Nr. 278 Zweites Blatt
Mehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 27. November (yZt
Die Minderheiten in Wien.
Don Dr. Alphons Nobel.
Die indischen Minderheiten, beziehungsweise ihre Vertreter auf der sogenannten Runden-Tisch-Konfe- renz in London haben ein grundsätzliches Abkommen miteinander abgeschlossen, das zwar auf den Wider- stand der Mehrheitsgruppen stößt, das sich aber durchsetzen dürfte und so von hervorragender Wichtigkeit für die Zukunft Indiens ist.
Welche Minderheiten gibt es in Britisch-Jndien? Es gibt religiöse, rassenmäßige und schließlich solche Minderheiten, die beides gleichzeitig sind. Es gibt aber auch eine Minderheit, die nur sozialer Natur ist, wenn auch dieser soziale Charakter einen religiösen Unterbau hat. Denn der herrschende Hinduismus huldigt heute noch dem Kastenwesen. Man lasse sich durch die Beteuerungen der Hinduführer, vor allem durch die phrasengeschmückten Programmreden Gandhis, nicht täuschen; selbst Gandhi ist tief im Vorurteil der hohen Kasten gegen die niederen Kasten befangen. Die Führer der unteren Kasten (in Europa häufig mit dem Sammelnamen Paria bezeichnet, in Indien selbst mit dem englischen Ausdruck Depressed Classes oder dem indischen Begriffe „Unberührbare") sind äußerst mißtrauisch gegen die beruhigenden Worte, die Gandhi gesprochen hat, und mit Recht bestreiten sie ihm seinen Anspruch, auch ihr Führer zu sein.
Das Los der unteren Kasten ist immer noch hart; sie werden verachtet und ausgebeutet, besonders von den Anhängern der eigenen Religion, nämlich von denen, die in einer höheren Kaste geboren wurden. Die sozialen Härten, welches dieses hochmütigste aller gesellschaftlichen Systeme der heutigen Welt mit sich brachte, haben zur Bildung eigener politischer Parteien geführt. So sind besonders in Südindien, in der Provinz Madras, die politischen Gruppen der unteren Kasten zu einer Partei vereinigt, welche sich kurz und bündig: Non-Brahman, Nicht - Brahmanen nennt. Wie viele Hindu mag es geben, denen so von den oberen Kasten der Hindu die soziale, ja menschliche Gleichberechtigung abgesprochen wird? Es gibt wohl au die 240 Millionen Hindu: davon sollen 80 Millionen den unterdrückten Kasten angehören. 80 Millionen, das ist auch im volkreichen Hindustan eine gewaltige Zahl, hat Indien doch 350 Millionen Einwohner.
Dies wäre die bedeutsamste Minderheit. Es folgt das islamische Element. Es gibt in Bri- tisch-Jndien etwa 70 Millionen Mohammedaner, die sich über ganz Indien verteilen, wenn auch besonders große Mengen in Bengalen (Hauptstadt Kalkutta), Pandschab (Hauptstadt Lahore) und in den nordwestlichen Grenzprovinzen wohnen; Belutschistan ist ganz mohammedanisch, aber es ist so dünn bevölkert, daß es für das übrige Indien kaum ins Gewicht fällt. Die Mohammedaner sind die Nachkommen der islamischen Eroberer, die aus Dorder- osien zwischen 1000 und 1500 kamen, und deren berühmteste Führer die Großmoguls gewesen sind. Infolgedessen sind unter den Mohammedanern viele persischer, türkischer, ja arabischer Abstammung.
Alle anderen Minderheiten sind zahlenmäßig viel unbedeutender, wenn auch tatsächlich oft sehr mächtig und einflußreich. Das gilt natürlich in aller erster Linie von der eigentlich herrschenden Minderheit, den Engländern; es mag, ohne Militär, nicht mehr als 60 000 Engländer in Britisch-Jndien geben; aber welche Bedeutung haben sie! Sie sind politisch zusammengeschlossen und beanspruchen auch in den Parlamenten die gleichen Rechte wie jede andere Minderheit. Da sind ferner die Misch- l i n g e zwischen Europäer und Inder, die oft verächtlich Half Casts genannten Schichten, die sich ober selbst stolz Anglo-Inder nennen, und die in vielen wichtigen Beamtenstellen (vor ollem an der Bahn) sitzen, als Muttersprache Englisch sprechen und sich als Oberschicht betrachten. Auch sie sind politisch organisiert; es mögen an die 100 000 Menschen sein. — Da sind schließlich die indischen katholischen und evangelischen Christen, die allen möglichen Rassen entstammen, entweder Neu-
Der Friedensengel: „Was geht denn hier vor?"
Der Chor der Mächte: „Stören Sie uns nicht, wir bereiten uns auf die Abrüstungskonferenz vor."
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bekehrte, Nachkommen von den Proselyten aus der Portugiesenzeit oder aber auch Nachkommen der seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten christlichen Stämmen sind (zum Beispiel die sogenannten Malaberchristen).
Aber nicht nur Christen, Mohammedaner, Hindus gibt es in Britisch-Jndien, sondern auch Parsen, Buddhisten und Sikhs. Die Parsen dürften die Zahl von 100 000 nicht überschreiten, aber sie bedeuten außerordentlich viel, da sie, besonders in der Landschaft des Gutscherat (westlich von Ahmedabad) und in Bombay, die wirtschaftlich führenden Schichten darstellen. Die Buddhisten kommen weniger in Betracht; denn es scheint, daß die Provinz mit einer buddhistischen Mehrheit, nämlich Birma, in Zukunft politisch von Britisch-Jndien getrennt wird. Die Sikhs wohnen hauptsächlich in der Landschaft um Amritsar. Es gibt ihrer 3 oder 4 Millionen. Es sind fanatische Verfechter ihrer religiösen Rechte, und sie bilden die einzige Minderheit, die das eben abgeschlossene Minderheiten-Abkommen von London erst nach mannigfachen Schwierigkeiten annahm.
In dem erwähnten Abkommen handelt es sich vor allem um das gemeinsame Streben dieser Minderheiten, in dem künftigen Wahlrecht eine Form durchzusetzen, welche verhindert, daß die Min- derheiten von der hinduistiscken Mehrheit majorisiert werden. Deshalb haben sich die Minderheiten auf ein gemeinsames Projekt für das Wahlrecht geeinigt. Sie verlangen grundsätzlich eine b e - stimmte Anzahl von Mandaten für sich, und sie haben diese Mandate untereinander verteilt. Geht dieses Projekt durch (es genießt natürlich die britische Sympathie), so ist die h i n - duistische Herrschaft gebrochen, falls die oberen Kasten es nicht verstehen, mit den bisher verachteten und entrechteten Kasten zusammenzuarbeiten.
Der Besiegte von London ist Gandhi, dessen asiatischer Nimbus in London rasch verflogen ist. Die wirklichen Probleme zu sehen, hat sich dieser sonderbare Mann solange geweigert, bis es zu spät war, das heißt bis der Pakt geschlossen war. Nun beschwört er die Mohammedaner und die Sikhs, von dem Minderheitenabkommen zurückzutreten, eine Forderung, die er mit großzügigen Angeboten schmackhaft zu machen versucht. Es sieht nicht so aus, als ob Mohammedaner und Sikhs den von Gandhi geführten Hindu trauten. Und so dürfte Gandhi der Unterlegene sein. Gleichzeitig aber hat er die ande
ren Minderheiten von neuem sich zu Todfeinden gemacht, vor allem die Vertreter der unterdrückten Kasten, denn sein Bestreben war ja offenbar, die Mohammedaner und Sikhs zu überreden, ihr Versprechen, welches sie den anderen Minderheiten, darunter den 80 Millionen Paria, gegeben hatten, zu brechen. Falls es ihm nicht glückt, einen auch für die anderen befriedigenden Ausweg zu finden, hat Gandhi wohl endgültig seinen Ruhmestitel verspielt, den er lange innehatte, den, der Führer des ganzen nationalen Indien zu sein.
Oie Hochschulgebühren in Preußen.
Berlin, 23. Rov. (DDZ.) Der Hauptaus- schuß des Preußischen Landtags beschäftigte sich am Montag mit Anträgen der Deutschnationalen, der DVP. und der Kommunisten, die sich gegen die Erhöhung der H o ch s ch u l g e b ü h - ren richten. Ministerialdirektor Richter erklärte, daß die Heraufsetzung der Gebühren, die sobald als möglich wieder rückgängig gemacht werden solle, getroffen worden sei, um die Substanz zu erhalten. Große Ersparnisse könne man durch Schließung von Hochschulen, Abbau von Instituten und ähnliche Maßnahmen nicht machen. Aeber- flüssiges würde jedoch beseitigt werden. Der neue Haushalt würde eine Senkung der gesam - tenAusgaben durch die bereits erfolgte Herabsetzung der Ausgaben für Gehälter, Jnstituts- mittel und Dausummen u m 2 3 v. H. bringen. Die gesamten Hochschulunkosten in Deutschland entsprächen denen des Durchschnitts anderer Länder. 3n England und Amerika seien sie erheblich höher, in der Schweiz, Frankreich und Oesterreich erheblich niedriger. Für besonders notleidende Studierende werde durch Erweiterung der Stipendieneinrichtun- gen und Ausdehnung des Gebührenerlasses geholfen werden. Die Anträge fanden in einer Fassung Annahme, wonach das Staatsministerium, falls weitere Sparmaßnahmen auf dem Gebiete des Hochschulwesens geplant sein sollten, die entsprechenden Pläne vorher dem Landtag vorlegen soll. Aach einem sozialdemokratischen Zusatzantrag soll geprüft toeroen, ob mit dem Beginn des Sommersemesters 1932 eine Staffelung der Hochschulgebüh-ren nach der wirtschaftlichen Lage der Studierenden ermöglicht werden kann.
Reichsbahn und Weihnachtsverkehr.
Verlängerte Gültigkeitsdauer der Sonntags- und der Arbeiter-Rückfahrkarten.
Um den Besuchs- und Erholungsreisenden in der Zeit der Feiertage von Weihnachten bis Sonntag nach Reujahr die Reise zu erleichtern, insbesondere auch, um Wintersportlern Gelegenheit zu längeren, billigen Fahrten in die Wintersportgebiete zu geben, hat die Reichsbahnverwaltung die Gültigkeitsdauer der Sonntagsrückfahrkarten zu Weihnachten aus die Zeit vom 23. Dezember 1931, 12 Uhr, bis zum 4. Januar 1932, 9 Uhr, festgesetzt.
Rach den geltenden Tarifbestimmungen wäre die Gültigkeit der Sonntagsrückfahrkarten auf drei getrennte Abschnitte beschränkt gewesen, nämlich auf die Zeit vom 23. Dezember, 12 Uhr, bis 28. Dezember, 9 Uhr; vom 31. Dezember, 12 Uhr, bis 2. Januar, 9 Uhr; und dann wieder vom 2. Januar, 12 Uhr, bis zum 4. Januar, 9 Uhr. Die Reichsbahn will sich mit dieser Maßnahme den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen dieses Winters anpassen und hofft dadurch auch den Reiseverkehr an den Festtagen anzuregen.
Die Gültigkeitsdauer für Arbeiterrückfahrkarten ist auf die Zeit vom 19. Dezember 1931 bis zum 4. Januar 1932 verlängert worden, eine Maßnahme, die im Interesse der werktätigen Bevölkerung getroffen ist und die dadurch besonders an Bedeutung gewinnt, daß voraussichtlich an den Werktagen zwischen Weihnachten und Reujahr in einer großen Zahl von Betrieben nicht gearbeitet werden wird.
Oberheffen.
Stadtvorstand in Lauterbach.
& Lauterbach, 25. Nov. In der jüngsten Stadtvorstandssitzung unter dem Vorsitz von Bürgermeister Walz wurde zunächst die Hunde st euer für 1 9 3 2 in der seitherigen Höhe (für den ersten Hund 12 Mk., für den zweiten Hund 24 Mk., für den dritten und jeden weiteren Hund 48 Mk.) festgesetzt.
Die seitherigen Jagdpächter, die Freiherren R i e d e s e l, haben auf die Reupachtung derG e - meindejagd ab 1. Februar 1932 verzichtet. Der Bürgermeister wurde ermächtigt, die Gemeindejagd in drei Losen zur Reuverpachtung auszuschreiben.
Verschiedene Erwerbslose beabsichtigen den Erwerb von städtischem Oedland, für das sie pro Quadratmeter 4 Pfennig bieten, um es für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse urbar zu machen. Es handelt sich um ein Gelände von rung 3500 Quadratmeter. Der Stadtvorstand erklärte sich grundsätzlich zu dem Verkauf bereit, jedoch soll die Landwirtschaftskommission erst noch einige Unklarheiten beseitigen und dann die endgültige Zusage erteilen. Bei der Abtretung des
Am Samstag, 28. November, werden wir im Feuilleton mit der Veröffentlichung einer neuen Artikelserie
Unterwegs
beginnen, in welcher der Dichter
ALBERT H. RAUSCH
eine Anzahl von amüsanten und nachdenklichen Erlebnissen auf seinen Reisen in aller Welt niedergelegt hat
Zauberspiel um Goethe.
Von Fnh Adolf Hünich.
Enrico Rastelli, der unübertroffene Jongleur, hat einmal die Deutschen und die Ostasiaten als fein liebstes Publikum bezeichnet, und zwar wegen ihrer großen Sachverständigkeit und ihres besonderen Sinnes für Artistik und Kunststückchen. Wie ein Zauberer erscheint er uns, wenn er graziös und lächelnd im magischen Licht der Scheinwerfer seine Bälle, Keulen, Teller durch die Luft tanzen, wirbeln, kreisen und kreiseln läßt. Es ist etwas Unfaßbares um solche Künste, die mit ihrem Geheimnis die schau- lustigen großen und kleinen Kinder seit undenklichen Zeiten magnetisch anlocken. Sie machen es einem schwer, diese Jongleure, Gaukler, Taschenspieler, Zauberer, Fakire, Feuerfresser, zu glauben, daß ihre verblüffenden Tricks und Fertigkeiten keine Hexereien sind, und es ist kein Wunder, daß sie im finster-argwöhnischen Mittelalter oft als Teufelsbündner verrufen waren wie jener Quacksalber und Beutel- schneider Georgius Sabellicus Faustus junior aus Knittlingen in Württemberg, an dessen Person sich der Ruhm eines ULsterblichen Namens heftete. Als einer der großen Magier lebte er In der Phantasie des Volkes fort, und lange bevor dieser „welt- deschreite Zauberer und Schwarzkünstler" im Schauspiel des 18. Jahrhunderts auftauchte, hatte er im Puppenspiel auf Jahrmärkten und Messen ein unterirdisches Dasein gesü rt. Hier trat er in den Gesichtskreis des jungen Wolfgang Goethe, als dieser nut einem Freibillett seines Großvaters, des Stabt- fchultheißen Textor, in der Tasche, auf dem Sieb» frouenberge in der Bude eines der fahrenden Puppenspieler das wunderliche Leben des weiland berühmten Doctor Johannis Fausti bis zu seinem er- schrecklichen Ende oorüberziehen sah. Es war eine Verzauberung, die ein ganzes langes Leben anhalten sollte. Von Zauberern freilich, die die Menschen feiner eigenen Zeit verwirrten und verführten, mochte Goethe nichts wissen. Als der berüchtigte Wundertäter, Geisterbeschwörer und Charlatan C a g l i o • ft r o' die wundersüchtige Menschheit von Petersburg bis Paris blendete, narrte und betrog, schrieb Goethe 1791 über „diesen Nichtswürdigen" an Friedrich Heinrich Jacobi, es sei erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach'Wundern schnappten, um nur in ihrem Unsinn und Albernheit beharren zu dürfen und um sich gegen die Obermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können. Seit zehn Jahren hatten ihn die Schicksale dieses Abenteurers, den seine dämonische Macht über Menschen in immer neue Verwicklungen und zuletzt in die Halsband-
aeschichte verstrickten, beschäftigt und zu dramatischer Gestaltung angeregt. Aus der geplanten Opera buffa wurde das Lustspiel „Der Groß-Cophta", in dem Cagliostro und seine schwindelhafte Logengründung entlarvt werden. Es verdient hier als nicht allgemein bekannt angemerkt zu werden, daß Goethe das Honorar, das er für die erste Ausgabe des Lustspiels von seinem Berliner Verleger Jobann Friedrich Unger erhielt, der Mutter und Schwester Caglio- ftros zukommen ließ, die in dürftigen Verhältnissen in Palermo lebten, wo er sie tennengelernt hatte.
Da war Jakob Philodelphia ein Zauberer anderer Art. Seit 1757 bereiste dieser Amerikaner fast alle Länder Europas und gab, mit Vorliebe an den Höfen, mathematisch-physikalische Vorstellungen, die ihn als Meister der Taschenspielkunst zeigten und überall riesigen Zulauf hatten. Die marktschreierische Art seiner Ankündigungen ist von Lichtenberg witzig verspottet worden. Als er am 22. und 24. April 1777 am Hofe und in der Stadt Weimar feine Künste sehen ließ, war auch Goethe unter seinen Zuschauern. Als Bauchredner („Ventriloquist") und Verwand- lungstünftler setzte im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts der französische Wundarzt Alexander Val- t e m a r e, auch Baltimore genannt, ganz Europa in Erstaunen. „Außer jener Gabe, die verschiedenartigsten Stimmen und Töne in den verschiedensten Richtungen und Entfernungen heroorzubringen", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, besitzt er ein außerordentliches mimisches Talent und kann die in Alter, Geschlecht, Stand, Figur verschiedensten Personen in solcher überraschender Schnelligkeit und Abwechslung darstellen, daß es rein unbegreiflich erscheint und an Zauberei grenzt". Er trat auch als Bühnenkünstler auf und spielte sechs der verschiedenartigsten Rollen in einem Stück, in England an einem Abend, überdies in der Sprache des Landes, sogar vierzig verschiedene Charaktere. In Anspielung auf die gleiche Begabung gab man ihm den Beinamen „der neue Garrick". Der Ruhm, den er erntete, war beispiellos und drang bis in die fernsten Weltgegenden; fein Bildnis wurde in Kupferstich und Lithographie vervielfältigt; Anekdoten schossen um diesen Zauberer auf, „der unfehlbar ein Opfer der heiligen Inquisition geworden fein würde, wenn er in deren Bereich gekommen wäre". Ungeheure Ein- nahmen flössen ihm, besonders in Großbritannien, zu, so daß er ein reicher Mann wurde, der gleich einem englischen Lord, von Dienerschaft begleitet, in einem eignen großen Wagen mit 4 Extrapostpferden reifte. Da ihn seine Kunst mit den berühmtesten Zeit- genoßen in Berührung brachte, kam ihm der Gedanke ein Autographenalbum anzulegen in dem schließlich dank seiner Geschicklichkett und Beharrlich-
feit kaum ein bemerkenswerter Name fehlte. „Die ganze Geschichte unserer Zeit", sagt der Bericht, „geht in ihren mannigfachen Verzweigungen und überraschenden Abwechslungen an uns vorüber."
Ende Juni 1818 sehen wir ihn in Jena bei Goethe, der unterm 29. in sein Tagebuch einträgt: „Nach Tische Alexander und seine Künste" und ihm einen Tag später die folgende Anerkennung in sein Autographenalbum schreibt: „Herrn Alexander wüßte ich nicht entschiedener meinen Beifall auszusprechen als durch die Erklärung, daß ich allen ihm schon erteilten Zeugnissen mit Vergnügen beistimme. Zu empfehlen weiß er sich selbst."
Mit den Enkeln war im Goethischen Hause eine neue Jugend eingezogen, deren Treiben der alle Herr lächelnd und gelassen zusah. Ja, er nahm sogar an dem Spiel der Enkel teil und förderte es durch Beifall und Geschenke. Im Hinblick auf ihre Taschenspieler-Kunststückchen, worin besonders Walther geübt war, sagte er zu (Eder mann: „Ich habe nichts dawider, daß die Knaben ihre müßigen Stunden mit solchen Torheiten ausfüllen. Es ist, besonders in Gegenwart eines kleinen Publikums, ein Herr- liches Mittel zur Uebung in freier Rede und Erlangung einiger körperlichen und geistigen Gewandtheit."
Am 2. November 1830 hatte er das Ehepaar Wil - lern er gebeten, ihm auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt eines der Kästchen zu besorgen, worin mancherlei Gerätschaften zu Taschenspielertünsten mit Anweisungen zum Gebrauch beisammen seien, wie es einem Anfänger, einem 12jährigen Knaben, genügen könnte. Am 19. Dezember dankte er für die „gefällige schnelle Besorgung und sandte dabei den Betrag für den Taschenjpielerapparat, der 8 Gulden 30 Kreuzer kostete. Ist es nicht fast Zauberei zu nennen, daß sich dieser Spielzeugkasten durch die Jahrzehnte erhalten hat, um in der Sammlung Kippenberg in Leipzig seine bleibende Statt zu finden? Er besteht neben 25 Zetteln mit handschriftlichen Angaben von Zauberkunststücken aus 17 Gegenständen, darunter einem magischen Quodlibet, einem Zauberquadrat und einem Zusammensetzspiel. Auch das Buch, das ohne Zweifel als Anleitung zu den Zauberkunststücken der Enkel gedient hat, befindet sich in der Sammlung Kippenberg; es ist Kerndörffers „Carl der Tausendkünstler, oder Sammlung mechanischer, chemischer, magnetischer und Kartenkunststücke und arithmetischer Belustigungen, zur angenehmen geselligen UnterhaltungAngesichts solcher Sereitfchaft konnte es für die Enkel keinen willkommeneren Besuch geben als den des Professors Ludwig Döbler aus Wien des Meisters der natürlichen Magie", des gelehrten
Taschenspielers. der größte Geschicklichkeit mit wissen
schaftlichem Ernst verband. Welches Erlebnis für den dreizehnjährigen Walther, als dieser Meister ihn, seinen jüngsten Schüler, am 23. Juni 1831 „einige Kunststücke" lehrte, wie der alte Goethe in fein Tagebuch vermerkt! Noch manchmal lebte die Erinnerung an den Besuch im Goethischen Hause auf, so etwa am 17. Juli, unter dem wir im Tagebuch lesen: „Walther gab eine Vorstellung seiner erlernten Taschenspielerkünste". Stolz konnte Ludwig Döbler unter sein lithographiertes Porträt das Faksimile der Verse setzen, die ihm Goethe gewidmet hatte:
Bedarfs noch ein Diplom besiegelt? Unmögliches hast du uns vorgespiegelt.
Zeitschriften.
— Ms bei aller Mannigsaltigkeit doch in allen Teilen wohl harmonierendes Heft ist die Dezemberausgabe der bekannten Münchner Monatsschrift „D i e K u n ft“ erschienen. (Verlag F. Bruck- mann, München.) Fritz Erler, der Maler, tritt darin mit einigen seiner Werke vor uns. In dem umrahmenden Text aus „Schlenderweil, Grillen eines Malers“, sa^t Erler gute Worte über nationale Kunst und über den Wert und das Gesicht der Kunstausstellungen. Von Malern wird ferner der Italiener Emilio Sobrero ausführlicher gewürdigt. Einführungen in den Leitgedanken der Dresdner Ausstellung „Das Kunstwerk im Raum" und die im Städelsd)en Kunstinstitut in Frankfurt am Main veranstaltete Ausstellung vom Abbild zum Sinnbild schließen sich an. Die Plastik ist durch Bronzearbeiten von Fritz Klimsch, Ren^e Sintenis, Max Esser, Rudolf Belling und W. Gerstel aus der Bildgieherei Roack vertreten. Eine erfreuliche Erweiterung erfährt das Programm durch „Kunst und Film“ mit einigen trefflichen Beispielen für die künstlerische Gestaltung des neuen Filmbildes. Von neuartiger Wirkung sind die Jkora-Gläser mit eigenartiger Ornamentik und reizvoller Durchfärbung. — Aus dem Gebiet der Wohnungskunst wird ein modernes Wohnhaus für 22 500 Mk. Baukosten in vielen Einzelheiten vorgeführt, ferner neue Wohnräume aus der Kölner internationalen Raumausstellung und grüne Gartenhöse für Groh-Siedlungen.
Hochschulnachrichten.
Nachdem Prof. Dr. Ernst Levy in Heidel- b e r g den Ruf auf den Lehrstuhl für deutsches bürgerliches Recht an der Universität Bonn ab- gelehnt hat, ist der Bonner Lehrstuhl dem Ordinarius Dr. Fritz Pringsheim in Freiburg l Br. angeboten worden.


