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Nr. 22 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)Dienstag, 27. Januar X951
1914 im Tonfilm und in Wirklichkeit.
Von E von Ungern-Eternberg, ehemaligem Pressechef der österreichisch -ungarischen Äotschast in Petersburg.
Richard Oswo ld hat es unternommen, das furchtbare Menschheitsdrama von 1914 bildhaft auferftef>en zu lassen, dos die Welt in Flammen, Blut und Elend stürzte, und dessen Folgen noch auf allen lasten, die die Katastrophe überlebt hoben. Der Richard-Oswald-Film will uns ohne Beschönigungen und ohne überflüssige Sensation zeigen, wie sich das Schicksal in den Kabinetten Aujammenbraute. Die Staatsmänner jener Tage leben vor uns auf, und wir sehen, wie politische Jntriguem Irrtümer und verbrecherischer Leichtsinn den Sieg übet die Vernunft und den guten Willen davon tragen. 2lm Beginne tönt der verhängnisvolle Schuh der Verschwörer in Sarajewo, der das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar tötet. Die Bluttat ruft unbeschreibliche Erregung hervor und das Kriegsgespenst schreckt die Kabinette aus ihrer trügerischen Ruhe. Run sehen wir in künstlerisch zusammengestellten Bildern, die sich auf historisch begründeten Tatsachen aufbauen, ein weltgeschichtliches Geschehen, das uns erschüttert, w i r sehen, wie der Weltkrieg entstand und wir erkennen, dah nicht Deutschland die Schuld am Weltdrama 1914 trug, noch tragen konnte.
Trotzdem der Film sich streng an die Ergebnisse der Kriegssorschung hält, war er anfänglich wegen der Verzeichnung einiger Szenen vom Auswärtigen Amt beanstandet und infolgedessen von der Filmprüsstelle zur öffentlichen Vorführung nicht freigegeben worden. Das Verbot war unter der Voraussetzung erfolgt, dah dieser Film ja nicht nur eine künstlerische Schöpfung, sondern gleichzeitig bestimmt sei, die breite Öffentlichkeit des In- und Auslandes über die Kriegsursachen aufzuklären, und dah ihm deshalb eine dokumentarische Bedeutung zuzusprechen sei. Nachdem nun einige Korrekturen vorgenommen und nachdem der Kriegsschuldforscher Dr. Fischer einen erläuternden Prolog spricht bevor sich der Vorhang hebt, wurde der Tonfilm 1914 in einer erneuten Sitzung der Filmprüfstelle, an der Vertreter des Auswärtigen Amtes und Sachverständige teil- nahmen, zur Vorführung auch für Jugendliche freigegeben und wird nun binnen kurzem seinen Lauf durch die Welt nehmen.
Das, was der Film nicht zeigen kann, ist d i e gewitters chw^re Atmosphäre, die feit der Dalkankrise namentlich über Ruhland brütete. War dach schon 1908, nach der Annexion von Bosnien und Herzegowina durch Oesterreich-Ungarn die Kriegsstimmung, ja die „Kriegslast" in gewissen einfluhreichen Petersburger Kreisen allgemein. Der damalige Auhen- minister Iswols ky lieh es zu, dah in der serbischen Gesandtschaft Kriegsfreiwillige gegen Oesterreich angeworben wurden. Sogar Reichsratsmitglieder, wie z. B. Michael Etachowitsch, schreiben sich als Freiwillige ein. Die Gemahlin des Außen- ministers bildete gemeinsam mit der Gemahlin des Dumapräsidenten Chomjakow ein prose r b i s ch e s Komitee, in dem zum Kriege gehetzt wurde. In den Salons der Grohfürstinnen Anastasia und Miliha wurden Intriguen gesponnen, die schließlich auch den Zaren umgarnten. Der Auhenminister Iswolsky, der in Duchlau, der Besitzung des Grasen Derchtold, eine Zusammenkunft mit Aehrenthal gehabt hatte, und der sich für getäuscht hielt, erging sich in diplomatischen und in Hofkreisen in so schweren Beleidigungen gegen die Person des Grasen Aehrenthal, dah die österreichische Botschaft in Petersburg den diplomatischen direkten Verkehr mit dem russischen Außenministerium ab brach. Der erste Botschaftsrat Prinz Für- ftenberg, der nachmalige österreichische Botschafter in Madrid, sah sich sogar gezwungen, den zweiten Staatssekretär Iswolskys, den späteren russischen Botschafter in Konstantinopel, Tscha- rykow, zum Duell z u fordern. Der serbische Thronfolger (damals noch Prinz Georg)
kam nach Petersburg, um die Unterstützung Rußlands gegen Oesterreich-Ungarn zu erlangen. Er wurde von der Kricgspartei (unter Großfürst Rikolai Rikolajewitsch) mit Jubel empfangen, aber der Zar erteilte ihm eine kalte Dusche, er konnte nur mit der Versicherung heimkehren, dah Rußland ein warmes Herz für Serbien habe und daß man über den serbischen Interessen wachen werde. Als Ordensauszeichnung wurde ihm nur der Stanislaus- Orden erster Klasse, d. h. nur ein besserer Deamtenorden, erteilt.
H-s begann damals auch die Zeit, wo d ie Abordnungen österreichischer Slawen nach Petersburg zu pilgern begannen, trotz der Mißstimmung der österreichisch-ungarischen Botschaft im Außenministerium empfangen und wie es schien, in ihren damals sicher landesverräterischen Absichten mit Rat und Geld gefördert wurden. Der Dumaabgeordnete Gras Bo brinsky schürte unter den Ruthenen, der russische Gesandte in Belgrad zeigte sich den großserbischen Plänen auf Kosten Oesterreichs nur zu geneigt und dürste wohl auch über die Pläne der „Schwarzen Hand" unterrichtet gewesen sein. Oesterreich sah sich in seinen Fundamenten bedroht. Im offiziösen Wiener Fremdenblatt erschien ein vom Ballhaus-Plah inspirierter Artikel unter der Überschrift „Hände weg von unserer Tür", gleichzeitig machte der Botschafter von seinem Vorrecht Gebrauch, über den Kopf des Außenministers hinweg beim Zaren persönlich vorstellig zu werden. Die russische Presse, voran die „Rowoje Wremja", tobte.
Bald richtete sich die Hetze weniger gegen Oesterreich-Ungarn als gegen Deutschland. Die deutsche Botschaft versuchte in der Öffentlichkeit Sympathie zu erwerben, sie hatte aber darin recht wenig Geschick und machte sich, ohne es zu beabsichtigen, einflußreiche Feinde. Zu einem großen Empfang an des Kaisers Geburtstag waren z. B. hervorragende russische Journalisten, Professoren usw. eingeladen. Bei der offiziellen Cour wurde ihnen aber bedeutet, dah sie erst später den Saal betreten dürften, da sie ja nicht hoffähig seien, inzwischen aber stände ihnen das Büfett zur Verfügung. Die Folge war, dah die Herren sofort die Botschaft verliehen, da sie nicht gewohnt seien, als Gäste zweiter Klasse behandelt zu werden. Es kamen noch andere Mißstimmungen gesellschaftlicher Art hinzu. 3m Salon eines russischen Aristokraten hatte der englische Botschaftsrat in einer privaten Gesellschaft einer Dame gegenüber nicht beleidigend. aber doch abfällig-über Kaiser Wilhelm gesprochen. Die Aeuherung war vom Bayerischen Gesandten Grafen Moy gehört worden, der sie dem Botschafter Grafen Pourtales meldete. Run wurde eine Staatsaktion daraus gemacht. Das Auswärtige Amt forderte die Abberufung des englischen Botschaftsrats, die auch... aber mit Beförderung, erfolgte. Die russische Gesellschaft nahm diesen Vorfall sehr übel auf. Das sind natürlich Kleinigkeiten, aber bei der russischen Psychologie haben gerade Kleinigkeiten und Radelstiche politische Bedeutung.
Diese Kleinigkeiten dürfen aber nicht die Tatsache verdunkeln, dah der deutsche Botschafter Graf Pourtales sich stets ernstlich bemühte, die finsteren Wolken, die sich am politischen Horizonte zusammenballten, durch seine Unterhaltungen mit Sassonow zu zerstreuen. Seiner Intervention ist es zu verdanken, dah d i e Dalkankrise befriedigend beigelegt wurde. 1911 und 1912 durfte man glauben, dah es dem Botschafter, namentlich nach dem Besuche Kaiser Wilhelms beim Zaren in den finnländischen Wassern gelungen war, einen Stimmungsumschwung in den leitenden Kreisen Ruhlands herbeizuführen. Und Zar Rikolaus 11. sprach Graf Pourtales bei verschiedenen Gelegenheiten seine Anerkennung aus. Aber im Außenministerium an der Sängerbrücke
0er Bergmann der Gee.
Von Friedrich Schnack z. Z. Madagaskar.
3m Feuer des Rachmittags funkelt der Hafen von Port Said. Die Strahlen der ägyptischen Sonne prallen auf die heißen Metallteile der Schiffe, treffen die Decks und überblenden weithin die Spiegelfläche des Hafenwassers. 3m Schatten des Schiffsrumpfs, der seine für die Weiterreise im Indischen Ozean nötige Kohlenladung in seinem weiten Bauch eingeschlungen hat, kreuzen die Toote der Hafenmatroien und der Kaufleute aus Port Said. Arabische Männer rudern Berge grüner Melonen heran, deren Fleisch so köstlich mundet: die Gärtner kommen mit ihren Gemüsen, Bananen, Mandarinen: Spezereihändler eröffnen in ihren Booten Kramläden voller Süßigkeiten, Krokant, türkischen Honig und Rahat Loukhum, die Haremsnäscherei, die nirgends so gut schmeckt wie in Konstantinopel, Paris und Berlin, Teppich- Händler entbreiten mit einladender Geste unter den Augen der an der Reeling lehnenden, nach Abessinien, Ostafrika, Madagaskar und Mauritius reisenden Fahrgästen ihre gewebten Schätze. Geschrei auf allen Seiten. Krane rasseln, Ketten klirren, tausend Säcke, Ballen, Kisten werden in die Laderäume hinabgeschwungen. Signale schrillen, Motorboote kommen gehetzt, ihre Kiele pflügen die grünblaue Flut: die Wellen schwappen und schaukeln: im Vordergrund des heftig bewegten Bildes zeichnet sich die grellübergossene Hafenstadt in den afrikanischen Himmel. Die Palmenstraße blitzt: die Mangobäume in Gärten und Anlagen sind dunkel und dichtbelaubt: die Flammenbäume, die purpur- blühenden Mimosen lodern prächtig: über die Mauern schlagen die Ranken der dunkelvioletten Dougainvilliasträucher: geheimnisvolles Leben durchlärmt die Stadt der Seidenhändler, der Juweliere, der Zigarettenläden, der japanischen, orientalischen und indischen Importeure, die das Kunstgewerbe vieler seltsamer Länder in ihren Magazinen aufgehäuft haben. Arabien, China, Aegvpten, Afrika, Europa, Indien, Kleinaiien haben sich in dieser heißen, farbigen und anreizenden Stadt etngefunben, und alle die braunen, weihen, gelben, dunkeln, schwarzen Menschen leben vom Schiffsverkehr der Welt, der seine Linien durch das blaue, heitere Mittelmeer zieht, und durch den Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean hinaus und herein.
Auch der ärmste Teufel nährt sich hier vom Meer, den Schiffen, Lasten und Plackereien, und wenn es von nichts anderem wäre, als von ein wenig Abfall der schwimmenden Hotels, die hier ankern, ehe sie Weiterreisen. 3m Gedränge der Frucht- und Spezereibvote, den Stickereien auf Seide mit Moscheen und Palmen, den Decken voller Göttesgestalten von Goldfäden, den starren Sphinxen und braunen Söhnen Äthiopiens, von kunstvoller Hand auf blauen und wüstengelben Grund geschlagen, zwischen den Kähnen der roten Teppiche und Fez?, den großen Seidentüchern mit langen Fransen in allen Farben, bestimmt für schöne, schlanke Frauen, liegt ein unansehnliches schmutziges Boot, das nichts anzubieten hat, in dem kein Kunstgewerbe prangt. Seine Ladung ist naß und schwarz, und doch mag sie an Wert manches Seidentuch aufwiegen — es sind schmutziger Kohlengries und wassertriefende Kohlen- brocken, teures Heizmaterial in Port Said. Ein Mann in Fetzen beugt sich stehend über die Spitze des Bootes, seine Hand faßt vorsichtig ein durchnäßtes. in die Tiefe hängendes Tau. Fühlend hält er es, dem leisesten Zucken von untenher nach- gebenö. Fischt er? Ein jäher Ruck reißt an seiner Hand, er stemmt sich gegen den Zug, zwei Sekunden vergehen, plötzlich schnellt aus der Tiefe ein dunkler Körper empor, cm Halbneger. Sein krausgelockter, schwarzer Schädel durchstößt den Wasserspiegel. Prustend wie ein Seehund speit er Wasser. Ein Taucher, breitschulterig und mit Muskeln bepackt. Heber seine bloße Brust rinnt das verunreinigte Haferwasser. Mächtig arbeiten die Lungen.
Der Bootsgefährte zieht nun das Seil herauf: an ihm hängt ein Reh, aus Draht geflochten: er zieht es ins Boot. Es ist gefüllt mit Kohle. Dio nassen Brocken kollern über die Bänke. Verlorene Schiffskohle ist es, beim Bekohlen der Dampfer von den Leichtem abgerutscht und zugrund gegangen. Aber der Taucher, der Bergmann der See, holt sie wieder herauf. Eine schwere Arbeit, doch ein guter Einfall. Die schwarzen Brocken bringen Geld in Port Said, der Stadt ohne Brennholz und Kohle.
Der Taucher, noch immer am Bug des Bootes hängend, füllt erneut feine Lungen mit Lust, sich für die Tiefe rüstend. Das leere Reh flirrt über Bord und versinkt. An der rechten Hand, unterhalb des Knöchels, trägt der Reger eine schmale Eisenkette, wie ein Armband. Daran hängt eine
dauerten die 3ntrigucn an. 3 swolsky schürte auch in Paris. Französische Generalstäbler trafen inkognito aber auch amtlich in Petersburg ein und die ..Rowoje Wremja" fuhr in ihrer Deutschenhehe fort. Sie hatte die Großfürsten und die Kriegspartei hinter sich. Wiederholt wurde Pourtales wegen der Haltung der russischen Presse, die die Atmosphäre vergiftete, vorstellig. Er wurde aber mit höflichen Worten abgespeist.
Die politische Atmosphäre verdichtete sich immer mehr. Bekannt ist die verhängnisvolle Rolle, die Iswolsky als Botschafter in Paris spielte. Der Tonfilm 1914 kann sie uns nur aus den Gesprächen des französischen Botschafters Paleologue ahnen lassen. Frankreich ge
währte Rußland eine große Anleihe nur unter der Bedingung des Ausbaues der ft rate«* gischen Bahnen in Pole n. um eine Mobilisation gegen Deutschland zu beschleunigen. Am 12. März 1914 erschien in der Petersburger Dör- senzeitung ein Artikel des Äricgsminiftere Such o m l i n o w in dem es hieß: ..Rußland will zwar den Frieden, ist aber zum Kriege bereit!" In Frankreich hatte man von diesem Artikel vor feinem Erscheinen in Petersburg Kenntnis. Der russische Mobilisationsbefehl, der dem Zaren abgerungen wurde, gab das Signal zum Weltkrieg. Die Katastrophe brach über die Menschheit herein, es war keiner da. der sie abwenden konnte. Das Schicksal nahm seinen Laus!
Die rote Gefahr.
Amerika und das russische Problem. — Zwiespältige Gefühle in USA.
Von unserem A. G. A.-Berichterstaiier.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Reuyork, Januar 1931.
Wer heute eine der großen amerikanischen Zeitungen zur Hand nimmt oder eine seriöse Zeitschrift aufschlägt, kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, dah ihm von irgendeiner Seite ein ähnlich wieder dieser Aufsatz betitelter Artikel über das fünfjährige Arbeits- Programm der Sowjets ins Aizge springt. Wenn nicht, so flattert doch zumindest ein Entchen auf: heute ist's eine Meuterei der „R oten Arme e", morgen das Gerücht von der Ermordung Stalins, ein andermal ist Litwinow mit knapper Rot der Kugel des Attentäters entronnen.
Dazu kommt ein Interview ums andere wie etwa das mit dem Reuyorker Kongreßabgeord- neten Hamilton Fish, der an der Spitze eines mit der „Untersuchung" kommunistischer Propaganda in den Vereinigten Staaten befaßten Kon- greßausschusses steht und entdeckt haben will, daß d i e Zahl der Kommunisten in den Vereinigten Staaten seit 1925, „als dem Iustizamte die Macht genommen wurde, gegen die revolutionäre Tätigkeit der Roten vorzugehen" — d. h. feit Aushebung der im Kriege eingeführten berüchtigten Spionagegesehe — auf eine halbe Million angewochsrn i st. Staatssekretär Stimson läßt mitteilen, daß die Washingtoner Regierung Rußland noch heute ebenso wie zu Zeiten seines Amtsvorgängers Hughes als ein „wirtschaftliches Vacuum" betrachte und an Anerkennung des derzeitigen dortigen Regimes erst dann denke, wenn Moskau sich zur Entschädigung der Amerikaner für ihr in der Revolution konfisziertes Eigentum bereit erklärt. Vizepräsident Matthew Woll von der Amerikanischen Arbeiter- Föderation — dem Großverbande der amerikanischen Gewerkschaften — braucht sich nicht ganz so diplomatisch auszudrücken, wie Herr Stimson, und erklärt front und frei, dem „russischen Regime hafte etwas an, was es den Vereinigten Staaten zur Unmöglichkeit mache, mit ihm die sonst zwischen Rationen üblichen freundschaftlichen Beziehungen zu unterhalten".
Das Schatzamt erläßt Verordnungen zur Auslegung des neuen Zollgesetzes. die trotz aller regierungsseitigen Dementis auf nichts anderes abzielen als ein Einfuhrverbot auf russische Erzeugnisse. Der Importeur hat den Rachweis zu erbringen, daß die Einfuhrgüter oder die dazu verwandten Rohstoffe nicht — auch nicht teilweise — durch Sträflings- oder Zwangsarbeit gewonnen oder hergestellt wurden. Die Entscheidung darüber, ob die Ware absolut stubenrein ist, liegt bei den diversen Zollkommissaren. Von diesen hochmögenden Beamten hängt es ab, ob eine Schiffsladung Bauholz, Manganerz usw. aus Rußland in einem amerikanischen Hafen gelöscht werden kann oder nicht. Und dieser Rachweis muß auf Antrag irgendeines gänzlich Unbeteiligten erbracht werden, er braucht nur
runde Metallscheibe, handgroß, sein Grabgerät. Er hat es, dank der Armbandkette, immer zur Hand. Er blickt noch einmal auf mit seinem wilden Regergesicht und geht unter. Den Glanz des Hafens über sich zurücklassend, die Toote mit ihren farbigen Teppichen und Stoffen, das verworrene Geschrei und die flimmernde Stadt unter dem Himmel, schnellt er sich mit fischhafter Eile hinunter in sein Kohlenbergwerk unter der See. Wasserumspült, von Fischen umhuscht, vergeht in seinem Gedächtnis das Leben oben in der Meeresluft wie eine Fata Morgana. Dumpf strebt und tastet er nach der Dunkelheit und Schwätze, die sich ausbreitet. Kohlen! Kohlen! denkt er. Der ungeheure Druck des Wassers lastet auf ihm wie das Gewicht eines gläsernen Hauses. In einer Tiefe von acht bis zwölf Meter stemmt er die Füße in den Schlick und Sand des Bodens, indes er das Leitseil um seine Knie schlingt und die Lippen zusammenpreht. Gleich einem erfolgreichen Aladin taucht er ein in den Garten der Tiefe, dessen Grund schwarz, hart und fruchtbar ist: Kohlen! Kohlen.
Voll rasender Hast haut er die Cisenscheibe in den lagernden Abfall und Schutt, gräbt, packt, schmeißt, wühlt und wälzt ins Reh, was ihm an Hartem unter die Finger kommt, aberntend so das überflutete Kohlenseld. Schnell! Schon braust das Blut, saust das Wasser, dröhnt über ihm der fliehende Schotten des Schiffskiels. Trüb und aschig quillt der aufgerührte Schlamm des Mce- resackers um sein Gesicht, als hätte ein Tintenfisch sich entleert. Der nackte Gräber und Bergmann erkennt nicht mehr, was er olles zusammenrofst. Ist es die kostbare Schiffskohle oder nur wertlose Schlacke, die man oben sogleich wieder ins Wasser wirst, wenn sein Reh angelommen ist. Das Wasser preßt ihn mit stählerner Wucht. Rasch! Rasch! Fast zwei Minuten ist er wohl schon bei der Arbeit. Er kann nicht mehr. Mit letzter Kraft zerrt er am Leitseil und schnellt sich ab. Er steigt, gewinnt Höhe, schluckt Wasser. Durch den grünen, salzigen Schwall fährt er an seinem Förderseil empor und wasserspeiend hinein in die blaue Flamme des Lichts, das über der See tanzt, hinein in das Geschrei der Seidenhändler und in das Kettenrasseln der Weltschiffe, und seine schwarze Ernte folgt ihm nach, gute, feste Schiffskohle aus England, das sich in seiner Vorstellung schwarz malt und speckig, wie ein riesiges Kohlenbergwerk für die Dampfer auf allen sieben Meeren.,»
Protest zu erheben oder eine Vermutung zu äußern. Gegen die Zulassung von Einfuhrgut aus anderen Ländern als Rußland auf Grund derselben Befürchtung — nämlich, daß es sich um Zwangs« oder Sträslingsorbeit handle — ist bisher kein Einwand erhoben worden.
Diese Panik ist zum größten Teil auf die zahlreichen in letzter Zeit in der amerikanischen Presse veröffentlichten eingehenden Berichte über die bisher von den Sowjets in der Durchführung des Moskauer „Fünfjähre - Plans" gemachten Fortschritte zurückzuführen. An erster Stelle stehen die „Rcw Pork Times" und die gleichfalls hier erscheinende „Cvening Post". Das letztgenannte Blatt ist beim achtzehnten einer Dior» undzwonzig Artikel umfassenden Serie seines Berliner Berichterstatters Hubert R. Knickerbocker angelangt, der in dieser Schriftfolge seine auf zwei Monate langen Reisen durch Rußland gemachten Beobachtungen niederlegt. Ob der Gesamttitel, den die Serie trägt, „The Red Menace“ (Die rote Gefahr), auf den Korrespondenten selbst oder auf die Einstellung der hiesigen Redaktion zurückzuführen ist. sei dahingestellt: aber der vorurteilslose Leser wird zugeben, dah Herr Knickerbocker die Errungenschaften der Russen ebenso unterstreicht wie ihre Fehlschläge, die über das Programm hinausgehenden Fortschritte ebenso wie die Rückstände, daß er die Möglichkeit der Durchführung dieses gigantischen Planes wenigstens in seinen bedeutungsvollsten Phasen keineswegs pessimistisch betrachtet, und daß sein nicht selten zum Durchbruch kommender Enthusiasmus von der Mehrheit der an der Verwirklichung des Planes arbeiteirden tausend und mehr amerikanischen Ingenieure geteilt wird.
3n der Reuyorker „Times" ist es Edwin L. James, der Leiter der europäischen Bureaus dieser größten aller amerikanischen Tageszeitungen, der mit einer Artikelserie von auhengewöhn- lichem Interesse auftoartet. Auch er gibt, wenn auch nicht ganz ohne Widerstreben, zu, daß tm Osten Europas ein Werk im Gange ift, das der Aufmerksamkeit der ganzen übrigen Welt wert ist. „Es ist durchaus wahr", schreibt James, „daß Rußland eines in weiter Ferne liegenden Tages imstande sein wird, auf industriellem Gebiete mit den Vereinigten Staaten z u konkurrieren. Auf dem der Landwirtschaft zeigt es schon heute, daß es dazu imstande ist. Und das Problem wird nicht etwa damit gelost, daß man den Zusammenbruch des Kreml-Regimes im nächsten Jahre prophezeit." Walter Dura n t y, der ständige Moskauer Korrespondent derselben Zeitung, schickt regelmäßig Berichte über den „ Fünfjahre-Plan", denen man auch kaum nachsagen könnte, dah sie von Pessimismus angekränkelt wären. Was allerdings, nebenbei bemerkt, die Redaktion dieses Blattes keineswegs davon abhält, in ihren Leitartikeln den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Planes vorauszusagen.. „es fällt schwer, sich vor-
34 Millionen Telephone in der Wett-
Eine englische Zeitung bringt eine Weltstatistik der Telephone, deren Zahlen auf einer Aufnahme vom Ende Dezember 1929 beruhen. Danach betrug am 31. Dezember 1929 die Zahl der Telephone rund 34 400 000, fast 1,75 Millionen mehr als 1928. Die meisten Telephone besitzen die Vereinigten Staaten von Rordamerika. nämlich 16,9 auf 100 Einwohner. Danach folgt Kanada mit 14,4, Dänemark mit 9.4, Schweden mit 8,3, Rorwegen mit 6.6, die Schweiz mit 6,5. Deutschland mit 5, England mit 4,2, die Riederlande mit 3.7, Finnland mit 3,4, Oesterreich mit 3,2, Belgien mit 3,2, Frankreich mit 2,6 und Argentinien mit 2,4 auf 100 Einwohner. Die telephonreichste Stadt der Welt ist Reuyork mit 1811410: während die verhältnismäßig meisten Telephone auf der Erde San Franzisko besitzt, wo von 100 Einwohnern 34 Telephone haben.
Der bedauernswerte Einbrecher.
Ein Einbrecher namens Gustave Beaunevielle, der dieser Tage vor einem Pariser Gericht wegen versuchter Beraubung und Körperverletzung zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hatte das Pech gehabt, sich ein sehr ungeeignetes ..Opfer" auszumachen. Die Ueberfallene, Frau G. Tronicher, gab als Zeugin eine ausführliche Schilderung des Vorfalls. Sie schlief ruhig und friedlich in ihrem Zimmer in einem Hotel in der Rächt des 18. Dezembers, als sie von dem Angeklagten aufgeweckt wurde, der sagte: „Geld her!" Sie sprang sofort aus dem Bett und griff den Einbrecher an. Gustave versetzte ihr einen heftigen Schlag und machte ernsthafte Anstrengungen, sie zu erwürgen, aber sie hinderte ihn daran, indem sie ihm ein großes Stück Fleisch aus dem Arm biß. Dann ging sie zum Angriff über, und zwar mit solcher Gewalt, daß der „schwere Junge" bald völlig außer Gefecht gesetzt war. Die streitbare Dome ließ ihn bewußtes liegen und holte einige Polizisten herbei, die ihn forttrugen. Die Verletzungen der Dame waren nicht so ernsthafter Ratur. als daß sie ihre Berufstätigkeit hätte aussetzen müssen: sie tritt nämlich als Ringkämpferin in einem Zirkus auf,


