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Nr. 68 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Dberhefien)

Samstag, 2b März 195(

Was wird?

Don Or. Paul Rohrbach

3n kritischen Lagen sieht der Mensch auf Zeichen". "Rennen wir als erstes ein Zeichen, daS weit weg von uns aufgetaucht ist. In Japan hat sich eine noch Private, aber schon von der Regierung anerkannte Vereinigung gcoildet, um für die Einführung der so- genanntenGeburtenkontrolle" zu sorgen. Man weih, was das bedeutet. Die Vor­sitzende, eine Baronin Ishimoto, hat sogar schon Anschluß an die internationale Mittelstelle für Geburtenkontrolle in Zürich gesucht. Iapan ist nicht nur in der Vorstellung, sondern es war bisher auch in Wirklichkeit das glückliche Kin­derland unter allen Ländern der Welt. CS gibt viele und viele glückliche Kinder in Iapan aber die Rot der Zeit drückt auch die Japaner. Die Daronin IShimoto gründet einen Verein für Prävention der Geburten, und der japanische Finanzminister Inouye regt eine internationale Konferenzzur Veseitigung der Weltkrise"" an. Er sagtWeltkrise", und er meint das rote Moskau. Die Weltkrise wollen vie^.e Leute beseitigen: natürlich zu allererst die Krise im eignen Land, unb es ist sehr zu beachten, wie sich dabei in den verschiedenen Ländern die Blicke immer mehr auf Moskau konzentrieren. Die füh­rende nationale Intelligenz in Japan macht auf der einen Seite das Zugeständnis, dah sie die Dolksvcrmehrung eindämmen will; auf der anderen Seite aber ist sie der Meinung, das; für die weltwirtschaftliche Gesundung Rußland je länger, desto gefährlicher wird. Man rechnet auch sonst im Auslände damit, dah der svwjeti- stischeFünfjahrsplan", dessen Dcrwirk- lichungsfrist ja bald abgelaufen ist, eine Zeitlang wenigstens die allgemein« wirtschaftliche Depres­sion noch vermehren wird. Er ist ja dazu erdacht, Rußland in den Stand zu setzen, dah es durch eine kommunistische Riesenprvduktion di« kapi­talistische Welt ruiniert.

Die Amerikaner haben jahrelang Massen von Traktoren geliefert, mit denen die ganz« Ackerfläche "Rußlands in eine riesenhafte G e t r e i d e f a b r i k", mit Zwangsarbeit von 150 Millionen Menschen verwandelt werden soll. Jetzt rückt man aber drüben von Ruhland ab, weil man auch tief in die Wirtschaftskrise hin eiri­geraten ist und nun Angst vor dem Kommunis­mus bekommt. Statt dessen heiht es: Sollten wir nicht lieber den Europäern ihre Schulden erlassen, damit es wieder mehr Menschen gibt, die uns unsere Fabrikate abkaufen?

In England drängt sich unter dem Einfluh der Exportkatastrvphe und der wachsenden Ar­beitslosigkeit immer stärker die Forderung ans Licht: Weg mit dem Parteisystem, her mit einer Regierung der nationalen Solidarität! Die soll das ganz« Weltreich in ein großes System der Zollverklammcrung fassen auch um den Preis der Lebensmittelzölle damit Dominien und Mutterland sich wirtschaftlich ganz aufeinander einspielen und die übrige verkaufende Welt draußen lassen!

In Genf tagte wieder ein« neue Zollkon­ferenz, und es ging darum, ob das Abkom­men vom 24. März 1930 Stabilisierung der gegenwärtigen europäischen Zolltarif« und all­gemeines befristetes Verbot, laufende Handels­verträge zu kündigen zusammenbrecherr oder endgültig in Kraft treten solle. Die Konferenz ist gescheitert. Aber daS alles sind Mittel von gar zu kleinem Kaliber. Zucken tur es überall in der Welt, aber es fehlt der Durchbruch. Auch nach unserer Meinung gehört die Existenz einer Gesellschaft von Fanatikern, die einen so groben lebenden Körper, wie das heutige Rußland,

dazu gebrauchen wollen, die jetzige britische und wirtschaftliche Weltstruktur zu zerstören, zu den unzweifelhaften Gefahren. Jeder normale Ver- tand muh sich sagen, dah so etwas nicht gut enden kann. Unmittelbar neben diese internatio­nale Gefahrenwirkung, ja noch vor sie, stellen wir aber die Balkanisierung Europas durch die Friedensdiktate, und ganz besonders die Auswirkungen des Versailler Dik­tats auf Deutschland. Wir hallen dafür, dah es für Deutschland an der Zeit ist, jetzt von sich aus eine Antwort auf die Frage zu ge'cn: Was wird? Unb was wird namentlich mit nvr mit Deutschland?

W r haben fünf Millionen Arbeitslose, und wir haben ein Defizit von einer Milliarde, trotz aller Einsparungen. Dah dies tragbar ist, soll man sich doch nicht einbilden, unb man soL sich auch nicht damit über die Lage hinwcgzutäu- schen versuchen, dah die Dinge irgendwie sich von selbst zum Besseren wenden werden. Dor allem soll man nicht davon phantasieren, dah wir imstande wären, die Tribute zu leisten. Hjalmar Schacht hat wortwörtlich recht, wenn er in seinem Duche über das Ende der Reparationen sagt wir hätten überhaupt noch keinen Pfennig aus Eignem an die Tribut- empfängcr bezahlt, sondern ausschließlich (abge­sehen von der Ausplünderung unserer Substanz) mit geborgtem Gelde die Forderungen beglichen.

Das zu tun sind wir nicht verpflichtet. Die Vor Bedingungen des Vvungplans sind in Ziffer 168 und noch an andern Stellen, teils wörtlich, teils inhaltlich dahin definiert, dah das sogenannte Reparationsproblem nicht etwa einseitig von Deutschland zu lösen sei. sondern es verlange dieZusammenarbeit aller

"Beteiligten"'; ferner häng« Deutschlands Zah­lungsfähigkeit von seinen Zukunftsmöglichkeiten ab, und sein Transfer von der Ausdehnung seines Exports: endlich mühten alle "Beteiligten gemeinsam die Möglichkeiten suchen,die Deutsch­land in den Stand setzten, die vorgesehenen Ver­pflichtungen zu erfüllen".

Ist jemals seit der Ingangsetzung des Voung- Plans davon die Rede gewesen, dah die Gläu­biger nach diesen Voraussetzungen gehandelt hätten? Rie und nirgends! Ebensowenig davon, dah sie sich an die Zusage bei der Auf­stellung des Dawesplans erinnert hätten, die Lebenshaltung des deutschen Volkes dürfe nicht in unwürdiger Weise herabgedröckt werden. Diele bei uns fürchten, wenn wir mit Berufung darauf weitere Zahlungen nach dem Poungplan vorerst verweigerten, so würden uns die kurzfristi­gen Auslandkredite gekündigt werden. Wir wissen sehr gut, dah diese Kredite 11 Mil­liarden betragen, aber was wird denn geschehen, wenn man sie uns kündigt? Wir werden ant­worten: Selbstverständlich erkennen wir unsere Verpflichtungen an, aber sorgt doch erst dafür, dah von eurer Seite die Voraussetzungen des Voungplans erfüllt werden! Davon allein, wird es abhängen, wann es uns rnö^ich sein wird, zu zahlen. In eurer Hand liegt es, uns rasch zahlungsfähig zu machen!

So zu sprechen, erfordert Mut, es erfordert sogar staatsmännische Kühnheit, aber diese allein ist imstande, eine erlösende Antwort auf die Frage zu geben: Was wird? Richts ist im Augenblick so wichtig wichtig auch für die Be­hebung der Weltkrise wie bah bi« Welt merkt: Deutschland hat endlich seine Lag« be- l griffen!

Oberhessischer Kunstverein.

Oie Jahreshauptversammlung.

Der Oberhessifche Kun st verein hielt am vorigen Montag im Stadthause seine ordent­lich« Mitglieder-Versarnrnlung ab.

Zu Punkt 1 der Tagesordnung erstattete der Vorsitzende den

Geschäftsbericht über das abgelaufene Jahr 1930, in welchem wieder ficaen Ausstellungen statt­fanden. Cs stellten aus an Werken der Malerei unb Graphik:

Im Januar/Februar: Walter Deter- mann-3ena, Clara Herzog-Degerloch. Fritz Ben­der-Herborn. E. Ackermann-München. Aus­gehängt wurde noch ein Wandteppich von Dr. Abolf v. n den Velden: Ahnenta el Iustus von Liebigs (Eigentum des Liebigmuseums).

3m Februar/März: Karl Mons-Rölls- Hausen (Kreis Ziegenhain), meist Schwälmer Mo­tiv«, Ella Dieaer-Iumkerstvrff-Wiesbaden, di« Witw« des verstorbenen Darmstädter Graphikers Karl Thylmann Werte verschiedenartiger Tech­nik aus seinem Rachlah.

3m März/ April: Künstlerkreis 1930 Mün­chen.

3m Blai: Graphische Vildausstellung der Ge­sellschaft für Volksbildung in Berlin, eröffnet durch einen einführenden Vortrag des Herrn Professors Dr. Rauch, welcher im Kunstwissen­schaftlichen Institut noch einen zweiten Vortrag mit Lichtbildern über dieGeheimnisse der Schwarz-Weih-Kunst" folgen lieh.

Im Iuni/Iuli: 8 Mannheimer Aquarel­listen. H. Will-Giehen, H. Habcrl-München, H. Küchel-Gießen. ______

3m Oktober/Rovember: Rudolf Sieck- Pr en am Chiemsee, Gottfried Richter-Offenbach, Iulius Held-München.

3m Dezember: Weihnachts-Ausstellung Künstlerhilfe 1930". wiederum veranlaßt durch das Hessische Kultusministerium. Don einer Aus­spielung wurde dieses Mal mit Rücksicht auf die allgemeine finanzielle Lage Abstand genommen. Der Umsatz war infolgedessen geringer wie früher.

Der kauft tour? en 45 Kunstwerke im Gesamtwert von 2756 Mk. (im Vorjahre: 3273 Mk. + 1067 Mark durch Ausspielung, zusammen 4340 Mk ). Von den ausstellenden 20 oberhessischen Künstlern konnten 17 mit Ankäufen bedacht werden, so dah das Ergebnis doch noch als ein befriedigendes bezeichnet werden kann. Der Oberhessifche Kunst- verein hatte selbst Ankäufe für feine Iahrcs- Derfammlung im Be'.ragc von 332 Mk. getätigt: auch wurden noch Anrechtscheine im Werte von zusammen 250 Mk. zu Ankäufen in der Aus­stellung verwendet. Die Unkosten wurden gedeckt, bei den übrigen Ausstellungen war dies nicht der Fall. Der Gesamtfehlbetrag bei diesen belief sich auf etwa 700 Mk. Ankäufe seitens des Publikums erfolgten, abgesehen von der Künstler- Hilfe. im Betrag von insgesamt 969 Mk. Der Oberhessifche Kunstverein erwarb in den sechs ersten Ausstellungen auch noch Werke für seine Iahresverlosung im Werte von 664 Mk.

Die Iahresverlosung fand am 8.Dezem­ber statt. Verlost wurden wieder neun Anrecht­scheine im Werte von 500 Mk. und 17 Kunst­werke im Werte von etwa 1000 Mk. (5 Oel-

gemälde. 4 Aquarelle, 5 Zeichnungen. 4 Radie­rungen. 4 Holzschnitte. 2 Lithographien, 1 Kera­mik, die DI der sämtlich gerahmt.) Gesamt­wert 1500 Mk. , , , .

Der GauverbandSüdwestdeutschland der Deutschen fiunft vereine tagte unter Leitung seines Dors.henlen. Architekten Lehmann, Mannheim, am 12. April 1930 in Darmstadt. Der Verband selbst hielt ferne Hauplver'ammlnng unter dem Vorsitz IcineS Prä- silenten, Oberbürgermeister Dr. Luppe, Rürn- berg, am 5. unb 6. Oktober in Speyer ab. Beiden Veranstaltungen wohnte der Vorsitzende bei.. Sie befaßten sich eingehend mit der derzeitigen über­aus schwierigen Lage der Kunst, der Künstler und der K mstvereine unb den zu deren tun­lichster Behebung zu empsehienlen Maßnahmen. Die Speyrer Tagung stand ganz unter dem Ein­druck der von bem Herrn Regierungspräsidenten der Pfalz in feiner Eröffnungsansprache auSgege- denen Parole:Die deutsche Kunst darf nicht sterben". Cs heißt jetzt, sie zu be­herzigen unb allseitig zu betätigen.

Der Appell hierzu ist um <o erforderlicher, als die Mitglieder za hl des Ober- heffischen Kunstvereins wiederum weiter zurück- gegangen ist: sie betrug Ende 1930 nur noch 367 gegen 403 am Ende 1929 und 449 am Ende 1927, obwohl der Jahresbeitrag nur 5 Mark, also die Hälfte des satzungsgemäßen beträgt und der Verein hierfür feinen Mitgliedern doch recht viel bietet. Zu den oben aufgeführten Beran- ftaltungen in 1930 kam noch ein im Dezember stattqehabter Lichtbikdervortrag deS Herrn Uni- versitäts-Profcssors Dr. Hamann (Marburg) überDie Kunst des Mittelalters unb der An­tike", bei welchem die Mitglieder und ihre An­gehörigen, wie zu allen Ausstellungen, freien Eintritt hatten. Gemäß getroffener Vereinbarung haben sich auch die bayrischen unb die meisten Kunstvereine bes Gaues Südwestdeutschlanb freien Besuch ihrer Ausstellungen für ihre Mit- glichet unb deren Angehörige bei Dorzeigen bet Mitgliedskarten gegenseitig zugesichert.

Zu Punkt 2 der Tagesordnung erstattete bet Schatzmeister, Bankdirektor Grießbauer, Bericht über die von ihm geführte

Iahresrechnung 1930, welche von den Revisoren Professor Dr. Delke unb Geheimrat Dr. Ölt geprüft unb richtig besunben tourbe. Dem Schatzmeister wurde unter Danksagung für seine Mühewaltung Entlastung erteilt. , r

Zu Punkt 3 der Tagesordnung: Reuwahk des Ausschusses erfolgte die Wiederwahl der bisherigen Ausschuhmitglieder.

In der der Mitgliederversammlung folgenden Sitzung des Ausschusses

sand die Wahl des Dorstandes statt. Cs wurde gewählt: zum Dorsitzen den: ©tabtbaurat Gravert, an Stelle deS bisherigen Dorsitzen- den, welcher mit Rücksicht auf fein vorgerücktes Lebensalter von einer Wiederwahl Abstand zu nehmen bat. .

Die großen Verdienste des bisherigen Vor­sitzenden, Herrn Landgerichtsdirektor B ü d i n g, um die umsichtige Leitung des Kunstvereins in besonders schwieriger Zeit wurden vor kurzen, bereits aus Anlaß seines 75. Geburtstages in einem Aufsätze imGießener Anzeiger" her­vorgehoben. Herr Provinzialbirektor Graef als stellvertretender Vorsitzender bedauerte außer- ordentlich ben Rücktritt des von allen hoch ge­schätzten Borfit)enben, wenngleich er die Beweg­gründe zum Rücktritt billigen muhte. Er konnte Herrn B ü ck i n g die freudige Mitteilung machen, daß der durch den Ausschuß vertretene Verein einstimmig beschlossen habe, feinen Dank für di« verständnisvolle, hingebende unb ersprießliche

Unb diesmal trat sie wirklich über die Schwelle Wie soll ich ihm das beibringen!'

And von

Nachdruck verboten.

6. Fortsetzung.

be*

Eh- des (lei­be«

schon wieder in Ordnung bringen."

Unb schnell machte sie sich fertig, ihre deutungsvolle Mission auszusühren.

Eine Stunde bald sah Ursula schon im unb Wohnzimmer im alten Lederfauteuil Vaters am Fenster unb harrte mit ständig gember Unruhe unb Angst der Rückkehr Tante.

Auch bas noch nein, nein, das geht nicht."

Aufgeregt sprang Tante Mari« auf. Wenn ber so schon verbitterte Mann auch das noch erführe, das wäre ja.schrecklich nicht mehr zu ertragen für sie alle hier!

Aber wir können es doch Vater nicht verheim­lichen!" wandte Ursula ein, ganz hoffnungslos. Hier gab es eben keinen Ausweg mehr.

Inzwischen war die Tante aber zu einem Ent­schluß gekommen. Ihre Verstandeskühle, die sie nie im Leben ganz den Kopf verlieren lieh, hatte bereits wieder die Oberhand bei ihr gewonnen: Mein Gott, war es denn wirklich in aller Welt nötig, daß die Geschichte aus sein sollte? Gewiß, sie hatte ja immer ihre Bedenken, gegen diese Verlobung gehabt, aber, wo die Sache nun einmal schon so weit war unb wer wußte, ob dieser ernste Zwischenfall nicht eine sehr heilsame Lehre für diese beiden Hitzköpfe abgab, daß sie sich für die Zukunft besser miteinander einrichten wür­den! Und schließlich: ein Skandal einer Entlo­bung mit diesem Hintergründe! Er konnte Ursulas Aussichten fürs ganze Leben ruinieren. Rein, nein hier hieß es entschieden: vernünftig sein, die Sache wieder einrenken. Und das sofort.

Ursel!" Ernst wandte sie sich an die Richte, die ans Fenster getreten war unb in die trostlos«, graue Dämmerung draußen hinausstarrte.Ich hätte dir ja viel zu sagen: Wie's auch sein mag den Hauptteil an der Schuld trägst du! Du hast Iörg erst in seine blinde Wut auf Fred ge­trieben."

Ein erneutes Aufschluchzen klang vom Fenster her: durch des Mädchens ganz«, schlanke G«stalt ging ein krampfhaftes Auf zuckern Das stumm«, schmerzzerrifsene Eingeständnis besänftigte die Tante etwas. Langsam ging sie zu Ursula unb faßte sie Ml die Schulter.

Ra, ich will nicht weiter davon reden. Ich sehe ja, du hast dir alles selbst gesagt. Und ich denke, es wird dir ein Denkzettel fein für alle Zeit. Aber nun hör' mal: Roch ist doch nicht alles verloren. Di« Sache läht sich ja doch wie­der einrenfen wenn ihr nur wollt."

Ursula fuhr zusammen: Da war das Wort, das sie erwartet, heimlich ersehnt hatte, und doch bäumte sich trotz allem noch immer ber Stolz in ihr auf. Sollte sie nachgeben, ihm zuerst kom­men ihm nachlausen? Rein, niemals! Ja, wenn et nur an sie schriebe, einige wenige Worte, dann wollte sie ja reuevoll ihm ihre Schuld ein* gestehen und ihn um Vergebung bitten. Aber so wo er sie keines Wortes mehr gewürdigt, sie einfach kalt abgetan hatte er, der denn doch auch schwere, schwerst« Schuld auf sich geladen hatte!

neuem befiel sie die Angst, die sie schon diese ganzen entsetzlichen drei Tag« gequält hatte.

Um Gottes willen! Er darf es nicht wisschr.

der Tante.

Tante Marie saß am Fenster, die Drille vor den Augen, und las ihre Zeitung, das einzige behag­liche Stündchen, das sich die Geschäftige den langen Tag gönnte, nachmittags nach dem Kaffee.

Die alte Dame hatte es nicht gern, wenn sie in dieser Mußestunde gestört wurde: so war ihr« Miene denn auch überrascht, als sie die plötzlich Eintretende bemerkte:

Ra, nun, was ist denn? Ist was mit Fred?" Ursula schüttelte schweigend den Kopf: der Kranke lag in der Tat gerade in einem sanften Schlaf. Langsam, mit unsicherenBilden kam sie auf die Tante zu, die sie nun erstaunt ansah:

Ja, was ist denn sonst? Wie siehst du Denn aus?"

Tante!" Ursula stand jetzt dicht vor ihr und preßte die Hände ineinander. Das Herz schlug ihr bis in den Hals. Sie meinte, man müsse «s in dem feiertäglich stillen Stübchen deutlich hören können.Tante! Ich Wir haben unsere Ver­lobung aufgehoben."

Was?" Die Zeitung glitt der alten Dam« aus der Hand.2lber das ist ja"' nicht möglich, hatte sie sagen wollen. Denn sie hatte es natür­lich ganz erllärlich gefunden, daß Iörg nicht gleich in den ersten Tagen, wo es noch ernst mit dem Verwundeten stand, schon das Haus betreten wollte. Aber sie hatte natürlich geg(aubt,_ daß die Verlobten inzwischen brieflich verkehrt hätten. Sie hatte wohl auch gewußt, dah Iörg der Duell­gegner Freds gewesen sei, aber Räheres über die Ursache hatte sie nicht erfahren. Di« einzige, die außer dem Kranken selbst hätte davon reden kön­nen, Ursula, hatte geschwiegen.

So sprich doch nur!" drängte sie erschrocken die noch immer stumm, gesenkten Hauptes vor ihr stehend« Richte. . ...

Ach, Tante es ist ja alles so traurig! Unb plötzlich kniete Ursula vor ihrem Stuhl, heftig auf­schluchzend unb ihr Gesicht im Schoß der alten Dame verbergend. Die gewaltige Spannung der letzten Tage, das ängstlich gehütet« Weh mach­ten sich gewaltsam Lust. Unter heißen Tränen beichtete sie rückhaltlos alles, was vorgefallen war, bis zum letzten, daß ihr vor drei Tagen der "Bote Jörgs Ring gebracht hatte ohne ein Wort der Erwiderung und des Abschieds.

Tiefbetroffen von dieser Eröffnung, sah Tante Marie eine Weile schweigend da, sie mußt« sich erst in alldem zurechtfinden.

3a, was soll denn nun werden?" entfuhr ihr endlich das Wort, noch wußte sie sich selbst keine Antwort.

Richts! Es ist eben alles aus." Tonlos kam es von Ursulas Lippen, unb fie erhob sich wie­der, die verweinten Augen mit bem zusammen­geballten Taschentuch pressend. »Rur Vater!

Ganz still war es in dem dunklen Gemach; nur das Ticken des Regulators über dem Sofa klang an ihr Ohr, regelmäßig, rastlos, wie daS lebendige Atmen dieses Raumes. Gedankenver­loren lag Ursula in dem Stuhl. Rur dann und wann horchte sie auf, wenn drunten auf bet Straße ein Wagen dumpf heranrollte vielleicht die Tante mit ihrer angstvoll ersehnten Dot- schast oder wenn von drinnen, aus dem Krankenzimmer, ein leises Rascheln schott.

^Fortsetzung folgt.)

Kreuzweg der Lebe

Vornan von paul Grobem Urheberrechtsschuh: RomandienstDigo", Berlin W 30.

Ich kann ihm aber nach allem doch nicht zuerst kommen!" fuhr Ursula zur Tante herum, mit trotzigem Entschluß im Gesicht unb doch mit einer geheimen Hoffnung, es möchte sich ein Ausweg zeigen.

Unb er dir ebensowenig, nachdem du ihm zu­erst ben Laufpaß gegeben." Ruhig entgegnete es die Tante.Das wirst du dir wohl selbst sagen."

Ursula schwieg, den Blick zur Erde gesenkt.

Es ist doch an dir, den ersten Schrittzu tun." Nachdrücklich und sehr ernst klang die Mahnung der alten Dame.

Ursula war verzweifelt: daS bracht« sie nicht über sich, sie wäre sich ja wie entwürdigt vor- gekommen. Und doch! Da plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke.

Tante liebstes, liebstes Tantel!" sie hing im nächsten Augenblick der alten Dame am HalS unb erstickte sie fast mit stürmischem Ansichpressen. Geh du hin! Sag ihm beute ihm an, baß ich mein Unrecht einsähe, daß ich bereit wäre, wenn er zu mir käme!"

Einige Augenblicke sträubte sich Tante Marie zwar gegen biefe Vermittlerrolle: aber schließ­lich schien es auch ihr das beste so zu sein, und sie beschloß, nun sofort zu 3örg zu fahren.

Wortlos, mit innigstem Dankgefühl, wie er­löst von furchtbarem Druck, preßte Ursula ihr glühendes Gesicht auf das ber gütigen Helferin, während ihre eiskalten Hände deren Rechte krampfhaft umschlossen. Ein warmes Mitleid mit dem furchtbar erregten, jungen Geschöpf überkam die alte Dame.

Herrgott, Mädel, du bist ja ganz elend!" Und nun sah sie ihr genauer in das ordentlich schmal geworden« Gesicht, in dem die Spuren der schreck­lich ,n letzten Tage unb Rächte standen.Ra nun beruhige dich mal wieder." Tröstlich klopfte sie Ursula die Schulter.Ich to:rbe die Geschichte

Langsam entglitt das Papier Wigands Hand. Dann entrang sich ein wlides Auflachen feiner Bruft ein furchtbarer Laut, aus dem all das ver­nichtende Weh seines Herzens schrie, und nun warf er sich lang auf das Ruhebett, beide Hand« vor die glühend brennenden Augen gepreßt.

So lag er regungslos und stumm lange, lange. . .

Endlich erhob er sich. Er nahm ben meber- gefallencn Ring vom Boden auf unb ging bann hinüber in sein Sprechzimmer, mit langsamem, schwerem Schritt. In einem Schub des Schreib­tisches verschloß er ben Reif; dann nahm er ein Kuvert unb einen Briefbogen, tat seinen eigenen Ring hinein, verschloß den Umschlag und schrieb die Adresse. Ein Begleittchreiben war ja nicht mehr vonnöten.

Wigand tat Hut unb Mantel an und verlieh die Wohnung wieder. Am nahegelegenen Pots­damer Bahnhof suchte er einen Dienstmann auf, der auftragbereit dastand. Er gab dem Manne den Brief unb ein Geldstück.

Der Rotmühige las die AdresseFräulein Ur­sula Drenck" unb schmunzelte verständnisinnig:

Sott ich auf Antwort warten, Herr Doktor?" 'Richt nötig! Kurz klang die Antwort des Auftraggebers, der sich bereits zum Weitergehen gewandt hatte.

Komischer Liebhaber!" dachte der Philosoph der Straße und machte sich auf den Weg.

Wigand aber verschwand im Gewühl der Passanten, im Gewoge des unbekümmert um Menschenleid dahinbrausenden Lebens. Er ließ sich von ihm treiben gleichviel wohin wenn es mit seinem Brausen nur das Weh in seinem Innern übertönte!

5. Kapitel.

Sollte sie wirllich?

Zweimal hatte Ursula schon so dagestanden an der Stubentür der Tante, die Hand auf der Klinke, und jedesmal hatte sie «s wieder toeg- qetrieben halb aus Stolz, halb aus Furcht. Aber es mußte ja sein! Richt länger konnte sie den Ihrigen verbergen, was geschehen war. Schon ber dritte Tag, daß Iörg nichts mehr von sich hatte hören und sehen lassen was sollten sie denken?

Rein, nein, cs half nichts es mußte fein.