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Nr. 201 Erster Blatt

181. Jahrgang

Samstag, 29. August 193t

Gietzener Anzeiger

30

2.20 Vetd)si

General-Anzeiger für Oberhessen

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Eheftedattteur.

Dr. Fnebr. Wilh. Lange. Verantwortlich fir Tolitib Dr. Fr. Wilh. Lange; fir Feuilleton Dr.H.IHyriot; fir den übrigen Teil trnft Llumschein und fir den Anzeigenteil Max Filler, lämtlid) in Gießen.

Eriche int tüglich,autzer ö em, tags und Feiertag» Beilagen: vte 3Du|mertt

Btetzener FamMendlLtt« Heimat 'm Bill»

Die Scholle

3

Der russische Außenkommissar Litwinow in Berlin.

Auf der Durchreise zur Genfer Europatagung. - Der mißglückte Nichtangriffspakt.

Litwinow stellt richtig.

' Meine Verhandlungen mit Polen.

Berlin, 28. Bug. (WIB.) Der Volkskommissar für Auswärtiges, Litwinow, Ist mit den Mit­gliedern der fowjetrustischen Delegation für Genf heute 9.48 Uhr auf dem Schlesischen Bahn­hof eingetroffciL

Jn einer Erklärung, die Litwinow heute nachmit­tag o o r b e r I n - und ausländischen presse

Außenminister Litwinow (Mitte) wird von dem deutschen Botschafter von Dirksen (links) bei seiner Ankunft in Berlin begrüßt.

abgab, betonte er, daß eine Prestepotemik über Verhandlungen zwischen der Sowjet- unlon und Polen wegen eines Nlchlangrifs»- poktes vollständig überflüssig gewesen sei, daVer­handlungen weder geführt wurden, noch geführt werden". Zur Darlegung des wirk­lichen Tatbestandes streifte der Außenkemmissar kurz, wie im August 1926 die Sorojctregiernng der polnischen Regierung einen Nichtangriffspakt vor­schlug, dessen Abschluß daran scheiterte, daß die Polen auf unannehmbare Bedingun­gen bestand. Die Verhandlungen seien 1927 ab­gebrochen und seither nicht wieder ausgenommen worden. Auch der Umstand, daß der polnische Gesandte in Moskau, patek, vor einigen lagen ein Dokument überreichte, habe nicht der Frage einer Wiederaufnahme der Verhandlun­gen gegolten, sondern vielmehr nur den Zweck ge­habt, wie patek erklärte, die Ergebnisse der verhanlungen de» Jahre» 1926'27 zusammenzufassen.

Litwinow betonte, daß die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion fein Gegenstand der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und dritten Staaten gewesen seien. Die Sowjet­union wünsche, den Abschluß eine» Nichtangriffs­pakte» mit allen Staaten, mit denen sie In un­mittelbarem Kontakt stehe, und sie habe auch vor einiger Zeit die entsprechenden Vorschläge gemacht. Sic sei aber der Ansicht, daß dergleichen Pakte nicht von irgendwelchen Bedingungen abhängig ge­macht werden dürsten. Line Reihe von Staaten, wie vor allem Deutschland, habe mit der So­wjetunion bereit» solche Verträge abgeschlossen. 2Han hoffe, in der allernächsten Zeit auch mit Frankreich zu einem Abschluß zu kommen, um so mehr, al» die bisherigen Verhandlungen auf keine Schwierigkeiten gestoßen seien.

Abschließend betonte Litwinow, daß die Sowjet­union fiel» bestrebt fei, die politische Atmosphäre zu reinigen uni) eine internationale Beruhigung zu erreichen, daß sie zu diesem Zweck an der Eu - ropafommiffion teilgenommen und mitgearbeitet habe, und daß sie hoffe, die neuerlich bevorstehende Tagung dieser Kommission werde den von der Sowjetregierung vorgefchlagenen w I r t - schaftlichenNichlangriffspakt in ernsteste Erwägung ziehen.

Oie Meinung der presse.

Lpielie cni polnifch-ruisischer Pakt bei den Pariser Verhandlungen eine Rolle?

Berlin. 29.2lug. (ERB) Einige Morgen- blätter kommentieren die Ausführungen des Auhenkommissars. DieD o s s i s ch e Zeitung" unterstreicht besonders den Hinweis, daß Vufjtanfi unter feinen ilmftänöen mit Polen einen Nicht­angriffspakt abschließen werde, wenn Polen auf den Bedingungen beharre, die bereits vor fünf

Jahren den Abschluß deS Dertrage« verhindert hätten. Litwinow habe dies noch dadurch ergänzt, daß er erklärte, auf russischer Seite bestehe keines- salls die Absicht, über daS Derhältnis zwischen Moskau und Warschau auf dem Umwege über dritte Staaten zu verhandeln. Auch derD ö r s e n - E o u r i e r' widmet der Ablehnung an Polen den Hauptteil seiner Aus­führungen, ein strikte- Nein habe Litwinow den Vermutungen, daß die Note PatekS doch mit Pariser Einflüssen zusammenhän­gen könnte, aber nicht entgegengesetzt. Er deutete auch in keiner Weise an, wie er sich den Weg zwischen Paraphierung und Unterzeichnung in Paris denke. DerVorwärts" wünscht den russisch-französischen Verhandlungen schon deshalb Erfolg, damit dem Gerede der bolschewistischen Presse aller Länder über daS Bestehen einer i n t e rv e n 1 i o n i st i s ch e n K o a 1 i t i o n" un­ter Führung Frankreichs, die sich anschicke, über Sowjetruhland herzufallen, ein Ende bereitet werde.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt, wenn die Sowjetunion die Vorschläge Polens ablehnen müsse, so gehe auS diesem Ver­halten hervor, daß Polen mit einem Pakt Ziele verfolge, die sich mit der betonten Auf­

fassung der Sowjetunion, durch Nichtangriff-- pakte den Weltfrieden zu fördern, nicht ver­einbaren liehen. DerLokal-Anzei- g c r" nennt eS ungeklärt, ob die Frage deS Polenpaktes in die Verhanddungen mit Frankreich h i n e i n g e s p i e 11 habe oder noch hineinspielen werde. Man wisse auch ohne Litwinow, daß der Wunsch Frankreichs nach einem russisch-polnischen Pakt außerordentlich stark sei, und es sei deshalb wohl möglich, daß es diesen Gegenstand bei seinen eigenen Verhand­lungen mit Moskau zugleich zur Erledigung zu bringen versuchen werde. DieDeutsche T a g e s z e i t u n g" findet die Erklärung Lit­winows nicht in allen Punkten ganz klar. Den­noch biete sie die Möglichkeit, gewisse Abgrenzun­gen hinsichtlich der gegenwärtigen Beziehungen zwischen Frankreich, Polen und Rußland mit einiger Sicherheit zu erkennen. Es frage sich, ob die französische Politik dadurch, daß sie den eigenen Paktabschluh hartnäckig von einem russisch-polnischen Pakt ab­hängig mache, schließlich doch em größere- Entgegenkommen Moskau- erreichen werde. Vor­läufig sehe e- allerdings nicht so auS, al- ob die polnisch-russischen Beziehungen in absehbarer Zeit eine solche Wendung gestatteten.

Oer französisch-russische Pakt.

Hinter den pariser Kulissen.

London, 28. Äug. (XXI.) .Daily Telegraph" meldet, daß der französisch-russische Vertrag bereits fertiggestellt, jedoch noch nicht paraphiert sei. Die Verhand­lungen seien mit Rücksicht auf die wachsende Oppo­sition innerhalb her französischen Kammer mög­lichst geheimgehalten worden. Lebhafte Begünstigung habe der Plan durch Botschafter Francois Poncet erfahren, dem sich mächtige französische Bankier - und Industrielle, ein Teil deS Quai d'Orsay und D r i a n d , der die E inbexiebung Rußland- in die westliche Sphäre und unter dem Einfluß deS Völkerbünde- begünstige, angeschlotsen hätten. B e r t h e I o t, der bisher die Hauptverhandlungen geführt habe, begünstige den Vertrag zu dem Zweck, mit der augenblicklichen Geldmacht Frankreichs d i e deutsch-russischeRapallo-EntenteAu brechen und das altefranzösisch-rus- sische Bündnis wieder herzu st eilen. Gr zweifle nicht daran, daß Rußland ein finanz- starke- Frankreich dem bankerotten Deutschland vorziehen würde. DaS Blatt erklärt weiter, War­schau sei infolge der strikten Ablehnung seine- Angebots für einen Nichtangriffspakt durch Ruß­

land alarmiert, weshalb Zaleski nach Pari­eile, bevor er Litwinow in Gens treffe. Allerding- habe Rußland Deutschland und Frankreich schon häufig gegeneinander auSgespielt, so daß cs schwierig sei, di« russischen diplomatischen Winkelzüge ernst zu nehmen.

Polen will (Sicherung der Friedens« vertrüge.

Paris 29. Aug. (WTB. Funkspruch.) Der Ko- lonialminifter gab gestern zu Ehren des polnischen Außenministers Zaleski auf ber Äolonlalausjtel- lung ein Essen, an dem auch Ministerpräsident L a o a l und andere Mitglieder der Regierung teil» nahmen. Der polnische Außenminister ging in einer während dieses Essens gehaltenen Ansorache auch auf die französisch.russischen bzw. polnisch russischen Nichtangriffspakt-Verhandlungen ein und erklärte, daß er die Erregung nicht verstehe, die durch diese Verhandlungen in gewissen Län- dem hervorgerufen worden sei. Die Ziele Polens und Frankreichs seien klar, sie seien nur auf d i e Festigung der Friedensver­träge gerietet. Ministerpräsident Laval be­antwortete die Ansprache in dem er der Sympathie Frankreichs für Polen Ausdruck gab.

Parteien und liaftonalrcaiemng in England.

Konservative und Liberale billigen die Llnterstühung Macdonalds. Oie Arbeiterpartei wählt Henderson zum Führer der Opposition.

London, 28. Aug. (TU.) Die drei großen politischen Parteien hielten am Freitag jede ihre mit großer Spannung erwartete Versammlung ab. Auf der konservativen Versammlung, die unter dem Vorsitz von Lord Hailsham tagte, hielt Baldwin eine große Rede. Er erklärte, daß die Konservativen, sobald die Nationalregierung sich ihrer Aufgabe entledigt habe, ihre Hand­lungsfreiheit wiedergewinnen und ihren Wahl­kampf mit der Forderung auf Einführung eines Zolltarifs sowie mit einer anti- sozialistischen Parole durchfechten würden als Ab­wehr gegen den durch Hendersons Haltung ver­stärkten Klassenhah. Aus die Krise übergehend sagte Baldwin, daß am vergangenen Montag Sein ober Nichtsein eine Frage von Stunden gewesen sei. Die größte Schwierig­keit habe für ihn darin bestanden, weder dem Un­terhaus noch dem Volke alles das sagen zu können, was nur die Eingeweihten gewußt hätten, und zwar aus Furcht, dadurch die mit ungeheu­rer Schnelligkeit hcranstürmende Krise noch zu vergrößern. Obwohl er von alterSher ein Gegner jeder Koalition gewesen sei, habe f ü r i h n k e i n e andere Wahl bestanden, als an der Datio- nalrcgicrung teilzunehmen. 3m Anschluß an Baldwin wies Lord Hailsham kurz auf die Notwendigkeit hin, alle Maßnahmen der Regie­rung, auch wenn sie noch so wenig volkstümlich seien, mit allen Kräften zu Unter­st ü tz e n. da die Folgen einer Niederlage der Na­tionalregierung nicht abzusehen seien. Die Hal­tung der Parteileitung wurde von der Versamm­lung einstimmig gebilligt

Außenminister Lord Reading als Vorsitzen­der der ßiberalen-Vetfammlung stellte zunächst fest, daß die bisherigen Maßnahmen der Regierung sowie die bisherige Handlungsweise der liberalen Vertreter ausdrücklich von Lloyd George gebilligt würden. Lord Reading betonte dann, daß die Liberale Partei niemals die Hand zu einer Politik bieten würde, die die armen Devölkerungsschichten aussauge und die Reichen verschone. Die geplante zehnprozentige Kürzung der Erwerbslosenbezüge rechtfertigte der Außenminister mit dem Linken deS Levens- ftandards seit Einführung der Versicherung

um 36 Prozent. Auch hier wurde die Haltung der Parteivertreter gebilligt

Auf der Versammlung der Arbeiter­partei wurden Henderson zum Partei­führer gewählt, ElhneS und der frühere Handelsminister Graham zum ersten bzw. zwei­ten Beisitzer. Ferner wurde eine Entschließung angenommen, in der sich die Arbeiterpartei zur offiziellen Opposition erklärt.

Der Mlliardenkredit gesicherl.

Abschluß in Neuyork und Paris.

London, 29. Aug. (TU.) In der Nacht ;um Samstag wurde vom Schatzamt folgende Mitteilung ausgegeben:Zum Zwecke einer weiteren Stützung des Sferlingkurfe» haben Verhandlungen mit Finanzautoritäten in Neu­york und Pari» stattgefunden. Mit Amerika ist eia Ueberelnkommen getroffen, da eine gewisse Finanzgruppe sich bereit erklärt hat auf Anforderung auf Dollar lautende Schahanwei­sungen im Betrage von nicht über 200 Mill. Dollar ouszunehmen. Mit Frankreich ist eine grundsätzliche Abmachung dahingehend ge­troffen worden, eine Summe im Höch st be­trag von 5 Milliarden französischer Franken teils in Form eine» Kredite» französi­scher Banken, teil» in Form einer britischen Fran­kenanleihe beim französischen Publikum flüssig zu machen (insgesamt also 1,640 Milliarden Mark).

Die Nationalregierung Hal al» erste Sparmaß­nahme einen Gehaltsabbau bei 300 000 Beamten ab 1. September beschlossen. Die Kürzung schwankt je nach der Gehaltsklasse zwi­schen 1 und 5 Schilling je Mache und soll dem Schatzamt eine jährliche Ersparnis von 16 Millionen Mark bringen. Sie wird begründet mit dem seit der letzten Gehaltsregelung stattgefundenen Sinken der Kosten für den Lebensun­terhalt. Das Kabinett ist mit diesem Abbau über die Empfehlungen des königlichen Sparausschusses hinausgegangen.

England meistert die Krisis.

Es hat immerhin eine ganze Weile gedauert, bi» die Sturzwellen der Wirtschaftskrisis auch nach England hinüberschlugen. AbsaNnot und Arbeitslosigkeit in Jahr für Jahr steigendem Umfang waren zwar auch dort schon lange Sym­ptome einer veränderten Lage auf den Weltmärkten, aber nun erst drohte eine akute Vertrauenskrifis, die Dämme einzureißen, die England um seine Währung, um das Pfund als das fichibarfte Zeichen britischen Wohlstandes errichtet hatte. Wenn nach dem Bankenkrach in Oesterreich und dem schwarzen 13. Juli in Deutschland mit seinen Ausstrahlungen nach Südosteuropa schließlich auch Zweifel in die Allmacht des englischen Pfunde» austauchten, so deutet vielleicht nichts besseres als dies an, daß di« Erschütterung der Weltwirtschaft einen Punkt er­reicht hat. wo isolierte Magnahmen eines Landes nicht mehr helfen könyen, wo vielmehr nur durch Zusammenfassung aller aufbauwilligen Kräfte wie» der fester Boden gewonnen werden kann. Es kommt nicht von ungefähr, daß nun also auch England für sein leichtfertiges Vabanquespiel in den kritischen Hochsommertagen des Jahres 1914 und sein aller Vernunft und politischen Tradition hohnsprechendes Mitwirken am Versailler Diktat die Quittung er­hält. Denn die Desorganisation der Welt- Wirtschaft, die in dem Augenblick ihren An­fang nahm, als das alte Europa, damals noch un­bestrittener Mittelpunkt, in dem alle Faden der Produktion und der Verteilung wirtschaftlicher Güter zusammenliesen, sich in den mörderischsten aller Kriege stürzte und damit sich anschickte, wirt- schaftlichen Selbstmord zu begehen, diese Desorgani­sation mußte England als den großen Warenoer. mittler und Finanzier der ganzen Welt vielleicht zwar verhältnismäßig spät, dann aber um so emp­findlicher und nachhaltiger treffen. Die Ausschal­tung Rußlands als Folge der Revolution und des Experimentierens mit dem bolschewistischen Wirtschaftssystem, der Aussall de» riesigen und für die englische Wirtschaft in besonderem Maße be­deutungsvollen chinesischen Markte» al» Folge immer wieder erneut aufflackernder Bürgerkriege, hier wie in Südamerika schärfste Konkurrenz mit den kapitalkräftigeren Vereinigten Staaten, in Ehina bas Auftreten ber japanischen Jnbustrie, in Sübamerika ba» Emporwachsen einer heimischen in­dustriellen Produktion als zwangsläufige Folge der während des Krieaes ausfallenden Einfuhr aus Europa, alle diese letzten Auswirkungen einer törichten Politik Europa» mußten England als Um- schlagplaN zwischen dem europäischen Kontinent und den großen überseeischen Weltmärkten einmal an seinem Lebensnerv bedrohen. Mit ber JnbustriaU- fierung würbe für Sübamerika auch ble soziale Frage akut. Die politischen Revolutionen, seit mehr als einem Jahrhunbert hier an ber lagesorbnung, erhalten jetzt einen kapital- und frembenfeinb- licyen Unterton, ber für bie Riesensummen, ble England wie auch die Vereinigten Staaten in La­teinamerika investiert haben, wachsende Bedrohung bedeutet. Erinnern wir uns noch an die Einengung ber Absatzmöglichkeiten in den Dominions, an die Katastrophe bes ertremsozlalistischen Regimes in 21 u ft r a l i e n , schließlich noch an bie politische Un­ruhe in 3 n b i e n unb die Schwächung ber Kauf­kraft auf bem ganzen o st asiatischen Markt in Verbindung mit dem Uebergang von ber Silber- zur Goldwährung, so haben wir einige Fäben zum Verständnis ber kritischen Lage, in bie sich Eng- land von außen her versetzt sieht.

Rehmen wir dazu noch die Momente, bie von ber inneren Struktur der englischen Wirtschaft selber her in gleicher Richtung wirkten-, eine J n - b u ft r t e , beren Produktionskosten zu hoch waren und bie es namentlich im Kohlenbergbau verab­säumt hatte, burch Modernisierung ihrer Anlagen und Rationalisierung ihres Produktionsapparates mit ber ausländischen Konkurrenz Schritt zu holten, eine Staatsschuld in Höhe von mehr al» 7,6 Milliarden Pfund Sterling (= 152 Milliarden Reichsmark!), eine Erwerb*slosenzahl von 2,7 Millionen, endlich als Folge rückläufiger Steuer- erträae und wachsender Aufwendungen für soziale Zwecke ein Fehlbetrag im Staatshaus, halt von rund 120 Millionen Pfund. Ohne bie Julikrisis In Deutfdjlanb hätte es vielleicht auch für bie Briten noch kein halt auf bem abschüssigen Wege bes Verfalls der öffentlichen Finanzen ge- geben. Aber das starke Engagement bes britiscAn Kapitals in Deutschlanb machte bie internationale Finanzwelt hellhörig Der Vertrauensschwund er­griff auch bas englische Pfund. Die französischen Goldankäufe in London waren für bie britischen Banken eine schwere Belastungsprobe. Der Druck von ber Seite ber ausländischen Gläubiger her pflanzte sich fort. Man forberte verstärkte Sicherheiten unb zeigte wie in Deutschland auf bas Defizit im Staatshaushalt. Die Bank von England intervenierte. Das Labourkabinett sah sich genötigt, eine Kommission von Sachverständigen mit ber 21 u f ft e 11 u n g eines Sparpro­gramms zu betrauen. Ihr Bericht war geeignet, den ungünstigen Eindruck, den man in Amerika unb Frankreich von ber englischen Finanzlage hatte, eher noch au verstärken. Man kam um einen rück­sichtslosen Ausgleich bes Staatshaushalts nicht län­ger herum, lieber bas W i e kam es bann aber auch Ichon zum 2Iuseinanberfaüen bes Kabinetts. Mae- b o n a l b hatte, bem Ernst ber Situation Rechnung tragenb auch mit ben beiben Parteien ber Oppo­sition Fühlung genommen, war aber von vorn- herein nicht barüber im Unklaren gelassen worben, baß Konservative wie Liberale die Ausbalancierung bes Etats in ber Hauptsache von ber Aus- gabenfette her wünschten unb hier eine Kür- Zung ber Erwerbslosenunterstützungen für unum- 9°"glich hielten. Das brachte den Premier in Kon- sltkt mit bem Gewerkschaftsflügel ber eigenen