zu nehmen nicht immer falsch sein müsse, falsch sei eS aber unbedingt, kurzfristige Kredite langfristig zu investieren Diese langfristige Festlegung in Verbindung mit der großen Zinsenlast habe das Dilemma geschaffen. Die übertriebene Rationalisierung habe sich als ein Fehlschlag erwiesen. Die Kreditkrise habe nach dem Zusammenbruch der Oesterreichifchcn Kreditanstalt und der Danatbank ihre Fortsetzung in England und Amerika gefunden und das gesamte Kreditwesen erschüttert. Diese Entwicklung habe der Welt die Augen geöffnet und den Gedanken der AeparationSreform als einzig wirkliche Lösung in den Vordergrund gerückt. Dos Stillhalteabkommen führe, wenn es im Februar nicht verlängert werde, zum Mora- rium. dos neue Krisen im Gefolge haben müsse. Deshalb sei die Inangriffnahme der Reparationsreform ein dringendes Erfordernis. 3m nächsten Jahre könnten keine Reparationen bezahlt werden, wenn nicht Wirtschaft und öffentlicher Haushalt zum völligen Zusammenbruch kommen sollten Die Steuerschraube weiter anzuziehen, sei eine Hn- möglichkeit. eine neue große Anleihe bessere die Lage nicht, und die Schaffung einer Dinnen- wäyrung sei das gefährlichste Experiment, das man sich denken könne. Eine definitive Regelung der Reparationssrage. mindestens aber deren wesentliche Reduzierung auf ein erträgliches Mas), sei die nächste Voraussetzung für eine Gesundung der Weltwirtschaft. Die weitere Entwicklung werde dem.endgültigen" Voung-Plan wibersp echen, und eines Tages werde die vorletzte Regelung der Reduzierung der endgültigen Regelung, der vollständigen Streichung der Reparationen Weichen müssen. (Starker Beifall.)
Der dritte Referent, Prof. Dr. B e r g ft r 2 h e r. Frankfurt a. M., sprach über
Frankreichs politische Probleme.
Er umrih nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick auf die Entwicklung Frankreich- die Mentalität des französischen Bauern, dessen Haltung für die Ration in allen Dingen ausschlaggebend sei. 3m Grunde konservativ, politisch links, seiner Wesensart nach mißtrauisch gegen alles Fremde, sehr sparsam und stets erfüllt vom Wunsche zur Ruhe, bedeute der französische Bauer den stärksten Träger der französischen Politik. 3n weiteren Ausführungen schilderte der Redner das Verhältnis der Parteien zueinander, zum Staat und zur Kirche, des Staates zur Kirche und das besondere Verhältnis, in dem die Bevölkerung der Kirche gegenübersteht. Er wies auf große grundsätzliche Unterschiede zwischen deutscher und französischer Industrie hin und betonte, daß aus Grund der Gegensätze eine Wirtschaftsverständigung zwischen Deutschland und Frankreich immer seine Grenzen habe. Anschließend führte der Vortragende aus, daß die französische Bevölkerung zum großen Teil friedliebend sei und deshalb die ganze Politik auf »Sicherheit" einstelle. Frankreich wünsche im eigenen Interesse einen Spannungsausgleich zu Deutschland, weil dies für Frankreichs Sicherheit die beste Gewähr sei. Die Bereinigung des Verhältnisses zwischen Frankreich und Deutschland sei eine Forderung der nächsten Zukunft, der es in sorgfältiger Arbeit und in der Vermeidung aller Dinge, die die Entwicklung zur Einigung stören könnten, gerecht zu werden gelte.
S.Jl.-ifporf
10 Lektionen Fußball.
Von Otto Nerz.
VIII').
Tic Verteidigung.
3q, wenn die Verteidiger nicht wären, dann wäre wirklich Holland noch viel häufiger in Rot — in jedem Spiel gäbe es zehnmal so viel Tore. Der Verteidiger muß schnell fein, weil er in der Zone höchster Gefahr arbeitet und ein Zögern Verhängnis bringen kann. Er muh aber auch kräftig sein, weil er sonst nicht imstande ist, den Gegner aufzuhalten. Und da beides sich selten in überdurchschnittlichem Maß zusammenfindet, so ist der gute Durchschnitt immer noch das Beste. Bei Wettspielen kommen Rechts- 6einet auf den rechten, Linksbeiner auf den linken Posten — beim Training umgekehrt.
Wenn der Ball in Tornähe kommt — bloß weg mit dem Ding! Wenn gar keine andere Möglichkeit da ist, soll der Verteidiger den Ball sogar ins Aus stoßen: ein gegnerischer Einwurf ist immerhin besser als gleich ein Tor. 3m übrigen aber schießt er den Ball weit, weit weg — nicht sinnlos, nicht bis zu den Verteidigern des Gegners, sondern ruhig und sicher zum eigenen Sturm. Der Dopvclstoß — Sprung und Stoß in der Luft mit demselben Bein, mit dem man abgcsprungen ist — soll immer eine Ausnahme bleiben, weil er technisch recht schwierig ist und darum auch meist verpatzt wird: also Spannstoß, und wohlgcmerkt: zum Sturm, nur selten zu den Läufern. Wird der Ball vom Verteidiger erst an den Läufer abgegeben, dann dauert es wieder eine Weile, bis das Spiel auf die andere Fcldhälfte hinübcrgetragen werden kann, das Spieltempo wird langsamer. Mannschaft und Publikum auf die Dauer unlustig.
•) Vergleiche die Rummern 165, 170, 178, 185, 199. 223 und 260 des „Gießener Anzeigers".
Wie man es anfängt, den Ball vom Gegner wegzuholen, hängt von diesem ab. Ein Dribbling des anderen hält der Verteidiger durch Rempeln auf: Rempeln Schulter gegen Schulter ist erlaubt, aber Hände und Ellenbogen müssen aus dem Spiel bleiben. Kommt der andere wuchtig angesaust, dann gilt es, sich ihm ebenso wuchtig entgegenwerfen — nur Mut, jeder Sekundenbruchteil kann das Spiel entscheiden! Kommen gleich zwei daher, dann fängt man den Ball am besten während des Zuspielens der beiden ab. Das alles sind natürlich keine ewigen Regeln, es hängt alles von der Lage des Spiels, von der Hebung und vielen anderen Faktoren ab. Ein eiserner Grundsatz ist aber, daß der Verteidiger nicht dribbeln soll. Gewiß, es mag sein, daß er unter ganz besonderen Umständen ein wenig mit dem Ball laufen muß, aber grundsätzlich verstößt jeder Lauf gegen seine Aufgabe: weg das Leder!
Meist ist der Tormann stark auf die gute Arbeit der Verteidigung angewiesen: ein harter Schuß von vorn aus kurzer Entfernung ist vom besten Torwart nicht zu halten — wenn nicht der Verteidiger eingreift, den feindlichen Schützen rempelt oder wenigstens irritiert und zugleich sich so zwischen Tor und Gegner wirft, daß wenigstens ein Teil des Tors für den Schuß gesperrt ist und der Tormann sich auf den anderen Teil beschränken kann. 3st der Torwächter aus dem Tor gelaufen, um einem Angriff zuvorzukommen, dann muß einer der Verteidiger im gleichen Moment im Tor stehen und einen etwaigen Schuß wegköpfen oder wegstohen. 3m allgemeinen soll der Verteidiger aber nicht zu dicht am Tor Aufstellung nehmen, weil er sonst häu'ig dem Torwächter die Sicht versperrt.
Man darf nur nicht glauben, daß jeder Verteidiger auf seiner Seite seine Pflicht zu tun
und sich um die andere Seite, um Sturm und
Läufer nicht zu kümmern hat. Rein, mit dem
Einzelspiel sind die Aufgaben des Verteidigers nicht erschöpft. Ein Verteidiger muh immer dem
anderen einen Rückhalt geben: sie dürfen also nie auf gleicher Höh« stehen! Wenn der Gegner getrost den weiter vorn stehenden Verteidiger überspielt — da steht der zweite? Der Verteidiger vorn kann immer noch eine gewisse Angriffsarbeit leisten, indem er sich den Ball holt und nach geeigneten Stellen stößt der Verteidiger hinten ist Reserve. Der erste Verteidiger kann sich also mit seinem Flügelläufer in die Aufgabe teilen, einen Durchbruch des entsprechenden gegnerischen Flügelsturms zu verhindern. Er beobachtet den vor ihm arbeitenden Läufer und dirigiert ihn durch Zurufe nach der Seite, nach vorn oder zum Abgeben des Balls. Dem vorne stehenden Verteidiger fällt schließlich die Aufgabe zu, den Anschluß der Verteidigung an den vor- oder zurückgehenden Mittelläufer herzustellen.
Ganz besondere Aufgaben stellt die Arbeit im Tor. 3hr soll deshalb ein besonderes Kapitel gewidmet werden.
3ur Olympiade 1932.
3m kommenden 3ahre sollen bekanntlich in verschiedenen Teilen des Reiches log. „Olympiafeste" des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen stattfinden, deren Ertrag dem Olympiafonds zufliehen soll. Das erste derartige Fest wird am 4. 3uni im Deutschen Stadion zu Berlin abgehalten. Sein Programm wird Leichtathletik und Schwimmen sowie Fußball u. a. umfassen. An» schliehend sollen dann ähnliche Feste im ganzen Reich veranstaltet werden. — Der bekannte Doppelzweier des WSV. Godesberg (Gebrüder Areny) ist nicht ohne Aussichten, zu den Olympischen Spielen entsandt zu werden. — Thunberg und Bloomguist werden nun trotz des finnischen Protestes gegen den Massenstart bei den Olympischen Winterspielen doch in Lake Placid anwesend sein.
Internationales Schwimmfest in Heidelberg.
Das 2. Internationale Schwimmen von Nikar Heidelberg am kommenden Sonntag hat eine sehr gute Besetzung gefunden. Der internationale Charakter der Veranstaltung wird durch die Teilnahme einiger elsässischer und Schweizer Schwimmer gewahrt. Im ganzen liegen ungefähr 100 Meldungen vor, die zum größten Teil aus Süddeutschland flammen, aber auch Südwestdeutschland und Westdeutschland sind dabei vertreten.
Llm das OSB.-Dermögen.
In der am Dienstag in München abgehaltenen Versammlung der Gläubiger des Bankhauses Rüderer & Lang, München, bei dem bekanntlich die Deutsche Sportbehörde für Leichtathletik ihr gesamtes Vermögen deponiert hatte, wurde über die Lage und Aussichten der Gläubiger Bericht erstattet. Rach dem Vergleichsvorschlag sollet^ Forderungen bis 100 Mark, die sich auf 753 Gläubiger verteilen, voll und bevor- zugt befriedigt werden. Die Versammlung beschloß, das Vergleichsverfahren gegen das Bankhaus und das Ehepaar Lang als Gesellschafter gerichtlich betätigen zu lassen. Der frühere Vorsitzende der DSB., F. P. Lang, leistete den Offenbarungseid. lieber die evtl, herauskommende Quote wurden Angaben nicht gemacht.
Kurze Sportnotizen.
HngarnsDevifenzentrale hat sich geweigert, Devisen an die Sportverbände zur Fahrt nach Los Angeles abzugeben.
Die Teilnahme der beiden Finnen Thunberg und Blomquist bei den olympischen Eisschnelläufen in Lake Placid steht jetzt endgültig fest.
Rach einer zweimaligen Verlegung wird nunmehr die Deutsche Wasserball-Meisterschaft endgültig am 13. Dezember in Berlin ftatt- finden.
Llm den Preisabbau.
Vom Landesverband des Hellllchen Einzelhandels wird unS geschrieben.
Die in einem Teil der Tagespreise wicderge- gcbcnc Meldung, daß die Reichsregierung beabsichtige. im Dege der Rotverordnung eine weitere Senkung der Warenpreise durch Senkung der Zinssätze und Aufhebung von Kartell- und Markenartikelbindungen herbeizuführen, bat in weiten'Kreilen der Derbraucherschaft Unruhe ber- vorgerufen und zu c ncr empfindlichen Kau Zurückhaltung ge'ührt Demgegenüber teilt die Haupt- geme n'chaft des Deutschen Einzelhandel» nach Fühlungnahme mit den zuständigen Stellen mit, daß diele Meldung auf freier Kombination beruht und alle Meldungen ähnlicher Art mit größter Dorkicht aufzunehmen seien.
Es kann auch tatsächlich wohl kaum ernsthaft in Frage kommen, daß Regierung und Wirtschaftsbeirat, dessen einer Unterausschuß sich mit den Preis- und Kostenfragen beschäftigte, die Dekretierung einer mechanischen und schematischen Senkung aller Warenpreise planten. Die Möglichkeiten »u sinnvollen staatlichen Eingriffen in die Preisbildung beschränken sich vielmehr auf die BJeiligunq von Hemmungen die der freien Auswirkung der natürlichen Marktgefetze im Wege stehen. Wo diese Hemmungen liegen, hat erst in diesen Tagen der Schlichter im Lohnkampf der Berliner Metallindustrie klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, indem er vor allen weiteren Maßnahmen nachdrücklichst Senkung der Mieten, der Tarife für Ga-, Wasser, Elektrizität und Verkehr und Verringerung der Steuern und Sozialbeiträge forderte. Wenn darüber binau» bei den maßgeblichen Regierungsstellen vielleicht noch der Gedanke erwogen wird, bei den Kartellen und Preisbindungen Rachschau zu halten, so ist diese Ausgabe gegenüber der Forderung, daß endlich einmal Staat und Gemeinden vorausgehen sollen, doch nur sekundärer Ratur. Generelle Maßnahmen gegenüber den letzten Zweigen des Produktionsprozesse- unb der Warenverteilung wären sinnlos, solange man nicht dem Hebel an die Wurzel greift und den ungeheuren Hnkosten, die auf Produktion und Waren Verteilung lasten, zuleibe gebt. 3n wobl allen Zweigen deS Einzelhandel- hat allein schon die scharfe Konkurrenz und die gesamte wirtschaftliche Lage dafür gesorgt, daß die Preise bi- auf das äußerst erträgliche R^pß — vielfach auch noch darüber hinaus — herabgesetzt worden sind. Wer ehrlich sein will unb nicht blinden Auge- durch die Welt geht, muß dies wissen Weiterer Preisabbau ist er ft möglich, wenn die oben erwähnten Vorbedingungen erfüllt sind. Daß die- nicht von heute auf morgen geschehen kann, dürste klar fein. Hnd es ist deshalb mehr als verfrüht, im gegenwärtigen Moment der Erwägungen bereit» von zu erwarteirden Tatsachen zu sprechen und auf eine vage Hoffnung hin Kauf Zurückhaltung zu üben. Man schädigt dadurch nicht nur den Einzelhandel und sich selbst, sondern man schädigt die gesamte Wirtschaft, die für solche KonjunktionS- ftorungen heute empfindlicher ist denn je. Wer Kaufzurückhaltung in umfangreicherem Maße übt. als durch seine wirtschaftliche Lage bedingt ist, hat es mit auf dem Gewissen, wenn die Arbeitslosigkeit immer größere Dimensionen annimmt
Mit „Graf Zeppelin" in der Arktis.
3n der Aula der Hniversität hielt am Dienstagabend im Rahmen einer Veranstaltung der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde und des Gießener Dereins für Luftfahrt Major a. D. Bruns, Berlin, einen Lichtbildervortrag über die Arktisfahrt deS „Graf Zeppelin". Zunächst sprach der Redner über Sinn und Zweck dieser Fahrt, die für die Wissenschaft von ungeheurem Rutzen gewesen fei. Die Polarforschung sei für uns alle, für die Volkswirtschaft, für die Wirtschaft, wie für die Wissenschaft und für den
Wessen Kndbin ich?
Vornan von Fr. Lehne.
(Urheberschutz durch C. Ack.rmann, Rcmanzentrale Stuttgart.)
13 Fortsetzung Nachdruck verboten
Seine im Grunde vielleicht nicht ernstgemeinten Einwände halsen nicht! Er mußte schreiben, daß man dem Besuche noch heute abend entgegen- I
Keine halbe Stunde war vergangen, als der Diener des Hotels ine Antwort holte.
Hnd dann kamen nock) zwanzig Minuten — zwanzig Minuten, die den alten Leuten endlos schienen —
Wie im Frost schlugen die Zähne der alten Tarne zusammen: eine Aufregung durchbebte sie, daß ]ic nicht imstande war, die Arbeit in der Hand zu halten. Dem Pfarrer war ähnlich zu- niute. Hm seine Aufregung niederzukä.npfen, ging er im Zimmer auf und ab. Seine Gedanken jagten. Sollte er etwas sagen? Was? Ach, jedes Wort wäre unnütz gewesen! Was sollten Dorwürfe, Klagen, Mahnungen nach so langer Zeit? Da gab es nur ein wortloses Verzeihen ohne Fragen — oder Hnversönlichkeit, ein .Riemals!" — ein Derschließen des Vaterhauses! Diese Lösung aber hatte er selbst unmöglich gemacht dadurch, daß er den Brief beantwortet und geschrieben, man erwarte den Besuch —! Wäre es nicht begreiflich gewesen, Jur Me Bemühungen zu danken, doch habe man kein Interesse mehr" — ?
Da wäre es geblieben, wie e» seit mehr als zwanzig Jahren war —
Rein, doch nicht! Es war die Frau da mit den suchenden, fragenden Augen, die Frau, die das Kind unter dem Herzen getragen und mit Schmerzen geboren, und ine konnte das, was ein Teil von ihr war, nicht vergessen! Hnd dann würden die vorwurfsvollen Blicke schließlich lebendig, würden sich zu Worten formen - und er hätte sie um die Stunde betrogen, auf die sie mehr als zwanzig Jahre inbrünstig gewartet! Mutterliebe ist ja grenzenlos im Dulden und Ertragen und Beleihen —
Rein, et muhte mit Rücksicht auf die treue Lebensgenossin alles unterdrücken: was sich in berechtigtem Groll während eines Menschenalter- in ihm gesammelt — muhte nur Verzeihung sein!
Hnd wenn er sich ganz ehrlich prüfte — fieberte et nicht genau so der Heimkehrenden entgegen?
Als plötzlich die Glocke anschlug in leisem, saft schüchternem Klang, fuhren beide zusammen und blickten sich erschrocken in die Augen. Die Frau tat einen seufzenden Atemzog. Hilflos sank sie zurück.
„Gehe du!" sagte sie tonlos zum Gatten
Sie zwang die versagenden Glieder zum Gehorsam, straffte die gebeugte Gestalt und lauschte angespannt auf die Stimme da draußen. Auf oie Schritte, die sich ihrer Tür näherten.
Hnd bann wurde diese Tür geöffnet. —
Eine hohe, von einem langen Trauerschleier umwallte, schwarzgekleidete Frauengestalt stand auf der Schwelle: unter dem Witwenhut mit dem schmalen, weißen Streifen am Rand schimmerte goldblondes Haar.
Die weißhaarige Frau neigte sich ein wenig vor, und mit dürstendem Blick nahm sie das Bild der Eintretenden in sich auf.
Beider Augenpaare ruhten ineinander — ach, was sagten sie sich! Bange Minuten —
Die Qual und Sehnsucht langer 3ahre lag darin!
.Mutter!"
Mit einem schluchzenden Laut sank die Gekommene vor ihr nieder, das Gesicht in ihre Kleiderfalten drückend.
Die alte Frau legte ihre Hände auf die Schulter der Knieenden
»Mein Kind!" kam eS in unbeschreiblichem Tone von ihren Lippen
Erschüttert stand der Pfarrer da, die eben erlebten Minuten in sich verarbeitend Wie er der Totgeglaubten die Tür geöffnet, wie sie vor ihm gestanden mit blassem Gesicht, wie sie sich über seine Hand gebeugt — ach. Hnbeschreibliches ging da in ihm vor — keines hatte ein Wort sprechen können!
Die Spannung der alten Frau löste sich in einem heißen Weinen.
Hnd man lieh sie weinen, daß sie zur Ruhe kam.
»Daheim —"
Mit nassen Augen blickte die Heimgekehrte um sich. Ach. sie kannte die traulichen einfachen Möbel alle wieder — — es war sogar noch dasselbe, jetzt vielfach au-aebesserte RipSsofa mit der geschweiften Holzlehne.
Hnd mit einem Male begriff sie nicht, daß sie die lieben Menschen und das traute schlichte Heim hatte verlassen und vergessen können — vergessen? Ach nein! 3m innersten Herzensgründe hatte stets die Sehnsucht geschlummert — nun fühlte sie wieder die Heimat, fühlte Friede und Geborgensein.
Sie griff nach der Hand deS Vater», drückte inbrünstig die Lippen darauf, nahm die Hand der Mutter —
»Ihr Lieben, Lieben —“ voller Erregung bebte ihre tieftönenbe Stimme.
Hnd keiner konnte etwa» sagen, etwa» fragen — sie war wieder da, sie stand wieder vor ihnen, die längst xu den Toten Gezählte, oh, gab es denn so viel Glück?
Alle» war vergessen — und man genoß die I unerhörte Seligkeit dieser Stunde!
Angela sah auf dem alten Sofa zwischen den beiden lieben Menschen, deren Hände haltend.
Sie hatte Hut und Mantel abgelegt; da- schlichte schwarze Kleid zeigte nur in Stoff und Schnitt seinen Wert.
Der Ringsinger der rechten Hand war mit zwei glatten Goldreifen geschmückt: das Auge Der Mutter hatte es längst bemerkt.
»Du bist Witwe?" fragte fie schüchtern.
Witwe war die Tochter, unb sie hatte nicht einmal gewußt, daß sie Frau gewesen!
»Seit einigen Wochen! Unb als ich meinen Mann begraben, machte ich mich auf, euch zu suchen!" war bie Antwort.
»Ach, mein Kinb!"
Welche Qual, welche Vorwürfe — welche Liebe lag in biesem Wort!
Angela senkte tief ben Kopf, in beffen blondem Haar das Licht der Lampe goldene Reflexe auf- leuchten ließ. Wie schwer war es doch, einen Anfang zu finden! Es war ja alles so unwahrscheinlich — wie sollte sie erklären, was doch nicht zu erklären war — daß ein Kind die geliebten Eltern so einfach aus feinem Leben hatte streichen können.
»Wo warst du —? Hnd warum hörten wir nie — ?" Wie ein Aufschrei klang diese Frage —. »Alt und krank sind wir darüber geworden, wie ein 3ahr nach dem anderen schlich--doch du
kamst nie mehr--"
»Ach, Mutter — jetzt verstehe ich selbst daS alles nicht mehr! Wie soll ich euch erklären, was mir selbst jetzt unerklärbar ist —"
Angela legte bie Hand über die Augen; in schweren Atemzügen hob sich ihre Brust.
»Wenn du nicht sprechen willst, wir bringen nicht in bich!"
»Ich habe nicht- zu verbergen Vater —" Plötz- lich stockte fie. Richt- zu verbergen? Oh. wenn bie Eltern das wüßten, sie würden eS nicht geglaubt haben, unb wenn sie alle» verzeihen konnten — die» eijie konnte kein Mensch verleihen!
Sie blickte auf ihren Ehering, drehte an ihm.
.Ich war ja nicht hier, nicht in Europa, habe viele Jahre mit meinem Manne in Asien gelebt — in Indien, auf Sumatra, in Japan.— auch Aegypten kenne ich —I Ihr wolltet eS damals auf keinen Fall zugeben daß ich zur Bühne ging, hatte es dennoch getan, war beliebt und gefeiert! Hnd dann lernte ich meinen Mann kennen! Er war aus vornehmer Familie, lebte nur für seine künstlerischen Interessen! Er hat mir unendlich viel gegeben; aber wie er sich gänzlich, ohne innere und äußere Gründe, ohne irgendwelche Zwistigkeiten, von feiner Famile getrennt hatte, verlangte er das gleiche von mir —"
Angela wagte bei diesen Worten die Eltern nicht anzusehen, deren gute, liebe, vergrämte Gelichter — da- Herz drehte sich ihr um, wenn sie zurückdachte, was sie ihnen angetan — »Ihr zürnt mir doch!" fuhr sie leise fort, »ich war jung.
unbedacht, so leben-hungrig, da» Leben lockte, und er war vollständig Herr über mich! Blindlings folgte ich ihm in allem, wie er bestimmte! Ich hatte keinen freien Willen mehr! Ich batte mich künstlich in einen Groll gegen euch hinein- gerebet, weil ihr mir auf meine Bitte so schroff geantwortet und mein sofortige- Heimkommen verlangt hattet! Hnd die Bühne bedeutete für mich das Leben! Als Künstlerin wuch- ich durch ihn! Selten gab eS wohl einen geistvolleren, begabteren Menschen als ihn; doch er war leidend; fein Herz war krank und seine Rerven Eine große Ruhelosigkeit peinigte ihn und die trieb ihn fort — aus Europa! Wir waren In Aegypten; dann viele Jahre in Indien — ich sagte e» bereits! Hnd als wir endlich, bald an der Schwelle des Alters, zurückkehrten nach Europa, ließen wir uns in der Schweiz nieder! Ich trat wieder auf der Bühne auf; man feierte mich sehr! Rach drei Jahren, die wir dort, sehr befriedigt von meinen Erfolgen, verlebt hatten packte ihn schon wieder die alte Unruhe — totr kehrten nach Deutschland zurück! Wie mir zumute war, nach so langen Jahren wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben - da wurde mit Macht die Vergangenheit lebendig! Don meinen Gefühlen durfte ich nicht sprechen — eS hätte ihn unglücklich gemacht! Aber ich brauchte Arbeit, die mich ganz in Anspruch nahm, weil ich mich nicht an meine Gedanken verlieren durste. In München sollte ich al- .Iphigenie" gastieren — mein Rame war ja so bekannt geworden — vorher hatte ich die .Sappho" und die »Lady Milford" gespielt — man war begeistert, legte mir einen mehrjährigen Kontrakt vor — unb in ber Rächt nach meiner .Iphigenie" starb mein Mann plötzlich — am Herzschlag. Dor mehreren Wochen war eS. Dann fing ich an, nach euch zu suchen! Mancherlei Gemeinden hattest du gehabt, lieber Vater, bi- ich euch hier fand In eurem Ruhesitz —"
Schweigend hatten bie alten Leute bem Bericht der Tochter gelauscht — war da- ihr Leben gewesen. dieser mehr al- knappe Bericht? Wa» verichwieg sie?
Der Pfarrer blickte forschend in da» schöne blasse, rätselhafte Gesicht der Tochter.
»Warst du wenigsten- glücklich, mein Kind?" fragte er. .
WaS meinte er mit den Worten »wenigstens glücklich"? Hatte er mehr au- ihrer Erzählung gehört, al- fie gesagt?
.3a, Vater, ich war glücklich — sehr glücklich an der Seite eines so klugen gütigen und vornehmen Mannes! Und er ist durch mich ebenso glücklich geworden! Ties und schmerzlich betrauere ich seinen Tod."
Groß und voll erwiderte sie den Blick de» Vaters, und er mußte ihr glauben.
.War deine Ehe mit Kindern gesegnet, Angela?" (Forsetzung folgt.)


