Nr. 279 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 28. November Ml
AeliesSteueMaiinGießeli
Unter dem Drucke des Reichsfinanzministers und der entsprechenden Verfügungen des hessischen Innenministers wird in Gießen, laut heutiger Bekanntmachung, ein neues (Steuerbittat in Kraft gesetzt. Es handelt sich dabei um die Gemeinde- biersteuer und um die Gemeindegetränk e st e u e r, die mit Wirkung vom 1. Dezember 1931 erhöht werden, ferner um die Bürgersteuer, die man für das ganze Rechnungsjahr 1931 in der Höhe des Dreifachen des Landessatzes erheben will.
Die Stadtverwaltung wies in einer Vorlage an den Finanzausschuß des Stadtrats auf ein Rundschreiben des hessischen Innenministers an die Kreisämter hin, in dem mitgeteilt wird, daß der Reichsfinanzminister Zuweisungen aus der R e i ch s- hilfe an die Gemeinden nur dann genehmigen werde, wenn die Voraussetzung der Ausnutzung der Gemeindebiersteuer, der Gemeindegetränkesteuer und der Bürgersteuer „in der erforderlichen Höhe" erfüllt fei. Dieser Tatbestand könne nach Lage der Dinge und in Anbetracht der voraussehbaren Entwicklung in diesem Winter nur dann anerkannt werden, wenn die Gemeindebiersteuer mit dem Doppelten der reichsrechtlichen Steuersätze, die Gemeindegetränkesteuer mit mindestens 10 vorn Hundert des Kleinhandelspreises und die Bürgersteuer mit mindestens dem Dreifachen des Lan- besfatzes erhoben werde. Erhebe — so führt der Reichsfinanzminister in einem Rundschreiben an die Landesregierungen weiter aus — eine Gemeinde auch nur eine dieser Steuern nicht, o^r mit niedrigeren Sätzen, so werde das als Verzicht auf die Beteiligung an der Reichshilfe angesehen werden: in solchen Fällen werde er von der gesetzlichen Möglichkeit Gebrauch machen und die aus die betreffende Gemeinde entfallenden Beträge bei Ueberweisung der zweiten und folgenden Rate zu- rückbehalten müssen.
Der hessische Innenminister empfiehlt- in feinem Rundschreiben an die Kreisämter diesen Standpunkt des Reichsfinanzministers sofort zur Kenntnis der in Frage kommenden Gemeinden zu bringen und sie zu einer umgehenden entsprechenden Beschlußfassung zu veranlassen. Sollte eine Gemeinde sich weigern, den erforderlichen Beschluß zu fassen, so wäre vom Kreisamt auf Grund der Verordnung zur Sicherung der Haushalte von Gemeinden das Erforderliche unverzüglich zu veranlassen. Damit wird also den Kreisämtern zur Pflicht gemacht, daß sie einer widerstrebenden Stadtverwaltung und einem gleichfalls opponierenden Stadtrat die Steuerer- höhungdurch Diktataufzwingen können. Angesichts dieser Sachlage hat die Stadtverwaltung gestern nachmittag dem Finanzausschuß des Stadtrats folgenden Antrag mit erläuternden Schlußbemerkungen unterbreitet:
„Der Finanzausschuß wolle beschließen:
Es werden entsprechend der Verfügung des Herrn Reichsministers der Finanzen und des Herrn hessischen Ministers des Innern vom 17. 3Xo- vember 1931 erhoben:
1. die Gemeindebiersteuer mit Wirkung vom 1. Dezember 1931 ab bis zum Schlüsse des Rechnungsjahres 1931 in höhe des zweifachen der reichsrechtlichen Steuerfähe;
2. die Gemeindegetränke ft euer vom 1. Dezember 1931 ab bis zum Schluffe des Rechnungsjahres 1931 mit einem Steuersatz von 10 vom hundert des Kleinhandelspreises;
3. die Bürger ft euer für das Rechnungsjahr 1931 in höhe des Dreifachen des Landesfahes.'
An Mehreinnahmen find aus dem Antrag zu erwarten:
l.aus Erhöhung der Gemeindebier-
fteuer für 4 Monate 25 000 RM.
2. aus Erhöhung der Gemeindege
tränkesteuer für 4 Monate 7 000 RM. 3. aus Erhöhung der Bürgersteuer
für das Rj. 1931 70 000 RM.
zusammen: 102 000 RM.
Den obigen Verfügungen des Herrn Reichsministers der Finanzen und des Herrn hessischen Ministers des Innern ist in den Städten Darmstadt, Mainz, Offenbach und Worms bereits entsprochen worden. Lediglich in Mainz ist über die Erhöhung der Getränkesteuer noch nicht entschieden.
Es wird angefügt, daß in den preußischen Tlad)- barffäbten Marburg und Wetzlar die Anordnungen des Herrn Reichsministers der Finanzen bereits feit einiger Zeit erfüllt find, wobei die Stadt Wetzlar die Bürgerfteuer in höhe von 350 v. h. erhebt.
Angesichts der Finanzlage der Stadl und des unausgeglichenen Voranschlags kann — ebensowenig wie in den vorgenannten Städten — ein Verzicht auf d i e Reichshilfe keinesfalls verantwortet werden. Aus diesem Grunde ist auch die Stadt Gießen gezwungen, das Ultimatum des Herrn Reichsministers der Finanzen notgedrungen anzunehmen." Wie nicht anders zu erwarten war, hat der Finanzausschuß des Stadtrates diese neue steuerliche Belastung e i n st i m m i g a b gelehnt. Maßgebend für seinen Entschluß war die Erwägung, daß in dieser überaus schwierigen Zeit neue Steuerlasten mit Zustimmung der Vertreter der Bürgerschaft unter keinen Umständen eingeführt werden können, weil die Steuerschraube ohnehin schon um ein Vielfaches überdreht und bei neuen Abzapfungen in das bekannte Faß ohne Boden eine Belebung der Wirtschaft völlig ausgeschlossen ist. Die Stadtverwaltung hat, wie wir wissen, Verständnis für diese Ansicht, die der Meinung der gesamten Steuerzahler entspricht, und sie Hat sich nach unserer Kenntnis der Dinge auch lange gesträubt, mit dieser erneuten Steuerforderung Herauszukommen. Auf der anderen Seite mußte sie aber als unausweichlichen Zwang den erheblichen Fehlbetrag im Haushalt — den man heute wohl nicht zu hoch auf 600 000 Mark beziffern kann — und die ultimative Forderung des Reichsfinanzministers ansehen und danach handeln, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, den Finanzzuschuß des Reiches (die sog. Reichshilfe für die von Erwerbslosigkeit besonders in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinden) zu verlieren und damit die Finanzlage der Stadt nur noch schwieriger als bisher werden zu lassen. Unter dem Drucke dieses Zwanges mußte sie von sich aus die neuen Steuern in Kraft setzen, die Verantwortung hierfür aber geht zu Lasten derjenigen Stellen, die durch die Notverordnungsdiktatur das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden nahezu völlig ausgeschaltet haben.
Auf Grund der neuen 300-v. H.-Bürgersteuer, der Verdoppelung der Gemeindebiersteuer und der Gemeindegetränkesteuer in Höhe von 10 v. H. des Kleinhandelspreises kann die Stadtverwaltung die Summe von 102 000 Mark als Mehrertrag auf der Einnahmeseite des Stadthaushaltes verbuchen. Leider dürfte diese steuerliche Mehrbelastung für einen Teil unseres Gastwirtsgewerbes, aber auch für die Brauindustrie und die übrigen Unternehmungen des Getränkegewerbes schwerwiegende Folgen haben, die in einem weiteren Konsumrückgang, besonders unter den gegenwärtigen schwierigen Verhält-
WeffenMdbinich?
Roman von Fr. Lehne.
(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Selbstverständlich wird es mir ein gam besonderes Vergnügen sein, Sie, Fräulein Ebba, unter meine schützenden Fittiche zu nehmen! 2m Speisewagen wird Ihnen die Zeit in meiner Gesellschaft hoffentlich sehr angenehm vergehen: denken Sie nicht auch?" Er suchte ihren Blick, und errötend sagte sie ganz leise: „ja, Herr Graf."
„Run sehen Sie, dann sind wir uns ja einig!" Bei sich dachte er aber — „Speisewagen? Ausgeschlossen! Allein mit ihr, sie in den Arm genommen und sich mal satt geküßt!" Wann hatte er sie eigentlich zuletzt geküßt? Das war schon sehr lange her! Und er hatte eine so große Sehnsucht nach diesem süßen Mund. Aber heute ging er nicht, ehe er sich nicht Tribut von ihren Lippen geholt!
„Frau Lenz, darf ich bitten, den Rucksack aus- zupacken? Ich glaube, für Herrn Lehrer hat unsere Matz zwei Flaschen Mosel gestiftet, die Sie auf die Gesundheit meines alten Herrn trinken wollen! Ob für Fräulein Ebba auch eine Ueberraschung dabei ist, weiß ich nicht: jeden- solls wird Mamsell ihren Liebling nicht vergessen haben, da sie für meine Schwester allerlei gell aden hat! Sie ist nicht gut gelaunt; ihr Rheuma plagt sie so sehr, sonst wäre sie selbst gekommen; sie braucht ein bißchen Jugend um sich, die sie aufheitert —“
Lehrer Lenz trug mit einem Wort der Entschuldigung gegen Hanno den ziemlich schweren Rucksack nach der Küche, um ihn dort mit seiner Frau auszuleeren.
Auf diesen Augenblick hatte Hanno gewartet. Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden geschlossen, als er auch schon aussprang, die zitternde Ebba an seine Brust riß, und sie mit einer Flut vxn Küssen überschüttete, ihres Widerstandes nicht achtend.
.„Hast du schon einmal Durst gehabt, Liebste, f» einen rechten, brennenden Durst —? Solchen Durst habe ich nach dir!" flüsterte er in ihr Ohr, „unS weißt du, worauf ich mich unbändig freue?
Aus die Reise nach Dresden mit dir — wir Ätrei, mein Schatz —“ Sie machte sich los, ängst- I ch nach der Tür blickend — nicht, Hanno, Iv nicht doch —!"
„Du mußt auch wieder mal aufs Schloß kommen, kleine Ebba - ich werde einen Grund dazu fiiii'en —"
.Rein, Hanno, nein!“
„Doch, ich will es! Was kannst du dagegen tun, wenn ich etwas will, Mädel! Dein Wille ist nur ein Strohhälmchen gegen den meinen!“ Mit lächelnder Ueberlegenheit sah er sie an.
Sie hatte ihre Arbeit als Schuh gegen ihn wieder zur Hand genommen. Wie war er unvorsichtig! Jede Minute konnten die Eltern wieder eintreten! Das Herz Hopste ihr heftig, während er seelenruhig im Korbsessel Platz nahm und sie unausgesetzt beobachtete. Die Finger zitterten ihr, daß sie kaum die Radel halten konnte.
„Bist ein entzückender süßer, kleiner Kerl, meine Ebba —!" Seine sehr scharfen Ohren hatten nahende Schritte gehört; in anderem Ton, in gleichgültigem Unterhaltungston, begann er — und weiter schrieb Inga, daß sie die Tage bis zu Ihrer Ankunft zählt — Sie fehlen ihr sehr; keine von ihren neuen Freundinnen könne ihr die Ebba ersetzen —“
Die nun wieder eingetretenen Lehrersleute bedankten sich vielmals für das Mitgebrachte und dafür, daß der Herr Gras sich selbst bemüht —
„Die Mühe war nicht so groß, da ich sowieso im Dorfe zu tun habe — zu Ihrem Sohne muß ich auch noch gehen, ich möchte mit ihm einiges besprechen." —
Man hatte zu Abend gegessen.
Der Lehrer las, fein Pfeifchen schmauchend, die Zeitung, indessen Frau und Tochter sich weiter mit ihren Räharbeiten beschäftigten.
Da klopfte es an das Fenster — „ich bin es, die Mählern, ich bringe den Zucker." — Christel Lenz öffnete die Haustür, die schon längst zu- geschlossen war, und ließ die Frau eintreten.
„Sie brauchten den Zucker doch so nötig, Frau Lenz; heute nachmittag habe ich ihn bekommen und gleich für Sie abgewogen —“
„Es hätte ja Zeit gehabt bis morgen! Dielen Dank!"
Die alte Frau war immer sehr aufmerksam und gefällig, wo sie nur konnte. Es schien der Frau Lenz immer, als wollte sie gutmachen, was ihre Enkelin damals vor zehn Jahren verschuldet. Doch das ließ sich nie vergessen, wenn sie auch einsah, daß die ein wenig beschränkte Frau nichts dafür konnte. Aber — daß s i e nicht hatte schweigen können — daher war ja das ganze Unheil gekommen!
„An den Herrn Lehrer hätte ich eine Bitte —" Frau Mähler nahm aus ihrem Korb ein amtliches Schreiben — „vorn Steueramt! Ich werde aber nicht klug daraus — wenn der Herr Lehrer es mal durchlesen mochten —?"
Gern erfüllte Christian Lenz ihr die Bitte und erklärte ihr das Rötige.
Mit vielen Dankesworten stand Frau Mähler auf. Sie seufzte.
„Die Lotte kam gestern auch wieder. Aus Dresden. Sie hatte dort eine so schöne Stelle als
nissen für jede Familie und für jede Einzelperson, zutage treten werden. Ferner wird sich die schärfere Anspannung der Bürgersteuer bei manchen Familien in Einschränkungen auf anderen Gebieten der Haushaltswirtschaft äußern und in der Gesamtheit dieser Erscheinungen auch einen Nachteil für die ganze Geschäftswelt zutage fördern. Die Schattenseiten dieses neuen Steueraufbaues werden also, darüber ist sich auch die Stadtverwaltung durchaus im klaren, sehr stark sein. Wenn es bei dieser Sachlage, bei der das Kostgängertum der Kommunen am Tische des Reiches wieder einmal kraß in Erscheinung tritt, überhaupt eine Entschuldigung gibt, so ist es der Hinweis auf die Reichs- h i I f e , die nach der Einführung dieser drei Steuererhebungen nunmehr formell auch unserer Stadt gesichert ist. Hoffentlich erfüllen sich aber auch die finanziellen Hoffnungen auf das Reich, die man heute an die Auswirkung der Reichshilfe zugunsten unserer kommunalen Finanzen knüpft.
Bei dieser Gelegenheit sei auch ein kurzes Wort zu der Frage des Standgeldes auf dem Viehmarktplatz gesagt. Die Vertreter des Viehhandels haben sich seit einigen Wochen bei der Stadtverwaltung wiederholt um eine Herabsetzung der Viehmarktgebühren bemüht. Nachdem sie anfangs das völlig verfehlte Mittel der Boykottan-
drohung ins Treffen geführt hatten, damit aber keinen Erfolg erzielten, weil naturgemäß eine solche Frage unter dem Drucke eines Boykottplanes schon im Hinblick auf die weittragenden Konsequenzen für die gesamte städtische Finanzwirtschaft nicht entschieden werden kann, gilt seit dem 17. November, dem Tage der Verfügung der hessischen Regierung an die Kreisämter, auch für die Biebmarttgebübrenfrage der Standpunkt des Reichsfinanzministers, daß keine Kommune auf eine Einnahmequelle verzichten darf, wenn sie sich, nicht selbst von der Berücksichtigung bei der Reichshilse ausschließen will. Die „höhere Gewalt des Reichsfinanzministers" mit ihrem rücksichtslosen Druck auf die Gestaltung der kommunalen Haushaltsführung ist also auch bei dem Wunsche des Viehbandeis als unüberwindbares Hindernis aufgetreten und hat eine Regelung unterbunden, über die unter anderen Verhältnissen — selbstverständlich ohne Boykottan- brobung — wohl zu sprechen gewesen wäre und die sicherlich auch zu einem Einvernehmen geführt hätte. Man darf wohl annehmen, daß die maßgeblichen Führer des Biehbandels dieser Sachlage, einsichtsvoll gegenübertreten werden und die Verwirklichung ihrer Wünsche auf einen Zeitpunkt verschieben, an dem der Druck von Berlin nicht mehr so gewaltig ist, wie heute.
Kaust deutsche Waren!
Worüber jedermann ernstlich nachdenken sollte. — Stützt den heimischen Markt.
Die Mahnworte von Frau Ilse Schmidt-Wissendorf in dem Art.kel „W internotundKolo- n i a I a r b e i t“ (Gießener Anzeiger vom 16. Ao- vember): „Die kolonial Interessierten müssen die Arbeit fortzusetzen, um dem Volk klarzumachen, daß es fein Lebensbedürfnis erfordert, daß es Kolonien hat", geben Veranlassung, einmal die Frage aufzuwerfen, ob der Mensch der Gegenwart überhaupt einen Begriff davon hat, wie eng jeder einzelne mit der Weltwirtschaft verknüpft ist. Hie und da werden in den Zeitungen Zahlen über die Einfuhr von Aahrungs- und Bedarfs-Artikeln mitgeteilt, es wird auch manchmal darauf hipgewiesen, daß dieses oder jenes entbehrt werden könne, aber die Nutzanwendung für den einzelnen wird vermißt. Wir können nur dann zu einer klaren Erkenntnis kommen, wenn wir unser eigenes Leben und Treiben einmal einer kritischen Betrachtung unterziehen. Erst dann wird uns die enge Verbundenheit mit der Weltwirtschaft klar, erst dann können wir erkennen, daß in vielen Dingen
die Selbslerziehung eine wesentliche Befserung unserer Lage herbeiführen kann.
Beginnen wir einmal mit unserem Tageserleben. Wenn uns der Wecker morgens weckt und wir uns ankleiden, müssen wir uns schon sagen, daß die Wolle oder Baumwolle, das Leinen, der Hanf, Flachs, die Seide, die Jute oder die sonstigen Gewebe ,die wir zu unserer Kleidung benötigen, nicht alle aus dem Inland stammen, daß zum mindesten ein erklecklicher Teil der Rohstoffe eingeführt werden muh. So müssen wir nach Abzug unserer Ausfuhr immer noch für 349 Millionen Mark Wolle, 426 Millionen Mark Baumwolle, 69 Millionen Mark Seide, 13 Millionen Mark Hanf, Flachs, Jute einführen, um den Bedarf unserer Bevölkerung zu decken. Die Ziffern geben den Stand vom Jahre 1930 wieder. An diesen Dingen wird nicht allzuviel gespart werden können, solange unsere heimische Landwirtschaft nicht mehr Wolle erzeugen kann, und wir für Baumwolle usw.
keinen gleichwertigen Ersatz gefunden haben. Alle Versuche, die z. B. von den Kriegsamtstellen vom Jahre 1917 ab gemacht wurden, an Stelle von Baumwolle andere Gespinstarten zu sehen, sind restlos fehlgeschlagen.
Nun kommen wir zur Reinigung des Menschen und zu all' den kosmetischen Mitteln, Seifen, Salben, Parfümerien usw. Der Schwamm, mit dem wir uns waschen, stammt hauptsächlich aus der Levante, der G ummisch wa mm aus überseeischen Rohprodukten, zur Herstellung der Seifen werden zum großen Teil ausländische Oele und Fette verwendet. Bei diesen Mitteln zur Körperpflege, wie auch bei Zahnbürsten, Haarbürsten und Kämmen können und sollen keine Einschränkungen eintreten, zumal diese auch ziffernmäßig gar nicht so sehr ins Gewicht fallen, worauf aber unbedingt Wert gelegt werden muß, ist, daß man stets deutsche Erzeugnisse verlangt. Ganz besonders gilt dies für die Parfümerien aller Art. Unsere deutschen Firmen sind auf diesem Gebiet so leistungsfähig, daß wir keinesfalls auf die Produkte französischer Firmen, z. B. der berüchtigten Firma C o t y , zu- rückgreifen müssen, deren Deutschfeindlichkeit weltbekannt ist. Auf diesem Gebiet sollten unsere Damen mehr National stolz entwickeln. Unseren Männern, die sich selbst rasieren, geben wir die Mahnung:
kauft deutsche Apparate und deutsche klingen und Messer,
denn auch auf diesem Gebiet steht unsere Industrie irr keiner Beziehung nach.
Und nun setzen wir uns an den Frühstückstisch. Was wünschen die Herrschaften? Kaffee, Tee oder Kakao? Kaffee! In 1930 haben wir für 2 9 6 Millionen Mark eingeführt, hauptsächlich aus Brasilien, Guatemala, Salvador. Nun bat sich Kaffee bei uns als Volksgetränk derart eingebürgert, daß wir nur sehr schwer eine Wandlung eintreten lassen können. Wir trinken am Morgen, am Mittag, am Nachmittag und am Abend Kaffee und haben uns so daran gewöhnt, daß wir ibn
Verkäuferin in einem Kolonialwarengeschäft; aber nirgends Hält sie aus — es ist ein Kreuz mit ihr!" „Sie haben ihr immer zuviel Willen gelassen, Frau Mähler! Das Mädchen ist Ihnen über den Kopf gewachsen; etwas Rechtes hat sie nie lernen wollen! Bei Ihnen ist sie doch am besten aufgehoben, ehe sie schließlich auf schlechte Wege kommt!"
Ratürlich hatte es sich im Dorfe herumgesprochen, daß Ebba Lenz Komtesse Inga in Dresden besuchen würde. Lotte Mähler, die davon gehört, war voller Reid und Mißgunst. Sie war auch in Dresden gewesen, hatte aber gar nichts von der schonen Stadt gehabt, hatte nur arbeiten und sich plagen müssen — und Ebba Lenz sollte dort in Vergnügungen schwimmen —?
Ah — wenn die Leute wüßten, was sie wußte!
Roch hatte sie das Geheimnis gewahrt — solchen Trumpf gab man nicht vorschnell aus der Hand--jetzt aber war es so weit, sonst würde
das Lehrertöchterchen gar zu übermütig! —
Rach Dresden sollte Ebba nicht, dafür würde sie sorgen! —
Der erste Schnee in diesem Jahr war gefallen.
Ueberrascht sahen sich die Leute, die zum Sonntag länger geschlafen, das weiße Wunder an — in fleckenloser Reinheit deckte er die Wege, und es fielen noch immer die neckischen Schneesternchen in lustigem Wirbel.
Langsam und umständlich rüstete man zum Kirchgänge.
Mit feierlichem Klang schwangen sich die Glockenstimmen in die klare, kühle Luft.
Ebba, die den Eltern vorausgeeilt, stand bei ihrem Bruder, um ihm, wie jeden Sonntag, „Guten Morgen" zu wünschen, ehe er zur Kirche ging. Wie männlich und gereift er in dem schwarzen Talar aussah — trotz seiner Jugend!
Er schien heute Ebba anders als sonst, und wie eigen er sie ansah — was hatte er nur? Doch sie fragte ihn nicht, um ihn nicht aus seiner inneren Sammlung zu bringen. Er liebte es nicht, vor der Predigt durch weltliche Dinge abgelenkt zu werden!
Es fiel ihr auf, daß er bei Tisch wenig aß — ja, daß er sich zum Essen zwang — und die Mutter hatte sich doch so viele Mühe gegeben! Zu ihren — Ebbas — Bedauern hatte sogar eine von den perlgrauen Hennen, die sie so liebte, ihr Leben lassen müssen!
War er krank? Oder war etwas mit Inga? Quälte ihn seine Liebe zur Jugendgespielin? Sie fragte ihn, doch er umging eine Antwort. Doch dann, als die Eltern schliefen und Ebba in der Küche Kuchen aufschnitt und für den Kaffee sorgen wollte, sprach er — langsam, zögernd fiel die Frage von seinen blassen Lippen: „Ebba, wie stehst du eigentlich mit Hanno Reinshagen?"
Sine dunkle Röte jagte bis unter die Haar
wurzeln über ihr weißes Gesicht, und diese Röte war ihm Antwort genug, mehr als ihre im Grunde sehr überflüssige Gegenfrage — „ich mit Hanno Reinshagen? Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht." Ihre Hände zitterten aber merklich, als sie den Apfelkuchen auf den Teller ordnete.
„Ich verstehe dich auch nicht, Ebba, daß du mit dem Grafen Reinshagen ein — Liebesverhältnis hast anfangen können!" sagte Christel traurig.
Das Messer fiel ihr aus der Hand. Leichenblaß war sie geworden, und in jähem Schrecken starrten ihn ihre Blauaugen an.
„Ein Liebesverhältnis — ich —? Wer sagt das? Olein!“ stammelte sie.
„Ja, Ebba! Was sagst du hierzu?" Er nahm aus seiner Brieftasche einen Brief — „dies habe ich gestern bekommen! Obwohl ich nichts auf anonyme Briefe gebe — dennoch muh ich Klarheit von dir haben! Lies! Und wenn du mir ein ehrliches Rein sagen kannst, will ich keine Mühe und Kosten scheuen, um dem Schreiber nachzuforschen und ihn bestrafen zu lassen —"
Vor Ebbas Augen tanzten die Buchstaben. Der Brief war mit einer schlechten Schreibmaschine geschrieben; man hatte demnach keinen Anhaltspunkt, aus den Schriftzügen den Absender zu ersehen. Der Poststempel war ein schwer leserlicher der Dahnpost, man wußte also auch nicht, aus welchem Ort dieses hinterlistige Schreiben kam! Und dennoch fühlte Ebba ganz genau: nur Lotte Mähler konnte es gewesen sein! Darum hatte sie sie heute vormittag in der Kirche so triumphierend gemustert. Hatte die Lotte ihr nachgespürt, sie doch einmal mit Hanno gesehen und daraus kühne Folgerungen gezogen?
Rur wenige Zeilen waren es, und dennoch jede eine Bosheit —
„Es würde Herrn Pfarrer gewiß interessieren, daß seine Schwester Ebba ein Liebesverhältnis mit dem Grafen Reinshagen habe, und man erlaube sich die Frage, ob dieses Liebesverhältnis nicht doch zu einer Verlobung führen würde. Für diesen Fall erlaube man sich, schon jetzt die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen; denn keine sei durch Schönheit und Herkunft mehr berechtigt, Gräfin Reinshagen zu werden, als Fräulein Ebba Lenz!"
Der junge Pfarrer hatte, während Ebba las, kein Auge von ihrem Gesicht gelassen, dessen wechselnde Röte und Blässe ihm ja genug sagten!
Da sie schwieg und das Driefblatt immer noch in der Hand hielt, fragte er eindringlich, — „nun, Ebba —?"
Sie schluchzte bitterlich auf und schlug in brennender Scham die Hände vor das Gesicht
„Ebba
Der traurige, vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme traf sie tief.
(Fortsetzung folgt.)


