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Kr. 149 Zweites Statt

Die außenpolitische Lektion.

Boa Dr. Paul Rohrbach.

Ein alter Grieche hat gesagt, es seien gar nicht die Tatsachen, dui^h die sich die Menschen in Verwirrung bringen liehen, sondern ihre ,Dog­men". d. h. ihre Meinungen über die Tatsachen. Ein solchesSogma" war seit der Wiederaufrich­tung der deutschen Währung der zur Weltüber- Aeugung gewordene Sah, Deutschlands Leistungs­fähigkeit sei so gut wie unbegrenzt. 3n Reuyork, in Paris, m Rauling, in der Südsee lief r.nit einem Gemisch von Bewunderung, Furcht und Be­gehrlichkeit das Wort um:Deutschland (ann allesI" Es wurde zu einer Art von Legende, und diese Legende hat uns unermehlich geschadet. Jetzt endlich ist sür zerstört, im leht- inöglichen Augenblick vor dem Zusammenbruch. Das Ausland fängt endlich an, Deutschland so zu sehen, wie es ist, nicht wie man beinahe sieben Jahre lang geglaubt hat, dah Deutschland sei.

Wenn aber das Ausland seine Lektion gelernt hat, sollten wir selber nicht auch die unsere ler­nen? Es ist nun so weit bei uns, dah sich zwi­schen dem Anfangs- und dem Endglied der Kette, die wir zu tragen haben, zwischen der Verknap­pung für jede Einzelexistenz und der Tributzah­lung der Aation im Ganzen, keine verschleiernden, für den Mann aus dem Volk schwer zu erfassenden Dinge mehr schieben. Wir erfahren jetzt, dah es kein besseres Mittel gibt, auch dem politisch Gleich­gültigen auhcnpolitisches Interesse beizubringen, als daß ihm der Zusammenhang zwi­schen der Außenpolitik und dem Stand des eigenen Geldbeutels so sin­nenfällig wird, wie heute. Rur hätte die Regie­rung den Mut und vor allen Dingen das uran­fängliche, intuitive Empfinden haben sollen, selbst in ollen ihren Kundgebungen diesen Zusammen­hang zu kennzeichnen. Warum war immer nur vom notwendigen Ausgleich des Etats, von den erhöhten Ansprüchen der Arbeitslosenversiche­rung, von den über Erwarten großen Stcurraus- fällen usw. die Rede, statt dah die bergehohen Posten für die Tributzahlungen klipp und klar als eine Hauptursache der unerträglichen Finanzlage bezeichnet wurden? Was darüber in den verschiedenen Regierungsäußerungen gesagt worden ist, trug nicht die Zeichen inneren Eins­seins mit der Dolksnot an sich. Mag das viel­leicht auch zum Teil nur am Ausdruck ge­legen haben, es. war ein Fehler, und der Fehler hat viel Schaden angerichtet.

Die Verelendung und Erbitterung, die sich in den inneren Kämpfen und den gegenseitigen Vor­würfen Deutscher gegen Deutsche entla­den, hätten sich bei einer guten Regie schon rein taktisch als eine außenpolitische Kraftquelle bar- gebeten. So handgreiflich wie jetzt Hai sich doch in der Stimmung des Volkes noch kaum jemars eine Stühe für außenpolitische Aktionen geboten. Cs ist kein Geheimnis, dah in den Parkgängen von Chequers den englischen Ministern ein bedroh­liches Dild von dieser Stimmung gegeben worden ist, und dah sie auch in den Berichten des Bot­schafters Sackett nach Washington eine Rolle ge­spielt hat. Warum aber haben wir nicht erlebt, daß unsere Regierung sich selber offen von dieser Stimmung tragen ließ, dah sie sich auch vor der Welt mit ihrem Volke als eins -ab, alle Ziel­strebigkeit und alle Energie ihres Handelns vor aller Welt Augen «us dem Volk in sich einströ­men ließ? Das ist heutzutage ein Grundgesetz aller aktiven auswärtigen Politik. Es ist ein großer Unterschied, ob eine Regierung hinter frcmirn Türen sich dcrrauf beruft, daß der ge- waltsame Ausbruch der Dvlksunzufriedsnhell droht, oder ob sie selb st als die Spitze der Woge erscheint, in der diese Un­zufriedenheit, diese Rot, aufschgu- men. Richt nur ihre Stellung nach außen, son­dern auch ihre innere Verwurzelung in der Ra­tion. deren Geschäfte sie führt, werden dadurch viel starker.

Mit der Ersüllungspolitik haben wird doch nur das Märchen von der unbeschränkten Leistungs-

Der Zntendantenwechsel in Darmstadt.

Ansprachen von Adelung, Ebert und Hartung.

WSR. Darmstadt, 28. Juni. Anläßlich des Wechsels in der Leitung des Hessischen Landestheaters hatte Staatspräsident Dr. Adelung am Zreitagnachmittag die Darm­städter Kreise, die durch ihre parlamentarische, berufliche und sonstige Tätigkeit dem Theater nahestehen, zum Tee geladen. Etwa 60 Personen waren der Einladung gefolgt. Sie wurden von dem Staatspräsidenten mit einer Ansprache begrüßt, in der er u. a. ausführte: Wieder ist das Landestheater an einer bedeutsamen Wende angelangt, an einem Wechsel in der Führung, einem das Landestheater diesmal besonders be­rührenden Wechsel, weil es nicht nur seinen seitherigen Leiter verliert, sondern auch seinen Generalmusikdirektor.

Es drängt mich zu betonen und ich weiß mich mit der Verwallungskommission des Hessischen Landeslheaters hierin einig, dah ich den Weg­gang des Generalintendanten Ebert auf das tiefste bedauere. Die Verwaltungskommission läßt Herrn Ebert gehen, weil sie seiner Laufbahn nicht im Wege sein will, die ihn auf einen schwierigen, aber bedeutungsvollen Posten führt.

Die Verwaltungskommission hat in ihrer Mehr­heit den ersten Generalintendanten des Hessi­schen Landestheaters. Herrn Gustav Hartung, wiedergcwählt. Die Verwaltungskommission war sich bewußt, dah eine Wahl Hartungs Wider­stände Hervorrufen werde: sie glaubte, diesen vorauszusehenden LInannehmlichkciten trotzdem nicht ausweichen zu dürfen, weil es hier nur aus eines ankam: eine Persönlichkeit zu finden, die für die Erhaltung der Eigenart und künstlerischen Höhe unserer Bühne Gewähr bot. Das war mit Sicherheit Herr Hartung. Gegenüber viel­fachen Behauptungen in der Oeffentlichkeit muh ich betonen, dah unsere Entscheidung von jeder politischen Bindung frei war, und ich darf nur erwarten, dah diese Erklärung re­spektiert wird. Als Herr Hartung im Jahre 1924 seinen noch laufenden Vertrag in Darm­stadt löste und trotz aller Bemühungen sämt­licher Mitglieder der früheren Verwaltungs­kommission nicht zum Bleiben zu bewegen war, hatte daS Hessische Landestheater seinen Höchst-

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Montag, 29. Juni 1931

Europäers und damit natürlich auch des Eng­länders in den Augen der Farbigen stark ge­wandelt hat und dah es von Jahr zu Jahr schwerer wird, das KpBnialreich so zu führen, wie es englische Interessen erheischen. Er hat aber, und das beleuchtet das Verhältnis zwi­schen dem dunkelhäutigen und dem weihen Mann auf_ das grellste, treffend dargelegt, welche Gründe es sind, die es dem englischen Kolonial­beamten so unerhört schwer machen, zu herrschen, und die ihn immer wieder zwingen, mit pollzei- liehen oder militärischen Mitteln gegen die auf­sässigen Eingeborenen vorzugehen. Der Sieg Japans über Ruhland ist nach seiner Meinung bi eine Ursache, die das Ansehen der weihen Rasse erschütterte, die Erlebnisse indischer Truppen im Weltkriege die andere, und der Einfluß der Kinovvrfüh- rungen die dritte. Bessere Beispiele lassen sich wohl kaum anführen. Lord Irwin war ge­wiß nicht umsonst Vizekönig von Indien, er hat Erfahrungen in Hülle und Fülle sammeln kön­nen, er weih und andere hohe britische Ko­lonialbeamte stimmen mit ihm vollkommen über­ein daß das englische Kolonialreich eines Tages der Vergangenheit angehört, wenn nicht schleunigst dafür gesorgt wird, dem weihen Mann wieder die vorherrschende Stellung zu verschaffen, die et noch vor zwanzig Jahren inne hatte, von der heute nicht mehr allzu viel übrig geblieben ist.

Aber auch Lord Irwin wird sich keinem Zweifel darüber hingeben, dah den Europäern im Farbigen ein Gegner erwachsen ist, den man nicht mehr fo behandeln kann, wie das bei der Eroberung Afrikas und Asiens der Fall war. Wir brauchen nur auf den europäischen Hoch­schulen Umschau zu halten, um sofort zu erken­nen. dah sich die Völker ferner Erdteile einen Rachwuchs heranziehen, der den Platz der Wei­ßen einnehmen und sie mit ihren Kenntnissen und Künsten überflüssig machen soll. Diese Stu­dierenden wären aber noch keineswegs zu fürch­ten. wenn nicht schon längst so gut wie alle I Kolonien des Erdballs mit ungestümer Kraft I sich aus sich selber heraus entwickeln und dafür sorgen würden, dein Europäer den Rang ab­zulaufen. Schwer wird es den Eingeborenen Afrikas und Asiens allerdings nicht gemacht, den weihen Mann aus seiner Stellung heraus- zuhelen. äleberall bedient der Farbige schon die Maschinen, er ist Soldat und weih mit den mo­dernsten Waffen umzugehen, er ist Arzt, Ge­

lehrter und Politiker, er ist Kaufmann und Be­sitzer und nur zu oft auch Brotherr von An­gehörigen jener Rasse, die ihn beherrschen will, sich aber systematisch um ihre beherrschende Po­sition bringt. Lord Irwin hat schon Recht, wenn er den Krieg für die Aufsässigkeit der Inder verantwortlich macht.

Sie wurden zu zehntausendcn aus die euro­päischen Schlachtfelder geführt, sie sahen hier alle Schwächen des weihen Mannes. Das gleiche gilt für die französischen Kolonialsoldaten, die man sogar noch auf die deutsche Bevöllerung loslieh, deren Ohnmacht man ihnen mit aller Eindringlichkeit vor Augen führte. Hinzu kom­men andere Sünden namentlich der Franzosen, so die Rassenvermischung, über deren Bedeu­tung für die französische Ration sich der Far­bige längst nicht mehr im" Unflaten ist.

Mancher Schaden liehe sich wieder kurieren, wenn nicht das Kino wäre, das Lord Irwin in Grund und Boden verdammt. Man braucht nur einmal die Berichte von China reisenden in die Hand zu nehmen, die immer wieder voller Ab­scheu über die Filme sprechen, die man der gelben Rasse vorsetzt und die den Weihen als Verbrecher, als Räuber, Mörder und Dieb zeigen. Täglich wird Hunderttausenden von Far­bigen der Europäer in diesen Rollen vorgeführL, Wo soll da noch Achtung ül rig bleiben? Gerade England hat in China die Auswirkungen dieser Errungenschaft europäischer Technik und Kultur am eigenen Leibe zu spuren bekommen. Don Jahr zu Jahr steigt die Selbstachtung und daS Selbstbewußtsein des Chinesen, der heute nicht mehr zum Weihen aufschaut, son­dern erreicht hat. daß der Engländer eine Stel­lung nach der anderen aufgegeben und sich mehr und mehr vom chinesischen Boden zurückziehen mußte. Auch hier hat der Krieg der gelben Rasse die Augen geöffnet, am stärksten sicher­lich der russisch-japanische Krieg, der alle Asiaten die Besiegbarkeit des weißen Man­nes erkennen lieh. Hinzu kommt noch die bol­schewistische Propaganda, die anti- europäisch eingestellt ist und nichts vorüber­gehen läßt, um das Ansehen des Europäers noch mehr zu untergraben. Lord Irwins Sor­gen um die Zukunft des britischen Kolonialreiches sind nur zu begründet, sie dürften schon sehr bald auf das stärkste unterstrichen werden, wenn die politische Auseinandersetzung mit den In­dern m ihr entscheidendes Stadium tritt.

Gießener Hochschnlgesellschast.

Am Sams agnachmittag vereinigte sich die G e- sellschaft von Freunden und För­derern der Universität Gießen (Gie­ßener Hochschulgesellschaft) im Uni­versitätsgebäude zu Gießen zu ihrer diesjährigen Tagung.

Rach einer Sitzung des Verwaltungsrates fand unter der Leitung des Vorsitzenden, Prvvinzial- direktors Graes, die

Hauptversammlung

statt, die diesmal stärker besucht war, als in früheren Jahren.

In dem vom Vorsitzenden erstatteten Jahres­bericht des Vorstandes wurde zunächst der im verflossenen Jahre verstorbenen Mit­glieder gedacht, deren Andenken von der Ver­sammlung in üblicher Weise geehrt wurde. So­dann wurden dem nach Tübingen verzogenen Universitätsprofessor Dr. Laqueur für seine vorbildliche und erfolgreiche Mitarbeit im Vor­stände herzliche Worte des Dankes gewidmet.

Zu Beginn des Jahres 1930 hatte die Hoch­schulgesellschaft 735 Mitglieder, durch Austritte und Todesfälle verlor Tie 49, neu eingetreten sind 19, so dah sich die M i t g l i e d e r z a h l am Schlüsse des Jahres 1930 auf 705 belief.

An Mitgliedsbeiträgen gingen im Jahre 1930 ein 10 251 Mark gegen 10 421 Mark im Jahre 1929 und 11 520,50 Mark im

Iahte 1930. Der Rückgang in den Beiträgen ist begründet nicht nur in der Verminderung Der Mitgliederzahl, sondern auch in der durch die Rot der Zeit bedingten Kürzung ihrer Beiträge durch einzelne Mitglieder.

Ueber die Werbetätigkeit Im abgelaufe­nen Jahr teilt der Werbeausschuh u. a. folgendes mit: Roch in keinem Rechnungsjahr hat die wirt­schaftliche Rot die Werbetätigkeit unserer Gesell­schaft so geschädigt, als in dem laufenden. Der Ruf nach demzweiten Mann", den ein je­des Mitglied zum Beitritt werben möchte, ist seit 2 Jahren ohne jeden Erfolg verhallt. Leider steht auch aus den Kreisen, die von der Uneigennützig­keit, wie von der Rützlichkeit unserer Bestrebun­gen für die Landeshochschule überzeugt sein müß­ten, so mancher noch abseits unserer Gesellschaft. Es gehört fast ein beneidenswerter Optimismus dazu, angesichts dieser Erfahrungen immer noch die Hoffnung zu hegen, unter den von der Uni­versität ausscheidenden Studenten Mitglieder für die Hochschulgesellschaft gewinnen zu können. Unsere Hoffnung auf eine Besserung der wirt­schaftlichen Verhältnisse im abgelaufenen Ge­schäftsjahr ist mehr wie enttäuscht worden. Roch niemals hat ein solcher finanzieller und seelischer Druck auf dem deutschen Volke gelastet. Der Um­stand, daß 5 Millionen erwerbsfähige Menschen nicht beschäftigt werden können, beleuchtet besser als Worte es vermögen die Gröhe des volkswirt-

und Wiederaufbaufähigkeit Deutschlands genährt und den anderen nur immer größeren Appetit gemacht. Wir haben unsere Wirtschaft mit Aus- landskapital wiederhergestellt. Das war an sich kein Fehler, aber wir haben uns zugleich dabei künstlich für etwas statt gemacht, was in Wirk­lichkeit über unsere Krall ging. Wir haben im Ausland, auch im gutgläubigen und wohl­wollenden, jahrelang den Eindruck erweckt, daß unsere Wirtschaft aus die Dauer stabilisiert sei. Wir haben die Milliarden, die uns daraufhin ge­borgt wurden, sicher nicht in allen Fällen zweck­mäßig angewendet. Wir sind mit den Tributzah- lungen so leidlich durchgekommen, solange das geborgte Geld vorhielt. Im Grunde aber, das sehen wir jetzt, war diese Methode doch nichts anderes, als eine Art Wettlauf mit der Pleite, und als die große Weltwii.scha tskrise da war, ist uns im Wettlauf plötzlich Der Atem ausgegangen. Wir haben gehofft, solange Schul- den mit Schulden befahlen zu können, bis die Lieberschüsse unserer eigenen Volkswirtschaft aus­reichen würden. Das war die große Fehlkalku­lation. Jetzt ist es so, daß sobald wir eine außen­politische Aktion unternehmen, die unseren Geg­nern unerwünscht ist, die Waffe der elf Milliar­den kurzfristiger Auslandskredite gegen uns an­gewandt wird, verbunden mit schweren Attacken gegen die Mark. Das erstemal kam es so wäh­rend der Pariser Tributkonferenz, das zweitemal (nicht ganz aus demselben, aber doch aus einem verwandten Grunde) nach den Septemberwah­len, und das drittemal jetzt, bevor die befreiende Kundgebung aus Amerika eintraf. Und diesmal war die Situation gefährlicher, als manche ahnen.

Man soll uns nicht so verstehen, als ob wir Kritik um der Kritik willen treiben wollten. Wir sind am Rande des Abgrundes gewesen, und eine hilfreiche Hand hat uns gerade noch zu- rückgerissen. Alle diejenigen, die geholfen haben, diese Hand herbeizurufen, verdienen unseren Dank, unsere eigene Regierung nicht zum wenigsten. Wir bedauern es aber, dah unsere Regierung nicht stärker in Fühlung mit den in der Ration vorhandenen Stimmungen gelebt und gehandelt hat. Beim Militär sagt manTuchfühlung". Scheinbar ist das nur eine äußerliche Sache. In Wirklichkeit geht davon ein bestimmtes Gefühl aus, das Gefühl der Geschlossenheit in einem aus lauter Einzelgliedern bestehenden Körper. Diese Art Fühlung gehört sich zwischen einem Volk und seiner Regierung. Die Ration muß empfinden, daß sie nicht regiert wird, sondern dah alle Kraft der Regierenden aus der Fühlung mit ihr, der Ration, kommt. Das ist nicht Demokratie in je­nem formalen Sinn, als ob einundfünfzig Leute unter allen Umständen mehr Recht hätten, als neundvierzig. Trotzdem beruht darauf die sicht­bare innere Kraft der Regierungen in dende­mokratischen" Ländern des Westens. Es ist wahr, unsere trostlosen deutschen Parteiverhältnisse machen es schwierig. Wenn jedoch eine Besserung des Parteielendes bei uns überhaupt kommen soll, bann wird sie einmal von dieser Seite kommen müssen. Wir sollen doch nicht glauben, dah mit einem helfenden Schritt von Amerika her die Schwierigkeiten schon überwunden wären. Es wird noch viel auswärtige Politik in nächster Zeit ge­ben, für die wir die jetzt gehabte Lektion,. zu verwenden haben werden.

Der farbige Gegenspieler.

Englische Kolonial orgen.

Die Engländer haben, was sie nur ungern ein- gestehen, insgeheim schwere Kolvnial- sorgen. Sie glauben zwar nach wie vor an die Unerschütterlichkeit ihres R'.esenreiches, sie können aber nicht mehr vor der ^Tatsache die Augen verschließen, dah die farbige Bevölkerung ihres asiatischen und afrikanischen Besitzes ihnen zum Teil schon restlos entglitten ist, zum anderen Teill aber mit aller Macht daran arbeitet, sich von brittschem Einfluh und britischer Bevor­mundung frei^umachen. Eben erst hat sich der frühere Vizekonig von Indien, Lord Irwin, bitter darüber beklagt, daß sich das Bild des

st and an Besuchern in Miete und Tages- verkauf und das günstigste Verhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen erreicht. Die Trübung der Atmosphäre wird wieder verschwinden. Jetzt kommt es darauf an, das Interesse des Instituts über alles andere zu stellen, um dem neuen Leiter des Hessischen Landestheaters das endlich befrie­dete Feld für seine künstlerische Arbeit freizu­geben.

Der scheidende Generalintendant Prof. Ebert dankte zunächst dem Staatspräsidenten für die An­erkennung, die er ihm und seiner Tätigkeit am Landestheater gezollt habe. Dollen herzlichen Dank aber habe er auch zu sagen der Darmstädter Oeffentlichkeit. Prof. Ebert fuhr fort: Darmstadt hat wie kaum eine andere Stadt eine für das TheaterbegeisterungsfähigePubli- kumsschicht, die trotz schwerster Rotzeit dem Theater die Treue gehalten hat und halten wird. Aus altem Kulturboden gewachsen hat der Darm­städter einen lebendigen Kunstwillen für das Reue. Künstlerische Tradition und Entwicklungsfähigkeit sind in ihm vereint. Vor allem aber zeichnet ihn aus ein feinfühliger Sinn für das Wahre und Echte der Kunst. Was der Theatermann jedoch am stärksten in Darmstadt empfindet, das ist die Frei­heit. Helfen Sie mit, daß der schöne und seltene Boden, aus dem in Darmstadt die Theaterkunst wächst, nicht durchPolitik" zerstört und zersetzt wird, die nach Mottven sucht und sie finden will, wo sie nicht vorhanden sind. Darum mein Wunsch:

Man möge über allem die Leistung und die künstlerische Persönlichkeit gelten lassen: man möge in der Arbeit des Intendanten keine anderen Motive suchen als Demut vor künstleri­scher Gestaltung. So wird über alle Stürme das geliebte Hessische Landestheater zur Gestaltung und zur Leistung kommen, Darmstadt und dem Hessenland zur Freude und Ehre!

Der neue Generalintendant Hartung ging von dem ®ebanfen aus, es sei Aufgabe des Tea- terleiters, sich in der Arbeit zu präse- tieren und nicht durch eine Rede einzuführen. Er spreche darum nur kurz. Schon einmal sei er hier aus einer umstrittenen Wahl als Intendant her­vorgegangen, doch nach der Wahl hätten die Kämpfe geschwiegen und das entscheidende Gre­mium habe sich einmütig hinter den Intendanten gestellt. Sache des Theaterleiters sei es, die Ver­antwortung für seine Arbeit selbst zu tragen und sie nicht an eine übergeordnete Instanz abzuwäl- zen, sonst sei es seine eigene Schuld, wenn seine Position geschwächt werde. Der Redner dankte dem Staatspräsidenten für die anerkennenden

Worte, die er seiner früheren Tätigkeit in Darm­stadt und seinem neuen Anfang gewidmet hat und fuhr fort: Run ist eine Zeit der Reife gekommen, die ein Theater der Reife bedingt. Mit aktuellen Problemen versorgen heute Versammlungen und Zeitungen ausreichend das Publikum. Das Thea­ter ist keine Zeitung, es hat bestenfalls Probleme des Zeitalters in seiner Art aufzuzeigen. Das Pu­blikum bringt heute dem Theater eine ganz andere Sehnsucht entgegen: Es will eingeordnet sein in dem ewigen Ablauf der Dinge. Damit ist die Z e i t der Klassik wieder gekommen. Der Mensch von heute hat ein Recht auf ein erheben­des, ein freudiges Theater! Sein Lebensaefühl soll gestärkt, nicht ver nindert werden. Auf Teinen fchweren Alltag soll ein Abglanz dessen fallen, was er im Theater erlebte. Wenn das erreicht wird, bann erfüllt bas Theater von heute seine bedeutende Mission.

Kleine Begebenheit in einer großen Stadt.

Die Gegend um den Schlesischen Bahnhof in Berlin steht nicht gerade im besten Rufe. Wenn man auch nicht von einemKlein-Chikago" sprechen tonn das besteht nur in der Phantasie fensationshungriger Reporter, aber ein großer Teil, was es in Berlin an Llnterweltsexistenzen gibt, ist hier zu Hause. Dumpfe graue Straßen, kein Baum, in den Fenstern keine Blume, schmal­brüstige blasse Kinder, halbwüchsige Burschen in den Hausfluren ein wirkliches Elendsviertel.

Da erscheint dieser Tage ein Herr mit einem großen Korb unter dem Arm. Ein älterer Mann, nicht gerade elegant gekleidet, aber man sieht es ihm an, dah er der Mittelschicht angehört. Er stellt sich mitten auf die Koppenstraße und ruft: Wer Hunger hat, her zu mir! Lind öffnet sei­nen Korb, der bis an den Rand mit frischen knusprigen Semmeln gefüllt ist.

Die Halbwüchsigen kommen mit schlenkernden Schritten heran. Das ist ihnen denn doch noch nicht passiert. Hier in der Koppenstraße, am hellichten Rachmittag! Sie sind von Ratur aus mißtrauisch, das Leben hat ihnen keine anderen Erfahrungen erlaubt. Sie mustern den Mann ein wenig von der Seite. Ob da nicht etwas dahinter steckt? Man kann sich doch nicht einfach auf die Straße stellen und Semmeln verschenken! Doch der ältere Herr lächelt ihnen freundlich zu und streckt chnen ermutigend ein Brötchen entgegen. Die Burschen grinsen. Wenn man etwas geschenkt

bekommt, wird man doch nicht nein sagen, heut­zutage! Unb so nehmen sie denn die Semmeln einer nach dem andern, bis der Korb leer ist. Inzwischen haben sich Hunderte angesammelt, die Arbeitslosen kommen aus ihren Wohnungen her­unter, jeder möchte an dieser Gratisspeisung teil­haben.

Da geht der freundliche Herr zum nächsten Bäcker unb läßt sich seinen Korb nachfüllen. Unb er kommt noch ein drittesmal. Als die Semmeln nicht reichen, müssen Pfannkuchen und Schnecken aushelfen. Unermüdlich reicht er Stück für Stück aus seinem Korb, er sagt kein Wort, aber jedem lächelt er an.

Und diese Burschen, die gewohnt sind, ihre Ber­liner Schnauze an all und jedem zu wehen, wer­den still. Sie grinsen nicht mehr, sie schauen stau­nend diesen Mann an. Sie wissen, was für ein Mut dazu gehört, sich gerade hierherzustellen, ohne Furcht, verlacht und verhöhnt zu werden. Dieser Mensch hat es fertig gebracht ofjnt viel Aufhebens davon zu machen. Als man ihn zum Schluß hochleben lassen wollte, war er still verschwunden...

Hochschulnachrichten.

Rektor und Senat der Technischen Hochschule zu Darmstadt haben auf einstimmigen Antrag der Abteilung für Chemie dem Geyeimen Hofrat Dr. phil. Dr.-Ing. h. c. Carl Glaser in Heidelberg mit Rücksicht auf seine außerordentlichen Verdienste um die chemische Industrie und sein großes Interesse, das er der Ausstattung des Äekulö-Zimmers an der Technischen Hochschule Darmstadt entgegengebracht hat, die Würde eines Ehrensenators erteilt. Dr. Glaser feierte am 27. Juni seinen 90. Geburts­tag.

Der durch den Tod von Professor H. Kniep an der Universität Berlin erledigte Lehrstuhl der Bo­tanik ist dem ordentlichen Professor Dr. Kurt Noack in Halle angeboten worden. Dr. Noack hat erst kürzlich einen Ruf an die Universität Freiburg i. Br. als Nachfolger des Geh. Hofrats Professor Ollmanns erhalten.

Der Wiener Nationalökonom Professor Dr. Hans Mayer hat einen Ruf an die Universität Kiel als Nachfolger von Professor 21. Löwe erhalten. Dr. jur. Mayer, der an der Wiener Universität den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und -Politik sowie Finanzwissenschaft bekleidet, lehrte früher an der Deutschen Universität in Prag unb an der Universität Graz.