Nr. 68 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 2(. Mär; 1951
Zum Tage des Buches: 22. März 1931.
Ein gutes Buch macht immer Freude!
Schenken Sie daher zum Osterfest und zur Konfirmation gute Bücher Beachten Sie zum »TAG DES BUCHES« unsere festlichen Schaufenster
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1971 D
Aber den Umgang mit Büchern.
Don Dr. Gustav Manz.
Cs ist ein alter Spruch: „Sage mir, mit mein du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist." Man konnte ihn auch so abwandeln, diesen alten Spruch: .Zeige mir, w i e du mit jemandem umgehst, und ich will dir sagen wer du bift." Für mich ist dieser „jemand" feit vielen Jahren das Buch. Ich habe bisher nichts ergründet von den Geheimnissen der Schristdeulekunst ich studiere keine Lebenslinien, ich treibe keine Schädellehre und keine Augcndiagnostik, — aber wenn ich zum erstenmal eine Wohnung betrete wandert mein erster Blick zu den Büchern. Genau'wie der Weitgereiste im Hotel ober in irgendeiner Wirtschaft den Geist des Hauses an einigen untrüglichen Kennzeichen feststellt, — Haltung und Benehmen der Kellner, Sauberkeit von Tischtuch und Tischgerät Reinlichkeit in gewissen Nebenräumen — ebenso bilde ich mir mein Urteil nach den Büchern, die einer besitzt. Aber nicht allein danach, sondern in i c er sie besitzt: ob er sie hegt und pflegt, wie dies gute Freunde beanspruchen dürfen, oder ob sie wahllos zvsammengestopft sind, ob gut gebundene wertvolle Bucher sich die unmittelbare Nachbarschaft zerschlissener Bücher gefallen lassen müssen oder nicht.
Man muh freilich von Hause aus schon selbst ein Büchermensch sein, um Beobachtungen dieser Art zum Gradmesser eines Charakters und eines geistigen Zustandes zu erheben. Aber ich bin es nun einmal, d. h. nicht etwa ein „Bibliophile", der sich mit kostbaren Erstdrucken umgibt, auch kein Büchernarr, der wahllos zusammenhamstert, wohl ober ein Bücher s r e u n d, der von Jugend an glücklicher war, wenn man ihm Bücher schenkte, als wenn man ihn mit Süßigkeiten verwöhnte. Unter den Anekdoten aus Lessings Leben habe ich von früh an am meisten Berständnis gehabt für die Geschichte, die aus seinen Knabenjahr^n erzählt wird: er sollte gemalt werden mit einem Vogelbauer in der Hand, er aber verlangte uotzig danach, ihn zwischen einen Haufen Bücher zu stellen und also abzukonterfeien.
Die Bücherfreundschaft ist für den, der die Gabe dazu hat. eine der frühesten Neigungen: sie bleibt auch eine der dauerhaftesten. Aus junger Lesewut entwickelt sich allmählich die besonnene Lesefreude, jenes beglückende Bewußtsein, in guten Büchern die Gesährten gefunden zu haben und immer wieder zu finden, auf die man sich unbedingt verlassen kann. Ich will nicht leugnen, daß man auch hierin zu einem Eigenbrödler und Sonderling werden kann. Hat doch einmal Feuerbach gesagt: „Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir Geschmack finden." Aber es liegt etwas Wahres in dieser Behauptung! Wie verhältnismäßig gering ist die Anzahl wirklich wertvoller Menschen, die wir in unserer kurzen Lebensspai.ne zu Freunden gewinnen können! Wie unmöglich ist es, zu allen denen hinzufinden, und mit ihnen in Verkehr zu kommen, die uns selber etwas geben, und denen wir auch unsererseits vielleicht wertvoll sein konnten! Aber wie gewaltig, fid) zusammcnscharend aus Jahrhunderten und Jahrtausenden, ist die Zahl der abgeklärten Geister und der großen Zeitgenossen, der Dichter und der Weisen, die mir auf den Brettern unserer Bücherregale als dauernde Hausgäste bei uns empfangen können!
Freilich, und damit komme idj wieder zum Ausgangspunkt dieser Zeilen zurück, wir sind ihrer nur inert, wenn unsere Gastlichkeit sich nid)t damit bc gnüc' zu sagen: „Kommt zu mir!", sondern wenn wir wissen, daß dieser Dauerbesuch auf Lebenszeit UNS auch eine u N t e r h 0 l t u N g s p f l i ch t auferlegt. Je mehr wir uns durch Umgang mit Büchern im Geschmack verfeinert haben, um so bestimmter wird fid) uns das Gefühl herausbilden, daß dem Inhalt die äußere Form, dem geistigen Wesen des Buches and) sein Gewand zu entsprechen habe. Lieber länger warten und groschenweise zusammensparen, um ein gebundenes Buch zu kaufen ober ein geheftetes nach eigenem Geschmack einbinden zu lassen, als broschierte Exemvlare sich hinstellen, deren Ge- ivand einer raschen Abnutzung ausgesetzt ist!
Unsere Verleger bringen heutzutage so geschmackvolle Leinenbände zu erschwinglichem Preise heraus, daß der Kostenpunkt vergleichsweise auch für den weniger Bemittelten nicht zum Hindernis der Anschaffung werden kann. Und wenn ja, warum sollte man für so etwas Wertwolles nicht auf etwas anderes verzichten? Warum nicht für chic Lebens- bercidjerung, sicherer als alle Staatspapiere, a» ch ein Opfer der Geduld und des Geldbeutels bringen? Für den wirklichen Bücherfreund gibt es ja keine köstlichere Augenweide, als das bunte Farbenspiel der verschieden gearteten Bücher, die da stumm und doch so beredt nebeneinander stehen. Wie oft gleitet sein Blick über die Buchrücken hinweg, deren Schilder mit den Goldbuchstaben wie eine geistige Re- gimentsnummer die Zugehörigkeit zu den großen Heerscharen der weltbel>errsd)endcn Gedanken an- bcuten! Wie oft aber auch bleibt das Auge haften an dem oder jenem Werk, an der ober jener Gruppe zusammengehöriger Genossen; denn neben ben Ein- zelbüchern finben sich ja im Laufe ber Jahre bie gesammelten Werke unserer Dichter und Denker zueinander ...
Wer sich gar einmal die Mühe macht, etwa leine schöngeistigen Werke, wie es ein erfahrener Mann vorgeschlagen hat. nach ben Geburtsjahren ber Verfasser zu orbnen, ber entdeckt gar bald, baß hinter bem Zufall eine Notwenbigkeit verborgen ist. Denn es sind eben bie Söhne und Töchter desselben Ge- schlechts die fid) da zusammenfinden. Träger ähnlicher oder gleidjartiger Geistesströmungen ...Ich lasse meinen Blick wandern über bie Dichterabteilung meiner Bücherei, — wen finde ich da beisammen dank der Gleichheit ihres Geburtsjahres? Aus dem Jahre 1813 Otto Ludwig, Friedrich Hebbel und Richard W a a n e r . die drei Dramatiker in
Wort und Ton. mit ihren Schriften und Did)tungen; freunblid) gesellen sich zueinander Sprößlintze bes Jahres 1819: ©ottfrib Keller unb Theobor Fontane: Nachbarn sinb ber Verfasser bes „Jürg Je- natsch" aus bem Jahre 1825, berjenige bes „Ekke- Harb" aus bem Jahre barauf; 1830 bringt in Be Ziehung einen Erzähler unb eine Erzählerin, Paul H e y s e unb Marie von Ebner-Eschenbach unb gleich hinterher, ein Sohn bes Jahres 1831, schließt Wilhelm Raabe sich an!
Das sinb nur so ein paar Beispiele bafür, baß auch aus stummen Bücherreihen ein Stück Kultur unb Literaturgeschichte sprechen kann.
Ader zu allem kommt bann noch bas Persönliche! Warum ist ber eine Banb Wilhelm Raabe angegriffener als die anberen? Er enthält „Abu Telfan", eines meiner liebsten Lieblingswerke. bas ich fast jebes Jahr einmal lese! Warum ruht auf einem anberen Raabe-Band ein befonbers zärtlicher Blick? Er enthält bie Geschichte vom „Alten Eisen", aus bem mir, bem Genesenben nach ichwerer Krankheit, meine Frau Tag um Tag vorgelesen hat, um mir bie trüben
Gebanken zu verscheuchen. Warum blicke ich mit stiller Genugtuung auf ein paar anbcrc Bände? Heute stehen sie in gebiegenem Einbanb vor mir, aber einst sinb sie groschen- unb markweisc in Lieferungen zu mir ins Haus gekommen! Warum be- schleid)t mich Wehmut, wenn ich fünf Bänbe gesammelte Werke betrachte, die eigentlich sechs sein sollten? Irgendwer hat sich einmal diesen einen Band entliehen, in Umzügen unb Kriegsläuften geriet der Banb, mit ihm aber auch ber Entleiher vollkommen in Vergessenheit. Sollte da nicht auch ein geheimnisvoller Zusammenhang bestehen? Menschen, bic Bücher entleihen, gute unb wertvolle Bücher, unb sie bann nicht von selbst wieber zurückbringen wie ein kostbares Gut, bas man ihnen nur auf kurze Zeit anvertraut hat, sollten bas nicht Menschen sein, beren Charakter nicht kristallklar ist, fonbern irgenbroo eine Trübung aufweift?
Doch ich will nicht ins Philosophieren geraten!
Aber ich komme zurück auf mein Ausgangswort: Sage mir, wie bu mit Büchern umgehst, unb ich will bir sagen, wer bu bist!
Neues für den Bücheriisch.
Heimailiteratur.
— Hessisches Tagebuch, welches handelt von Landschalt, Mensch unb festlichem Tag zu Hessen. Von Will Scheller. 144 Seiten 8" mit 23 Abbildungen. Melsungen 1930. Heimat» schollen-Derlag 21. CBcrncdcr. Preis geb. 3,75 Mk. (671.) — Wil! Scheller, der Lyriker und Erzähler, der Kritiker und Esiayist, erweist in diesem neuen Buch eine Haturbefiimmung seines Schicksals — die Verwurzelung im Heimatboden. Ob er von seinen Fahrten zwischen Werra und Fulda erzählt, seinen Träumereien am Diemelsee ober im Niestetal, von seinem Untertauchen in den hessischen Volksfesten, von seinen Begegnungen mit heimischen Dichtern unb Malern, mit Carl Dan» her, Qllfrcb Bock, Hans Grimm, Johann Lewalter, Dernharb Schorbach, ober von seinen Spaziergängen burd) bie Gassen ber Dörfer unb Städte — es ist immer ein so farbiges wie unterhaltsames, ein so lebensfrohes wie überzeugendes Bekenntnis zum Leben unb zur Olatur, wie sie ihm in Stabt unb Lanbschaft, in Mensch unb Tier entgegenkommt.
— Hessische Burgen unb Schlösser. Kalender 1931. 2. Jahrgang. Preis: 2 Mk. Verlag: 21. ünlanb, Kassel. (37.) — Ein hübscher Wanb'2lbreißkalenber, ber auf 15 Blättern in Kupfertiefdruck die malerischen 2lnsichten von mehr oder minder bekannten hessischen Burgen, Ruinen und Schlössern reproduziert und mit einem knappen Tertkommentar begleitet. Die vorliegende 2lusgabc für 1931 bringt bie Bilber von Lubwig- ftein, Spangenberg, Löwenburg, Schloß Arnstein, Schloß Wolfsbrunnen, Schloß Berlepsch, Schloß Friedrichstein, Ruine Altenburg, Kaiserpfalz Gelnhausen, Burg Hessenstein, Ruine Brandenburg, Ruine Krukenburg, Schloß Wilhelmshöhe, Schloß Buchenau und Ruine Plcsse. Der wohlfeile Kalender dürfte allen Heimatfreunden willkommen sein. —
Deutsche Erzähler.
— Wer dieHeimat Hebt wie bu. Roman von Artur B r a u s c w e 11 e r. (Verlag Otto Janke, Leipzig.) — (606) — Der bekannte Danziger Archi- biakonus an St. Marien unb beliebte Schriftsteller gibt mit biesem Roman seiner Lesergemeinbe ein Buch, bas von tiefster Liede zum beutschen Osten erfüllt unb von außerordentlich packenber Kraft ist. Die Erzählung spielt in Ostpreußen währenb des Krieges, bas ganze Werk ist aber bod) kein eigentlicher Kriegsröman, fonbern eine Heimatschilderung von Laub unb Leuten bester Art. Die Personen sinb prächtig gezeichnet, bas ostpreußische Milieu ist ausgezeichnet getroffen, bie Erzählung ungemein span- nenb, bie Sprache wie immer fein geschliffen, bas ganze Werk ein beroorragenbes Stück deutscher Erzählerkunst. Der Leser wirb von diesem Buche, bas der wärmsten Empfehlung würdig ist, in hohem Maße befriedigt.
— OIc Stcsani: 8 Sage Skandal. Roman. 193 Seiten 8°. Geheftet 3,50 Mk.. in Leinen 4,50 Mk. Verlag Knorr & Hirth in München. (84.) — Ole Stefan! ist ein Pseudonym für den in Berlin. Wien und München bekannten und beliebten Schauspieler Hans Schweikart. Sein neuer Roman ist so flott und überaus spannend erzählt, daß man ihn zu den gelungensten Kriminalromanen zählen darf. Das Besondere an diesem interessanten Fall ist, daß alle Einzelheiten für die spätere Lösung auf den ersten Seiten klar gegeben sind, und daß der Leser trohdem mit den Kriminalbeamten alle möglichen und unmöglichen Kombinationen anstellt, um am Schluß von der Einfachheit der Lösung überrascht zu sein. — Im Gießener Anzeiger erschien vor einigen Jahren ein ähnlich fesselnder Roman des gleichen Autors unter dem Titel „Der dritte Schuh".
Politik und Geschichte.
— Johannes Paul: Reformation und Gegenreformation. Verlag Ferd. Hirt in Breslau. Gebunden 2,85 Mk. (56.) — Im Rahmen der bewährten Iedermannsbücherei ist diese knappe Darstellung einer der interessantesten. aber auch verwickeltsten Epochen der Weltgeschichte sehr toiflfommen, wenn sie sich auch, der Rot gehorchend, ausschließlich auf das
Aufzeigen der politischen Beziehungen beschränkt. Dabei wird belonderer Wert auf die Rolle der nordischen Reicye, namentlich während des Dreißigjährigen Krieges, gelegt, vermutlich, weil dem Verfasser die nordische Geschichte besonders am Herzen liegt. Wenn auch ein vollständiges Bild der Zeit zwischen Luther und Gustav Adolf nicht gegeben werden konnte, so werden doch durch die Kürze unb Knappheit der Darstellung die politischen Beziehungen dieser Zeit außerordentlich deutlich. Dem Büchlein sind eine ausgezeichnete Literaturübersicht, eine Zeittafel und ein gut ausgewählter Bilderanhang beigegeben.
— Die europäische Kultur ber Neuzeit. Umrifjlinien einer Sozial- und Geistes- gcjd)id)te. Van Pros. Dr. A. Kleinberg. Mit 16 Taf. Geb. 7,20 Mark. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. (25.) — Im vorliegenden Werke werben, degin- nenb mit ber Renaissance, bie wechselnben Lebens- anschauungen unb bie verschicbcnen Strömungen bes geistigen Lebens, eingelagert in bie politischen, wirtschaftlichen unb sozialen Kulturvorgänge, bar- gestellt. So ist eine aufs Wesentliche beschränkte Geistesgeschichte, bie in organischem Zusammenhang erlebte unb zum Erleben hinführende Epochcnbildcr bringt, entstauben, bei denen je nach Wichtigkeit der verschiedenen Nationen, Klassen unb Schichten bald dieser, halb jener Faktor im Vorbergrunb ber Betrachtung steht, das Einzelne trotzdem aber hinter dem Ganzen zurücktritt. Besonders wertvoll führen 16, die verschiedenen Zeiten kennzeichnende Bildnis- tafeln in die geistige Problematik jener Epochen ein.
Reise und Abenteuer.
— F. I. Lenh: Aus dem Hoch lande der Maya. Bilder und Menschen an meinen Wegen durch Guatemala. Preis: Leinen 24 Mk. Verlag Strecker K Schröder. Stuttgart (16) — Der Der- fasser, Schüler des bekannten Würzburger Geographen Sapper war sechs Jahre als Lehrer an der deutschen Schule in Guatemala. Er hat dieses sowohl seiner Bevölkerung, wie seiner geographischen Lage nach außerordentlich interessante Land nach allen Richtungen hin durchstreifen können und berichtet nun über das Ergebnis seiner Forschungen in einem umfangreichen und mustergültig ausgestatteten Bande. Das Buch fällt in erfreulichem Maße aus der Reihe der heute leider üblichen Reiseliteratur, wie sie oft schon nach einem wohlvorbcreile'en und sich ganz in ausgetretenen Pfaden haltenden Trip irgendwelcher Agenturen entsteht. Das Werk verbindet indessen wissenschaftliche Gründlichkeit mit klarer, auch den Laien in hohem Maße fesselnder Darstellung. Dazu trägt auch die reiche Bebilderung des stattlichen Bandes bei, sowohl durch ausgezeichnet scharfe photographische Aufnahmen, wie durch sehr schöne Aquarelle des Verfassers, die erst den ganzen Farbenreichtum der tropischen Landschaft verdeutlichen. Das Kaffce'anb Guatemala hat sich vielleicht von allen mittel- und süd- amerikanischen Staaten die reinste und zahlreichste indianische Eingeborenenbevölkerung erhalten können, die ihre 2lbftimmung direkt von den alten Mayas herleitet. Es birgt auch eine trovische Hoch- gebirgslandschaft von außerordentlichem Reiz in wissenschaftlicher wie ästethischer Hinsicht. Dor allem aber hat hier eine starke deutsche Kolonie wirtschaftliche Werte von außerordentlichen Ausmaßen geschaffen. So ist dieses Buch ein stolzes Denkmal deutschen Kulturwillens, fleißiger und zäher deutscher Pionierarbeit in den Tropen, aber auch ein Zeugnis für die fortschreitende Fähigkeit der deutschen geographischen Wissenschaft, das Ergebnis ihrer Forschungen auch ber breiten Oeffent- lichkeit in ansprechender und klar verständlicher Form zu vermitteln.
— H H Houben. Der Ruf des Ror- de n s. (73) — Diese hier schon lobend besprochene, außerordentlich fesselnde Geschichte aller Rord- polfahrten von den allen Griechen bis auf unfere Tage erscheint soeben in einer billigen Reihe guter Bücher zum Preis von 2,85 Mk. im QDerlag von Koehler & Amelang, Leipzig. Als eines der spannendsten Bücher der Weltliteratur hat dieses Buch bereits in über 200 000 Exemplaren im deutschen Volke Verbreitung gefunden. Der neuen Auflage sind die neuesten Berichte über Andrees Ballonfahrt und den Untergang der Franklinexpedition beigefügt.
Krau unb Buch.
Von Maria Seelhorst.
Zu den Zeiten unserer Mütter geschah es noch hin und wieder, daß Schriftstellerinnen ihre Veröffentlichungen, auch wenn es sich um Belletristik handelte, mit einem männlichen Pseudonym unterzeichneten. Sie taten das. weil die Gebundenheit der Frau der- 19. Jahrhunderts ihr Aus treten in der Oefsentlichkeit — sei es persönlich ober durch Nennung ihres Ramcns erschwerte und womöglich noch als eine Schädigung ihres guten Rufes erscheinen lief). Heute klingt es saft wie ein Märchen, wenn man erfährt, daß gut bürgerliche Kreise, angesehene Familien Künstlerinnen, und zwar bie bildende Künstlerin ebenso wie etwa die Schauspielerin ober Sängerin, in ihren Häusern nicht empsingen, mit anderen Worten, sie als gesellschaftsfähig nicht anerkannten, während doch zu der gleichen Zeit der männliche Künstler jeden Faches als eine Zierde des Salons galt und in ledern Hause mit Leichtigkeit Ausnahme finben konnte. Am gnädigsten verfuhr die Ge- settschaft des 19. Jahrhunderts immer noch mit der Schriftstellerin, freilich nur mit derjenigen, die sich in ihren Veröffentlichungen als zahm erwies Geschäht war bie Iugendschriftstellerin, gefürchtet unb gehaßt diejenige, bic etwa in ihren Werken bic Gesellschaft ober gesellschaftlich anerkannte Zustände einer Kritik unterzog.
Zwei Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts haben als Kämpferinnen der Aufklärung unschätzbare Dienste für die Menschheit geleistet. Sie haben mit ihren Werken ungeheure Erfolge gehabt unb die Stimmung ber Welt nachhaltig beeinflußt. Eine biefer Schriftstellerinnen war um bic Mitte des 19. Iahrhunberts die Engländerin Harriet Elizabeth Beecher-Stowe, die später nach Rordamerika ausgewapbert, dort den Roman „Onkel Toms Hütte" schrieb, jenes Buch, das zuerst bic Blicke auf bic furchtbare Mensch- heitsschande des Sklavenhandels, und zwar vor allem des amerikanischen Rcgerftlavenhandels, lenkte. Dieses Werk, in 35 verschiedenen Ausgaben noch zu Lebzeiten ber Verfasserin erschienen, ganz zu schweigen von der Anzahl seiner Auslagen unb seiner ileberfetjungen in viele Sprachen, die noch während des verflossenen Jahrhunderts herauskamen, ist heute noch unvergessen. Onkel Toms Hütte gehörte zu ben ersten Weltromanverfilmungen, die überhaupt erfolgten, und bic Wirkung dieses Films auf das Publikum des 20. Jahrhunderts war immer wieder außerordentlich stark, obwohl doch der Vorwurf des Romans längst überholt und zudem in Europa niemals aktuell gewesen ist.
Richt weniger stark und nachhaltig war die Wirkung eines Werkes der deutsch-österreichischen Schriftstellerin Berta von Suttner. Ihr Roman „Die Waffen nieder!" erschien allerdings 30 Jahre später als „Onkel Toms Hütte" im Jahre 1889. Es war die erste populäre Verkündung der pazifistischen Idee und brachte ber Verfasserin des Romans jahrelange unb bis zum Ende ihres Lebens währende Kämpfe.
In unserem Jahrhundert ber Mitarbeit der Frau in Berus unb Leben steht ganz selbstverständlich die Leserschaft ziemlich gleichgültig zu der Frage, ob der Verfasser eines Buches männlichen oder weiblichen Geschlechts sei - - bie iln- terschiede in ber Betrachtung von Welt unb Geben haben sich bei den Künstlern beiderlei Geschlechts naturgemäß viel stärker ausgeglichen, als das sonst in der Lcbensbetrachtung von Männern und Frauen der Fall sein mag. Das ist deshalb natürlich, weil bie künstlerische Fähigkeit eine schöpferische Begabung ist, unb die eigentlich weibliche, nämlich die rezeptive Stellung zum Leben, in der Künstlerin überwuchert wird von ihres schöpferischen Krast. Wir haben heute weibliche Begabungen unter den bildenden Künstlerinnen (Rcnöe S i n t e n i s , Milly S t e g c r u. a ), deren Werke für den unbefangenen Betrachter keinerlei charakteristische Merkmale tragen, die speziell weiblicher Art wären.
Die überragendste schöpferische Begabung unserer Zeit finben wir in Ricarda Huch — dieser wahrhaft großen Dichterin unserer Zeit. In 6er Fülle ihrer Phantasie übertrifft Ricarda Huch ?,ahlreich die allermeisten Dichter unb Schriftteller der letzten Jahrzehnte. Sie steht in ber Gegenwart, wenn es sich um Gestaltungskraft handelt, ebenbürtig neben Gerhart Hauptmann. Wie seine Werke, so sind auch die ihren überschüttet von schöpserischen Ideen, gleich ihm hält fie ihrs Betrachtung unb Gestaltung in zeitloser künstlerischer Freiheit, Ewigkeitslust umweht ihre Helden. Sie wird bedrängt von immer neuen Einfällen, so daß im Lauf jedes Werkes bic Darstellung bauernb unter schöpferischer Steigerung sich vollzieht, so, als beflügle bic eigene Leistung ben Schaffenstrieb unb bic Schaffenslust bes arbeiten- ten Dichters zu immer höherem Flug.
Das Buch ist einer der Lebensbegleitcr jedes Menschen. Es ist der einzige Schah vielleicht, ben der Handwerksbursche auf feine Wanderung, der Konfirmand auf seinem liebergang in schweres Erwerbsleben mit hinaus nimmt. Der Mensch hat sich so stark an ben Besitz des Buches unb an das Geben mit Büchern gewöhnt, bah er es nicht entbehren will unb es einschmuggelt in bie Hetzjagd seiner Arbeitstage. Es ist ihm der Tröster in der Arbeitspause, nach bem er greift, verlangend nach Entspannung, nach Erlösung vom Ich unb feinen Miseren. Wenn ec nut zu wählen weiß unb sich selbst zu raten versteht, bann hat der Mensch an dem Buch wirklich ben verständnisvollen Kameraden, zu bem auch derjenige sich zurückziehen kann, der im Strudel der Welt unb seiner Lebenstage, Stille unb Zurückgezogenheit räumlich kaum zu finben vermag.


