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Nr. 292 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Montag, U. Dezember 1951

Randnoten.

Der von aller Welt im Hinblick auf die an- gefagte Botschaft des Präsidenten Hoover mit großer Spannung erwartete 7 2. amerika­nische Kongreß im Weihen Hause zu Wa­shington wurde durch den üblichen glanzvollen Einzug von 96 Senatoren und 435 Abgeordneten eröffnet. Aber von der Straße herauf tönte eine seltsame Begleitmusik zu den Fenstern des Kapitols, hinter denen sich das feierliche Zeremoniell abspielte. Auf dem großen Platz vor dem Parlamentsgebäude war nicht eine freudig bewegte Menge versammelt, um dem Prä­sidenten etwa zuzujubeln, sondern ein großes Heer von Unglücklichen. die aus allen Teilen des Landes, in dem einst die Prosperity herrschte, nach mühseligem Fußmarsch schon am Bortage in Washington eingetroffen waren. Es ist eine ganze Armee von Arbeitslosen, die trotz des in Amerika noch immer herrschenden Reichslums in ihren Heimatorten nicht mehr das tägliche Brot hatten und in diesemHungermarsch" nach der Kongrehstadt den letzten Ausweg aus ihrer Rot suchten.

Es sind keineswegs Strolche und Bagabunden der Landstrahe Typen, wie sie Zack London so glänzend charakterisiert hat, die gerade in Amerika in Massen aufzutreten pflegen, vielmehr sind es Gruppen von ernsthaften Männern, de­nen es trotz jahrelanger Mühen und Anstrengun­gen nicht gelungen war, Arbeit und Brot zu fin­den, und die nun ihre trostlose Lage einmal nach amerikanischen Grundsätzen direkt an die höchsten Stellen bringen wollten, um so durch diese an­schauliche Demonstration von dem Präsidenten des Landes selbst Beistand und Milderung ihrer Rot zu erreichen.

Aber die Art, wie dieser Hungerkreuzzug in Washington abgefangen wurde, ist typisch amerikanisch und für europäische Borstellungen geradezu verblüffend: Schon an der Grenze der Stadt wurde der Demonstrationszug abgefangen und die etwa zweitausend Arbeitslosen wurden fein säuberlich auf Lastautos verfrachtet, mit denen sie dann in eigens dazu bereitgestellte Baracken gebracht wurden: auch lieh man es dort ent einem guten Essen nicht fehlen, zudem haben die Behörden grohe Säle für die Abhal­tung von Massen-Meetings zur Verfügung ge­stellt alles das beweist, daß man an verant­wortlicher Stelle in Washington dem Hunger­marsch die Bedeutung beigelegt hat, die er bei einem ungestörten Verlauf durch eine Demon­stration bis vor das Parlamentsgebäude leicht hätte bekommen können.

Trotz alledem ist es nicht so ?anz in Ruhe ab­gegangen. Am Vormittag der Parlamentseröff­nung waren die Demonstranten, nachdem sie ge­schlafen und gegessen hatten, zu einer grohen Versammlung in geordnetem Aufmarsch auf dem Kapitolsplatz erschienen, wo sie dann sofort von der Polizei umzingelt wurden. DieHunger­pilger" versuchten mehrfach, diese polizeilichen Absperrungen zu durchbrechen, was ihnen aber nicht gelang. Eine Abordnung von zehn Demon­stranten. die eine Bittschrift überreichen sollte, kam nicht über die Saalwächter des Kapitols hinaus. Präsident Hoover ließ erklären, dah er nicht die Absicht habe, die Deputation zu empfan­gen. Es ist nicht schwer zu raten, dah der Hungermarsch auf eine k o m m u n i st i s ch e Agi­tation zurückzuführen ist, aber durch die ge­schickte Regie der Washingtoner Behörden ab­gebogen wurde.

Zn der S ch w e i z ist etwas sehr Merkwürdiges passiert. Das Volk der Eidgenossenschaften hat durch eine Abstimmung vom Zähre 1925 den Grundsatz der Alters- und Znvaliden- v e r s i ch e r u n q in die.Verfassung ausgenommen. Die Regierung yat daraufhin ein Ausfuhrungs-

ALE 3RT H. RAUSCH

Unterwegs

VIII. Begegnung.

Vor vielen Zähren in Rom geschah dieses: Es war in den letzten Tagen des April. Der Sommer, der es in diesem Zahre nicht sehr eilig zu haben schien, war über Rächt gekommen und wie immer, wenn er lange zögert, mit großer Heftigkeit. Die Tage waren glühend, aber die Rächte strahlten jene gleichmäßige Milde aus, die sich allem Lebendigen mitteilt, die Sinne öffnet und die Herzen gütig stimmt. Die Gnade, mit der die Ratur das Dunkel segnet, läßt die Liebe traumvoller blühen, den Gang eines Festes schwellender werden und das Wort beseelter von der Lippe fliehen ... .

Man muh diese ersten Sommernächte in Rom erlebt haben, man muß sie in einem Kreise ver­trauter und genießender Freunde aufgetrunken haben, um zu wissen, was sie dem ganzen Ab­lauf eines menschlichen Daseins bedeuten können: als Gegenwart oder wache Erinnerung. Vielleicht auch muh man noch sehr jung sein, frei von Sorge, frei von Schwere, um ganz in ihren Zauber einzugehn ... ., . , , t

3n jenem Zahre nun, von dem ich spreche, hat­ten sich in Rom aus allen Ländern der Welt Freunde zusammengefunden, die in einer ganz von selbst entstandenen Gemeinschaft lebten, wie sie nur ein gütiges Geschick, niemals em mensch­licher Wille formen kann. Da waren Russen, Amerikaner, Engländer, Franzosen, Skandinavier, und vor allem Deutsche, welche mit einigen Ro­mern eine umgrenzte und doch IK dauernd >rr- neuernöe Gesellschaft über der Gesellschaft bil­deten und sich Fest auf Fest gaben Bald hier, bald dort strahlten die hellerleuchteten »en ter» fluchten durch die laue Rächt, Musik rauschte über schlafende Dächer, Gespräch und Lachen ver­klang in stummen Wipfeln ... Ewige, unvergeh- liche Tage: versunken für immer dem, der sie leben durfte, versunken auch einer auswachsenden Zugend die sie deshalb nicht kennen wird, weil Jahrzehnte vergeben müssen, ehe die Welt wie­der ein GleichgeMcht finden kann, welches die Voraussetzung zu solchem Aufklang und Zusam­menklang der Herzen' ist

Von einem solchen Feste dem schönsten, das ich je in Rom erlebte kam ich, als ich um die

ünd das nun schon elfJahre."

Wie man in England das deutsche ReparationS- und Gchuldenproblem sieht.

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zwei Milliarden borgen. Die ihn über die Zeit Hinwegbringen, während wir darüber Nach­denken, was wir dann tun sollen." Der circulus vitiosus des deutschen Schuldenproblems kann nicht treffender dargestellt werden. Deutsch­land muh borgen, um exportieren zu können, und exportieren, um seine Schulden bezahlen zu können. Die Unterschrift der Zeichnung lautet:Und das nun schon elf Jahre!"

Unsere Zeichnung stellt eine Karikatur des be­rühmten englischen Humorzeichners Low aus dem liberalenManchester Guardian" dar. Um­geben von den Zollmauern der Welt tagt eine Kon­ferenz von Sachverständigen vor riesigen Kisten, die deutsche Exportgüter enthalten. Die Aufschrift auf den Kisten besagen, daß Deutschland damit seine Re­parationen bezahlen wolle. Einer der Reparations­experten sagt gerade:Und ich schlage vor, meine Herren, daß wir dem Schuldner noch ein e oder

geseh ausgearbeitet, Das parlamentarisch mit gro­ßer Mehrheit angenommen wurde, das aber am Sonntag zur allgemeinen Lleberrafchung in der Volksabstimmung mit großer Mehr­heit abgelehnt wurde, obwohl säst alle Par­teien seine Annahme empfohlen hatten. Wie das möglich ist? Man muß sich das Gesetz einmal ansehen, um Die Zusammenhänge zu verstehen.

Die Schweizer wollten keine Versicherung, also kein soziales Hilfswerk, das auf einen einzelnen Stand beschränkt ist, sondern sie wollten eine Rente für Das ganze Volk, ohne Rück­sicht auf das sonstige Vermögen. Zeder Schwei­zer männlichen und weiblichen Geschlechts sollte also, sobald er das 65. Lebensjahr erreicht hatte, eine Staatspension erhalten, die freilich zunächst nur sehr klein ist. Sie war so gedacht, daß vom 19. bis zum 65. Lebensjahr Beiträge gezahlt wer­den, für die Männer achtzehn, für die Frauen 12 Franken jährlich, wofür dann nach Vollendung des 65. Lebensjahres eine Rente von zwei­hundert Franken gezahlt wird. Das ist nicht viel, aber das war auch nur die Grundrente, zu der dann für die Minderbemittelten soziale Zuschläge traten, um so die gesamte Rente auf etwa fünf- bis sechshundert Franken steigern zu können. Allerdings war das erst das Endstadium, vorher sollte eine Aebergangszeit von fünfzehn Zähren eingeschaltet werden, während der alle Wohlhabenden nichts erhielten und die Ve° dürftigen nur die Hälfte der Rormalrente. Ju- zwischen sollte ein Vermögens st ock ange­sammelt werden, der dazu diente, das ganze Werk versicherungstechnisch zu untermauern. Als besonderer Vorzug wurde dem Aufbau nachge­

rühmt, dah kein großer Beamtenappa- r a t dazu geschaffen werden sollte. Die einzelnen Kantone hätten die Zahlungen zu leisten, und die Eidgenossenschaft selbst nur mit wenigen Beamten die Aufsicht zu führen.

Wir möchten annehmen, daß den Ausschlag für die Volksabstimmung der geringe Rutz- ef f ek t in den Ll e b e r g ang sj ahre n gege­ben hat, dah die einzelnen Wähler sich ausge­rechnet haben, wie gering die Rente ist im Ver­gleich zu den Aufwendungen, die teils durch die unmittelbaren Beiträge, vielleicht aber auch durch die mittelbaren Zuschüsse, die aus den Zollein­künften für Tabak und dem Alkoholmonopol ge­wonnen werden sollten, ilnö endlich wird sich doch mancher vielleicht auch gesagt haben, ob denn die kritische Zeit, die alle wirtschaftliche Entwicklung ins Ungewisse stellt, gerade der geeignete Augen­blick ist, um das Experiment einer Dolksversiche- rung zu wagen, das finanziell immerhin einen Sprung ins Dunkle bedeutet. Zedenfalls haben die Schweizer zunächst die Schaffung des risikolosen Menschen denn für die kleinen Bergdörfer ist eine Rente von fünfhundert Mark mehr als das Existenzminimum abgelehnt, allerdings nur um die Regierung dazu zu zwingen, in kurzer Zeit zur Durchführung des Verfassungsparagraphen neue Vorschläge zu machen.

Rund zwei Zahre hat die Vorunter­suchung im Falle Sklarek gedauert, bis schließlich die Voraussetzungen zur Eröffnung des Hauptverfahrens geschaffen waren. Seit vielen Wochen berät nun das Gericht in einer unendlichen Kette von Zeugenvernehmun­

gen, und immer noch ist man zu dem Haupt­anklagepunkt eigentlich gar nicht gekommen. Die Verteidigung hat es verstanden, an dem ersten Teil der Anklage, die Frage des Monopolvertra­ges, eine so umsangreiche Beweisaufnahme zu knüpfen, dah schließlich das Gericht vor der Ge­fahr stand, in der Fülle des Stoffes zu ertrinken und eine Möglichkeit, den Prozeß noch im Laufe dieses Zahres zu Ende zu bringen. Überhaupt nicht mehr bestand. Das Gericht hat aus diesem Tatbestand die Folgerung gezogen, daß es in einer etwas geheimnisvoll formu­lierten Erklärung einem Teil der Angeklagten, so­weit sie Beamte sind, zubilligte, es sei nicht wider­legt, daß sie an eine Schädigung der Sklareks in­folge der Kieburgschen Wirtschaft geglaubt hätten.

An diesem Beschluß wird sehr viel herum­gedeutet. Er ist wohl dahin zu verstehen, daß den Angeklagten bei dem Abschluß des Monopol­vertrages mit der Firma Sklarek der gute Glaube zugebilligt werden soll. Cs ist auch an­zuerkennen. daß die Beweisaufnahme mancherlei für die Sklareks Entlastendes gebracht hat. Zn der Kleiderbeschaffungsstelle der Stadt Berlin müssen geradezu tolle Zustände geherrscht haben. Der dafür Verantwortliche ist inzwischen gestor­ben. Er scheint in der Tat. um aus den Schwie­rigkeiten herauszukommen, die Sklareks gezwun­gen zu haben, bei ihrem Monopolvertrag ein sehr erhebliches Defizit zu übernehmen, das . sie dann auf ihre Art durch Gewinne in anderer Form wieder hereinzubringen versucht haben. An der moralischen Beurteilung des Fal­les wird dadurch nichts geändert, juristisch aber sind sie insoweit entlastet, als der Vorwurf der aktiven Beamtenbestechung wahrscheinlich nicht mehr nachzuweisen ist. Sie haben eben das Glück, daß viele gerade der Persönlichkeiten, deren Aus­sage von grundlegender Bedeutung gewesen wäre, nicht mehr aus der Zeugenbank erscheinen können, weil sie inzwischen der Tod abgerufen hat.

Ein Beweis, wie unangenehm für die Findung der Wahrheit sich die schwerfällige Prozeßmethode auswirkt, mit der wir in Deutschland arbeiten. Zst es wirklich nötig, daß nun das ganze Ver­fahren der Sklareks in unübersichtlicher Brette vom Gericht nachgeprüft wird, hätte es nicht ge­nügt, wenn die Staatsanwaltschaft einen einzigen KomHlex herausgriff, der ihre Schuld zweifelsfrei erwies, und sie daraufhin verurteilt wurden. Das hätte die Voruntersuchung erleichtert und hätte niemals das Gefühl entstehen lassen können, daß hier Kräfte am Werke sind, die einer wirklichen Klärung entgegenarbeiten. Schließlich genügt es ja auch, wenn einem Diebe ein oder zwei Ver­brechen nachgewiesen werden, ob er daneben noch Dutzende von anderen Einbrüchen auf dem Ge­wissen hat, mag bei der Straiabmessung von Be­deutung sein. Es ist aber sicher nicht nötig, daß seiner Verbrechertätigkeit bis in die letzten Einzel­heiten nachgeforscht wird. Die Engländer sind in der' Beziehung klüger als wir. Sie sorgen für eine rasche Rechtsprechung, die sehr viel besser dem beleidigten öffentlichen Gewissen gerecht wird. Davon könnten wir viel lernen.

Kundgebung desHessischenBeanttenbundes

WSR. D a r m st a d t, 13. Dez. Der H e s s i s ch e Beamtenbund und das Landeskartell Hessen des Deutschen Beamtenbundes hatten für Samstagnachmittag zu einer Kundgebung in den Städtischen Saalbau eingeladen. Die aus Beamtenkreisen sehr stark besucht war. Der erste Vorsitzende Dr. C l a h nahm zunächst gegen die Rotverordnung Stellung und verlas eine Kund­gebung, in der es u. a. heißt:

Die Beamten fordern von Reich, Land und Gemeinden Treue um Treue, gerechte Behand­lung, Verständnis für die immer größer werdende

vierte Morgenstunde die via Quattro Fontane dahin schritt. Man hatte mich bewegen wollen, noch zu bleiben: aber ich hatte den Ausschnitt des Rachthimmels über den Pinienkronen des Gar­tens gesehen, die Sterne im lauen Wasser der Lüfte, ich hatte den Atem der römischen Erde ge­spürt und den Aufhauch der Levkojen: ich wußte also, dah ich dieser Rächt gehörte, diesem blau- grünen, mondlichtgetränkten Aether, dieser schla­fenden Stadt, aus deren Höfen schon die ersten Hähne schrien, dieser bald sich im Aufwachen re­genden Stadt, die eine der größten Hieben meines Lebens ist. So war ich aufgebrochen, hatte die späten Tänzer dem abklingenden Fest überlassen und ging nun dahin, den Hut unter dem Arm, den Stock am Handgelenk, im Frack und in aus­geschnittenen Schuhen, die Stirn den Lüsten preis­gegeben. nein: das ganze Gesicht preisgegeben dem Düftegemisch, nein: das ganze Wesen preis­gegeben der unerhörten Stunde, die noch heute als Wunder in meinem Leben steht und leuchtet, mild und nachtblau leuchtet durch das Grau des deutschen Schicksals. Zch ging und ging, vor mich hinsingend, stehenbleibend, tief Ottern holend, manchmal lächelnd in den Traum, durch den ich schritt ... Zch ging treppauf, treppab, an schla­fenden Kirchen vorbei, vorbei an schlafenden Par­ken. Ich ging, des Weges nicht achtend, den Kopf gegen den Himmel gehoben, wie in einer großen Unwirklichkeit. Plötzlich, ich hatte eben den Bor- giabogen durchquert, strauchelte mein Fuß. Em Schmerzlaut hob sich vom Boden. Zch bückte mich, erschrak, als ich die zusammengekauerte Gestalt einer alten, sehr alten Frau gewahrte, die im Schutze der Mauer geschlafen hatte ... Run hatte ich sie unwissend, unwollend getreten und aus ihrem Schlummer ausgescheucht. Sie hatte ihre Hand gehoben und hielt sie gegen einen quer niederfallenden Mondstrahl, um zu sehen, ob sie blutete ... Aber die Hand war unver­letzt, nur schien sie zu schmerzen. Ich nahm diese arme, verwitterte, verwelkte Hand ... Sie neß sie mir ...

Habe ich Ihnen sehr weh getan, fragte ich schließlich ... Wollen Sie mir meine Unachtsam­keit verzeihen?

Sie sah mich lange an ... Sie richtete sich auf, sah mich wieder an, der nun auch im Monde stand ... Plötzlich lächelte sie ...

Ah, die Jugend, sagte sie ... die schöne Jugend ... und lieh sich langsam wieder zurück- sinken ... ,

Habe ich Zhnen wirklich nicht weh getan? fragte ich nochmals ...

Sie schüttelte den Kopf. Zhre Hand entglitt der meinen, fiel auf meinen Fuß ... blieb dort I liegen ... tastete ... und begann mit einem Male

die Dünne Seide des Strumpfes zu streichen ... Augen, in denen es einmal gebrannt haben mußte, hoben sich mir entgegen aus dem Halb­dunkel ... arme, nun erloschene Augen. Und die zerbrochene Stimme wiederholte:

Die Zugend, die schöne Zugend ...

OerDatterich" in Berlin.

Das Schillertheater, die volkstümlichere Niederlage des Berliner Staatstheaters, hat eine Perle echter deutscher Volkskunst ausgegraben, die PosseDattc- rich" von Ernst-Elias N i e b e r g a 11, von dem man außerhalb der Literaturgeschichten und außer­halb der hessischen Grenzen kaum noch etwas weiß, obwohl er in seiner Art ein genialer Kerl war. SeinDatterich" ist eine Lokalposse aus seiner Darmstädter Heimat, sie war schon zu Lebzeiten ihres Verfassers (er starb 1843) so populär, daß man nach dem Dichter kaum fragte; sie mar wie ein Volkslied aus dem Darmstädtischen entstanden, und Kundige behaupten, daß man auch heute noch nicht an einem dortigen Stammtische Platz nehmen könne, ohne sogleich von Zitaten und Redensarten aus Niebergall umschwirrt zu werden, obwohl das Volk diese gar nicht als schriftstellerisches Gut empfindet so ganz hat Niebergall aus dem Volk und für das Volk gedichtet.

Von der Handlung i[t wenig zu jagen, etwas mehr von dem fragwürdigen Helden, demDatte­rich", entlassenem Beamten mit Halbbildung, Knei­pengeher und Schuldenmacher in hoffnungsloser Versumpfung, ewigem Nassauer und dabei von be­strickender Liebenswürdigkeit und Leichtigkeit des Lebenswandels. Um eine solche Gestalt sie ist in ihrem Gebiet durchausklassisch" baut sich hie Fabel unter lauter kleinen Darmstädter Leuten, Handwerkern, Spießbürgern, unter denen sich Datte­rich seine Leute sucht, die für ihn zahlen, so auch einen harmlosen Dümmling, den Schmidt, den er Darr' seinBüsche" zu kirren sucht. Das mißlingt, Schmidt kehrt reuig zu feiner Braut zurück, und es gibt die erforderliche Verlobung. Das ist an sich nicht viel, aber diese kargen Ereignisse werden durch die Zutaten, die Milieuschilderungen, die trefflichsten Charakterköpfe ergänzt und erfüllt, so daß sich alles in allem ein lebensvolles Bild der kleinen Bieder­meierstadt ergibt, zeitlose Bühnenkunst, echtestes Dolksstück.

Die kleinen Füllsel, die Details hat die Auffüh­rung Leopold Lindtbergs getreulich bedacht, und Theo Otto hat sie in seinen Bühnenbildern nicht vergessen, wenn er die winkligen Häuschen, die schmalen Gänge und kleinen Stübchen naturgetreu wieder erstehen läßt. Losung des Abends: Abkehr von dieser Zeit, Flucht in die Vergangenheit! Daher

ein eigener Vorhang mit Der Postkartenansicht des alten Darmstadt, daher Blechmusik, Die an Der Rampe vorbeizieht. Daher um Die Bühne ein Rah­men, Der Zeitentrücktheit beDeutet.

Darstellerisch steht TheoDor Loos als Datterich in Der Mitte, Der nur vielleicht nicht Das Liebenswür- Dig-BestrickenDe hat, das man sich an diesem Menschen Denkt. Sonst: Hans fieibeit, Ludwig Donath, Hans Joachim Büttner. Wie es mit Dem Dialekt steht? Er roirD wahrscheinlich, trotz innigsten Be­mühens, arg verschanDelt, aber Der Regisseur schafft um Die Gestalten Die heimatliche unD zeitliche Fülle Der Bilder und Erscheinungen, so daß ein äußerst lustiges und lebensvolles Spiel entsteht. Heber alle und gegen alle Zeit erringt Die DarmftäDter Lokal- posfe von 1840 im Berlin von 1931 einen vollen Erfolg. G. B.

Zeitschriften.

Der Wolga-Strom rauscht in der unend­lichen Landschaft, aber es ziehen keine Schists- zieher mehr am ilferranb zum Rhythmus des Wolgaliedes. Ein anderer Rhythmus herrscht jetzt auf den weiten Wassern: die Wolga, der Hauptstrom Rußlands und größte Strom Euro­pas, ist längst die Lebensader des osteuropäischen Verkehrs geworden. Holzflöße, Petroleumkähne, Passagier- und Warendampfer beleben den oft seebreiten Strom. Der harte Rhythmus der Ar­beit klingt hinein in die Melancholie der stillen Landschaft. Diese Verbindung von Traum und Leben verleiht einer Wolgafahrt, wie sie Dr. Al­bert Herrlich in einem reich bebilderten Artikel in der neuesten Rümmer der Z11 u st r i r t e n Zeitung (I. Z. Weber, Leipzig) schildert, den eigenartigen Reiz. Die vorliegende Rümmer bringt u. a. auch zwei psychologische Aufsätze: Der Geist des Widerspruchs" von Fritz Hocke undRervosität unsere Zeittrankheit" von Dr. W. Flemming, die zum Rachdenken an- regen. Ein BeitragBurschen heraus!" be­handelt den studentischen Arbeitsdienst, der in diesem Sommer in Oberschlesien mit Erfolg ein­gesetzt wurde.

docbfcbulnocbrtchten.

Professor Dr. Walter Schirmer in Tübin - g e n hat Den an ihn ergangenen Rus auf Den Lehr stuhl Der englischen Philologie an Der Universität B e r l i n als Nachfolger Des verstorbenen Professors W. Dibelius angenommen.

D. Dr. Johannes Simon Schöffel, Hauptpastor an St. Michael in Hamburg, hat Den Ruf iuf Den Lehrstuhl Der Kirchengeschichte an der Universität Erlangen abgelehnt.