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Kreuzweg der Liebe.

Roman von Paul Grabein Urheberrechtsschutz: Romandienst ,Digv", Berlins 30.

14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Wigand wandte sich mit einer Verneigung zu den Umsihendcn:

Verzeihung, meine Herrschaften ich habe etwas auf mich warten lassen."

Dann schien es, als ob er erst jetzt die Vruan- gekommcnen bemerkte, und mit einer formellen Verbeugung wandte er sich an Drenck. Während der letzten wenigen Schritte hatte er bei aller inneren Angeregtheit blitzschnell überlegt: Sollte er sie wie ein Bekannter begrüßen? Aber wer stand ihm dafür, dah ihn nicht Drenck, nach allem, was geschehen, mit brüsker Kälte ver­leugnete? Vein, dem konnte und wollte er sich nicht aussehen, hier vor den Augen seiner Pa­tienten. Außerdem war es für sie alle, die ein Zufall hier gegen ihren Willen zusammengeführt hatte, auch erträglicher, sie stellten sich auf den Fuß von ganz Fremden.

»Wigand der dirigierende Arzt des Hauses", stellte sich Wigand vor.

Wie aus weiter Ferne hörte dann Ursula die Stimme ihres Mannes schallen kühl und ihr unverständlich ruhig.

»Drenck meine Frau!" And während sie so wie eine Wildsremde dem Mann vorgestellt wurde, dessen Verlobte sie einst gewesen, der so furchtbar bestimmend in ihr ganzes Leben ein» gegriffen hatte, fühlte sie seinen Blick auf ihrem Antlitz ruhen. nur sekundenlang, aber so bohrend, so heiß brennend, dah sie es körperlich zu emp­finden meinte.

»Meine Frau!" Die zwei Worte hatten einen Blitz grell leuchtend in Wigands Seele geschleu­dert, in die Tiefe, wo sich ein großes Weh, nur mit Gewalt bezwungen, barg. Er hatte seit damals nichts mehr von Ursula und Drenck ge­hört. Sein Schicksal hatte ihn bald hier, bald da herumgeworfen. Keinerlei Beziehungen zur alten Heimat bestanden mehr, fo hatte er nicht gewußt, nie erfahren, was aus den beiden ge­worden war.

Wohl hatten sich seine Gedanken nur zu oft mit ihnen beschäftigt, aber nie war ihm die Möglichkeit aufgedämmert, daß die beiden sich geheiratet haben könnten. Denn wie sehr er auch damals Drencks Interesse für seine Braut bearg­

wöhnt hatte, er hatte darauf geschworen, daß s Ursula ihrerseits frei von jeder Gedankenschuld war. Und dann erst nach der unfdigen Kata­strophe ! Er hätte es für ganz undenkbar gehalten, daß Ursula wenn sie sich auch vielleicht später wieder einmal verlobte. den Lebensbund mit jenem Dritten schließen könnte, um den doch all das Unglück gefonunen, durch den selbst er in den Strudel de-Verderbens so gefährlich mithin- cingerissen worden war.

Freilich, wie et eben die beiden vor sich erblickt hatte, allein reisend, nebeneinander, da hätte er es ja eigentlich ahnen müssen. Aber das Er­schrecken über dies Wiedersehen und die not­wendige Ueberlcgung seines Verhaltens hatten ihn so in Anspruch genommen, daß er sich gar nicht bewußt geworden war, was dieses Veben- einander zu bedeuten hatte.

..Meine Frau!" Vun enthüllten ihm zwei Worte das wahre Bild der Situation: er war beiseite geworfen, damit der Eindringling seinen Platz erhalten konnte. Auf den Trümmern seines zerstörten Lebens hatten die beiden da unbedenk­lich ihr Glück gezimmert. Jetzt fiel mit einem Male das rechte Licht auf die Begebnisse, dis da­mals zu der Katastrophe geführt hatten. Also dos war es gewesen, was hinter ihrem ver­meintlich harmlosen Treiben gesteckt hatte!

Cs war Wigand einen Augenblick, als ob er ersticken müsse, so wallten Ekel, Empörung und lodernder Haß in ihm auf. Aber er bezwang sich, und nur sein Blick, der sijh einen Moment lang in den ihren bohrte, verriet die Glut, die in ihm brannte.

Ursula fühlte diesen Blick und merkte, dah ihr das Blut aus den Wangen wich, doch ihre Miene trug die Maske gleichgültiger Kälte. Sie wie Fred mußte so auf die Umsihenden den Ein­druck unangenehm reservi rter, hochmütiger Men­schen machen: aber sei es darum? Was gingen sie auch die anderen an?

Wigand hatte sich inzwischen auf seinen Platz am Kopfende zwischen Drenck und der älteren Dame zu seiner Linken niedergelassen. Er zog die Serviette aus dem Ving und entfaltete sie. Seine schmalen, jeden Vingschmucks entbehrenden Hände zeigten dabei ein heimliches Zittern. Ursula sah es, und wie sie auf seine nervös zuckenden Finger schaute, schoß es ihr plötzlich durch den Kopf, wie oft sie damals diese Hände geliebkost und ihm gesagt hatte, sie wären das Schönste an ihm wahrhaft vornehme Hände. Und da sah sie nun hier und spielte eine Komödie zum Grausen oder zum Lachen. Was war das Leben doch für ein groteskes Possenspiel.

Äe Lage machte es unvermeidlich, daß Wigand

noch weitere Fragen an ihren Mann richtete. Die Herrschaften seien wohl eben erst ange­kommen, ob sie zusagende Räume hätten und ähnliches. Mit kühlem Konversationston wurden diese Fragen gestellt und beantwortet, anscheinend in vollster Ruhe, und doch atmeten die drei auf, erlöst von unerträglicher Qual, als die Tafel endlich aufgehoben wurde.

11. Kapitel.

Mit sommerlicher Wärme, prallte die Sonne vom tiefblauen, stahlgleißenden Himmel hernie­der: ein richtiges Südlandswetter, wie es dieses gesegnete Scegestade ja meist bis tief in den Herbst hinein auftoeift. So warm war es, daß die Damen des Sanatoriums »Au Chatclard" in leichten Seidengewändern im Garten des HauseS sahen.

Auch Frau Ursula war hier draußen. In Ge­sellschaft eines jungen Mädchen-, eines Fräu­lein Zindler, mit dem sie in den drei Tagen ihres Aufenthalts bereits etwas näher bekannt geworden war. sah sie auf einer Bank an einem versteckten Plätzchen des geräumigen Gartens, mit einer zauberisch schönen Aussicht auf den See.

Frau Ursula sah, in stilles Schauen verloren, die Hände im Schoß verschlungen. Ein wohl­tuender Friede wehte sie aus diesem Bilde an. Die wohlige Sonnenwärme löste so milde tröstend alles alte Weh auf. das drinnen in der Brust starrte. Wie schön, diese linde, köstliche Sonnen­luft zu atmen, zu schauen in diese Wunder eines gütigen Schöpfers!

»Also, gnädige Frau haben sich nun doch ent­schlossen, hierzubleiben: ich glaube auch, Sie werden es nicht bereuen."

Tie Worte ihrer Begleiterin störten Ursula aus ihren weltentrückten Sinnen auf. Ja so, sie war ja nicht allein.

»Allerdings, Fräulein Zindler", erwiderte sie, »mein Mann scheut die Strapazen einer aber­maligen Reise."

In der Tat war es heute von Drenck be­schlossen worden, nun doch hier auszuhalten. Als sie am Tage ihrer Ankunst, nach der Be­gegnung mit Wigand, wieder auf ihr Zimmer gekommen waren, hatten sie sofort Vorbereitun­gen zum Aufbruch getroffen- Es war ja ganz unmöglich, hier zu bleiben. So hatten sie denn deni Geschäftsführer des Hauses gegenüber drin­gende häusliche Angelegenheiten die soeben ein Brief ihnen mitgeteilt hätte als Grund für ihren Wiederaufbruch am nächsten Tage vorgeschüht. Aber am Abend hatte sich plötz­lich bei Drenck erhöhte Temperatur eingestellt,

wohl infolge der Erregung mittags - ujib so war man gezwungen gewesen, fürs erste noch zu bleiben. Ja, der Zustand Drencks hatte es so­gar erfordert, daß Wigand zu ihm aufS Zimmer kam, um die nötigen ärztlichen Hilfsmittel zu verschreiben. Vun ging es ja zwar Drenck be­reits wieder besser, aber eine längere Reise verbot sich einstweilen.

So war man zunächst also zum Verweilen gezwungen. Ursula war ihrerseits bisher jeder Begegnung mit Wigand aus dem Wege gegan­gen. Sie hatte sich bei seinen ärztlichen Be­suchen auf Freds Zimmer stets in das Veben- gemach zurückgezogen. Wigand hatte sich übrigen« bei diesen Visiten, bei denen ihn stets fein Assi­stent begleitete, sehr korrekt benommen, so daß Drenck die unangenehme Situation erleichtert worden war. Eie ließen sich auch die Mahl­zeiten auf dem Zimmer servieren, so daß sie Wigand sonst nicht zu sehen bekamen.

Alle diese Gründe hatte heute morgen Drenck seiner Frau entwickelt, und Ursula hatte sich schließlich darein gefügt; es mußte ja eben um Freds willen sein. Freilich blieb es trotz allem für sie ein ungeheures Opfer. Wenn sie Wigand auch wirllich in diesen paar Wochen kaum sehen sollte, es blieb gerade schon genug, mit ihm unter einem Dache zu hausen, stündlich in der Angst, ihm doch unerwartet einmal zu bc- O gegnen.

Aus diesem Grunde ganz besonders hatte Ur­sula sich an Fräulein Zindler angeschlosfen. Das junge Mädchen hatte ihr schon allerlei von sich und den übrigen Sanatoriumsgästen berichtet. Fräulein Zindler selbst mußte eines Lungen- spitzenkatarrhs wegen hier schon den zweiten Winter verleben: aber sie nahm das mit ihrem Glücklichen Frohmut nicht ernst. Sie fühlte sich ier vielmehr äußerst wohl, war sie doch mit dem Hauspersonal und seiner Leitung sowie mit manchem Stammgast des Sanatoriums gut be­kannt, und hoffte sie sicher, nach Beendigung dieser zweiten Winterstation wieder ganz her- gestellt zu sein.

Oh, der Winter ist so wundervoll hier", schwärmte Fräulein Zindler.Wenn erst der Schnee liegt und der Wintersport beginnt. Und Ihrem Sycrrn Gemahl wird der Aufenthalt hier schon gut bekommen. Ich habe bereits in der einen Saison hier enorme Fortschritte gemacht dreizehn Pfund zugenommen."

Frau Ursula zog mit freundlichem Lächeln die zutrauliche kleine Begleiterin an sich. Sie war ja nur ein paar Jahre älter: aber wie

I alt, wie gerdft durch bitteres Leid war sie gegen jene! (Fortsetzung folgt.)

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