Nr. 225 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, 26. September 1931
Die Stellung der Frau im Berufsleben.
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3n der Pretoria! Review hat kein geringerer alS der allbekannte WirtschastSorganifator und Industriefürst. Henry Ford, sich über die beruflich tätige Frau geäuhert. In der bekannten kühlen Sachlichkeit diese» Manne« ist die herbste Kritik ausgesprochen, die Wohl über die neuzeitliche berufliche Frauenarbeit gefällt worden ist. Für die Frauenwelt liegt hierin ein Dorgang von schwerer Tragweite, denn Ford ist heute schon ein .W irtschastSshste m“. Europa hat eS sich angewöhnt, aus diese Stimme zu lauschen und ihr zum Teil sogar kritiklos zu folgen. SS wird auch wenig für die berufstätigen Frauen Europas ausmachen, dah man sich daraus berufen kann, dah da- Urteil, welche- Ford fällte, sich auf die amerikanischen Frauen bezieht. Gerade der amerikanischen Frau Pflegt man die große Sachlichkeit unter den einzelnen Rassen nachzusagen.
Da- Urteil Ford- läßt sich dahin zusammen- ziehen, daß Ford den Versuch der wirtschaft- lichen Einreihung der Frauen in da- getarnte ökonomische Volksleben als gescheitert ansieht. Sein Rat geht dahin, die Frauen wieder einzig in daS Reich de- Hauses zu bannen, denn innerhalb der Gebiete der Wirtschaft sind sie nach Fords Ansicht mit Ruhen nicht zu verwenden. Wenn man von dem Gedanken aus- geht, daß die wahre wirtschaftliche Rationalisierung nur dann erreicht wird, wenn jede einzelne Persönlichkeit an dem ihr von Ratur auS zuge- wiefenen Platze steht, erklärt Ford, dann ist es unerläßlich, die Frauenarbeit auS der Wirtschaft wieder zu entfernen, denn ihre Leistungskraft wirke sich nur innerhalb der häuslichen Tätigkeit auS. AIS Degründung für diese Behauptung führt Ford an, dah »Frauen nicht gewohnt sind, über mechanische und industrielle Angelegenheiten nachzudenken und im allgemeinen auch gar nicht wünschen, sich mit solchen Dingen zu beschästigen". Er sagt daher das völlige Verschwinden der Frauen aus dem DerusSlebcn voraus.
Der große Industrielle ist der Meinung, daß die Rückkehr der Frauen zu der reinen Haussrauen- arbeit im Interesse der Frauen nur zu fordern sei, denn die natürlichen Anlagen der Frau ließen einen wirtschaftlichen Aufstieg für sie alS unmöglich erscheinen. Die Frauen sind nach Ford im Wirtschaftsleben nur als mechanische Arbeitskräfte zu gebrauchen, in der Art, wie der nicht qualifizierte Arbeiter tätig ist. »Ohne schöpferische Veranlagungen, ohne eigene Regsamkeit" sei die Frau nur geneigt, Befehlen zu gehorchen, solche entgegenzunehmen, nicht aber zu erteilen. Die Verantwortung an lei tendem Posten könne der Frau nicht zugemutet werden und würde von ihr auch nicht gesucht. Zu der De- klciduna eines verantwortlichen Postens gehöre es, Entschlüsse zu fassen und hierzu sei die Frau auS ihrer natürlichen Veranlagung nicht fähig, sie besitze auch gar nicht die Kenntnisse, um die Tragweite der zu fassenden Beschlüsse beurteilen zu können. Um ein Heer von Frauen zu schassen und innerhalb der Wirtschaft zu belassen, die nur den Platz eines gewöhnlichen Arbeiters ausfüllen, liegt nach Ford keine Veranlassung vor, denn hier zeigt sich die ökonomisch falsche Platzbesetzung. Im Hause aber sei die Frauenarbeit die qualifizierte Leistung und durch die Mannesarbeit nicht zu ersetzen.
Wenn nun die Frauen gegen diese- Urteil sehr viele- einzuwenden haben werden, so wird auch der Mann nicht an ihm ohne weiteres vor-
. Buch.
übergehen können. Für unS Deutsche muß da- Urteil unter dem Gesichtspunkte bewertet werden, dah eS sich um eine Acuherung handelt, die amerikanische Verhältnisse zur Grundlage nimmt. Die berufliche Tätigkeit der Frau ist noch immer daS Ergebnis wirtschaftlicher Notwendigkeiten getoefen. Der Kampf um daS Brot hat noch in allen Zeiten die Frau aus dem Hause und zu dem Arbeitsmarkt geführt. Danz abgesehen von der wirtschaftlichen Geeignetheit der Frau zu der auherhäuSlichen Tätigkeit ist die Leistung der Frau als Hausfrau, Mutter und KindeSerzieherin für die DevölkerungSpolitik eines Lande- so wichtig, dah man aus diesem Grunde allein die Frauentätigkeit im auherhäu-lichen Berufe ablehnen mühte. Selbst dann, wenn die berufliche Frauentätigkeit al- besonders werteschaffend an- -usehen wäre. In dem Augenblick aber, in dem die Familie nicht mehr durch den Vater oder Mann allein zu erhalten 11, kann die Frau auf den auherhäuSlichen Beruf nicht verzichten.
Wenn Ford der Meinung ist, dah in abfehbarer Zeit die berufliche Frauenarbeit in den Vereinigten Staaten nicht mehr anzutreffen fein wird, dann kann man nur feine Ansicht teilen. In Nordamerika hat sich der Dolksreichtum fo gehoben, hat sich die jähe Wirtschaftsentwicklung bereits so eingespielt, dah man sich den Luxus leisten kann, die Frauenarbeit wieder auS dem ökonomischen Volksleben herauszuziehen. Ja, man ist hierzu vielleicht in kurzer Zeit aus Gründen der Arbeitsruhe und noch mehr jenen der Bevölkerungs- Politik gezwungen. Die kühle ßcbcnSauffafiüng der Amerikanerin hat die starte Schattenseite der weiblichen Berufstätigkeit, die Loslösung von den eigentlichen Frauenaufgaben, besonders hervortreten lassen. Man hat in den dortigen Frauenkreisen erkannt, dah die ökonomische Unabhängigkeit, die LedenSsreiheit, erstrebenswerte Güter sind: man hat es daher mit einer starken Abneigung der Amerikanerin der Ehe gegenüber zu tun, oder sieht sie als reine Praktikerin der Ehefrage gegenüber, so daß die Geldfrage vor die Reigungssrage gestellt wird. Die „sachlichen" Ehen erweisen sich aber als wenig beständig, und so ist denn Amerika das Land der ungebundenen Verhältnisse, der Ehescheidungen und der immer weiter um sich grei- senden Familienauflösung. Man führt diese für die Bevölkerungspolitik wenig erfreulichen Tatsachen richtig auf die auherbe- rufliche bezahlteTäti-gkeitderF au zurück, denn ohne eigenen Verdienst, ohne auher- häuSliche Beschäftigung würde die Amerikanerin wieder nach der Ehe und vor allem nach der Daucrehe verlangen.
Der amerikanische Arbeitsmarkt, der in allen Zeiten der vergangenen Entwicklung mit weitgehendem Mangel an Arbeitskräften zu kämpfen hatte, ist jetzt fo organisiert, daß man mit seinen Arbeitskräften mehr als eingedeckt ist. Es fehlt lediglich an hochqualifizierten Arbeitshänden, und die wird man in absehbarer Zeit sich ebenfalls erzogen haben. An ungelernten Arbeitshänden hat man Ueberfluß, und so besteht die nicht ungerechtfertigte Befürchtung, dqß durch den sich immer weiter zuspihenden Kampf um den allgemeinen Arbeitsplatz, sich jene sozialistischen Gedanken in die Arbeiterbewegung hineindrängen werden, die das europäische Wirtschaftsleben so stark belasten. Da Ford nun der Ansicht ist, daß sich die Frauen überwiegend nur zu der Einnahme I der Stellung eines gewöhnlichen Arbeitsplatzes
eignen, muß er alS WirtfchaftSorganisator zu der Ansicht gelangen, daß die Frauenarbeit von dem Markte zu entfernen ist, um fie dort einzu- fetzen, wo sie dringend erforderlich ist, im Hause.
Für die deutschen Verhältnisse können wir von diesem Gesichtspunkte nicht zu dem gleichen Ergebnis gelangen, denn so sehr der deutsche Arbeitsmarkt einer Entspannung bedarf, und fo fehr man auch für unsere Verhältnisse die bevölkerungspolitische Rotwendigkeit einer geringeren auherhäuSlkchen Frauenarbeit befürworten mühte, — wir find nicht in der Lage, auf die Frauenarbeit verzichten zu können. Hm eS kurz und hart zu sagen, für unS ist die Frauentätigkeit innerhalb der Volkswirtschaft unerläßlich. denn sie erhält den Familienbestand mit und sie liefert die Arbeitskraft für den Bureaudienst und die rein mechanische Industriearbeit.
WaS hat man nun zu den Urteilen zu sagen, die sich gegen die Geeignetheit der Frau alS Berufstätige wenden? Daß die Frau nicht geeignet und auch nicht geneigt ist, über mechanische und industrielle Dinge nachzudenken, wird im allgemeinen den Tatsachen entsprechen Die Frauenarbeit in dieser Richtung ist aber viel zu jung, sie steckt noch zu sehr in den Kinderschuhen, alS dah der Abstand genügend wäre, um zu bindenden Urteilen die Berechtigung zu geben. Jeder Arbeiter der Welt ist erst in der Tätigkeit von Generationen zur rein mechanischen und rein industriellen Arbeit geschult worden. Der schöpferische Geist muh leider überall, auch bei den Männern, vermißt werden, wir lebten sonst nicht im Zeitalter der Herdenforderungen, der herdenmähigen Men-
fchengruppicrung. Wenn die Frauen hier hinter den Männern noch zurückstehen, dann ist auf zwei Tatsachen hinzuweisen Die Frauen haben in ihrer beruflichen Tätigkeit so gut wie kein« Entwicklung-linie. den mit zwanzig Jahren errungenen Platz hat zumeist die Vierzigjährig« noch inne. Die Frauenarbeit ist zunächst di« Sintagserscheinung innerhalb der ManneSkultur« Fernerhin ist die Frauenarbeit in den Jahren« in denen der Wille zur Leistung erwacht, überwiegend schon in da- HauS zurückgekehrt, sie ist im Beruf nur noch ..nebenamtlich" tätig. In dem jungen Mann liegt wohl schon die Zähigkeit zu schöpferischer Kraft, aber erst der Gereiftere beginnt mit der Tat. Innerhalb der Frauenarbeit kommen auf hundert Berufstätige im Alter von siebzehn bi- vierundzwanzig Jahren zehn im Alter vondreihigbisvier^g ... Daß die Frau sich nicht zum Befehlen, also dem selbständigen Anstellen eignet, muß für die deutschen Frauen abgelehnt werden. Hier haben die Frauen alS Beweis eine Tradition. DaS ökonomische Leben der Ritterkultur mit der Eindeckung an Kleidung und Rahrung beruht auf der Hausfrauentätigkeit: die VorratS- wirtfchaft im Mittelalter vollzieht sich unter der Leitung der Hausfrau, die ein reichlich Mah an Defehlsgewalt auszuüben hatte. Richt die Hn- gccignctbcit, sondern lediglich die veränderten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse nahmen der Frau den weiten Arbeitskreis. Man muh das Ford sche Frauenurteil nicht als Werturteil lesen, sondern als wirtschaftliche« Leitmotiv eine« WirtfchaftSorgani- sators, der für Amerika« ökonomische Lage di« Frauen in das HauS zurückverweisen muh.
Das neue hessische Zweckverbandsgesetz.
Das Recht der Gemeindeverbände war seither in den Artikeln 195 ff. der Landgemeindeordnung geregelt. Da künftig die Möglichkeit vorgesehen werden soll, in die Gemeindeverbände außer Gemeinden auch Greife und Provinzen einzubeziehen, so erschien die Neuregelung außerhalb der Gemeindeordnung angebracht. Das neue Zweckverbandsgesetz bestimmt daher grundlegend, daß sich Gemeinden, selbständige Gemarkungen, Kreise und Pro- o i n z e n zur Wahrnehmung bestimmter. In ihren Aufgabenkreis fallender Angelegenheiten zu Zweckverbänden zusammenschließen können.
Zweckverbände sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Erfordert das öffentliche Interesse die Bildung eines Zweckoerbandes und stimmt mindestens die Hälfte der zu Beteiligenden der Verbandsbildung zu, so kann auf Antrag der Provinzialdirektion die mangelnde Zustimmung einer Gemeinde, einer selbständigen Gemarkung oder eines Kreises durch einen mit Gründen versehenen Beschluß des Provinzial- ausschusses der Provinz, in der die Gemeinde, die selbständige Gemarkung oder der Kreis liegt, ersetzt werden. Soll der Zweckvcrband nur aus Land- iemeinben oder selbständigen Gemarkungen des- elben Kreises gebildet werden, so tritt an die Stelle 1er Prooinzialoirektion das Kreisamt und an die Stelle des Prooinzialausschusses der Kreisausschuß. Soll einem Zweckverband auch eine Provinz angehören so wird die mangelnde Zustimmung eines zu Beteiligenden auf Antrag des Ministeriums des In- nern durch einen mit Gründen versehenen Beschluß des Gesamtministeriums ersetzt. Erfordert das ösfent, liche Interesse den Beitritt einer Gemeinde, einer selbständigen Gemarkung, eines Kreises oder einer Provinz zu einem bestehenden Zweckverband, und stimmt der Zweckverband dem Beitritt zu, so kann die mangelnde Zustimmung der Gemeinde, der selbständigen Gemarkung, des Kreises oder der Pro- vinz entsprechend den vorhergenannten Bestimmun
gen ersetzt werden. Die Bildung eines Zweckoerbandes sowie jede Aenderuna in der Zusammensetzung bedarf der Genehmigung des Ministers des Innern.
Soweit die Rechtsverhältnisse des Zweckocrbande^ nicht durch dieses Gesetz geordnet sind, werden sie durch eine von den Derbandsmitgliedern au vereinbarende Satzung geregelt. Die Satzung, sowie jede Aenderung der Satzung bedarf Der Bestätigung durch den Minister des Innern. Organe des Zweck- verbandes sind Der Berbandsausschuß und der Der- bandsvorstester. Der Berbandsausschuß beschließt über alle Angelegenheiten des Zwcckverbandes soweit sie nicht durch Gesetz ober Satzung dem Der- bandsoorsteher überwiesen sind. Die Derbandsvor- fieber führt die laufende Verwaltung des Zweckverbandes. Die Beamten des Zweckverbandes gelten als Beamte einer Landgemeinde. Diese Zusammenfassung zu einer bestimmten Beamtenkategorie erschien zweckmäßltz, um eine einheitliche Regelung herbeizuführen. Diese Generalformel für die verschiedenen Verbände erschien auch aus diesem Grunde zweckmäßig, weil die Landgemeinden die ein- fächeren Bestimmungen haben. Demgemäß finden die für die Landgemeinden geltenden Vorschriften der Gemeindeordnung über das Vermögen, den Voranschlag und das Kasse- und Rechnungswesen ent- sprechende Anwendung, soweit nicht der Minister des Innern Abweichungen zuläßt. Aufsichtsbehörde des Zweckoerbandes ist Der Minister des Innern, der mit der Ausübung der Staatsaufsicht eine andere Be- Hörde beauftragen kann. Zur Auflösung des Zweck- verbandes ist ein einstimmiger Beschluß des Der- bandsausschuffes erforderlich, soweit die Satzung nichts anderes bestimmt. Der Beschluß bedarf der Genehmigung des Ministers des Innern.
Von erheblicher praktischer Bedeutung ist die Bestimmung des Artikels 19. Darnach bedarf der Zusammenschluß hessischer Gemeinden selbständiger Gemarkungen, Kreise oder Provinzen mit
Das bißchen Erde.
Vornan von Richard Skowronnel.
Copyright by I. Engelhoms Nachf., Stuttgart.
42 Fortsetzung Nachdruck verboten
Weiter kam er nicht. Malte war in der Ecke hinter dem Ofen so ungestüm aufgesprungen, daß er fast den Tisch umriß. Mit zwei langen Schritten stand er vor dem kleinen Reiteroffizier.
„Herr von Bredow, Sie haben sich eben erlaubt, in fo nichtswürdigen Ausdrücken von einer mir nahestehenden Dame" ...
Der Friedeberger Dragoner trat einen Schritt zurück, zuckte nichtachtend mit den Achseln.
..Herr Graf Römnitz, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich wünsche nicht, mich irgendwie mit Ihnen auseinanderzusetzen oder zu unterhalten."
Auf Maltes weißer Stirn schwoll die Zornader.
„Herr Oberleutnant von Bredow, ich habe mir soeben erlaubt, Ihr Verhalten als nichtswürdig zu bezeichnen?!" ...
Der Dragoner tat, als hörte er nicht. Er wandte sich mit einer gleichgültigen Frage an den Herrn von Lewenitz, aber seine Haltung war gespannt. Die Linke hielt die Säbelscheide, die Rechte lag in der Rähe des Korbes auf der Lauer ...
..3a, also, was ich sagen wollte, lieber Lewenitz" ...
Au« Maltes Brust kam ein dumpfer Laut, schwer fiel seine Hand in daS Gesicht des andern ...
„Da und da und noch einmal“ ...
Der lange Herr von Lewenitz warf sich dazwischen, einen Augenblick dauerte es nur, und er flog mit dem Kopfe gegen den Ofen, blieb mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Eine Klinge blitzte in der Luft, eine Sekunde danach war sie in Maltes Händen, brach unter seinem 'Fuß mit kurzem Klirren. Der Dragoner wischte sich das Blut aus seinem Gesicht und sprach stammelnd: „Ich hoffe. Eie werden mir Genugtuung geben, Gras Römnitz?" ...
Malte lachte höhnisch auf.
„Ra und wenn nicht? ... Wenn ich nun mal ausprobieren wollte, was Eie danach tun werden? Eie und der so korrekte Herr von Lewenitz da, der mir damals nicht mal die Hand gereicht hat zum Abschied ... ich wäre wirklich neugierig!“ ...
Der Dragoner stöhnte auf.
„Herr, ich bitte Sie" ...
Malle schleuderte ihm den Säbelkorb vor die Füße.
„Da! ... Eigentlich wollte ich ihn mir zum Andenken mitnehmen, aber es lohnt nicht der Mühe. Schicken Sie mir Ihre Zeugen — ich werde mich bis zum Abend zu Hause halten!" ...
Er warf dem Kellner ein Geldstück zu, schritt hinaus. Der Heine Maler folgte ihm, noch ganz betäubt. In kaum einer Minute hatte sich alles abgespielt, wie eine Windsbraut war es gekommen und vorübergezogen, ein paar Menschenschicksale lagen auf dem Weg ...
Sie saßen im Wagen, die Rappen zogen an.
„Hm Gottes willen". sagte Peter Nägelein, „liebster, bester Herr Graf, wie konnten Eie sich nur so hinreiben lassen?"
Malte schnitt mit der Hand durch die Luft.
„Das verstehen Eie nicht. Kleiner! ... Keiner kann aus der Haut heraus, die ihm mal angemessen ist ... Alle Theorien sind Hnfinn — zwei Jahre lang hab' ich auf diesen Augenblick gewartet, vielleicht ohne es selbst zu wissen ... Ich bin wieder was: zwei Herren aus altem Adel müssen sich mir wieder stellen, ganz so wie früher ... es gibt keine Ausrede, sie müssen sich mir stellen! Achselzucken und Wegsehen gibt es nicht mehr ... nur, natürlich, es wäre furchtbar, wenn ich für eine ungerechte Sache fechten würde ... aber schließlich ist auch das egal ... aus ist aus" ...
Gegen Abend kamen die Kartellträger, der Panschenhagener Majoratsherr und ein Rittmeister von den Friedeberger Dragonern.
Malte empfing sie auf der Diele, die kurze Verhandlung wurde stehend abgemacht. Er stellte seinen Sekundanten vor, den Herrn Kunstmaler Peter Rägelein, und bat um Entschuldigung, wenn et selbst sich gegen allen Brauch bei der Festsetzung der Bedingungen beteiligte. Sein Vertreter wäre in diesen Fragen nicht recht bewandert.
Die beiden Herren verneigten sich schweigend ?um Zeichen der Zustimmung, jeder von ihnen agte danach seinen Vers auf. Der Panfchen- hagener überbrachte die Forderung seines jüngeren Bruders, der Rittmeister die des Herrn von Lewenitz. Auf gezogene Pistolen mit Stecher, Kimme und Korn, fünfzehn Schritte Barriere und Kugelwechfel bis zur vollständigen Kampfunfähigkeit eines der beiden Kontrahenten.
Malte neigte zustimmend den Kopf: „Ange- nommen, selbstverständlich, meine Herren! ... Hnd der Ort?"
„Möglichst ungestört natürlich", sagte der Panschenhagener. „Leider ist die Moltzahner Polizei schon argwöhnisch geworden durch den geradezu unerhörten Vorgang“ ...
»Keine Kritik, bitte, Herr von Bredow" ... „Ah, Pardon, selbstverständlich" ...
„Danke!" ... Malte verneigte sich höflich: „Ich bin der Geforderte, mir steht es zu, den Ort zu bestimmen. Ich möchte den Herren also Vorschlä
gen, die Lichtung in meinem Jagen achtzehn. Sie kennen den Platz ja wohl noch von den Treibjagden her — wir frühstückten da immer. Wenn es Ihnen recht ist, um fünf Hhr, gegen vier ist ja schon Büchsenlicht. Ich werde meinen Förster instruieren, dah er sich bei dem Knallen nicht etwa einbildet, es wären Wilddiebe im Revier" ...
Die Herren llappten mit kurzer Verneigung die Hacken zusammen, wandten sich schweigend zur Tür. Malte hielt fie mit einer Handoewegung zurück.
„Einen Augenblick noch, wenn ich bitten darf... Ich bin in einiger Verlegenheit um den Hn- parteiischen, den ich ja eigentlich stellen müßte... mein Herr Onkel dürfte durch das freudige Ereignis in seinem Hause wohl verhindert fein" ...
Der Rittmeister von den Friedeberger Dragonern erwiderte: „Wir werden uns gestatten, Ihnen diese Sorge abzunehmen, Herr Graf. Einer meiner älteren Kameraden wird sicherlich dazu bereit sein ... in dem vorliegenden Fall ist es ja nichts weiter als eine bloße Formalität" ...
Es folgte eine neue allseitige Verneigung: eine Minute später rollte der Wagen, der die beiden Kartellträger gebracht hatte, wieder die Dammallee entlang . ..
Malle reckte die starken Arme in die Luft, aus feiner Brust kam es wie ein Jauchzen ...
„Herrgott, hab Dank für diesen Augenblick! Zwei lange Jahre habe ich daran geschleppt, jetzt bin ich wieder rein“ ... Er schlug mit der flachen Hand auf die Schelle, die auf dem runden Tische stand.
„Lentz!"
„Herr Graf?"
„Sieh nach, ob der Pistolenkasten in Ordnung ist! Diesmal gibt es Verwendung für die beiden alten Eisen, morgen früh" ...
In den Augen des Allen leuchtete es auf.
„Zu Befehl, Herr Graf, wird besorgt werden" —
Der frühe Morgen hob sich stahlblau hinter den Fenstern, ein harter Knöchel pochte gegen die Tür.
„Auf, auf, Peterchen, es wird Zeit" ...
„Ja, sofort" ...
Der Heine Maler sprang aus dem Bett, zog sich hastig an. Kein Auge hatte er geschlossen während der ganzen Rächt, immerfort nut gegrübelt, ob es aus all dem Schrecklichen nicht einen Ausweg gäbe. Ader kein Rachdenken hals, das Schicksal ging seinen Gang, er lag mit einem unter bemfelben Dache, der sich dem Tod geweiht halle ... Es gab keinen Zweifel, der be- vorstehende Zweikampf war dem nichts andres als eine rechte und günstige Gelegenheit, mit Ehren dahinzufahren nach einem verirrten Leben, verirrt durch fremde und eigene Schilld ... Hnd well ihm ein andrer den Platz genommen
hatte, auf den er sich vielleicht hätte retten können ...
Wie oft hatten fie in vergangenen Tagen da draußen gesprochen, wie sinnlos e« wäre, Fragen der Ehre mit der Waffe in der Faust zu entscheiden, mit einem Zweikampfe, in dem nicht die bessere Sache siegte, sondern die geübtere Hand. Hnd jetzt kam der, der damals am eifrigsten gesprochen, bei der ersten Gelegenheit her, warf alle Vernunftgründe über Bord und frohlockte ordentlich, daß er wieder unter Gesehen stand, die er früher gar nicht genug hatte verspotten können ...
Peter Rägelein kam blaß und übernächtig auf die Diele, Malte sah schon beim FrühstückStische, aß und trank mit gesundem Appetit. AIS wenn ihm eine harmlose Spazierfahrt bevorstände, nicht aber eine Entscheidung um Tod und Leben ... Hnd ebenso gelassen schien der alte Diener. Mit ruhigem Gesichte stand er hinter dem Stuhl seines Herrn, reichte ihm die Schüsseln und antwortete auf die zur Sache gehörigen Fragen. Ob der Kutscher rechtzeitig da fein würde, und ob die Pistolen in Ordnung wären. Die PistonS richtig gereinigt und durchgeblasen, damit eS nicht womöglich einen unhe&famen Versager gäbe ...
Malle winkte mit der Hand.
„Da, setzen Sie sich, Peterchen, und futtern Sie gründlich. So eine Geschichte dauert manchmal lange, und Iber weih, wann Sie wieder WaS zu essen kriegen ... Außerdem vielleicht, wenn Sie zurückkommen, sitzt schon hier der Vertreter meine« kleinen Rachfolgers: .Tut mir leid, Herr Rägelein, aber Eie müssen sich ein andre- Quartier suchen"' ...
Der kleine Maler schüttelte den Kopf.
„Entschuldigen Eie, Herr Graf, aber ich könnt« wirklich keinen Bissen herunterkriegen" ...
„Ra denn nicht" ...
Drauhen fuhr der Wagen vor, Malte stand auf.
„Es wird Zeit, Lenh, ruf mir die Miken" ...
Das alle Weiblein trat über die Schwelle, die Augen vom Weinen dick verschwollen. Aber sie beherrschte sich, Lentz hatte ihr ja erklärt, um was es sich handelte, und daß es nicht ander« ginge ... Ihr junger Herr umfaßte sie, küßte fie herzlich auf den Mund.
„Mein liebes altes Mikchen, hab Dank für alles. Für deine Liebe und Treue ... GS tut mir leid, dah ich für dich nicht fo sorgen konnte, wie ich s gerne gewollt hätte" ...
Da verlieh sie die Selbstbeherrschung. Sie warf ihre Arme um ihn und schluchzte laut auf.
„Mien lewen, lewen Jung! Dat du mi man wedderkömmst! Mien Hartblood möcht eck hin- gäwen, bat du mi man wedderkömmst" ...
(Fortsetzung folgt)


