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Nr. 278 Zweites Blatt

Mehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 27. November (yZt

Die Minderheiten in Wien.

Don Dr. Alphons Nobel.

Die indischen Minderheiten, beziehungsweise ihre Vertreter auf der sogenannten Runden-Tisch-Konfe- renz in London haben ein grundsätzliches Abkommen miteinander abgeschlossen, das zwar auf den Wider- stand der Mehrheitsgruppen stößt, das sich aber durchsetzen dürfte und so von hervorragender Wich­tigkeit für die Zukunft Indiens ist.

Welche Minderheiten gibt es in Britisch-Jndien? Es gibt religiöse, rassenmäßige und schließlich solche Minderheiten, die beides gleichzeitig sind. Es gibt aber auch eine Minderheit, die nur sozialer Natur ist, wenn auch dieser soziale Charakter einen religiösen Unterbau hat. Denn der herrschende Hinduismus huldigt heute noch dem Kasten­wesen. Man lasse sich durch die Beteuerungen der Hinduführer, vor allem durch die phrasengeschmück­ten Programmreden Gandhis, nicht täuschen; selbst Gandhi ist tief im Vorurteil der hohen Kasten gegen die niederen Kasten befangen. Die Führer der unteren Kasten (in Europa häufig mit dem Sammelnamen Paria bezeichnet, in Indien selbst mit dem englischen Ausdruck Depressed Classes oder dem indischen BegriffeUnberührbare") sind äußerst mißtrauisch gegen die beruhigenden Worte, die Gandhi gesprochen hat, und mit Recht bestreiten sie ihm seinen Anspruch, auch ihr Führer zu sein.

Das Los der unteren Kasten ist immer noch hart; sie werden verachtet und ausgebeutet, beson­ders von den Anhängern der eigenen Religion, nämlich von denen, die in einer höheren Kaste ge­boren wurden. Die sozialen Härten, welches dieses hochmütigste aller gesellschaftlichen Systeme der heutigen Welt mit sich brachte, haben zur Bil­dung eigener politischer Parteien ge­führt. So sind besonders in Südindien, in der Pro­vinz Madras, die politischen Gruppen der unteren Kasten zu einer Partei vereinigt, welche sich kurz und bündig: Non-Brahman, Nicht - Brahmanen nennt. Wie viele Hindu mag es geben, denen so von den oberen Kasten der Hindu die soziale, ja menschliche Gleichberechtigung abgesprochen wird? Es gibt wohl au die 240 Millionen Hindu: davon sollen 80 Millionen den unterdrückten Kasten an­gehören. 80 Millionen, das ist auch im volkreichen Hindustan eine gewaltige Zahl, hat Indien doch 350 Millionen Einwohner.

Dies wäre die bedeutsamste Minderheit. Es folgt das islamische Element. Es gibt in Bri- tisch-Jndien etwa 70 Millionen Mohammedaner, die sich über ganz Indien verteilen, wenn auch beson­ders große Mengen in Bengalen (Hauptstadt Kal­kutta), Pandschab (Hauptstadt Lahore) und in den nordwestlichen Grenzprovinzen wohnen; Belutschi­stan ist ganz mohammedanisch, aber es ist so dünn bevölkert, daß es für das übrige Indien kaum ins Gewicht fällt. Die Mohammedaner sind die Nach­kommen der islamischen Eroberer, die aus Dorder- osien zwischen 1000 und 1500 kamen, und deren berühmteste Führer die Großmoguls gewesen sind. Infolgedessen sind unter den Mohammedanern viele persischer, türkischer, ja arabischer Abstammung.

Alle anderen Minderheiten sind zahlenmäßig viel unbedeutender, wenn auch tatsächlich oft sehr mäch­tig und einflußreich. Das gilt natürlich in aller erster Linie von der eigentlich herrschenden Minder­heit, den Engländern; es mag, ohne Militär, nicht mehr als 60 000 Engländer in Britisch-Jndien geben; aber welche Bedeutung haben sie! Sie sind politisch zusammengeschlossen und beanspruchen auch in den Parlamenten die gleichen Rechte wie jede andere Minderheit. Da sind ferner die Misch- l i n g e zwischen Europäer und Inder, die oft ver­ächtlich Half Casts genannten Schichten, die sich ober selbst stolz Anglo-Inder nennen, und die in vielen wichtigen Beamtenstellen (vor ollem an der Bahn) sitzen, als Muttersprache Englisch sprechen und sich als Oberschicht betrachten. Auch sie sind po­litisch organisiert; es mögen an die 100 000 Men­schen sein. Da sind schließlich die indischen katho­lischen und evangelischen Christen, die allen möglichen Rassen entstammen, entweder Neu-

Der Friedensengel:Was geht denn hier vor?"

Der Chor der Mächte:Stören Sie uns nicht, wir bereiten uns auf die Abrüstungskonferenz vor."

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bekehrte, Nachkommen von den Proselyten aus der Portugiesenzeit oder aber auch Nachkommen der seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten christ­lichen Stämmen sind (zum Beispiel die sogenannten Malaberchristen).

Aber nicht nur Christen, Mohammedaner, Hindus gibt es in Britisch-Jndien, sondern auch Parsen, Buddhisten und Sikhs. Die Parsen dürften die Zahl von 100 000 nicht überschreiten, aber sie be­deuten außerordentlich viel, da sie, besonders in der Landschaft des Gutscherat (westlich von Ahme­dabad) und in Bombay, die wirtschaftlich führenden Schichten darstellen. Die Buddhisten kommen weniger in Betracht; denn es scheint, daß die Pro­vinz mit einer buddhistischen Mehrheit, nämlich Birma, in Zukunft politisch von Britisch-Jndien ge­trennt wird. Die Sikhs wohnen hauptsächlich in der Landschaft um Amritsar. Es gibt ihrer 3 oder 4 Millionen. Es sind fanatische Verfechter ihrer reli­giösen Rechte, und sie bilden die einzige Minderheit, die das eben abgeschlossene Minderheiten-Abkommen von London erst nach mannigfachen Schwierigkeiten annahm.

In dem erwähnten Abkommen handelt es sich vor allem um das gemeinsame Streben dieser Minder­heiten, in dem künftigen Wahlrecht eine Form durchzusetzen, welche verhindert, daß die Min- derheiten von der hinduistiscken Mehrheit majorisiert werden. Deshalb haben sich die Minderheiten auf ein gemeinsames Projekt für das Wahlrecht ge­einigt. Sie verlangen grundsätzlich eine b e - stimmte Anzahl von Mandaten für sich, und sie haben diese Mandate untereinander verteilt. Geht dieses Projekt durch (es genießt na­türlich die britische Sympathie), so ist die h i n - duistische Herrschaft gebrochen, falls die oberen Kasten es nicht verstehen, mit den bisher verachteten und entrechteten Kasten zusammenzu­arbeiten.

Der Besiegte von London ist Gandhi, dessen asiatischer Nimbus in London rasch verflogen ist. Die wirklichen Probleme zu sehen, hat sich dieser sonderbare Mann solange geweigert, bis es zu spät war, das heißt bis der Pakt geschlossen war. Nun beschwört er die Mohammedaner und die Sikhs, von dem Minderheitenabkommen zurückzutreten, eine Forderung, die er mit großzügigen Angeboten schmackhaft zu machen versucht. Es sieht nicht so aus, als ob Mohammedaner und Sikhs den von Gandhi geführten Hindu trauten. Und so dürfte Gandhi der Unterlegene sein. Gleichzeitig aber hat er die ande­

ren Minderheiten von neuem sich zu Todfeinden gemacht, vor allem die Vertreter der unter­drückten Kasten, denn sein Bestreben war ja offenbar, die Mohammedaner und Sikhs zu über­reden, ihr Versprechen, welches sie den anderen Minderheiten, darunter den 80 Millionen Paria, gegeben hatten, zu brechen. Falls es ihm nicht glückt, einen auch für die anderen befriedigenden Ausweg zu finden, hat Gandhi wohl endgültig seinen Ruhmestitel verspielt, den er lange innehatte, den, der Führer des ganzen nationalen Indien zu sein.

Oie Hochschulgebühren in Preußen.

Berlin, 23. Rov. (DDZ.) Der Hauptaus- schuß des Preußischen Landtags beschäftigte sich am Montag mit Anträgen der Deutschnationalen, der DVP. und der Kommunisten, die sich gegen die Erhöhung der H o ch s ch u l g e b ü h - ren richten. Ministerialdirektor Richter erklärte, daß die Heraufsetzung der Gebühren, die sobald als möglich wieder rückgängig gemacht werden solle, getroffen worden sei, um die Substanz zu erhalten. Große Ersparnisse könne man durch Schließung von Hochschulen, Abbau von Instituten und ähnliche Maßnahmen nicht machen. Aeber- flüssiges würde jedoch beseitigt werden. Der neue Haushalt würde eine Senkung der gesam - tenAusgaben durch die bereits erfolgte Her­absetzung der Ausgaben für Gehälter, Jnstituts- mittel und Dausummen u m 2 3 v. H. bringen. Die gesamten Hochschulunkosten in Deutschland ent­sprächen denen des Durchschnitts anderer Län­der. 3n England und Amerika seien sie erheblich höher, in der Schweiz, Frankreich und Oesterreich erheblich niedriger. Für besonders notlei­dende Studierende werde durch Erwei­terung der Stipendieneinrichtun- gen und Ausdehnung des Gebührenerlas­ses geholfen werden. Die Anträge fanden in einer Fassung Annahme, wonach das Staats­ministerium, falls weitere Sparmaßnahmen auf dem Gebiete des Hochschulwesens geplant sein sollten, die entsprechenden Pläne vorher dem Landtag vorlegen soll. Aach einem sozialdemokra­tischen Zusatzantrag soll geprüft toeroen, ob mit dem Beginn des Sommersemesters 1932 eine Staffelung der Hochschulgebüh-ren nach der wirtschaftlichen Lage der Studierenden ermöglicht werden kann.

Reichsbahn und Weihnachtsverkehr.

Verlängerte Gültigkeitsdauer der Sonntags- und der Arbeiter-Rückfahrkarten.

Um den Besuchs- und Erholungsreisenden in der Zeit der Feiertage von Weihnachten bis Sonntag nach Reujahr die Reise zu erleichtern, insbesondere auch, um Winter­sportlern Gelegenheit zu längeren, billigen Fahr­ten in die Wintersportgebiete zu geben, hat die Reichsbahnverwaltung die Gültigkeits­dauer der Sonntagsrückfahrkarten zu Weihnachten aus die Zeit vom 23. Dezember 1931, 12 Uhr, bis zum 4. Januar 1932, 9 Uhr, festgesetzt.

Rach den geltenden Tarifbestimmungen wäre die Gültigkeit der Sonntagsrückfahrkarten auf drei getrennte Abschnitte beschränkt gewesen, näm­lich auf die Zeit vom 23. Dezember, 12 Uhr, bis 28. Dezember, 9 Uhr; vom 31. Dezember, 12 Uhr, bis 2. Januar, 9 Uhr; und dann wieder vom 2. Januar, 12 Uhr, bis zum 4. Januar, 9 Uhr. Die Reichsbahn will sich mit dieser Maßnahme den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen dieses Winters anpassen und hofft dadurch auch den Reiseverkehr an den Festtagen anzuregen.

Die Gültigkeitsdauer für Arbeiterrück­fahrkarten ist auf die Zeit vom 19. Dezember 1931 bis zum 4. Januar 1932 verlängert worden, eine Maßnahme, die im Interesse der werk­tätigen Bevölkerung getroffen ist und die dadurch besonders an Bedeutung gewinnt, daß voraus­sichtlich an den Werktagen zwischen Weihnachten und Reujahr in einer großen Zahl von Betrie­ben nicht gearbeitet werden wird.

Oberheffen.

Stadtvorstand in Lauterbach.

& Lauterbach, 25. Nov. In der jüngsten Stadtvorstandssitzung unter dem Vor­sitz von Bürgermeister Walz wurde zunächst die Hunde st euer für 1 9 3 2 in der seitherigen Höhe (für den ersten Hund 12 Mk., für den zwei­ten Hund 24 Mk., für den dritten und jeden wei­teren Hund 48 Mk.) festgesetzt.

Die seitherigen Jagdpächter, die Freiherren R i e d e s e l, haben auf die Reupachtung derG e - meindejagd ab 1. Februar 1932 verzichtet. Der Bürgermeister wurde ermächtigt, die Ge­meindejagd in drei Losen zur Reuverpachtung auszuschreiben.

Verschiedene Erwerbslose beabsichtigen den Er­werb von städtischem Oedland, für das sie pro Quadratmeter 4 Pfennig bieten, um es für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse urbar zu machen. Es handelt sich um ein Gelände von rung 3500 Quadratmeter. Der Stadtvorstand er­klärte sich grundsätzlich zu dem Verkauf bereit, jedoch soll die Landwirtschaftskommission erst noch einige Unklarheiten beseitigen und dann die end­gültige Zusage erteilen. Bei der Abtretung des

Am Samstag, 28. November, werden wir im Feuilleton mit der Veröffent­lichung einer neuen Artikelserie

Unterwegs

beginnen, in welcher der Dichter

ALBERT H. RAUSCH

eine Anzahl von amüsanten und nach­denklichen Erlebnissen auf seinen Rei­sen in aller Welt niedergelegt hat

Zauberspiel um Goethe.

Von Fnh Adolf Hünich.

Enrico Rastelli, der unübertroffene Jongleur, hat einmal die Deutschen und die Ostasiaten als fein liebstes Publikum bezeichnet, und zwar wegen ihrer großen Sachverständigkeit und ihres besonderen Sinnes für Artistik und Kunststückchen. Wie ein Zauberer erscheint er uns, wenn er graziös und lächelnd im magischen Licht der Scheinwerfer seine Bälle, Keulen, Teller durch die Luft tanzen, wirbeln, kreisen und kreiseln läßt. Es ist etwas Unfaßbares um solche Künste, die mit ihrem Geheimnis die schau- lustigen großen und kleinen Kinder seit undenklichen Zeiten magnetisch anlocken. Sie machen es einem schwer, diese Jongleure, Gaukler, Taschenspieler, Zauberer, Fakire, Feuerfresser, zu glauben, daß ihre verblüffenden Tricks und Fertigkeiten keine Hexereien sind, und es ist kein Wunder, daß sie im finster-arg­wöhnischen Mittelalter oft als Teufelsbündner ver­rufen waren wie jener Quacksalber und Beutel- schneider Georgius Sabellicus Faustus junior aus Knittlingen in Württemberg, an dessen Person sich der Ruhm eines ULsterblichen Namens heftete. Als einer der großen Magier lebte er In der Phantasie des Volkes fort, und lange bevor dieserwelt- deschreite Zauberer und Schwarzkünstler" im Schau­spiel des 18. Jahrhunderts auftauchte, hatte er im Puppenspiel auf Jahrmärkten und Messen ein unter­irdisches Dasein gesü rt. Hier trat er in den Ge­sichtskreis des jungen Wolfgang Goethe, als dieser nut einem Freibillett seines Großvaters, des Stabt- fchultheißen Textor, in der Tasche, auf dem Sieb» frouenberge in der Bude eines der fahrenden Pup­penspieler das wunderliche Leben des weiland be­rühmten Doctor Johannis Fausti bis zu seinem er- schrecklichen Ende oorüberziehen sah. Es war eine Verzauberung, die ein ganzes langes Leben anhalten sollte. Von Zauberern freilich, die die Menschen feiner eigenen Zeit verwirrten und verführten, mochte Goethe nichts wissen. Als der berüchtigte Wunder­täter, Geisterbeschwörer und Charlatan C a g l i o ft r o' die wundersüchtige Menschheit von Petersburg bis Paris blendete, narrte und betrog, schrieb Goethe 1791 überdiesen Nichtswürdigen" an Friedrich Heinrich Jacobi, es sei erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach'Wundern schnappten, um nur in ihrem Unsinn und Albernheit beharren zu dürfen und um sich gegen die Obermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können. Seit zehn Jahren hatten ihn die Schicksale dieses Abenteurers, den seine dämonische Macht über Menschen in immer neue Verwicklungen und zuletzt in die Halsband-

aeschichte verstrickten, beschäftigt und zu dramatischer Gestaltung angeregt. Aus der geplanten Opera buffa wurde das LustspielDer Groß-Cophta", in dem Cagliostro und seine schwindelhafte Logengründung entlarvt werden. Es verdient hier als nicht allgemein bekannt angemerkt zu werden, daß Goethe das Ho­norar, das er für die erste Ausgabe des Lustspiels von seinem Berliner Verleger Jobann Friedrich Unger erhielt, der Mutter und Schwester Caglio- ftros zukommen ließ, die in dürftigen Verhältnissen in Palermo lebten, wo er sie tennengelernt hatte.

Da war Jakob Philodelphia ein Zauberer anderer Art. Seit 1757 bereiste dieser Amerikaner fast alle Länder Europas und gab, mit Vorliebe an den Höfen, mathematisch-physikalische Vorstellungen, die ihn als Meister der Taschenspielkunst zeigten und überall riesigen Zulauf hatten. Die marktschreierische Art seiner Ankündigungen ist von Lichtenberg witzig verspottet worden. Als er am 22. und 24. April 1777 am Hofe und in der Stadt Weimar feine Künste sehen ließ, war auch Goethe unter seinen Zuschauern. Als Bauchredner (Ventriloquist") und Verwand- lungstünftler setzte im ersten Viertel des 19. Jahr­hunderts der französische Wundarzt Alexander Val- t e m a r e, auch Baltimore genannt, ganz Europa in Erstaunen.Außer jener Gabe, die verschiedenartig­sten Stimmen und Töne in den verschiedensten Rich­tungen und Entfernungen heroorzubringen", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, besitzt er ein außerordentliches mimisches Talent und kann die in Alter, Geschlecht, Stand, Figur verschiedensten Per­sonen in solcher überraschender Schnelligkeit und Ab­wechslung darstellen, daß es rein unbegreiflich er­scheint und an Zauberei grenzt". Er trat auch als Bühnenkünstler auf und spielte sechs der verschieden­artigsten Rollen in einem Stück, in England an einem Abend, überdies in der Sprache des Landes, sogar vierzig verschiedene Charaktere. In Anspielung auf die gleiche Begabung gab man ihm den Bei­namender neue Garrick". Der Ruhm, den er erntete, war beispiellos und drang bis in die fernsten Weltgegenden; fein Bildnis wurde in Kupferstich und Lithographie vervielfältigt; Anekdoten schossen um diesen Zauberer auf,der unfehlbar ein Opfer der heiligen Inquisition geworden fein würde, wenn er in deren Bereich gekommen wäre". Ungeheure Ein- nahmen flössen ihm, besonders in Großbritannien, zu, so daß er ein reicher Mann wurde, der gleich einem englischen Lord, von Dienerschaft begleitet, in einem eignen großen Wagen mit 4 Extrapostpferden reifte. Da ihn seine Kunst mit den berühmtesten Zeit- genoßen in Berührung brachte, kam ihm der Ge­danke ein Autographenalbum anzulegen in dem schließlich dank seiner Geschicklichkett und Beharrlich-

feit kaum ein bemerkenswerter Name fehlte.Die ganze Geschichte unserer Zeit", sagt der Bericht,geht in ihren mannigfachen Verzweigungen und über­raschenden Abwechslungen an uns vorüber."

Ende Juni 1818 sehen wir ihn in Jena bei Goethe, der unterm 29. in sein Tagebuch einträgt: Nach Tische Alexander und seine Künste" und ihm einen Tag später die folgende Anerkennung in sein Autographenalbum schreibt:Herrn Alexander wüßte ich nicht entschiedener meinen Beifall auszusprechen als durch die Erklärung, daß ich allen ihm schon er­teilten Zeugnissen mit Vergnügen beistimme. Zu empfehlen weiß er sich selbst."

Mit den Enkeln war im Goethischen Hause eine neue Jugend eingezogen, deren Treiben der alle Herr lächelnd und gelassen zusah. Ja, er nahm sogar an dem Spiel der Enkel teil und förderte es durch Beifall und Geschenke. Im Hinblick auf ihre Taschen­spieler-Kunststückchen, worin besonders Walther geübt war, sagte er zu (Eder mann:Ich habe nichts dawider, daß die Knaben ihre müßigen Stun­den mit solchen Torheiten ausfüllen. Es ist, besonders in Gegenwart eines kleinen Publikums, ein Herr- liches Mittel zur Uebung in freier Rede und Er­langung einiger körperlichen und geistigen Gewandt­heit."

Am 2. November 1830 hatte er das Ehepaar Wil - lern er gebeten, ihm auf dem Frankfurter Weih­nachtsmarkt eines der Kästchen zu besorgen, worin mancherlei Gerätschaften zu Taschenspielertünsten mit Anweisungen zum Gebrauch beisammen seien, wie es einem Anfänger, einem 12jährigen Knaben, genügen könnte. Am 19. Dezember dankte er für diegefällige schnelle Besorgung und sandte dabei den Betrag für den Taschenjpielerapparat, der 8 Gulden 30 Kreuzer kostete. Ist es nicht fast Zauberei zu nennen, daß sich dieser Spielzeugkasten durch die Jahrzehnte erhalten hat, um in der Sammlung Kippenberg in Leipzig seine bleibende Statt zu finden? Er besteht neben 25 Zetteln mit handschriftlichen Angaben von Zauber­kunststücken aus 17 Gegenständen, darunter einem magischen Quodlibet, einem Zauberquadrat und einem Zusammensetzspiel. Auch das Buch, das ohne Zweifel als Anleitung zu den Zauberkunststücken der Enkel gedient hat, befindet sich in der Sammlung Kippen­berg; es ist KerndörffersCarl der Tausend­künstler, oder Sammlung mechanischer, chemischer, magnetischer und Kartenkunststücke und arithmetischer Belustigungen, zur angenehmen geselligen Unterhal­tungAngesichts solcher Sereitfchaft konnte es für die Enkel keinen willkommeneren Besuch geben als den des Professors Ludwig Döbler aus Wien des Meisters der natürlichen Magie", des gelehrten

Taschenspielers. der größte Geschicklichkeit mit wissen­

schaftlichem Ernst verband. Welches Erlebnis für den dreizehnjährigen Walther, als dieser Meister ihn, seinen jüngsten Schüler, am 23. Juni 1831einige Kunststücke" lehrte, wie der alte Goethe in fein Tage­buch vermerkt! Noch manchmal lebte die Erinnerung an den Besuch im Goethischen Hause auf, so etwa am 17. Juli, unter dem wir im Tagebuch lesen: Walther gab eine Vorstellung seiner erlernten Taschenspielerkünste". Stolz konnte Ludwig Döbler unter sein lithographiertes Porträt das Faksimile der Verse setzen, die ihm Goethe gewidmet hatte:

Bedarfs noch ein Diplom besiegelt? Unmögliches hast du uns vorgespiegelt.

Zeitschriften.

Ms bei aller Mannigsaltigkeit doch in allen Teilen wohl harmonierendes Heft ist die Dezem­berausgabe der bekannten Münchner Monats­schriftD i e K u n ft erschienen. (Verlag F. Bruck- mann, München.) Fritz Erler, der Maler, tritt darin mit einigen seiner Werke vor uns. In dem umrahmenden Text ausSchlenderweil, Grillen eines Malers, sa^t Erler gute Worte über na­tionale Kunst und über den Wert und das Gesicht der Kunstausstellungen. Von Malern wird ferner der Italiener Emilio Sobrero ausführlicher ge­würdigt. Einführungen in den Leitgedanken der Dresdner AusstellungDas Kunstwerk im Raum" und die im Städelsd)en Kunstinstitut in Frankfurt am Main veranstaltete Ausstellung vom Ab­bild zum Sinnbild schließen sich an. Die Plastik ist durch Bronzearbeiten von Fritz Klimsch, Ren^e Sintenis, Max Esser, Rudolf Belling und W. Gerstel aus der Bildgieherei Roack vertreten. Eine erfreuliche Erweiterung erfährt das Pro­gramm durchKunst und Film mit einigen treff­lichen Beispielen für die künstlerische Gestaltung des neuen Filmbildes. Von neuartiger Wirkung sind die Jkora-Gläser mit eigenartiger Ornamen­tik und reizvoller Durchfärbung. Aus dem Ge­biet der Wohnungskunst wird ein modernes Wohnhaus für 22 500 Mk. Baukosten in vielen Einzelheiten vorgeführt, ferner neue Wohnräume aus der Kölner internationalen Raumausstellung und grüne Gartenhöse für Groh-Siedlungen.

Hochschulnachrichten.

Nachdem Prof. Dr. Ernst Levy in Heidel- b e r g den Ruf auf den Lehrstuhl für deutsches bürgerliches Recht an der Universität Bonn ab- gelehnt hat, ist der Bonner Lehrstuhl dem Or­dinarius Dr. Fritz Pringsheim in Frei­burg l Br. angeboten worden.