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Nr. 266 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, (3. November (YZl
VolkszMungsschwindel in der Tschechoslowakei.
Wie man in Prag das Minderheitenproblem löst.
Bon unsrem V.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Prag, November 1931.
Volkszählungen und Wahlen sind in der Tschechoslowakei Korrektive zueinander, wenn man ein Instrument, das der Staat zur Uebervorteilung der Minderheiten mißbraucht, als ein Korrektiv bezeichnen will. Dom Gesichtspunkt des tschechischen Nationalstaates aus gesehen, hat die Volkszählung die Aufgabe, das in der geheimen Wahl bekundete freie Bekenntnis der Staatsbürger zu der oder jener Nationalität zugunsten der Staatsnation zu verfälschen. Der Zweck ist der, daß Orte oder Gerichtsbezirke die sprachlichen und materiellen Rechte einer sogenannten qualifizierten Minderheit verlieren, d.h. daß die Einwohnerzahl der Minderheit auf unter 20 v.S). herabgedrückt wird. So verliert die Minderheit das Recht, sich im Verkehr mit Aemtern und Behörden ihrer Sprache bedienen zu dürfen, an die Fonds für kulturelle Zwecke Ansprüche stellen zu dürfen, oder überhaupt mit Haushaltsmitteln der öffentlichen Hand bedacht zu werden. So ist es bei der letzten tschechoslowakischen Volkszählung im Dezember 1930 in einer Unzahl von Orten und Bezirken geschehen. In Olmütz, Ostrau, Hohenstadt, Brünn und in vielen ländlichen Bezirken, die vor zehn Jahren noch rein oder überwiegend deutsch waren, sank die Zahl der Deutschen auf unter 20 v.H. Aber nicht etwa fcuvd) natürlichen Bevölkerungsschwund, sondern allein durch die unerhörten Methoden der Zählung.
Es war für jeden Tschechen eine Ehrenpflicht, das Seine für Verfälschung des wahren Volksbckennt- nisses beizutragen und jeder hat den auf ihn gesetzten Erwartungen voll entsprochen. Gleichgültig, ob es Privatpersonen waren oder Organe der staatlichen Verwaltung: geschwindelt wurde, daß sich die Balken bogen. Die Vielfalt der Methoden ging von der gewöhnlichen Versprechung eines materiellen Vorteils bis zum Nachdruck mit dem Gewehrkolben. Das war die Zählungsart in erster Linie dort, wo die Völkerscheidung keine präzise ist, also im Hultschiner Ländchen, im Völkerkunterb'.'.nd Ostschle- sicns, in gewissen Gebieten der Slowakei und in Karpathenrußland. Nach tschechischem Recht und Sprachgebrauch gibt es z. B. eine mährische Nationalität, von der die Völkerkunde sonst nichts weiß. Die Hultschiner sind samt und sonders in den Augen der tschechosowakischen Staatsbehörden Mährer, d.h. tschechisch Marovane, oder im Eigen- schqftswort „m o r a v s k y". Bekannte sich ein Hultschiner trotz.allem Nachdruck mit Gendarmeriebajonetten — und viele gerade deswegen — zum deutschen Volk, dann hatte er in den Zählbogen ein kleines „n", also „n e m e y" (deutsch) einzutragen. Vorauf der Zählkoi^missar kam, die Bogen absammelte und an alle „n" einen Strich anfügte. So entstand ein „m", einMoravan (Mährer) — und ein Mährer ist nach tschechoslowakischem Recht und Gesetz das gleiche wie ein Tscheche.
Durchschlagender nocy in der Wirkung war die zweite Zählungsart, die die Theorie vom tschechischen „Nationalstaat" rechtfertigen sollte. Nämlich: Stichdatum für die Volkszählung war die Nacht vom 1. zum 2. Dezember 1930. Jeder Staatsbürger wurde dort gezählt, wo er sich in dieser Nacht auf hielt. Nun ist es zwar nach den Gesetzen auss strengste verboten, für das Datum der Volkszählung willkürlich seinen Wohnsitz zu ändern. Solche Verbote gelten aber immer nur für die Minder- heitenangehörigen. Zum mindesten war es bei der letzten Volkszählung so. Denn am 1Dezember setzte eine Massenabwanderung von Tschechen in jene Gebiete einL wo die Deutschen wenig über 20 v. H. der Vevölke- rung ausmachen und tatsächlich sind dadurch, daß so der tschechische Vevölkerungsanteil willkürlich
hinaufgedrückt wurde, die deutschen qualifizierten Minderheiten verlorengegangen. Und mit umgekehrten Vorzeichen wurde so mit jenen Städten und Bezirken verfahren, wo der tschechische Hundertsatz unter 20 blieb. Hier ging es darum, daß mehr als 20 v. H. Tschechen gezählt würden, denn eine solche Stadt hat nach dem Sprachengesetz zuerst in der Staatssprache, und dann erst in der Sprache der Minderheit, die in Wirklichkeit natürlich eine erdrückende Mehrheit ist, zu amtieren. Heber die Grenzen des Staates hinaus sind unter dieser spezies die Volkszählungssoldaten vonTrautenau bekannt geworden. Trautenau zählt 17 v. H. einheimische Tschechen, wenn man „einheimisch" sagen will, denn es handelt sich auch nur um Staatsbeamte, die erst nach dem Almsturz dorthin verpflanzt wurden, in Oesterreich war Stau » tenau rein deutsch. Aus „strategischen" _— nämlich aus volkszählungsstrategischen — Gründen wurde die Trautenauer Garnison am 1. Dezember um ein paar tschechische Bataillone verstärkt, und siehe: die Volkszählung ergab einen tschechischen Vevölkerungsanteil von über 20 v. H. So geschah es natürlich auch in einer Neihe anderer Städte. Wo die Militärverwaltung nicht eingreifen konnte, wurden die Tschechisierungsvereine mobilisiert, die ihre Anhänger zu Hunderten in die Städte mit unter 20 v. H. Tschechen oder wenig über 20 v. H. Deutschen dirigierten.
Auf diesen Schwindel ist schon bei der Volkszählung selbst mit Nachdruck hrngewiesen worden, ohne daß sich aber die Staatsbehörden bemüßigt gefühlt hätten, ihn abaustellen. Wie denn auch? Es geschah doch zur höheren Ehre des tschechischen Vaterlandes, und die deutschen Vertreter in der Negierung sind zu ängstlich, als daß sie dagegen aufgemuckt hätten. Es kam so, wie es kommen mußte: als die ersten Volkszählungsergebnisse — viele Monate nach der Zählung — bekannt wurden, herrschte eitel Jubel und Freude in der tschechischen Presse, „weil so viele deutsche Bollwerke überrannt wurden". Aber jetzt haben die Kommunalwahlen den ganzen Betrug an den Minderheiten entlarvt. In Olmütz z. B. hat die Stadt mit den Wahlen gleichzeitig eine neuerliche Volkszählung durchgeführt, änd den 65 939 Einwohnern am 1. Dezember 193) stehen 61605 Einwohner zu Beginn dieses Jahres gegenüber. Eine natürliche Verschiebung ist in den wenigen Tagen Zwischenzeit nicht cingetreten. Jetzt geben es selbst jene zu, die den Volkszählungsschwindel nie wahrhaben wollten, daß diese Merkwürdigkeit ihre Erklärung darin findet, daß die 1300 so urplötzlich abhanden gekommenen Bürger nichts anderes waren, als „Volkszählungsjoldaten" und Schlaf- kompanien der Tschechisierungsvereine.
„Alnd ein ganz unerklärliches Rätsel ist vns H u l t s ch i n", wehklagt heuchlerisch die tschechische Presse. Das nach der Volkszählung rein tschechische Hultschiner Ländchen hat nach den Wahlen, also nach dem freien, weil geheimen, Bekenntnis der Bevölkerung in einer ganzen Neihe von Orten deutsche Mehrheiten in den Gemeindevertretungen. Manche Orte wieder haben sogar ein rein deutsches Gemeindeparlament. Wer vermag da wohl noch von der von Behörden vielgerühmten Objektivität der Volkszählung zu sprechen? Jetzt jammert die tschechische Presse und hetzt: das Wahlergebnis sei nur deswegen so ausgefallen, „weil die Behörden mit den Hultschinern zu wenig scharf ins Zeug gehen". Aber gerade das Gegenteil ist wahr: der sinnlos brutale Druck der tschechischen Behörden auf die Hultschiner Bevölkerung hat von allem Anfang an Dämme aufgerissen zwischen dem Staatsvolk und den Hultschinern und bei ihnen die deutsch- und reichsfreundliche Gesinnung eher erstarien lassen. Die Hultschiner haben nie aufgehört, der gol
denen Zeit, da sie noch Bürger des Deutschen Reiches waren, nachzutrauern. „Ja, früher, im Reich, da war es doch ganz anders . -
Und wie und wo sonst noch geschwindelt wurde: In Mährisch-Schönberg wurden im Dezember des Vorjahres 22,5 o. H. Tschechen gezählt. Bei den Kommunalwahlen aber brachten es die Tschechen auf kaum 10 v. H. aller abgegebenen Stimmen. Hätten nicht soviele Deutsche die Wahl versäumt und hätte die Staatspolizei das Meldewesen besser in Ordnung — 800 Deutschen wurden keine Wahllegitimationen zugestellt! —, so hätten die Tschechen noch schlechter abgeschnitten. Und waren nicht soviele Staatsbeamte, durchweg Tschechen, an Stelle der früheren deutschen Beamten gekommen, wären nicht hunderte von Offiziers- und Feldwebelfrauen wahlberechtigt, Militärpersonen selbst sind es nicht, dann hätten die Tschechen in Mährisch-Schönberg überhaupt kein Mandat. So sieht das von Dr. Be- nesch gern zitierte „friedliche Nebeneinanderleben" zwischen Sudetendeutschen und Tschechen aus, das angeblich gelöste Minderheitenproblem, die tschechische Minderheitenpolitik, die, wieder nach Benesch, „keinesfalls auf Tfchechisierung der Minderheiten ausgeht". In Mährifch-Schönberg muß mindestens ein ganzes Volkszählungsregiment übernachtet haben. Anders läßt sich das Schwindelergebnis nicht erklären.
Das sind nur drei Beispiele für hundert. Denn so war es im ganzen Sprachgrenzgebiet. Leider ist das Korrektiv in Gestalt der Wahlen, das zugunsten der Minderheiten spricht und zum Unterschied vom behördlichen Korrektiv die Wahrheit sagt, von geringerer Bedeutung als die Volkszählung. Denn die staatliche Statistik kennt als Unterlage für
ihre Berechnungen nur die Volkszählung. Wo keine qualifizierte deutsche Minderheit gezählt wurde, verlieren die Deutschen ihre ohnehin so schmählich-kärglichen Sprachenrechte und wenn in Wirklichkeit der Hundertsatz 50 zu 50 steht. Und obendrein berichtet die tschechische Presse, daß angesichts dieser Wahlergebnisse eben doppelt scharf an die Tschcchisierung gegangen werden müsse. Die Tschechisierungsvereine versenden Fragebogen an ihre Vertrauensleute in gemischtsprachigen Gemeinden, die mit dem Satz beginnen: „Bis wann kann Ihre Gemeinde vollkommen tschechisch sein?" Ein bekannter Vorkämpfer der Tschechisierung, ausgerechnet ein tschechischer Sozialdemokrat, schreibt: „Unseren nationalen Vormarsch kann man nicht als beendet ansehen. Die deutsche Minderheit, die durch das nahe, mächtige Stammgebiet gestützt wird, erschwert unsere politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung ständig empfindlich. In den Minderheitsstellungen im Grenzgebiet ist es notwendig, daß sich unsere teschechische Arbeit verzehnfacht. Eine feste wirtschaftliche Verankerung unserer Ansprüche in jeder Gemeinde im Sprachgrenzgebiet muß unser erstes Ziel sein. Die Sicherung unserer Minderheiten durch tschechische Schulen und die Aemterreinigung (restloser Hinauswurf aller deutschen Beamten) wird in kurzer Zeit beendet sein." In dieser Tonart geht es fort. Da versteht man, daß sich im Ausland die Frage erhebt: was sagen die deutschen Mini st er dazu? Ihre Beantwortung aber, daß die Minister der deutschen Agrarier und Sozialisten völlig einflußlos und von den Tschechen nur ge = duldet werden, weil Benesch dem Ausland so eine „Befriedung der Minderheiten" weismachen kann, will man immer noch nicht glauben.
Deuifchnaiionale Volkspartei.
Die Deutschnationale Volkspartei hielt gestern abend im Cafe Leib ihre letzte Wählerversammlung vor der Landtagswahl ab.
ReichsiagSabg. Schmidt-Hannover sprach über Deutschlands Innen- und Außenpolitik und über die deutsche Zukunft. Die Demokratie des heutigen Deutschland sei diskreditiert, die Weimarer Verfassung fei eine Hausordnung, der man sich nicht mehr fügen wolle, der Druck von Versailles sei unerträglich geworden. Bedauerlich sei es, daß sich in Deutschland kein Echo rege, wenn in England von bedeutenden Führern davon gesprochen werde, daß die Kriegsschuldlüge unhaltbar fei: das amtliche Deutschland nehme davon kaum Kenntnis. Für die heutigen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit sei das Zentrum verantwortlich, denn durch feine Schlüsselstellung in Parlament und Regierung habe es immer entweder „Ja" oder „Rein" zu sagen Gelegenheit gehabt. Das Zusammengehen mit der Sozialdemokratie habe sich als ein Verhängnis erwiesen. Die bevorstehende Hessenwahl sei das Stimmungsbarometer für ganz Deutschland und über das Land hinaus mitbestimmend für die nächste politische Zukunft.
Der Redner beschäftigte sich dann mit der Reichsregierung. Brüning habe den Etat des Reiches saniert auf Kosten der Länder und Gemeinden, eine Notverordnung nach der anderen erlassen, dem Staatsbürger eine Freiheit nach der anderen entrissen usw. Zur Zeit sei das Thema Preis- und Zinssenkung aktuell. Hugenberg habe sich schon vor langer Zeit mit diesem Thema befaßt, einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, auf Grund dessen die Landwirtschaft hätte entschuldet und die Zinsen gesenkt werden können und der praktische Vorschläge zur Lösung der Wirtschaftskrise enthalten habe. Man habe den Entwurf ignoriert, später niedergestimmt. Zwangsläufige größere Beeinflussung der Wirtschaft von der Seite des Staates wäre nie das geeignete Mittel, eine Aenderung wirtschaftlicher Verhältnisse herbeizuführen. Wichtiger sei eine fühlbare Ent- steuerung. Der Mittelstand müsse wieder lebensfähig gemacht werden. Das Aufsaugen der Er
werbslosen sei doch nur dann möglich, wenn die Entsteuerung den Geschäftsmann instand setze, Mittel frei zu halten für die Entlohnung von Arbeitern und Angestellten. Es sei unwahr, wenn von verschiedenen Seiten behauptet werde, Hugen- berg habe in Kreisen von Wirtschaftspartettern erklärt, die deutsche Währung müsse dem Sterlingskurs angepaht werden. Die Regierung Brüning, die große außenpolitische Chancen habe, werde diese sicherlich wieder nicht ausnühen, weil die Ausnützung der Chancen eine Aenderung der bisherigen Politik zur Boraussehung habe. Es sei ein Irrtum, wenn man glaube, daß man dem Reparationsproblem erst dann nähertreten könne, wenn die inneren Verhältnisse stabilisiert seien. Wenn in Deutschland alles in Ordnung sei, denke das Ausland nicht daran, die „Heiligkeit der Verträge" verletzen zu lassen.
Rach dem Zusammenbruch des Zollunionspla- nes hätte, so führte der Redner weiter aus, jede andere Regierung abtreten müssen. In Deutschland sei nichts wesentliches geschehen. Die Dan- kenkrise vom 13. Juli habe nur Notverordnungen ausgelöst, während ein klarer währungspolitischer Plan fehlte. Die „Machtstellung des Schuldners" habe man nicht ausgenützt, wie man auch aus dem Konflikt zwischen England und Frankreich, zwischen Frankreich und Amerika (Goldabzüge) keine Nutzanwendung zu ziehen vermocht habe. Man habe die Chancen zum Angriff auf die Reparationsfrage ignoriert, dafür um die Stillehaltung gebangt und an der „bewährten" Politik festgehalten. Der Osten sei schutzlos, die Korridorfrage vernachlässigt, und bei all dem regiere das Zentrum auf Grund einer Mehrheit von 27 Stimmen, zu einer Zeit, da die Kommunisten den Barrikadenkampf vorbereiteten und Deutschland zwischen Versailles und Moskau hin- und hergerüttelt werde. Leider habe die Mitte durch ihre unbestimmte Haltung die Schlüsselstellung der Zentrumspartei ermöglicht. 'Die Deutschnationale Dolkspartei kämpfe daher gegen das Zentrum. Heute sei die nationale Opposition im Wachsen, man begrüße jede Verstärkung, bejahe die Nationalsozialisten und fordere allenthalben die Anerkennung der traditionellen Farben Schwarz-
Gießener Gtaöttheaier.
Gastspiel Uday Lhan-Kar.
Das Gastspiel der Hindu-Tanzgruppe Al d a h Shan-Kar und Simkie mit einem Hindu- Orchester stellte sich als eine sehr sehenswerte, originelle und .fremdartige Unterbrechung und Bereicherung des üblichen Theaterspielplanes dar. Es handelt sich um ein Orchester, dessen Vorführungen auf der Pariser Kolonial-Ausstellung einen besonderen Anziehungspunkt bildeten. Die Gruppe verfügt über mehr als fünfzig original- indische Instrumente. Die Musik für die Tänze ist von Ti mir Baran Bhattacharyya mit Unterstützung von Dishnu Dass Shi - raIi, sämtliche Tänze sind von Alday Shan- Kar arrangiert.
Es ist — da dem durchschnittlichen Mitteleuropäer, auch dem musikalisch gebildeten, gewisse Voraussetzungen zum Verständnis fehlen — kaum möglich, mehr als persönlichste Eindrücke von dieser Musikübung wiederzugeben. Man kann sie von unserem abendländischen Standpunkt wohl überhaupt nicht unbefangen werten: man muß sich vielmehr darauf beschränken, auf die grundsätzlichen und elementaren Unterschiede zwischen dieser indischen und unserer eigenen Musik hinzuweisen.
Die indische Musik ist vor allem viel entschiedener vom Kultischen her zu erklären und an religiöse und mythische Vorstellungen gebunden, ols das bei uns der Fuck ist. Sie gibt, obwohl wie die abendländische unter bestimmten Kompositionsgesetzen stehend, der Individualität des Ausübenden mehr Freiheit und Spielraum. Sie ist in ihrem Klangcharakter tief und grundsätzlich von der unseren verschieden, was sich schon aus dem ganz anders und übrigens außerordentlich variabel zusammengesetzten Jnstrumentalkörper erklärt. Es gibt da die verschiedenartigsten Trommeln und Saiteninstrumente (die noch am ehesten an die einheimischen Gitarren und Mandolinen erinnern), dann Flöten, Hörner, Glocken, Zymbeln, Gongs und viele andere, deren Bau, Namen und Klangfarbe uns vollkommen neu und fremdartig anmuten.
Es ist schwer, irgendwelche Anklänge aufzu- spüren (manchmal fühlt man sich flüchtig an russische und primitiv-afrikanische Lautwirkungen erinnert) — im allgemeinen empfindet man diese
Hindumusik bei aller Variabilität im Einzelnen als verhältnismäßig monoton; charakteristisch erscheint uns ferner das Vorherrschen des rhythmischen Prinzips vor der reinen Melodie, ... vor allem aber der lautmalerische Reichtum dieser Musik, die in viel höherem Maße, als man es bei uns gewohnt ist, beschreibend, darstellend und symbolisch erscheint.
Ihre engen Beziehungen zum Tanz, zur Pantomime und zum Drama sind hieraus unschwer abzuleiten. Außerdem ist die Musik an Tag- und Jahreszeiten streng gebunden (ein uns ziemlich fremder Zug) uni) Ausdruck einer bestimmten und oft sehr scharf umgrenzten seelischen Stimmung und Gemütslage.
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Man hört etwa den „Rag Bhairavi"; Zeit: Morgen: Stimmung: anhaltende freudige Beschwingtheit. Oder „Sindha Bhairaoi"; Rag des Vormittags; Stimmung: weibliche Hingabe. Es ist für den Europäer ungeheuer schwer, ohne ein Wort des Kommentars, sich in diese musikalischen Ausdrucksformen einzufühlen.Ganz religiösen Charakter tragen etwa die Rhythmen des Khol, einer Terrakotta- oder Metall-Trommel. Diese Beispiele mögen als Andeutung genügen.
Was den Tanz angeht, so ist er viel unmittelbarer als die reine Musik unserem Empfinden und Verständnis angenähert, weil er an sich schon über eine entschiedene und gewissermaßen „selbstverständliche" Ausdruckskraft verfügt, die durch pantomimische Untermalung, durch die scharfe Rhythmik der Bewegungsformen und endlich durch den Zusammenklang von Bewegung, Tonfolge und Farbenspiel (der schönen und phantasievoll zusammengestellten Gewänder) noch gesteigert wird.
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UdayShan-Kar.der einen tänzerisch prachtvoll durchgebildeten, aufgelockerten Körper und tüchtige technische Schulung besitzt, begann mit dem „Indra" — „Stimmung: dunkel, majestätisch, voll tiefer Hochachtung" — einem kultischen Tanzbild, das aus der Standbasis entwickelt wird und auch wieder zum ruhenden Ausgangspunkt zurückkehrt. Schon hier war zu bemerken, was für alle oder fast alle Tänze der Hindus bezeichnend ist: das Schwergewicht des Ausdrucks, die oft überraschende Feinheit der Nuancierung liegt, dem pantomimischen Prinzip entsprechend, im Oberkörper, besonders im Spiel von Armen und Händen.
Ein rhythmisch scharf akzentuiertes, farbig bewegtes, stellenweise fast barbarisch anmutendes Bild bot der „Ländliche Tanz" von Shan-Kar und Simkie. — Sehr lieblich in der einfachen Erfindung der „Frühlingstanz" der kleinen, geschmeidigen Simkie; das idyllische Motiv — ein Mädchen verjagt die Nachtigall aus dem Garten, die den Blumensamen aufgepickt hat — wird verblüffend in Bewegung umgesetzt. Zeit: Abend; Stimmung: kindlicher zlergcr, kokettes Schmollen. — Von prachtvoll ausholendem Schwung getragen: der traditionelle, nordindische „Schwerttanz" (Shan-Kar und und Simkie).
Den Abschluß der Vortragsfolge bildete die Auf- sührung des archaischen Tanzdramas „Tandava Nrittya", das, tänzerisch überzeugend gelöst, in seinem Zusammenklang van Bewegung, stummer Handlung, scharfem Rhythmus, einfacher Melodie und leuchtender Farbe auch dem Europäer in seinen Grundelementen — vor allem dem höchst dramatischen Kampf des Gottes Shiva mit dem Elefanten- bämon Gajafur — eingehen mußte. In den Hauptrollen, wenn man es so nennen darf, wirkten neben Shan-Kar und Simkie Debendra und KanakLata. — .
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Die sehr eigenartige und fesselnde Aufführung war gut besucht und fand lebhaften Beifall. hth.
Zeitschriften.
— Di e Haltung der „neuen Generation" ist vom Friedrich Langenfaß, dem Mitherausgeber der „Zeitwende" (Verlag C. H. Deck, München), im Novemberheft gezeichnet. Langenfaß zeigt, daß diese Haltung tiefe Wurzeln im Geistigen hat. Eindringlich macht er aber auch auf die Gefahr aufmerksam, daß diese geistigen Hintergründe durch Tagespolitik und Parteidogma völlig verschüttet werden. Noch freilich ist Rettung möglich: Wenn es nämlich zu einer lebendigen Begegnung der neuen Generation mit der „Mitte der deutschen Geschichte" kommt, mit der Reformation. Nur im Gehorsam gegenüber dem lebendigen Gott kann das Volkstum seine Kräfte wirklich fruchtbar entfalten. Die neue Generation steht also — ob sie sich dessen bewußt ist oder nicht — vor der Gottesfrage. Die Entscheidung fällt auf dem Schlachtfelde der Reformation. Höchst lebendig und eindringlich stellt Langen- fah diese Schicksalsfrage vor uns.
Eine sonderbare Malerrechnung.
Die überaus schnurrige Rechnung, die ein alter Maler ausgestellt hat, wird in den „Schlesischen Monatsheften" veröffentlicht; sie rührt von einem Dekorationsmaler Jaques Caspour her, der im Jahre 1700 eine Klosterkirche renovierte und für seine Arbeiten 78 Livres 10 Sous Brabanter Münze forderte. Der Abt des Klosters hielt aber die Rechnung für zu hoch und forderte daher von dem Maler, daß er alle feine Arbeiten einzeln führen und den entsprechenden Preis angeben solle. Das hat denn auch der wackere Malermeister getan und die folgende Rechnung aufgesetzt, die jetzt in dem Archiv des Klosters aufgefunden wurde: „1. Die zehn Gebote korrigiert und frisch überstrichen = 13 Livres; 2. Pontius Pilatus verschönert und ein neues Band an seine Mütze gesetzt = 4 Livres 17 Sous; 3. dem Hahn von St. Petrus einen neuen Schwanz gemacht und seinen Kamm repariert - 2 Livres 4 Sous; 4. den guten Schächer wieder ans Kreuz befestigt und ihm einen neuen Finger gemacht = 1 Livre 8 Sous; 5. den linken Flügel des Erzengels Gabriel erneuert und vergoldet = 15 Livres 19 Sous; 6. die Magd des Hohenpriesters Caiphas gewaschen und frisches Rot auf ihre Wangen aufgetragen = 6 Livres 13 Sous; 7. den Himmel erneuert, zwei Sterne hinzugesügt, die Sonne frisch vergoldet und den Mond gesäubert = 8 Livres 15 Sous; 8. das Gewand des Herodes überstrichen, zwei seiner Zähne und seine Perücke neu hergestellt = 3 Livres 15 Sous; 9. die Lederhosen des Haman ausgebes- sert und zwei Knöpfe an seine Weste gesetzt = 2 Livres 5 Sous; 10. dem jungen Tobias, welcher mit dem Engel Gabriel reist, ein Paar neue Stiefletten und einen neuen Riemen an seinen Reisesack = 2 Livres 6 Sous: 11. die Ohren von Bileams Esel gesäubert und denselben frisch beschlagen = 4 Livres 7 Sous; 12. einen neuen Stein an Davids Schleuder gemacht, Goliaths Kopf vergrößert und seine Beine weiter zurückgestellt = 3 Livres 3 Sous; 13. ein Paar neue Ohrgehänge für Abrahams Weib Sarah = 4 Livres 1 Sous; 14. dem Eselskinnbacken, womit Simson die Philister erschlägt, neue Zähne eingesetzt = 1 Livre 5 Sous: 15. die Arche Noah frisch geteert und dem Vater Noah ein Paar neue Aermel gemacht = 7 Livres: 16. das Hemde des verlorenen Sohnes ausgebessert, seine Schweine gewaschen und Wasser in ihre Tröge getan — 3 Liv. 4S.: 17. einen neuen Henkel an den Krug der Samariterin gemacht = 1 Livre 5 Sous. In Summa =• 78 Livres 10 Sous."


