Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 71 Zweites Blatt
Mittwoch, 25. Mörz 1951
NalionalWenpnlizjp und Selbstbestimmungörecht
Don Hanü Arthur von Kemnth, Gesandten z. D.
„Wer an der Spitze der Gedanken seines Jahrhunderts marschiert, dem werden sie folgen und eine Stühe sein. Wer sich ihnen anschlieht, den werden sie mit sich reisten. Wer sich ihnen m den Weg stellt, den werden sie stürzen." So sagt Napoleon I I I. in seinen „Historischen Fragmenten". Das heißt mit anderen Worten, daß das Wesen einer guten Politik darin besteht, d i c großen Gedanken der Zeit zu erken- n e n, sich führend an ihre Spitze zu stellen und sie zum besten seines Volkes zu lenken.
Den beherrschenden Gedanken in der außenpolitischen Entwicklung des vorigen Jahrhunderts sah Napoleon III. mit Necht im Nationalität e n p r i n z i p , d. h. dem Grundsatz, daß die Gemeinsamkeit der Sprache, des Bluts und der Kultur als die naturgemäße Grundlage der Staatenbildnng anzusehen sei. Er war der lauteste Verkünder dieses Gedankens, aber in dem Bestreben, ihn für Frankreich nutzbar zu machen, ging er schließlich so weit, daß er i h n f ä l's ch t e. And nun trat das zu seinem Schaden ein, was er selbst vorausgesagt hatte: Die Entwicklung ging über ihn hinweg und wurde sein Verhängnis. Er benützte das Nationalitätenprinzip, um Sa- »ohc'n und Nizza f ü r Frankreich zu gewinnen und die österreichische Herrschaft in Italien zu stürzen, aber er versuchte zugleich, die Einheitsbewegung auf den Norden des Landes zu beschränken, weil er in einer völligen Einigung der Halbinsel eine Gefahr für Frankreich sah. And er verfolgte dieselbe Politik auch Deutschland gegenüber, weil er auch hier nicht auf die Möglichkeit verzichten wollte, die Teilgebiete, nämlich Preußen, Süddeutschland und Oesterreich gegeneinander auszuspielen. Da kamen Größere wie er, ein Cavour in Italien und ein Bismarck in Deutschland und nahmen dem Künder den Gedanken aus der Hand und schufen gegen seinen Willen das einige Italien und das einige Deutschland, das zwar nicht Oesterreich, wohl aber Preußen und Süddeutschland umfaßte.
Was können wir aus dieser geschichtlichen Betrachtung für die Gegenwart lernen? Frankreich wandelt aufs neue in napoleonischen Bahnen. Das SelbstbestimmungsrechtderVöl- k c r , das unsere Feinde schon während des Krieges verkündeten, ist im Grunde nichts anderes, als das Nationalitätenprinzip des vorigen Jahrhunderts. Mit der Einigung Deutschlands und Italiens war der Gedanke nicht zur Ruhe gekommen. Die ganze Ballanpolitik wurde in der Folgezeit von diesem Gedanken beherrscht, und er begann mehr und mehr auch die staatlichen Grundlagen unseres vielsprachigen österreichisch-ungarischen Verbündeten zu unterhöhlen. Er und die Türkei. unser zweiter Kriegsverbündeter, der ein ähnliches Völker- gcmisch in seinen Grenzen beherbergte, wurden die Objekte der Begehrlichkeit der Nachbarstaaten, die auf nationaler Grundlage organisiert waren. Hätten wir die traditionellen Beziehungen zu Rußland im Dismarckschen Sinne weitergepflegt unb nicht die russische Politik in Konstantinopel durchkreuzt, io hätten wir mehr als andere aus der Fortentwicklung des Nationalitätcnprinzips Nutzen ziehen können, denn in Zisleithanien wohnten 1 0 Millionen deutsche Volksgenossen dicht vor unseren Toren. So aber waren wir auf das österreichische Bündnis angewiesen, trieben Status quo, d. h. Friedenspolitik und, indem wir uns der natürlichen Entwicklung der Dinge widersetzten, fielen auch wir ihr zum Opfer. .
Heute ist die Reihe wieder an F r a n k r e l ch. Ruf Crund des Selbstbestimmungsrechts der Völker rief man Polen und die Tschechei, Litauen und die baltischen Randstaaten ins Leben, und Rumänien und Serbien wurden weit über ihre alten Grenzen ausgedehnt. Rber indem man es tat, verfiel man in den alten Fehler, den an sich gesunden Gedanken des Nationalstaats zu verfälschen und mißbrauchte ihn zu der unerhörtesten Vergewaltigung des deutschen Volks und der mit ihm verbündeten Nationen.
Obwohl die Provinz W c st p r e u ß c n zu zwei Dritteln von Deutschen bewohnt war, überant
wortete man sie, ohne eine Volksabstimmung vorzunehmen. zum weitaus größten Teil den Polen, und von Oberschlesien entriß man uns trotz unseres Abstimmungssiegs die Hälfte. Ohne Abstimmung nahm man uns das deutsche Danzig, das Memelland, Posen, das H u l t s ch i - ner Ländchen, das zu neun Zehnteln deutsche Clsah-Lothringen und praktisch auch Eupen und Malmedy, da die Abstimmung, die dort stattfand, nur eine Farce bedeutete. Auch in Schleswig wurde das Abstimmungsergebnis zu unseren Angunsten umgefälscht. So wurden uns 6.5 Millionen Menschen geraubt. Doch damit nicht genug: Nur wenig über zweihundert Kilometer von der Reichshauptstadt entfernt, zieht sich am Südrand des Erzgebirges und der Sudeten ein großes, geschlossenes deutsches Sprachgebiet von 3,5 Millionen Menschen hin, die nach den. Zusammenbruch des Habsburgischen Staates den Anschluß an das Reich begehrten. Ohne sie zu fragen, ohne sie zu hören, hat man sie gewaltsam dem tschechischen Staate ausgeliefert. Anten an der Donau und i n den Alpenländern wohnen weitere 6.5 Millionen Deutsche, die „heim ins Reich" zu kommen wünschen und diesen Willen in freiwilligen Abstimmungen zum Ausdruck gebracht haben. An- erbittlich verschließt sich Frankreich ihren Wünschen und widersetzt sich jeder Revision der Verträge.
Cs scheint, daß die Lehren der Geschichte spurlos an unseren westlichen Nachbarn vorübergehen. Am sornehr haben w i r Anlaß, sie uns zunutze zu machen. Rechnet man zu den 6,5 Millionen, oie im Reiche lebten, und die man uns nahm, die zehn Millionen in Oesterreich und der Tscheche! hinzu, sosind es im ganzen 16,5 Millionen Menschen, d. h. nicht viel weniger als die halbe Bevölkerung Frankreichs, die man entgegen dem Nationalitätenprinzip der Völker künstlich vom deutschen Volkskcrper getrennt hat. Dieses unser Schicksal ist grausam und hart. Es schlägt aber auch, und das ist mehr, jeder Vernunft und jeder modernen Entwicklung ins Gesicht. „Wer sich den Gedanken seines Jahrhunderts in den Weg stellt, den werden sie stürzen", sagt Napoleon III. Er hat sich ihnen in den Weg gestellt. und sie haben ihn gestürzt. Sie haben uns gestürzt, weil wir aus einer falschen Friedenspolitik heraus einen überlebten Zustand künstlich aufrechterhalten wollten, und sie werden das heutige Frankreich stürz en, weil es die natürliche Entwicklung, für die es einzutreten vorgab, in unerhörter Weise vergewaltigt hat.
Es ist nicht möglich, den großen Gedanken der Staatsentwicklung auf nationaler Grundlage in seinem Siegeslauf zu hemmen. Selbst in außereuropäischen Ländern seht er sich Schritt für Schritt durch. Aber eins ist allerdings dazu erforderlich: das Volk, das ein staatliches Ganzes werden möchte, muß von dem unbeugsamen W i l- I c n , das Ziel zu erreichen und nötigenfalls auch Ovfer dafür zu bringen, erfüllt sein. Nur wenn wir unablässig nicht nur im Reich, sondern überall, wo Deutsche wohnen, immer wieder vor aller Welt bekennen, daß wir nicht ruhen werden, bis wir das großdeutsche Reich, das alle deutschen Stämme umschließt, errungen haben, nur dann werden wir eines Tages unseren Willen durchsetzen. Denn nur wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Dann aber wird der Weg sich finden, und der große Staatsmann, den Gott uns zur rechten Stunde schenken wird, wird ihn uns weisen. Ohne den Willen zur Einigung, der unser Volk schon vor hundert Jahren beherrschte. hätte Bismarck niemals auch nur das kleinere Deutsche Reich gründen können, die damals einzig mögliche Lösung, die angesichts der habsburgischen Widerstände schon von den Männern der Paulskirche als solche erkannt wurde. Ohne den festen Willen zur Einigung aller deutschen Stämme, für die unser Volk heute reif ist, wird auch der neue Bismarck das neue Reich, das wir ersehnen, nicht zu schmieden imstande fein. Tun wir unsere Pflicht und arbeiten wir ihm vor, dann wird er kommen und unser Selbst- bestimmungsrecht zum Siege führen.
Hart* käse
Butter
Galalith
Harzerkäse
Kasern
Milchzucker
fo.
ütLkL:
Molke A—
Was sie werden wollen.
Oie Berufswünsche der Volksschüler und -schülerinnen Oberheffens.
Die Derufsberatung-abteilung des Arbeitsamts Gießen hat auch dieses Jahr wieder auf Grund der von den Schulen für die öffentliche Berufsberatung ausgestellten Schülerkarten die Bern f s w ü n s ch e der an Ostern 1931 zur Schul- antlassung kommenden Kinder zusammengestellt. Wenn auch die auf den Schülerkarten geäußerten Berufswünsche nicht immer ernst gemeint und nicht immer die endgültigen sind, so hat ihre Zusammenstellung doch einigen Wert für berufs- und wirtschaftspolitische Betrachtungen. Auf die Frage: „Was willst du werden?" äußerten 1137 Knaben folgende 79 verschiedene
Berufswünsche:
Anbestimmt 180. Landwirt 124, Maler und Weißbinder 71, Schlosser 70, Metzger 63, Maurer 54, Schuhmacher und Autoschlosser je 50, Bäcker 44, Kaufmann 38, Elektroinstallateur 37, Friseur 31. Schreiner 30, Buchdrucker und Setzer 28, Gärtner 27, Schneider und Bureau je 26, Spengler und Installateur 16, Mechaniker und Knecht je 14, Koch 12, Feinmechaniker und Wegner je 8, Schmi.'d 7, bleibt zu Hause 6, Zimmermann und Fabrikarbeiter je 5, Küfer, Sattler, Steinmetz, Musiker, Maschinenschlosser je 4, Polsterer. Müller, Förster, Aufbauschule je 3, Kellner. Schornsteinfeger, Fuhrmann, Cisendreher, Dachdecker, Optiker. Werkzeugmacher. Maschinenformer. Diamantschleifer, Hutmacher, Matrose, technischer Zeichner, Dekorateur, Konditor je 2, Kunst- und Bauschlosser, Pflasterer, Schweinehirt, Erdarbeiter, Flugzeugmoateur, Musikschule, Handelsschule, Brauer, Chauffeur,Brennmeister, Steindrucker, Korbmacher,Dreschmaschinist, Buchbinder, Soldat. Mühlenbauer. Spinnmeister. Finanzbeamter, Schindler. Briefträger. Hausbursche. Lehrer, Steinarbeiter, Manufakturist, Techniker. Weber. Graveur, Page, Steinrichter, Goldarbeiter, Zeichenlehrer je 1.
Also relativ am meisten Knaben (1808 v. H), trotzdem sie unmittelbar vor der Berufswahl stoben, wissen überhaupt nicht, was sie werden sollen. Erfahrungsgemäß sind ihrer noch bedeutend ineyr, denn sehr viele, die bestimmten Berufswunsch angegeben haben kommen nachher mit völlig unbestimmten zur Berufsberatung. 11 v. H. (im Vorjahre 7,6 v. H.) Knaben äußerten die Absicht, in der elterlichen Landwirtschaft zu verbleiben: im Interesse der Landwirtschaft dürfte dieser Prozentsatz noch höher fein.
Ausfallend viele Jungens wollen Maler und Weißbinder werden. Häufig ist dieser Beruf nur
als ergänzende Erwerbsquelle neben der später von den Eltern zu übernehmenden Landwirtschaft gedacht, die nicht mehr groß genug ist, ausreichenden Lebensunterhalt zu gewähren. Aus ähnlichen Gründen werden auch der Maurer- und Schuhmacherberuf besonders oft gewünscht Entsprechend seiner Bedeutung für die Wirtschaft steht der Schlosserberuf mit an erster Stelle. Nicht weniger als 50 Entlaßschüler möchten sich, meist bloß des Autofahrens halber, als Autoschlosser spezialisieren: ein Modeberuf, wie auch der des Elektrikers und Friseurs immer noch bevorzugte Lieblingsberuse sind. Der Metzger- und Bäckerberuf werden hauptsächlich wegen der mit Kost und Wohnung verbundenen Lehrstellen, an denen es immer mehr mangelt, soviel begehrt.
Der Berufswunsch. Kaufmann bzw. Bureaulehrling zu werden, kommt ebenfalls unverhältnismäßig oft vor, wobei zu bedenken ist, daß auch aus höheren Schulen die Bureaus sehr starken Zuzug erhalten. Ganz unqualifizierte Jungens, schwächliche und auch solche, die sich nur einer guten Handschrift rühmen können, glauben in dem mehr als normal überfüllten Kaufmannsberuf ihr Heil zu finden. Sehr lebenswichtige Berufe findet man häufig zu selten angeführt.
Oie Mädchen.
Von den 118 0 zur Schulentlassung kommenden Mädchen wurden folgende 22 verschiedenen Be- rufswünsche geäußert:
Anbestimmt 358, Schneiderin 281, Hausangestellte 164, Verkäuferin 91, im eigenen Haushalt 74. in der eigenen Landwirtschaft 61, ungelernte und angelernte Arbeit 25, Bureauangestellte 22, Kindergärtnerin 20, Kindermädchen (ungelernt) 14. Friseurin 13, Köchin und Weißnäherin je 12, weiterer Schulbesuch 8, Büglerin 5, Krankenschwester 4, Strickerin 3. Säuglingsschwester, Handarbeitslehrerin, Dlumenbinderin, Gärtnerin und Modistin je 2, Dentistin, Laborantin und Klavierlehrerin je 1.
Die Zahl der verschiedenen Berufswünsche ist bei den Mädchen durch die im Verhältnis zu den Knaben geringe Anzahl der verschiedenen Berufsmöglichkeiten begrenzt. Selbst unter den angegebenen Berufswünichen ist noch gar mancher, der feine Erfüllung finden, oder erst in späteren Jahren verwirklicht werden kann. Die Berufe der Krankenschwester, Säuglingsschwester, Handarbeitslehrerin. Klavierlehrerin und manche andere kommen für die schulentlassenen Dolksschüle-
Mnchener Künstler-Kegelbahn.
Von Karl Kinndt.
In Berlin hat lange Zeit mein Vorschlag, eine Kegelbahn zu gründen, bei den meisten nur ein mitleidig-überlegenes Lächeln hervor- gerufen, bis kürzlich der Maler Prof. I a e ck e l in Hiddensee meinen Vorschlag aufgriff. Sechs Leutchen waren es beim erstenmal — dann aber strömten die Maler hinzu und waren begeistert! And selbst der stille verschlossene Professor Hofer ist ein richtiger Kegelbruder geworden.
Mich konnte das freilich nicht verwundern, denn in München waren lange Jahre zwei Kegelbahnen bedeutende Faktoren im künstlerischen Leben. Die älteste und prominenteste die „Halbe- Kegelbahn", die der Dramatiker Max Halbe mit unerbittlicher Strenge und Genauigkeit führte. Hier verkrachte er sich mit Frank Wedekind um einer Mark willen fo, daß die beiden eine Zeit lang erbitterte Feinde waren. Da traf man Vater Rößler, dessen „Fünf Frankfurter" damals überall „liefen“, Roda Roda und Franz Blei, dem „weisen Esser" C. G. v. M a a - ßen, der stets mit Erich Mühsam in politischer Fehde lag, Kurt A r a m und Corinth. And der gebrechliche Dichter E. von Keyserling k ließ sich, solange es ging, im Fahrstuhl hinbringen...
Hier war ein schlechter oder auch nur ein mittelmäßiger Kegler einfach ein Greuel, ein „Pudel", ein ..Anbandeln“ (in Berlin „Ratze" genannt) wurde persönlich übelgenommen — zum mindesten würdigte der Herr Präsident den Anglücklichen keines Blickes mehr.
Anders die andere Bahn, der ich von ihren Anfängen an angehörte: die „Weißgerbcr-Kegel- bahn". Gewiß, auch hier wurde nach Kräften gut geschoben und ein guter „Stecher" — wie etwa der Maler Walter Leut sch, der den linken oder rechten „Saunagel" (die beiden äußersten Eeiten-Kegel) bombensicher hinlegte, und zwar mit einer genial ..gedrehten" „Bogenkugel“, stand höher in Ehren als unser Schmerzenskind I. W. Schäle in, den man kaum „ins Volle“ lassen lonntc, weil eu meistens einen „Stier" schob
(den vorderen, den König und den Hinteren Kegel), was die Partei in Verzweiflung versetzte. Da er jetzt nach Berlin übergesiedelt ist, fei vermerkt, daß er sich sehr gebessert haben soll.
Aber die Hauptsache auf unserer Bahn war die „Hetz“ und die „Gaudi". War das ein Geschrei und ein lustiges Geraufe! So toll gings zu, daß einmal der vis oben hin mit glühendem Koks gefüllte Kanonenofen umfiel und wir unsere sämtlichen Halbe-Krügeln drauf gießen mußten, um den Brand zu löschen. Ab 11 Ahr wurde der durch vieles Trinken erzeugte Hunger mit „Regensburgern in Essig und Oel" ober Emmenthaler bekämpft. Die Kellnerin rannte schweißtriefend hin und her -- und an einem Abend machte sich der Maler Weißgerber einen Sport daraus, jedes auf den Tisch kommende Brot an sich zu reihen und mit einem gewaltigen Biß zu verschlingen. Erbost darüber schnitt einer heimlich das an dcr Waschgelegenheit liegende Stück Kernseife in Scheiben, bohrte mit dem Messer kunstvolle Cmmenthaler-Löcher hinein, legte das Präparat säuberlich auf ein Brot und ließ es durch die Kellnerin, nachdem alle anderen verständigt waren, hereinbringen. Programmähig stürzte Weißgerber wie ein Berserker drauf los und suchte es mit gewaltigem Dissen zu verzehren. Tolles Gelächter brach los. als er plötzlich die Augen verdrehte. Mit Bier gurgelnd suchte er den scheußlichen Geschmack loszuwerden —: und siehe da, seinem Munde entstiegen buntschillernde Seifenblasen...
Das war es, was uns alle auf den Mittwochabend sehnlich warten ließ: dies jungenhafte Ausgelafsenfein — diese rauh-herzliche Ratur- burschenhaftigkeit — dies Erlöstsein von aller „Kultur"! Diese Kegelbahn war auch die Geburtsstätte der „Reuen Münchner Secession", deren Mitglieder ihr fast alle einmal angehörten: Alb. Weißgerber, Karl Arnold, Anvld, Edwin Scharff, Jul. Heß, Teutsch, Kopp, Blee« ker, Caspar, Echinnerer, Genin, Seewald und viele andere. Hier — wie jetzt in Berlin — war ich der einzige Schriftsteller unter lauter Malersleuten. Daß Stefan George und Rainer Maria Rilke nicht zu uns gehörten, wird man verstehen.
6od)fd)ulnacbrid)ten.
Der durch die Emeritierung des Geh. Medizinalrates H. Bonhoff an der Aniversität Marburg erledigte Lehrstuhl der Hygiene ist dem Privatdozenten Dr. Wilhelm Pfannen stiel in M ü n st e r angeboten worden. Dr. Pfannenstiel ist bereits seit Mai 1930 mit der Vertretung der Hygiene-Professur und der Dertretung&reifen Leitung des Hygienischen Instituts in Marburg beauftragt.
■j>er durch die Emeritierung des Geheimen Justizrates Th. Kipp an der Aniversität Berlin erledigte Lehrstuhl des römischen und bürgerlichen Rechts ist dem Ordinarius Dr. Fritz Schulz in Bonn angeboten worden.
Zur Wiederbesehung des durch das Ableben von Prof. G. Holstein an der Aniversität Kiel erledigten Lehrstuhls für öffentliches Recht ist ein Ruf an den Ministerialdirektor L)r- jur. Friedrich Poetzsch-Heffter in Berlin-Schlachtensee, Sächsisches Mitglied des Reichsrates, ergangen.
Der Lehrstuhl der klassischen Philologie an der Aniversität Halle (an Stelle von Geheimrat O. Kem) ist dem ordentlichen Professor Dr. Otto Weinreich in Tübingen angeboten worden.
Dem nichtbeamteten außerordentlichen Professor an der Breslauer Universität Dr. Robert Gärtner ist die durch die Entpflichtung des Professors Dr. Pritzwald-Stegmann erledigte Professur der Tierzuchtlehre an der Universität Jena an- geboten worden.
Zeitschriften.
— Im Februarheft der „Europäischen Gespräche" (Verlag Dr. Walther Rothschild, Berlin-Grunewald) faßt ihr Herausgeber A. Mendelssohn-Bartholdy noch einmal die Gründe zusammen, die eine Abkehr Deutschlands von Genf auf die Dauer unausweichlich machen: Deutschland will den Bund aller Völker und nicht eine sich an die Verträge von 1919 klammernde Liga der Nationen, es muh sich von den Genfer Zwangsläufigkeiten befreien und zu einer verantwortungsbewußten Aktivität im Rahmen der Kellogg-Pakt-Derpflichtungen hindrängen. Daß das Ausland beginnt, sich über die Tragweite
einer solchen Neuorientierung der deutschen Außenpolitik klar zu werden, ergibt sich aus den Zuschriften so bedeutender Kenner der politischen Verhältnisse wie Gilbert Murray, William Rap- pard und Arnold Toynbee: sie befürchten aber, daß eine Abkehr gerade Deutschlands von Genf den Auftakt zur oJenen Spaltung Europas in gefährliche Bündnisgruppierungen bilden könnte. Otto Hoetzsch erblickt in der Abrüstungsfrage das Zentralproblem einer aktiven deutschen Völkerbundspolitik und möchte Deutschlands endgültige Stellungnahme zum Genfer Völkerbund realpolitisch von den Ergebnissen der kommenden großen Abrüstungskonferenz bestimmt sehen.
— In dem Märzhest der „Berliner Monatshefte" veröffentlicht August Bach eine Studie über „Suchomlinow und der Kriegsausbruch 1914". Er prüft die viel umstrittene Frage, inwieweit der ehemalige russische Kriegsminister persönlich für die Vorgänge in Petersburg im Juli 1914 verantwortlich gemacht werden muß. Suchomlinow versichert in seinen Erinnerungen, daß er während der Julikrise sich ganz zurückgehalten und persönlich in den Gang dcr Ereignisse, die zur Anordnung der russischen allgemeinen Mobilmachung führten, nicht eingegriffen habe. Es ergibt sich indessen aus dem vorliegenden Ouellenmaterial, daß Suchomlinow während der kritischen Tage im Juli 1914 in sehr aktiver Form an den Beratungen im Minifterrat teilgenommen hat und daß für das überstürzte militärische Vorgehen Rußlands in erster Linie er selbst verantwortlich zu machen ist.
— „H e s s e n l a n d", Monatsschrift für Landesund Volkskunde, Kunst und Literatur Hessens. Herausgegeben von Dr.C.Hitzeroth. Verlag R.G.Elwert, Marburg. — Das 3. Heft des 42. Jahrgangs bringt u. a. die Fortsetzung des Artikels „Earl Friedrich Buderus, das Leben eines kurhessischen Beamten in schwerer Zeit". Dr. Philipp Losch plaudert über das Gestüt „Beberbeck" und Hegemeister i. R. ßöffert über „Raubwild" in den kurhessischen Jagdrevieren. Der Artikel „Die hessischen Freiheiten" von Dr. jur. et phil. Apel wird fortgesetzt: es wird des 75. Geburtstages des hessischen Bildhauers Carl Gruber gedacht. Helene Brehm beginnt mit einer Erzählung „Der Dorfschäfer". Das Heft enthält auch eine Anzahl schöner Bilder.


