Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Ur. 175 Zweiter Blatt
Vergessenes Deutschtum in Osteuropa.
Deutsche Einwanderung in Salizien vor 150 Jahren. - Pfälzer, Seffen und Gchleüer im Kamps um ihr Deutschtum.
Don unserem ^-Berichterstatter.
Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten!
Warschau. 3uli 1031. |
In diesem Jahre feiern bi« Deutschen in Galizien daS 150. Jubiläum ihrer Einwanderung . D>e grohen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gestatten es nicht, diese Tatsache festlich zu begehen. LS sollen lediglich in einzelnen größeren Gemeinden, womöglich in Verbindung mit dem Erntefest, Dedentseiern stattsinden. Ueberdies wird eine Festschrift herauSgegeben. worin die Geschichte dieser 150 Iahre eilten umfassenden Niederschlag finden foll. Dasselbe Schicksal in Leid und Freud verbindet da» galizische Deutschtum mit dem grosten Mutterlande, au» dessen fruchtbringendem Lchohe «s sich einst in schwerer Stunde losgelöst hat.
LS war Anfang und Witte des 18. Iahrhun- derts, als die grobe Auswanderung, namentlich au- den südwestlichen Teilen Deutschland-, nach den verschiedenen Ländern der neuen und alten Welt, darunter auch nach Kongreßpolen und Galizien. das damals bereit- zu Oesterreich gehörte, einschte. Dieser Auswanderungsbewegung gehen die bekannten Raubzüge der Franzosen Ende de» 17. und Ansang des 18. Jahrhundert- voran-, die die westlichen Gebiete Deutschland-, besonder- die Pfalz, ungeheuer verwüsteten. Darum war e» kein Wunder, dast die Dorfahren des heuligen Deutschtums in Galizien zum gröstten Teil Pfälzer sind, die au - der dainaligenRhein- psalz und Hessen aus Grund de- Ansiedlung-potente- Kaiser Joseph H. vom 17. September 1781 in da- heutige Galizien gezogen kamen.
Doch da- ist nicht die einzige Kolonisation in Galizien. Eine ähnlich große deutsche Kolonisa- tionsvewegung ist in diesem Lande schon t m W i t t e l a l t e r zu beobachten. Es waren damal» hauplsächlich Mönche, Handwerker und Kaufleute, die nach dem damaligen Polen kamen und hier al- Gründer der meisten polnischen Städte mit ihrem Wissen und Können, mit Schweih und Blut die Fundamente für die westeuropäische Kultur Polens gelegt hatten. Roch heute findet man in zahlreichen polnischen Städten wohl viele deutsche Romen, aber keine oder nur ganz wenig deutsche Menschen. Die polnischen Städte sind immer schon daS Grab des eingcwanderten Deutschtum- gewesen. Rur ein stündiger Zuschuß au- den benachbarten deutschen Kolonien vermag da- deutsche Element in einer polnischen Stadt zu erhalten und die Derluste zu ergänzen.
In den Jahren 1781 bis 1805 wurden die einwandernden deutschen Familien im damaligen Königreich Galizien und Lodomerien teil- auf staatlichen und kirchlichen Domänen, teil- auf privatem Großgrundbesitz angesiedelt. In diesem Zeitraum mürben 184 ländliche Siedlungen mit nahezu 20 000 Seelen (12 000 Protestanten und 8000 Katholiken) gegründet. In den meisten Fällen waren es ganz kleine Siedlungen, die durchschnittlich 8 bis 20 Familien umfaßten. Im Sinne des kaiserlichen Patentes sollte es keine Quantität»-, sondern ausschließlich eine Qualitätskvlo» nisotion sein Don irgendeiner politischen ©er- inonrsierungsabsicht, die von der polnischen Geschichte und Presse mit besonders böswilliger Starrheit immer wieder dieser deutschen Kulturarbeit unterschoben wird, kann keine Red« fein. Rach dem Iahre 1805 bröckelte der Einwanderungszug aus Deutschland allmählich ab. Dagegen hielt die Einwanderung der Sude- tendcutschen aus dem Böhmerwald und dem Egerland noch bis zum Iahre 1825 an. Es entstanden 21 weitere Siedlungen, zu denen auch einige sogenannte jungschlesische Siedlungen von Einwanderern aus Riederschlesien hin- zukamen. Im weiteren Derlauf deS 19. Jahrhun-
derts entstanden bann Sch west erto Ionien der bereits bestehenden Siedlungen, die auf ihrem verhältnismäßig engen Raum den Bevölkerungsüberschuß nicht fassen konnten. Die letzte dieser 26 Schwesterfiedlungen, »Diamantenheim', wurde noch im Iahre 1901 gegründet.
In den ersten Iahrzehnten haben sich die deut- schen Gemeinden In wirtschaftlicher Hinsicht günstig entwickelt. Zu diesem Fortschritt hat zweifellos die Ueberlegenheit des deutschen Dauern über den einheimischen in der Bodenbearbeitung undDieh- haltung außerordentlich viel bei getragen. Der deutsche Bauer übertraf auch an Fleiß und Ausdauer die einheimische Bevölkerung. Selbst die aus den Siedlungen in di« Stadt ziehenden deutschen Handwerker und Gewerbetreibenden fanden ein rasches und gute» Fortkommen. Dage- Jien standen einer kulturellen Weiterentwick- una de» angesiedelten Deutschtums schier unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege. Die kleinen Siedlungen lagen im ganzen Lande meilenweit voneinander zerstreut, jede für sich eine Insel mitten im Meer der eingeborenen Bevölkerung. Solange noch unter dem unmittelbaren Regime Wien» die Staatssprache deutsch war und der deutsche Bauer sich in der Obhut der deutschen Obrigkeit wußte, waren die Gefahren einer Entnationalisierung noch nicht sehr groß. Als aber im Iahre 1867 auf Grund des kaiserlichen Dezemberpa tont» von 1860 die österreichisch-ungarischen Länder die S «l b st Verwaltung erhielten, geriet Galizien sehr bald völlig unter polnischen Einsluß.
Allmählich wurde die polnische Sprache als älnterrichtssprache in allen staatlichen Schulen, als Amtssprache in den ©«richten und allen Staats- und Kommunalämtem eiuge- sührt. Die deutschen Schulen in den galizischen Siedlungen, die ausschließlich konfessionelle Anstalten waren, wurden durch ein Bolksschulgesetz zu Privatan st alten herabgesetzt und mußten fortan von den © eme in den mit eigenen Mitteln unterhalten werden. Die natürliche Derbindung mit der deutschen Zentrale in Wien wurde sehr bald unterbunden. Mit diesem Augenblick begann auch das deutsche Element in den Städten der Polonisierung an- heimzusallen. Im Iahre 1857 wurden in ©ali- zien rund 140 000 Deutsche gezählt. Dagegen konnten im Iahre 1880, also kaum 13 Iahre nach Einführung der Selbstverwaltung, im ganzen nur 77 612 Deutsche festgestellt werden! Im Iahre 1890 waren es noch 76158, im Iahre 1900 73 927, und bei der letzten österreichischen Dolkszählung im Iahre 1910 wurden nur noch 65 416 bewußte deutsche Menschen in ©alizien gezählt. Zur Schwächung des Deuttchtums in ©alizien hat ferner auch noch bie deutsche Kolonisation in Posen und West Preußen, die von 1899 bis 1909 insgesamt 1350 deutsche Familien aus ©alizien abzvg, in nicht unbeträchtlichem Maße beigetragen. ES muß mit Bedauern feftgeftellt werden, daß durch diesen Abzug sehr oft starke und blühende deutsche Siedlungen auf» schwerste betroffen wurden. Die stark geschwächten Gemeinden waren vielfach nicht mehr in der Lage, ihre Kirchen und Schulen zu erhalten und wurden von den nachziehenden Polen und ilfrainem sehr bald überwuchert.
Doch es fanden sich sehr bald Männer, die das Deutschtum in Galizien aus dem Bedürfnis nach Selbsthilfe und Selbstabwehr in völkischer, tul- tureller und wirtschaftlicher Hinsicht zusammenfaßten und ohne Unterschied der Konfession zu einer einheitlichen Abwehrfront zusammenschloffen. 1903 wurde der gesellige Verein „® erma- nia" , der später in . Frohsinn" umgetauft wurde.
Wissen Sie noch?
Von Dingen, die man vergessen hat, und anderen, über die man nicht» weiß.
Von Gurt Seibert.
Die Schule soll das Denkvermögen trainieren. Daher müssen wir dort allerlei lernen, was wir im Leben nicht gerade notwendig brauchen. Mancher ist schon glücklich geworden, obwohl er vergessen batte, wann die Schlacht bei Öaugamela stattfand und daß -r (pi) ausgerechnet 3,14159 ist. ES ist auch durchaus nicht notwendig zu wissen, daß Batta- d)omi)omad)ia ein Gedicht ist, welches fälschlicherweise Homer zugeschrieben wurde und unter dem deutschen Titel „Der Froschmäusekrieg" bekannt geworden sein mag.
Manche Menschen haben ein gutes Gedächtnis. Sie haben behalten, daß ein Sonett elf Zeilen besitzt, und daß früher an Stelle des Toten Meeres die Städte Sodom und Gomorrha Ingen. Andere leiden an Vergeßlichkeit. Sie werden bei der Frage, in welcher Oper die Titelheldin kein Wort zu sprechen habe, nicht auf die Stumme von Portici verfallen und lange nachdenken, ehe sie herausbekommen, daß der Sohn von Lucas Cranach dem Aelteren Lucas Cranach der Jüngere gewesen ist.
Cs kann daher nichts schaden, wenn wir hin und wieder unser Gedächtnis auffrischen. Was ist zum Beispiel Altweibersommer? Das sind die im Spätsommer herumfliegenden Faden kleiner Spinnen. Wissen Sie noch, daß der Nobelpreis auf der zweiten eilbe betont wird, und daß es falsch wird und daß es falsch ist, Guerillakrieg zu sagen, weil Guerilla schon Kleinkrieg bedeutet? Warum hieß Nansens berühmtes Polarschiff „F r a m"? Weil frani im Norwegischen „Vorwärts" bedeutet. Dreizehn Menschen sollen nie bei Tisch fihen. Der Grund? Weil Christus das Abendmahl mit seinen zwölf Jüngern einnahm. Auch der Freitag als U n g I ü rf s t a g ist darauf zurückzuführen, daß Christus an einem Freitag gekreuzigt wurde.
Hatten Sie das alles noch behalten? Welcher Mensch ist einmal geboren und zweimal gestorben? Der armeLazarus.der von den Toten erweckt wurde. Haben Sie eine Ahnung, was ein Trauermantel und was Englische Fräuleins sind? Eng- lische Fräuleins heißt ein Frauenorden in Bayern, und ein T r a u e r m a n t c l ift ein Schmet- terlinq. Kann man Kleider aus Holz machen? Nein? Aber Sie tragen ja selber welche! Aus Holz gewinnt man Zellulose und daraus wiederum —
Kunstseide. In welchem Lande liegt der Dizlipuzli? In gar keinem, denn der Vizlipuzli Ist fein Berg, sondern ein aztekischer Gott, auf den Heinrich Heine ein Gedicht gemacht hat.
Antenne heißt ursprünglich Segclstange, und die Krawatte war einst das Halstuch kroatischer Söldner. Woher aber kommt der Ausdruck Uncle Sam? Aus der Zusammenziehuna von U. S. Am. Wer hat die Freiheitsstatue im Hafen von Neuyork erbaut? Die Amerikaner? Keine Spur. Sie ist ein Geschenk der Franzosen aus dem Jahre 1876. Die Kobra ift eine Schlange. Was aber ist Kopra? Das Fleisch der Kokosnuß! Das wußten Sie. Doch woher» kommt der Ausdruck „Roter Faden"? Aus der englischen Marine, deren gesamtes Tauwerk als Erkennungszeichen einen durchgehenden roten Faden belaß. Der I b a I c r wurde zuerst als Io- achimsthaler in Ioachimsthal (Böhmen) hergestellt, und der Batzen heißt nach dem Bären (Petz) der Stadt Bern.
Wie viele feiern Ostern, ohne zu ahnen, daß dies christliche Fest nach der heidnischen Göttin Ostara benannt ist. Und der „Blaue Montag"? Ist .zurückzuführen auf die blauen Altardecken am Montag vor der Fastenzeit. Sie haben doch sicher schon einmal „Aida" gesehen, jene Oper von Verdi, die auf Bestellung für die Eröffnung des Suezkanals 1872 komponiert wurde. Wer denkt heute noch daran? Daß auf Malta heute noch arabisch gesprochen wird, dürfte fast unbekannt sein. Haden Sie die sieben Weltwunder noch behalten? Nein? Ist auch nicht nötig. Doch wie ist es mit den neun Musen? Am besten merkt man sie sich durch den Spruch:
Clio — Me — Ter — Thal Eu — Er — Ur — Po — Kal.
Dann sind sie ganz leicht aufzuzählen: Clio, Mekpo- mene, Terpsichore, Thalia, Euterpe, Erato, Urania, Polyhymnia und Kalliope. Immerhin noch leichter zu behalten als die großen und die kleinen Propheten, für die leider (oder Gott sei Dank?) noch keiner einen Merkspruch erfunden hat. Wir reden so viel vom Stein der Weisen, ohne zu wissen, daß die mittelalterlichen Alchimisten diesen Stein suchten, um mit seiner Hilfe unedle Metalle in Gold zu verwandeln.
Wissen Sie übrigens, weshalb die oberschlesische Stadt Z a b r"z e den Namen Hindenburg angenommen hat? Weil Zabrze auf Polnisch »Hinter der Burg" heißt! Die Stadt Bayonne ist nicht gerade berühmt, doch die in ihr zuerst hergestellten Bajonette kennt jedes Kind. Daß die berühmten Wiener Würstchen in Wien „Frankfurter Würstchen" genannt werden, kann jeder Wienfahrer mit Leichtigkeit fest-
in» Leben gerufen. 1904 entstand eine Leh - rervereinigung, und 1905 wurde ein deutsches Waisenhaus in Biala und das Schülerheim in Lemberg und schließlich 1907 der Bund der .Christlichen Deutschen in Galizien" gegründet. Dieser Bund wurde sehr bald zu einer wirksamen und starken Stütze de» deutschen Häus- lein» in diesem Lande. Gr gab da» .Deutsche Dolksblatt" und jedes Jahr einen eigenen deutschen Kalender heraus. Es ist ein Derdienst. daß im Jahre 1908 mit der Gründung von Raifseifenkassen. bie schon im Iahre 1910 au einem Verbände zusammengeschlösten wurden, begonnen wurde. Der Jahresabschluß von 1913 wies bereits 41 Kasten mit über zwei Millionen Kronen Spareinlagen und Darlehen auf. Außer einer anderen Reihe kultureller und wirtschaftlicher Gründungen entstanden in vielen kleinen deutschen Orten Büchereien. Gesang-, Geselligkeit»- sowie Tum- und andere Dereine. Im Jahre 1896 wurde von dem jetzigen Leiter der evangelischen Kirche in ©alizien, Superintendenten Dr. Theodor Z ö ck l e r , dem Dodelschwingh des Ostens, durch die ®rünbung eine» Kinderheims der Grundstein für die großen evangelischen charitativen Anstalten, die heute in StaniS- lau bestehen, gelegt. Am 2. Juli 1911 erfolgte in Czernowitz unter Führung de» verstorbenen iInit>eriität»profcff3K» Dr Kaindl der erste Zusammenschluß aller Karpathendeutschen einschließlich der Deutschen in ©alizien. Dieser Zusammenschluß hatte für die kulturelle und völkische Selbstbehauptung der Deutschen in den Karpathenländern sehr große Bedeutung.
Dem Aufschwung deS Dsutschtums in Galizien bereitete der Weltkrieg und nach ihm der polnisch- ukrainische Krieg, der noch weitere neun Monate im Lande tobte, ein jähes Ende, ilnb heute, nach mehr aU zehnjähriger polnischer Herrschaft, steht das verarmte und zusammengeschmolzene deuttche Häuflein im schweren und schier aussichtslosen Kampf um die wirtschaftliche, kulturelle und politische Selbsterhaltun^. Da die polnische Dolkszählung im Jahre 1921 in tendenziöser und unwahrer Weise die Stärke des Deutschtum» in Galizien entstellte, haben die Deutschen vor nicht langer Zeit selbst eine Zählung unter sich durchgeführt, die folgenden Tatbestand ergab: die Zahl der gegenwärtig in Goli zick lebenden Deutschen ist mit 59000 Seelen nicht zu hoch gegriffen. Davon entfallen ungefähr 31 000 auf evangelische und 28 000 auf römisch- katholische Deutsche. Der Abstammung nach gibt e» 13 000 Schlesier, 39 000 Pfälzer und ungefähr 7000 Sudetendeutsche. Die Deutschen in ©alixien leben in 160 Siedlungen, die teil» rein deutschen, teils gemischten Charakter haben, sowie in 80 Orten und Städten als größere und kleinere Splitter. Einen empfindlichen Schlag führte der polnische Staat gegen das Deutschtum durch die Auflösung des Bunde» der Christlichen Deutschen, die im Jahre 1923 vollkommen grundlos erfolgte. Don den während des Krieges zerstörten deutschen Dolksschulen wurden bis jetzt, zum Teil au» eigenen Kräften, 37 aufgebaut. Im Iahre 1929 wurde für den Bauernnachwuchs ein landwirtschaftlicher Kursus errichtet, der jedoch aus Mangel an Geld sehr bald wieder aufgelaffen werden mußte. Der Verband Deutscher Landwirt schaf11icher Genossenschaften zählt gegenwärtig 47 Spar- und Darlehenskassenvereine, vier städtische Kreditinstitute, zwei Molkerei- und eine Dau- und Wohnung»- genossenschaft. In kultureller Hinsicht ist beton- bet» in den letzten Iahten ein regere» Leben zu verzeichnen, das vor allen Dingen auf die Tätigkeit der evangelischen Kirche, des Verbände» Deutscher Katholiken und der deutschen ßebrer- schaft zutückzusühren ist. Die evangelische Kirche besteht aus 24 Pfarrämtern mit 47 Kirchen und Bethäusem. Die Deutschkatholik^n sind zum größten Teil den polnisch-katholischen Pfartgemeinden angeschlossen. In 17 Siedlungen befinden sich Kirchen mit Psarrsihen und in 10 Siedlungen lediglich Kapesten. Rur in sechs Pfarrgemeinden wird noch deutsch und in vier Gemeinden nur zum Teil deutsch gepredigt.
stellen. Wit schimpfen über „Äretßi und Pie- t h i", doch vor vielen hundert Jahren war das die angesehene Leibwache König Davids. Haben Sie jemals geahnt, daß Frank Wedekind, bevor er zur Bühne ging, Reklamechef der Suppenwürfel- fabrik Maggi gewesen ist ? Wenn nicht, dann wissen Sie es jetzt.
Wieviel Augen besitzt ein Neunauge? Zwei! Auf jeder Seite findet man je ein Auge, ein Nasen- loch und sieben Kiemenlöcher. Daher die Täuschung. Und wie ist es mit dem Tausendfüßer? Er bekommt laut Brehm im Höchstfälle 120 Beine, also eine stattliche Anzahl, wenn auch nicht gerade tausend. Sch woben sind eine Art Ungeziefer. Und Schotten? Zwischenwände im Schiff! .
Noch einiges für ganz Wißbegierige. Wissen Sie schon, daß man Mecrestiefen durch Nachmessen des vom Meeresboden wiederkehrenden Schalles mißt? Hoben Sie gedacht, daß der Mensch täglich V* Liter Speichel absondert? Wissen Sie noch, daß es zwar einen König Victor Emanuel II. von Italien gab, ober niemals einen Victor Emanuel L? Denn Victor Emanuel II. nannte sich so, weil sich sein Vater als König von Sardinien jdjon Victor Emanuel I. genannt hatte. Doch das würde zu weit führen. Bleiben wir bei Dingen, die uns näher liegen. Was halten Sie z. B. vom sächsischen Blümchenkaffee? Woher hat er seinen Namen? Keine Ahnung? Nun, weil er so dünn ist, daß man ayf die Blumen auf dem Grund der Tasse sehen kann. Dos erinnert schon an Treppenwitze. A propos: Was ift ein Treppenwitz, und woher kommt die Bezeichnung? Ein Treppenwitz ist eine gute Bemerkung, die einem erst einfällt, wenn man sich schon auf der Treppe befindet. Verpaßte Gelegenheiten also. Wer ein autes Gedächtnis hat. dem wird kein Witz auf der Treppe eirfallen.
Lochschulnachrichten.
An der Universität Genf ist der a. o. Professor Dr Erich Hans Kaden zum ordentlichen P r o s e s sor für römisches Recht ernannt worden. Der aus Hochheim a. M gebürtige Rechtslehrer ab- foloierte seine juristischen Studien in Gießen, Freiburg und Leipzig bei Eger, Lenel, Portsch und Mitteis. In Hessen und Preußen war er als Re- ferenbar tätig, wirkte 1922 23 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, promovierte in Gießen und bestand in Darmstadt die Assessorpru- hing. Ferner bekleidete er Assistentenstellen bet Partsch in Bonn und Berlin und bei Eger in Gießen. 1924 erwirkte Dr. Kaden seine Zulassung als Prioat- dozent für römisches und bürgerliches Recht in Hei-
Mittwoch, 29. Juli 1931
Da» deutich-evangelifche Schulwesen besteht augenblicklich au» einer staatlichen und 83 privaten Dolksschulen mit 111 Klassen und 3045 Schulkindern, au- zwei Pnvatavmnalicn und einer Dolk-lchule. Die Deiitschkathfliken verfügen nur über sieben private Dolksschulen mit neun Klassen, 326 Schulkindern und elf Lehrkräften. Eine bereit» vor drei Jahren erbaute private DvlkSfchulc hat bi» zum heutigen Tage noch keine behördliche Konzession erhalten. L.leberdie» aibt es in den katholischen Gemeinden sieben staatliche Dolksschulen mit deutscher Unterrichtssprache und 16 Dolksschulen mit polnischer Unter- ncht-sprache, wobei deutsch nur al» Unterrichts- sach meisten- erst vom dritten Schuljahr an und höchsten» zwei Stunden wöchentlich geduldet wird. Außer Kirche und Schule bilden die .deutschen Häuser", deren es im Augenblick 29 gibt, noch Stätten, wo der deutsche Gedanke und die deutsche Sprache gepflegt werden. Außerdem gibt es noch Sport-, Theater- und Gesangvereine, die zur. Förderung der beutfeßen Gesinnung und Pflege der deutschen Kultur viel beitragen.
Dieser kurze ^eberblick über die 150jährige Geschichte des deutschen Doll-splitters in Galizien kann in dieser schweren Schicksalsstunde, die da» S deutsche Dolk durchlebt, mit keinem lichten lick in die Zukunft abgeschlossen werden. Schon vor dem Kriege war deutsch zu fein in ©alizien keine Selbstverständlichkeit mehr. Uni) heute, unter polnischer Herrschaft, ist e» er ft recht zu einer schweren und ernsten LebenSaus- gabc geworden. 3m selten Glauben an den Ausstieg des deutschen Dolke» wird daS kleine Häuslein in Ostgalizien seine Ausgabe mit Mut und Treue erfüllen.
»
Oie Gießener Volkshatte.
Der Gießener Stadtrat hat sich am Freitag wieder einmal mit der Bolksballe beschäftigen müssen. Anlaß dazu gab eine Attacke des Sprechers der sozialdemokratischen Stadtratssraklion, Rccbtsanwalts Hornberger der die Behauptung aufftellte, die Volkshallc sei für die Gießener Verkehrswerbung gar nicht fördernd, sondern für die Gesck)äftswelt sogar nachteilig. Dieser Behauptung wurde von den Stadttatsmitgliedern Schwieder, Loeber und Leopold Mayer auf Grund ihrer Erfahrungen in der praktischen Verkeyrswerbung und im Geschästs- leben sofort widersprochen. Dennoch erscheint cs angebracht in der Oessentlichkeit einmal nachzuvrüsen, welche Bedeutung die Gießener Volkshallc für die Verkehrswerbung unserer Stadt besitzt und welche Auswirkungen auf unser Geschastsleben, wie auf die heimische Wirtschaft überhaupt bei ihr zu verzeichnen, sind.
Bei einer Rückschau auf die Zeit seit Bestehen der Volkshalle zeigt sich, baß sie alljährlich zahlreichen großen Veranstaltungen Raum bot, die nur in diesem großen Bau zu ermöglichen waren, da kein anderes Lokal unserer Stadt imstande ist, mehrere tausend Menschen gleichzeitig zu fassen. Das Jahr 1925 brachte nach der zunächst mehr behelfsmäßigen Herstellung des Baues als erste große Veranstaltung das Mittelrheinische Kreisturnfest, durch das Taufende von Gästen in der Volkshallc zusammengeführt wurden. Im Jahre 1926 diente die Halle u. a. zur Aufnahme von Tausenden bei dem Vortrage Dr.Ecke- ners, bei einer großen Veranstaltung des Reichsbanners und des Turnvereins 1846, die sämtlich im Sommer ftaöfanben; im September 1926 folgte dann die große Gartenbau- und Elektrizitätsausstellung, die gleichfalls von vielen taufend Menschen besucht war. Das Jahr 1927 brachte in der Volkshalle zuerst den großen Kavalleristentag, dann vom 1. bis 19. Juni eine Gewerbeausstellung, weiterhin eine Anzahl Veranstaltungen der verschiedensten Art, bei denen gleichfalls Besucherzisfern festzustellen waren, die über das Fassungsvermögen aller übrigen Gießener Lokale hinausgingen: im November des gleichen Jahres folgte dann eine große Geflügelausstellung. Auch im Iahre 1928 wurde die Volkshalle in steigen- dem Maße in Anspruch genommen: es sei hier nur erinnert an die große Tagung des Hessischen Land- bundes, an zwei bedeutende Veranstaltungen des
beiberg uni) folgte im Herbst 1925 einem Rufe als Extraordinarius für deutsches Zivilrecht nach Genf.
Der Lehrstuhl der orientalischen Philologie an der Universität L e i p z i g ist dem ordentlichen Professor Dr. Erich Bräunlich in Königsberg i. Pr. an- geboten worden. Bräunlich studierte in 5)aUe, Wien und Leipzig, wurde dort 1922 Privatdozent, 1930 Ordinarius in Königsberg.
Professor Dr. Bernhard Fehr in Zürich hat den Ruf auf den Lehrstuhl der englischen Philologie an her Universität Berlin als Nachfolger von W Sibelius abgelehnt.
Zeitschriften.
— „Der Erdball". Illustrierte MonatS- schrist für das Gebiet der Länder- und Dölker- kunde, herausgegeben von Leo Frobenius. fünfter Jahrgang Heft 7. Pre:s vierteljährlich 3 Mark. Einzelhefr 1.25 Mark. Hugo Dermühler Derlag. Ber.in-Lichterfelde. - Die ©egend von Hallstatt ist heule säst jedem bekannt durch die dorj gefundenen Gräber, der sogenannten Hallstatt- per.ode. Aber auch das moderne Hallstatt hat eine berühmte Dchödelstätte. die uns Dr. Morton int neuesten Hesl de» ..Erdball" sowohl bildlich wie textlich nähcrbringt. Die Schädel der Der- storbenen werden dort nach einigen Jahren gebleicht. mit Ramen versehen und im Gewölbe der Kirche aufbewahrl, eine nach Jahrhunderten zählende Gelch chte dcrer von Hallstatt. — Ein glanzvoller Artikel über Buddha von Professor Heinrich Zimmer unterrichtet über den großen Religionsstifter und seine Lehre. — „Geographische Gedanken zur chinesischen Kulturkrife" von Dchmilthenner, und „Chinesisches Leben im Roman" von Steinen führen in das geistige und wirtschaftliche Denken des Chinesen. Don Dagestan. das von der Sowjetrepublik modern kultiviert wird, und Honolulu, der von Amerikanern zivilisierten Südleeinlel. handeln zwei Aufsätze. Eine viellausendjährige Geschichte der Sklaverei von Dr. Rob. Pfafs-Giesberg zeiyl unS. daß bie Menschheit heute mehr denn ie zum größten Teile als in der Sklaverei lebend, anzusehen ist. Eine Reihe von weiteren interessanten Abhandlungen über Uvea und Florida ver> vollständ-gen das reich und schändebilderte Heft. Linier Frobenius' Leitung entwickelt sich die Zeisschr ft zu einer der besten völkerkundlichen Revuen


