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Aus der Provinzialbaupestadt

Gießen, ben 17. April 1931.

40 Jahre im Dienste derZsraelitischen ^eligionSgemeinde. Die Vollendung der 4 0 jährige n D ienstzeit des Äantors und Lehrers Joseph Marx en der Israelitischen R e l i g i o n s g e m e i n d e @iefcenam 19.21prH bietet den Anlaß» zu einer Ehrung, die in einem Festgottesdienstc am Samstag, 18. April, vormittags in der Synagoge an der Sud« onlage die religiöse Weihe erhalten soll Als Herr Marr nachdem er mehrere Jahre m Unna, Go- desbergund Mors als Volksschullchrer und Kantor tätig gewesen war, sein hiesiges Amt antrat galt es den von hohem Alter gebeugten Lehrer Meier, der musikalisch und wissenschaftlich für sein Amt her­vorragend ausgebildet war, nach SVjahrrger Tätigkeit »u ersetzen. Der junge Beamte stand vor der nicht leichten Aufgabe, einen großen Teil der bisherigen Synagogengesänge, besonders die liebgewonnenen Ehorgesänge, beizubehalten, und die fantoralen Soli und Rezitationen diesen anzupassen, daneben aber auch in den Gottesdienst Abwechslung zu bringen durch Einführung neuerer Kompositionen, besonders solcher von Lewandowsky, nach dem Vorgänge aller größeren israelitischen Religionsgemeinden. Mit einer klangvollen umfangreichen Baßstimme, Zuerst im Lehrerseminar zu Münster und dann in einem Kon­servatorium zu Brüssel ausgebildet, brachte Herr Marr den Gottesdienst in allen seinen Teilen auf eine ansehnliche musikalische Höhe und stimmte die Betenden zu weihevoller Andacht. Wohl noch schwie­riger war die Aufgabe, die ihm als Religionslehrer gestellt wurde. Der Religionsunterricht mußte den neuzeitlichen Ansprüchen gerecht werden. Der da- malige Rabbiner Dr. Levi stand bereits im 85.Le- benssahre und konnte schon viele Jahre früher, bei Einführung des israelitischen Religionsunterrichts als Pflichtfach an den höheren Schulen, diesen nicht übernehmen, teils, wie er selbst bescheiden meinte, mangels Eignung als Lehrer teils wegen lieber- lastung mit anderen Dienstgeschäften in den zahl- reldien Gemeinden des ausgedehnten Rabbinats- bezirks Oberhessen. So erteilte Herr Marr mehrere Jahre hindurch den gesamten israelitischen Religions- unterricht, wobei er der Jugend so viel liebevolles Verständnis entgegenbrachte, daß selbst die gereiften Schüler, die anfangs nicht viel jünger als der Lehrer waren, dem Unterricht volle Aufmerksamkeit ent- gegenbrachten. Oesters wiederkehrende Jugendfcfte, an denen die ganze Gemeinde freudig teilnahm, wirkten erzieherisch auf die jugendlichen Gemüter und erzielten schon vor 40 Jahren die Wirkung, die in den letzten Jahren durch Veranstaltung sog. Eltern, abenbe allgemein erstrebt werden: eine Verbindung von Elternhaus und Schule und Annäherung zwi- schen Lehrern und Schülern. Daneben fiel Herrn Marx auch die Ausgabe zu, den greifen Rabbiner in verschiedenen Amtsgeschäften zu entlasten, und mit angeborenem Takt und natürlicher Beredsamkeit konnte er auch hierin verdienstvoll wirken. Mit Wohl­wollen jedcm einzelnen Mitglied der Gemeinde zu- getan, war Herr Marx bereit, nach Möglichkeit jedem zu dienen, und er erwies sich vielen als treuer Berater und Helfer. Auch die nicht geringen Mühen der Wanderfürsorge nahm er in selbloser Weise auf sich Seiner Anhänglichkeit an die Religionsgemeinde Gießen entsprangen verschiedene Abhandlungen über deren Geschichte und Rechtsverhältnisse, besonders soweit sie die Stellung der Lehrer betrafen. Die jeweiligen Vorstände und Mitglieder der Gemeinde haben auch stets das vielseitige Wirken ihres pflicht- treuen Beamten zu würdigen gewußt, und es an

Beweisen schuldiger Dankbarkeit nicht fehlen lassen. Möge die verdienstvolle Tätigkeit dieses Mannes, der noch jetzt mit unverminderter Straft und voller Hin- gebung alle (eine Pflichten erfüllt, noch viele Jahre der Gemeinde zum Segen erhalten bleiben!

Schont und schützt die Anlagen.

Ein CRunbgang um di« Stabt führt den Spa­ziergänger vor Augen, bah unsere Anlagen frühlings- unb sommermätzig her- gestellt wurden. Ss fehlt nur noch baS frische Grün ber Bäume und Sträucher, das hoffentlich Regen unb Sonne halb hervorzaubern werben. Die neueren Holz-Ruhebänke sinb weih, die äl­terem mit eisernem Untergestell grün unb grau gestrichen worden: die Wege wurden im ver­gangenen Winter neu belieft, das Eisengeländer entlang dem Schoorgraben mit Schutzanstrich ver­sehen. Die immer einen besonderen Anziehungs­punkt der Kleinen bildenden Sandbecken auf den Kinderspielplätzen erhielten neue stabile Holz- faflung und Banktische, die ausgiebig zur Her­stellung vonKuchen" undTortenbackwerk" be­nutzt werden: besonders fleißige Kinder leisten hier sogar Ueberstunden, und schliehlich geben die jungen Mütter mit ihren farbenfteuöig aus- gestatteien Dabywagen den Anlagen auch ein be­sonderes Gepräge. Gs ist nun an den Erwach­senen, das mit erheblichen Kosten Geschaffene zu schützen, und nötigenfalls da einzufchreiten, wo kindlicher Unverstand, ober mangelnbe Acht­samkeit der erwachsenen Angehörigen Schaden anzurichten drohen. Denn schliehlich muh der Sichtete Schaden auf Kosten der Steuer-

: wieder aus geweht werden. Die behördlich Iten Aufsichtspersonen können nicht überall zu gleicher Zeit sein. Das Recht, Schaden zu verhüten, steht jedermann zu, wenn große und kleine Hände sich an Blumen und Sträu­chern vergreifen, oder die Rasenflächen betreten. Auch den Hunden, die mit Borliebe Rasen und Beete zerkratzen, muh entschieden gewehrt wer­den. Darum: Schont und schützt die An­lagen!

Daten für Samstag, 18 April.

Sonnenaufgang 5.26 Uhr, Sonnenuntergang 19.24 Uhr Mondaufgang 5.29 Uhr, Monduntergang 20.08 Uhr.

1521: Luther auf dem Reichstag zu Worms; 1573: der Chemiker Justus von Liebig in München gestorben, 1892: der Dichter Friedrich von Boden- stcdl in Wiesbaden gestorben: 1906: Erdbeben in San Franzisko.

$ür und gegen verwilderte Katzen.

Der Gießener Tierschutz-Berein. Weserstrahe 4, schreibt uns: Verwilderte Katzen sind der Schrecken der Bogelwelt. Zugleich haben jene herrenlosen Katzen oft genug cm bedauernswertes Schicksal. Deshalb muh versucht werden, ihre Zahl möglichst au vermindern. Man kann daS, indem man von jeöcm Wurf nur ein Tierchen leben, die jungen Kater kastrieren läßt und herrenlose, verkommene Tiere zum Töten bringt Die kleinen Kätzchen follen gleich nach bet Geburt unb nicht im Beisein des Muttertieres getötet werben. Aus Sentimentalität läßt man oft die kleinen Katzen leben, weil sie oft den Kindern Freude bereiten, später aber kümmert sich niemand mehr um sie, stellt ihnen vielmehr nach. Besser tötet man alle Zungen einer Katze, als daß man das eine über­lebende elend verkommen läßt und einem un­gewissen Schicksal ausliefert.

Viele Leute haben die Gewohnheit, die Katzen mit Steinwürfen zu vertreiben, um die Vogel zu schützen. Sie bedenken dabei aber nicht, daß sie.

um einem Tier zu helfen, vielleicht cht anderes schwer verletzen, ohne eS ganz zu töten, so daß eS, in diesem Falle die Katze, unter Qualen Weilerleben muh. 5ft eine Katze lästig, so sind wir es ihr und uns schuldig, sie rasch unb schmerz­los töten zu lassen. Der Tierschutz-Verein erteilt in allen Fällen gern Rat.

. Bornotizen.

Taae skatender für Freitag. Stadt- kheater:Lady Wintermeres Fächer", 20 dis 22.30 Uhr. Ltabsmusik der Heilsarmee aus Berlin: Geistliches Konzert. 20 Uhr. Aula der Universität. Bund für christliche Erziehung in Haus und Schule: Lichtbildervortrag über Italien. 20 Uhr im Johan- nesfaaL Oeffentlicher Vortrag über Bausparen, Referent Landtagsabg. Dr. Klamt (Berlin), 20 Uhr, HotelHindenburg". DHE.: Lichtbilderoortrag 20.30 Uhr im Forstinstitut. Brautzaffe 7. VfB. 08: Hauptversammlung 20.30 Uhr im Caf6 Ebel. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Drei Tage Mittel­arrest". Astoria-Lichtspiele:Der Leutnant Ihrer Majestät".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr. Gastspiel der Frau Auguste Prasch-Grevrnberg. Ehren­mitglied des Meininger LandeSlheaters, in der Rolle der Herzogin in Qskar WildesLady Windermeres Faches'. Spielleitung Walter Däuer'.e. D.ese Gesellschaftskomödie wird heute zum letzten Male aufgeführt. Sonntag, 19. April, 11.30 Uhr. in Verbindung mit dem Doethebund HanS-SachS-Morgenfcier (4. Tag deS KammerspielzykluS). Zur Aufführung ge­langen drei Einakter von Hans Sachs (Die junge Witfrau Franziska". ..Sankt Peter auf Erden" unb ..Das heiße Eisen"), bie von ber Spielleitung Dr. Ritter trotz ihrer Verschie- benartigkeit zu einem einheitlichen Ganzen zu­sammengefaßt wurden. Vorher hält Dr. Karl Ritter einen Einführungsvortrag über bie dra­maturgische Bedeutung von Hans Sachs. Mvrgen- feierpreise. Ende der Veranstaltung 13 Uhr. Auf Grund vieler Anfragen, vor allem aus­wärtiger Besucher, hat die Intendanz sich ent­schlossen, die JazzkapelleWcintraubS-Synco- paiors" nochmals zu einem zweimaligen Gast­spiel für Sonntag, 19. April, 15 Uhr und 19 Uhr zu verpflichten. Die RachmittagS-Vor- ftellung lringt eine musikalische Dühnenschau mit auserwähllein Programm au Mvrgenfeierpreisen. Die Akendveransttaltung sieht eine musikalische Dühnenschau mit erweitertem Abendprogramm vor. Kleine Preise. Es wird darauf hingewiesen, daß zu der Abendveranstaltung nur noch wenige Karten zu haben sind: zur Rachmittaasvorstel- lung jedoch sind noch sehr gute Plätze aller Platz­gattungen erhältlich. (Ende der Veranstaltungen: nachmittags 16.30 Uhr, abends 21 Uhr.)

Die Volksrecht-Partei Sparer- bund, Ortsgruppe Gießen, lädt in unserem heu­tigen Anzeigenteil zu einer öffentlichen Versamm­lung am kommenden Montagabend im Katho« liscAn Vereins Haus ein. Der Reichsparteivor- sihende Prof. Dauser (Stuttgart) wirb über .Dolksrecht-Kampf für Arbeit unb Drot" spre­chen. (Siehe Anzeige.)

Eine Ausstellung von BMW. Klein- a u t o 9 veranstaltet die Autofirma Otto Faber vom 18. bis 22. April im Saale des Hotels Schütz. Die Ausstellung dürfte den Auto-Jntereffenten viel Neues und Sehenswertes bieten. Man beachte die heutige Anzeige.

LU. Don der Landesuniversität. Die Einschreibungen für das Sommersemcster 1931 be­ginnen am 20. April und enden am 16. Mai. Die

erste feiersiche Immatrikulation sindet am 2. TOa\ die letzte am 16. Mot statt.

' Doranschlagsberatung im Gieße­ner Stadtrat. Am Freitag nächster Woche findet eine öffentliche Sitzung des Stadttats im Sitzung», faale des Stadthauses, Bergstraße, statt. Im Mittel- punkt der Beratungen wird der Voranschlag für da» Rechnungsjahr 1931 stehen.

EineAnmahnungvonSteuernund Abgaben veröffentlicht die Stadlkaffe in unserem heutigen Anzeigenteil. Die Zahlungspslichtigen seien daraus besonders aufmerksam gemacht

" Todesfälle in Gießen. Es verstorben in Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. April: 1.: Elisabeth Dreitwieser geb. Endner, 58 Jahre, Druchstraße 19; 2.: Pauline Wilhelmine Wagen­bach geb. Heuser, 51 Jahre, Wilhelmstraße 71; 3.: Karl Schäfer, Former, 34 Jahre Asterweg 68; Georg Strack, Schneidermeister, 62 Jahre, Großer Sicinweg 14; Katharine Rausch geb. Böckel, Witwe, 36 Jahre, Frankfurter Straße 24; Anna Schröckert geb. Hartmann, ohne Deruf. 58 Jahre, Licher Straße 106; 6.: Marie Werner geb. Orb, Witwe. 66 Jahre, Kaplansgasse 21; Margarete Maraols, ohne 'Beruf, 57 Jahre, ßiebigftrane 37; 8 : Emst Haberkorn, 1 Tag. Mottkeftraße 5; Fritz Eikmeier. Handelsvertreter. 41 Jahre. Schil­lerstraße 5; 9 : Gertrud Dina Anna Dalentti^ 8 Jahre. Alicenstraße 4; 10.: Eleonore Haubach geb. Heil. 71 Jahre. Asterweg 31; Maria Koch geb. Decker, Witwe. 62 Jahre. Friedensstraße 10; 11.: Heinrich Rabenau. Schuhmachermeister. 73 Jahre. Seltersweg 61; Anni Gebhardt. 8 Monate, An der Kläranlage 88; 12.: Reinhard Richter. Student. 25 Jahre, Frankfurter Straße 4; Heinz Decker, 3 Monate, Alter Rödger Weg 24; 13.: Johanna Rau geb. Gold, 61 Jahre, Am Kugel­berg 22; 14.: Johann Klutkowsky, ohne Deruf. 39 Jahre, An der Kläranlage 4. Friedrich Dau» der. Frldwebel, 30 Jahre, Sdbotlftrafrt 13.

Freie Lehrer st eile. Erledigt ist die Stelle für einen evangelischen Lehrer an der Volk»- schule in TO ün ft er (Kreis Fsiedberg). Dienstwoh- nung ist vorhanden.

* Mi li r konzert in der Provin­zial - P f l e ge a n st a 11. Man berichtet uns: Die hiesige Reichs wehr kapel le erfreute gestern vormittag die Infaffen und daS Perfonal der Provinzkal-Pflegeanstalt durch die Darbietung verschiedener schneidig vorgetragener Musikstücke. Die vielen dankbaren Zuhörer haben nur den einen Wunsch, recht bald wieder die Reichswchr- kapelle in der Anstalt hören zu können.

Eine Stahlhelm-Kundgebung veranstaltet der Stahlhelm-Landesverband Groß- Hessen am nächsten Sonntag in Frankfurt a. M. Der 1. Dundesführer Franz Del die wird der Veranstaltung beiwohnen. Am Rachmittag findet ein Aufmarsch der Stahlhelmer im Ost park vor dem 1. Dundesführer statt, anschließend wird der Marsch durch die Stadt angetreten, der mit dem Vorbeimarsch vor dem 1. DundeSführer am Sendenixrgianum enden wird. Den Abschluß der Veranstaltung wird am Abend eine Kundgebung für das VolHbegehren bilden, bei welcher Sran* Seldte sprechen wird. Zu diesem Aufmarsch werden mehrere Tausend Stahlhelmer auS dem Landesverband Groß-Hessen erwartet.

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