Samstag, 21. März 1931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Nr. 68 Zweites Blatt
Was ist mit Südtirol?
„Dun, dos freut mich sehr", und auf den Hut deutend, fuhr er fort, „aber bitte, Herr Kollege, setzen Sie doch Ihr Krönchen auf."
Dies war mein frühester Eindruck vom Wechsel des Mucks. Mein Vater brauchte sein ganzes noch übriges Geben, bis er wieder hatte, was in wenigen Tagen verlorengegangen war. Schneller wurde nicht verdient in jenen friedlichen Zeiten, und zu Anfang der neunziger Iahre starb er schon. Hier sah ich nicht gerade das Glück wechseln, erfuhr aber um so besser die Veränderlichkeit des Menschengesichts.
Er hatte ungemeines Ansehen genossen in der Stadt und dem kleinen Staat, dem sie vorstand. Mit ihm durch die Straßen zu gehen, war eine meiner schärfsten Hebungen hinsichtlich der Grütze, die ich, je nach Würdigkeit der Person, zu erwidern oder vorwegzunehmen hatte. Mit ihm im gemieteten Zweispänner über Land zu fahren, war ein Fest. Die großen Dauern erschienen auf ihren Türschwellen, wir wurden bewirtet, und auc8 Getreide ging dabei in feine Speicher über. Er war Senator, was damals noch nicht Parteifrage war und von keinen öffentlichen Wahlen abhing: es kam einfach auf die Familie an. Man war es, oder war es nicht — und behielt, einmal in den Senat gelangt, die Befugnisse eines absolutistischen Ministers. Mein Vater verwaltete im Freistaat die Steuern, seine Macht war die allen fühl- barfte. •
. Daher viel Schmeichelei, sogar für den oot>n; auch Unaufrichtigkeiten, sie entgingen schon dem Halbwüchsigen nicht. Smmerljin überschätzte ich sowohl das natürliche Wohlwollen der Umgebung als auch die Fähigkeit eines noch so menschenkundigen Mannes, alle für sich zu gewinnen, sie, komme was mag, bei sich zu halten. Ihm lag an seiner Volkstümlichkeit; er war gegen Ende immer freundlicher, versöhnlicher geworden. 3et>t kam der Tod.
Mein Vater lag droben in seinem schönen Haus; die Straße davor war mit Stroh belegt. So oft ich ausging, fragten mich viele, wie es stehe. Aus dem Hause gegenüber eilte mein alter Lehrer. Er hatte mich in der Vorschule unterrichtet, von jeher kannte ich ihn als bieder und herzlich, ganz hin- gestreckte Hand, ganz Ergebenheit des kleinen Mannes, der endlich auch im eigenen Haus wohnt und bewundernd herübersieht nach den Fenstern des Größeren.
Der Tag ist da, mein Vater atmet auS. Ich
als die Ausgabe der deutschen Gesetzgebung bezeichnet toorben war: dem deutschen Volk ein einheitliches Strafgesetz zu geben.
Es ist die hohe geschichtliche Sendung unserer Zeit, dem Grundsatz .EinDolk — einRechf über die trennenden Grenzmarkungen hinweg Geltung zu schaffen. Das Ergebnis der Beratungen in den Strafrechtsausschüssm der früheren Volksvertretungen in den deutschen und österreichischen parlamentarischen Strafrechtskvnseren- zen hat gezeigt, daß diese allerdings nicht leichte Aufgabe bei gutem Willen, bei verständnisvollem Eingehen auf eingewurzelte Aechtsüberlieferungen des anöcrcn Teils nicht unlösbar ist. Ich zweifle nicht, daß er auch den Mitgliedern der neugewählten gesetzgebenden Körperschaften an diesem guten Willen nicht fehlen wird. Handelt es sich doch um einenationale Tat im besten Sinne des Wortes, um die Schaffung eine» Gesetzeswerkes, das für lange Zeit hinaus ein Denkmal deutscher Kulturgemeinschaft fein soll.
Graf Kotusosf, ehemals russischer Bevollmächtigter in Berlin, war am preußischen Hofe ein« beliebte Persönlichkeit gewesen.
Der Alte Kaiser gab einmal ein Herrendiner, zu dem Kotusosf eingeladen wurde.
„Sie sind heute der einzige Ausländer bet Tisch", bemerkte der greife Monarch zu ihm.
„ilnfere Familie stammt eigentlich aus Ostpreußen", erklärte daraus Kotusoff, „so daß ich doch ein wenig als Deutscher gelten könnte. Wir hießen damals Guto oder Krllo...
Der Alte Kaiser lachte: „Und den Soff habt Ihr Euch dann nach und nach in Rußland angewöhnt,"
habe, zwanzigjährig, die ersten ganz selbständtgen Schritte statt seiner zu tun. Draußen stehen Leute, dabei auch der herzliche Graubart. Ich suche, ohne es zu bedenken, die gewohnte Wärme, ich gehe hin. Wie? Der Lehrer wendet den Kopf weg. Er verläßt sogar die Gruppe, tritt in fein Haus, schließt die Tür.
Aehnlich haben es bann andere gemacht, nur von dem Alten schien es mir am erstaunlichsten. Ich begriff aber: sie hatten eS satt, noch Mühe an mich zu wenden, auf einmal hatten sie es auf das Gründlichste satt. Vorher hatten sie zuviel getan, darum taten sie jetzt nicht einmal genug. Es war nicht besondere Härte, nur das Aufgeben eines unnütz gewordenen Hebereinkommens.
So geschieht es jedesmal, wenn irgendein Erfolg sich rächt. Eine der Erfolgswellen, die jedes Leben hat, fließt zurück, alle geben den noch soeben Hmworbenen um so schroffer auf, je eifriger sie bis jetzt um ihn bemüht waren. Wie wohl tut es ihnen, endlich das Gesicht zu wechseln. Vichts Lästigeres, als einer bestimmten Person dauernd nur das festliche Gesicht zu zeigen. Der Erfolg ist vorbei, der Steuersenator ist tot. —
Kleine Späße vom Alten Kaiser.
Von Peter Purzelbaum.
In Potsdam stand beim Ersten Garde-Regiment als Premier-Leutnant der Erbprinz eines mitteldeutschen Fürstentümchens, der damals von seinen Kameraden den reizenden Spitznamen der „Prinz von Arkadien" bekommen hatte. Eines Xaged war es nun aber mit diesem netten Titel zu Ende, denn der Prinz bestieg den Thron seiner Väter. ,
Vatürlich hielt er es für seine Pflicht, stch tn dieser neuen Würde beim Alten Kaiser, der gerade in Ems weilte, vorzustellen. Der junge Fürst fuhr also dorthin, traf zufällig — gleich nach seiner Ankunft — den alten Herrn auf der Promenade, ging ohne zu zögern, so wie er im Reise» anzug war, auf ihn zu und — den Hut ehrerbietig aieljcnb und in der Hand behaltend — meldete er das „Avancement".
Mit feiner gewinnenden Liebenswürdigkeit sagte der Alte Kaiser:
Die beiden Gesichter.
Don Heinrich Mann
Mitte der siebziger Iahre war meine Mutter eine junge, ahnungslose Frau. Ich sitze vor ihrem Schreibtisch, spiele mit einer kleinen Truhe aus Bronze, das violett gepolsterte Innere duslet bezaubernd. Plötzlich legt -meine Mutter von rückwärts den Arm um mich, sie flüstert mir zu: „Wir sind nicht reich, aber sehr wohlhabend." Sie muhte es gerade erst erfahren haben, und zwar mit genau denselben Worten. frri
Ihr selbst waren Reichtum und Wohlstand gewiß mir Worte. Ihr Leben und ihr Haus blieben sich gleich. Kein Auto wurde angeschafft, denn es gab keine. Den Sommer verbrachten wir wenige tausend Schritte weiterhin „vor dem Tor". Meine Mutter wußte vielleicht, daß Geld wohl wünschenswert, sehr viel Geld aber weder förderlich, noch gern gesehen sei. Erst kürzlich sagte mir ein Achtzigjähriger, er sprach von seinem Vachbar: Wer so reich ist, muh verrückt werden." Das war ein Ton von damals, so dachte die noch bürgerliche 3eit ___ . .
Mein Vater war damals cm schöner und stolzer junger Mairn. Ob heiter, ob zornig, immer erschien er mir auf der Höhe des Lebens; er trug weiches Tuch, niedrige Hemdkragen, an den Schlafen noch die vorgebürsteten Haarbüschel, die Va- poleon III. getragen hatte. Er ging wiegend und sicher, wie ein Kapitän auf seinem guten Sch.sf. Trat er ein, war das Zimmer ein bewegter Raum, worin etwas vorging. Eines Tages aber kam er ganz still.
Wir bemerkten es kaum, er sah schon, war aus seinen Platz geglitten und hielt nun den Kops in den Händen. Er stöhnte, da gruftc es mir. Er, der "nur leichte und hellere Gespräche führte, stöhnte QI am en von Leuten, die zusammenbrachen, alles verloren hätten und sein Geld mit. Ich sah meine Mutter an, mein Blick erinnerte sie an ihre vertrauliche Mitteilung von einst. Sie schien davon nichts mehr zu wissen; sie war besorgt, mehr um ihren Mann, nicht um das Geld. Hebrigens waren jene Worte lange her, endlos lange für eine noch ahnungslose Frau und einen kleinen Iungen, vielleicht ein Iahr.
Der Alte Kaiser hielt einmal in Bonn Empfang. Einer der Offiziere, welche die Ehre hatten, vorgestellt zu werden, war dem hohen Herrn unbekannt, und der Flügeladjutant, der sich vorher unterrichtet hatte, flüsterte ihm zu:
„Ist foeben zum Rittmeister befördert worden."
Der Alte Kaiser sprach nun den Bettes senden huldvollst an und beglückwünschte ihn zur Beför- derung zum Rittmeister. Der also Angeredete, der nod) gar nicht „an der Tour" war, Rittmeister zu werden, eilte hocherfreut zu seinem Kommandeur und meldet* seine Beförderung. Der Kommandeur eilte zum Flügeladjutanten und nun stellte sich heraus, daß der Adjutant den Offizier mit dessen älterem Bruder verwechselt hatte.
Reumütig beichtete der Adjutant fein Versehen dem Kaiser. Dieser lächelte:
„Da ich dem Herrn Rittmeister gratuliert habe, muß er's wohl bleiben.“ —
Vach einiger Zeit war Cour bei Hose. Ein soeben zum QHajor beförderter, aber noch in Hauptmanns Epauletten erschienener Offizier wurde dem Kaiser vorgestellt. Ter Adjutant flüsterte:
„Soeben zum Major befördert."
Lächelnd drehte sich der Qllte Kaiser um und sagte in echtem Berlinisch:
„Qlee, mein Lieber, daraus fall ick nu nich mehr rinn!"
nebmigt werden müssen. Als zweckmäßiger empfahl sich daher ein anderer, nach beiden Qkrfaffun- gen gangbarer Weg: die Beschlüsse der 6traf» rechtsausschüsse a l s Initiativantrag von Mitgliedern der neuen Volksvertretungen an diese gelangen zu lassen. Diesen QBeg haben im Reich die Abgeordneten Dr. Kahl und Genossen mit ihrem Antrag vom 3. Dezember 1930 und in Oesterreich kurze Zeit darauf die Abgeordneten der Grvhdeutschen Dolkspartei Tr. Strafsner. Dr. Wotawa und Genossen beschritten.
Den gesetzgebenden Körperschastcn liegt daher wieder eine im Wesen übereinstimmende Grundlage für ihre weiteren Beratungen vor, auf der sie allerdings ihre Arbeit von neuem beginnen müssen. Zweifellos werden daher die Verhandlungen längere Zeit in Anspruch nehmen, als nötig gewesen wäre, wenn sie noch in den aufgelösten Derttctungskörpern bis zum Abschluß gediehen wären. Allein diese Verzögerung fällt nicht allzuschwer ins Gewicht. Hauptsache ist und bleibt, daß es gelingt, das Ziel z u erreichen, das schon um die Mitte des vorigen Iahrhunderts
dacht „auf die eigentümlichen territorialen und ethnographischen Verhältnisse Oesterreichs" bar» stellte; dieser Entwurf bildete durch mehr al« zwanzig Iahre die Grundlage für die Arbeiten Oesterreichs an der Form des gesamten 6traf» rechts.
Dadurch, daß zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch das Deutsche Reich eine Reform seines gesamtes Sttasrechts in Angrifs nahm, wurde der bis dahin verschüttete QBeg zur Straf - rechtseinheit wieder frei. Deutschland und Oesterreich gingen aber in ihren Arbeiten an der Strafrechtsreform zunächst getrenntcWege, Wege, die ihnen durch die organische Fortentwicklung des heimischen Rechtes vorgezeichnet waren. Im Weltttieg erfuhr jedoch der Gedanke der Rechtsvereinheitlichung durch diewis- senschaftttchen Erörterungen über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit eines einheitlichen mitteleuropäischen Strafrechtes eine mächtige Förderung. Als daher Oesterreich durch die weltgeschichtlichen Ereignisse des Iahres 1918 zu einem rein deutschen Staat geworden war — entgegen den eigenen Wünschen vom Mutterland durch Grenzpfähle getrennt —, war es nur natürlich, daß die Idee der Schaffung eines Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich und Oesterreich mit elementarer Kraft der Verwirklichung zustrebte.
In jahrelanger mühevoller Arbeit haben zunächst die beiden Justizverwaltungen den Versuch unternommen, deutsche und österreichische Rechtsgedanken in einem gemeinsamen Entwurf zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen. Die Frucht dieser Bemühungen war der Entwurf, der im Iahre 1927 im wesentlichen in gleichlautender Fassung als Regierungsvorlage dem Deutschen Reichstag und dem Oesterrei- chischen Qlationalrat zuging. So waren die ersten Schwierigkeiten übertounben, war die notwendige einheitliche Grundlage für die Arbeiten der beiden gesetzgebenden Körperschaften geschaffen. Eine weit größere Gefahr drohte aber der mühsam erreichten Einheit des Textes durch die Mängel eines gemeinsamen Gesehgebungsorganes im Zuge der parlamentarischen Beratungen. Wie zu erwarten war, sind bei der ersten Lesung von Strasrechtsausschüssen des Deutschen Reichstages und deS Oesterreichischen Vationalrates zahlreiche Aenderungen der Regierungsvorlagen in verschiedenem Sinn beschlossen worden. Erfreulicherweise ist es jedoch den Abordnungen der beiden Ausschüsse, die von Zeit zu Zeit — im ganzen fünfmal — in gemeinsamen Konferenzen die in den Ausschuhbeschlüssen zutage getretenen Meinungsverschiedenheiten erörterten, gelungen, nicht nur in grundsätzlichen Fragen, sondern auch in Einzelheiten säst alle diese Gegensätze zu überbrücken und Fassungen finden, die von beidenAus- schüssen angenommen werden konnten.
So schien denn nach den Ergebnissen der letzten deutschen und österreichischen parlamentarischen Sttafrechtskonserenz in Wien im Frühjahr 1930 gegründete Hoffnung vorhanden, das große Werk werde — dank der kundigen Führung der Verhandlungen durch den Altmeister der deutschen Rechtswissenschaft, Prfessor Dr. Kahl, dem der Obmann des österreichischen Sttafrechtsausschusses Dr. Waber als treuer Helfer zur Seite stand, und dank der verständnisvollen Zusammenarbeit der deutschen und österreichischen Abgeordneten aller Parteien — in kurzer ^"'t so weit fortgeschritten sein, daß Reichstag und Qlationalrat den Entwurf zum Beschluß erhebt tonnen. Leider erwies sich diese Hossnung als trügerisch: Die poli- ttschen Stürme, die in beiden Staaten zur Auf - lösung der Volksvertretungen führten brachten auch die Arbeiten am Sttafgesetzentwurf zum Stillstand.
Im Reich wie bei uns entstand nun die Frage: Auf welchem Wege kann die schon geleistete, unendlich mühevolle und zeitraubende Arbeit für die Zukunft fruchtbar gemacht, kann die mit dem unvorhergesehenen Zwischenfall unvermeidbar verbundene Verzögerung auf ein Mindestmaß herabgedrückt werden? Von vornherein war es klar, daß die Einbringung neuer Regierungsvorlagen die Wiederaufnahme der Beratungen in den parlamentarischen Körperschaften ohne sachlichen Gewinn bettächtlich verzögert hatte, namentlich im Deutschen Reich, wo die Regierungsvorlagen, ehe sie dem Reichstag zugehen, vom Reichsrat ge-
Wissen Sie, das Herz hat mir geblutet, al« fic mich einen Ausländer, einen Italiener, geheißen haben, wo ich doch nicht weniger mein Volk liebe als die, die gar nicht wissen, wie es ist, loemt man kein deutsches Wort mehr auf den Straßen lieft und alles Deutsche weggewischt ist wie Kreide von der Tafel. Ia, da hab' ich versucht, anderswo in Oesterreich mein Brot zu verdienen. Aber aus war's. Ich blieb eben ein .Ausländer', denn der Paß sagt doch die Wahrheit. Schauen'S, so fahr' ich jetzt wieder in die Heimat, die keine rechte Heimat mehr ist. Die Oesterreicher mögen mich nicht, und die Italiener legen auf meine Anwesenheit in Südtirol auch keinen Wert." Mit dieser leisen, beinahe ergebenen Selbstironie erzählte der kräftige Schmied seine Lebenslage. Hnd diese ist für Tausende typisch.
Das zweite Beispiel, eine Variation des ersten. Qluf einer der kleinen Stationen im Eisacktal nimmt eine Familie, Mann, Frau und Töchter- schen, von den Daheimgebliebenen ergreifenden Abschied. Langes Winken aus den» Fenster, bis die Kurve den Blick abschneidet. Mit dem Mann, einem intelligenten, typischen Oesterreicher Anfang der Vierzig, ergibt fich bald ein Gespräch: „Wissen's, dieser Abschied ist jedesmal 'was Furchtbares. Qlun gcht's wieder hinein in Ober- Italien. AIS ^Beamter bin ich vor 11 Iahren übernommen worden. Man dachte doch, wenn man sich loyal verhält, wird man doch hier bleiben dürfen, wo man geboren ist, wo man sein Leben verbracht hat, bei Verwandten und Freunden, unter Landsleuten. Qlbcr dann tarn’« — Versetzung in stockitalienisches Gebiet. Ich frage Sie: WaS soll aus meinem Kinde werden? Kein deutsches Wort außerhalb unserer Wohnung. Ia, wenn man Geld hätte und auswandern könnte! Wie mir, ist'S Hunderten von Kollegen ergangen. Man pill unS assimilieren. Italiener füllen unsere Platze aus. In, wie ein Baum wird man aus dem Garten gcriffen unb irgendwo cingegraben. Ob sich der Boden eignet oder nicht, wen kümmert's? Für die Oesterreicher bin ich Italiener, für die Italiener Oesterreicher. So hängt man zwischen zwei Staaten, zwischen zwei Volkern. Können's nun verstehen, weshalb man so traurig ist, wenn der Hrlaub zu Ende ist?"
Beide Erlebnisse sagen alles. Sie sagen die politische Laae und deren Rückwirkung auf da« Einzelschicksal. Die Südttroler fühlen sich als Staatsbürger zweiten Grades, gefesselt an einen mächtigen und klug regierten Staat, der vom Firmenschild bis zur Grabinschrift, von der Fahnenstange bi« zum Vornamen und auch Familiennamen i t a l i a n i - fiert und italianifieren will. Deutsche Vereine sind verboten, deutsche Privatschulen sind verboten, sogar privater deutscher Sprachunterricht in anderen Familien ist verboten. Dabei nimmt der italienische Einfluß und der italienische Charakter besonders in Bozen ständig zu. Vicht weniger als 12 000 Italiener sind im letzten Iahrzehnt zugezogen. Ganze
Die StrastechtsvereinheMichung
Rückblick und Vorschau.
Don Dr. H. Schürff, österreichischem Bundes Minister für Justiz.
«ein Gesetz soll nach der allgemeinen Volk«- anschauung in so hohem Grade tote gerade das materielle Strafgesetz nur der Widerhall der natürlichen Gerechtigkeit fern. Dieser schon aus Staatsklugheitsrucklichten nicht heilig genug zu achtenden Volksanschauung wird aber aus da« empsindlichste cntgegengetoirft, wenn -wischen den Gesetzgebungen der einander an Bildungsstufe und sonstigen sozialen Beziehungen gleichen Völker eine große Mannigfaltigkeit dar- über besteht, was und wie es bestraft wird. Die Anbahnung eines für Oesterreich und alle übrigen Länder deutscher Bildung und Zunge gemeinsamen materiellen Strafgesetze muß daher im wohlverstandenen Intere e aller dieser Staaten und der gesamten Gesellschaft energisch gefördert werden."
Diese programmatischen Satze über das Ziel, das eine Reform des Strafrechtes der deutschen Staaten anstreben muß, wenn sie ihre Ausgabe richtig erfaßt, stammen nicht aus der jungften Vergangenheit, auch nicht aus der Zeit, da der Weltttieg die Bande zwischen den deutschen Stämm-n im Reich und in Oesterreich fester denn je verknüpst hatte und die hervorragendsten Der- treter der Rechtswissenschaft hüben und drüben nachdrücklich dafür eintraten, dir Kulturgemein. schäft und der Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Interessen der verbündeten Mittelmächte durch Vereinheitlichung des Rechtes sichtbaren Ausdruck verleihen. Sie finden sich in der Begründung des österreichischen Strafgesetze ntwurfes vom Iahre 1867, sie geben die Richtlinien wieder, von denen sich amals die mit der Ausarbeitung des Ent- Wurfes betraute Kommission hatte leiten lassen, sie sind geschrieben, kurz nachdem Oesterreich durch die Auflösung de« deutschen Staateiibundes in der zweiten Hälfte des Iahres 1866 aus dem engeren politischen Verband mit den außer» österreichischen Ländern deutscher Zunge getreten war, also zu einer Zeit, da die politische Lage der Verwirklichung des Gedankeiis der Rechtseinheit gewiß nicht günstig war. Wenn aber Oesterreichs Iuristenwelt damals gleichwohl Die schon die voni ersten deutschen Iuristentag im Iahre 1850 geforderte Vereinheitlichung der Strafgesetzgebung für möglich hielt, war dies fachlich durchaus gerechtfertigt; denn die Sttasgesetzgebung in Deutschland war damals vollkommen zersplittert, in mehreren Staaten galt noch das gemeine Recht, im übrigen Bundesgebiet standen nicht weniger als zehn Landesstrafgesehbücher in Geltung und die Hebcrteugung von der Notwendigkeit der 'Beteiligung dieses Zustandes war Allgemeingut geworden. Die Tatsache aber, daß wenige Iahre zuvor die Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Handels - und des Wechsel rechtes gelungen war, war ein mächtiger Ansporn, sich dafür einzusehen, daß auch die Reform des Strafrechtes dem gleicher: hohen Ziel dienstbar gemacht werde.
Die politischen Ereignisse der folgenden Iahre und ihre Früchte auf dem Gebiet der Strafgesetzgebung — die Schaffung des Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Dund und feine Hmwandlung in ein Reichs- geseh durch die Reichsverfassung — machten die Hoffnungen zunichte, daß dem Onigemeinen Deut» schon Handelsgesetzbuch und der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung in dem gleichen auch Oesterreich umfassenden Geltungsgebiet e i n Allgemeines Deutsches Strafgesetzbuch folgen werde. Aber der Gedanke der Rechtsangleichung hatte in Oesterreich schon so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sich die. österreichische Gesetzgebung bemühte, ihm wenigstens in der Form einer möglichst weitgehenden Annäherung an die Strafgesetzgebung des Deutschen Reiches Rechnung zu tragen. Zu diesem Zweck brachte Glaser, der berühmte Schöpier der österreichischen Strafprozeß Ordnung, im Iahre 1874 einen S t r a f ges e h en t wu r f im ofterrei» chischen Abgeordnetenhaus ein, der sich als eine Hmarbeihing des Reichssttasgesehbuches mit De-
Das in letzter Zeit deutlich gewordene Bestreben sranzösischer Stellen, die südtiroler Frage aus begreiflichen politischen Gründen heraus zu verschärfen, hat in der deutschen Oesfentlichkeit eine gewisse Unsicherheit in dieser Frage ge- sämsfen. Wir haben zur Qlufflänmg der widerst rechenden Behauptungen über „geloderte Fesseln" und über „neuen Terror" in Südtirol unseren U. Q. -Sonderberichterstatter um ein Hrteil gebeten. D. R.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Bozen, Vlärz 1931.
Mit den politischen Wahrheiten ist e« wie mit allen Wahrheiten — es genügt nicht, sie nur erkenntnismäßig aufzunehmen und sie nur aus Druckerschwärze oder über die Gehörnerven einer angclefcncn Weisheit einzuverleiben. Wahrheiten wollen mit der Tat, am eigenen Leibe und ruck» sichtslos mit allen Folgen erlebt werden. Hnd keine andere politische Wahrheit ist gerade uns Deutschen seit zwölf Iahren so in allen, aber auch allen Auswirkungen eingehämmert worden wie das „V a c v i c t i s !" von Versailles, St. Germain und Trianon.
Noch schmerzhafter aber als im Mutterlande schnüren die Derttugsfesseln in den abgetretenen Gebieten. Over offenen Qlugc« hier durch das Land ftreift, spürt es überall, wie tief das politische Schicksal des Volkstums auch in das unbeachtete Schicksal jede« Einzel- menschen einschneidet. Der Deutsche als Angehöriger einer nationalen Minderheit eines fremden Staates mag sich aufbäumen, auswandern, anpassen oder ertragen, was unabänderlich scheint — irgendwie muh auch er zu dem Schicksal seines Volkes Stellung nehmen, weil es eben unmöglich ist, das kleine eigene Leben frei- zuhalten von den politischen Stürmen, denen sein Volksteil ausgesetzt ist. Die Faust des Eroberers spüren sie alle, Großgrundbesitzer, Fabrikanten, Kaufleute, Dauern und Arbeiter. Die einen mehr, die anderen weniger. Alle empfinden sie, eingespannt in einen fremdsprachigen Staatsapparat, mehr oder minder klar das Verhängnis der Deutschen, daß bei ihnen Staat und Volkstum sich nicht decken wie zwei kongruente Dreiecke. Daraus ergeben sich dann Rei- bunasflächen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art, die z. B. in Südtirol den Lebenslauf von 250 000 Deutschen entscheidend und wahrlich nicht beglückend beeinflussen. Zwei Beispiele, die die Sache klarer und gegenständlicher machen: r
Knapp hinter dem Brenner, noch auf dem ersten Schienenkilometcr Neu-Italiens, Nagt mir ein schmucker, aufgeweckter Handwerker sein Leid:
„Sehen Sie, jetzt komme ich aus Innsbruck. Zwei Iahre habe ich da gearbeitet, als Schmied. Alles ging zuerst gut. Plötzlich, als die Arbeitslosigkeit größer wurde, hat's geheißen: .Der da ist ein Ausländer, der muß zuerst hinaus!
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