Nr. 225 Zweites Blatt
Radio-WeltpM».
politische Eindrücke auf einer Weltreise.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Unter dem 180. Meridian, 26. August 1931.
Wir haben jetzt eben den 180. Längengrad, mitten im Stillen Ozean, passiert, der dem Nullmeridian (dem von Greenwich aus den modernen Statten) gegenüberliegt. Gestern war Montag, heute ist Mittwoch, denn der 180. Längengrad bildet die sogenannte Datumgrenze. Da das Schiss, westwärts sahrend, die Uhr täglich zurückstellen muh (ostwärts umgekehrt), so hätte man am Ende der Reise um die Welt rechnung-mäßig einen Tag verloren. Darum wird aus der konventionellen Scheidelinie der östlichen und der westlichen Halbkugel westwärts ein Tag übersprungen, ostwärts ein Datum zweimal gezählt.
Wir haben jeden Tag aus unserem .President Wilson" drahtlose Nachrichten von Osten und Westen. DaS meiste ist Sport, namentlich Fliegerei, amerikanische innere Poli» ttif. und allerlei Gesellschaftliche-; von europäischer Politik nur wenig. Deutschland und Frankreich fehlen fast ganz. Seit Tagen richtet sich bei jedem von unS Passagieren, wenn man morgens nach dem Frühstück die Radiozeitung in der Kabine findet, der erste Blick auf den Bericht auS London, meist den einzigen auS Europa, und den auS dem Heber» fchwemmungsgebiet in C h i na. Die urdjtbare Katastrophe, vielleicht die größte, die ich in geschichtlicher Zeit ereignet hat, bewegt jerabe unser Schiss sehr, denn säst die Hälfte »er Passagiere sind amerikanische Mis- l o n a t e und Lehrer, die mit ihren Angehörigen vom Urlaub nach China zurückkeh» ten, oder Aum erstenmal aus ihr Arbeitsfeld geschickt werden. Die amerikanische Missionsarbeit in China besteht meist im Betrieb amerikanischer Schulen für junge Chinesen, ohne Rücksicht daraus, ob sie an die Tause denken oder nicht, und sie hat China, d. h. daS mvoerne Reformchina, fast schon zu einer geistigen Provinz Amerikas gemacht. Mindesten- zwei Drittel der jungen chinesischen Generation, die überhaupt westliche Bildung hat, sind durch amerikanische Schulen gegangen, und viele Hundert haben ihre Ausbildung auf amerikanischen Universitäten fort- gefeit. Amerika hat seinerzeit seinen ganzen Anteil an der Boxerentschädigung, mehrere hundert Millionen, dazu bestimmt, Chinesen eine amerikanische Bildung zu geben, und ich erinnere mich, wie mir schon vor 20 (Zähren einmal ein amerikanischer Kaufmann in China sagte: Jeder von unseren Missionaren ist mir geschästlich tausend Dollar im Jahr wert, warum soll ich der Mission nicht 1 Prozent Kommission vergüten?
Das Radio meldet: Alle Schisse der amerikanischen Marine in China haben den Befehl, in- Ueberfchwemmungsgebiet zu fahren, und wen fie in Lebensgefahr finden, aufzunehmen und zu verpflegen! Was ist das unter so viele, kann man fragen, aber es ist eine starke und kluge Geste, die man in China den Amerikanern nicht vergessen wird. Auch Deutschland hatte einmal ein KreuAergeschwader in China, aber das liegt bei den Falklandinseln aus dem Grunde des Atlantischen Ozeans: es kann nicht mehr zur,Rettung der Ertrinkenden nach Hankau. Wir müssen andere Mittel brauchen, um den Chinesen zu zeigen, hast auch Deutschland für fie etwas bedeutet. Um dieses Gedanken- willen bin ich ja unterwegs nach China — aber wer weih, ob gerade Hankau in vier Wochen wieder zugänglich, oder ob es noch eine Stätte de- Grauens und der Verwüstung sein wird!
Diepserde auf derVodenkammer.
Don Wilhelm Schäfer.
3n der Richmondisstraße zu Köln.sieht man in einem Bodenfenster zwei Pferdeköpfe aus Holz geschnitzt, al- blickten sie hinunter auf die Straße. Da wohnte vormals Herr von Andocht mit feiner Frau Richmondis; die war nicht nur ein Engel für die Armen, fonöem auch für ihren Mann, der fie um ihrer Schönheit und Seelengüte willen über alleS liebte. Doch da kam der schwarze Tod nach Köln, und von den Armen, die fie unerschrocken pflegte, brachte Richmondis die Krankheit in ihr reiches Haus. Am dritten Tag lag sie im Sarg, aber in einer so unversehrten Schönheit, daß ihr Mann sich lange nicht von ihr zu trennen vermochte und ihr schliehlich einen zweiten Goldreif an den Finger steckte, desgleichen er auch für sich selber hatte machen lassen: wie wenn er ihr zum andern- mal die Treue, auch sür den Tod, geloben wollte.
Weil aber der Sarg nicht in den Boden kam, sondern unter der Apostelkirche in einer Gruft bestattet wurde, stiegen noch zur selben Nacht die Totengräber ins Gewölbe und gedachten ihr die Ringe von der Hand zu ziehen. Kaum hatten sie die Schrauben losgemacht und den Deckel vom Sarg gehoben, da hörten sie tief seufzen und sahen ihre weiße Hand sich auf den Sargrand legen; darüber faßte sie der Schrecken so, daß sie den Deckel auf die Steine fallen ließen und entflohen. Don dem Gepolter wachte Richmondis völlig auf, und als sie bei dem Schein der Leuchte, die von den Drabschändern stehen gelassen war, den Ort erkannte, da hätte sie, die nur scheintot gewesen war, vor Schrecken säst den wirklichen Tod erlitten.
Cs dauerte lange, bis sie, das Lämpchen in der Hand, sich aus der ©ruft hinauf in die Kirche und durch das offene Portal über den Neumarkt an ihr Haus gesunden hatte. Dort war der Herr von Anoocht in seinem Schmerz noch wach: als er in der füllen Nacht den Klopfer an der Haustür schwach, doch vielmals hörte, ging er ans Fenster, um nach dem späten Gast zu sehen. 3m schwachen Schein der Leuchte sah er ein Weißes an der Mauer stehen, das seinen Namen mit schwacher Stimme rief und in Gestalt wie Sprache völlig seinem Weibe glich. Er dachte, daß ihn ein Gespenst um seiner maßlosen Trauer willen warnen wollte, und konnte doch nicht vom Fenster fort. Und während schon im Stall die Pferde unruhig wurden, kam die Magd zu ihm ins Zimmer und zitterte, weil draußen seine Frau Richmondis stände und in das Haus verlange. Da sagte er ihr traurig und wandte sich vom Fenster ab: Eher ft eigen die Pferde unten aus dem Stall ins Dach, *r3 daß ich glaube, meine Frau kommt auS dem
Siebener Hnjdger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Samstag, 26. September (951
.Macdonalds Kabinett der Arbeiterpartei gehört der Geschichte an“, überschreibt die Radio- Zeitung die Nachricht au- London vom Rücktritt der Regierung und vom neuen Kabinett aus den Führern aller drei Parteien. .SS soll d.e Politik beerdigen und England au- der Gefahr her- au-ziehen, in der es schwebt." Sv lautet wörtlich der Text der Londoner Funknachrichtz 6in interparteil'ches Kabinett zur .Beerdigung" alle- — innerpolitischen — Streite- und zur Rettung der Finanzen! Wäre eS möglich, daß solc>) ein Wort auch einmal auS Deutschland über die Kontinente und Ozeane zu den Schissen gc- funft wird, die auf der Fahrt find? Als ich noch auf dem amerikanischen Festland war. hingen die Zeitungen Extranachrichten über das Ergebnis des Dolk-entscheidS heraus, mit den Schlagzeilen: .Deutschland vor dem Umsturz bewahrt! ' .Keine Gefahr mehr für den europäischen Frieden!“ Sv spiegelt sich unser innerdeutscher parteipolitisch zerrissener Zustand in einem anderen Erdteil.
3m übrigen merkt man auch hier an Bord schon seit einer Woche den Funknachrichten an, mit welch einer Sorge und Angst Amerika die Entwicklung der Lage in England verfolgt. Dor ein paar Wochen veröffentlichte der frühere englische Schaykanzler C h u r ch i l l in verschiedenen amerikanischen Zeitungen noch einen Artikel des 3nhalts. man müsse versuchen, Deutschland zu helfen, da England und Amerika beide daran interessiert feien; liehe eS sich aber nicht möglich machen, so seien die Engländer und die Ameri
kaner stark genug, alle- zu bestehen, was kommen könnte! Ein paar Tage später kam der Notruf der Bank von England, und eS bedurfte deS ganzen amerikanischen Druck- — durch Morgan, den bisherigen Freund Frankreich- —, um Frankreich zur Hilfe gemeinsam mit Amerika zu bewegen. 3d) habe e- seitdem an jedem Gespräch mit Amerikanern gemerkt, wie voll von Sorge man überall in den Bereinigten Staaten ist, so bald man an die Möglichkeit einer radikalen Verschlimmerung der Lage in Europa denkt. GS ist nichts mehr von dem früheren stolzen Gefühl vorhanden, daß Amerika- Ergehen unabhängig von dem der übrigen Welt sei. Der AuSbruch der deutschen Finanzkrise hat die Amerikaner ausgeschreckt, der Hooverplan war ein Signal, wie ernst sie die Lage schon nahmen. Seit die englische Krise der deutschen auf dem Fuße gefolgt ist, bereitet man sich resigniert aus einen zweiten Winter mit sechs bi- sieben Millionen Erwerbslosen und zu ihrer Ernährung auf eine innere Milliardenanleihe vor. Der Unmut dabei wendet sich gegen Frankreich: Frankreich hat den Hooverplan sabotiert, Frankreich fetzt England den Fuß auf den Nacken, Frankreich ist schuld, wenn man der Weltkrise nicht beikommen kann! So malt sich in den Gesprächen an Bord und in den Nachrichten des Radio-Dienstes die Weltpolitik. Noch fünf Tage, dann soll in Dokohama unser Anker fallen. Welche Züge im Bild dieser Tuge werden sich unS dann noch entschleiern?
Um Leben und Sterben des Weltkapitalismus.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte <m der Universität Berlin.
Auf zwei Pfeilern vor allem, die als unerschütterlich galten, ruhte vor dem Kriege das englisch e Weltreich: das waren die Flotte und die Bank von England. Beide sind in Erschütterung. Und mit der Ausgabe der Goldwährung ist nun auch das Pfund, der englische Kredit, die englische Wcltstellung überhaupt in die gewaltige Weltkrise der Gegenwart rettungslos hereingezogen. Noch wissen auch die, die diesen Zusammenhängen am nächsten stehen, von ihnen unmittelbar betroffen werden, sie unmittelbar zu verantworten haben, nicht, wohin es führen wird, daß auch England diesen Weg gehen mußte: Goldabzüge in die Milliarden, Erschöpfung der mühselig gewonnenen Kredite, Einstellung der freien Einlösbarkeit der eng- lischen Noten. Ueberraschend schnell und tatkräftig hat die Regierung in Ucbereinftimmung mit der Bank von England das Nächste und Entscheidende getan mit der Aushebung der Akte von 1925, mit der das Pfund im vollen Werte der Dorkriegs- zeit stabilisiert wurde, damit die ungeheuer gewach- Jenen Staatsschulden im vollen Betrage anerkannt und die Wettbewerbsfähigkeit der englischen Industrie ungeheuer erschwert wurde. Die Kritik hat es heute leicht, jener Maßnahme von 1925 die Schuld zuzumessen. Aber man vergesse nicht, durch sie und die vorhergeganaene volle -Anerkennung der englischen Schulden an Amerika (im Balfour-Bald- win-Abkommen), wurde der Versuch gemacht, neben dem Dollar das Pfund als gleichberech- tigte We11valuta zu erhalten. Dieser Versuch hat lange als geglückt gegolten, der deutsche Aus> suhrhandel z. B. hat mit dem Pfund ebenso wie mit dem Dollar als einer Weltvaluta gerechnet. Man zweifelte nicht daran, daß jener Entschluß notwendig war, um Englands We11ste11un^ neben den Vereinigten Staaten zu behaupten, und die Kritik war nur insoweit wohl berechtigt, als man zweifeln I konnte, ob die freie (Einlösbarteit der Noten gegen |
Gold, die der Schatzkanzler W. Churchill eben 1925 einführte, notwendig war.
Heute zeigt sich, daß England damals über feine Kraft hinausgegangen ist. Selbst seine Finanzen, seine ungeheueren Reserven als Gläubigerland haben der Weltkrise nicht standhalten können, wobei freilich auch nicht zu vergessen ist, daß der Weltkrieg die aktive Zahlungsbilanz Englands in seinen überseeischen Anlagen außerordentlich beeinträchtigt hat und daß danach gtoße Gebiete dieser Anlagen bis heute nicht wieder in Ordnung gekommen sind. Man überlege, was die unausgesetzte Verwirrung in C h i n a oder die Wirtschaftskrise in ganz Südamerika den englischen Auslandanlagen gekostet hat und kostet. So vollzog sich in den letzten Monaten eine Entwicklung, die Der deutschen vielfach ähnlich war: Abberufung fremder Kredite, enormer Goldverlust, Erschütterung der Gvldbasis der Währung, damit der Währung selbst, und so der Bedeutung Englands in der Welt- sinanz. Das ist eine Entwicklung von solcher Tragweite, daß man sie noch gar nicht bis in ihre letzten Konsequenzen ausdenken kann, vor allem kann man sich noch nicht vorstellen, wie nun die Dinge weitergeyen sollen.
Man sieht auch aus den Maßnahmen der letzten Tage in London selbst, daß Klarheit dort nicht besteht. Die Stützung des Pfundes draußen hört auf. Das Pfund sinkt in feinem Wert. Die Notwendigkeit wird rasch ergriffen, den Devisenhandel zu regulieren. Aber: ist die Maßnahme nur vorüber- gehend? Kehrt England bald wieder zur Parität des Pfundes mit dem Dollar, der die Weltvaluta ist und dem Gvldfrank, der nun an Stelle des Pfundes neben den Dollar als Weltvaluta zu treten beginnt, zurück? Oder tritt ein, was man eine Devalvation nennt? Eine baldige Stabilisierung des Pfundes mit soundsoviel Prozent unter der bisherigen Parität, mit all den Folgen, die bekannt sind: Valutadumping und Erleichterung der Aus- fuhr? Segelt das Pfund — wozu die Möglichkeit nun mit der Annahme des Gesetzes gegeben ist — in b i e volle Inflation hinein, in der vielfach vorhandenen Vorstellung, daß eine Senkung des Goldwertes, eine Steigerung der Preise
Grabe wieder. Wie er das sagte, scholl auch schon das Gepolter, deutlich der Tritt von Hufen auf dem Holz der Treppe; und obwohl es ihm vorkam, dies alles wäre nur ein fürchterlicher Traum, wie sie an feiner Tür vorbei mit schweren Tritten auf den Söller stiegen, lief er des Wortes eingedenk hinunter und fand Richmondis erschöpft auf seiner Schwelle sitzen. Da trug er fie auf Aittcmöen Armen in das Haus und weinte heiße Tränen und wollte doch das Wunder nicht glauben in der Nacht, bis an dem Morgen die erste Sonne in ihre Kammer kam; als Traum und Dunkelheit verronnen waren, lag feine Frau Richmondis blaß, doch atmend in den Kiffen.
Sie lebte auch danach noch lange Zeit und war den Armen nicht weniger freundlich gesinnt, nur daß fie nicht mehr fo fröhlich wurde, wie fie gewesen war. Die Pferde aber mußten am Gerüst im FlascheriAug herabgelassen werden, und zum Gedächtnis ließ der Herr von Andocht die Köpfe in Holz geschnitten ans Bodenfenster stellen, wo fie noch heute zu fehen find.
Wie Humperdinck starb.
Als am 27. September vor zehn 3ahren die Trauerkunde die Welt durcheilte, daß der Schöpfer der klaffifchen Märchenoper .Hänsel und Gretel" in der mecklenburgischen Landeshauptstadt Neustrelitz dahingeschieden fei, da fragte man sich, wie der längst in Berlin heimisch gewordene Rheinländer nach der stillen Residenz am Zierker See verschlagen worden sei. Die Antwort darauf geben uns die Erinnerungen, die fein Sohn Wolfram in den „Mecklenburgischen Monatsheften" veröffentlicht. Der Datei war feinem Sprößling gefolgt, der damals al- Oberfpielleiter in Neustrelitz wirkte. Humperdinck, den es stets nach dem Süden zog und der viele Reisen nach 3talien, Spanien, Griechenland und Aegypten unternommen, kam erst am Ende seines Lebens bcuu, den herben Reiz der norddeutschen Landschaft zu schätzen. 3m Oktober 1919 wurde in Rostock die kurz vorher vollendete Studentenoper „D a u i» e a - m u s" von Humperdinck Aum ersten Male auf geführt, und auf den Rat des Komponisten wurde die Inszenierung des luftigen Werkes seinem Sohne übertragen. Der Erfolg war stark, und Humperdinck, der den Derlust feiner innigftgelieb- ten Lebensgefährtin noch nicht verwunden hatte, ließ sich durch die reiche Rostocker Geselligkeit wieder aufheitern. Zum zweiten Male kam er im September 1921 nach Mecklenburg, und zwar zur Eröfsnungsvorste lung der neuen Saison nach Neustrelitz, wo fein Sohn den .Freischütz" inszenierte. Humperdinck fühlte sich in der neuen Umgebung sehr wohl, besonders in der hübschen Wohnung, die ihm einen Blick auf den ehemals grvhherzoglichen Tierpark mit den frei sich darin bewegenden Dam
hirschen gewährte. Die absolute Stille des Ortes tat dem Kränkelnden wohl, und da er immer ein großer Freund vom Pläneschmieden war, so dachte er sogar daran, sich ganz hier anzufiedeln, obwohl in Wannfee bet Berlin das .Spielmannshaus" mit allen Bequemlichkeiten zum Heber» wintern auf ihn wartete. Mit dem Theater in Neustrelitz stand er in engerer Fühlung, besuchte Proben und Aufführungen und war voller 3nter- effe für die Einstudierung der neuen Oper „Revolutionshochzeit" von d' A1 b e r t Aber feine Tage waren gezählt. .Bei der ersten Wiederholung des „Freischütz" am 25. Dezember", berichtet der Sohn, „wurden mir auf der Bühne bedenkliche Zeichen einer völligen Apathie meines Daters mitgeteilt. Wit Mühe konnten wir ihn aus dem Theater ins Hotel bringen. Als ich mich nach der Dorfteilung dort erkundigte, hörte ich, er fei eingefchlafen. Am nächsten Morgen wurde ich ins Hotel gerufen und fand dort alles in heller Aufregung. Die Katastrophe war eingetreten; ein Schlaganfall hatte meinen Dater gänzlich gelähmt. Während seine Augen lebendig und mit tiefem Ausdruck auf mir ruhten, war er jeder Bewegung und Sprache beraubt. Eine hinzutretende Lungenentzündung ließ jede Hoffnung auf Genesung schwinden. Mit einem ruhigen, fast heiteren Ausdruck seiner Augen schlief mein Dater ein. Am Nachmittag des 27. September ging er, ohne Todeskampf, in die Ewigkeit hinüber. Still wurde der Tote aufgebahrt. Ohne besonderes Geleit, geschmückt mit einem Kranz des Landestheaters, fuhr der Wagen mit dem Sarg zum Bahnhof, vorbei an dem Haufe, das et sich kurz vorher zum Heim erkoren hatte. Am 1. Oktober fand der Schöpfer der deutschen Märchenoper auf dem Waldfriedhof zu Stahnsdorf bei Berlin die letzte Ruhestätte."
Ein Goethe-Film.
Zum 100. Todestag Goethes, am 22. März n. I., soll der Goethe-Film herauskommen, der vom Reich finanziert und von der „Deutschen Gesellschaft für Bild und Ton" hergestellt wird. Das Werk trägt den Titel „Goethes Lebensreife" und wird so ge- halten (ein, daß die Menschen um Goethe, nicht aber der Dichter selbst, darin Vorkommen. Die Un- Möglichkeit, einen Schauspieler zu finden, der in Figur und Maske dem Dichter auch nur einigermaßen ähnlich sehen würde, hat auf diesen Ausweg verwiesen. Aber man wird sämtliche Aufenthalts- orte Goethes, wie Frankfurt a. M., Weimar, Jena, Ilmenau, Italien usw., zu sehen bekommen, ferner ein Hoffest bei Karl August, eine Kaffeegesellschaft bei Goethes Schwiegertochter Ottilie und ähnliche Dinge. Das Manuskript schrieb der Reichskunstwart Dr. R e d s 1 o b, Regie führt Eberhard F r o w e i u.
also, von selber au einer Behebung der Waren- und Absaykrise führen würde? Dir mochten nicht unterlassen zu betonen, daß der zuletzt angeschlagene Gedankengang, der a u ch i n Deutschland gar manche Anhänger hat, für une eine dachst gefährliche Quacksalberei ist, ein Spiel mit dem Feuer, weil die künstlich« Hebung der Preise das liebel der Wirtschaftskrise nicht an der Wurzel ersaßt. Diese liegt — wir bleiben dabei — in der planlosen Ueberpro« d u k t i o n in der Welt auf der einen und der zerst ö r t e n Kaufkraft der Welt auf der andere» Seite.
Schließlich: wird nun der Kreis auch insofern ge- schlossen, daß zur Preisgabe de» Goldstandard» und ihren Folgen einer Erleichterung der Aussuhr aus der einen Seite ein Kamps um die Lohne und ihr» starre Bildung käme, auf der anderen der Schutzzoll, der den Binnenmarkt immer mehr auf sich selbst stellte? Ausgerechnet den englischen Markt, für den im großen und ganzen doch noch da» alt« Gesetz des Freihandels galt? Eine Flut von Pro- blemen*ift mit einem Mal ausgelost, eine schlechthin revolutionäre Entwicklung ist damit eröffnet, von der heute niemand in England sagen tonn, wohin sie weiter läuft und wie sie zu meistern sei. Gewiß, bewundernswert ist die Kaltblütigkeit, die da» englische Volk in dieser Katastrophe bewahrt. Das ist ehr viel, aber ist nicht alles. Nur noch eine» sei angedeutet: ist denn die geringste Aussicht, daß das britische Weltreich im ganzen dies« Krise g e m e i n sa m durchfechte und überstehe? Kanada und Irland haben bereits erklärt, daß fi« beim Goldstandard bleiben. Die dünnen Fäden, di« die großen Selbstoerwaltungskolonien mit dem Mutterlande verbanden, lockern sich so noch mehr, und zu den Schwierigkeiten des indischen Problems kommt jetzt hinzu, daß man ein zur Selbständigkeit strebendes Indien an die unabsehbaren Konsequenzen des Schrittes vorn letzten Sonntag binden will. Die indische Rupie soll, auf Anordnung des Vizekönigs, einfach nunmehr alle Schwankungen des Pfundes mitmachen!
Zur Schadenfreude über die englischen Vorgäng« haben wir gar keinen Grund. Nur bestätigt sich jetzt, was wir so oft betonten: daß im tiefsten der Krieg das Gegenteil eines großen weltge- schichtlichen Erfolges für England war und daß England für politische Kombinationen Deutschlands als Bundesgenosse, als Stützpunkt seit Kriegsende, eben nicht in Frage kam. Viele Deutsche haben das nicht glauben wollen, letzt müssen sie es glauben. Für die deutsche Wirtschaft sind diese Vorgänge kredit- wie absatzmähia nicht erfreulich. Aber auch Frankreich und Amerika haben keine Veranlassung, den Ereignisien gleichgültig oder gar mit Genugtuung zuzusehen. Ihnen setzt England die Pistole auf die Brust, denn beide erleiden enorme Verluste, wenn das Pfund mit 10 Prozent weniger als bisher stabilisiert würde. So einfach liegen die Dinge nicht, daß Amerika und Frankreich im Bewußtsein, einen Riesengoldvorrat zu haben, sich darüber freuen konnten, daß nun ein so gewaltiger Konkurrent mindestens still- gelegt fei, vielleicht ausscheide. Dazu sind die großen Wirtschaftsfäden viel zu eng miteinander verflochten. Man fühlt auch der Betrachtung und Behandlung des Problems in Paris deutlich an, daß man dort ebenfalls ziemlich ratlos ist.
Demgegenüber scheint sehr weitab zu liegen, daß Japan im Bruch des Friedens und überraschend gegen China vorstieß, ein Gebiet besetzt hat, so groß wie ganz England, und daß man aus den Genfer Verhandlungen darüber auch nicht klug wurde, ob und warum das notwendig war. Darüber ist aber kein Zweifel, daß hier durch Japan sehr zur Unzeit ein Konflikt ausgesprochen imperia- liftischen Charakters aufgerollt worden ist, dessen Konsequenzen auch Japan nicht in der Hand hat. Gewinnen kann es daraus nicht, weil die Mandschurei ihm doch verloren ist. Gewinnen kann nur der
JingerabdruckSpflichi für Schulkinder.
Dem Kongreß der 'Bereinigten Staaten ist ein Gesetz unteroteitet worden, bas den Zwang zu Fingerabdrücken für alle Schulkinder des Landes fordert. Während man .früher den Fingerabdruck nur für ein wichtiges Mittel zur Entdeckung von Verbrechern hielt, erkennt man jetzt mehr und mehr seine viel weitergehende Bedeutung. lieber diese verbreitet sich Christopher O. Bennett in einem Aufsatz mit dem Titel „Fingcrabdruck-Wistenschaft vom sozialen und in» buftr.eilen Gesichtspunkt aus". Mehr als 3 0 0 0 Kinder verschwinden jährlich in Amerika, und das Fingerabdrucksystem dürfte dies« Ziffer beträchtlich verringern. 3n Fällen der Entführung machen bei Jugendlichen wenige 3ahre die Erkennung schon schwierig, während die Fingerabdrücke dazu ein sicheres Mittel an die Hand geben. Da jedes Kind heutzutage geimpft werden muß, so läßt sich auch die Abnahme des Fingerabdrucks leicht burchführen. „Diele reiche Leute", schreibt Bennett, „haben die Fingerabdrücke ihrer Kinder in ihren Stahlkammern als Doriichtsmaßnahme gegen Entführung nieder- gelegt. Diese Fingerabdrücke haben in zahlreichen Fällen dazu gedient, die Nichtigkeit von Ansprüchen zu erweisen, die von Schwindlern in der Waske der verschollenen Kinder von Millionären nach einer Reihe von Jahren erhoben wurden. Auch bei der sicheren Erkennung der Neugeborenen in den Entbindungsanstalten würde ein solches Dersahren sehr nützlich sein, und zwar sollte man von jedem Neugeoorenen in diesem Falle den Fußabdruck nehmen, der zusammen mit einer Karte, die den Namen des Kinde- und der Mutter trägt, aufbewahrt würde; di« Fingerabdrücke der Mutter sollten auf derselben Kar.e verzeichnet sein." Bennett erwähnt xum Schluß ein Ereignis, bei dem sich das Fehlen von Erkennungszeichen besonders tragisch bemerkbar machte. Cs war bei dem Untergang des Dampfers „General Slocum" auf dem Cast-River bei Neuyork, dem 1100 Menschen, hauptlächlich Kinder, zum Opfer fielen. „Am Tage bieier Katastrophe bat mich eine Mutter, ihr bei der Feststellung einiger Opfer zu helfen. Da lagen di« Leichen von acht Kindern, und vier weinend« und schreiende Mütter versuchten, die üjren herauszufinden. Aber es war ihnen unmöglich, da jedes sichere Kennzeichen fehlte. Die Leichen von 164 Kindern wurden begraben, ohne daß fie identifizier: waren. Hätte man die Fingerabdrücke der Kinder gehabt, dann wäre es ein Leich tes gewesen, den Müttern wenigstens die Leichen Ihrer Kinder zu übergeben.“


