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Ur. 69 Erstes Matt

181. Jahrgang

Montag, 25. März 1951

6r|d)etnt töghd),autzn Sonntag» und Feiertag»

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Will). Lange. Deranttvortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lang«; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen

Eindrucksvolle Abstimmungsseiem in Oberschlesien.

Am Vorabend des Gedenktages.

Begeisterter Empfang der Reichswehr in Bcuthcn und Vlciwitz.

Gleiwitz, 21. März. (TU.) In ganz Oberschlc- sien wurden am Samstag die letzten Vorbereitungen getroffen, um den Abstimmungsgcdenkstundei^ am Sonntag einen würdigen Rahmen zu geben. Stra­ften und Plätze zeigen reichen Flaggenschmuck. In der Gleiwitzcr Hauptverkehrsstraße ist ein riesiges Ehrentor errichtet, dessen Inschrift zur Einigkeit mahnt, wie sie sich vor 10 Jahren in Oberschlesiens schwerster Zeit so glänzend gezeigt hat. Bei Einbruch der Dunkelheit leuchten in riesigen Lettern die Worte auf:Deutsche, vergeht cs nie!" In jeder Stadt und in jedem Dorf des deutschgeblicbcncn Teiles Oberschlesiens hat die Bevölkerung am Sonn­tag in schlichten Feiern der Bedeutung des 20. März 1921 gedacht. Die überaus groftc Anteilnahme aus allen Teilen des Reiches wird dankbar empfunden. Bei den Behörden und den Organisationen der Ber­einigten Verbände Heimattreuer Oberschlefier laufen ununterbrochen aus dem ganzen deutschen Sprach­gebiet Glückwunschtelegramme ein. Eine besondere Vorfreude wurde der Beuthcncr und der Gleiwitzcr Bevölkerung am Samstag zuteil. In Beuthen rückte die Trabitionsfompanie des frühe­ren Beuthener Infanterieregiments ein, «ährend Gleiwitz die Traditions­schwadron seines früheren Ulanen- r e fl i m c n t s empfing. Bekanntlich ist das ober- schlesische Industriegebiet nach den Bestimmungen des Friedensvertragcs von allen Truppen entblößt. So ist die Freude verständlich, mit der man die Reichswehr begrüßte. Schon stundenlang vor der angefünbiflten Zeit waren bic Straßen ber Bcu- thcner Innenstabt bis zum Bahnhof von einer dichten Menschenmenge umsäumt. Als dann endlich die Reichswehr eintraf und mit klingendem Spiel durch die Straften zog, war der Jubel unbe­schreiblich. Die starken Schutzpolizeiaufgebote hatten größte Mühe, die Straßen einigermaßen freizuhalten. In Gleiwitz wurde die Schwadron aus dem Ringe von der Stadtverwaltung mit dem Oberbürgermeister an der Spitze begrüßt. Die Mili­tärkapellen gaben am Abend öffentliche Konzerte. In Beuthen sand außerdem ein Zapfenstreich statt. Die erflen Abstimmungsfeiern.

QIm Sonntagfrüh ertönten in allen Gemeinden Oberschlesiens zur festgesetzten Stunde die Glocken, um des Abstimmungstages vor zehn Jahren zu gedenken; überall strömten auf den Plätzen die Tausende zusammen. Kopf an Kops gedrängt lauschte man in ernstem Schweigen den Red­nern, die noch einmal ein Bild jener ereignis­reichen Tage entrollten und in bewegten Wor­ten schilderten, wie damals in Oberschlesien ge­hofft. gebangt, gestritten und gelitten wurde. Sn der Provinzialhauptstadt Ratibor sprach der ehemalige Führer des oberschlesischen Selbst­schutzes. Generalleutnant a.D. Hoefer, in dessen Begleitung neben Reaierungsdcrektor Dr. Weigel auch der Landeshauptmann von Oberschlesien Woschek, Prälat Alihka und Spitzen aller staatlichen und kommunalen Be­hörden sich befanden. Der General schilderte die Leidenszeiten, die die deutsche Grenzbevölkerung im Osten vom ersten blutigen Polenaufstand tm August 1919 und bei der zweiten polnischen Erhebung im darauffolgenden Sahr durchmachen mußte, bis endlich die Wallfahrt ber 200 000 zur Abstimmung möglich war und wie dann das Genfer Dekret die Oberschlesier als furchtbarer Schlag getroffen hatte. ..Einen neuen Krieg wollen wir wahrlich nicht", fuhr General Hoefer fort. ..es gibt auch andere Wege, um begangenes Anrecht wieder gut zu machen. Ein Ostlocarno freilich darf es nicht geben, darin sind sich alle Deutschen einig, ebenso wie in dem Kampf zur Beseitigung der Kriegsschuldlüge, auf der alle Gewaltakte gegen uns aufgebaut sind." Dr. Weigel erinnerte besonders an die Leiden der Bevölkerung des Hultschiner Ländchens, die trotz aller Proteste ihres Minderheitenrechtes beraubt sei. Wir kla­gen heute die Entente und den Völkerbund an. daß sie in Verblendung und Ankennt­nis das treudeutsche Hultschcnor Ländchen der Tschechoslowakei zu­gesprochen haben. Die Liebe und Treue zu unseren Brüdern und Schwestern kann uns keine Macht der Erde aus dem Herzen reiften, bis das Anrecht wieder gutgemacht ist. Wenn wir nach einer durchgreifenden Osthilfe rufen, so tun wir das nur, um Oberschlesien als Bollwerk au festigen und zu verteidigen. Sn dieser Feier­stunde rufen wir allen Brüdern und Schwestern im Reiche zu, helft alle, das deutsch z u erhalten, was deutsch ist."

Reben dieser Kundgebung in Ratibor fand noch eine besondere Abstimmungsgedenkleier der R. S. D. A. P. und des ehemaligen Selbstschutzes statt. Die Hitlerjugend legte im Lause der Feier­lichkeiten einen prachtvollen Kranz am Selbstschuh- denkmal im Cichendorffvark nieder. Besonders ein­drucksvoll gestaltete sich auch die Abstimrnungs- gedenkseier des Landkreises Ratibor, die am deutschen Wahrzeichen in Annaberg, hart an der polnischen und tschechinschen Grenze, stattfand. Sn G l e i w i h versammelten sich um die 11. Stunde rund 40 000 Personen auf dem Platz

der Republik. Rachdem die Vereine und Organi­sationen mit ihren Kapellen Aufstellung genom­men hatten, erschien, begeistert begrüßt, d i e 4. Schwadron des 8. Reiterregiments. Der frühere Plebiszitkommissar, Rechtsanwalt K a f s a n k e, hielt eine Gedenkrede. Aehnliche Kundgebungen fanden in Hindenburg und Oppeln statt.

Die Ankunst des Reichs­kanzlers in Beuthen.

Beuthen, 22. März. (WTB.) Das Haupt­interesse konzentrierte sich auf Beuthen, wo die Abstimmungsfeier heute vormittag mit einer Kundgebung eingeleitet wurde, zu der sich die Sugendorganisationen mit ihren Fah­nen und Wimpeln eingefunden hatten. Sc näher die Mittagsstunde heranrückte, um so größer wurde das Treiben auf den Straßen. Aeberall sah man die Flaggen des Reiches, des Staates und der Provinz, sowie auch der Stadt im Winde

Sn der Hindenburg! ampf bahn im Stadion Beuthen fand nachmittags die Abstimmungsfeier der Vereinigten Ver­bände ßcimattreuer Oberschlesier statt, die sich zu eintin machtvollen Bekenntnis der Treue zum deutschen Volkstum gestaltete. Zehntausende hatten sich zur Erneuerung des Treuegelöbnisses für die deutsche Heimat ein- gefunden. um des Abstimmungssieges vom 20. 3. 1921 und in Trauer der Opfer der oberschlesi­schen Befreiungskämpfe zu gedenken und gegen das Anrecht der Genfer Entscheidung zu pro­testieren. Das Riederländische Dankgebet eröff­nete die Gedenkstunde. Rach dem Aufmarsch der Turner zu einer Gruppe, die in etn^etnen Buch­staben den Sah erkennen ließ:O. S. deutsches Land", fang der Chor das LiedVerlorene Heimat".

Oberbürgermeister Kaschny-Ratibor hieß alle willkommen, die zum Gedenken an die zehnjährige Wiederkehr des oberschlesischen Ab­stimmungstages aus allen Gauen der deutschen Heimat, aus allen deutschsprachigen Gebieten in der gläubigen Hoffnung und unerschütterlichen Zuversicht auf Wiedergutmachung angetanen An­rechtes, aus Oesterreich und dem Saargebiet, hierher nach Beuchen gekommen seien. An die­sem Tage kehren unsere Gedanken zurück zu dem Aufflammen des oberschlesischen Willens zur AbwehrderSnsurgentenhorden. die mit Terror und Gewalt das ober schlesische Land von unserem deutschen Vaterlande tren­nen wollten. Damals sanden sich alle zusammen zur Abwehr, der St. Annaberg ist ein Symbol oberschlesischen Freiheitswillens geworden.

Reichskanzler Or. Brüning:

Es ist ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, aus dem heraus bic Reichsregierung mit Ihnen des Abftimmungstagcs vom 20. März 1921 gedenkt. Es ist ein Tag des Sieges, den Obcrfchlefien vor 10 Jahren errungen hat. Ein Sieg aber, der durch die auf Grund des Genfer Votums geschaffene Ent­scheidung vom 20. Oktober 1921 zu seinem wesent­lichen Teile zunichte gemacht wurde. Ein Drittel des Abstimmungsgebiets mit dem wertvoll­sten Industrieland und fast einer Million Einwohner wurde uns trotz unseres Abstimmungserfolges ent­rissen. Deutschland wird nie vergessen, daß sich Oberschlesien freimütig zum deutschen Volkstum und zum deutschen Kulturkreise bekannt hat, obwohl in der Heimat Rot und Elend herrschten, obwohl die politische Lage des deutschen Vaterlandes, gedrückt ' durch den Versailler Vertrag und erschüttert durch schwerste finanzielle Bedrängnisse, trübe Aussichten für die Zukunft eröffnete, während drüben der pol- nische Staat, frei von jeder Kriegslast, ins Leben trat. Treue und Vaterlandsliebe der Oberschlefier find auch nicht erschüttert worden durch die Polen- a u f ft ä n ö e, in denen die Stellen, denen der Schutz der oberschlesischen Bevölkerung übertragen wurde, nicht für Leib und Leben der Einwohner sorgten und die Deutschgesinnten nicht vor Mißhandlungen und Bedrückungen schützten. Wenn sich trotzdem eine Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung für Deutschland ergab, so war dies ein wahrhaft großes Bekenntnis zum Deutschtum, das alten übrigen Deutschen in jener schweren Zeit Mut und Stärke gab.

wir wissen alle, welche Tatsachen und Vorgänge damals diese große nationale Tat ihres (Erfolges beraubt haben. Mit tiefem Schmer; erinnern wir uns daran, wie gerade diejenigen, die sich für die Verträge von 1919 aus das Selbstbestim­mungsrecht der Volker berufen hatten, über das 5etbftbeftimmungsred)t der Oberschlefier hinweg­gingen. wir denken insbesondere des dritten polnischen Aufstandes, der unter dem Bruch des internationalen Rechts entfacht wurde, um gegen den ausgesprochenen willen der Bevölkerung vollendete Tatsachen ;u schaffen, wie viele Leiden hat dieser Aufstand über das unglückliche

Oberfchlesien gebracht 1

wehen. Gegen 14.30 Ahr nahm die bereits gestern in Beuthen cingctrofk-nc Ehrenkompanie des 7. Infanterieregiments der ehe­maligen 63er aus Oppeln vor dem Bahnhof Auf­stellung, um Reichskanzler Dr. Brüning zu empfangen. Zur Begrüßung des Reichskanz­lers hatten sich u. a. auf dem Bahnsteig eingefun­den: Landeshauptmann Woschek. Prälat Alihka, Regicrungsdircktor Weigel, Polizeipräsident Dr. Danehl, Gleiwitz. Oberst Sesfner, der Komman­deur der Schutzpolizei im Zndustriebezirk. Ober­bürgermeister Dr. Knackrich und Oberbürgermei­ster Dr. Frenz. Ferner Minister Severing, Generalleutnant a. D. Hoefer, Oberst Jagow und Generalleutnant Stülpnagel. Beim Verlassen des Bahnhofes spielte die Regimentskapelle den Präsentierrnarsch. Rachdem der Reichskanzler mit Generalleutnant Hoefer vor dem Museum die Front des Selbstschutzes abgeschritten hatte, begab er sich in die Gefalle nenge- denkhalle, woer unter den Klängen desgu­ten Kameraden", während sich die Fahnen senk­ten, den Kranz der Reichsregierung niederlegte.

Mit besonderer Dankbarkeit muß ich des ein­mütigen Abwehrkampfes der Bevölkerung gedenken, des einträchtigen Zusammenwirkens sämt­liche Stände und Konfessionen, der selb st losen Tapferkeit der Selbftschutzkämpfcr und ihrer Führer, die, ganz auf sich gestellt sich den polnischen Aufständischen entgegenwarfen und durch ihre tapfere Gegenwehr, durch die Eroberung des Annaberges, zu einem guten Teil dazu beigetragen haben, das wenigstens Zweidrittel des Abstimmungs- aebietes uns erhalten geblieben find. Ehre ihrem Andenken! Ehre insbesondere den Toten dieses Heldcnkarnpfes!

Nach dem Siege, den das Deutschtum in der Abstimmung davontrug, mußte das deutsche Volk erwarten, daß ganz Oberschlesien Deutschland zu- geteilt würde. Nur als schweres Unrecht konnte deshalb die Zerreißung des Landes von Deutschland und mit ihm wohl von den Teilen der Welt empfunden werden, die den Sinn für Gerech» tigkcit nicht ganz verloren hatten.

Die deutsche Reichsregierung hat auf das feier­lichste Protest gegen die Entscheidung vom 20. Oktober 1921 eingelegt. Diesen Protest lehnte der Oberste Rat ab; aber der öamalic Reichs­kanzler hat in der Sitzung des Reichsrats vom 7. Rovember 1921 festgestellt, daß durch die Ant­wort des Obersten Rates der Protest und die Rechtsverwahrung des Deutschen Reiches nicht aus der Welt geschafft werde. Das gilt selbst­verständlich auch heute noch?

Besonders folgenschwer erweist sich der Genfer Spruch, wenn wir sehen, mit welcher Willkür im einzelnen diese Grenze mitten durch den lebendigen Leib eines Wirtschaftsorganismus gezogen wurde, wie überall nur Restteilc eines ehemals blühenden Ganzen geblieben find, die nur schwer um das Leben zu ringen haben. Heute erfüllt das Reich unter schwersten Opfern seine selbstverständliche Pflicht, den durch die Grenzziehung zusammengebrochenen Osten, soweit dies unter den gegebenen Umständen über­haupt möglich ist, wieder aufzubauen.

Die Rede des Reichskanzlers, die mit einem Hoch auf das Vaterland und dem Gesang der Ralionalhyrnne schloß, wurde mehrfach von starken DeifaUslundgebungen. Händeklatschen und Bravo­rufen unterbrochen. Rach ihm sprach, ebenfalls lebhaft begrüßt, der preußische Minister des Innern, Severing.

Rach dem Gesang des Oberschlesierlieder wurde über dem Rordeingang auf der Hindenburgbrücke die österreichische Flagge gehißt. Ein österreichischer Vertreter übermittelte d i e G r ü ß e des Landeshauptmanns von Kärn - t e n. Jenes deutsche Grenzland in den Alpen erlebe in den gleichen Zeiten der Rot und des Kampfes um die Vcwahrung des Deutschtums Oberschlesicns Schicksal mit heißem Herzen und brüderlicher Opferbereitschaft und innigem Ver­ständnis für seine Aufgaben und Erfordernisse mit. Der Rektor der Aniversität Breslau Pro­fessor Dr. Lohmeyer überbrachte die Grüße aller deutschen Aniversitäten und Hochschulen so­wie dem Volk und Land Oberschlesien das Ge­löbnis der Treue der gesamten akademischen Ju­gend. Don Abschluß der eindrucksvollen Kund­gebung bildete der von der Reichswehrkapelle intonierte große Zapfenstreich, an den sich der gemeinlame Gesang der dritten Strophe des Riederländischen Dankgebetes anschloß.

Reichskanzler Dr. Brüning verließ sodann in Begleitung des Oberpräsidenlen Beuthen, um mit dem Auto nach Oppeln zu fahren, wo er den Annaberg besuchte, der während der ober- schlesischen Kämpfe vom deutschen Selbstschutz so heldenmüttg umkämptt wurde. Auf dem Fried­hof von Lefchnitz ließ der Reichskanzler durch den Landrat von Groß-Sttelitz am Grabe der 21 gefallenen Selbstfchutzkürnpfer einen Kranz niederlegen.

Die große Abstimmungsfeier in Veuthen.

Oer Reichskanzler erneuert den Protest gegen den Genfer Machtspruch.

Von Bebel zu Hünlich.

Es gibt nicht allzu viele Abgeordnete mehr, die noch dem alten Reichstag um die Jahr­hundertwende angeßört und die gewaltigen Rcde- kärnpfe miterlebt haben, die damals der sozial­demokratische Führer Bebel mit dem Kriegs­minister aussocht. Gewiß, auch Bebel hat einmal gesagt, daß er für die Verteidigung seines Vater­landes das Gewehr schultern würde, aber das war für ihn doch mehr eine rhetorische Floskel. In seiner ganzen geistigen Einstellung war er der erbitterte Gegner des Staates und des staatlichen Machtbegriffs, soweit er sich in der Armee verkörperte, und es war immer wieder ein Schauspiel, wie dieser Fanatiker, der hier der Exponent seiner Partei war, Stein aus Stein zusarnmentrug, um daraus das Gebäude einer leidenschaftlichen Anklage gegen das Sy­stem der allgemeinen Dienstpflicht aufzubauen.

Jahrzehnte hindurch ist die Sozialdemokratie die Gefangene dieser Anschauungen Dobels ge­wesen. Sie hat nicht begriffen, daß im Augen­blick des Arnsturzes, wo sie tatsächlich einer der Träger des Staates geworden war, logischerweise auch ihre Stellung zu den Organen des Staates, also auch zur 'Wehrmacht s i ch ändern mußte. Roske hat darüber bitter genug geklagt, daß alle seine Versuche, inner­halb der Partei um Verständnis zu werben, vergeblich blieben. Die Sozialdemokratie ver­mochte es nicht, über den Schatten DebelS zu springen, für sie war die Reichswehr mit allem, was daran hing, lediglich ein gefährliches Werk­zeug der Reaktion.

Jetzt ist plötzlich der A m s ch w u n g vollzogen« und der tiefere Gehalt der Debatten über den Heeresetat, die wir jetzt hinter inx8 haben, ist der völlige Frontwechsel, den die Sozial­demokraten vollzogen haben. Die Rede des Ge­nossen Hünlich war fast so gehalten, daß sie in großen Teilen von rechts hätte über­nommen werden föimen. Man sagt, daß sei alles nur ein taktisches Manöver, das mag, soweit der Panzerkreuzer in Frage kommt, richtig sein. Das bleibende Ergebnis wird aber doch sein, daß die Sozialdemokratie infolge der Llbstinenz der rechten Opposition einen harten Er­ziehungskursus durchgemacht und aus die­ser Lehrzeit eine andere Stellung zur Landes­verteidigung gewonnen hat. Auch wir glauben nicht daran, daß der innere Amschwung der So­zialdemokratie sich restlos von heute auf morgen vollzieht. Aber es will doch schon etwas sagen, daß die Parteileitung stark genug ist, die ganze Gruppe um Künstler rednerisch auszuschalten. Das wird ihr in den Schichten ihrer Anhänger vielleicht noch weh tun, aber auf dem positiven Bekenntnis zum Wehrgedanken liegt sie doch ein­mal fest, und diesen Gewinn darf man in solchen trüben Zeiten doppelt anerkennend verbuchen.

Reichspräsident und Reichskanzler an die Witwe Hermann Müllers.

Berlin, 21. März. (WTB.) Der Herr Reichspräsident hat an die Witwe des Reichskanzlers a. D. Hermann Müller nachfol­gendes Handschreiben gerichtet:

Sehr geehrte gnädige Frau!

Die Rachricht von dem Todes Ihres Herrn Gemahls hat mich tief betrübt, und ich bitte Sie und Ihre Tochter, zu dem schweren Verlust, der Sie betroffen hat, den Ausdruck meines herz­lichen Beileids entgegenzunehmen Ich werde dem Verstorbenen, dessen lauteres Wol­len und dessen treffliche Charakter­eigenschaften ich hoch geschätzt und dessen Mitarbeit zur Aeberbrückung der politischen Gegensätze ich stets ge­würdigt habe, ein treues Gedenken bewahren. Mit der Versicherung meiner aufrichtigen Anteil­nahme und meiner ausgezeichneten Hochachtung verbleibe ich

Ihr ergebener

(gez.): v. Hindenburg." 1

Reichskanzler Dr. Brüning hat an die Gat­tin des Verstorbenen nachstehendes Beileids­schreiben gerichtet: Hochverehrte gnädige Frau! In banger Sorge gingen in den letzten Wochen meine Gedanken öfter an das Schmerzenslager Ihres Gatten, hoffend, daß es der Kunst der Aerzte gelingen würde, fein Leben der Familie und dem Vaterland zu erhalten. Das harte Schicksal hat es anders gefügt. Als der verehrte Verstorbene zweimal an d i e Spitze der deutschen Reichsregie­rung Aum Lenker der Reichsgeschicke berufen wurde, da setzte er sein ganzes Wissen und all seine Kraft für die Arbeit an der Gesundung und dem Wiederaufbau unseres schwer ringen­den Vaterlandes ein. 3n diesem Augenblick muß ich auch der schlimmsten Stunde gedenken, die während seines Lebens der Verstorbene als deutscher Patriot in dem Spiegelsaal von Versailles durchleben mußte. Dann aber war es ihm auch vergönnt, die große Stunde der Befreiung der Rheinlande zu erleben, die nicht zuletzt der Erfolg seiner Regierungsarbeit gewesen ist. Mit ihm hat das Vaterland einen guten Deutschen verloren, dessen zuverlässiger Charakter und nationale Gesinnung auch von seinen polittschen Gegnern stets aner­kannt wurde.