „Aus tiefer Not" zu Gehör. Hierauf begrüßte
Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Or. Vanselow
die Festoersammlung, insbesondere den Staatspräsidenten Dr. Adelung, die Rektoren der Technischen Hochschule Darmstadt und der Universität Marburg, die Vertreter der Staats-, Provinz- und Stadtbehörden, die Vertreter der Wehrmacht und die übrigen Ehrengäste. Er gab dann seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß trotz der Not der &it der geistige Fortschritt und die Entfaltung der deutschen Wissenschaft in der Lehre und Forschung erhalten geblieben sei, und forderte auf, dieses kostbare Gut auch weiterhin mit Sorgfalt zu hegen und zu pflegen, damit das deutsche "Geistesleben zum Segen der Volksgesamtheit immer unversehrt erhalten bleibe. Hierauf hielt er die Festrede über das Thema „F o r st w i r t s ch a f t als Ganzheits-Problem". Er führte u. a. aus:
Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts war die Forschungsmethode der biologischen Wissenschaften überwiegend kausal-analytischer und individualistischer Art. Das hatte zur Folge, daß in der Botanik der Zoologie, auch in der Medizin das Projekt der Untersuchung immer mehr eingeengt wurde und das Forschungsziel in die möglichst vollkommene Erkenntnis einzelner Faktoren und der letzten und allerletzten Einheiten, der Organe, der Gewebe, der Zellen einmündete. Die Forstwirtschaft als angewandte biologische Wissenschaft blieb zwar von den ärgsten Auswüchsen dieser Methode verschont, aber auch sie verlor sich in Einzelheiten, beschäftigte sich fast ausschließlich mit morphologischen und physiologischen Studien des Einzelbaumes, untersuchte bald den einen, bald den anderen ökologischen Faktor, verabsolutierte und zentralisierte die gewonnenen Einzelerkenntnisse und sah am Ende „den Wald vor lauter Bäumen nicht". Die letzten Jahrzehnte brachten eine grundsätzliche Wandlung. Neben der bisherigen Methode, der Idiobiologie, trat die Soziobiologie oder die Lehre von den gesellschaftlichen Verbänden, die Lehre von dem Wald als ganzem. Man erkennt jetzt allgemein die Lebenswerte der sog. „überindividuellen" Bindungen, es entsteht der Begriff des ökologischen Einheitsfaktors als der Resultante aller Faktoren. Durch zahlreiche Wechselbeziehungen der einzelnen Glieder der Bäume, und der im Walde lebenden Tiere entsteht eine Assoziation einer Ganzheit mit durchaus konkreten Ganzeigenschaften, mit Ganzbedingheiten für ihre Teile. Der Wald als soziales Gebilde, als Ganzheit hat zunächst rein äußerlich und nur pflanzcnsoziologisch betrachtet eine besonders eigen geartete Gesellschaftsstruktur, die ihn von anderen Vegetationstypcn (Formationen) scharf unterscheidet. Gegenüber einer Wiese, einem Feld, einem Hochmoor zeigt er einen ungleich großartigeren und komplizierteren Aufbau. Der Wald ist der schon räumlich größte, das Landschaftsbild am meisten bestimmende Pflanzenverein.
Von den inneren Zusammenhängen in der Ganzheit Wald ist am sinnfältigsten die Abhängigkeit der einzelnen Degetationsschichten vom Lichtgenuß ausgeprägt. Im geschlossenen Wald gedeihen keine Licht
pflanzen, es findet sich in ihm nur eine schattenfeste Strauch-, Kräuter- und Moosschicht. Besonders schön und genau untersucht ist die Anpassung der unteren Pflanzenschichten an die Lichtverhältnisse der Baumschicht im Buchenwald. In ihm hat sich nicht nur eine Anpassung an die geringe zur Verfügung stehende Lichtmenge an sich, sondern auch eine ausgesprochene zeitliche Periodizität des Lebensrhythmus der Kräuterschicht in Anlehnung an die jahreszeitlich wechselnden Lichtverhältnisse des Bodens herausgebildet.
Ein zweites Beispiel der Wechselwirkungen im sozialen Gebilde Wald ist die Ausbildung ganz bestimmter Gestaltsqualitäten der im Walde vereinigten Pflanzenindividuen, die besonders in der Baumschicht erforscht und auch dem Laien auffallend sind. Im Gegensatz zum freiständig erwachsenen Baum, der eine breite, wuchtige, abgeflachte Krone, einen kurzen, aber dicken Stamm mit kräftigen, zahlreichen Aesten ausbildet, ist der im Gesellschafts- gefüge des Waldes erwachsene Baum schmalkronig, er besitzt einen hohen, aber astreinen und vollholzigen Stamm, ein von Grund aus verschiedenes äußeres Bild als Ergebnis der Wechselwirkungen von inneren Eigenschaften und der Umwelt, insbesondere der sozialen Umgebung, des Kampfes der Bäume um Licht und Baurn.
Der Wald bildet sich selbst ein besonderes Klima, das Bestandsklima aus, das von dem Freilandklima ganz wesentlich verschieden ist und stets eine Verschiebung des Klimas im maritimen Sinn zur Folge hat. Aber der Wald bildet auch den Boden nach besonderen Gesetzen so um, daß er ihm optimales Gedeihen sichert.
Wenn somit der Wald in seinem Innern ganz bestimmte Wechselwirkungen verschiedenster Art auslöst, so hat er anderseits die Kraft und die Mittel, sich in seiner Eigenart gegen die Umwelt zu behaupten. Er besitzt Selbständigkeit nach außen und ist befähigt, durch die Langlebigkeit und dos Höhen- Wachstum der Bäume, durch den Lichentzug der Baumkronen das Areal aller anderen Formationstypen mit Ausnahme des Hochmoors zu besiedeln. Deutschland würde, sich vollständig selbst überlassen, in einigen Menschenaltern schon zum größten Teil mit Wald bedeckt sein.
Nach all dem Ausgeführten ist der Wald als eine große soziale Einheit, als organische Ganzheit aufzufassen. Er unterscheidet sich grundsätzlich nicht von den einfachsten Lebenseinheiten, die wir als Organismen bezeichnen, und ist wie diese eine harmo- nische Einheit und eine Einheit höchster Lebenstüchtigkeit und ausgesprochener Zweckmäßigkeit.
Der Vortragende führte dann weiter aus, welche Folgerungen aus dieser Ganzheitsbetrachtung des Waldes für die Forstwissenschaft und Forstwirtschaft gezogen werden müssen.Zum Schlüsse wies er insbesondere darauf hin, daß die Ganzheitsbetrachtung auch den natürlichen Weg zeigt zur Waldschönheitspflege, zur Pflege der Waldästhetik. In einer Zeit schwerster materieller Not müsse auf die Erhaltung und Herausstellung der geistigen, ideellen Werte im Leben des Volkes ganz besonderes Gewicht gelegt werden. Wirklich schön sei jedoch nur das Harmonische, der ursprüngliche Wald, der möglichst natur- normale, reichgegliederte Wald, der in seiner Mannigfaltigkeit der ihn zusammensetzenden Pflanzen und ihn bewohnenden Tiere, durch das feine Zusammenspiel seiner Glieder, das Gefühl der Einheit, der Schönheit und des Glückes in uns erwecke. „Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen" (Goethe).
Oer Ausklang.
Im Anschluß an die Festrede gab Se. Magnifizenz einen Auszug aus der Jahreschronik cher
Universität und sodann die Ergebnisse der Bearbeitung der Preisaufgaben bekannt, über die wir noch berichten werden. Er schloß seine Ansprache mit der dringenden Aufforderung an die Kommilitonen, in der gegenwärtigen schweren Zeit stets den Kopf hochzuhalten und die Nerven zu spannen, mit Eifer und Ausdauer ihren Arbeiten nachzugehen und ihre Pflicht in vollem Ausmaß zu erfüllen, jeder auf dem Platze, auf den das Schicksal ihn gestellt hat.
Anschließend brachte der Sänger Herr Erich Meyer-Stephan Pfitzners .Klage" (Text von Eichendorfs) zu Gehör. Unter den Klängen eines Schlußmarsches verließ der Lehrkörper sodann die Aula. Damit fand der akademische Festakt gegen 13 Uhr seinen Abschluß.
Aus der provinzialhauptlladt.
Gießen, den 1. Juli 1932.
Ein Mückensommer kommt!
Von Or. med. Otto Vierlinger.
Man prophezeit uns dies Jahr ein „gutes Mückenjahr". Der warme Winter — sagt man — ist der Mückenbrut gut bekommen. Und deshalb ist es gut, sich auf die Unannehmlichkeiten eines Mückensommers beizeiten vorzubereiten.
Zunächst einmal, wie hält man sich die Mücken fern im Zimmer, wie im Freien? Daß die Mücken Zigarettenrauch nicht lieben, und die unmittelbare Nähe einer brennenden Zigarette meiben, ist ja bekannt. Aber fast noch wirksamer ist es, auf dem Dalkontisch die heute überall käuflichen „Ä^ihrauchkerzen" gegen Mücken, abzubrennen, die man entweder in einem Glas oder in einem eigens dazu hergestellten Ständer aufstellt. Noch wichtiger aber ist es, die Mücken aus dem Zimmer fern zu halten, besonders aus dem Schlafzimmer. Zedermann, der es einmal selbst erlebt hat, weiß, daß das nächtliche feine Summen der Mücken, das den Schlaf verbannt, auf die Dauer noch viel unerträglicher ist, als ihr Stechen, darum lohnt es sich, einen Kriegsplan zu entwerfen. Die wichtigste Grundregel — die leider den meisten Menschen, die gern im Freien wohnen, sehr schwer fallen wird — ist, zeitig die Fenster zu schließen. Alle anderen Mittel sind eigentlich mehr oder weniger sinnlos. Das auf das Kopfkissen getupfte Nelkenöl hat hauptsächlich die Eigenschaft, die Bettwäsche zu beschmutzen und den Naum mit einem auch für Menschen höchst unerfreulichen Duft zu erfüllen. Die Mücken dagegen vertreibt es nicht. Das einzig nachhaltige Mittel ist — so zwischen 17 und 18 Uhr die Fenster zu schließen und sie vor Sonnenaufgang in der Frühe nicht wieder aufzumachen. Sollten sich doch einmal infolge lln- Vorsicht Mücken in das Schlafzimmer verirren, so kann man morgens bei Sonnenaufgang genau beobachten, wie eine nach der anderen durchs offene Fenster hinaus ins Freie fliegt. Es genügt durchaus nicht, die Fenster abends geschlossen zu halten, so lange das Licht brennt und sie im Dunkeln wieder zu öffnen: die Mücken werden offenbar durch den Geruch angezogen und finden auch den Weg ins dunkle Zimmer. Wer sich absolut nicht daran gewöhnen kann, mit geschlossenem Fenster zu schlafen und wer die Kosten nicht scheut, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als sich ein Fliegenfenster mit sehr feinem für Mücken undurchlässigem Netz zu bauen und in die Fensterrahmen einzusetzen. Das ist noch immer das sicherste Mittel.
Aber was tun, wenn man nun doch gestochen wird? Am besten wird derjenige fahren, der sich am heldenhaftesten benimmt. Wer während der ersten 15 Minuten nach dem Stich nicht kratzt und reibt, wird auch auf die Dauer die geringsten Iuck-Deschwerden haben. Man unterschätze nicht die Gefahren des Kratzens. Durch Aufkratzen von
Mückenstichen mit schmutzigen Nägeln ist schon so manche Blutvergiftung verursacht worden, die die schwersten Folgen hatte. Darum — besonders Kindern — immer die Nägel kurz schneiden und abends vor dem Schlafengehen gründlich mit Nagelbürste reinigen. Sehr gut gegen das Zucken ist das Betupfen mit dem in allen Drogerien erhältlichen Schwämmchen, das man in verdünnten Salmiak taucht. Auch 'Betupfen mit Essigwasser lindert den Zuckreiz. Ein ausgezeichnetes Hausmittel ist es, gewöhnlichen Talkum mit Waster anzurühren, so daß ein dicker Drei entsteht, den man dick aufträgt. Beim Antrocknen kühlt dieser Puderbrei sehr angenehm.
Dabies decke man beim Schlafen mit einem feinen Gaze- oder Mullschleier zu, jedoch so sorgfältig, daß sich keine Mücke unter den Schleier verirren kann.
Sehr ost sieht man, daß infolge eines Stiches ein Augenlid oder auch die Oberlippe dick anschwillt. Das sieht meist sehr besorgniserregend aus, kommt jedoch daher, daß an diesen Stellen des Körpers das Gewebe sehr leicht anschwillt. Meist geht unter kühlenden Umschlägen (Kamillentee, verdünnte essigsaure Tonerde) die Anschwellung in 24 Stunden zurück. Sollte dies nicht der Fall sein, so muß man unbedingt den Arzt fragen.
"Bei Bienen- und Wespenstichen, kommt es darauf an, so schnell wie möglich den Stachel aus dem Stich zu entfernen. Danach mache man sofort einen kühlenden Umschlag mit verdünnter essigsaurer Tonerde oder 2prozentigem Dorwasser und wasserdichtem Papier. Schwillt das gestochene Glied an, so stelle man es mittels einer Armbinde ruhig, oder, falls es das Bein ist, lagere es hoch und halte es einige Zeit möglichst ruhig.
Es ist durchaus ratsam, sich selbst bei so kleinen Anlässen nach den Vorschriften des Arztes zu richten, denn selbst der harmloseste Mückenstich, unsachgemäß behandelt, kann unter Umständen zu einem chirurgischen Eingriff führen.
Bornotizcn.
— Tageskalender fürFreitag: Ober- hessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplah. 15 bis 17 Ahr, Ausstellung. — Cafö Leib, 20 Ahr, Gastspiel des Traditions-Orchesters der ehemaligen Schuhtruppe deutscher Kolonien. — VHC., Hotel Hopfeld, Monatsversammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mädchen zum Heiraten".
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** Dien ft jubiläum. Der Derteilungsstellen- Kontrolleur Hugo T h i e l m a n n kann am heutigen 1. Juli auf eine 25jährige Mitarbeit im Konsumverein Gießen u. Umg. zurückblicken. Herr Thiel- mann, von Beruf Kautabakspinner, zeigte — wie man uns berichtet — schon in den ersten Jahren nach der Gründung des Vereins lebhaftes Interesse an der Konsumvereinsbewegung. Am 1. Juli 1907 wählte ihn die Verwaltung zum Lagerhalter der Verteilungsstelle 1 in der Bahnhofstraße, die sich damals im „Solmser Hof", jetzt Ehr. Arnold, Bahnhofstraße 32, befand. Am 1. Januar 1908 wurde ihm die Verteilungsstelle in der Bleichstraße übergeben, vom 1. November 1911 ab leitete er die Verteilungsstelle 6 in Butzbach. Während des Krieges geriet er in französische Gefangenschaft, nach der Rückkehr von dort übernahm er im März 1920 die Verteilungsstelle in der Schanzenstraße in Gießen. Die Entwicklung des Vereins und die steigende Zahl der Verteilungsstellen machte die Anstellung eines Verteilungs- stellen-Kontrolleurs notwendig. Auf diesen Posten wurde Herr T h i e ( m a n n von der Verwaltung im Juni 1921 berufen. Er war auch in dieser Stellung stets bemüht, seinen Dienstobliegenheiten in vollem Ausmaße gerecht zu werden und den Interessen der Vereinsgenossenschaft in bester Weise zu dienen.
•* Gendarmeriepersonalie. Der Gendarmeriehauptwachtmeister Zohannes Karn zu
Msaheth
erobert sich das Glück
Vornan von Margarete Ankelmann
Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten 1
Sechzehntes Kapitel.
Zn einem Abteil des Schnellzuges nach Dresden saß ein Herr, etwa in den vierziger Zähren. Sehr gepflegt in seinem Aeuheren, ein wenig korpulent, mit lebhaften Augen, die die vorübergehenden Reisenden musterten. Dann nahm er seine Zeitungen hervor.
Zn Leipzig wurde er in seiner Lektüre gestört. Ein Herr und zwei Damen bestiegen das Abteil. Er tat, als ob er sich um die Ankömmlinge nicht kümmerte.
Dann hörte er plötzlich ein Frauenlachen, hob den Kopf. Woher kannte er dieses Lachen?
Er sah über seine Zeitung hinweg. Nur der Herr war im Abteil, beaufsichtigte den Gepäckträger. Die beiden Damen standen draußen, auf dem Gange, unterhielten sich aus dem Fenster. Zetzt fuhr der Zug an.
„Auf Wiedersehen!" hörte er eine der Damen sagen. Mein Gott, diese Stimme! Sie kam ihm so bekannt vor, vertraut fast. Aber er wußte nicht, wo er sie hintun sollte.
Zetzt betraten die beiden Damen das Abteil. Der Mann in der Ecke hatte seine Zeitung neben sich gelegt, schaute neugierig den Eintretenden entgegen.
Bei seinem Anblick war die Züngere plötzlich tief erblaßt, starrte ihn erschrocken an.
Schon hatte sie wieder das Abteil verlassen, beugte sich aus dem offenen Fenster.
„Elisabeth, sind Sie von Sinnen? Wollen Sie sich unbedingt erkälten? Zhre Stimme verlieren? Sie sind doch sonst nicht so unvernünftig."
Der Mann im Abteil hatte wieder seine Zeitung vorgenommen. Das also war Elisabeth Pfi- lipp. Er hatte sie ebenso schnell erkannt wie sie ihn.
Zetzt saß Elisabeth wieder im Abteil. Sie war froh, daß Eckertsburg in den Speisewagen gegangen und Frau Schelmer eingeschlafen war, da konnte sie sich ungestört ihren Gedanken hinge den.
Dieser ein wenig feiste, spießbürgerliche Mann da war also Hubert Heilmann. Mein Gott, was war aus ihrem schönen Hubert geworden! Nichts von alledem war mehr da, was sie früher an ihm entzückt hatte. Das war ein ganz anderer Mann als der, um den sie sich gegrämt, den sie zu lieben geglaubt hatte. Die kurzsichtigen Augen, der unschöne Mund, die fleischigen Hände... Sie
mußte den Blick abwenden: sie schämte sich, daß sie diesem Manne einmal gut gewesen war. Stumm und unverwandt sah Elisabeth zum Fenster hinaus.
Hubert Heilmann hatte Muhe genug, seine ehemalige Braut zu betrachten. Wie schön sie geworden war, noch viel, viel schöner als früher! Eine wilde, verzweifelte Sehnsucht hatte ihn erfaßt.
Ganz war diese Sehnsucht nie gewichen, feit damals, seit er Elisabeth durch die Ränke seiner Tante Lucie verloren hatte. Später, nach Zähren, hatte er die Briefe gefunden, die fein Glück vernichtet hatten. Er hatte erfahren müssen, daß man seine und Elisabeths Briefe unterschlagen, daß man alles getan hatte, ihn und Elisabeth zu trennen, daß man ihn in die Ehe mit der anderen getrieben hatte.
Aber es war zu spät gewesen. Er war längst mit Sibylle von Nautenstein verheiratet: sie war die Mutter seiner Kinder. Er konnte keinen Skandal heraufbeschwören, seine Stellung nicht gefährden.
Elisabeth war eine berühmte Künstlerin geworden, das wußte er. Es würde keinen Sinn haben, heute zu ihr zu kommen, ihr zu beichten. Er war gebunden, und Elisabeth würde nichts übrig haben für den Mann einer anderen Frau.
Aber von diesem Tage an war Hubert Heil- mann ein anderer geworden. Wenn er schon die geliebte Frau nicht besitzen konnte, dann wollte er sich wenigstens an anderen schadlos halten für die Enttäuschung, die er in seiner Che erlebt hatte.
Er war ein Frauenjäger geworden.
And jetzt — jetzt saß er der Frau gegenüber, der die große Liebe seines Lebens gehört hatte, die er die ganzen langen Zähren über nie ganz vergessen hatte. Heiß wallte sein Blut, als er sie vor sich sah. Er fühlte jenen schlanken Körper wieder in seinen Armen zittern, spürte ihre scheuen, innigen Küsse, hörte die leisen Liebesworte, die sie ihm zuraunte.
Auch sie hatte ihn wiedererkannt: er hatte es genau beobachtet. Daß sie sich abwandte, ihn nicht beachtete, hatte kaum etwas zu sagen. Das war frauliche Scheu, begreifliche Zurückhaltung. Er würde jedenfalls alles versuchen, sie wieder zu sich herüberzuziehen: niemand konnte ihm verübeln, wenn er die Zugeixdliebe auffrischte, nachdem er innerlich mit der ungeliebten Frau nichts zu tun hatte. „ , r ,
Hubert Heilmann hatte Erfahrung m bezug auf Frauenschönheit, und er sah, daß Elisabeth Pfilipp schön war, viel, viel schöner noch als früher, daß es sich lohnte, sie wieder für sich zu gewinnen.
Die Zähre schienen spurlos an diesem reizvollen Gesicht vorübergegangen zu sein: niemand konnte es dieser Frau ansehen, daß sie die Dreißig längst überschritten hatte. Diese Augen — dieser Mund!
Der Mann in seiner Ecke zitterte vor Sehnsucht.
Wer mochte nur jener Mann sein, der mit den beiden Damen gekommen war? Vielleicht der Manager der Künstlerin.
Aber er schien mehr für Elisabeth übrig zu haben, denn gerade jetzt trat er ins Abteil und überreichte der Sängerin eine Schale köstlicher Kirschen und eine Pralinenpackung. Hubert Heil- mann sah, wie Elisabeth leise errötete und tote die Augen des Mannes mit "seltsamem Ausdruck auf dem Gesicht Elisabeths hafteten.
Die andere Dame war inzwischen erwacht, und die drei begannen ein eifriges Gespräch, das sich indes nur um künstlerische Dinge drehte.
Hubert Heilmann lieh Elisabeth nicht aus den Augen, seine Blicke verließen sie kaum einen Augenblick.
Elisabeth mochte das fühlen, denn plötzlich sprang sie von ihrem Sitz auf, stellte sich, mit dem Rücken zum Abteil, an das Gangfenster.
Elisabeth war innerlich empört darüber, daß Hubert Heilmann es wagte, sie dauernd mit seinen Blicken zu belästigen. Besaß er denn gar kein Taktgefühl? Wenn schon ein unliebsamer Zufall sie hier in der Eisenbahn zusammengewürfelt hatte, so hätte er wenigstens den Anstand besitzen und von ihrer Gegenwart keine Notiz nehmen müffen, anstatt sie unausgesetzt zu beobachten.
Eckertsburg kam zu ihr heraus. Er wunderte sich im stillen über die Unrast, die heute aus Elisabeth sprach. Aber er sagte nichts, blieb neben Elisabeth, bis der Zug sich Dresden näherte.
Auf dem Bahnsteig stand Traute mit ihrem Zungen. Mit einem Zubelschrei stürzte sich die junge Frau auf die Freundin, und der kleine Hans schloß gleich darauf begeistert seine Aermchen um den Hals der geliebten Tante.
Lothar von Eckertsburg bat Traute Weiland um Entschuldigung, daß er unaufgefordert mit hereingeschneit wäre. Er werde im Hotel wohnen und ihr so wenig Unbehagen wie möglich verursachen.
„Was fällt Zhnen ein, Herr von Eckertsburg? 3m Hotel wohnen? Das fehlte noch, wo wir in unserer Villa so schrecklich viel Platz haben und wo es bei uns droben so viel schöner ist als unten in der Stadt. Sie wohnen natürlich bei uns — mein Mann wird sich gnnz besonders freuen.“
Eckertsburg küßte Traute Weilands Hand.
„Dor so viel Liebenswürdigkeit muh ich kapitulieren. Zch nehme Zhre Einladung dankend und erfreut an, gnädige Frau."
Traute war rot geworden. Sie hatte immer noch eine kleine Schwäche für den interessanten Mann.
Gerade als man draußen vor dem Bahnhof das Weilandsche Auto bestieg, kreuzte Hubert Heilmann noch einmal den Weg der kleinen Gesellschaft. Traute, die schon am Steuer des Wagens sah, begrüßte ihn freundschaftlich, streckte ihm die Hand entgegen.
„Guten Tag, Herr Doktor! Schon zurück von Zhrer Reise? Sie kommen sicher ganz überraschend, denn gestern wußte Zhre Gattin noch nichts von Zhrer.Heimkehr."
„Sie haben recht, gnädige Frau, ich will die Meinen überraschen. Es freut mich besonders, daß ich bei meiner Rückkehr gleich das Glück habe, unsere gefeierte Traute Weiland zu sehen..."
„Oh, <5ie sind doch immer derselbe liebenswürdige Schmeichler, Herr Doktor Heilmann! Aber darf ich Sie meinen Gästen vorstellen: Herr Landgerichtsrat Doktor Heilmann — hier eine wirklich gefeierte Sängerin, Elisabeth Pfilipp — ihre Pflegemutter Frau Schelmer — Herr von Eckertsburg!"
Eine kurze gegenseitige Begrüßung: Elisabeth konnte nicht anders, als Hubert Heilmann die Hand zu reichen. Eckertsburg, der sie beobachtete, sah, daß ein flüchtiges Rot Elisabeths Gesicht überzog, um einer jähen Blässe zu weichen. Dann verabschiedete sich Traute Weiland von Heilmann, gab Gas — der Wagen fauste davon.
Bald war man vor der reizenden Loschwiher Villa angelangt. 3n der Gartentür stand schon Frau Steiner, Trautes Mutter, die Gäste herzlich begrüßend. Einen Augenblick später erschien die hünenhafte Gestalt des Hausherrn, der mit seinem dröhnenden Bah Haus und Garten erfüllte.
Man sah es diesen beiden Menschen an, daß sie prächtig miteinander harmonierten. Ludolf Weiland vergötterte seine Frau: sie tat alles, was sie ihm von den Augen ablesen konnte. Es war gut fein in der Nähe dieser Eheleute.
Die kleine Gesellschaft verlebte wunderschöne Tage. Tagsüber machte man Auto- und Fußtouren in die herrliche Umgebung der Elbestadt. Einer der Gastgeber war immer dabei, manchmal auch beide, wenn ihre künstlerischen Verpflichtungen ihnen Zeit liehen.
Abends saß man im Wintergarten bei einem guten Tropfen. Eckertsburg und Weiland verstanden sich ausgezeichnet, und Elisabeth lernte ersteren von einer ganz neuen Seite kennen. Lustig und froh war er.
War er schon früher so gewesen? Hatte sie es nur nicht gesehen?
Die Zeit verging wie im Fluge. Vierzehn Tage schon weilten die Gäste in Dresden, als eines Tages eine Einladung zu einem großen Wohltätigkeitsfest kam. Traute Steiner»Weiland fang einige Lieder, und sie bat Elisabeth, dem Feste beizuwohnen: sie würde dann viel besser fingen.
Zwei Herren des Komitees waren eigens in der Villa erschienen, um die berühmte Elisabeth Pfilipp einzuladen: sie würde einen besonderen Anziehungspunkt des Festes bilden.
Elisabeth sagte ihr Erscheinen zu, erklärte sich sogar bereit, der Wohltätigkeit zuliebe einige Lieder zu fingen.
(Fortsetzung folgt.)


