Einzelbild herunterladen

Nr. 201 Zweiter Blatt

Ebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefieiy

Samstag, 29. August 1931

Ein hilsioser Liebesbrief.

Don Manfred Hausmann.

Ditte betrachten Sie diesen Brief nicht mit Mißtrauen, verehrte gnädige Frau, auch wenn Sic die Handschrift nicht kennen, auch wenn am Schluß kein Name steht. In Wirklichkeit handelt es sich um ganz etwa- anderes. Ich sollte Sie auch nicht mit gnädige Frau anreden, und mein Name hat mit dem. was ich Ihnen sagen möchte, nichts zu schassen. Äebrigens würden Sie, wenn ich ihn hingcschrieben hatte, nichts mit ihm an- zufangcn wissen. Nein, bitte, werfen Sie den Brief noch nicht weg. lesen Sie noch ein bißchen weiter! Diclleicht empfinden Sie zuletzt eine kleine Freude oder irgend so ein weheS Gefühl von Glück. Cs ist unter Umständen möglich, ich weih eS nicht.

Erinnern Sie sich, dah Sie gestern abend gegen sechs Uhr in einer Horchlimousine den Kurfürsten­damm entlang fuhren? Erinnern Sie sich, dah Ihr Wagen an der Leibnizstrahc halten muhte? Erinnern Sie sich, dah sich, nachdem Sie ein paar Sekunden gewartet hatten, ein Taxi neben Sie schob? Erinnern Sie sich ... Oder ich will mich anders ausdrücken: der Mensch, der in dem Taxi sah, war ich. Es geschah ganz unabsichtlich, dah ich mich vorbcugtc und durch die Scheibe seitwärts hinausblicktc. Da bemerkte ich Sie in Ihrem Wagen. Lind da hielten Sie mit der einen Hand den Kragen Ihres Mantels vor Ihrem Mund zusammen und drückten die andere abwechselnd gegen Ihre Nase und Ihre Augen.

Mir fällt ein. dah ich gleich am Anfang dieses Briefes hätte sagen müssen, Eie sollten ihn nur dann lesen, wenn Ihnen immer noch so schlimm zu Mute ist wie gestern abend, als Eie in Ihrer Limousine sahen. Falls sich inzwischen alles ver­ändert hat und Ihnen wieder leicht und hoff­nungsvoll ums Herz ist. zerreihen Sie das Pa­pier lieber. Aber ich glaube es nicht.

Wir haben uns ein paar Sekunden lang in die Augen gestarrt. Das verschiedenartige Licht der Schaufenster und der Reklamen wehte über Sie hin. über Ihre Hände und über Ihre Augen. Ihre Augen ... Liebe gnädige Frau, Sie sollen jetzt nicht rot werden! Deshalb schreibe ich ja diesen Brief, damit Eie, wenn Eie zufällig wie­der einmal an den betreffenden Augenblick den­ken, nicht aufstehen und hin und her wandern vor Echam. Nur deshalb ... jedenfalls hauptsächlich deshalb ... sozusagen ... Entschuldigen Eie, dah alles so durcheinandergeht. Ich sitze im Zug

Oer Weg ins Freie.

Don DrXSng. h. t Lonrat) Matschoß, Professor an der Technischen Hochschule (Lharlotienburg, Dorssandsmitgl. d. Dereins deutscherZngenieure.

Zeiten der Not. Wirtschaftskrisen und Perioden politischer Unruh« wiederholen sich im Ablauf der Menschheitsgeschichte immer aufs neue. Ich bin ein Derehrer des bekannten Schweizer Histo­rikers Jacob Burckhardt, dessen geistvolle, markante und überaus klare Darstellungsweise mich immer wieder fesselt. Seine Schilderung von der Krisenstimmung der sechziger Jahre darf heute ein durchaus aktuelles Interesse beanspruchen. Burckhardt schrieb damals, die Not sei mit der zerstörenden Gewalt einer Naturkatastrophe her­eingebrochen, sie hcrbe ak.er auch die reini­gende Kraft eines schweren Gewit­ters gehabt.

Auch für uns kann die Notzeit diese reinigende Kraft besitzen, toenn wir die Zeichen der Stunde richtig zu deuten wissen. Die deutsche Wirtschaft das haben uns die letzten Wochen zur Genüge gezeigt sieht sich vor die überaus schwierige Aufgabe gestellt, sich aus eigener Kraft herauszuarbeiten. In einer Zeit schwerster inter­nationaler Erschütterung heiht es für uns aus eigener Kraft wieder hochzukommen.

Das ist unsagbar schwer. Lind doch müssen wir uns durchringen, tvollen wir unseren von wirt- schastlichem und politischem Zusammenbruch be­drohten Staat retten. Wir müssen Nerven behalten, die verworrenen Probleme unserer Zeit klar durchdenken und furchtlos die Folge­rungen daraus ziehen. Je schwerer die Not. desto dringender die Ausgabe, gemeinsam am großen Ziele zu arbeiten. Dor allem müssen wir uns einer eisernen Sparsamkeit befleißi­gen und es lernen, Opfer zu bringen.

Leider haben wir bisher vielfach die Gefahr nicht erkannt und in der Sparsamkeit wie im Opferbringen zu gerne unseren Zeitgenossen den Vorrang gelassen getreu dem alten Sprichwort: Ich bitt' dich heiliger Florian, verschon mein Haus, zünd airdere an. Aber Halbheiten nützen frcnite nicht», wir müssen alle an demselben Strange ziehen, sonst kommen wir nicht über den Berg.

S» läht sich nun einmal nicht vermeiden, dah bei diesen Sparmahnahmen auch gewisse Ab­striche für DUdungSausgaben gemacht werden. Im Inge nieurberufe liegen die Derhält- niflc besonders traurig. Eine ungeheuere Not lastet auf dem Stand. Jährlich bleiben heute etwa 4000 Absolventen stellungSlos. LInsere technischen Hochschulen sind überfüllt und e» besteht die Gefahr, dah die Masse der vor­handenen Alademibrr die Dvraussetzung der Qualität ersttckt. Selbst wenn die jungen Men­schen die Hochschule längst hinter sich haben, bietet sich ihnen vielfach keinerlei Aussicht auf Anstellung oder nur eine Ar­beitsgelegenheit. Ein felbständiges Dis­ponieren ist nahezu ausgeschlossen und die Ent­wicklung einer geschlossenen Persönlichkeit außer­ordentlich erschwert.

Llnd dabei ist gerade die Pflege der Perfönlichkeit bei unserem Nachwuchs eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Aus­stieg. Wir brauchen heute dringend charakter­feste junge Leute mit Inittative, Derantwor- tungsacsühl und Begeisterung. Wie sich in der Industrie die persönlichen Qualitäten des Füh­rers geändert haben und auS dem patriarchalisch eingestellten kleinen Unternehmer der weit­blickende. international interessierte Führer mit dem intuitiven Blick für die gegebenen Möglich­keiten getreten ist. so bedarf es auch bei unserem Nachwuchs der Männer, die in einer selbstlosen der Allgemeinheit nützlichen Arbeit ausgehen.

Bei der Aufgabe, die Wirtschaft unteres Vater­landes ohne die Antriebskraft ausländischer Kre­dite neu auszubauen, gewinnt die Technik

eine besondere Bedeutung. Es ist ebenso falsch wie unklug die Technik für di« Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen nur weil die durch sie eingeleitete Rationalisierung zu einer zeit­weiligen Ausschaltung Arbeit-williger aus dem PrvduktionSprozeh führte. Auch ohne Wirt­schaftskrise wäre Deutschland zu einer Ratto- nalisierung gezwungen gewesen, wollt« es auf dem Weltmärkte weiterhin konkurrieren. Die Ge­werkschaften selbst haben ja auf die Notwendig­keit einer solchen Rationalisierung immer wieder hingewiesen.

Hat nicht die Technik zu einer ungeheuren Bereicherung unseres Lebens beigetragen? Hat sie nicht in Zusammenarbeit mit der Wissen- schast tausendfältig zu einer Vertiefung unseres Daseinsgenusies und zu einer Erleichterung des Lebens geführt? Hat technisch-wissenschaftliche Forschung nicht ungezählte neue Indu­strien auskvmmen lassen, in denen heute Mil­lionen von Arbeitern und Angestellten ihr Brot verdienen? Hat sie nicht schon unendlich viel dazu beigetragen, durch Erschließung neuer Rohstosse im eigenen Lande die Ein­fuhr zu verringern und die Ausfuhr zu erhöhen? Wir müssen uns davor hüten, die Entwicklung der Technik unter dem eudämonisttschen Prinzip zu betrachten. Fortschritt heißt Kamps. In der Geschichte der Technik wie in der Welt­geschichte spiegelt sich dieser Kampf wider. Wir dürfen auch nicht die Technik als Selbstztoeck betrachten, sondern müssen hinter ihr des Men­schen Geist und seinen Willen sehen, auS dem sie erwachsen ist und dem sie wiederum dient. Die Maschine steht jenseits von Gut und Döse. Die­selbe Maschine druckt ebenso ein kommunisttsche» Manifest, do- zu Dürgerkriegen aufruft, wie

sie den begeisterten Aufruf eines Patrioten druckt, der alle edlen Kräfte im Volke zusammenfassen will.

Der Weg der Menschheit geht stets im kurven- mähigen Ablauf vor sich Wer er geht doch nach oben. Jeder Fortschritt ist nur da- Sprung­brett für einen weiteren Fortschritt und jede Lösung eines Problem- trägt den Keim zu neuen Problemen in sich

Dor solchen schtverwi egenden toirtschastlich- technischen Problemen stehen wir freute Was wir freute frei un» vor allem zur LIefrerwindung der Schwierigkeiten nötig haben, ist neben der Achtung vor der Ansicht deS Nächsten da- ehr­liche Bestreben einer wahrhaft na­tionalen Zusammenarbeit. Lind noch etwa- anderes brauchen wir. Wir brauchen den Glauben an die Zukunft und da- Ver­trauen in^dte eigene Kraft. Noch be­sitzen wir ungeheuere Reserven in unseren Ge­hirnen, in unserem Lebenswillen, in unserer Schassenssreude und in dem verbissenen Ent­schluß: Nun gerade!

Wir werden den siegreichen Ausstieg au- der Krise erleben, wenn wir uns solche Eigenschaften erhalten. In unserer Jugend ruht unsere Zu­kunft, und es ist für mich eine besonders erfreu­liche Feststellung, daß wir da- Vertrauen in diese Jugend haben dürfen. Der je gesehen hat. wie stark, trotz Kampf und Not, der Glaube an den Ausstteg frei unseren jungen Ingenieuren und Wissenschaftlern ist. der wird verstehen, daß wir nicht zu verztveiseln brauchen. Qlafgabe der Aelteren aber ist es, dieser Jugend den Weg zu bereiten, ihr die Hoffnung auf die bessere Zukunst nicht zuschanden werden zu lassen!

Die Stadt der Millionäre.

eon Dr. Gustav W. ttberlem

Zürich, im August.

Dem Moloch Krieg entronnen, verschont von Revolution und Inflation, von keiner Seite in ihrem nationalen Empfinden bedroht, geschützt von einem Heer, das absolut dreimal und relativ fünf­zehnmal fo stark ist wie da- deutsche, reich und betriebsam, hat die Schweiz in ungebrochenem Aufstieg eine Blüte erreicht, tote sie um die Jahr­hundertwende kaum geahnt werden konnte. Dank feinem Fleiß, seiner Sparsamkeit, seinem tief aus­geprägten Familiensinn und feiner Abneigung gegen jede Einmischung in die Händel der großen Welt ist dem »Voll der Hirten' eine Nation ent­wachsen, die faU wider ihren Willen wieder eine politische Bedeutung gewonnen hat, sei eS auch nur als Pufferstaat und Umschlageplatz für die Geschäfte der Außenministerien Europas.

Ein Schulbeispiel für die Entwicklung zur Wohl­habenheit durch eine lange Friedensperiode, ist die Eidgenossenschaft aber ungemein rührig als Fak­tor in der Wirtschaftspolitik. Sie kann es sich leisten, im unsichtbaren und dennoch so mächtigen Finanzparloment der Staaten mitzureden, ruht doch in den Gewölben der Nationalbank eine runde Milliarde Gold, find doch ihre Banknoten derart Überdeckt, daß sie zeitweilig immer wieder mehr fleiten als der gleißende Mammon. Die große Kri- is hat das Land kaum gestreift, allein im letzten halben Jahre verdoppelte sich der Goldbestand! Nur dasgemarterte Frankreich" droht noch schneller im Gold zu ersticken, nur in demfür immer zertretenen Belgien" stehen die Staatsan­leihen höher im Kurs. Während in dem Nachbar, staat, der von den Weisen der Erde als reich ge­nug befunden wurde, die Kriegsschulden aller anderen Staaten zu decken und die französischen Rüstungen, die kein Beispiel in der Geschichte haben, zu finanzieren, die Zinssätze in alpine Höhen klettern, kriegt der Kontobesiher in Zürich seine zwei oder ein Prozent oder gar nichts.

Die Annahme deutschen Kapitalfluchtgeldes wurde oft^llndweg verweigert.

In der größten Stadt deS kleinen und daher fraushaltartig führbaren Landes, dos nicht mehr Einwohner zählt alS Berlin, in der alten Zwingli­stadt Zürich fließen die Geldströme zusammen. Hier stehen die Paläste der Versicherungen, deren Aktien einen für deutsche Verhältnisse geradezu märchen­haften Kurs aufweisen (aber auch die Aktie der Maggi^Sesellschoft z. D. erreichte 20 000, zwanzig­tausend!), frier gibt eS eine Hauptstraße, die noch provinzlerisch Bahnhofstraße heißt, im VolkSmund aber ganz ander- genannt wird, und von Banken wimmelt. Selbstverständlich ließ sich auch bie BIZ, die Tributbank, in den gesegneten Gesilden der Schlveiz nieder, in Basel, das aber sonst nicht ent­fernt mit Zürich konkurrieren kann. Es wäre jedoch verfehlt, anzunehmen, die Schweiz sei durch den Krieg so reich geworden, oder durch den Einfluß des Völkerbunds, dem die Llrkantone so zweifelnd entgegensahen, daß sie das Standbild Teils um­florten, als dos Abstimmungsergebnis über den Eintritt der Schweiz bekannt und von den Fran- zosenfreunden in Zürich überschwänglich gefeiert wurde. Nein, Zürich war schon vorher so hoblich", daß die sozialdemokratische Partei, die politisch nur ein Ableger der deutschen, im übrigen aber längst verbürgerlicht ist. eine Steuerreform Vorschlägen konnte, nach der die großen Vermögen scharf erfaßt, die kleinen (unter 70 000 Franken), aber ungeschoren bleiben sollten. Siebzigtausend Franken, man muß sich das vorsagen, gelten so- gar den Sozialisten als ein Existenzminimum. Da­nach mag man ermessen, wie es weiter oben auS- sieht.

Auch das ist schon über zehn Jahre her, daß man sich etwas aufregte, weil die Dame vom WC. auf dem Paradeplah ein städtisches Gehalt bekam, wie es in Italien erst einem General winkt. Der Schulabwart fing mit 8000 Franken an, nicht

und fahre von Berlin fort. Auf der nächsten Station will ich den Brief in den Dahnhofs- kasten werfen. Es wird Stendal sein. Ich muß immerzu an Sie denken, und so schreibe ich diesen Brief voller Verwirrung.

Sie weinten, ich sah Sie an, Sie sahen mich an. Ihre weinenden Augen sahen mich an. Wir waren uns wildfremd. Aber Sie saßen doch da und weinten und waren so elend. Wildfremd? Mein Gott! Erinnern Sie sich daran?

Der Schupo gab den Weg frei. Ihr Wagen zog schnell an, viel schneller als mein Taxi. Aber an der nächsten Ecke muhten Sie schon wieder halten. Wenn ich nicht irre, war es an der Ecke der Wilmersdorfer Straße. Mein Taxi bremste abermals neben Ihnen. Aber da hatten Eie sich schon zusammengenommen und taten so. als blick­ten sie gleichgültig vor sich hin.

Ich will Ihnen nicht beschreiben, was zwischen der Leibniz- und der Wilmersdorfer Etrahe in mir vorgegangen ist, ich könnte es auch nicht.

Nur dies eine möchte ich Ihnen sagen, aber es klingt zuerst so grausam, dies eine: es hatte sich etwas in mir erhoben, Mitleid. Nein, wehren Eie nicht ab. Es ist ja nicht wahr, dah Mitleid das Aergste ist, was einem Menschen in Ihrer Lage zustohen kann! Mitleid ... sehen Sie, man sollte lieber Mitleiden sagen. Eie haben recht, Mitleid kann etwas Schreckliches, kann etwa» Er­niedrigendes sein. Wer Mitleiden ist doch wie eine traurige und geheimnisvolle Gemeinschaft. Man senkt doch feinen Kopf und murmelt irgend etwas vor sich hin, eS tut einem doch so weh, man ist doch so hilflos vor ... vor ... Lie ... manchmal kann es geradezu die Liebe fein, die daS alles bewirtt.

Bei mir war es jedenfalls so. nein, nicht ganz ... oder vielleicht ... es war wirklich so. dah es mir weh tat. an Eie zu denken, dah ich mit Ihnen traurig war, dah ich mit Ihnen verzwei­felt war. dah ich einige gute und leise Worte zu Ihnen hätte sagen mögen, dah ich Du zu Ihnen hätte sagen mögen. Gnädige Frau, hätte ich sagen mögen, ich will jetzt einmal ganz be­hutsam meinen Arm um dich legen. Komm, komm ... hörst du, was ich zu dir Tage? Ich möchte jetzt dies und das sein. Ich möchte gar nicht mehr ich selbst sein. Irgend etwas Gröhes und Ruhen­des. ein Wald, der dich aufnähme, oder eine Kirche, eine von diesen alten Kirchen, in denen es die Zeit nicht mehr gibt. Du konntest frerein- kommen und bei mir sein und alles vergessen. Das toäre schön.

Ich möchte eine alte Kirche sein

Voll Weihrauch, Dunkelheit und Kerzenschein.

Wenn du dann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Last.

Du senkst den Kopf, die grohe Tür fällt zu, nun sind wir ganz alleine, ich und du.

Ich streichle dich mit Rauch und Dämmerung, ich segne dich mit leisem Ampelschwung, ich fange mit der Orgel an zu fingen ...

Nicht weinen, nicht die Hände heimlich ringen! Hier hinten, wo die beiden Kerzen sind, komm, seh dich hin, du liebes Menschenttnd.

Glück,Unglück.. .alles ist vonLchmerzenschwer. Sei still, versinke, denk an gar nichts mehr!

Die Wölbung summt, die beiden Kerzen­flammen fließen so lautlos über dir zusammen, von fern die goldnen Engel sehn dir zu und flöten süh und lullen dich in Ruh

Ich möchte eine alte Kirche sein

Doll Weihrauch. Dunkelheit und Kerzenschein. Wenn du bann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Last.

Bitte verzeihen Sie mir dies alles. Ich dachte, es konnte vielleicht ein kleine- Glück für Eie bedeuten, zu wissen, dah es einen Menschen auf derfWelt gibt, der ... ach nein, kein Glück, nur ... nicht wahr, man weih selbst nicht Wa­es ist. aber e» ist etwas Freundliches

Ich habe meinem Chauffeur gesagt, gestern, meine ich. dem Taxichauffeur. er sollte hinter Ihrem Wagen herfahren. Auf diese Weise habe ich herausgekriegt, dah Eie in der Gneiststrahe wohnen und daß Eie schrecklich vornehm sind.

Trotzdem.

Ob Eie den Brief wohl bis zu Ende gelesen haben? Gleich kommt Stendal.

Kunst und Wissenschaft.

(Ein Preis für die beste (BegenroarfsnooeQe.

Der von derneuen linie ausgesetzte Novel­lenpreis von 15 000 Mk.. der jährlich in Höhe von 3000 Mk. zur Verteilung kommt, ist, wie das September heft der Zeitschrift mitteilt, für das Jahr 1932 für die drei besten deutschen Gegenwartsnovellen ausgesetzt worden. Der Jury gehören an: Dr. Paul Fechter, Dr. Alfons P a q u e t. Frau Helene v. N o ft i tz, Dr. Wilhelm von Scholz, Dr. Bruno S. W e t n«t.

Dr. Krüger. Assistent am Geologischen Institut der Technischen Hochschule Darmstadt, der 1929 eine Forschungsreise nach Grönland angetteten hat ist verschollen. Bel seiner Grönlandfahrt im Jahre 1925 hatte Krüger als erster (Europäer die westgrönlän­dische Halbinsel Nugsak durchquert.

viel weniger hatten die Trämler, die man immer an der Spitze der Demonstranten gegen die Bour­geoisie bewundern konnte. Und niemand kann be­haupten. dah man heute schlechter lebe. AIS bie Selbst Veranlagung zur Steuer eingefüfrrt würbe, ba mclbelcn sich allein in ber Stabt Zürich, bie runb zweihunderttausend Einwohner hatte, über 200 Millionäre. Seither ist ber Reichtum noch schneller gewachsen als bie Bevölkerung, fo baß man sicher nicht sehlgeht, wenn man unter Be­rücksichtigung bet Doppel- unb mehrfachen Mil­lionäre, vor allem aber ber verschwiegenen, der beimliscißen" (heimlich seist, eine weitverbreitete Eigenschaft des Schweizers), auf 250 Köpfe ein Millionenkonto schätzt. Das heißt, auf die Normal­familie bezogen, daß jede fünfzigste Fa­milie eineMilltonärSfamtlietst!

So fest unb sicher auf ber Bahnhofstraße fußenb, burch bie noch zur Kinderzeit der heutigen Mil­lionäre der Stadtbach floß, hat eS Zürich gewiß leichter als andere Städte, ins Großstädtische unb ins Dornehme zu wachsen. Dillen überwuchern bie Berge, Phantasiepreise werben für Grund­stücke mit eigenem Seeuser bezahlt, kein Bauplan erfährt Ablehnung, wenn er nut neuartig unb großartig ist. So konnte sich diese unsachgemäße neue Sachlichkeit herausnehmen, bet unenblich hei­teren, ganz auf Weiß unb Grün gestimmten See- lanbschast mit einem schwarzen, von Kommanbo- brüden garnierten Klotz eine Ohrfeige hinzuknal- len. Da liegt er nun wie bie Kaaba in Mekka unb nur ber Architekt wird seiner Pilgerfahrt froh. Aber über solche Entgleisungen wie über ben un­verzeihlichen Fabrikschlot an ber KüSnachter User- promenade hinweg schwingt ein großzügiger unb kunstsinniger Deist, ber bieDörfer" am See fast unmerklich zu Villenvororten umgestaltet unb in ben häßlichsten Außenauartieren der Stabt über Nacht ganz mobernc Geschäft-komplexe entstehen läßt.

Diese Stabt mit ihrem amerikanisch pulfieren- bem Zentrum, überragt von bet Akropolis des HochschulviertelS, umgürtet von Fabriken, mit ihrem verständnislos in bie neue Zeit hinein- firübclnbcn AlterSstübchen an ber Limmat, was ist ie anders als ein getreue« unb lehrreiches Spie- gelbilb deS heutigen Schweizer-, ber um jeden Preis mit der Entwicklung Schritt halten, die Arme rühren will und daher für daS Erbe seiner Bätet nur ab und zu eine Feierstunde übrig zu haben glaubt? Sein Ideal ist nicht mehr der knorrige Gottfrieb-Keller-Thp, die Urwüchsigkeit und Bodenständigkeit, et gibt den Erdgeruch hin für das internationale Parfüm und überläßt eS den von der Schweizerischen Schillerstistung in

Ricarda Huch erhält den Frankfurter Goethepreis.

Gestern, am Goethetag, erfolgte im althistori­schen Frankfurter Goethehaus in einem Festakt die feierliche Uebetgabe deS Goethe- Preises (10 000 Wk) an Ricarda Huch, ber hervorragenden Erzählerin unb ausgezeichneten Schilderin beutscher Kulturepochen. Infolge Der- frinberung bes Oberbürgermeisters hielt Stabtrat Dr. Keller eine Ansprache, bie neben ber Hulbigung für bie Preisträgerin bem Gebenken der Frau galt, deren 200. Geburtstag bie Stabt Frankfurt unb mit ihr ganz Deutschland in biefem Iahte festlich beging, ber Frau Rat Goethe, ber F t a u A j a. An Ricarda Huch getoanbt, führte ber Tiebner aus, baß bie Stadt Frankfurt bem Genius ber Frauen ihre Hulbigung barbringe durch die Verleihung des Goethepreises an bie Dichterin unb Geschichtsschreiberin Ricatba Huch aus Braunschweig. Et fuhr bann fort Mit ber Glut ihres Empsinbens und Bekennens bewegte und erbaute bie Erzählerin bie Leser ihrer be» beutenben Romane. Von einer leidenschaftlichen Kraft unb Zartheit bes Hetzens zeugt bie eble unb beflügelte Sprache ihrer Lyrik. Hinabgestie- gen in bas Totenteich bet Geschichte schuf Ricatba Huch durch die Darstellung großer Männer unb Epochen ergreifenbe Denkmäler von strenget Form und weitem Horizont. Anmut unb Gebanke, Wissen unb echtes Künstlertum halten sich da- für eine Frau sonst unerreichbar erscheinend« Gleichgewicht in einem Gesamtwerk, das hohe unb vielseitige Gaben umfaßt Der Dank ber Stabt Frankfurt für ihr eigenes, farbig altertümliche- Bild, das bie Reihe ber Lebensbiiber beutscher Stabte von Ricatba Huch eröffnet, ist nur ein Teil ber ehrenden Anerkennung, welche die Na­tion einer Schriftstellerin solchen Ranges schul­dig ist.

Frau Ricarda Huch dankte und betonte, daß sie besondere Freude darüber empfinde, ben schönsten Preis erhalten zu haben, der einem Deutschen zufallen könne. Zwei Umstände machten diesen Preis sb besonders kostbar: daß er im Damen Goethes unb bah er von ber Stabt Frank­furt verliehen werbe, der ehrwürdigen Stadt nicht nur als der Heimat Goethes, sondern al» bet Krönungsstadt, die lange Zeit hindurch den Mittelpunkt des alten Heiligen Reiches bildete. Wenn der Goethepreis eine Anerkennung für diejenigen bedeute, die ihn empfangen, so sei er zugleich eine stets sich erneuernde Huldigung Goethes.