Samstag, 28. Februar 1951
Nr. 50 viertes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nachdruck verboten
19 Fortsetzung.
meinen Sein ihren.
And unklug
sein Blick.
„3a, Sie haben wohl recht, Mister Kent. Man sollte nie über etwas ein Mrteil sällen wollen, wenn man Die Beweggründe nicht versteht", sagte sie leise.
Es blitzte überrascht in seinen Augen auf; doch sofort blickten sie wieder kühl und gleichgültig. Ihn sollte keine Frau mehr irreführen, das hatte er sich geschworen.
Ellinor Shetland liebte ihnl
Er wußte es!
And eine grausame Freude war in ihm, daß er diese Liebe nicht erwidern brauchte. Richt erwidern wollte!
Eie war eine Frau.
Schön, jung und reich!
Drei Faktoren, die die Männerwelt anzvgen wie die Leimrute die Fliegen.
Warum muhte ihre Liebe ausgerechnet auf ihn fallen? Auf ihn, der nichts damit anzufangen wußte? War sie nicht zu bemitleiden, Zne schöne Ellinor?
Seine Augen ruhten auf den vielen weihen Blumen im Zimmer.
Am 1. Marz, dem Volkstrauertag, gedenkt ganz Deutschland der Opfer des Weltkrieges. Anser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, sich an zuständiger Stelle des Auswärtigen Amtes, bei dem Legationsrat Dr. K r a s k e. darüber zu erkundigen, in welchem Zustand sich die Gräber der deutschen Soldaten befinden und waS für ihre Pflege getan wird.
Fast anderthalb Jahrzehnte sind vergangen, seit der Donner der Geschütze östlich und westlich unserer Grenzen die Erde erzittern lieft. 3n den Schützengräben, in den Granattrichtern, im Stacheldraht, bei der Verteidigung und beim Sturmangriff verbluteten Deutschlands Jünglinge und Deutschtands gereiste Männer. Wir haben daS Entsetzen noch nicht vergessen, das die amtlichen Verlustlisten in jedes deutsche Haus.trugen. Kaum eine Familie, in der nicht der Vater, der Bender, der Sohn, der Gatte, der Bräutigam gefallen ist. Zwei Millionen Gräber in fremder Erde! Zwei Millionen Deutsche, die nicht wiedergekehrt sind! Don ihnen liegen 900 000 in Frankreich, zum groften Teil in Massen- sriedhöfen des ehemaligen Kampfgebietes. Aber auch in anderen Teilen Frankreichs, fern der Kampffront, hat man Deutsche zur letzten Ruhe gebettet. Denn nicht nur im Feuer des Stellungskrieges starben Deutschlands Söhne. Auch in der Kriegsgefangenschaft, auch als 3nternierte im Konzentrationslager gingen sie zugrunde.
DaS deutsche Volk kann und wird seine Toten nicht vergessen. Aber der einzelne ist nicht in der Lage, sich um das Grab zu kümmern, in dem vielleicht fein Vater oder sein Bruder liegt. Deutschlands Krieger kämpften in Belgien und in Frankreich, in Litauen und m Polen, in Mazedonien und in Rumänien, in Palästina und in Mesopotamien. Die ®räber sind weit, und oft kann man nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, wer an dieser, wer an jener Stelle ruht. So ist es notwendig, dah sich grohe Organisationen dieser Gräber annehmen und dafür Sorge tragen, daft sie in einem würdigen Zustand erhalten werden. Dieser Aufgabe widmen sich in einträchtiger Zusammenarbeit Behörden und private Vereinigungen.
3m Auswärtigen Amt untersteht die Fürsorge für die Kriegsgräber seit dem 3ahre 1926 dem Legativnsrat Dr. Kraske, der mit dem Dolksbund Deutsche Kriegsgrä- berfürsvrge c. 03. zusammenarbeitet. Die rechtliche Grundlage für diese Fürsorge bietet der Artikel 225 des Vertrages von 03erfaille8, durch den sich die vertragschliehenden Teile verpflichten, die Grabstätten der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten mit Achtung zu behandeln und auf eigene Kosten instand zu halten. Am besten hat wohl England für die Gräber gesorgt, in denen deutsche Soldaten liegen. Diele tausend Grabsteine wurden in Deutschland bestellt und in Großbritannien ausgestellt. Am wenigsten kann man dagegen über die Grabstätten inderSvw- j e t u n io n sagen. Die Sowjetunion gehört nicht zu den Mnterzeichnern des Versailler Vertrages und braucht sich daher auch um den erwähnten Artikel 225 nicht zu kümmern. 3n ihrem Gebiet liegen in der Hauptsache ©efangene ;n grabe r, die über das ganze Land verstreut sind, und deren Pflege durch die gewaltigen Entfernungen und die Abgelegenheit der Friedhöfe sehr erschwert ist. An manchen Orten, z. B. an der
verdorben wird, und wenn — dann ist es Mn- sinn."
Die Augen Ellinor Shetlands hingen mit Trauer an dem ehernen Gesicht.
Hatte Charles Kcnt jemals eine Frau geliebt?
Hatte er sie verlassen um eines 3rrtums willen, und bereute er nun ein Leben lang?
Aber war diese Frau nicht trotz allem zu beneiden, weil ihr Kents Liebe gehört hatte?
Die Stimme der schönen Frau klang leise, säst ein wenig verzagt:
„Wie lange wird sich diese Reise hinziehen?" „Oh. man kann das ja nie vorher bestimmen. Ich schätze ungefähr auf sechs bis acht Wochen. Es kann aber ebensogut länger dauern. Vielleicht verbinde ich sogar einen Abstecher nach Kalifornien damit. 3ch komme saft nicht auf meine dortigen Besitzungen, und es ist ja doch ein Paradies, wie mir QHift Gladens immer wieder brieflich versichert, um mich wenigstens einmal hinzulocken. Das letztemal war ich vor zwei Iahren dort."
Ellinor Shetland spielte mit dem Armband aus Platin und dunkelroten Rubinen, als sie sagte:
„Verzeihung — warum unterhalten Sie dann diese großen Besitzungen? 3ch meine, wenn Sie doch nichts davon haben?"
„Es sind dreihundert Menschen dort beschäftigt. Mnd es geht ihnen gut, sehr gut sogar. Dieses Bewußtsein ist auch etwas wert. Oder
Der Blick der alten Dame ruhte halb stolz, halb ärgerlich auf ihm. Wie gern sie es gesehen hätte, wenn aus diesen beiden reifen, schönen Menschen ein Paar geworden wäre. Liber das schien jetzt weiter denn je in alle Femen gerückt.
Mnd das war schade! Oh, so schade!
Ob Charles Kent nicht doch später einmal bereuen würde, so lange einsam dahingelebt zu haben?
3n seinem undurchdringlichen Gesicht stand nichts von dem, was die Seele dieses seltsamen Mannes bewegte. Ruhig und höslich plauderte er, verbarg geschickt die Langeweile, die ihn allmählich befiel.
Fieberhaft, jedes Wort abwägend, plauderte Ellinor.
Mnd dabei saß ihr ein zitterndes Schluchzen in der Kehle. Was hätte sie darum gegeben, wenn seine grohe, schlanke, schöngeformte Hand sich einmal toarm und innig werbend um die ihre gelegt. Wor war Charles Kent eigentlich? Besah er denn kein Herz, dah er es fertig brachte, so einsam und liebeleer durchs Leben zu schreiten? Er, der Mann Mitte der Vierzig mit dem Aussehen eines Fünfunddreihigjährigen?
Oder trauerte Charles Kent einer Frau nach, die er nicht hatte erreichen können und die er geliebt?
Wie magisch angezogen blickte Ellinor Shetland noch immer auf die schöne kraftvolle Männerhand.
„3ch reise in den nächsten vierzehn Tagen nach Texas. Es ist eine wichtige, unaufschiebbare Angelegenheit, und ich bitte schon jetzt um Entschuldigung, wenn ich diesmal die mir sehr liebe, festliche Veranstaltung an 3hrem Geburtstage versäume", sagte soeben Kent zu Mrs. 3oring.
Diese zog die Augenbrauen hoch.
„3a? Rette Meberraschung, lieber Kent! Wo Sie wissen, dah ich mich auf Ihren Besuch immer ganz besonders freue", sagte die alte Dame, und ihr Blick streifte Ellinor, die zusammengesunken dasah.
Ein kleiner, warnender Etoft der alten Dame Netz Ellinor sich aufraffen.
Liebenswürdig lächelnd sagte sie:
„Man wird Sie vermissen, Mister Kent."
„Kaum! Kein Mensch ist gesellschaftlich so wichtig, dah um ihn den anderen die Festfreude
Sie nicht?"
kühl abwägender Blick traf voll in den
Ellinor bereute ihre Worte. Eie waren gewesen, höchst unklug, das sagte ihr
Deutsche Gräber in fremder Erde
Was amtliche und private Stellen für die deutschen Kriegergräber tun. Don Dr. Walther Hötting.
Der Mnn der das Lachen verlernt hat. ZRoman von Gert Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwa"ger. Halle (Saale)
neu Blättern sind die wichtigsten Daten von 15 Millionen Menschen registriert. Ein Teil der Anfragen, die an diese Behörde gerichtet werden, wird an den „Dolksbund deutsche Kriegsgräber- sürsorge" weitergeleitet, andere Wünsche werden sofort auf ihre Durchführbarkit geprüft. Da gibt es Familienangehörige, die am Dolkstrauertag auf dem Grab ihres Toten einen Kranz niederlegen lassen wollen. Andere wieder wünschen ein Bild von dem Kriegergrab zu erhalten, und eine nicht geringe Anzahl von Personen erkundigt sich, ob und unter welchen Mmftänben es möglich ist, die Grabstätte selbst aufzusuchen.
Im ganzen muh man sagen, dah die Tätigkeit des Auswärtigen Amtes bei der Pflege der Kriegergräber erfolgreich gewesen ist. ES ist nicht zu vermeiden, dah hin und wieder Mihstände auf- gedeckt werden, für deren Behebung gesorgt werden muß. Am schwierigsten liegen die Dinge wohl in Polen, wo rund 300 000 Deutsche bestattet sind. Zwar ist eS möglich gewesen, die deutschen Grabstätten mit wenigen Ausnahmen auch in den entlegensten Gegenden des Landes zu ermitteln
Sic deutsche Wirtschaft unter dem Aoungplan
Gibt es eine wirtschaftliche Lösung des ^oungplanes?
Von Dr. Hjalmar Schacht, Reichsbankprasidenien a. D.
Später, als eine glänzende Gesellschaft die Räume des Shetlandschen Palastes füllte, da trafen Ellinors Augen einmal tief und schmerzlich in die seinen, und der Eisenbahnkönig fühlte etwas wie Mitleid mit der schönen, enttäuschten Frau. Doch weiter fühlte er nichts. Während er bald hier, bald da in ein Gespräch verwickelt wurde — man riß sich direkt darum, ihn ein Weilchen zu beanspruchen —. waren seine Gedanken nur noch halb auf Shetlands Fest. Sic weilten bereits bei den Riefenprojekten, die er ausgearbeitet in langen, einsamen Rächten.
Arbeit! Harte, geistige Arbeit! Sie entschädigte! Mnd wenn sie nicht entschädigte, bann lieh sie vergessen, machte zufrieden, beglückte!
Wenn ihm der große Coup mit der Hollern- Iellio-Linie gelänge!
Wenn ihm das gelänge? Wenn? Was hieß „Wenn"? Es muhte gelingen! Seit wann hatte Charles Kent auf Zufälle gewartet? Es muhte gelingen! Mnd es würde gelingen! Der Wille Charles Kents würde sich durchsetzen! Mnd sie würden klein werden vor diesem Willen! Eie, die jetzt großsprecherisch eine wohlorganisierte Hetzpropaganda gegen ihn eingeleitet hatten.
Wie aus weiter, weiter Ferne drangen die Töne eines englischen Walzers an fein Ohr. Erinnerten sie nicht irgendwie an einen Wiener Walzer, der süh und lockend so oft im Prater oder bei Ianoff erklungen war?
Der Prater? Ianoff? Fort mit euch, ihr gehört in die Vergangenheit, genau wie eine schöne, lachende Stadt an einem viel besungenen Strand in die Vergangenheit gehörte! Mebtig- geblicben ist Charles Kent, der einsam fein will und dessen Wille stark genug ist, sich seine Feinde untertan zu machen.
Hoch aufgerichtet stand der Cisenbahnkönig da. Riemand erriet feine Gedanken. Aber um feinen Mund war das harte, unerbittliche Zucken, das vielleicht ein Lächeln war.
* * *
Ein blasses, schlankes Mädel stand ratlos an einen Mast gelehnt. Ringsum brandete um das junge Geschöpf das Leben Reuhorks. Immer wieder blickten die dunkelblauen Augen umher, der Blick verschwamm in Tränen. Mnd ein trostloses Verlassenheitsgefühl schüttelte das Mädchen. Mrs. Behrends war nicht gekommen!
Mnd sie hatte es doch so fest in ihrem liebevollen Brief versprochen!
Mnd sie, Annemarie von Wendsbrück, hatte doch ihre genaue Ankunft gemeldet. Der prachtvolle Llohddampfer, der sie so sicher und pflicht- bewuht durch Sturm und Gefahr über das weite, grüne Meer getragen, lag im Hasen Reuhorks, war pünktlich eingelaufen.
(Fortsetzung folgt.)
Hatte Ellinor ihm beweisen wollen, dah sie nur von ihm rote, flammende Rosen nahm?
Vergebliche Hoffnung! Charles Kent wird einer Frau nie mehr dunkle, rote, glühende Rosen schenken. Die letzten erhielt vor ungefähr zwanzig Iahren die schöne, stille Marie von Worthh, Die so vornehm und durchgeistigt wirkte und die doch — die Geliebte eines Grasen Bonenbirchner gewesen war!
Der Eisenbahnkönig strich sich über die Stirn.
Fort mit diesen Gedanken an die einst so Heih- geliebte!
Sie war es, die ihm das Frauengeschlecht ver- haht gemacht hatte.
In die Gedanken Kents hinein klang Elli- nvrs Stimme:
„Die anderen Gäste werden wohl bald erscheinen. Mrs. Ioring bleibt heute noch nach Schluß des Festes ein Stündchen zum Tee. Wenn Sie mir die Freude machten, Mister Kent, dann wühle ich wenigstens, dah Sie mir nichts übelgenommen haben."
„Aber nein! Wie käme ich denn dazu! Ieder Mensch hat feine Meinung, er soll sie auch ruhig äußern dürfen", sagte er.
„Ich muh schon sagen, dah ich bald einschlafe. Interessant war die Mnterhaltung weiter nicht bisher. Ich witterte die ganze Zeit Spitzfindigkeiten", sagte Mrs. Ioring unzufrieden und schüttelte ebenso unzufrieden den Kopf.
„Wieso?"
Kent blickte sie ruhig an.
„Ra ja — zwischen zwei Menschen, die sich lange und gut genug kennen, gibt es bestimmt andere Themen, wenn sie nur wollen", ging Mrs. Ioring der Sachlage energisch zu Leibe.
Ellinor blickte sie beschwörend, warnend zugleich an, doch die alte Dame war zu sehr verärgert.
„Mister Kent, ich an Ihrer Stelle würde mich besinnen und wenigstens eine Familie gründen. Man weih dann wenigstens, für was man gelebt hat. Mnd Sie würden sicher zufriedener und ruhiger sein, wenn Sie sich eine Ehe zimmerten."
Mrs. Ioring sagte sich, daß er jetzt nachdenklicher als sonst gestimmt war und dah sie das Eisen helft schmieden muhte.
„Geben Sie sich keine Mühe, alte Freundin. Ich bleibe allein. Für einen Mann meines Schlages und mit meinen Erfahrungen kann es gar nichts Besseres geben, als allein zu bleiben."
Da wuhte Ellinor, dah eben doch eine Frau die Schuld trug, dah Kent so hart und einsam geworden war. Ein tteses Weh war in ihr. Mrs. Ioring aber murmelte:
„Hätte ich lieber geschwiegen! Mir scheint, mir scheint, als hätte ich die Sache nur noch mehr verfahren."
Murmanküste, ist es nur möglich, den dort Bestatteten schlichte Denksteine zu sehen, da man wohl ihre Ramen, aber vielsach nicht die Lage der Gräber kennt. Der deutsche Konsul in Rowosi- birsk hat für einen würdigen Friedhof in Sibirien gesorgt. Aber in anderen Teilen Sibiriens, in versteckten Gegenden des Mrals und in vielen abgelegenen Gebieten des europäischen Rußlands ist es fast unmöglich, sich um die Gräber genügend zu kümmern. Alle entsprechenden Anlagen sind sehr teuer, und wenn man etwa Metallkreuze ausstellt oder einen Eisenzaun errichtet, so weiß man nicht, ob diese „Wertstücke" m wenigen Monaten gestohlen sein werden.
Am aufmerksamsten verfolgt die Öffentlichkeit die Pflege der deutschen Gräber in Belgien und in Frankreich, wohin in jedem Iahr viele Deutsche fahren, um die letzten Ruhestätten ihrer Angehörigen zu besuchen. Viermal im Iahr reist im Auftrag des Auswärtigen Amtes Ministerialrat Franz für mehrere Wochen nach dem Westen, um sich dort über die Instandhaltung der Friedhöfe durch den Augenschein zu überzeugen. Die 3000 Kriegerfriedhöfe, die ursprünglich in Frankreich angelegt waren, sind inzwischen zu wenigen hundert zusammengelegt worden. Sämtliche Friedhöfe werden von dem sehr straff organisierten französischen Gräberdienst betreut. Wenn der deutsche Delegierte etwas auszusehen findet, so bringt er die Mängel im französischen Pensionsministerium zur Sprache und versucht, Abänderung zu schassen. Sehr schwer ist es, für die Instandhaltung der Gefangenengräber zu sorgen, die über das Land verstreut finb. Pflicht zur Erhaltung dieser Ruhestätten liegt den einzelnen Gemeinden ob, die sich sehr verschieden verhalten. Ist einmal eine arme Gemeinde wirklich nicht in der Lage, für die Einfassung einiger Gräber mit einer Steinmauer ober für die Bepflanzung zu sorgen, so greisen die deutschen Behörden ein und leisten einen kleinen Zuschuß. Im übrigen treten zuweilen Schwierigkeiten auf, die kaum glaubhaft sind. Am 23. September vorigen Iahres besuchte eine deutsche Kommission, zu der auch ein Friedhossarchitekt gehörte, den Ort Blaye in der Gironde, wo sie sich beschwerte, daß keine Kreuze auf den Gräbern standen. Der Bürgermeister von Blähe erklärte, baft die Holzkreuze mehrfach erneuert worben seien; aber sie würden in kurzen Abständen von den Termiten ausgesressen! Ieht will man eine ©teinanlage schaffen. Die Grabhügel werden mit Findlingssteinen eingefaßt und mit Eseu und Blumen bepflanzt.
Endlos dehnen sich die Friedhöfe in Rvrd- f r a n k r e i ch. Bei der Hälfte der deutschen Soldaten, die dort begraben liegen, konnte man Ramen und Herkunft nicht mehr feststellen. Sie sind in den Verlustlisten als „vermißt" gemeldet, und ihre Angehörigen bewahrten sich noch Monate- und Iahrc nach der kurzen amtlichen Meldung eine leise Hoffnung, daß ihr Sohn, ihr Gatts oder Bruder in Gefangenschaft geraten sei und nach dem Krieg wieder heimkehren würde. 225 000 Deutsche liegen in Massengräbern. Wer wissen will, ob fein Verwandter in diesem ober in jenem Ort begraben ist, wendet sich an d a s „Ze n - tr a Inachweisamt für Kriegerverluste und Kriegergräber" in Spandau, wo die größte Kartothek der Welt über das Schicksal aller deutschen Soldaten Auskunft gibt, die am Weltkrieg teilgenommen haben. Auf 15 Millio-
niffe Deutschlands werden heute viel ungünstiger beurteilt als vor 7 Jahren. Die sog. Bounganleihe stellt den katastrophalsten Mißerfolg dar, den wohl je eine Anleihe gehabt hat. Ader noch niemand ist da, der ausspricht, daß diese grundsätzliche Aende- rung der Vertrauensatmosphäre darauf zurückzu- fuhren ist, daß man im Haager Protokoll jene grundlegenden wirtschaftlichen Linien wieder verlassen hat, die das Daweskomitee mit so großem Erfolg inauguriert hatte und die das Poung- fomitec — freilich schon unter größten politischen Schwierigkeiten — festzuhalten schließlich doch er folgreich bemüht gewesen war. Die Einfügung der Sanktionsklausel in das Haager Protokoll warf die ganze wirtschaftliche Gedankenrichtung des Dawes, und Poungplanes wieder über den Haufen. Die rcparationspolitische Arbeit fast eines Jahrzehntes war mit einem leichtfertigen Federstrich zerstört.
Wenn schon heute, ein Jahr nach Abschluß der Haager Konferenz, alle Welt von der Undurch- f ü h r b a r k c i t der Reparationsverpflichtungen überzeugt ist, so wird man aus dem Studium des Lösungsvorschlages der deutschen Gruppe in Paris ersehen, wie folgerichtig darin die ursprüngliche Linie zur Lösung bzw. Ucberwindunq des Repara- tionsproblemes eingehalten worden ist. Der deutsche Lösungsvorschlag akzeptierte grundsätzlich, daß Deutschland die sogenannten Reparationsansprüche bis zu einer vernünftigen Grenze der deutschen Leistungsfähigkeit erfüllen sollte. Für die Bemessung der deutschen Leistungsfähigkeit greift das Memorandum zurück auf die Grundsätze, die der amerikanische Staatssekretär Mellon seinerzeit für die Schuldenverhandlungen mit den Alliierten auf- gestellt hatte. Diese Grundsätze hotte Mellon dahin formuliert, daß das Einkommen und der Lebensstandard des Schuldnervolkes berücksichtigt werden müsse, und daß das Bestehen auf einem Abkommen, das die Zahlungsfähigkeit eines Landes übersteige, dieses Land berechtigen würde, jenes Abkommen zu verweigern. Was hier für die alliierten Schuldner gegenüber Amerika als geltende Rechtsgrundlage von Mellon offiziell formuliert und von der parlamentarischen Vertretung des amerikanischen Volkes gebilligt wurde, würde einer deutschen aktiven Reparationspolitik wirksame Handhabe bieten.
Die Monatsschrift „Deutsche Rundschau" bringt eine interessante Aufsatzreihe über den Poungplan. Im Märzheft behandelte der ehe» malige Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht die Frage „Gibt es eine wirtschaftliche Lösung des Pounoplanes?". Durch das Entgegenkommen des Berlages können wir noch vor Erscheinen des Heftes folgende Abschnitte aus den Ausführungen Dr. Schachts bringen.
Alle Sachverständigen, die sich privat oder offiziell mit der Lösung des Reparationsproblems beschäftigt haben, also auch die Mitglieder des Dawes- und des Poungkomitees, sind stets von einer leitenden Grundidee ausgegangen: die Reparationen müssen von Deutschland erwirtschaftet und ohne Störung seiner sozialen Stru ktur sowie seiner Währung und Wirtschaft geleistet werden.
Der große Erfolg, den, weltwirtschaftlich und weltpolitisch gesehen, der Londoner Pakt von 1924 brachte, lag in der Abkehr der Reparationspolitik von der bloßen Gewalt in die Sphäre der wirtschaftlichen Vernunft. Bis einschließlich der Ruhrinvasion hatten die Alliierten versucht, mit Gewalt aus Deutschland herauszupressen, was nur herauszupressen war. In der Ruhrinvasion überschlug sich dieses Prinzip und erlitt völligen Schiffbruch, freilich nicht, ohne die Welt bis dahin in dauernder Unruhe, Mißtrauen und Ungewißheit gehalten zu haben. Daß nach der Annahme des Dawesplanes durch den Londoner Pakt eine allgemeine Aera des Vertrauens wiederkehrte, daß insbesondere die deutschen Kreditverhältnisse von den ausländischen Banken und dem privaten Publikum wieder günstig angesehen wurden, war eine Folge der Tatsache, daß der Dawesplan das Prinzip oufstellte: Reparationen können und dürfen nur aus einem Ueberschuß der deutschen Arbeitsleistung ohne Gefährdung des deutschen Lebensstandards und ohne Gefährdung seiner Währung und seiner Wirtschaft geleistet werden.
Es muß auch dem Laien auffällig sein, wie ganz anders die Atmosphäre nach der Annahme des Poungplanes durch das Haager Schlußprotokoll sich gestaltet hat. Don allgemeinem Vertrauen ist gar keine Rede mehr, die Kreditverhält-
unb im Auge zu behalten. Eine wirksame Beteiligung der deutschen Regierung bei der Instandhaltung der Friedhöfe bat sich dagegen nicht ermöglichen lassen, da sich Polen aus den Standpunkt gestellt hat, baft die Gräberfürsorge nach dem Versailler Ter trag ausschließlich seine eigene Angelegenheit sei. Die deutschen Vertretungen in Polen müssen sich daraus beschranken, die bei Besichtigungen sestgestell- ten Mängel zur Kenntnis der polnischen Behörden zu bringen und diese um Abstellung 3U ersuchen. In Lettland, Litauen und Estland sind die Verhältnisse besser, und dort wird für die 50 000 Gräber deutscher Soldaten leidlich gesorgt. Das deutsche Volk hat, soweit das irgend möglich ist, für die Ruhestätten feiner toten Söhne würdig gesorgt. Wo Massensriedhöse angelegt wurden, auf denen viele tausend Opfer des Weltkrieges nebeneinander ruhen, werden diese schrecklichen Denkmäler des Weltbrandes so gepflegt, baft nic- manb sich zu fürchten braucht, das Grab seine- Angehörigen eines Tages zu besuchen.
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