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Nr. 40 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Freitag, 27. Zebruar 1931

Aus der Provinzialhouptfiav,

Gießen, den 27. Februar 1931.

Ein Enkel Justus von Liebigs gestorben.

Nach längerer Krankheit verstarb am 13. Februar in Bernried (Oberbayern) der Enkel des weltbe­kannten Chemikers und früheren Gießener Pro­fessors Justus von Liebig Professor Dr. Hans Freiherr von Liebig. Der Verewigte war am 11. November 1874 in Dinkelsbühl geboren. Er widmete sich nach beendetem Schulbesuch dem Stu­dium der Chemie an den Universitäten Genf und München. Am 19. Dezember 1898 promovierte er bei der Philosophischen Fakultät der Universität München und wurde dann Assistent und Abtei­lungsvorstand am Institut für pharmazeutische und angewandte Chemie an der Universität München unter Professor Dr. A. Hilger Am 2. Mai 1908 habilitierte er sich an der Universität Gießen für das Fach der Chemie, am 6. Juni 1914 wurde er hier zum a. 0 Professor ernannt. Auf sein Nachsuchen schied er am 30. März 1921 aus dem hessischen Staatsdienst aus und widmete sich dann Aufgaben der Wirtschaft.

Als Politiker schrieb er im Verlaufe der Kriegs« fahre und nach dem Kriege mehrere Bücher, in denen er sich mit der Politik Deutschlands während der Kriegszeit und in den ersten Nachkriegsjahrcn kritisch 'vuseinandersetzte.

Prof. Dr. Hans von Liebig hat das Bcr- dienft, im Liebig-Museum auf Anregung von Geh. Rat Sommer die samiliengeschichtlichc Grundlage geschaffen zu haben, auf der dann weitergebaut wer­den konnte Im Privatlaboratorium von Justus von Liebig hängen die handschriftlichen Tafeln über die Vorfahren und Nachkommen von Justus von Liebig. Im Anschluß an einen von Prof. Sommer dar­über gehaltenen Vortrag kam die Erforschung der Anlage und Abstammung Justus von Liebigs in Gang, die dann von Studienrat Preetorius in Darmstadt durch interessante Funde und Entdeckun­gen erweitert wurde. Das Liebig-Museum bewahrt also auch das Gedächtnis an Hans von Liebig, wie cs auch für die Stadt^ießen als ein denkwürdiges Ereignis gilt, daß Großvater und Enkel der Familie Liebig dem Lehrkörper der gleichen Universität an­gehörten.

-oer Volkstrauertag in Gießen.

Am kommenden Sonntag findet, wie alljährlich, anläßlich des Volkstrauertages wieder eine Ge­denkfeier zu Ehren unserer gesalle- nenKrieger statt. Die Feier beginnt pünkt­lich um 12 Ufjrin der Neuen Aula der Universität. Die Gedenkrede wird Beigordncter Dr. Hamm halten. Frau Minna Wolff (Ge­sang), Musiklehrer Kasten (Orgel) und das Musikkorps unseres Bataillons unter der Leitung von Obermusikmeister Löber werden mit ihren Darbietungen die Gedenkrede umrahmen. Der Zutritt zu dieser Feier ist für jedermann un­entgeltlich.

Um 20 Uhr wird in der Johanncskirchr eine musikalische Gedächtnisfeier für un­sere Gefallenen stattfinden, bei der Frau Gertrud Wehl (Gesang), Organist Habicht (Orgel) und die Kgpelle des Bataillons unter Leitung von Obermüsikmeistcr Löber mitwirken werden. Die Darbietungen bestehen in Orgel- und Or­chestervorträgen, Sologesängen mit Orchester- und Orgelbegleitung und Instrumental-Solovorträgen mit Orgelbeglcitung. Die Entnahme eines Pro­gramms für 50 Pfennig berechtigt zum Eintritt. Der Ertrag dieser Veranstaltung soll zum Besten der Gießener Kricgsgräbersürsorge verwandt werden. (Siche gestrige Anzeige.)

Der Bann ' der das Lachen verlernt hat.

Vornan von Gert Gothberg.

Copyright bv Martin Feuchtwa^ger. Halle (Saale) 18 Fortsetzung Nachdruck verboten

Kent nahm Zylinder und Handschuhe an sich, schritt an dem sich tief verneigenden Diener vor­über, der dann hinter ihm herging, um den Strauß weißer Ehrysanthemen zum Auto hinabzutragen.

Ein paar kurze Worte zum Chauffeur, dann sauste der elegante Wagen davon.

Tom, der Kammerdiener, stand noch immer mit seinem eigentümlichen Lächeln an der Tur des Vorgartens und blickte in die Richtung, die der Wagen genommen.

Wohin fuhr der Eisenbahnkönig?

Zu einer Frau! Soviel war gewiß! Aber es waren doch wieder nur die gewöhnlichen, wenn auch sehr köstlichen weißen Chrysanthemen ge­wesen. Wenn sich etwas im Leben des Eisenbahn­königs ändern würde, dann hätte er jetzt bestimmt andere Blumen gewählt. Vielleicht würde er dann diese Blumen nicht durch ihn, den Kammer­diener, besorgen lassen.

Das schien jetzt allem Anschein nach das alte Lied zu sein. Warum aber hatte er denn dann gesagt, daß er diesmal später käme? Das Lächeln auf dem glatten Lakaiengesicht vertiefte stch. Was würde denn weiter sein? Charles Kent würde einfach von der Abendgesellschaft hinweg noch tn den Klub fahren. War das dumm, auch nur eine Minute lang zu denken, der Eisenbahnkomg würde vielleicht plötzlich für eine Frau etwas übrig

Tom ging ins Haus zurück, dessen Pforten sich wie vvp selbst vor ihm öffneten.

Frauen! _ .

Und wenn sie auch noch so schön und berückend wareir, im Leben Charles Kents hatten sie nichts zu suchen.

Frauen!

Der Kammerdiener Tom lächelte nicht mehr sein eigentümliches Lächeln. Rein, jetzt lachte er spöttisch, hohnvoll.

Frauen!

Er kannte sie!

Alle! Alle, die sich um Charles Kent bemüht haticn. 3c mehr sie sich bemühten, desto mehr konnien sie von vornherein sicher sein, daß sie erfolglos blieben, diese Bemühungen. Der Visen­bahnkönig lächelte nicht einmal darüber. Höch­stens. daß es in seinen Augen zornig aufblihte, 'wenn wieder irgendwelche dunkelrote kostbare Blu­men mit einem der intimen kleinen Billetts ge- tommen waren.

Das ZugeOherbergSwerk mSießen mddbechesien

Die Ortsgruppe Gießen des Reichsver­bandes für deutsche Jugendherber­gen (D. 3. H.) hielt am Montagabend im Sing- saat der Obcrrealschule ihre diesjährige Haupt­versammlung ab. Der 1. Vorsitzende, Stu­dienrat Dr. F l ö r k e, eröffnete die Versammlung.

Die Geschäftsführerin. Lehrerin Frl. Hotz, erstattete sodann den Geschäftsbericht für das verflossene 3ahr, aus dem nachstehendes entnom­men toar: Die Mitgliederzahl betrug Ende 1930 insgesamt 301 (1929 : 322). Der Rückgang erklärt sich daraus, daß Dleibenausweise auch für 20-bis 25jährige, die sich in Berufsausbildung befinden, ausgestellt werden, während früher alle über 20 3ahre alten Benützer der Jugendherber­gen die Mitgliedschaft benötigten. Von den 301 Mitgliedern sind 239 Einzelmitglieder (1929 : 266) und 62 körperschaftliche Mitglieder (1929 : 56). wie Vereine, Schulen. Behörden und Gemeinde­verbände. 3m verflossenen 3ahr wurden neben 381 Bleibenausweisen (1929: 169) 124 Führer­ausweise (1929: 109) ausgestellt.

Die Uebernachiungszahl der Gießener Jugend­herberge betrug 2549

(1929 : 2058, 1928: 1863). Die Besucher setzten sich Zusammen aus 2109 männlichen und 249 weib­lichen Personen: also insgesamt 2358 Gästen mit 2549 Uebemachtungen Für das HerbergSwerk wurde in der Oeffentlichkeit lebhaft geworben. An dem am 21. September 1930 in Gießen ver­anstalteten Wer beumzug beteiligten sich 18 3ugendbünde mit rund 600 jugendlichen Teil­nehmern.

Dem Kassenbericht des Rechners, Spar- kasscnoberfekretär Wolf, war zu entnehmen, daß die Einnahmen 6080,03 Mk. betrugen. 3n diesem Betrag sind enthalten die Zuschüsse von Staat, Provinz und Stadt Gießen und die Mitglieder­beiträge. Die Ausgaben betragen 4096,90 Mk. und enthalten die Zuschüsse zu den Zugendherber­gen Gießen mit 51 Alk.. Hoherodskops mit 354 Mark, Laubach mit 66 Mk., Gedern mit 89 Mk. und Büdingen mit 2093 Mk. Die Rechnung, von Prokurist Georg und Frl. S t a h l h a cke ge- geprüft, wurde genehmigt.

Für einige ausgeschiedene Vorstandsmitglie­der wurden von Hahn in den engeren und die Herren E tz und Wissel in der erweiterten Vor­stand gewählt. Zu Rechnungsprüfern wurden Prokurist Georg und Frl. S t a h l h a ck e wie­dergewählt.

Der Vorsitzende erstattete sodann den Jahres­bericht über den

Stand der Jugendherbergen in Ober Hessen: 3m Mai des letzten 3ahreS konnten die Jugend­herbergen in Gedern und Büdingen eingeweiht werden. Gedern besitzt einen Reubau mit 40 Lagerstätten. Für die Jugendherberge in Büdingen, die für 5000 Wk. durch Kauf erworben wurde, ist die Anschaffung von Gerätschaften not­wendig, hoffentlich folgen auch Stadt und Kreis Büdingen dem Beispiel anderer Städte und Kreise und tragen ihr Teil zum inneren Ausbau der Herberge bei. 3n Lauterbach ist jetzt endlich mit tatkräftiger Unterstützung des Studiendirek­tors Schoen (früher, in Gießen) ein Heim für die Jugend beschafft worden. Es liegt nahe der Straße nach Blihenrod zu nm städtischen Schwimm­bad und wird zur Zeit für seinen Zweck ber­gend) tet. Ende April gedenkt man das Heim einzuweihen. 3n Friedberg harrt die Frage der 3ugendherbergsbeschasfung noch immer ihrer Lö­sung. Am 17 Mai 1931 wird im ganzen Reich ein

Werbetag für das Jugendherbergswerk veranstaltet. 3n Gießen soll an dem Tage eine Straßen« und Haussammlung durch Mitglieder der Gießener Jugendbünde vorge­nommen werden.

3m Anschluß an die Hauptversammlung zeigte Studienrat Dr. Flörke Bilder aus den Her­bergen von Lauterbach, Büdingen und Gedern, ferner aus den Gebieten Rhein, Taunus, Lahn und Westerwald.

Die wirtschaftliche Rot bringt leider auch das deutsche 3ugendherbergswerk in Gefahr, so daß es alle Kräfte anzustrengen gilt, um der Jugend das fegenbringenöc Werk zu erhalten und weiter auszubauen.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadt­theater:Volpone", 20 bis 22.30 Uhr. Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Afrika spricht". Aftoria- Lichtspiele:Die große Lüge" undOpfer des Harems".

Aus dem Stadt t h e a t e r b u r e a u wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, zum letzten Male ..Volpone", Komödie von Den Jonsons, Spielleitung Peter Fassott. Sonntag. 1. März, 15 Uhr, geschlossene Vorstellung,Nachtasyl" von Gorki. Als Fremdenvorsteklung gelangt 18.30 Uhr unter der Spielleitung des Intendanten das Schauspiel ..Marius ahoi!" von Marcel Pagnol zum letzten Male zur Aufführung.

Lichtspielhaus Bahnhofstraße. Drei Kulturfilme gelangen am nächsten Sonn­tag. 11.15 Uhr im Lichtspielhaus Bahnhofstraße zur Aufführung.Eine Fahrt durch Nordame- rika" zeigt die Schönheiten der Landschaft des überseeischen Kontinents: der zweite FilmNord- landFjordland" führt an die Westküste Nor- wegens und läßt die herbe Pracht dieses reiz­vollen Küstenstriches im Bilde erstehen, und schließlich lernt der Besucher noch die Stadt Hamburg mit ihrem vielseitigen Leben kennen. Die Filme, die im Auftrage der Hapag berge» stellt worden sind, dürften sicherlich viel 3nter« esse finden. (Siehe gestrige Anzeige.)

* Fremdenvorstellung im Gieße­ner Stadttheater. Man schreibt uns: Am Sonntag, l.März, wird das Stadttheater Gießen das Schauspiel Marcel Pagnols VolksstückMa­rius Ahoi!" unter der Spielleitung des 3nten- danten Dr. Prasch als Fremdenvorstellung zur Aufführung bringen. 3n diesem Schauspiel han­delt es sich um ein zeitlos menschliches Problem, um den Konflikt zwischen Abenteurerdrang und Liebesverlangen unruhiger 3ugend. Die Inten­danz macht daraus aufmerksam, daß dies äußerst wirksame und reizvolle Werk zum letzten Male zur Aufführung gelangt. Beginn der Vorstellung 18.30 Uhr, Ende gegen 21 Uhr.

* Keine neuen Packungen für Tabak notwendig. Entgegen anderslautenden Rach- richten über eine Verfügung des Reichssinanz- ministcriums, wonach angeblich in Zukunft der Tabak nur in Packungen von 40 und 80 Gramm in den Handel kommen darf erfahren wir von unterrichteter Seite, daß Joie Verfügung des Finanzministeriums den Fabriken freie Hand läßt, ob sie den Tabak in Packungen von 40 und 80 oder, wie bisher, von 50 und 100 Gramm verkau­fen wollen.

* * Ob ft» und Gartenbauverein Gie­ßen. Die diesjährige Hauptversamm­lung, die am Sonntag im Kaufmännischen Der- einshause stattfand, erledigte zunächst die nach

den Satzungen notwendig gewordenen Crgän- zungS- und Wiederwahlen zum Vorstände. Fer­ner wurde die Jahresrechnung geprüft, wobei sich die Notwendigkeit ergab, veranlaßt durch höhere Aufwendungen für die Mitglieder, auf frühere Ersparnisse Aurüdgrcifcn zu müssen. Der Mitglie­derbestand hat zugenommen. 3m Anschluß an einen imGießener Anzeiger" vom 21. Februar erschienenen Artikel sprach Amtsgerichtsrat Gros über die Vorteile gemein f-amer Durch­führung der Winterspritzung mit Karbolineum zur Bekämpfung der Obft- baurnschädlinge unter Beihilfe der Stadt In der Aussprache äußerten sich der Vorsitzende Reh- nelt und Abteilungsvorsteher Dr. Appel von der Pflanzenschutzstelle beim Landwirtschaftlichen Institut der UniDerfität zu dieser Angelegenheit. Man könne beobachten, daß der Ertrag von Obftbäumen, die mit Karbolineum gespritzt wor­den seien, gewöhnlich um etliche Pfund pro Baum größer sei, so daß die Ausgaben für das Spritzen ausgewogen würden. Ucberall wo die Spritzun­gen durchgeführt würden, seien auch die Bäume besser gepflegt: es käme z. B. nicht vor, daß Zrucht- mumien hängen blieben. Ein Ausruf des Vor­sitzenden au vermehrter Anpflanzung von Pfirsichbäumchen in Dusch- und Spalier­form hatte den Erfolg, daß eine größere Bestel­lung auf veredelte Pfirsichbüsche in Auftrag ge­geben werden konnte Der folgende Vortrag über Rosen, von Garteninspektor Rehnelt gehalten, führte die Anwesenden in den Werdegang der Rose vom Samenkorn zum vornehmen Garten- schmuck ein. Nur bestes Pflanzmaterial, so führte der Redner aus, lasse Erfolge zu. Pflanzen von Hausierern und billige Marktware sei <ils minder­wertige AuSlese zu betrachten und wachse gar nicht oder nur kümmerlich weiter, weil die Wur­zeln oft erfroren oder vertrocknet seien. Der Red­ner wies weiter auf die Wichtigkeit des Stand­ortes, der Bodenbearbeitung, die Bekämpfung der Rvsenmüdigkeit im Boden, auf Schnitt und ra­tionelle Düngung zur Erzielung eines reichen Flors sowie auch auf die vielseitige Verwen­dungsmöglichkeiten der Busch-, Hochstamm- und Schlingrosen hin. Die rechtzeitige Bekämpfung der Rosenkrancheiten wurde ebenfalls eingehend besprochen. Die Versammlung dürfte manchem der Gartenbesitzer sehr lehrreich gewesen sein.

Deutsch-Oe st erreichischer Alpen- verein. Man berichtet uns: Am Samstag hielt die Sektion Gießen des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereins im Saal des Hotel-Restaurant Hindenburg" einen geselligen Familienabend ab. Der Vorsitzende, Pros. Dr. Harrassowih, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und wünschte der Veranstaltung einen harmonischen Verlaus. Frau Gertrud Wehl sang Lieder von Brahms, Wolf und Koschat: man konnte sich wieder einmal von ihrem war­men, ansprechenden Mezzosopran und ihrem künstlerischen Vortrag überzeugen. Frau 3ngc- nieur Köpper (Wetzlar) fand mit ihrer klin­genden Sopranstimme und der neckischen Art ihres Vortrags lebhaften Beifall. Frl. Cdeltraut Raab war den beiden Sängerinnen eine ge­wandte und verständnisvolle Begleiterin. Außer­dem tr ig Frl. Raab am Klavier mit gewohnter Meisterschaft ein Konzertstück von Liszt vor. Die Damen 3c 11 m a n n und Ley erfreuten durch einen reizenden Biedermeiervortrag in Original» kostümen. Viel belacht wurde ein launiger Schulaussah" des Pros. Dr. Trapp über die Alpen. Zithcrspiel und Schallplattenvorlräge (durch Vermittlung des 3ngenieurs Brinkmann) sorgten für alpine Stimmung, auch die tanz­lustige 3ugenb kam zu ihrem Recht, ihn das Ge­lingen des Abends haben sich noch die Mit­glieder Studienrat Dr. Stohr, Bau bei, Deiche! und ihre Damen verdient gemacht.

Nimm dir das Zeug mit in dein Zimmer, Tom. Das Billett gib her."

Ohne es zu lesen, riß Kent das Schreiben dann in kleine Fetzen und warf dieselben in den Pa­pierkorb.

Ein Abenteuer in St. Louis!

Die entzückende Filmdiva Viole 3onner kam ins Hotel.

Eine äußerst wichtige Angelegenheit. 3ch muß Mister Kent sprechen und werde ihn hier erwarten", sprach sie sehr entschieden, so daß so­gar er, der in diesen Dingen sonst so gewandte Tom, verblüfft wurde.

Und sie wartete dann in Kents Salon.

Der Eisenbahnkönig kam von einer wichtigen Konferenz erst spät nach Hause. Tom sagte ihm, daß ihn eine Dame erwart».

Wer?"

Viole 3onncr!"

Was ist das für ein Ding? Viole Jonner? Etwa die Filmschauspielerin?"

3atoofjL Mister Kent."

Es ist gut."

Fünf Minuten spater ging die Diva an -tom vorüber, sagte zornbebend zu ihm:

Sie Schaf-!" und bestieg den Lift.

Tom lachte vor sich hin.

Aber es blieb ihm ein Rätsel, was Mister Kent wohl gesagt haben mochte, wie er es gemacht, daß die energische Dame so schnell die Wohnung des Eisenbahnkönigs verließ. Unb er hat es auch nie erfahren. Aber es blieb nicht das einzige Aben­teuer dieser Art. Es folgten noch andere, und sie endeten für die schönen Urheberinnen immer gleich. «

Tom, der Kammerdiener, ging jetzt ins Schlaf­zimmer seines Herrn, um dort Ordnung zu schaf­fen. Der Cisenbahnkönig liebte peinlichste Ord­nung und Sauberkeit um sich.

Später ging dann Tom noch ein bißchen hinun­ter, wo 3ean, der französische Koch, eifrig in einem Zola las. Dieser blickte mürrisch auf.

Tom hatte für Romane kein Verständnis und liebte die Wirklichkeit. Er hatte aber keine Ah­nung, daß Zola ohne Erbarmen in das Geben hineingriff, dort, wo man es von den Beteilig­ten am tiefsten zu verschleiern wünschte. Und diese erbarmungslose Blöße liebte nun wieder der Koch 3caru

Da ergab sich nun wieder ein Zwiegespräch, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lieh, und öen Schluß bildete dann gewöhnlich noch eine sehr ergiebige kalte Platte, die Jean holte, und der Wein war auch nicht der schlechteste.

Das Gespräch wandte sich dann ganz zuletzt Mister Kent zu, und Kammerdiener und Koch waren der Meinung, daß es abnorm sei, so die Frauen zu meiden, wie Kent es tat.

Dabei sind die Frauen tem toll nach chrn

Dinge kann ich erzählen, Dinge...! Na, ich er­zähle sie lieber nicht."

Und wenn öcY Koch bann drängte, angefeuert von Zolas Roman und dem guten Wein, bann ziertx sich Tom noch ein bißchen. Aber bann er­fuhr fein Freunb doch einiges. Daß es nicht immer ganz lautere Wahrheit war, brauchte der Franzose nichL zu wissen. Gtber dessen Augen waren zuletzt wie auf eine Knopfgabel gespannt. Beide blieben stundenlang beieinander sitzen.

Dabei sei festgestellt, daß beide für ihren Herrn durchs Feuer gegangen wären. Er war eben nur in Punkt Frauen für sie unbegreiflich, denn sie hatten an ihren freien Tagen beide etwas für ihr Herz. Die übrige zahlreiche Dienerschaft aber hätte es nicht wagen sollen, auch nur ein Wort auszusprechen, das dahin zielte, das Tun und Lassen des Gebieters zu bekritteln. Wehe ihnen! Kammerdiener wie auch Koch hätten kurzen Pro­zeß gemacht. Da hätte der Butler bald gewußt, wer zu fliegen hatte, denn der König der Diener verließ sich in dieser Beziehung ganz auf die beiden.

Charles Kent aber sah in seinen Wagen ge­lehnt und fuhr durch die Straßen Reuhorks.

Seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Er wußte, daß jetzt eine Aussprache erfolgen würde. Seine alte Freundin Mrs. Joring hatte es ihm nahegelegt, Mrs. Shetland endlich zu orientie­ren, wie er über eine Ehe dachte. Mrs. Joring wußte ja ganz genau, daß Ellinor sich falschen Hoffnungen hingab, und fie tat ihr doch leit), denn sie wußte, wie sehr die schöne Frau dem finste­ren, stolzen Manne zugetan war. Ja, sie hatte chn schon geliebt, als Bill, ihr Mann, noch lebte.

Der gute Bill! Der war leiblichen Genüssen sehr zugetan gewesen und war dabei täglich runder und dicker geworden. Kein Wunder, wenn gegen ihn die hohe, gebietende, breitschultrige und doch schlanke Gestalt doppelt anziehend wirkte!

Kent sah durch das Wagenfenster hinaus. Ein feiner Sprühregen hatte eingesetzt. Er riefelte an den Scheiben herunter. Gedankenverloren sah Kent auf die Blumen, die neben ihm lagen.

Weihe Chrysanthemen, wie er sie allen Damen schenkte, bei denen er zu einem Fest erschien.

Würde Ellinor Shetland nicht jetzt andere Blu­men erwarten? Die Mundwinkel des Eisenbahn­königs senkten sich. Cs war vielleicht wie ein klei­nes, unmerkliches spöttisches Lächeln, dann waren die Lippen wieder gerade und schmal.

Wie käme er dazu, Ellinor Shetland rote Rosen zu schenken? Erwartete sie das?

Sicher!

Denn Mrs. Joring war ja auch ihre mütterliche Freundin und würde vielleicht gar mit der schönen Frau im Komplott gegen ihn sein. Diese Aus­sprache wurde bestimmt jetzt auf Ellinors Wunsch mit Hilfe MrS. JvrkngS herbeigeführt.

Gut so!

Auch Ellinor Shetland sollte endlich wissen, woran fie war.

Eine Klarstellung war die Angelegenheit sicher wert, wenn seine Entscheidung auch Enttäuschung und ja, vielleicht auch echten Schmerz Hervor­rufen würde.

Ellinors Liebe inochte echt sein: er wollte gar nicht daran zweifeln. Doch aus seinem Leben waren die Frauen gestrichen, alle, auch wenn sie noch so schön und verführerisch waren

Der Wagen hielt.

Ehe der Chauffeur ihm noch behilflich sein konnte, war Kent bereits herausgesprungen. Nach­lässig griff er nach den Blumen, und dann ging er ins Haus hinein, an den sich tief verneigenden Dienern vorüber.

Miß Shetland erwartet Mister Kent im blauen Salon", meldete der Butler.

Kaum merklich nickte Kent. Er ließ sich seine Sachen abnehmen, fuhr leicht über das dunkle Haar, reckte sich straffer auf und betrat den blauen Salon.

Ein entzückendes Bild!

Rosenholz mit blauer Seide bespannt, in Vasen und Schalen weiße Rosen. Und zwischen all den Blumen Miß Ellinor, selbst wie eine schöne, sel­tene Blume in ihrem duftzarten, hellblauen Sei­denkleid, mit dem rotgoldenen Haar und den brau­nen, sehnsüchtigen Augen, dem halb geöffneten, rosigen Munde und dem müden, glücklichen Lächeln.

Ellinors Blick glitt ab von dem harten Männrr- gesicht, fiel auf die weißen Chrysanthemen, und das glückliche Lächeln um den roten Mund wich einem bitteren, enttäuschten.

Ellinor Shetland wußte schon in diesem Augen­blick, daß dieser stolze Mund sie nie küssen würde, und eine unsagbare Traurigkeit befiel sie.

Dennoch ging sie dem Gast entgegen, sprach mit lächelndem Munde:

Herzlich willkommen, Mister Kent! Sie wissen, daß es nicht anders sein kann, als daß Sie mir mein liebster Gast sind außer meiner alten Freundin."

Er drückte ihre Hand herzlich, zu einem Hand­kuß ließ der Eisenoahnkönig sich grundsätzlich nie herab, bei keiner grau; dann sagte er:

Ich kam gern. Ich danke Ihnen für den freundlichen Willkommgruh."

Nachdem er auch Mrs. Joring herzlich begrüßt, sah man zwanglos um den ovalen Tisch. Das war bisher bei ledern Fest so, das im Hause Elli­nor Shetlands ftattfanb. Immer hatte er dieses Vorrecht, ein Stündchen vorher alleiniger Gast bei ihr zu fein, ehe die anderen kamen. Das heißt, Mrs. Joring war auch stets da: aber das zählte beinah nicht, da sie so gut wie zum Hause Shet­land gehörte.

(Fortsetzung folgt.)