Ser Mnn der das Lachen verlernt hat.
Roman von Gert Nothberg.
Copyright by Martin Feuchtwa- ger. Halle (Saale)
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Freilich: eine ZirkuSreiterin war sie nicht gewesen.
Doch ein Privatbrief?
Don wem?
Ans Wien?
Ferdinand Graf Donenbirchner.
»Was hat denn der mir zu schreiben, nachdem wir uns jahrelang nicht mehr aneinander erinnert haben?"
Und dann öffnete Kentner das Schreiben, las. langsam, Wort für Wort. Die buschigen Brauen zuckten, das Gesicht rötete sich, das Schreiben wurde zusammengeballt.
.Darum kommt er? Darum? Weil ihm in Wien Der Boden zu heih geworden ist? Was? Gin Kentner hat sich benommen wie ein — wie — ? Gr hat einen Kameraden verprügelt? Was ist ihm denn eingefallen? Hat er denn ganz und gar vergessen, wer er ist?"
.Lah alles sein, Korak Er kommt nur. weil er in Wien den Abschied genommen hat. Wenn er ihn nicht selber eingereicht, dann hätte er ihn erhalten. Was will er hier? Ich — schäme mich seiner!"
„Weshalb? Was hat er dir getan?"
„Hier, lies! So etwas tut ein Kentner?! Benimmt sich wie ein ganz ordinärer Raufbold. Pfui Teufel!"
Kora las den Brief, nachdem sie ihn sorgfältig geglättet hatte. Dann lächelte sie.
„Was ist dabei? Sein Temperament hat sich Luft geschaffen. Man hat ihn eben gereizt. Ich finde es furchtbar nett, wenn ein Mann seinem Gegner an die Gurgel springt. Warum du dich da ereiferst, verstehe ich nicht. Wirklich nicht."
.Ich glaube es dir, Kora. Im Zirkus haben die Menschen andere Ehrbegriffe."
Ss war das erste Mal, datz er sie an ihr Vorleben erinnerte. Er bereute es auch schon jetzt, es getan zu haben. Koras große, dunkle Augen flackerten in Haß zu ihm auf. Doch sie schwieg. Aber ihr Blick suchte wieder die Landstraße. Dort kam jetzt der Wagen, und die scharfen Augen der jungen Frau erkannten, daß nur der Kutscher mit dem Koffer sich im Gefährt befand.
Da stand sie auf. Ohne sich um ihren Gatten zu kümmern, ging'sie langsam an der Brüstung der Hvlzgalerie entlang und spähte hinüber zum Walde. Ging dort drüben nicht eine hohe Gestalt? Natürlich war er es.
Kora stieg langsam die Treppe hinunter in den Park. Sie wußte plötzlich ganz gcknau, aus welcher Richtung Graf Karl kommen würde.
Mit böse funkelnden Augen sah der albe Kentner da. Gr wußte jetzt ganz genau, was die Glocke geschlagen hatte. Aber fte sollte sich vor ihm hüten.
Drunten im Hof hielt Iannasch mit den Pferden.
„Was gibt's?" schrie der Graf hinunter.
„Halten zu Gnaden, Herr Graf, der junge Graf ist zu Fuß gegangen. Ich soll ganz gehorsamst melden, dah er erst in der Rächt Heimkommen würde."
„Es ist gut. Versorge die Pferde gut."
„Jawohl, Herr Gras!"
Beim Abendbrot sah Kora schweigend da.
„Du bist enttäuscht, Kora, dah mein Herr Sohn nicht da ist?"
Sie zuckte zusammen. Seine Hand legte sich drohend auf die ihre.
.Ich warne dich, Kora! Lächerlich machen lasse ich mich nicht."
Ihre Lippen zuckten, ihre Hand schob sich unter der seinen weg.
„Was willst du? Willst du mir zum Vorwurf machen, dah ich ihn nicht gleich verdamme, nur weil so ein alter Ekel dir den Wisch geschrieben hat?"
„Das allein ist's nicht. Lüge doch nicht, Kora! Du interessierst dich für ihn, machst vielleicht gar schon Unterschiede. Ziehst Vergleiche zwischen rhm und mir! Aber ich sage dir: Er hätte dich niemals geheiratet, er nicht. Er hat den unbändigen Stolz seiner Mutter in solchen Dingen geerbt. Er verachtet dich höchstens."
„Ich danke dir, dah du mir vor Augen führst, wie weit du dich herabgelassen hast. Ich werde es mir ganz genau merken."
„Ich liebe dich, Kora. Du sollst, du muht e- wissen. Derlah mich nicht, Kora!"
Völlig im Dann der Gewalt diese- jungen Weibes blickte der alte Graf vor sich hin und bemerkte nicht den verächtlichen Blick, mit dem sie ihn ansah.
Kora aber schwieg verbissen und sprach an diesem Abend nicht mit ihm, las auch nicht vor, ehe er schlafen ging.
In seinem Zimmer sah der alte Herr dann aufrecht im Bett, sah zu dem Bilde seiner verstorbenen Frau hinüber, das in ovalem Rahmen auf dem runden Tisch stand, und stöhnte:
„Warum bist du gestorben? Alles wäre noch ruhig und friedlich um mich, wenn du mich nicht verlassen hättest."
* . ♦
Draußen im Pairk ging Kora zwischen den Rosen auf und ab. Die Nacht war warm und geheimnisvoll; ein Nachtvogel klagte eintönig.
Das Herz des jungen Weibes schlug in Sehnsucht und Liebe dem Sohne des alten Mannes entgegen, des alten, kranken Mannes, der ihr Gatte war.
Hm Reichtum und Wohlergehen hatte sie ihre Jugend verkauft, und das war ein Verbrechen! Ein schweres Verbrechen an sich selbst.
Jetzt erst wußte sie, was sie getan, als sie sich verkauft!
Nun war es zu spät! Alles war zu spät!
Kora hob das Gesicht zum blauen Nachthimmel.
War es wirklich zu spät?
Wie hatte der Graf gesagt?
„Er würde dich niemals geheiratet haben, denn er hat den unbändigen Stolz seiner Mutter geerbt!"
Ob das zutraf?
Oder ob ihr Gatte es nur behauptete, weil er die sieghafte Persönlichkeit seines Sohnes fürchtete?
Kora schlang die bebenden Hände fest ineinander.
Wenn sie jetzt noch ein junge-, unschuldiges Mädchen wäre, ob er sie dann lieben könnte? Ob er es tun würde? lind wenn sie keine Heirat von ihm verlangte, ob er sie dann nicht einmal küssen würde?
Ohne es zu wissen, sagte sie leise:
„Ich liebe dich, du schöner, großer, starken Mensch du. Es war ein Verbrechen an mir, als ich mich txm den Versprechungen des alten Mannes locken lieh. Wenn du arm wärst, es sollte mir alles gleich sein, wenn du mich nur lieb hättest."
Wie heih es war.
Kora strich mit beiden Händen das schwere blauschwarze Haar aus der weißen Stirn zurück.
Wie die Rosen betäubend dufteten! lind die Lorithas! Der Geruch legte sich auf die Sinne.
Kora brach einige von den dunklen Rosen, nahm den Duft in sich auf, legte den Kopf zurück.
„Ich liebe dich!"
Der Nachtvogel klagte...
Drüben an der hohen, altersgrauen, verwitterten Steinmauer knarrte das kleine Tor.
Die dunklen Rosen an sich drückend, blieb Kora stehen, schmiegte sich in den Schatten des Gebüsches.
Der Kies knirschte leise unter dem festen, elastischen Schritt des Mannes. Koras Herz hämmerte, und dieses Hämmern tat fast weh. Jetzt war er dicht bei ihr, mußte sie gewahren.
Das junge Weib trat vom Rasen herunter auf den Weg. Gerade in diesem Augenblick trat der Mond hinter den weihen Wolken hervor und beleuchtete hell Koras schönes, fremdes Gesicht.
Graf Kentner hielt den Schritt an.
„Guben Abend! Ich will nicht hoffen, bah ich Sie bei einem friedlichen Spaziergang gestört habe. Ich hatte nicht die Absicht, hätte bestimmt
einen anderen Weg gewählt, wenn ich hätte ahnen können, Ihrnn den einsamen, schönen Nacht? spaziergang zu verderben."
„Sie haben mir nichts verdorben. Ich habe hier gewartet auf Sie. Herzlich willkommen daheim!"
Sie hielt ihm die Rosen entgegen, und er blickbe überrascht in ihr schönes, dunkles Gesicht.
„Gehorsamsten Dank! Ich weih wirklich nicht, womit ich diese Aufmerksamkeit verdient habe. Es wäre wohl besser gewesen, ich hätte ausführlich geschrieben, dann würde man in Kentner- hof sicherlich keine Empfangsfeierlichkeiten getroffen haben."
„In Kentnerhof weih man an maßgebender Stelle, warum Sie Heimkommen. Graf Ferdinand Donenbirchner, der Rat, hat an — an den Grafen einen Brief gerichtet."
„Ah!"
„Ja! lind nun tat es mir so leid, dah sich niemand um Ihr Kommen kümmerte. Ihre — Mutier hätte doch gewiß auf Sie gewartet, auch wenn viele Briefe von häßlichen Menschen gekommen wären."
Mit wachsendem Staunen blickte er in ihr Gesicht.
„Ja, meine Mutter hat immer gewartet."
Er wußte nicht, wie er dazu , kam, ihr das zu sagen. Doch in seinem Herzen begann eine Saite langsam zu klingen für diese schöne Frau, di« seinem Vater gehörte.
Er nahm die Rosen und sagte dann:
„Ich danke Ihnen sehr. Es ist sehr liebenswürdig."
Herzlich drückte er ihr die Hand, ohne sich zu einem Handkuß herabzulassen.
Doch Kora war schon darüber glücklich.
„Ich habe gewartet, um Ihnen zu sagen, dah Ihr Vater sich auf Ihr Kommen gefreut hatte, daß er jedoch nach Erhalt des Briefes furchtbar böse war", flüsterte Kora und sah wie gebannt in seine großen Augen.
Er lächelte.
„Ich danke Ihnen. Nun bin ich wenigsten- eingeweiht. Da habe ich also keinen guten Empfang von meinem Vater zu erwarten; ich kenne ihn. Doch ob mit oder ohne Brief — eine Aussprache muh ja doch sein. Sv ist es gleich, ob er es schon eher erfuhr."
„Man hat es ihm aber auf eine feige, hintev- listige Weise beigebracht. Hier ist der Brief."
„Ich danke Ihnen. Danke Ihnen vielmals für so viel Freundlichkeit. Doch der Brief ist nicht für mich bestimmt, also werde ich ihn auch nicht lesen. Ich kann mir nun schon ganz gut denken, dah man die Tatsachen verdreht hat; doch das ist ja jetzt ganz belanglos. Ich habe noch nie gelogen, also wird mein Vater mir auch jetzt glauben müssen."
(Fortsetzung folgt.)
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