Reichs-Handwerks-Woche
Arbeit und Selbständigkeit!
Von Handwerkskammer-Direktor Schüttler.
Sie vom 15 bis 22. März stattfindende Reichshandwerkswoche gibt Veranlassung, einige Betrachtungen über das Wesen und die Bedeutung des Handwerks anzustellen.
Welche Rolle das Handwerk im Mittelalter zur Zeit der Zünfte gespielt hat, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Es darf als bekannt vorausgesetzt wer- den daß das Handwerk in damaliger Zeit Achtung und größtes Ansehen genoß, daß es als alleiniger Produzent die Macht besaß, weshalb auch in den damaligen Stadtparlamenten lediglich nach wirt- schaftlichcn Gesichtspunkten regiert wurde, im Gegensatz zu heute, wo die Parteipolitik leider die Hauptrolle spielt. Die Erfindung der Dampfmaschine und das damit allmählich einsetzendc Anwachsen der Fabriken machte diesem Zustand jedoch ein Ende, nachdem schon vorher durch die Aufhebung des Zunftzwanges die Macht des Handwerks ins Wanken geraten war.
Das weitere Vordringen der Maschine im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde allgemein als der kommende Untergang, als der Auftakt zum restlosen Verschwinden des Handwerks bezeichnet. Diese Ansicht wurde insbesondere von der nationalökonomischen Wissenschaft vertreten. Einer der bedeutendsten Gelehrten auf diesem Gebiet, Professor So m b a rt bezeichnete das Handwerk nur noch als Ueberbleibsel einer früheren Periode. Als jedoch eine für das Jahr 1907 aufgestellte Statistik ergab, daß 50 o. H. der Bevölkerung in Deutschland noch in Kleinbetrieben beschäftigt waren, gab Sombart seinem Erstaunen darüber Ausdruck und erklärte, die Zukunft des Handwerks fei gesichert, und wer es tot» sagen wolle, befinde sich im Irrtum.
Auch die Betriebszählung 1925 und die Er
hebungen des Enqueteausschusses in den Jahren 1927 und 1928 Hatzen bewiesen, daß das Handwerk noch acht Millionen Deutsche ernährt, daß es noch weiter- hin als mädjtiger Wirtschaftsfaktor eine besondere Rolle spielen, wird. Es soll keineswegs bestritten werden, daß 'Technik und Moderichtung starke Breschen in da-, Handwerk geschlagen haben. Einige Handwerkszmeige (z. B. Nagelschmicde) sind vollständig verschwunden, andere (z. B. Feilenhauer) nur noch ganz vereinzelt anzutreffcn, wieder andere (z. B. Dreher, Hol «bildhauer) haben infolge der geänderten Geschmacksrichtung schwer um ihre Existenz zu
ringen.
Dafür sint- aber wieder zahlreiche Arbeitsmögüch- keiten auf aendercm Gebiete entstanden. Eine große Anzahl bestehender Sch'ossereien, Schmiede- und Mechaniker betriebe hat sich umgcstaltet in Auto- schlossereien,, ferner sind die Autolackierereien und der Kaross'triebau zu erwähnen, die sich das Handwerk in Elffassung der durch die fortschreitende Entwicklung gergebenen Umstellung zu eigen gemacht hat. Man denke weiter an die Arbeitsmöglichkeiten auf dem Gebicite der Elektrizität, der Radioindustrie und der modernen Oberflächenbehandlung.
Das Handwerk hat sich behauptet und wird auch weiterhin danach streben, die ihm in der Wirtschaft zukonnmende Stellung zu erhalten. Um dies zu erreichen, verlangt das Handwerk keine Son» derbehcindlunq für sich und seine Interessen, sondern lediglich Rücksichtnahme auf seine Wünsch«, die seiner besonderen Wirtschaftsstel- lung entjiiringen.
Die au ff Industrie und Bergbau zugeschniltenen gesetzlichen, Bestimmungen der Nachkriegszeit haben dem selbständigen Handwerk schwere Schäden zugefügt, to sie die schematische Anwendung dieser Bestimmungen auf das Handwerk ohne jede Rück- fichtnahnrc auf desicn besonders gelagerte Verhältnisse durchgefÄhrt wurde.
Handwerk und Industrie sind zwei Produktions
zweige, die sich in den wesentlichsten Teilen der Produktionstätigkeit ganz beträchtlich unterscheiden. Handwerk in seiner ursprünglichen Bedeutung ist das mit der Hand vollbrachte Werk. Der Meister, der zugleich Geschäftsführer, Werkmeister und Kaufmann in seinem Betrieb ist, produziert in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Bedarfsdeckung. Das einzelne Werk wird meist nach besonderen Wünschen des Kunden hergcstellt. Die Geschicklichkeit und dos Können des Meisters und seiner Gesellen entscheiden über die Qualität des Werkes. Und gerade hierin liegt der besondere Vorteil gegenüber der Fabrikarbeit, die ihre Waren in Massen ohne Beachtung besonderer Wünsche bei dem einzelnen Stück herstellt. Der Handwerksgeselle hilft mit am ganzen Werk. Er selbst hat Freude an dessen Entstehen, während dem Arbeiter meist nur einzelne Teile in die Hand kommen.
Die Zusammenarbeit zwischen Meister und Gesellen beweist auch, daß das Handwerk in sozialer Hinsicht ausgleichend wirkt. Der Handwerksmeister arbeitet Hand in Hand mit seinen Gesellen und Lehrlingen. Soziale Unterschiede gibt es nicht. Der Meister selbst war einmal Lehrling und Geselle, aber auch die Lehrlinge und Gesellen können und wollen einmal Meister werden. Hierzu gehört gerade in der heutigen Zeit nur großer Fleiß und eiserne Energie. Für jeden Handwerksgesellen besteht aber auch noch die Möglichkeit, gute und angesehene Stellungen als Techniker und Meister in allen möglichen Industriezweigen zu erhalten, wenn eine gründliche handwerkliche Ausbildung nachgewiesen wird.
Wie schon erwähnt, verlangt das Handwerk für sich keine Sonderbehandlung. Die Wünsche des Handwerks sind ja so bescheiden: Durch Arbeitsmöglichkeit ein standesgemäßes Auskommen und Selbständigkeit. Es entspricht leider den Tat- fachen, daß das Handwerk trotz des Artikels 164 der Reichs'verfafsung in der Gesetzgebung der Nachkriegs, zeit sehr benachteiligt worden ist, sei es auf dem
Gebiete des Steuerwesens, der Sozialpolitik u. a. Warenhäuser werden in steuerlicher Hinsicht gegenüber dem Handwerk begünstigt, städtische und staat- liche Regiebetriebe machen dem Handwerk Konkurrenz, bei Arbeitsvergebungen werden die Preise bis auf äußerste gedrückt, neuerdings versuchte man sogar Strafanstalten zu Arbeitsvergebungen heranzuziehen, die naturgemäß billiger produzieren können, da sie ihren Insassen keine hohen Tariflöhne zu zahlen brauchen. Es wäre ein Leichtes, noch unzählige derartige Beispiele anzuführen und nachzuweisen, doch das würde zu weit führen, auch dem Sinn der Handwerkswoche nicht entsprechen.
Das Handwerk ist ein Wirtschaftsfaktor, der un bedingt Beachtung verdient. Wehe dem Staat, der feinen ausgleichenden selbständigen Mittelstand zugrunde gehen läßt.
Es sei nochmals betont: Das Handwerk will Arbeit und Selbständigksit, es will Rücksichtnah meaufdiebesonderenBe- lange der H a n d w e r k s w i r t s cha-ßt.
Um dies zu erreichen, und um von sich reden zu machen, für sich zu werben, veranstaltet das Handwerk vom 15. bis 22. März die Reichshandwerkswoche, die als erste einheitliche Gemeinschastswer- bung des gesamten deutschen Handwerks aufgezogen ist. Als Grundlage dieser Werbung wird hingc- roiejen auf die Qualität der handwerklichen Arbeit. Handwerksarbeit, die mit der Hand gefertigte Qualitätsarbeit, will für sich werben. In der Handwerksarbeit werden die Wünsche des einzelnen weitgehend berücksichtigt. Der etwas höhere Preis gleicht sich aus durch die Qualitätsarbeit, durch die Haltbarkeit.
Möge jeder Deutsche während der Reichshandwerkswoche den Wert der Qualitätsarbeit und damit die Bedeutung des Handwerks erkennen, dann wird der Werbung Erfolg beschieden sein, dem deutschen Handwerk wieder ein größerer Freundes- und Kundenkreis zugeführt werden!
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