Nr. M Erstes Blatt
181. Jahrgang
Donnerstag, 2(. Mai 1931
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Grabenkrieg.
3m diplomatischen Kampf auf dem Schlachtfelde von Genf ist der österreichisch-deutschen Front der Erfolg versagt geblieben: Die Zollunionsidee ist entgegen unseren Hoffnungen und Wünschen nicht zum Durchbruch gelangt. Die Entscheidung ist vertagt; der Schüh^ngrabenkampf hat begonnen.
Da von fast allen Vertretern der französischen Staatengruppe in den Debatten des Völkerbunds» rats zum Ausdruck gebracht wurde, daß die Entscheidung des Haager Gerichtshofs Über die Rechtsfragen der österreichisch-deutschen Zollgemeinschaft für ihr endgültiges Urteil über den geplanten Pakt irrelevant sei, steht schon jetzt fest, baß die September-Tagung des Völkerbundsrats wiederum zu einer politischen Behandlung der ganzen Materie führen wird und daß die von juristischen Sachverständigen der österreichischen und deutschen Regierung erwartete positive Entscheidung des Haager Gerichtshofs, die voraussichtlich schon Ende nächsten Monats vorliegen wird, im günstigsten Falle nur der Eroberung einer vorgeschobenen Position der Gegenseite, nicht aber einem vollendeten politischen Durchbruch gleichzusehen ist. Das um so weniger, als es der raffinierten Taktik des englischen Austenministers gelungen ist, Oesterreich nahezu völlig die Hände zu binden, worüber auch alle nachträglichen Interpretationsversuche nicht hinwegtäuschen können. Es ist deshalb durchaus richtig, wenn in der deutschen Oesfentlichleit festgestellt wurde, dast wir nicht erst im Herbst bei einer etwaigen neuen politischen Behandlung der österreichisch-deutschen Zollgemeinschaftsabsichten Staaten minderen Rechts seien, sondern schon jetzt, da es den Regierungen in Wien und Berlin zwar verwehrt ist, über ihre Zollpläne zu verhandeln, die anderen Mächte und Staaten aber nach wie vor volle Handlungsfreiheit besitzen, insbesondere Frankreich also seine wirtschaftliche und finanzielle Ueberlegenheit rücksichtslos in die Waagschale werfen kann, um seine Hegerno- uialideen bis zum Herbst weiterzutreiben.
Schon hieraus ergibt sich, dast die österreichisch- deutsche Position in dem politischen Grabenkampf der nächsten Monate denkbar ungünstig ist. Sie wird dadurch noch schlechter, dast. wie es die Genfer Debatten mit hinreichender Deutlichkeit erwiesen haben, die beiden Regierungen nahezu völlig isoliert dastehen. D«nn wenn auch England und Italien offen» kundlich nicht daran denken, sich mit den französischen Wirtfcha'tsvorschlägen zu indentisi- zieren, so hat doch jedenfalls Grandi klar zu erkennen gegeben, dast auch für seine Regierung die Zolldtskussion mit der Entscheidung des Haager Gerichtshofs nochnicht abgeschlossen ist. Prag und Belgrad müssen entgegen ihren wirtschaftlichen Interessen aus politischen Gründen dem französischen Geldgeber und militärischen Bundesgenossen Gefolgschaft leisten, die Haltung Rumäniens ist zwar nicht ganz so eindeutig, dürfte sich aber wohl dann klar zugunsten Frankreichs entscheiden, toeim es der Regierung gelingen würde, mit französischer Hilfe Absatzmärkte für die agrarischen Ueberschüss« zu gewinnen und die neue Ernte mit französischen Krediten zu finanzieren.
Das ist die Situation. Es steht außer jedem Zweifel, dast Frankreich in der nächsten Zeit weniger denn je geneigt sein wird, sein Ohr wirtschaftlichen Erwägungen zu leihen. Es wird vielmehr sehr zielbewustt alle Wirtschaftsfragen nach rein politischen Gesichtspunkten, und zwar vor allem nach machtpolitischen Erwägungen, zu entscheiden und zu lösen suchen. Die innere EntwictlunginOesterreich ist zur Stunde noch nicht klar zu übersehen. Es besteht aber die große Gefahr, dast die Aktionsfähigkeit des österreichischen Kabinetts geraume Zeit gelähmt sein wird, was gerade in den nächsten Wochen doppelt verhängnisvoll wäre. Denn wenn wir bis zum Haag und erst recht danach die Hände in den Schoh legen und zusehen, wie sich die französische Gegensront auf den entscheidenden Schlag vorbereitet und sich dafür organisiert, dann allerdings hätte es gar keinen Sinn mehr, den Kampf für die Zollgemeinschaft auch nur einen Tag lang weiterzuführen.
Die Position in der wir zu fechten gezwungen sind, ist sicherlich ungünstig, aber sie ist doch nicht aussichtslos, Roch haben wir das ganze Schwergewicht eines großen Marktes von 75 Millionen Menschen in die Waagschale zu werfen, und wir haben vor allem die Zusammenhänge, die zwischen Reparationspolitik und europäischer Wirtschaftsorganisation bestehen, noch nicht ausgewertet. Henderson hat uns darauf hingewiesen; wir werden die Möglichkeiten alsbald zu nutzen haben, und es ist wohl selbstverständlich, daß das Treffen von Ehequers dazu wahrgenommen wird. Bei diesem Stand der Dinge wäre es nicht nur verfrüht, sondern politisch geradezu falsch, wollte der Reichspräsident der Empfehlung eines Berliner Blattes, von dem man sagt, baß es in gewissen Fragen das Organ des Reichskanzlers fei, folgen und Dr. E u r t i u s nach dem bisherigen Ausgang der Genfer Verhandlungen von seinem Posten abberufen. Die Entscheidungsschlacht wird er st im September geschlagen werden. Bis dahin hat der Außenminister, der die Verantwortung für die Zollaktion übernommen hat, zugleich die Verantwortung für die Organisation unseres politischen Willens und für die Erkämpfung einer neuen, günstigeren Auslands st ellung.
Die Vertagung der Zolldebatte.
Die deutsche Politik in Genf.—Angriffe gegen Eurtius.— Deutschlands Rolle im Völkerbund.
Sturm gegen Eurtius.
Die DAZ fordert den Rücktritt des Außenministers.
Berlin, 20. Mai. (TU.) In einem sensationellen, nicht gezeichneten Artikel schreibt die „D. A. Z." am Mittwoch abend u. a.: „D e r G.e n f e r Spruch über d i e Zollunion mit Oesterreich wirft die ernsthafte Frage auf. wie sich Deutschland zur Mitwirkung im Völkerbund in Zukunft stellen muß und ob es noch denkbar ist, daß der deutsche Reichs» außenminister, dem Genf unter Führung des englischen Herrn Außenministers eine schwere Riederlage beigebracht hat, den Reichskanzler Anfang Juli nach Ehequers begleitet. Ein toller Ansturm auf Deutschland und Oesterreich hat in Genf stattgefunden. Ein Beschluß ist durch ilebcrrumpelung zustande» gekommen, der die Minderberechtigung Deutschlands aller Welt klar vor Augen führt. Die Tleberweisung des Wiener Vertrages an den Internationalen Gerichtshof im Haag haben wir nicht zu fürchten und konnten dagegen im Bewußtsein unseres guten Rechts auch keinerlei Einspruch erheben. Daß sich aber der Völkerbundsrat über diesen Urteilsspruch des höchsten internationalen Gerichtshofs die rein politische Entsche idung vorbehält, daß nicht etwa nur bis zur Fällung des Haager Urteils, sondern bis zur Stellungnahme des Rates die Verhandlungen eingestellt werden sollen, das ist eine rein macht- politisch bestimmte Zumutung, ein D e w e i s für die ni angelnde Gleichberechtigung Deutschlands, ein schwerer Angriff auf das deutsche Prestige.
Wir sind der Meinung, daß die Zeit gekommen ist, zu überlegen, ob wir in Genf ober außerhalb Genfs stärker sinb. Das deutsche Volk erträgt die Fußtritte nicht mehr, die ihm im Völkerbund verabreicht werden. Wir halten nichts von leeren Demonstrationen, aber es muß überlegt werden, ob die offizielle Ankündigung des Austritts aus dem Völkerbund nicht ein klügerer Akt der Realpolitik ift,_ als dir weitere Duldung einer Genfer Komödie, die während einer schweren Erschütterung unseres inneren Staatsgefüges die Gutmütigkeit der Deutschen auf allzu starke Proben stellt. Dazu kommt der Gesichtspunkt, baß das Ansehen des Kabinetts Brüning durch die Genfer Vorgänge schwer gefährdet ist. Mit welcher Autorität kann der deutsche Reichsaußenminister, der in Genf eben eine solche Behandlung über sich ergehen lassen mußte, als Begleiter des Reichskanzlers an der wichtigen und über mehr als kleine Lagesfragen entscheidenden Besprechung in Ehequers teilnehmen? Da der Reichstag nicht versammelt ist, und ein sicheres Mißtrauensvotum gegen den Reichsaußenkrinister als große politische Kundgebung vor der Welt daher nicht angenommen werden kann, fällt die Last der Entscheidung auf Reichsregierung und Reichspräsident. Es scheint uns nicht mehr möglich zu fein, die politische Entwicklung treiben zu lassen. Es müssen Entschlüsse gefaßt werden.“
Was sagt die presse?
Berlin, 21. Mai. (TU.) Zu dem Artikel der „D A Z", in dem eine Überprüfung des deutschen Verhältnisses zum Völkerbund und der Rücktritt des Reichsaußenministers Dr. Eurtius gefordert wird, nehmen nur wenige Berliner Blätter Stellung. Die „Germania" kommt zu dem Schluß, daß die Ausführungen der ..DAZ" keinen guten Dienst an der Rutschen Sache bedeuteten. Minister Eurttus habe in Genf mit anerkennenswertem Mut und mit aller Schärfe die großen deutschen Interessen vertreten. — Der „Vorwärts" schreibt: Eurttus werde im Mai anders aus Genf zurückkehren als er im Januar von dort gekommen sei. Die deutsche Außenpolitik sei auf bedenkliche Seitenwege geraten und habe in den letzten Wochen nicht gerade glücklich operiert. Der Grund dafür liege aber nach seiner Ueberzeugung in der Verstärkung des nationalistischen Einflusses. Herr Eurttus habe für seine Polittk in den letzten Wochen nicht den sozialdemokratischen Beifall. — Der „T a g" stellt fest, soviel sei sicher, daß Ehequers mindestens ein völliger Schlag insWasser werde, wenn nicht vorher unter die Illusionspolitik der letzten zehn Jahre als deren letzter Träger Eurttus gelten dürfe, e in dicker Strich gemacht und mit dem Irrtum aufgeräumt werde, daß Außenpolitik ein Zivilprozeß sei, der mit juristischen Kniffen und gangbaren Schlagworten gewonnen werden könnte. Selbstverständlich helfe nicht allein ein Wechsel von Personen und Methoden, sondern nur das Bewußtsein, baß in einer neuen Gesinnung neuen Zielen zuge strebt werden müsse. — Die „DeutscheTagesztg.“ schreibt u. a.; Mit allem Rachdruck müssen wir uns der Meinung der „DAZ" anschließen, daß mindestens ein Wechsel im deutschen Außenmini st erium die gegebene und sicher auch wirksame Antwort auf die Behandlung Deutschlands mrd Oesterreichs in der Zollfrage fein würde. Da der Rücktritt des gegenwärtigen Außenministers aus diesem Anlaß dem Aus
lande zeigen würde, baß die Geduld des deutschen Volkes gegenüber dem Versagen wirklicher Gleichberechtigung ihre Grenzen hat, würde ein solcher Akt auch in der schwülen und wirren innerpolittschen Atmosphäre günstig wirken. Schließlich würde Herr Dr. Eurttus, wenn er aus einer Situation, deren unerfreuliche Zuspitzung er persönlich nicht unmittelbar verschuldet hat, die Folgerung des freiwilligen Rücktritts ziehen, weil sie eben doch eine für das deutsche Gefühl kaum erträgliche Lage geschaffen hat, nicht nur dem Lande, sondern auch sich selber einen guten Dienst erweisen.
Eine amtliche Zurückweisung.
Berlin, 20. Mai. (TU.) Amtlich wird mitgeteilt: Die „DAZ." richtet einen Angriffgegen den Reichsaußenmini st er, dessen Autorität durch die Genfer Vorgänge gelitten habe. Sie begründet diesen Angriff mit der Behauptung, daß der Völkerbundsrat sich vorbehalten habe, auf die Frage der deutsch-österreichischen Zollunion selbst nach einer günstigen Entscheidung des Haager Gerichtshofes noch nach der politischen Seite hin einzugehen. Dazu ist festzustellen, daß von einem solchen
Beschluß des Völkerbundsrats nicht die Rede sein kann. Der Rat hat entsprechend dem britischen Antrag nichts anderes beschlossen, als die Rechts» frage dem Haag zu überweisen. Ein Vorbehalt, den deutsch-österreichischen Zollplan später gegebenen» falls auch noch unter politischen Gesichtspunkten zur Erörterung zu bringen, ist lediglich von einzelnen Gegnern des Plans gemacht worden, ohne daß der Rat dem zugestimmt hätte. Von deutscher Seite ist diesem Versuch der Gegner aufs bestimmteste entgegengetre- te n worden. Stein Staat kann sich in einer internationalen Erörterung dagegen schützen, daß von anderen Staaten unberechtigte Anträge gegen seine Pläne gestellt werden. Hierbei kommt es allein daraus an, solche Bestrebungen zunichte zu machen. Das har der Reichsaußenminister durch feine wiederholten, mit größter Schärfe abgegebenen Erklärungen er- reicht. Richt durch die Genfer Vorgänge wird die Autorität des Reichsaußenministers beeinträchtigt, sondern durch solche Aeußerungen, wie sie die,.DAZ." in einem Augenblick für gut befunden hat, wo der deutsche Vertreter mitten im Kampf für deutsche Interessen steht.
tinoenügenbe Vorbereitung der Zollaktion.
Rom und Budapest beklagen sich über schlechte Behandlung.
Berlin, 21. Mai. (TU.) Der Genfer Sonderberichterstatter des „Berliner Börfen-Sou« r i e r s“ (dem.) berichtet, daß ihm gegenüber von einer gut unterrichteten Persönlichkeit der italienischen Delegation darauf hingewiesen worden sei, daß Italien an der Art der Mitteilung der österreichisch-deutschen Zollunion- Pläne habe Anstand nehmen müssen. Erst gleichzeitig mit Paris, ja sogar mit Prag, habe man von diesem Projekt erfahren, daß Italien in einen 'Zusammenhang mit Anschlußmöglichkeiten gebracht werde. Man habe geglaubt, einer anderen B e - Handlung gewürdigt werden zu sollen, weil zwischen Deutschland und Italien überhaupt kein Interessengegensatz bestehe und kein großes internationales Problem strittig fei, als gerade das Anfchlußproblem. Auch aus ungarischen Kreisen und aus Kreisen der Neutralen hört man nach dem gleichen Berichterstatter Befremden darüber äußern, daß die deutsche Diplomatie nicht ausreichend bemüht gewesen fei, die in verschiedenen Ländern über die möglichen Auswirkungen des Zollplans bestehenden Besorgnisse zu 3 erfreuen. Das habe 3. B. in Ungarn, wo der Zollplan duerft von der öffentlichen Meinung mit großer Sympathie ausgenommen worden sei, zu einem Rückschlag geführt.
Oer Eindruck in Genf.
Der Angriff gegen Eurtius kommt aus dem Kabinett.
Genf, 21. Mai. (TU.) Der Genfer Sonderberichterstatter des „Tag" weiß über den Eindruck des ,.DAZ."-Artikels bei der deutschen Delegation in Genf u. a. zu berichten: Der Artikel der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" werde deshalb bei der deut
schen Delegation so außerordentlich ernst genommen, weil ihr Leiter zu den intim st en Besuchern des Reichskanzlerpalais gehöre. Es sei niemand im Hotel „Metropole" in Genf darüber im Zweifel, daß der Angriff auf Dr. Eurtius zwar nicht vorn Reichskanzler, aber mitten aus deck» Kabinett komme. Der Außenminister habe, als der Artikel ihm nach den Verhandlungen der Eu- ropakommisfion bekanntgeworden sei, sich sofort telefonisch mit dem Reichskanzler in Verbindung gesetzt. Er habe die Forderung durchgesetzt, daß der Artikel, der seinen Rücktritt verlangt, amtlich von der Reichsregierung beantwortet werde. Damit sei der Zwischenfall natürlich nicht abgetan. In Genf habe sich ergeben, daß die Verantwortung für die Politik bei dem gesamten Kabinett liege, weil es sich bei der Zollunion nicht nur um das Auswärtige Amt, sondern um eine ganze Reihe von Ministerien handelt. Es sei in' Genf in den Delegationen aller Staaten, in denen ohne Ausnahme der Artikel gegen Dr. Cur- tius das größte Aufsehen erregt habe, die Auffassung vertreten, daß die Reichsregierung mit diesem mitten aus dem Regierungslager kommenden Angriff auf den Außenminister s e l b st die Politik, für die fie verantwortlich ist, auf das Schärfste kritisiert habe. Wenn es in nächster Zeit zu parlamentarischen Verhandlungen in Deutschland kommen sollte, rechne man nicht nur mit dem Sturz des Außenministers, sondern mit dem Sturz des gesamten Kabinetts. Das Kabinett werde sich im übrigen darüber klar fein müssen, daß es mit der offenen Kritik, die es in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" an sich selbst geübt habe, die Position Deutschlands in Genf weiter verschlechtert habe.
Die AbriWngslonserenz wird in Gens lagen.
Oer Völkerbundsrai lehnt die deutschen Anträge zur Offenlegung des Rüstungsstandes ab.
Genf. 20. Mai. (WTD.) Der Völkerbunds- tat hat sich mit dem deutschen Antrag und dem englischen Vorschlag über die Osfenlegung des Rüstungsstandes als Vorbereitung zur Allgemeinen Abrüstungskonferenz beschäftigt und nach längerer Aussprache beschlossen, am Freitag auf Grund eines dahin auszuarbeitenden Vorschlags des Berichterstatters eine Entscheidung zwischen den beiden Vorschlägen zu treffen. Henderson führte zum englischen Vorschlag u. a. aus, während des langwierig arbeitenden Abrüstungsvorbereitungsausschusses habe man sich auf gewisse Tabellen geeinigt, deren Verwertung die britische Regierung nunmehr vorschlage, da mit neuen grundsätzlichen Erörterungen begonnen werden müsse. Die deutsche Regierung habe ganz neue Tabellen vorgeschlagen, die die Annahme gewisser Grundsätze bedeuten würde, die von Deutschland ständig vor- geschlagen, von der Mehrheit aber immer wieder abgelehnt worden seien. Die deutschen Vorschläge seien mit großer Sorgfalt und Gründlichkeit ausgearbeitet und könnten geradezu als Ideal betrachtet werden. Aber darin liege vielleicht ihr Fehler vom Standpunkt der praktischen Arbeit.
Dr. Eurtius betonte zur Begründung der deutschen Anträge, daß nach dem Beschluß des Völkerbundsrats vom Januar die aufzustellen- den Tabellen alle wesentlichen Elemente der Rüstungen umfassen sollten. Die Abrüstungskonferenz müsse, einerlei wie sie sich zu dem umstrittenen Konventivnsentwurf stelle, ein umfassendes Bild des gesamten Rüstungsstandes haben. Das werde durch das englische Schema leider nicht erreicht. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sie sich ein sachgemäßes Urteil über die notwendige Herab
setzung des Kriegsmaterials der einzelnen Staaten bilden kann, wenn sie über die vorhandenen Bestände, sei es die in Dienst befindlichen, sei es die lagernden, kein« Angaben besitzt, ebensowenig wie ich glaube, daß die Wehrkraft, die in den Mannschastsbeständen der einzelnen Armeen verkörpert ist, sachgemäß geschäht werden kann ohne Berücksichtigung der ausgebildeten Reserven.
B r i a n b erklärte, manche Punkte in den deutschen Vorschlägen ständen in Widerspruch zu den größten Zwischenfragen, die im Vorbereitenden Ausschuß gelost worden seien, so daß die franzo- fische Regierung zu ihrem Bedauern diese Bor- schläge nicht annehmen könne. Die deutsche Regierung habe ständig und mit Recht gegen die Langsamkeit der vorbereitenden Arbeiten für die Abrüstungskonferenz protestiert. Endlich fei man damit fertig geworden, und deshalb dürfe jetzt nichts unternommen werden, was neue Stfttnierig« Feiten und neue Verzögerung schaffen müßte. Man dürfe nicht, um besseres zu leisten, bas bereits Geleistete verschlechtern.
Der italienische Außenminister G r a n b i erkannte die Vorzüge der deutschen Vorschläge an und kritisierte die englischen Vorschläge als unvollständig und ungenügend. Aber im Augenblick sei über nichts besseres eine allgemeine Einigung zu erzielen; deshalb erkenne die italienische Regierung die englischen Vorschläge als Grundlage für einen vorbereitenden Meinungsaustausch über d i e Abrüstung an.
Der Dolkerbundsrat hat in einer nichtöffentlichen Sitzung beschlossen, daß die Abrüstungskonferenz in Genf ftattfinben wird.


